Yester und Li, Die Geschichte einer Sehnsucht
Kapitel VII
Das waren schlimme Tage.
Und mehr noch schlimme Nächte.
Des Tags wurde Ginstermann von einer unsinnigen Sehnsucht, Fräulein
Schuhmacher zu treffen, in den Straßen herumgetrieben, des Nachts marterte er
sein Gehirn mit Plänen, wie dies herbeizuführen sei.
Jeden Morgen harrte er voller Ungeduld auf den Schritt des Postboten auf der
Treppe. Meistens ging er an seiner Türe vorbei, pochte er aber, so eilte er,
schwindlig vor Erregung, um zu öffnen. Allein es war stets eine nichtssagende
Mitteilung von seinem Verleger, seinem Agenten, eine Offerte, ein Mahnbrief,
ein Zeitungsausschnitt.
Sobald es recht Tag war, verließ er das Haus, um auf die Suche zu gehen. Er
spähte in alle frequentierten Geschäfte, er ließ keine Droschke vorbei, ohne sich
die Insassen anzusehen. Er bestieg eine Straßenbahn und fuhr kreuz und quer in
der Stadt herum, eifrig die Trottoire absuchend.
Manchmal, in der Meinung, sie entdeckt zu haben, verfolgte er eine Dame, die
in Gestalt und Gang etwas Ähnliches mit ihr hatte. Nach kurzer Zeit bemerkte er
jedoch immer, daß ihn irgend eine Nebensächlichkeit genarrt hatte. Bald war es
die Fasson des Hutes, die Farbe des Gürtels, die Art den Schirm zu tragen, das
Kleid aufzuraffen, bald war es die Form der Hand, des Ohres, des Kinnes. Dann
stand er still, keuchend vom Lauf, zornig und betrübt darüber, daß er so gar kein
Glück hatte, um bald darauf in die nächste Straße zu verschwinden, von einer
Ahnung, sie hier zu treffen, angetrieben.
Stundenlang belagerte er in möglichst unauffälliger Weise die Villa in der
Leopoldstraße. Er studierte die Plakatsäule, bis er alle Annoncen auswendig
wußte, das eine Auge stets auf das dunkle Portal und auf das Eckzimmer im
ersten Stock gerichtet. Darin hatte er es bis zu einer gewissen Genialität
gebracht. Er kannte bereits den Bäcker, der das Brot brachte, den Fleischer, der
das Fleisch brachte, das Dienstmädchen, die Köchin und einen alten Mann, der
täglich Punkt 1 Uhr eintrat, um das Haus nach einer knappen halben Stunde
wieder zu verlassen.
Er begriff nicht, was mit ihr sein könne. Daß sie vollständig genesen war,
schloß er daraus, daß jeden Abend bis zwölf, ja bis ein Uhr Licht in ihrem Zimmer brannte.
Verreist konnte sie also auch nicht gut sein, oder kam ihr Geist jeden Abend
und zündete sich die Lampe an, Romane zu lesen, wie?
Zudem sah er dann und wann auch ihren Schatten auftauchen und
verschwinden. Einmal sah er sogar ihre Hand, das war ein Ereignis.
Wenn man gegenüber auf die Staffel trat und sich auf die Fußspitzen stellte, so
konnte man den Lüster aus Orchideenblüten wahrnehmen, deren Kelche das
Licht ausströmten. Und weit hinten etwas Blinkendes, wie der Arm einer
Statuette.
Als Knabe hatte er sich einmal mit der Erfindung eines Spiegels beschäftigt,
mit Hülfe dessen man um die Ecke sehen könnte. An diesen Spiegel mußte er
immer denken. Er hätte ihn auch benützt, ein einziges Mal wenigstens. Auch mit
dem Telemikrophon ohne Draht wäre etwas zu machen gewesen.
Seinen Ahnungen schenkte er schon lange keinen Glauben mehr.
Nichtsdestoweniger war er doch enttäuscht, sie nicht auftauchen zu sehen, wenn
ihm seine Gedanken eingeflüstert hatten, du wirst sie am Siegestor treffen.
Oftmals dacht er: Zähle bis tausend, und sie tritt aus der Türe. Er zählte, bei
neunhundert erfaßte es ihn wie ein Schwindel, bei tausend öffnete sich auch die
Türe, aber es war nur eine Täuschung seiner erregten Sinne.
Spät in der Nacht kehrte er stets erst zurück, todmüde vom Wandern, Warten
und Zermartern, mit einer Sehnsucht, die wie Wogen gegen die Wände seiner
Brust schlug.
Er warf sich aufs Bett, aber der Schlaf schien ihn vergessen zu haben. Es war,
als ob sein Gehirn all die nichtigen Eindrücke des Tages aufgespeichert habe.
Wie in einem Kaleidoskop zuckten Bilder vor ihm auf, um wie auf ein
unmerkliches Rütteln zu versinken und andere entstehen zu lassen. Leute
grüßten, Posten präsentierten, Menschen liefen zusammen, ein Zug elektrischer
Wagen staute sich. Hier entkam eine Frau mit knapper Not einer sausenden
Kutsche, dort fuhren zwei junge Mädchen auf blitzenden Bicycles
hintereinander, Gesichter gingen an ihm vorüber, bald unnatürlich groß und nah,
als wollten sie durch ihn hindurchgehen, bald klein, scharf, wie durch ein
Verkleinerungsglas gesehen. Der ganze wirre Lärm der Straße war in ihm,
Pfeifen, Schreien, Worte, Gelächter kam zu seinen Ohren wieder heraus. Hier
sagte jemand: Ei der Tausend — ah, recht sehr! Hier fiel ein Stock klappernd
aufs Pflaster.
Nachdem diese infolge des plötzlichen Abgeschlossenseins von der
Außenwelt hervorgerufene Reaktion seiner Sinne nachgelassen, trat sie in seine
Gedanken. In Hunderten von Situationen. Sie ging an der Seite des
schmalbrüstigen Herrn über die Straße, sie saß in einem Wagen und verneigte sich grüßend, sie stand am Fenster und warf Apfelsinenschalen in den Vorgarten,
sie betrat die Loge im Theater, sie saß bei der Lampe über eine Mappe gebeugt.
Endlich war er soweit, seinen Gedanken eine bestimmte Richtung geben zu
können. Er dachte an den kommenden Tag, er dachte an die kommenden Tage.
Er entwarf tausend Bilder des plötzlichen Wiedersehens. Er schmiedete tausend
Pläne.
Denn, so sagte er sich, wenn es nicht so gehe, so wolle er List anwenden.
Er hielt sich für einen geriebenen Burschen, der sich in den Himmel
einschlich, wenn es ihm darum zu tun wäre. Es waren verwegene, verblüffende
Pläne, wie sie im Gehirn eines Einbrechers und Intriganten entstehen. Oft brach
er in lautes Lachen aus, so burlesk, so genial erschienen sie ihm.
Besonders gelungene arbeitete er bis ins kleinste Detail aus, und häufig brach
er in der Mitte ab, um von vorn zu beginnen, da ihm seine Vorstellungen immer
noch lückenhaft erschienen.
Seht ihr dieses alte Männchen die Ludwigsstraße hinabtrippeln? Jedermann
wettet, es ist ein kleiner Rentner, ein pensionierter Galerieaufseher. Seht wie
behutsam er die Straße überschreitet, wie er seine Kinnbacken bewegt, wie er
mit dem Rohrstock nach Papierknäueln stochert. Seht seinen weißen Bart, sein
kluges, pfiffiges Gesicht, ein Studienkopf, der einer jungen Malerin recht in die
Augen stechen kann. Ha, Schauspieler Ling ist ein Meister in der Maske, alle
Kritiker sagen das. Achtung! ein Tandem schnurrt hinter dir her . . .
Was ist hier geschehen? Die Brücke ist vollgepfropft von Menschen und
Wagen, daß sie sich biegt. Da drunten — seht, dort! Weshalb jammert dieses
Weib so und liegt auf den Knien?
Platz da — Platz gemacht! Ein Körper durchschneidet die Luft, über ihm
schlägt das Wasser zusammen. Es ist eine Turmlänge bis da hinunter. Dort, dort!
Seht! — Hoch! Hoch! Das Wasser läuft nur so herunter an ihm, er hat den
ganzen Fluß in den Kleidern. Ach, keinen Dank, Frau, machen Sie doch keine
Geschichten. Der Schlag eines Wagens öffnet sich: Herr Ginstermann darf ich
Ihnen den Wagen anbieten? . . .
Man müßte den alten Herrn, ihren Vater, im Kaffeehaus zu treffen suchen, mit
ihm über Politik und Münzensammlungen, über den unentdeckten Vulkan in
Hinterindien, über sonst etwas sprechen. Irgendwo ist ein alter Herr stets zu
packen . . .
Vergessen wir unsern kleinen Rentner nicht. Nun klingelt er. Ein
Dienstmädchen. „Das gnädige Fräulein besaßen die große Liebenswürdigkeit,
mich zu bestellen.“ Ein Kleid rauscht. Eine schlanke, blasse Dame. Das
Männlein blinzelt, schüttelt den Kopf.
„Nein — nein — ich muß irr gegangen sein. Ich möchte eine Dame namens Won — Wonderneß sprechen.“
„Ich bedaure.“
„Leopoldstraße 12?“
„Allerdings.“
„Diese Dame ist Malerin, sie bestellte mich bis drei Uhr, Leopoldstraße 12.“
„Ich kenne niemanden dieses Namens. Aber fragen Sie mal nebenan nach, bei
Major von Hörmann. Es ist da eine Dame zu Besuch —“
„Zu Besuch — richtig, zu Besuch! Ich danke vielmals, ich bitte um
Entschuldigung. Ein alter Mann —.“ Das Männlein macht einen Kratzfuß und
steigt vorsichtig die Treppe hinunter.
„Bei Major von Hörmann, gleich nebenan.“
„O, ich danke, vielen Dank, Euer Gnaden“ . . .
Wo brennt es? Es brennt noch nicht, Herr Schutzmann, aus dem Keller schlägt
Rauch. Wenn man schnell alarmiert. — Ja, wo denn? Leopoldstraße, diese
moderne Villa . . . Sein Gehirn arbeitete mit der Schnelligkeit eines Motors, über
den der Maschinist die Herrschaft verloren. Er versuchte alles nur Denkbare, um
einschlafen zu können. Während sein Körper wie tot lag, befand sich sein Gehirn
in hellster Aufregung. Er zählte bis hundert und zurück, er lauschte auf das
Ticktack seiner Taschenuhr, er dachte: Sommer, du liegst im Gras, Hitze
schwingt, Bienen brummeln; alles war umsonst.
Bald kletterte er auf eine Pappel, um sie zu sehen, bald zechte er mit dem
alten Mann, der täglich um ein Uhr die Villa betrat, um etwas aus ihm
herauszulocken, bald schlug er eine tollwütende Dogge zu Boden, die sich auf
den schlanken hübschen Herrn mit seinem Kindergesicht stürzen wollte.
Gegen Morgen erst versank er in einen schweren, traumlosen Schlaf, und er
wußte sich nie zu besinnen, bei welcher Gelegenheit er eingeschlafen war.
Er erwachte meist mit dem jähen Schrecken, er höre ihre Stimme unten in
Kapellis Ateliers.
So vergingen einige Wochen.