Zum ewigen Frieden: Ein philosophischer Entwurf
3. »Stehende Heere (miles perpetuus) sollen mit der Zeit ganz aufhören.«
Ein Staat ist nämlich nicht (wie etwa der Boden, auf dem er seinen Sitz hat) eine
Haabe (patrimonium). Er ist eine Gesellschaft von Menschen, über die Niemand
anders, als er selbst, zu gebieten und zu disponiren hat. Ihn aber, der selbst als
Stamm seine eigene Wurzel hatte, als Pfropfreis einem andern Staate
einzuverleiben, heißt seine Existenz, als einer moralischen Person, aufheben,
und aus der letzteren eine Sache machen, und widerspricht also der Idee des
ursprünglichen Vertrags, ohne die sich kein Recht über ein Volk denken läßt[1].
In welche Gefahr das Vorurtheil dieser Erwerbungsart Europa, denn die andern
Welttheile haben nie davon gewußt, in unsern bis auf die neuesten Zeiten
gebracht habe, daß sich nämlich auch Staaten einander heurathen könnten, ist
jedermann bekannt, theils als eine neue Art von Industrie, sich auch ohne
Aufwand von Kräften durch Familienbündnisse übermächtig zu machen, theils
auch auf solche Art den Länderbesitz zu erweitern. — Auch die Verdingung der
Truppen eines Staats an einen andern, gegen einen nicht gemeinschaftlichen
Feind, ist dahin zu zählen; denn die Unterthanen werden dabey als nach
Belieben zu handhabende Sachen gebraucht und verbraucht.
3. »Stehende Heere (miles perpetuus) sollen mit der Zeit ganz
aufhören.«
Denn sie bedrohen andere Staaten unaufhörlich mit Krieg, durch die
Bereitschaft, immer dazu gerüstet zu erscheinen; reitzen diese an, sich einander
in Menge der gerüsteten, die keine Grenzen kennt, zu übertreffen, und, indem
durch die darauf verwandten Kosten der Friede endlich noch drückender wird als
ein kurzer Krieg, so sind sie selbst Ursache von Angriffskriegen, um diese Last
loszuwerden; wozu kommt, daß zum Tödten, oder getödtet zu werden in Sold
genommen zu seyn, einen Gebrauch von Menschen als bloßen Maschinen und
Werkzeugen in der Hand eines Andern (des Staats) zu enthalten scheint, der sich
nicht wohl mit dem Rechte der Menschheit in unserer eigenen Person vereinigen
läßt. Ganz anders ist es mit der freywilligen periodisch vorgenommenen Uebung
der Staatsbürger in Waffen bewandt, sich und ihr Vaterland dadurch gegen
Angriffe von außen zu sichern. — Mit der Anhäufung eines Schatzes würde es
eben so gehen, daß er, von andern Staaten als Bedrohung mit Krieg angesehen,
zu zuvorkommenden Angriffen nöthigte (weil unter den drey Mächten, der
H e e r e s m a c h t, der B u n d e s m a c h t und der G e l d m a c h t, die letztere
wohl das zuverläßigste Kriegswerkzeug seyn dürfte; wenn nicht die
Schwierigkeit, die Größe desselben zu erforschen, dem entgegenstände).