Yester und Li, Die Geschichte einer Sehnsucht

Bernhard Kellermann · Kapitel 2 von 27

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Yester und Li, Die Geschichte einer Sehnsucht

Kapitel I

Bernhard Kellermann

 

YESTER und LI

Die Geschichte einer Sehnsucht

 

• 3. Auflage •

 

BERLIN und LEIPZIG • 1905

Magazin-Verlag Jaques Hegner

Alle Rechte vom Verleger vorbehalten

Gedruckt in der Spamerschen

Buchdruckerei zu Leipzig

I.

 

Ginstermann kam spät in der Nacht nach Hause. Es mochte zwei Uhr sein.

Vielleicht auch drei Uhr. Vielleicht noch später. Er wußte es nicht. Langsam,

ganz langsam war er durch die Straßen gewandert.

Über den Boden seines Zimmers war ein Schleier von Licht ausgebreitet, der

leise zitterte, als er die Türe schloß. Der Mond schien durch die Vorhänge. Auf

den Blechgesimsen pochte es, dumpf, in unregelmäßigen Zwischenräumen, wie

ein Finger. Es sickerte, rieselte, die Tiefe schluckte. Der Schnee ging weg.

Ginstermann machte Licht. Es war ihm, als sei noch eben jemand im Zimmer

gewesen, als sei er jetzt noch nicht allein. Auf dem Tische lagen seine

Manuskripte verstreut, wie er sie am Abend verlassen hatte, die Kleidungsstücke

auf den Stühlen, das Kissen auf der Ottomane in der gleichen Lage.

Er blickte zum Fenster hinaus, in den dunklen Hof hinab, er übersah den

Kram seines Zimmers, die Skizzen an den Wänden. Alles erschien ihm

sonderbar, rätselhaft, wie von einem Finger berührt, der es veränderte.

Draußen klopften die Tropfen, und es schien, als ob sie eine seltsame Sprache

redeten. Ein leiser Hauch drang durch die Vorhänge, und auch der Hauch schien

geheimnisvolle Worte mit sich zu führen.

Wer spricht zu mir? dachte Ginstermann.

Will mir diese Nacht alle Wunder der Welt und meiner Seele zeigen, um mich

zu verwirren? Alles schwankt und fällt, was eben noch feststand. Alle Begriffe

sind verworren. Ist es nicht, als sei ich aus langem Schlafe erwacht, und folgten

mir wunderbare Träume in mein Erwachen?

Wer bin ich? Ich habe vergessen, wer ich bin, und weiß nur, daß ich ein

anderer bin, als der ich zu sein glaubte.

Und welch geringen Anlasses bedurfte es, um meine Seele zu verwandeln?

Wer aber bist du? daß du solche Macht über mich hast?

Wer aber bist du, daß ich nicht an dir vorübergehen kann wie an anderen

Menschen . . . . . .

Er sann und sann.

Da wurde es Morgen.