Yester und Li, Die Geschichte einer Sehnsucht

Bernhard Kellermann · Kapitel 4 von 27

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Yester und Li, Die Geschichte einer Sehnsucht

Kapitel III

 

 

Ginstermann verlebte die folgenden Wochen in gewohnter Zurückgezogenheit.

Wie früher ließ er sich des Mittags seine Mahlzeit auf das Zimmer bringen,

um nicht genötigt zu sein, in einem lärmenden Lokal zu speisen und mit

gleichgiltigen Leuten ein Gespräch führen zu müssen. Nur des Abends, wenn die

Dämmerung herabsank, und es dunkler war, als wenn alle Lampen in den

Straßen brannten, verließ er zuweilen das Haus, um einen kurzen Spaziergang zu

unternehmen. Diese Spaziergänge benutzte er dazu, sich in Gedanken auf die

Arbeit des Abends vorzubereiten.

Die Ereignisse jenes Abends hatten ihm zu denken gegeben.

Zu nüchterner Vernunft zurückgekehrt, hatte er mit Erstaunen

wahrgenommen, mit welcher Schnelligkeit er die Herrschaft über seine Seele

verloren. Wenn er sich daran erinnerte, wie er hinter der Pappel stand und auf

das schlanke Mädchen am Fenster blickte, so sah er gleichsam einen Fremden

vor sich, dessen Gebaren er kopfschüttelnd und mitleidig lächelnd beobachtete.

Er erklärte sich diese Erregung als eine Reaktion seines Gehirns, das sich seit

Jahren in rastloser Tätigkeit befand, immer auf der Flucht vor alten und der Jagd

nach neuen Gedanken, sich kaum die notdürftigste Ruhe und Zerstreuung

gönnend.

Jenes unscheinbare Erlebnis war für ihn das gewesen, was für den Nüchternen

ein Schluck Wein ist, es hatte ihn berauscht. —

Ginstermann hatte früher ein Leben ohne Maß und Ziel gelebt, teils von

seinen lebendigen Sinnen getrieben, teils von dem Wunsche, den Hunger seiner

Seele an möglichst vielen Eindrücken zu stillen. Erst seine reisende Erkenntnis

gebot ihm eine Regulierung seiner Lebensweise, wenn er seine Seele nicht durch

Erinnerungen überlasten wollte.

Sie riet ihm zur Vorsicht angesichts der Empfindsamkeit seiner Seele, die eine

Leidenschaft in jungen Jahren noch gesteigert hatte.

Jahre der Einsamkeit und Verinnerlichung ließen Erkenntnisse in ihm reifen,

die ihm Welt und Menschen in neuem Lichte zeigten.

Er erkannte, daß das, was man im allgemeinen Leben nannte, ärmlich und

nüchtern war gegen ein Leben in der Phantasie, gegen die Beschäftigung mit den

ewigen Ideen, die geheimnisvoll die Jahrtausende regieren, das Tun der Menschen bestimmen.

Nach und nach war er zur gänzlichen Unfähigkeit gelangt, mit den Menschen

zu verkehren.

Er verachtete, er bemitleidete sie.

Sie waren ihm zu wenig Luxuswesen, zu wenig Dichter, ohne freie Gefühle,

ohne den Wunsch nach Flügeln. Ihre Ziele waren klein und kläglich und reichten

nicht über den Tag hinaus. Die gesicherte Existenz im Himmel hatte sie

vergessen lassen, daß der Mensch auch auf der Erde etwas zu vollbringen hatte.

Seine Geschlechtsgenossen waren ihm nicht sympathisch. Ihre rohen Sinne,

ihre Lüsternheit, ihre vergiftete Phantasie stießen ihn ab. Die

Widerstandslosigkeit, mit der sie sich den von der Masse diktierten Gesetzen und

ihren Trieben unterwarfen, machte sie ihm erbärmlich.

Das Weib schien ihm erst auf einer Durchgangsstufe zum Menschen angelangt

zu sein. Das Unklare, Vorurteilsvolle, das Spekulierende, das wenig

Schöpferische, seine Freude an glitzernden Dingen ließen es ihm als ein Wesen

erscheinen, das um tausend Jahre hinter dem Manne zurück war und sich nicht

Mühe gab, diesen Vorsprung einzuholen. Es lebte von den Erkenntnissen des

Mannes, ohne dies einzugestehen und ihm Dank zu wissen, es lebte von seiner

Seele, ohne ihm etwas dagegen zu geben.

Auf die Suche zu gehen nach einem Gefährten, einer Gefährtin, hatte er schon

lange aufgegeben, da ihn die Erfahrung lehrte, daß in jedem neuen Menschen

wieder der alte steckte, dem er mißmutig und gelangweilt den Rücken gedreht

hatte.

Nicht als ob er in Zeiten geistiger Ebbe nicht unter seiner Vereinsamung

gelitten hätte. Es geschah manchmal, daß er des Nachts mit fiebernden Augen in

die wogenden Visionen seiner Phantasie starrte, und gleichzeitig sein Herz in

ihm vor Hunger und Sehnsucht pochte.

Er war entstanden aus Mann und Weib und deshalb zerklüftet. Er hatte das

empfindsame, lebensfrohe Gemüt seiner Mutter geerbt und den hochmütigen

Verstand seines Vaters. Diese beiden, Gemüt und Verstand, lebten in ungleicher

Ehe. Er pflegte über seine weichen Empfindungen spöttisch zu lächeln. Er stand

skeptisch jeder Erscheinung gegenüber und entkleidete sie des Tandes, mit dem

gutmütige Dummköpfe sie geschmückt. Im Grunde seiner Natur aber lebte das

Bestreben, alle Dinge wiederum zu verklären und mit einem Schmucke zu

versehen, wie ihn seine Seele liebte.

In den folgenden einsamen Abenden, die ihm eine ruhige Sammlung seiner

Gedanken erlaubten, gelang es ihm, die Fremdkörper wiederum auszuscheiden,

die seiner Seele gefährlich zu werden gedroht hatten.

Er machte Nachträge in sein Tagebuch, revidierte seine Aufzeichnungen, blätterte in alten Manuskripten, ließ wieder und wieder die ewigen Fragen Revue

passieren, nach neuen Gesichtspunkten, neuen Perspektiven suchend.

Indem er die Entwicklung seines inneren Menschen überblickte, erkannte er

mit Deutlichkeit, daß sein Weg in die Höhe führte. Abgründe lagen zwischen

ihm und der Welt. Und alle Brücken waren gefallen. Er hatte ihre Irrtümer und

Götzen überwunden.

Mit Genugtuung bemerkte er, daß er gewachsen war, seit er sich das letzte

Mal sah, daß seine Seele fortfuhr, ihr Licht in die Finsternis zu schleudern.

Und mit dieser Erkenntnis kam frischer Mut über ihn und neuer Stolz. Ein

ungestümer Schaffensdrang erfüllte sein Wesen. Fiebernd vor Schaffensfreude

und Finderglück verbrachte er seine Tage und Nächte.

Draußen schneite und stürmte es. Es war ihm gleichgültig, ob das Jahr

vorwärts oder rückwärts ging.

Der Vorfall von neulich entwich in weite Fernen und verlor an Leben und

Bedeutung. Das schlanke Mädchen tauchte nur dazwischen in seinen Gedanken

auf und versuchte ihn mit großen, schimmernden Augen zu bannen. Aber sie

brachten ihm keine Gefahr mehr. Blick und Farbe erloschen, sobald er es wollte.

Und nur, wenn sein Gehirn müde war von langer Arbeit, stieg der Wunsch in

ihm auf, das Mädchen wiederzusehen, sich zu erfreuen am Klange dieser

Stimme, der Klarheit dieser Augen. Aber des Morgens erwachte er stets heiter,

sorglos und ohne Wünsche.

Der Wert jenes Weibes verringerte sich keineswegs in seiner Vorstellung. Er

war überzeugt, daß sie einen reiferen, höheren Typus repräsentierte, als ihre

Schwestern, die er kannte.

„In seinem Herzen jedoch wohnte die Sehnsucht nach einem Weibe hinter den

Sternen. Singe hieß sie, das ist: ich bin nicht.“

Seine Gefühle gehörten den Gestalten, die er schuf, seine Gedanken gehörten

ihnen.

Seine Seele gehörte seiner Arbeit, seinem Ziele.