Yester und Li, Die Geschichte einer Sehnsucht

Bernhard Kellermann · Kapitel 15 von 27

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Yester und Li, Die Geschichte einer Sehnsucht

Kapitel XIV

 

Eines Nachmittags, gegen sechs Uhr, empfing Ginstermann den Besuch einer

Dame, die er schon irgendwo gesehen hatte.

Sie trug ein Kleid von weißer durchsichtiger Seide mit kleinen rosa Röschen

darauf, einen goldenen Gürtel, einen hellen Hut mit kleinen rosa Röschen, sie

trug einen Schleier.

Ginstermann stand auf und sein Herz pochte, daß er es fühlte.

Er hatte ganz in Gedanken herein gesagt, und nun trat eine Dame ein in

weißem Seidenkleid mit kleinen rosa Röschen darauf, und goldenem Gürtel, eine

Dame, die er kannte. Ihre Haare waren so sonderbar weißblond, wie Stroh, das

lange in der Sonne gelegen hat.

Die Dame stand schweigend an der Türe und hob mit zierlicher

Handbewegung den Schleier. Da erkannte er sie mit den Augen, er hatte seinem

Herzen nicht glauben wollen.

Er stand wie gelähmt. Seine Augen waren ohne Blick, als zerflössen sie.

Die Dame trat auf ihn zu und gab ihm die Hand. Ohne jeden Willen hatte er

ihr die Hand gegeben, ohne Druck.

„Mein Gott, Henri!“ sagte sie bewegt, verwirrt, nahezu wie er selbst.

Sie hatte noch dieselbe Stimme.

Und er entgegnete: „Guten Tag, gnädige Frau.“

Sie lächelte voller Scham, voller Verwirrung und sah sich nach einem Stuhle

um, ihre Erregung zu verbergen.

„Bitte“, sagte Ginstermann und schob ihr seinen Arbeitssessel hin.

Sie nahm Platz, setzte den linken Fuß über den rechten, dann den rechten auf

die Fußspitze des linken und bewegte ihn leicht hin und her. Ihre Hände strichen

über die Lehnenrundung des Sessels, immer auf und ab.

Nach geraumer Zeit sagte sie, ganz leise: „Ich habe dich gesucht, überall

gesucht, aber ich fand dich nirgends. Du warst wie von der Erde verschwunden.“

Er saß ihr gegenüber und lächelte erstarrt. Sie bemerkte es nicht, sie sah zu

Boden, dem Spiel ihres Fußes zu.

„Dann las ich von dir und hörte, du seist Dichter geworden. Ich wußte es ja

damals schon, daß du ein Dichter bist.“

Sie blickte auf, zu ihm hin, voll Vertrauen auf die Wirkung ihrer letzten Worte. Sie war schön, ihre blaßgrauen Augen tief, erfüllt von verborgener Leidenschaft.

Hellbraune Pünktchen schwebten darin wie gefangene Luftbläschen.

„Du wirst mich verurteilen, Henri, ich weiß es. Aber ich versichere dich —

glaube es mir — ich konnte damals nicht anders handeln. Glaube es mir. Ich

erzähle dir einmal alles. Ich hatte Sehnsucht, Sehnsucht, dich wiederzusehen, ich

hatte auch den Mut dazu. Ich bin da, siehst du. Es steht bei dir, ob du meinen

Besuch erwidern willst oder nicht. — Ich wohne in Starnberg. Mein Gatte ist

gestorben, verunglückt bei einer Segelpartie in Nizza —.“

„Nizza“, sagte ein Echo in Ginstermann.

„Ich wohne in Starnberg. — Willst du nichts sprechen? Wie ging es dir denn?“

„Danke, es ging.“

„Vielleicht bin ich dir noch soviel, daß du mich Freundin nennen kannst,

Henri?“

Ginstermann stand auf und sagte, ebenso leise wie sie, ebenso kühl, als sie

herzlich sprach: „Nein, gnädige Frau.“

Die Dame erhob sich und blickte ihn an. Ihre hellgrauen Augen überzog ein

Schleier.

„Glaube es mir, ich konnte damals nicht anders. Mein Gatte — du sollst alles

hören. Ich hatte so große, große Sehnsucht nach dir — — willst du mir nicht die

Hand geben, Henri?“

„Doch, gnädige Frau. Ich danke Ihnen für Ihren Besuch.“

„Willst du mich nicht anders nennen. Hast du meinen Namen vergessen?“

„Ja, gnädige Frau.“

„Adieu, Henri. Ich sage trotzdem Henri zu dir.“

Ginstermann zog ein Schubfach auf und nahm ein Kuvert heraus.

„Ich habe Ihnen dieses Kuvert zurückzugeben, danke.“

Sie sagte: „O“, blickte ihn zusammenzuckend an und nahm das Kuvert.

„Besuche mich doch“, bat sie wieder, „nur einmal, einen Augenblick! Als —

Feind, wenn du willst. Du weißt ja nicht, was die Liebe ist.“

Nein, er wußte nicht, was die Liebe ist.

Sie stand eine Weile, ließ das Kuvert in den Sessel gleiten und wandte sich zur

Türe. Da fiel ihr Blick auf Biankas Büste, wie ein Blitz, so kurz zuckte er

darüber.

Ginstermann nahm abermals das Kuvert und sagte: „Sie haben dies vergessen,

gnädige Frau.“

Sie nahm es, zerknüllte es langsam, dann wandte sie sich nochmals um. Sie

lächelte.

„Vielleicht besuchst du mich doch einmal, Henri?“ sagte sie. Sie wollte ihm

ihre Niederlage nicht eingestehen.

Ihr Antlitz war weiß wie ihr Kleid, und die rosa Röschen darauf schienen röter

zu sein.

Sie ging.

Langsam glitt ihr Schritt die Treppe hinab. —

Ginstermann goß sich ein Glas Wasser ein und trank es auf einen Zug

hinunter. Das Glas stellte er auf einen Stuhl, da es zum Tisch zu weit war.

Er kauerte sich auf die Ottomane und blieb sitzen bis es dunkel wurde.

 

An der Decke entstand ein gelber trüber Fleck, den eine Petroleumlampe aus

dem Küchenfenster gegenüber hereinwarf. Es war furchtbar still. In der Ferne

wurde mit Bestecken geklappert. Ein Wagen rasselte auf der Straße. Dann war es

wieder still, furchtbar still. Der schmutziggelbe Flecken an der Decke

schwankte, glitt zum Fenster hinaus, erschien wieder an einer anderen Stelle.

Ginstermann saß immer noch auf der Ottomane.

Die Stille spannte sich über ihn wie eine Glocke von Glas.

Ein Pfiff schrillte und lief gleich einem Risse über diese Glocke. Schritte

kamen, die Huppe eines Automobils ertönte, und Surren erschütterte die Luft.

Fräulein von Sacken rief draußen über das Geländer, und eine Menge

schwatzender, lachender Damen trampelte die Treppe herauf.

Ginstermann stand auf und machte Licht.

Nun war es überwunden.

Er zog das unterste Fach seiner Kommode auf und kramte darin. Bündel von

Zeitschriften Manuskripten, Briefen warf er auf den Boden. Ein Päckchen Briefe

in dunkelroten Enveloppen trug er an den Tisch. Sie waren abgenutzt vom vielen

Herumtragen und die Schrift verwischt vom Regen.

Diese Briefe las einer vor Jahren jeden Morgen und jeden Abend. Diese Briefe

waren einst für einen das, was Gebete für Leute sind, die die Verzweiflung

beschwören.

Er nahm den obersten und hielt ihn über die Lampe. Das Papier begann zu

kohlen, zu knistern, eine kleine blaue Flamme sprang von oben herab und fraß

sich am Rande wie eine feurige Schlange entlang. Das Kuvert bog sich auf und

der glühende Saum kroch auf die Anrede: mon petit coeur zu, verschlang sie,

und gleichsam als ihr Gespenst tauchten die Worte in bronzegrüner Tinte auf der

dunklen Asche auf.

Er warf den Brief in den Ofen und die anderen dazu. Verbaffende

Rauchwolken quollen aus den Fugen, die Flamme brauste auf und nun bog sich

ein Stück Pappe in der Glut hin und her. Das Bildnis einer Frau tauchte einen

Moment auf, neigte sich vor und zurück wie in entsetzlicher Qual und stürzte

endlich als weiße Asche in das Häufchen Glut, das aussah wie ein klippiges, winziges Gebirge, das in der Sonne glüht.

Ginstermann stand, den roten Widerschein der Glut in den Augen, und

lächelte.

Nun war es überwunden.

Er holte jene Päcke Manuskripte und Zeitschriften herbei und warf sie in die

verglimmende Asche. Ein Fanatismus, alles zu zerstören, was ihn an seine

früheren Jahre erinnerte, erfaßte ihn.

Hier und da warf er einen Blick in die Blätter. Es waren die Aufzeichnungen

eines verbitterten, höhnischen Menschen, dessen Seele ein Erlebnis zerstört

hatte. Ungeheure Zynismen, Verwünschungen, Flüche.

Da war auch ein Kapitel über das Weib darunter. Ginstermann lachte, als er es

überflog, er las es nicht zu Ende.

Der wüste Lärm von Kneipen, das Lachen eines Wahnsinnigen, der Geruch

von Branntwein, das Gekreische von Dirnen stieg aus diesen Blättern.

Er las all das nicht ohne jenen Schrecken, den einer empfindet, der einer

Gefahr entronnen ist, in der er ohne sein Wissen schwebte.

Sein Blick fiel auf ein Blatt, das die Überschrift trug: Der letzte Stern.

Es war eine eigentümliche Geschichte. Sie lautete:

Eines Morgens fanden die Leute bei ihrem Erwachen die ganze Erde mit

Sternen bedeckt. Alle Sterne waren des Nachts vom Himmel gefallen. Sie

erschraken gewaltig und blickten bleich und höhnisch zu gleicher Zeit auf die

Propheten, die sie gelehrt hatten, die Sterne anzubeten. Haha! schrien sie, die

Sterne sind heruntergekommen diese Nacht!

Einige Vorwitzige hatten sich aufs Feld gemacht und sich den Sternen

genähert. Kommt! schrien sie, kommt! Und sie wälzten sich vor Lachen.

O, ihr Lügner von Propheten, ihr Diebe von Propheten, so seht doch, seht

doch — hahaha! Das also sind eure heiligen Sterne, das!

Und sie spien den Propheten ins Gesicht.

Das nämlich hatte sich herausgestellt: Die Sterne waren Pappe, bronzierte

Pappe, nichts als bronzierte Pappe.

Hahaha, ihr Hunde! Seht ihr, Pappe, bronzierte Pappe!

Den ganzen Tag zeterten und höhnten sie. Die Sterne schlugen sie in Fetzen,

dieselben Sterne, vor denen sie früher die Stirnen beugten.

Die Propheten standen gesenkten Hauptes, das Gesicht trauernd und grübelnd

in die langen Bärte gedrückt. Gegen Abend begannen sie, den andern bei der

Zerstörung der Sterne zu helfen, dieser Sterne aus bronzierter Pappe.

Bis auf einen, einen alten, ganz alten mit schneeweißen Haaren. Der stand wie

aus Stein.

Es wurde Nacht. Da geriet der Greis in Verzückung und deutete gen Osten. „Seht!“ rief er, „seht!“

Alle sahen hin. Es war ein Wunder. Dort oben blinkte ein Stern, ein winziger

Stern mit grünem Lichte.

Hoho, schrien sie, hoho?

„Seht! Seht!“

Sie aber schüttelten die Köpfe und lachten. „O, du eisgrauer Narr“, höhnten

sie, „du hast den Verstand eines neugeborenen Kalbes! Begreifst du — ha! Alle

Sterne waren nichts als bronzierte Pappe, so wird auch dieser bronzierte Pappe

sein!“

„Weshalb fiel er nicht? Seht ihr nicht, wie er leuchtet und sprüht! Der ist aus

reinstem Golde!“

„Alle Sterne — siehst du nicht — Narr! Bronzierte Pappe! — O, Narr, uns

betrügst du kein zweites Mal!“

„Weshalb aber fiel er nicht?“ Und der Greis deutete mit erhabenem Triumphe

zu dem letzten Stern empor.

Da gab es einige wenige, die zu lachen aufhörten — — —

Dieses Blatt wanderte nicht in die Flammen.

Die Papiere hatten eine starke Hitze verursacht. Ein dichter Qualm zog die

Decke entlang und wirbelte lustig zum Fenster hinaus. Er hatte alle Mücken, die

an der Decke gesessen, in Aufregung versetzt, und sie summten wie verrückt

umher.

Ginstermann saß und blickte in die Glut. Er lächelte. Seine Irrjahre waren

vorbei, da drinnen sanken sie in Asche. Nichts verband ihn mehr mit ihnen. Er

fühlte, daß sich seine Seele erneuert hatte.

Lange saß er bis alles kalt und tot war da drinnen. — —

Wenn aber die Vergangenheit vergangen ist, Bianka? flüsterte er . . .