Zum ewigen Frieden: Ein philosophischer Entwurf

Immanuel Kant · Kapitel 10 von 12

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Zum ewigen Frieden: Ein philosophischer Entwurf

Zusatz. Von der Garantie des ewigen Friedens.

Zusatz.

 

Von der Garantie des ewigen Friedens.

 

Das, was diese G e w ä h r (Garantie) leistet, ist nichts Geringeres, als die große

Künstlerin, N a t u r (natura daedala rerum), aus deren mechanischem Laufe

sichtbarlich Zweckmäßigkeit hervorleuchtet, durch die Zwietracht der Menschen

Eintracht selbst wider ihren Willen emporkommen zu lassen, und darum, gleich

als Nöthigung einer ihren Wirkungsgesetzen nach uns unbekannten Ursache,

S c h i c k s a l, bey Erwägung aber ihrer Zweckmäßigkeit im Laufe der Welt, als

tiefliegende Weisheit einer höheren, auf den objectiven Endzweck des

menschlichen Geschlechts gerichteten, und diesen Weltlauf prädeterminirenden

Ursache Vo r s e h u n g[10] genannt wird, die wir zwar eigentlich nicht an diesen

Kunstanstalten der Natur e r k e n n e n, oder auch nur daraus auf sie

s c h l i e ß e n, sondern (wie in aller Beziehung der Form der Dinge auf Zwecke

überhaupt) nur h i n z u d e n k e n können und müssen, um uns von ihrer

Möglichkeit, nach der Analogie menschlicher Kunsthandlungen, einen Begriff

zu machen, deren Verhältnis und Zusammenstimmung aber zu dem Zwecke, den

uns die Vernunft unmittelbar vorschreibt (dem moralischen), sich vorzustellen,

eine Idee ist, die zwar in t h e o r e t i s c h e r Absicht überschwenglich, in

praktischer aber (z. B. in Ansehung des Pflichtbegriffs v o m e w i g e n

F r i e d e n, um jenen Mechanism der Natur dazu zu benutzen) dogmatisch und

ihrer Realität nach wohl gegründet ist. — Der Gebrauch des Worts N a t u r ist

auch, wenn es, wie hier, bloß um Theorie (nicht um Religion) zu thun ist,

schicklicher für die Schranken der menschlichen Vernunft (als die sich in

Ansehung des Verhältnisses der Wirkungen zu ihren Ursachen, innerhalb den

Grenzen möglicher Erfahrung halten muß), und b e s c h e i d e n e r, als der

Ausdruck einer für uns erkennbaren Vo r s e h u n g, mit dem man sich

vermessenerweise ikarische Flügel ansetzt, um dem Geheimnis ihrer

unergründlichen Absicht näher zu kommen.

 

Ehe wir nun diese Gewährleistung näher bestimmen, wird es nöthig seyn, vorher

den Zustand nachzusuchen, den die Natur für die auf ihrem großen Schauplatz

handelnde Personen veranstaltet hat, der ihre Friedenssicherung zuletzt

nothwendig macht; — alsdann aber allererst die Art, wie sie diese leiste.

Ihre provisorische Veranstaltung besteht darin: daß sie 1) für die Menschen in

allen Erdgegenden gesorgt hat, daselbst leben zu können; — 2) sie durch K r i e g

allerwärts hin, selbst in die unwirthbarste Gegenden, getrieben hat, um sie zu

bevölkern; 3) — durch eben denselben sie in mehr oder weniger gesetzliche

Verhältnisse zu treten genöthigt hat. — Daß in den kalten Wüsten am Eismeer

noch das Moos wächst, welches das R e n n t h i e r unter dem Schnee

hervorscharrt, um selbst die Nahrung, oder auch das Angespann des Ostiaken

oder Samojeden zu seyn; oder daß die salzigten Sandwüsten doch noch dem

C a m e e l, welches zu Bereisung derselben gleichsam geschaffen zu seyn

scheint, um sie nicht unbenutzt zu lassen, enthalten, ist schon

bewundernswürdig. Noch deutlicher aber leuchtet der Zweck hervor, wenn man

gewahr wird, wie außer den bepelzten Thieren am Ufer des Eismeeres, noch

Robben, Wallrosse und Wallfische an ihrem Fleische Nahrung, und mit ihrem

Thran Feurung für die dortigen Anwohner darreichen. Am meisten aber erregt

die Vorsorge der Natur durch das Treibholz Bewunderung, was sie (ohne daß

man recht weiß, wo es herkommt) diesen gewächslosen Gegenden zubringt,

ohne welches Material sie weder ihre Fahrzeuge und Waffen, noch ihre Hütten

zum Aufenthalt zurichten könnten; wo sie dann mit dem Kriege gegen die Thiere

gnug zu thun haben, um unter sich friedlich zu leben. — — Was sie aber

d a h i n g e t r i e b e n hat, ist vermuthlich nichts anders als der Krieg gewesen.

Das erste K r i e g s w e r k z e u g aber unter allen Thieren, die der Mensch,

binnen der Zeit der Erdbevölkerung, zu zähmen und häuslich zu machen gelernt

hatte, ist das P f e r d (denn der Elephant gehört in die spätere Zeit, nämlich des

Luxus schon errichteter Staaten), so wie die Kunst, gewisse, für uns jetzt, ihrer

ursprünglichen Beschaffenheit nach, nicht mehr erkennbare Grasarten,

G e t r a i d e genannt, anzubauen, ingleichen die Vervielfältigung und

Verfeinerung der O b s t a r t e n durch Verpflanzung und Einpfropfung (vielleicht

in Europa bloß zweyer Gattungen, der Holzäpfel und Holzbirnen), nur im

Zustande schon errichteter Staaten, wo gesichertes Grundeigenthum statt fand,

entstehen konnte, — nachdem die Menschen vorher in gesetzloser Freyheit von

dem J a g d-[11], Fischer- und Hirtenleben bis zum A c k e r l e b e n

durchgedrungen waren, und nun S a l z und E i s e n erfunden ward, vielleicht die

ersteren weit und breit gesuchten Artikel eines Handelsverkehrs verschiedener

Völker wurden, wodurch sie zuerst in ein f r i e d l i c h e s Ve r h ä l t n i s gegen

einander, und so, selbst mit Entfernteren, in Einverständnis, Gemeinschaft und

friedliches Verhältnis unter einander gebracht wurden.

 

Indem die Natur nun dafür gesorgt hat, daß Menschen allerwärts auf Erden leben

k ö n n t e n, so hat sie zugleich auch despotisch gewollt, daß sie allerwärts leben s o l l t e n, wenn gleich wider ihre Neigung, und selbst ohne daß dieses Sollen

zugleich einen Pflichtbegriff voraussetzte, der sie hiezu, vermittelst eines

moralischen Gesetzes, verbände, — sondern sie hat, zu diesem ihrem Zweck zu

gelangen, den Krieg gewählt. — Wir sehen nämlich Völker, die an der Einheit

ihrer Sprache die Einheit ihrer Abstammung kennbar machen, wie die

S a m o j e d e n am Eismeer einerseits, und ein Volk von ähnlicher Sprache,

zweyhundert Meilen davon entfernt, im A l t a i s c h e n Gebirge andererseits,

wozwischen sich ein anderes, nämlich mongalisches, berittenes und hiemit

kriegerisches Volk, gedrängt, und so jenen Theil ihres Stammes, weit von

diesem, in die unwirthbarsten Eisgegenden, versprengt hat, wo sie gewis nicht

aus eigener Neigung sich hin verbreitet hätten[12]; — eben so die F i n n e n in der

nordlichsten Gegend von Europa, L a p p e n genannt, von den jetzt eben so weit

entferneten, aber der Sprache nach mit ihnen verwandten U n g e r n, durch

dazwischen eingedrungne Gothische und Sarmatische Völker getrennt; und was

kann wohl anders die E s k i m o s (vielleicht uralte Europäische Abentheurer, ein

von allen Amerikanern ganz unterschiedenes Geschlecht) in Norden, und die

P e s c h e r ä s, im Süden von Amerika, bis zum Feuerlande hingetrieben haben,

als der Krieg, dessen sich die Natur als Mittels bedient, die Erde allerwärts zu

bevölkern. Der Krieg aber selbst bedarf keines besondern Bewegungsgrundes,

sondern scheint auf die menschliche Natur gepfropft zu seyn, und sogar als

etwas Edles, wozu der Mensch durch den Ehrtrieb, ohne eigennützige

Triebfedern, beseelt wird, zu gelten: so, daß K r i e g e s m u t h (von

amerikanischen Wilden sowohl, als den europäischen, in den Ritterzeiten) nicht

bloß w e n n Krieg ist (wie billig), sondern auch, d a ß Krieg sey, von

unmittelbarem großem Werth zu seyn geurtheilt wird, und er oft, bloß um jenen

zu zeigen, angefangen, mithin in dem Kriege an sich selbst eine innere W ü r d e

gesetzt wird, sogar daß ihm auch wohl Philosophen, als einer gewissen

Veredelung der Menschheit, eine Lobrede halten, uneingedenk des Ausspruchs

jenes Griechen: »Der Krieg ist darin schlimm, daß er mehr böse Leute macht, als

er deren wegnimmt.« — So viel von dem, was die Natur f ü r i h r e n

e i g e n e n Z w e c k, in Ansehung der Menschengattung als einer Thierklasse,

thut.

 

Jetzt ist die Frage, die das Wesentliche der Absicht auf den ewigen Frieden

betrifft: »Was die Natur in dieser Absicht, Beziehungsweise auf den Zweck, den

dem Menschen seine eigene Vernunft zur Pflicht macht, mithin zu Begünstigung

seiner m o r a l i s c h e n A b s i c h t thue, und wie sie die Gewähr leiste, daß

dasjenige, was der Mensch nach Freyheitsgesetzen thun s o l l t e, aber nicht thut,

dieser Freyheit unbeschadet auch durch einen Zwang der Natur, daß er es thun w e r d e, gesichert sey, und zwar nach allen drey Verhältnissen des öffentlichen

Rechts, des S t a a t s -, V ö l k e r - und w e l t b ü r g e r l i c h e n R e c h t s.« —

Wenn ich von der Natur sage: s i e w i l l, daß dieses oder jenes geschehe, so

heißt das nicht soviel, als: sie legt uns eine Pflicht auf, es zu thun (denn das kann

nur die zwangsfreye praktische Vernunft), sondern sie t h u t es selbst, wir mögen

wollen oder nicht (fata volentem ducunt, nolentem trahunt).

 

1. Wenn ein Volk auch nicht durch innere Mishelligkeit genöthigt würde, sich

unter den Zwang öffentlicher Gesetze zu begeben, so würde es doch der Krieg

von außen thun, indem, nach der vorher erwähnten Naturanstalt, ein jedes Volk

ein anderes es drängende Volk zum Nachbar vor sich findet, gegen das es sich

innerlich zu einem S t a a t bilden muß, um, als M a c h t, gegen diesen gerüstet

zu seyn. Nun ist die r e p u b l i k a n i s c h e Verfassung die einzige, welche dem

Recht der Menschen vollkommen angemessen, aber auch die schwerste zu

stiften, vielmehr noch zu erhalten ist, dermaßen, daß viele behaupten, es müsse

ein Staat von E n g e l n seyn, weil Menschen mit ihren selbstsüchtigen

Neigungen einer Verfassung von so sublimer Form nicht fähig wären. Aber nun

kommt die Natur dem verehrten, aber zur Praxis ohnmächtigen allgemeinen, in

der Vernunft gegründeten Willen, und zwar gerade durch jene selbstsüchtige

Neigungen, zu Hülfe, so, daß es nur auf eine gute Organisation des Staats

ankommt (die allerdings im Vermögen der Menschen ist), jener ihre Kräfte so

gegen einander zu richten, daß eine die anderen in ihrer zerstöhrenden Wirkung

aufhält, oder diese aufhebt: so daß der Erfolg für die Vernunft so ausfällt, als

wenn beyde gar nicht da wären, und so der Mensch, wenn gleich nicht ein

moralisch-guter Mensch, dennoch ein guter Bürger zu seyn gezwungen wird.

Das Problem der Staatserrichtung ist, so hart wie es auch klingt, selbst für ein

Volk von Teufeln (wenn sie nur Verstand haben), auflösbar und lautet so: »Eine

Menge von vernünftigen Wesen, die insgesammt allgemeine Gesetze für ihre

Erhaltung verlangen, deren jedes aber in Geheim sich davon auszunehmen

geneigt ist, so zu ordnen und ihre Verfassung einzurichten, daß, obgleich sie in

ihren Privatgesinnungen einander entgegen streben, diese einander doch so

aufhalten, daß in ihrem öffentlichen Verhalten der Erfolg eben derselbe ist, als

ob sie keine solche böse Gesinnungen hätten.« Ein solches Problem muß

a u f l ö s l i c h seyn. Denn es ist nicht die moralische Besserung der Menschen,

sondern nur der Mechanism der Natur, von dem die Aufgabe zu wissen verlangt,

wie man ihn an Menschen benutzen könne, um den Widerstreit ihrer

unfriedlichen Gesinnungen in einem Volk so zu richten, daß sie sich unter

Zwangsgesetze zu begeben einander selbst nöthigen, und so den

Friedenszustand, in welchem Gesetze Kraft haben, herbeyführen müssen. Man kann dieses auch an den wirklich vorhandenen, noch sehr unvollkommen

organisirten Staaten sehen, daß sie sich doch im äußeren Verhalten dem, was die

Rechtsidee vorschreibt, schon sehr nähern, ob gleich das Innere der Moralität

davon sicherlich nicht die Ursache ist (wie denn auch nicht von dieser die gute

Staatsverfassung, sondern vielmehr umgekehrt, von der letzteren allererst die

gute moralische Bildung eines Volks zu erwarten ist), mithin der Mechanism der

Natur durch selbstsüchtige Neigungen, die natürlicherweise einander auch

äußerlich entgegen wirken, von der Vernunft zu einem Mittel gebraucht werden

kann, dieser ihrem eigenen Zweck, der rechtlichen Vorschrift, Raum zu machen,

und hiemit auch, soviel an dem Staat selbst liegt, den inneren sowohl als äußeren

Frieden zu befördern und zu sichern. — Hier heißt es also: Die Natur w i l l

unwiderstehlich, daß das Recht zuletzt die Obergewalt erhalte. Was man nun hier

verabsäumt zu thun, das macht sich zuletzt selbst, obzwar mit viel

Ungemächlichkeit. — »Biegt man das Rohr zu stark, so brichts; und wer zu viel

will, der will nichts.« B o u t e r w e k .

 

2. Die Idee des Völkerrechts setzt die A b s o n d e r u n g vieler von einander

unabhängiger benachbarter Staaten voraus, und, obgleich ein solcher Zustand an

sich schon ein Zustand des Krieges ist (wenn nicht eine föderative Vereinigung

derselben dem Ausbruch der Feindseligkeiten vorbeugt); so ist doch selbst

dieser, nach der Vernunftidee, besser als die Zusammenschmelzung derselben,

durch eine die andere überwachsende, und in eine Universalmonarchie

übergehende Macht; weil die Gesetze mit dem vergrößten Umfange der

Regierung immer mehr an ihrem Nachdruck einbüßen, und ein seelenloser

Despotism, nachdem er die Keime des Guten ausgerottet hat, zuletzt doch in

Anarchie verfällt. Indessen ist dieses das Verlangen jedes Staats (oder seines

Oberhaupts), auf diese Art sich in den dauernden Friedenszustand zu versetzen,

daß er, wo möglich, die ganze Welt beherrscht. Aber die N a t u r w i l l es

anders. — Sie bedient sich zweyer Mittel, um Völker von der Vermischung

abzuhalten und sie abzusondern, der Verschiedenheit der S p r a c h e n und der

R e l i g i o n e n[13], die zwar den Hang zum wechselseitigen Hasse, und Vorwand

zum Kriege bey sich führt, aber doch bey anwachsender Cultur und der

allmähligen Annäherung der Menschen, zu größerer Einstimmung in Principien,

zum Einverständnisse in einem Frieden leitet, der nicht, wie jener Despotism

(auf dem Kirchhofe der Freyheit), durch Schwächung aller Kräfte, sondern durch

ihr Gleichgewicht, im lebhaftesten Wetteifer derselben, hervorgebracht und

gesichert wird.

 

3. So wie die Natur weislich die Völker trennt, welche der Wille jedes Staats, und zwar selbst nach Gründen des Völkerrechts, gern unter sich durch List oder

Gewalt vereinigen möchte; so vereinigt sie auch andererseits Völker, die der

Begriff des Weltbürgerrechts gegen Gewaltthätigkeit und Krieg nicht würde

gesichert haben, durch den wechselseitigen Eigennutz. Es ist der

H a n d e l s g e i s t, der mit dem Kriege nicht zusammen bestehen kann, und der

früher oder später sich jedes Volks bemächtigt. Weil nämlich unter allen, der

Staatsmacht untergeordneten, Mächten (Mitteln), die G e l d m a c h t wohl die

zuverläßigste seyn möchte, so sehen sich Staaten (freylich wohl nicht eben durch

Triebfedern der Moralität) gedrungen, den edlen Frieden zu befördern, und, wo

auch immer in der Welt Krieg auszubrechen droht, ihn durch Vermittelungen

abzuwehren, gleich als ob sie deshalb im beständigen Bündnisse ständen; denn

große Vereinigungen zum Kriege können, der Natur der Sache nach, sich nur

höchst selten zutragen, und noch seltener glücken. — — Auf die Art garantirt

die Natur, durch den Mechanism in den menschlichen Neigungen selbst, den

ewigen Frieden; freylich mit einer Sicherheit, die nicht hinreichend ist, die

Zukunft desselben (theoretisch) zu w e i s s a g e n, aber doch in praktischer

Absicht zulangt, und es zur Pflicht macht, zu diesem (nicht bloß schimärischen)

Zwecke hinzuarbeiten.