Zum ewigen Frieden: Ein philosophischer Entwurf

Immanuel Kant · Kapitel 3 von 12

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Zum ewigen Frieden: Ein philosophischer Entwurf

3. »Stehende Heere (miles perpetuus) sollen mit der Zeit ganz aufhören.«

Ein Staat ist nämlich nicht (wie etwa der Boden, auf dem er seinen Sitz hat) eine

Haabe (patrimonium). Er ist eine Gesellschaft von Menschen, über die Niemand

anders, als er selbst, zu gebieten und zu disponiren hat. Ihn aber, der selbst als

Stamm seine eigene Wurzel hatte, als Pfropfreis einem andern Staate

einzuverleiben, heißt seine Existenz, als einer moralischen Person, aufheben,

und aus der letzteren eine Sache machen, und widerspricht also der Idee des

ursprünglichen Vertrags, ohne die sich kein Recht über ein Volk denken läßt[1].

In welche Gefahr das Vorurtheil dieser Erwerbungsart Europa, denn die andern

Welttheile haben nie davon gewußt, in unsern bis auf die neuesten Zeiten

gebracht habe, daß sich nämlich auch Staaten einander heurathen könnten, ist

jedermann bekannt, theils als eine neue Art von Industrie, sich auch ohne

Aufwand von Kräften durch Familienbündnisse übermächtig zu machen, theils

auch auf solche Art den Länderbesitz zu erweitern. — Auch die Verdingung der

Truppen eines Staats an einen andern, gegen einen nicht gemeinschaftlichen

Feind, ist dahin zu zählen; denn die Unterthanen werden dabey als nach

Belieben zu handhabende Sachen gebraucht und verbraucht.

 

3. »Stehende Heere (miles perpetuus) sollen mit der Zeit ganz

aufhören.«

 

Denn sie bedrohen andere Staaten unaufhörlich mit Krieg, durch die

Bereitschaft, immer dazu gerüstet zu erscheinen; reitzen diese an, sich einander

in Menge der gerüsteten, die keine Grenzen kennt, zu übertreffen, und, indem

durch die darauf verwandten Kosten der Friede endlich noch drückender wird als

ein kurzer Krieg, so sind sie selbst Ursache von Angriffskriegen, um diese Last

loszuwerden; wozu kommt, daß zum Tödten, oder getödtet zu werden in Sold

genommen zu seyn, einen Gebrauch von Menschen als bloßen Maschinen und

Werkzeugen in der Hand eines Andern (des Staats) zu enthalten scheint, der sich

nicht wohl mit dem Rechte der Menschheit in unserer eigenen Person vereinigen

läßt. Ganz anders ist es mit der freywilligen periodisch vorgenommenen Uebung

der Staatsbürger in Waffen bewandt, sich und ihr Vaterland dadurch gegen

Angriffe von außen zu sichern. — Mit der Anhäufung eines Schatzes würde es

eben so gehen, daß er, von andern Staaten als Bedrohung mit Krieg angesehen,

zu zuvorkommenden Angriffen nöthigte (weil unter den drey Mächten, der

H e e r e s m a c h t, der B u n d e s m a c h t und der G e l d m a c h t, die letztere

wohl das zuverläßigste Kriegswerkzeug seyn dürfte; wenn nicht die

Schwierigkeit, die Größe desselben zu erforschen, dem entgegenstände).