Yester und Li, Die Geschichte einer Sehnsucht

Bernhard Kellermann · Kapitel 6 von 27

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Yester und Li, Die Geschichte einer Sehnsucht

Kapitel V

 

Die Leopoldstraße ist eine schöne Straße.

Jeder, der sie kennt, wird das zugeben müssen.

Zu beiden Seiten stehen Paläste und Villen in endloser Reihe, von Gärten

umgeben, die ein geschulter Gärtner pflegt. Die Portale sind massiv, von

kunstvoller Schmiedearbeit, vergoldet, jedes in seiner Art ein vollendetes Werk.

Die Fassaden verraten das verfeinerte Auge des Architekten in Proportionen und

Schmuck.

Das sind nicht Häuser, in denen die Menschen schlafen, kochen und sich vor

Kälte und Nässe schützen, das sind Heime, in denen die Menschen leben.

Hier gibt es kostbare Gardinen mit verschwenderischen Falten, hier blickt das

Auge in stilvoll eingerichtete Zimmer mit schimmernden Rahmen an den

Wänden.

Feine Leute erscheinen an den Fenstern, feine Leute kommen die Stufen

herab. Die Herren in Uniform, mit Seidenhüten, die Damen in süßfarbenen

Toiletten mit geschmeidigen, wohltuenden Bewegungen, den Abglanz der

Sorglosigkeit auf dem gepflegten Antlitze.

Die Pappeln stehen in geordneten Reihen, ehrwürdig, ein hundertjähriges

Geschlecht, bilden sie Spalier, gleichsam um die Fußgänger vor den

vorbeirollenden Wagen zu schützen und vor dem Anblick der rohen,

schwitzenden Arbeit zu bewahren. Es ist, als ob die freie Natur, der Wald, das

Feld hereingepilgert kämen. Sie sind der Anfang eines Weges, der auf die

Wiesen führt, und man fühlt sich gleichsam entfernter von der fauchenden,

surrenden, stauberfüllten Stadt.

Im beginnenden Frühjahr bot die Straße ein berückendes Bild. Die Bäume, die

Sträucher schlangen ihre frischgrünen Zweige in zierlichen Tanzgesten um die

harten Ecken der Häuser, so daß Paläste und Villen den Eindruck erweckten, als

hätten die Maler sie ersonnen, nicht die Architekten gebaut. Die Pappeln

begannen zu knospen, und ab und zu schlüpfte ein kleiner Vogel aus ihrem

Geäste.

Ginstermann hatte an all dem Gefallen.

Schon früher war er gerne diese vornehme Straße hinabgegangen, in der

letzten Zeit kam er öfter heraus. Wenn er gerade Zeit hatte. Des Mittags, um sich in der Sonne zu wärmen, des Abends, um die süße Luft zu schlürfen, die schon

gewürzt war von dem Duft der Blumen und Sträucher, die noch gar nicht

blühten. Und hier außen war die Luft auch klarer als in den Straßen der Stadt,

die nach dem Dunste und Schweiße des Tages rochen.

Auch war es angenehm, hier zu gehen, wo man nicht von Vorbeieilenden

angerannt wurde, wo nicht das ununterbrochene Rufen, Pfeifen und Klingeln

jede Melodie ertötete, die leise aus dem Innersten des Empfindens sang.

Er wollte sich etwas erholen, sein Blut von den schädlichen Stoffen reinigen,

die der dumpfe Winter und das ewige Zimmersitzen in ihm erzeugten. Deshalb

gönnte er sich diese Spaziergänge. Zudem arbeitete er, während er ging. Er trug

stets ein Notizbuch bei sich, in das er alles, was ihm bemerkenswert schien,

verzeichnete. Und vielleicht würde er auch Fräulein Bianka Schuhmacher

treffen. Ein Paar Worte mit ihr wechseln können, oder sie würde am Fenster

stehen, und er konnte zu ihr hinaufgrüßen.

Jedesmal, wenn er sich ihrem Hause näherte, überschritt er die Straße und

setzte auf der anderen Seite ebenso gemächlich seine Wanderung fort, als sei er

ganz zufällig über die Straße gegangen, und stände dort drüben nicht eine Villa,

deren Fenster man von hier aus unauffällig überfliegen konnte.

Dabei erfüllte ihn stets eine prickelnde Angst, der gefürchtete und ersehnte

Moment könne eintreten. So sehr er sich freute, sie zu sehen, so unangenehm

wäre es ihm auf der anderen Seite gewesen, von ihr gesehen zu werden.

Hie und da unternahm er auch noch des nachts einen Spaziergang hier heraus,

um nachzusehen, ob das Eckzimmer beleuchtet war. Brannte Licht, so war er

befriedigt. Er wußte, sie ist da droben, liest, schreibt oder träumt, verspotteten

ihn aber die weißen Gardinen der dunklen Fenster, so wurde er unruhig und

machte sich alle möglichen Gedanken.

Dazwischen wiederum vergingen Tage, ohne daß er sein Zimmer verließ.

Hartnäckig blieb er zu Hause. Sein Betragen erschien ihm albern und kindisch.

Sein Stolz erwachte. Sein wahnwitziger Stolz, der es für entwürdigend hielt, sich

mit einer anderen Person zu beschäftigen als der eigenen.

Dieser Stolz rief ihm zu: Bist du es, Ginstermann? Bist du des Alleinseins

schon müde?

Dann vergrub er sich wieder in seine Arbeit, grübelte er über seinen

Problemen und wandelte er auf der freien, selbstherrlichen Höhe seiner Vernunft.

Aber da war eine Sehnsucht in ihm, die zuerst leise nagte, pickte, dann pochte,

brauste, um endlich wie ein Sturm durch ihn zu fahren, der ihn vor sich hertrieb.

Er erschien wieder in der Nähe der Villa, morgens, mittags, nachts.

Er schrieb in Gedanken tausend Billette, um sich ihr zu nähern.

In trockenem, sachlichen Tone dankte er ihr darin für ihren Gruß und grüßte er sie wieder.

Hätte er nicht das Recht dazu? Hatte sie ihm nicht ebenfalls geschrieben?

Aber er zerriß sie auch alle wieder in Gedanken und warf die Schnitzel

sorgfältig in den Ofen. Er, jener Ginstermann, der die dünkelhafte Flachheit des

Weibes, sein halbtierisches Wesen in Aphorismen und Zynismen gegeißelt hatte,

die die Runde in der Bohême machten, sollte ein Billet an eine junge Dame

schreiben? Und wenn auch diese junge Dame zehnmal besser war als ihre

Schwestern, lauerte nicht das Weib in ihr?

Was trieb ihn zu ihr? Weshalb hatte sie ihm geschrieben? Wer war sie?

Es waren stets die gleichen Gedanken, die in seinen Reflexionen

wiederkehrten wie die Figuren eines mechanischen Theaters.

Seine Überzeugung ging dahin, daß es das beste sei, sich von diesen Ideen zu

befreien, wenn er sich Klarheit über das Mädchen verschaffte. Würde er sie

einigemal gesprochen haben, so konnte er sich ein sicheres Urteil bilden und

demgemäß handeln.

Aber er vermochte sie nirgends zu finden. Vermutlich saß sie in einer Laube

des Gartens, der über die Villa blickte, mit Büchern und Zeitschriften ihre Tage

verbringend.

Zu Kapelli kam sie schon lange nicht mehr, die Büste war längst fertig. Ein

paarmal hatte sie die Bildhauersleute besucht, aber stets zu einer Zeit, wo er

abwesend war.

Endlich löste sich das Rätsel.

Er hatte eine halbe Nacht im Café zugebracht, um mittels Lektüre diese wie

Schildwachen in seinem Kopfe hin- und hergehenden Gedanken zu

verscheuchen, und wollte vor dem Nachhausegehen sich — wie er es nannte —

nach ihrem Befinden erkundigen.

Da bemerkte er noch Licht in ihrem Zimmer. Aber es war kein Licht, bei dem

man liest oder schreibt, es war gedämpftes, sorgfältig gedämpftes Licht, wie es

in Krankenzimmern brennt.

Er erschrak bei dieser Wahrnehmung, als sei etwas Übernatürliches

geschehen.

Nun wußte er es: sie war krank.

Der Schmerz übermannte ihn augenblicklich. Er nahm den Hut ab, stand starr

wie eine Säule und flüsterte: Sie ist krank.

Er trottete nach Hause, immer wieder stehen bleibend und wiederholend: Sie

ist krank.

In seinem kahlen, trostlos toten Zimmer angekommen, nahm er einen Blaustift

und schrieb mit großen, stumm-wehklagenden Lettern an die Wand: Sie ist

krank.

Er blies das Licht aus. Ach, wozu brauchte er Licht.

Er schritt in seinem Zimmer auf und ab, immerzu.

Seine Schritte sagten: Sie ist krank. Seine Uhr sagte: Sie ist krank. Krank,

krank, knarrte eine lockere Diele.

Draußen sang der Südwind. Der Tag graute. — — — — — — — — — — —

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Zwei Herren kommen die Granittreppe herab, gehen durch den Vorgarten

hindurch.

Der eine ist alt, lächelt das Lächeln des Stoikers in seinen weißen Bart, der

andere ist jung, hübsch und schmalbrüstig. Er hat die rosigen Wangen eines

Kindes.

Ginstermann steht hinter einer Litfaßsäule und beobachtet sie. Er will aus

ihren Mienen lesen, was in den Gehirnen dieser beiden vorgeht. Aber das

Gesicht des Alten ist verschlossen und verbirgt alles hinter diesem stoischen

Lächeln, das Gesicht des Jungen ist zu hübsch, um Gedanken verraten zu

können.

Sie gehen an ihm vorüber. Der Alte sagt, mit dem Kopfe nickend, als sei er

mit einer Stahlfeder am Rückgrat befestigt: Jawohl, jawohl, jawohl. Sein

Handschuh entfällt ihm. Der Junge bückt sich rasch und gelenkig und hebt ihn

auf.

Danke, sagt der Alte, — jawohl.

Sonst vernimmt er nichts.

Er folgt den beiden. Im Abstand von zwanzig Schritten. Aber ihre

Gestikulationen sind korrekt und beherrscht, auch sie verraten nichts.

Hinter dem Siegestor ist der Junge plötzlich verschwunden, spurlos, als sei er

in die Luft zerstoben. Der Alte aber geht langsam mit steifen Schrittchen die

Straße hinauf. Er tritt in ein Haus, verläßt es nach einer Viertelstunde wieder. Er

biegt in eine Seitenstraße, tritt abermals in ein Haus, verläßt es nach einer

Viertelstunde wieder. Das wiederholt sich einigemal.

Endlich verschwindet er hinter einem Portale. Er kehrt nicht zurück. Ein

großes Emailschild ist an dem Portale angebracht, darauf steht: Wirkl. Geheimrat

Prof. Dr. von Gagstetter.

Ginstermann begibt sich in das nächstbeste Zigarrengeschäft.

„Pardon,“ sagt er, „ich will nichts kaufen, ich möchte Sie um eine Gefälligkeit

ersuchen. Das Adreßbuch, bitte sehr. Es ist da etwas vorgekommen, man braucht

einen Arzt, einen Spezialisten.“

Eine Dame überreichte ihm das Buch. „Bitte schön,“ sagt sie höflich, ihn mit

dem Interesse der Teilnahme betrachtend.

G, g — g — a b c d — g

Gagstetter — Spezialist für Krankheiten der Atmungsorgane.

„Danke, vielen Dank!“

„Bitte schön.“