Yester und Li, Die Geschichte einer Sehnsucht

Bernhard Kellermann · Kapitel 23 von 27

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Yester und Li, Die Geschichte einer Sehnsucht

Kapitel XXII

 

Wie war es doch gewesen?

Gestern hatte er bei Kapelli vorgesprochen, um ihm das Gedicht vorzulesen,

das am Feste der Taufe gesungen werden sollte. Sie hatten probiert und probiert,

und Kapelli auf seiner Laute nach einer Melodie gesucht, während Frau Trud

sich schüttelte vor Lachen.

Da ging die Türe auf, ohne daß es zuvor gepocht hätte, und die Malerin von

Sacken trat ein.

„Verzeihung“, sagte sie, „ich habe gar nicht geklopft,“ und lachte.

Kapelli erklärte ihr, daß das längst aus der Mode sei.

Sie schüttelte Frau Trud, Kapelli und ihm die Hand und lachte. Dann blieb sie

stehen und atmete tief auf, auf ihren Wangen brannten rote Flecken:

„Ich komme eben vom Sekretariat, Kinder!“

„— mit Kri — kra — kri — kra — krallen, mit Krallen an den Fingern,“

summte Kapelli und klimperte in den Saiten.

„Vom Sekretariat?“

„Ja!“ Sie setzte sich, stand wieder auf. „Vom Sekretariat — soeben bin ich

gerufen worden — — mein Bild ist von der Staatsgalerie angekauft!“

Alle schüttelten ihr die Hände, teilnehmend an ihrer Freude, froh, sie endlich

glücklich zu sehen.

„Ich gri — gra — gratuliere!“ sang Kapelli mit hellem Tenor.

Da veränderte Fräulein von Sacken plötzlich ihr Wesen und blickte sie mit

triumphierenden Augen an. „Nun noch das!“ rief sie. „Erst die Rezensionen und

nun noch das! O, was wird sich diese feige Gesellschaft schämen, diese

nichtswürdige, erbärmliche Gesellschaft, was wird sie sich schämen!“

Damit war sie zur Türe hinaus, ohne jeden Gruß.

Die drei sahen einander an, eines verblüffter wie das andere, bis schließlich

Kapelli in lautes Lachen ausbrach.

Und nun heute?

Er kam spät nach Hause und fand das ganze Haus in Aufregung. Kapelli stand

unter der Türe und winkte ihn herein.

„Kommen Sie schnell!“ rief er. Er war erregt wie noch nie.

Da war das Atelier finster, und da saß Frau Trud am Tisch und schluchzte.

Als er eintrat, stand sie auf und schluchzte lauter.

Kapelli umschlang sie und drückte sie sanft auf das Sofa zurück.

„Wein nur, wein nur Trud,“ sagte er, selbst dem Weinen nahe.

Ja, was denn nur sei?

Kapelli ging in eine Ecke, wie um etwas zu suchen.

„Nun ja — die Sacken —“

Das war es, die Malerin hatte sich erschossen . . .

„Warum nur? Warum nur?“ stieß Frau Trud heraus. „Gerade jetzt —!“

Ginstermann wußte es.

Ganz plötzlich war ihm die Erleuchtung gekommen. Er wußte alles, die ganze

Tragödie des armen Weibes lag vor seinen Blicken enthüllt.

Er ging hinunter zu Ritt und pochte. Keine Antwort. Er rüttelte an der Türe.

Dann begab er sich hinaus in den Hof und klopfte energisch gegen die

Scheiben. Nichts regte sich.

„Schuft!“ rief er. Er schlug die Scheibe ein und rief hinein in das finstere

Atelier.

„Ah, öffnen Sie nur, Sie Wicht!“

Seine Stimme hallte wieder. Er fühlte, daß niemand im Zimmer war.

Er ging wieder an die Türe zurück und entzündete ein Streichholz.

„Verreist.“

„Der Schuft ist durch, der Schuft ist durch!“ —

Am anderen Tage, in aller Frühe, vernahm Ginstermann vom Korridor herein

die Stimme eines alten Herrn, eine schnarrende, unangenehme Stimme, aus der

er aber doch die Stimme der Toten heraushörte. Es war ihr Vater.

Schritte kamen und gingen. Ein Wagen fuhr in den Hof. An allen Fenstern

erschienen gefühllos-neugierige Gesichter. Ginstermann zog die Vorhänge

zusammen und wandte den Fenstern den Rücken zu.

Schwere Schritte stampften die Treppe hinab, gedämpfte Rufe wurden hörbar.

„Heben Sie höher!“ befahl die schnarrende, unangenehme Stimme.

Ginstermann öffnete die Türe. Ein dunkler großer Sarg schwankte auf den

Schultern schwarzgekleideter Männer um die Biegung der Treppe.

Er erschien ihm wie einer, der sich im Starrkrampf befindet und winken

möchte und nicht kann.

„Da drinnen liegt ein Mensch!“ sagte er und begab sich zurück in sein

Zimmer.

Er zog ein Schubfach auf und zählte seine Barschaft. Es waren knapp zwanzig

Mark. Das Geld nahm er und bestellte einen Kranz dafür. Einen Kranz aus

blutroten Rosen. Er wollte auch am Grabe der Sacken sprechen, er!

Am Abend pochte es, und ein kleiner, stämmiger Herr mit weißem Schnauzbart, kurzen Haaren und rotem Gesicht trat in sein Zimmer.

„Major von Sacken“, sagte er, sich kühl verbeugend.

Ginstermann lud ihn ein, Platz zu nehmen, und erkundigte sich nach seinen

Wünschen.

„Ich möchte Sie fragen, mein Herr, ob Sie meiner Tochter irgendwie näher

standen?“

Nein, er sei ihr nicht näher gestanden.

„So? Ha, das ist sonderbar, mein Herr!“ Er warf ein Päckchen Briefe auf den

Tisch und blickte Ginstermann höhnisch an.

Ginstermann ließ sich dadurch nicht beirren. Er öffnete einen Brief, der seine

Adresse trug. Der Brief enthielt nur wenige Zeilen. Die Bitte, diese Briefe zu

verbrennen, da sie es nicht vermocht habe. Und dann noch etwas.

Und dann noch etwas . . .

Der Major starrte auf den Boden, vor sich hinblasend, als wolle er eine kleine

Windmühle in Gang halten.

Ginstermann legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte, ihn

durchdringend anblickend:

„Sie haben ein Verbrechen begangen, Herr Major!“

Der alte Herr stand auf und maß ihn.

„Wie können Sie es wagen —!“

Ginstermann wiederholte, seinen Blick erwidernd: „Sie haben ein Verbrechen

begangen, Herr!“

Der alte Herr wurde dunkelrot im Gesicht und hob die Faust empor, seine

Augen waren stahlgrau.

Ginstermann wich nicht vom Fleck, er sagte im gleichen Tone wie vorhin:

„Sie haben ein Verbrechen begangen, Herr!“

Da brach der Alte zusammen, wie durch einen Hieb. Er sank in den Stuhl und

krallte die Finger in seinen Kopf.

„Wer konnte es denn wissen!“ schrie er.

Dann stand er auf und räusperte sich.

„Was wollen Sie — mit Ihrem Verbrechen — das ist ja heller Unsinn. Nein,

sage ich, nein, Sie kennen die Verhältnisse nicht. Meine Tochter mag Ihnen

geschrieben haben, was sie will! Gut. Mein Herr, meine Tochter achtete Sie, sie

schrieb Ihnen ja noch zuletzt. Gut. Ich möchte nicht, daß wir als Feinde

scheiden. Meine Tochter achtete Sie — gut — adieu, mein Herr!“

Er streckte Ginstermann die Hand hin.

Aber Ginstermann blickte ihn abweisend an, ohne seine Hand zu nehmen.

Da wurde der Alte kreidebleich. Er stand lange Zeit, dann wandte er sich der

Türe zu und stolperte über die Schwelle. Schon draußen, blickte er nochmals um, noch ebenso blaß wie zuvor.

„Adieu, mein Herr“, sagte er mit gebrochener, weicher Stimme.