Yester und Li, Die Geschichte einer Sehnsucht

Bernhard Kellermann · Kapitel 8 von 27

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Yester und Li, Die Geschichte einer Sehnsucht

Kapitel VII

 

 

Das waren schlimme Tage.

Und mehr noch schlimme Nächte.

Des Tags wurde Ginstermann von einer unsinnigen Sehnsucht, Fräulein

Schuhmacher zu treffen, in den Straßen herumgetrieben, des Nachts marterte er

sein Gehirn mit Plänen, wie dies herbeizuführen sei.

Jeden Morgen harrte er voller Ungeduld auf den Schritt des Postboten auf der

Treppe. Meistens ging er an seiner Türe vorbei, pochte er aber, so eilte er,

schwindlig vor Erregung, um zu öffnen. Allein es war stets eine nichtssagende

Mitteilung von seinem Verleger, seinem Agenten, eine Offerte, ein Mahnbrief,

ein Zeitungsausschnitt.

Sobald es recht Tag war, verließ er das Haus, um auf die Suche zu gehen. Er

spähte in alle frequentierten Geschäfte, er ließ keine Droschke vorbei, ohne sich

die Insassen anzusehen. Er bestieg eine Straßenbahn und fuhr kreuz und quer in

der Stadt herum, eifrig die Trottoire absuchend.

Manchmal, in der Meinung, sie entdeckt zu haben, verfolgte er eine Dame, die

in Gestalt und Gang etwas Ähnliches mit ihr hatte. Nach kurzer Zeit bemerkte er

jedoch immer, daß ihn irgend eine Nebensächlichkeit genarrt hatte. Bald war es

die Fasson des Hutes, die Farbe des Gürtels, die Art den Schirm zu tragen, das

Kleid aufzuraffen, bald war es die Form der Hand, des Ohres, des Kinnes. Dann

stand er still, keuchend vom Lauf, zornig und betrübt darüber, daß er so gar kein

Glück hatte, um bald darauf in die nächste Straße zu verschwinden, von einer

Ahnung, sie hier zu treffen, angetrieben.

Stundenlang belagerte er in möglichst unauffälliger Weise die Villa in der

Leopoldstraße. Er studierte die Plakatsäule, bis er alle Annoncen auswendig

wußte, das eine Auge stets auf das dunkle Portal und auf das Eckzimmer im

ersten Stock gerichtet. Darin hatte er es bis zu einer gewissen Genialität

gebracht. Er kannte bereits den Bäcker, der das Brot brachte, den Fleischer, der

das Fleisch brachte, das Dienstmädchen, die Köchin und einen alten Mann, der

täglich Punkt 1 Uhr eintrat, um das Haus nach einer knappen halben Stunde

wieder zu verlassen.

Er begriff nicht, was mit ihr sein könne. Daß sie vollständig genesen war,

schloß er daraus, daß jeden Abend bis zwölf, ja bis ein Uhr Licht in ihrem Zimmer brannte.

Verreist konnte sie also auch nicht gut sein, oder kam ihr Geist jeden Abend

und zündete sich die Lampe an, Romane zu lesen, wie?

Zudem sah er dann und wann auch ihren Schatten auftauchen und

verschwinden. Einmal sah er sogar ihre Hand, das war ein Ereignis.

Wenn man gegenüber auf die Staffel trat und sich auf die Fußspitzen stellte, so

konnte man den Lüster aus Orchideenblüten wahrnehmen, deren Kelche das

Licht ausströmten. Und weit hinten etwas Blinkendes, wie der Arm einer

Statuette.

Als Knabe hatte er sich einmal mit der Erfindung eines Spiegels beschäftigt,

mit Hülfe dessen man um die Ecke sehen könnte. An diesen Spiegel mußte er

immer denken. Er hätte ihn auch benützt, ein einziges Mal wenigstens. Auch mit

dem Telemikrophon ohne Draht wäre etwas zu machen gewesen.

Seinen Ahnungen schenkte er schon lange keinen Glauben mehr.

Nichtsdestoweniger war er doch enttäuscht, sie nicht auftauchen zu sehen, wenn

ihm seine Gedanken eingeflüstert hatten, du wirst sie am Siegestor treffen.

Oftmals dacht er: Zähle bis tausend, und sie tritt aus der Türe. Er zählte, bei

neunhundert erfaßte es ihn wie ein Schwindel, bei tausend öffnete sich auch die

Türe, aber es war nur eine Täuschung seiner erregten Sinne.

Spät in der Nacht kehrte er stets erst zurück, todmüde vom Wandern, Warten

und Zermartern, mit einer Sehnsucht, die wie Wogen gegen die Wände seiner

Brust schlug.

Er warf sich aufs Bett, aber der Schlaf schien ihn vergessen zu haben. Es war,

als ob sein Gehirn all die nichtigen Eindrücke des Tages aufgespeichert habe.

Wie in einem Kaleidoskop zuckten Bilder vor ihm auf, um wie auf ein

unmerkliches Rütteln zu versinken und andere entstehen zu lassen. Leute

grüßten, Posten präsentierten, Menschen liefen zusammen, ein Zug elektrischer

Wagen staute sich. Hier entkam eine Frau mit knapper Not einer sausenden

Kutsche, dort fuhren zwei junge Mädchen auf blitzenden Bicycles

hintereinander, Gesichter gingen an ihm vorüber, bald unnatürlich groß und nah,

als wollten sie durch ihn hindurchgehen, bald klein, scharf, wie durch ein

Verkleinerungsglas gesehen. Der ganze wirre Lärm der Straße war in ihm,

Pfeifen, Schreien, Worte, Gelächter kam zu seinen Ohren wieder heraus. Hier

sagte jemand: Ei der Tausend — ah, recht sehr! Hier fiel ein Stock klappernd

aufs Pflaster.

Nachdem diese infolge des plötzlichen Abgeschlossenseins von der

Außenwelt hervorgerufene Reaktion seiner Sinne nachgelassen, trat sie in seine

Gedanken. In Hunderten von Situationen. Sie ging an der Seite des

schmalbrüstigen Herrn über die Straße, sie saß in einem Wagen und verneigte sich grüßend, sie stand am Fenster und warf Apfelsinenschalen in den Vorgarten,

sie betrat die Loge im Theater, sie saß bei der Lampe über eine Mappe gebeugt.

Endlich war er soweit, seinen Gedanken eine bestimmte Richtung geben zu

können. Er dachte an den kommenden Tag, er dachte an die kommenden Tage.

Er entwarf tausend Bilder des plötzlichen Wiedersehens. Er schmiedete tausend

Pläne.

Denn, so sagte er sich, wenn es nicht so gehe, so wolle er List anwenden.

Er hielt sich für einen geriebenen Burschen, der sich in den Himmel

einschlich, wenn es ihm darum zu tun wäre. Es waren verwegene, verblüffende

Pläne, wie sie im Gehirn eines Einbrechers und Intriganten entstehen. Oft brach

er in lautes Lachen aus, so burlesk, so genial erschienen sie ihm.

Besonders gelungene arbeitete er bis ins kleinste Detail aus, und häufig brach

er in der Mitte ab, um von vorn zu beginnen, da ihm seine Vorstellungen immer

noch lückenhaft erschienen.

Seht ihr dieses alte Männchen die Ludwigsstraße hinabtrippeln? Jedermann

wettet, es ist ein kleiner Rentner, ein pensionierter Galerieaufseher. Seht wie

behutsam er die Straße überschreitet, wie er seine Kinnbacken bewegt, wie er

mit dem Rohrstock nach Papierknäueln stochert. Seht seinen weißen Bart, sein

kluges, pfiffiges Gesicht, ein Studienkopf, der einer jungen Malerin recht in die

Augen stechen kann. Ha, Schauspieler Ling ist ein Meister in der Maske, alle

Kritiker sagen das. Achtung! ein Tandem schnurrt hinter dir her . . .

Was ist hier geschehen? Die Brücke ist vollgepfropft von Menschen und

Wagen, daß sie sich biegt. Da drunten — seht, dort! Weshalb jammert dieses

Weib so und liegt auf den Knien?

Platz da — Platz gemacht! Ein Körper durchschneidet die Luft, über ihm

schlägt das Wasser zusammen. Es ist eine Turmlänge bis da hinunter. Dort, dort!

Seht! — Hoch! Hoch! Das Wasser läuft nur so herunter an ihm, er hat den

ganzen Fluß in den Kleidern. Ach, keinen Dank, Frau, machen Sie doch keine

Geschichten. Der Schlag eines Wagens öffnet sich: Herr Ginstermann darf ich

Ihnen den Wagen anbieten? . . .

Man müßte den alten Herrn, ihren Vater, im Kaffeehaus zu treffen suchen, mit

ihm über Politik und Münzensammlungen, über den unentdeckten Vulkan in

Hinterindien, über sonst etwas sprechen. Irgendwo ist ein alter Herr stets zu

packen . . .

Vergessen wir unsern kleinen Rentner nicht. Nun klingelt er. Ein

Dienstmädchen. „Das gnädige Fräulein besaßen die große Liebenswürdigkeit,

mich zu bestellen.“ Ein Kleid rauscht. Eine schlanke, blasse Dame. Das

Männlein blinzelt, schüttelt den Kopf.

„Nein — nein — ich muß irr gegangen sein. Ich möchte eine Dame namens Won — Wonderneß sprechen.“

„Ich bedaure.“

„Leopoldstraße 12?“

„Allerdings.“

„Diese Dame ist Malerin, sie bestellte mich bis drei Uhr, Leopoldstraße 12.“

„Ich kenne niemanden dieses Namens. Aber fragen Sie mal nebenan nach, bei

Major von Hörmann. Es ist da eine Dame zu Besuch —“

„Zu Besuch — richtig, zu Besuch! Ich danke vielmals, ich bitte um

Entschuldigung. Ein alter Mann —.“ Das Männlein macht einen Kratzfuß und

steigt vorsichtig die Treppe hinunter.

„Bei Major von Hörmann, gleich nebenan.“

„O, ich danke, vielen Dank, Euer Gnaden“ . . .

Wo brennt es? Es brennt noch nicht, Herr Schutzmann, aus dem Keller schlägt

Rauch. Wenn man schnell alarmiert. — Ja, wo denn? Leopoldstraße, diese

moderne Villa . . . Sein Gehirn arbeitete mit der Schnelligkeit eines Motors, über

den der Maschinist die Herrschaft verloren. Er versuchte alles nur Denkbare, um

einschlafen zu können. Während sein Körper wie tot lag, befand sich sein Gehirn

in hellster Aufregung. Er zählte bis hundert und zurück, er lauschte auf das

Ticktack seiner Taschenuhr, er dachte: Sommer, du liegst im Gras, Hitze

schwingt, Bienen brummeln; alles war umsonst.

Bald kletterte er auf eine Pappel, um sie zu sehen, bald zechte er mit dem

alten Mann, der täglich um ein Uhr die Villa betrat, um etwas aus ihm

herauszulocken, bald schlug er eine tollwütende Dogge zu Boden, die sich auf

den schlanken hübschen Herrn mit seinem Kindergesicht stürzen wollte.

Gegen Morgen erst versank er in einen schweren, traumlosen Schlaf, und er

wußte sich nie zu besinnen, bei welcher Gelegenheit er eingeschlafen war.

Er erwachte meist mit dem jähen Schrecken, er höre ihre Stimme unten in

Kapellis Ateliers.

So vergingen einige Wochen.