Zwischen Himmel und Erde
Zwischen Himmel und Erde
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 9 Teile geteilt.
hatte. Der Mantel war unterwegs liegen geblieben, und die ein Recht auf seine
Auslieferung hatten, meldeten sich natürlich nicht. In den bloßen Arbeitskleidern
war er zurückgekehrt. Wer von seiner Abreise wußte, setzte voraus, er sei zuerst
in seinem Hause gewesen und habe sich da umgekleidet; wer ihm auf dem
Rückweg begegnet war, hatte gemeint, er komme vom Schieferbruch oder irgend
sonst von einer Arbeit oder Arbeitsrücksprache. Es fiel niemand ein, rückwärts
auf dergleichen kaum beachtete Umstände Gewicht zu legen, da es nicht galt, die
Geschichte erst zusammenzusetzen, da man sie schon fertig erhielt. Dazu hatte
er vor der Tat an seinem gewöhnlichen Zerstreuungsort stark getrunken und mit
seiner Waghalsigkeit geprahlt. Darin hatte er von je, seiner Natur nach, die
höchste Eigenschaft eines vollkommenen Schieferdeckers gesehen und in der
Zeit seiner Tätigkeit genug Beweise davon gegeben, die der Öffentlichkeit nicht
unbekannt geblieben waren. Dann hatte er geäußert, jetzt wolle er sein
Meisterstück machen und war stark berauscht von der Schenke nach Sankt
Georg gegangen. Alles Umstände, die herumkamen und die einmal gefaßte Meinung nur bestätigten. Ein glücklicher Zufall hatte alle Arbeiter von Sankt
Georg entfernt; von dem Kampfe vor dem Sturz wußten außer Apollonius nur
die Dohlen, die dort wohnten. Der Bauherr hatte sogleich, nachdem er die
Geschichte erfahren, seinen Liebling aufgesucht und brachte diese auf den
Turmboden, wo er den Erschöpften sitzend fand, schon völlig fertig mit. So fiel
es niemand ein, diesen zu fragen. Man erzählte ihm, anstatt ihn erzählen zu
lassen. Es hatte ihn bei seinem Schmerz in der Seele des Vaters gefreut, daß
niemand den wahren Sachverhalt ahnte; die Schande des Bruders und damit des
ganzen Hauses konnte niemand helfen und den Vater töten. Er schwieg daher
über das, worum man ihn nicht fragte. Der alte Herr erriet, der verlorene Sohn
hatte den Tod absichtlich gesucht. Er fand, es war so gut. Alles, was er vernahm,
bewies ihm, der Unglückliche wollte die Ehre seinem Hauses schonen. Dennoch
ängstigte ihn die Möglichkeit, es möchten noch Umstände bekannt werden, die
den allgemeinen Irrtum berichtigen könnten. Natürlich aber ließ er sich weder
seine Meinung, noch seine Furcht absehen. Er zeigte sie selbst Apollonius nicht,
der im Glauben, der alte Herr teile die Überzeugung der ganzen Stadt, ihm nun
auch verschwieg, wovon er fürchten mußte, es würde den Vater unnötig
erschrecken und beängstigen. So blieb die erste Meinung unwiderlegt, die
Gerichte fanden keinen Anlaß, untersuchend einzuschreiten, und die Gefahr, die
der Ehre der Familie gedroht, ging glücklich vorüber.
Eines Abends sah man denn die schwarze Bahre vor dem Hause mit den
grünen Fensterladen, das darüber wegsah, um sein rosiges Aussehen zu
rechtfertigen. Etwas entfernter standen Frau und Kinder in Gruppen zusammen,
bald leise flüsternd, bald voll Aufmerksamkeit, die zeitweilig bis zur Ungeduld
stieg. Dasselbe Treiben, dieselben Empfindungen, mit der die gebildetere
Schicht der Bevölkerung des Augenblickes harrt, wo der Vorhang vor den
rührenden Gebilden des Dichters aufrauschen soll; dasselbe Bedürfnis hat die
blauen Schürzen hierher gezogen, das dort die schönsten Gewänder der Stadt
versammelt. Zuweilen kommt ein schwarzer Mantel unter dreieckigem Hute in
düsterer Gravität die Straße daher und tritt hinter der Bahre hinweg ins Haus.
Endlich geht die Tür doppelt auf. Der Sarg steht auf der Bahre, das Leichentuch
bedeckt beides; leise und in gleichmäßiger Bewegung hebt sich die schwarze,
wallende Masse; nun ist sie an ihrer Stelle, denn die Träger rücken den Hut
zurecht. Und nun bewegt sich’s schwankend, flatternd. Obenauf blitzt der
Deckhammer, den Valentin poliert hat, und sagt, was man jetzt der Erde
übergibt, hat ehrlich zwischen Erde und Himmel hantiert. Die alten Weiber
schwemmen mit süßen Tränen hinweg, was von Schmutz auf seinem Andenken
liegt. Innerlich geben sie sich das Wort, niemand, den sie daran hindern können,
soll Schieferdecker werden. Es ist gefährlich, das Schieferdeckerhandwerk zwischen Himmel und Erde; das predigt der Mann, der unter dem schwarzen
Flattern zwischen den Brettern liegt, so stumm er ist, mit erschütternder
Beredsamkeit. Dann mustern sie den alten Herrn, den zwei Leidtragende führen.
Er sieht aus, wie der Geist des ehrlichen Begräbnisses selbst. Doch über dem
schlanken, hohen Apollonius neben dem würdigen Bauherrn vergessen sie die
ganze Milde, die sie vorhin geübt; sie graben den Toten wiederum aus den
nassen Totenblumen heraus, womit sie seine menschliche Blöße bedeckt.
Seinetwegen wär der Hammer über ihm voll dunkeln Rosts der Schande,
Apollonius ist’s, dem er dankt, daß das Werkzeug so ehrenblank über seinem
letzten Bette liegt. Und ob er’s um ihn verdient hat? Das will keine sagen.
Könnte sie der Tote hören vor den Brettern und dem schwarzen Geflatter darum,
er hätte dem Bruder noch mehr zu verzeihen. Oder auch nicht zu verzeihen; er
hatte ihm nichts verziehen, nicht was er an Apollonius, nicht was dieser an ihm
getan. Und könnt’ er vollends dem Bruder in das Herz sehen, aus dem der Tod
allen Groll verwischt, das sich Vorwürfe macht, weil es einen Bösewicht sah, wo
es den unglücklichen Wahnsinnigen hätte bedauern müssen, er steifte sich noch
tiefer in den Neid der Teufel. Dann kommt die junge Frau an die Reihe, und
völlig in der Weise ihres Geschlechts schlagen die Klageweiber in
Ehestifterinnen um. Und wahrlich! sie haben nicht unrecht; ein schöneres Paar,
eines, das besser zusammenpaßte, das seiner gegenseitig so wert wäre, wie
dieses, fänden auch tiefere Beobachter im Bereich der ganzen Stadt nicht aus.
Der Zug ging am Roten Adler vorbei. Es war schon wieder ein Ball da oben, bei
dem Fritz Nettenmair fehlte; gewiß ein lederner Ball! Da ist er ja! da ist er ja!
klang dem Zuge entgegen und begleitet ihn unermüdlich die ganze Straße
entlang. Aber famos konnte es nicht werden trotzdem. Es war derselbe Weg, den
Fritz Nettenmair zurückging, nachdem er den Gesellen begleitet hatte. Damals
sah er im Geiste den Bruder unter dem Deckhammer und dem wallenden,
schwarzen Behänge, und er ging leidtragend hinter ihm drein. Nun war’s
umgekehrt Wirklichkeit geworden, aber Apollonius fühlte wirklich, was der
Bruder nur zur Schau trug. Und fort ging’s immer die Straßen hin, die Fritz
Nettenmair damals hergekommen war. Und draußen vor dem Tore zerflossen
wiederum die Weiden in Nebel oder Nebel gerann zu Weiden. Hüben und drüben
trugen Nebelmänner Nebelleichen neben der wirklichen her. An dem Kreuzweg,
wo Fritz Nettenmair damals den Gesellen im Nebel verschwinden sah,
verschwand er heute selbst darin. Ob es ihn freuen würde, wenn ihm einer sagte,
er wird den Freund wiedersehen? Er wird ihn wieder begleiten — wohin? Eben
tragen sie in Tambach ihn hinaus. Sie haben viel zu sprechen miteinander. Fritz
Nettenmair kann dem Gesellen sagen, wie sorgsam er den Gedankenkeim, den
jener gegeben, bis zum Zerschneiden des Seiles ausgebrütet hat, und der Geselle dem ehemaligen Herrn, daß er unter dem Seilschnitt verunglückte, den dieser
gemacht. Der Geistliche, der Fritz Nettenmair die Grabrede hält — denn Fritz
Nettenmair wird mit allen Ehren begraben, die seinem Stande ziemen und für
Geld zu haben sind — weiß nicht, welch fruchtbares Thema ihm entgeht.
Das letzte Wort der Grabrede war verklungen, die letzte Scholle auf Fritz
Nettenmair’s Sarg gefallen, die Leidtragenden waren heimgekehrt; es war Nacht
geworden und wieder Tag, und wieder Nacht geworden und wieder und wieder
Tag und Nacht; andere Dinge hatten Fritz Nettenmairs Unglücksfall aus dem
Munde der Stadt verdrängt und noch andere diese. Auf sein Grab war ein Stein
gesetzt und darauf sein ehrlicher Tod nochmals vom Bildhauer bescheinigt und
der vergeßlichen Nachwelt mit Meißelstrichen eingeschärft worden. Man sollte
meinen, die düstere Wolke über dem Haus mit den grünen Fensterladen müßte
sich in dem Wetterschlag entladen haben, der den älteren Sohn vom Turmdache
von Sankt Georg auf das Straßenpflaster niedergeschmettert, und das Leben
müsse darin nun so heiter sich gestalten, als sein äußerer Anblick verspricht. Ja,
man konnte es meinen, wenn man die junge Wittib oder ihre Kinder sah! Die
drei schnellkräftigen Wesen hoben die niedergedrückten Köpfchen wieder,
sobald die Last entfernt war, die sie niedergedrückt. Die junge Wittib sah nicht
aus, als wäre sie schon Frau, noch weniger, als wäre sie schon eine unglückliche
Frau gewesen; sie erschien von Tag zu Tag mehr ein bräutlich Mädchen oder
eine mädchenhafte Braut. Und sollte sie nicht? Wußte sie nicht, daß er sie liebte?
liebte sie ihn nicht? Mußte sie nicht das Necken Dritter darauf bringen, fiel es ihr
auch selbst nicht ein, daß ihre Liebe eine erlaubte war? Wie oft mußte sie sich
fragen lassen, ob sie schon an ihrer Ausstattung nähe? die Kinder fragen hören,
ob ihnen ein neuer Papa auch recht sei? Konnte sie anders darauf antworten, als
mit stummem Erröten und indem sie rasch von etwas anderem zu sprechen
begann? Und so machen es bräutliche Mädchen und mädchenhafte Bräute; das
weiß jeder. Und die Heirat war so natürlich, ja nach den hergebrachten Begriffen
so notwendig, daß die Ernsteren und die über das Necken hinaus waren, dies
unausgesprochen voraussetzten und es eben deshalb nicht aussprachen, weil es
sich ihnen von selbst verstand. Auch der alte Herr ließ es in seiner
diplomatischen Art zu reden an dergleichen Andeutungen nicht fehlen.
Christiane sah den Mann, von dem die Leute meinten, er könne, ja er müsse sie
heiraten, noch immer hoch über sich; es war ihr in dieser Beziehung, wie in
allen, Bedürfnis, Pflicht und Wollust, sich in seinen Willen zu ergeben, den sie
den reinsten und den heiligsten wußte. Wenn sie trotz dieser Ergebung Wünsche
und Hoffnungen nährte, wer wird es nicht natürlich finden? wer möchte es ihr
verdenken?
Der alte Herr war überzeugt, hätte er das Regiment behalten, es wäre alles anders gekommen. Hatte er doch, was Apollonius verdorben, noch zu dem
besten Ende geführt, das möglich war. Die Not hatte ihm das Heft noch einmal
in die Hand gedrückt und er wollte es nicht wieder fahren lassen. Die durch den
glücklichen Erfolg erhöhte Meinung von sich hatte ihn vergessen lassen, daß er
schon zweimal zu der Einsicht gezwungen worden war, eine Leitung im blauen
Rock sei nur dann möglich, wenn man nicht mit fremden Augen sehen müsse. Er
sollte es zum drittenmal erfahren. Es war kein Wunder, daß er Apollonius’
seitherigem Handeln falsche Beweggründe unterlegte. Schon als er sich der
Tüchtigkeit des Sohnes gefreut hatte, war ihm zugleich die Furcht gekommen,
die Valentins Geständnis der Verschweigung ihm zur Wahrheit machte. Er sah
hinter der vorgegebenen Schonung des Sohnes um so natürlicher
Eigenmächtigkeit und die Lust, ein verdecktes Spiel zu spielen, als er ihn dabei
nur an dem eigenen Maßstabe maß. Es war das Nächstliegende, daß er in dem
Sohne die eigenen Neigungen voraussetzte. Schon damals hatte er mit einer Art
Eifersucht empfunden, daß er selbst der tüchtigen Jugend des Sohnes gegenüber
in seiner Blindheit nichts mehr war und nichts mehr konnte. Der Argwohn, den
seine Hilflosigkeit ihn gelehrt, mußte ihm sagen, daß Apollonius trotz seines
mühsamen Verbergens dahinter gekommen war, und so sah er auch die
Verachtung mit unter den Beweggründen vom Handeln des Sohnes.
Seit jener Nacht vor seines älteren Sohnes gewaltsamem Tode war Herr
Nettenmair wiederum als Leiter an die Spitze des Geschäfts getreten. Apollonius
berichtete ihm täglich über den Fortgang der laufenden Arbeiten und holte seine
Befehle ab. Ist eine Arbeit einmal in ihr Gleis gebracht, dann führt sie sich selbst
und es bedarf von seiten des Leitenden nur Beaufsichtigung und gelegentliches
Antreiben. Soll aber eine neue unternommen werden, dann gilt es die Geleise
erst zu suchen, in denen sie laufen kann, und aus diesen wieder das kürzeste, das
sicherste und gewinnvollste auszuwählen. Der Arbeitgeber erschwert oft die
Aufgabe, indem er selbst mit hineinsprechen will, oder besondere
Nebenwünsche hat, die der Meister zugleich miterfüllen soll. Ort, Zeit und
Material machen ihre Selbständigkeit und Eigenartigkeit geltend. Nicht jede
Arbeit kann man jedem Arbeiter anvertrauen; über der neuen darf der Meister
nicht die bereits laufenden vergessen. Wahl, richtige Anstellung und Verteilung
der Kräfte haben ihre Schwierigkeit. Entfernung, Wetter sprechen dann auch ihr
Wort dazu. All das will überwunden sein, und so überwunden, daß neben
Wunsch und Vorteil des Baugebers auch Handwerksehre und Vorteil des
Meisters nicht ins Gedränge gerät. Dazu braucht’s offene, klare Augen von
raschem Überblick. Daß Apollonius diese besaß, erkannte der alte Herr schon in
dessen erster Meldung. Diese betraf eine besonders schwierige Aufgabe.
Apollonius stellte sie mit solcher Klarheit dar, daß der alte Herr die Dinge mit leiblichen Augen zu sehen glaubte. Es war ein Fall, in welchem den alten Herrn
seine Erfahrung im Stiche ließ. Apollonius machte er keine Schwierigkeit. Er
zeigte drei, vier verschiedene Wege, ihm gerecht zu werden, und setzte den alten
Herrn in eine Verwirrung, welche er kaum zu verbergen wußte. Über die
knöcherne Stirn unter dem deckenden Augenschirm zog eine wunderliche wilde
Jagd der widersprechendsten Empfindungen: Freude und Stolz auf den Sohn,
dann Schmerz, wie er selbst nun doch nichts mehr war, doch nichts mehr sein
konnte; dann Scham und Zorn, daß der Sohn das wußte, und über ihn
triumphiere; Lust, ihn zu bändigen und ihm zu zeigen, daß er noch Herr und
Meister sei. Aber wenn er sich durchsetzen wollte: würde der Sohn gehorchen?
Er konnte nichts Besseres ersinnen, als der Sohn ihm vorgelegt hatte; befahl er
etwas anderes, so bestärkte er den Sohn in seiner Nichtachtung; und der gab sich
dann das Ansehen, des Vaters Befehl zu vollziehen und tat doch, was er selber
wollte. Und er konnte das nicht hindern, ihn nicht zwingen. Er mußte ja glauben,
was der Sohn und was die Leute ihm sagten. Hatte er nicht anderthalb Jahre lang
glauben müssen, was der Sohn ihm sagte, und die Leute hatten dem Sohn
geholfen? Und stellte er einen Fremden dem Sohne zum Beobachter; war er der
Treue des Fremden gewiß? Und wenn er das sein konnte, stellte er nicht selbst
dann erst seine Hilflosigkeit ins Licht, daß die ganze Stadt erfuhr, er war ein
blinder Mann, der nichts mehr war und nichts mehr konnte, und mit dem man
spielte, wie man wollte? Es blieb ihm kein Mittel, auch nur den Schein des
Regiments beizubehalten, als seine diplomatische Kunst. Mit grimmvoller
Stimme gab er nun Befehle, die eigentlich unnötig waren, weil sie Dinge
betrafen, die sich von selbst verstanden und ohne Befehl getan worden wären.
Bei neuen Arbeiten, die erst in Gang gebracht werden mußten, mißbilligte er mit
Zorn die Vorschläge Apollonius; und der Befehl, den er endlich gab, lief doch in
der Hauptsache auf die Annahme des Vorschlages hinaus, der Apollonius als der
zweckmäßigste erschienen war. Hintennach stellte er sich bei sich selber nach
Möglichkeit wieder her; er fand etwas aus, das er für klüger hielt als den
Vorschlag Apollonius’; war er überzeugt, daß, wenn er nur sein Gesicht noch
hätte, alles doch ganz anders gehen würde, dann konnte er sich der Freude und
dem Stolz über die Tüchtigkeit des Sohnes ungehindert hingeben, bis er
wiederum in die zornige Notwendigkeit versetzt wurde, seine diplomatische
Kunst anzuwenden. Apollonius ahnte so wenig von dem Zwang, den er, ohne zu
wollen, dem alten Herrn auflegte, als von dessen Stolz auf ihn. Ihn freute es, daß
er dem Vater von den Geschäften nichts mehr verheimlichen mußte und daß sein
Gehorsam der Erfüllung seines Wortes nicht im Wege stand. Auch von dieser
Seite her wurde der Himmel über dem Hause mit den grünen Laden immer
blauer. Aber der Geist des Hauses schlich noch immer händeringend darin umher. So oft es Zwei schlug in der Nacht, stand er auf der Emporlaube an der
Tür von Apollonius’ Stübchen und hob die bleichen Arme wie flehend gegen
den Himmel empor.
Apollonius hielt sich, war er daheim, noch immer zurückgezogen auf seinem
Stübchen. Der alte Valentin brachte ihm das Essen wie sonst dahin. Es konnte
das nicht wunder nehmen. Das Geschäft hatte sich unter seiner fleißigen Hand
vergrößert; es wollte gegen früher mehr als doppelt soviel geschrieben sein. Der
Postbote brachte ganze Stöße von Briefen in das Haus. Dazu hatte Apollonius in
der letzten Zeit das vorteilhafte Anerbieten des Besitzers angenommen und die
Schiefergrube gepachtet. Er verstand von Köln her den Betrieb des
Schieferbaues und hatte sich einen früheren Bekannten von daher verschrieben,
den er des Faches kundig und im Leben zuverlässig wußte. Seine Wahl erwies
sich geraten; der Mann war tätig; aber Apollonius erhielt trotzdem durch die
Pachtung einen bedeutenden Zuwachs von Arbeit. Der alte Bauherr sah ihn
zuweilen bedenklich an und meinte, Apollonius habe seinen Kräften doch zu viel
vertraut. Der jungen Witwe fiel es nicht auf, daß Apollonius nur wenig in die
Wohnstube kam. Die Kinder, die er öfter zu sich rufen und kleine Dienste
verrichten ließ, wobei sie lernen konnten, unterhielten den Verkehr. Und sie
konnten bezeugen, daß Apollonius keine Zeit übrig hatte. Sie selber war desto
öfter auf seiner Stube, doch nur, wenn er nicht daheim war. Sie schmückte Türen
und Wände mit allem, was sie hatte, und wovon sie wußte, daß er es liebte, und
hielt sich ganze Stunden lang arbeitend da auf. Aber auch sie bemerkte die
Blässe seines Angesichts, die jedesmal größer geworden schien, seit sie ihn nicht
gesehen. Wie sie nun ganz sein Spiegel geworden war, spiegelte sie auch diese
Blässe zurück. Sie hätte ihn gern erheitert, aber sie suchte seine Nähe nicht; ihr
schien, als ob ihre Nähe das Entgegengesetzte wirke, was sie zu wirken
wünschte. Er war immer freundlich und voll ritterlicher Achtung gegen sie. Das
beruhigte sie wenigstens über die Furcht, die ihr bei seinem Sichzurückziehen
am nächsten lag. Wie sie alle Tugenden, die sie kannte, in ihn hineingestellt wie
in einen Heiligenschrein, hatte sie die Wahrhaftigkeit, die ihr die erste von allen
war, nicht vergessen. Und so wußte sie, er zwang sich nicht, ihr Achtung zu
zeigen, wenn er sie nicht empfand. Er scherzte selbst zuweilen, besonders wenn
er ihren Blick ängstlich auf seinem immer bleicheren Gesichte haften sah; aber
sie merkte, daß trotzdem ihre Gesellschaft ihn nicht heiterer, nicht gesunder
machte. Sie hätte ihn gern gefragt, was ihm fehle. Wenn er vor ihr stand, wagte
sie es nicht; wenn sie allein war, dann fragte sie ihn. Ganze Nächte sann sie auf
Worte, ihm das Geständnis abzulocken, und sprach mit ihm. Gewiß! hätte er sie
weinen gehört, gehört, wie immer süßer und inniger sie schmeichelte und bat, die süßen Namen gehört, die sie gab, er hätte sagen müssen, was ihm fehlte. Ihr
ganzes Leben war dann auf dem Wege zwischen Herz und Mund; trat es ihr
einmal ins Ohr, hörte sie, was sie sprach, dann errötete sie und flüchtete ihr
Erröten vor sich selbst und der lauschenden Nacht tief unter ihre Decke.
Dem alten, braven Bauherrn vertraute sie ihre Sorge an. „Ist’s ein Wunder,“
sagte er eifrig, „wenn einer anderthalb Jahre lang den Tag sich über Gebühr
angestrengt und die Nacht bei Büchern und Briefen aufsitzt? Dazu die immer
steigende Sorge durch den — Gott verzeih’s ihm, er ist tot, und von den Toten
soll man nichts Böses reden — durch den Bruder; am Ende noch der Schreck,
der mich drei Tage krank gemacht hat, über den — und wenn seine Witwe dabei
ist — ich hab’ ihn nie besonders leiden können, und zuletzt am wenigsten. So ist
die Jugend. Ich hab’ ihn hundertmal gewarnt, den braven Jungen. Und nun noch
den vermaledeiten Schieferbruch! Ei was, Gewissenhaftigkeit! Das ist keine, die
nicht an die Gesundheit denkt!“ Der alte Bauherr hielt der jungen Wittib eine
ganze lange Strafpredigt, die einem galt, der sie nicht hörte. Dann kamen sie
überein, Apollonius müsse einen Doktor annehmen, woll’ er oder nicht; und der
Bauherr ging auf der Stelle zu dem besten Arzte der Stadt. Der Arzt versprach,
sein Möglichstes zu tun. Er besuchte auch Apollonius, und dieser ließ sich des
Arztes Bemühungen gefallen, weil es die wünschten, die er liebte. Der Arzt
fühlte den Puls, kam wieder und wieder, verschrieb und verschrieb; Apollonius
wurde nur noch bleicher und trüber. Endlich erklärte der tüchtige Mann, hier sei
ein Übel, gegen welches alle Kunst zu kurz falle; so tief hinein, als wo diese
Krankheit sitze, wirke keins von seinen Mitteln.
Apollonius hatte deshalb den Arzt sich verbeten. Er hatte wohl gewußt: für
seine Krankheit gab es keinen Arzt. Wo der Bauherr die Ursache davon suchte,
lag sie nur zum Teile. Die Überanstrengung hatte bloß den Boden für die
Schmarotzerpflanze bestellt, die an Apollonius’ innerem Lebensmark zehrte. In
Gemütsbewegungen lag ihr Keim, aber nicht in denen, die der Bauherr wußte.
Nicht in dem Schrecken über des Bruders Unglück, sondern in dem Zustande,
worin der Schreck ihn traf. Die ersten Zeichen der Krankheit schienen
körperlicher Natur. In dem Augenblick, wo der Bruder neben ihm vorbei in den
Tod stürzte, hatten die Glocken unter ihnen Zwei geschlagen. Von da an
erschreckte ihn jeder Glockenton. Was ihm schwerere Besorgnis erregte, war ein
Anfall von Schwindel. Aller Schrecken jenes Tages hatte ihm die Unruhe nicht
verdunkeln können, die ihn nicht losließ, wenn er eine Ungenauigkeit an einer
Arbeit gefunden, bis sie beseitigt war. Jeder Glockenschlag, der ihn erschreckte,
schien ihm eine Mahnung dazu. Schon den andern Morgen öffnete er, die
Dachleiter in der Hand, die Ausfahrtür. Es war ihm schon aufgefallen, wie
unsicher sein Schritt auf der Leitertreppe geworden war; jetzt, als er durch die Öffnung die ferneren Berge, die er sonst kaum bemerkte, sich wunderlich
zunicken sah, und der feste Turm unter ihm zu schaukeln begann, erschrak er.
Das war der Schwindel, des Schieferdeckers ärgster, tückischster Feind, wenn er
ihn plötzlich zwischen Himmel und Erde auf der schwanken Leiter faßt!
Vergeblich strebte er, ihn zu überwinden; sein Vorhaben mußte heut’ aufgegeben
sein. So schwer war Apollonius noch kein Weg geworden, als der die
Turmtreppe von Sankt Georg herab. Was sollte werden! Wie sollte er sein Wort
erfüllen, wenn ihn der Schwindel nicht verließ! Noch denselben Tag hatte er auf
dem Nikolaiturme etwas nachzusehen. Hier mußte er mehr wagen als dort; die
Glocken schlugen, als er am gefährlichsten stand, vom Schwindel fühlte er keine
Spur. Freudig eilte er nach Sankt Georg zurück; aber hier zitterte wieder die
Treppenleiter unter seinen Füßen, und wie er hinaussah, nickten die Berge
wieder, schaukelte wieder der Turm. Er war schon auf den untersten Stufen der
Treppe, als oben ein Stundenschlag begann. Die Töne dröhnten ihm durch Mark
und Bein, er mußte sich am Geländer festhalten, bis das letzte Summen
verklungen war. Er machte noch Versuch über Versuch; er bestieg alle Dächer
und Türme mit seiner alten Sicherheit; nur zu Sankt Georg wohnte der
Schwindel. Dort hatte er seine bösen Gedanken in die Arbeit hineingehämmert;
er hatte damals schon gefühlt, er hämmere einen Zauber zurecht, ein kommend
Unheil fertig. Tag und Nacht verfolgte ihn das Bild der Stelle, wo er die
Bleiplatte einzusetzen und den Zierat festzunageln vergessen. Die Lücke war wie
ein böser Fleck, ein Fleck, wo eine Untat begonnen oder vollbracht ist, und kein
Gras wächst, kein Schatten wird; wie eine offene Wunde, die nicht heilt, bis sie
gerächt ist; wie ein leeres Grab, das sich nicht schließt, eh’ es seinen Bewohner
aufgenommen hat. War nur die Lücke geschlossen, dann hatte der Zauber keine
Macht mehr. Er konnte das einem Gesellen auftragen, aber der Gedanke, einen
andern seine verwahrloste Arbeit nachbessern zu lassen, trieb das Rot der Scham
auf seine bleichen Wangen. Und die Bleiplatte, von einem andern aufgenagelt,
mußte wieder abfallen; die Lücke rief nach ihm, und nur er konnte sie schließen.
Oder den Gesellen faßte das Verderben, das er dort eingehämmert, der
Schwindel, der dort wohnt, und stürzte ihn herab.
Seit das Weib des Bruders in seinen Armen gelegen, führte er ein
Doppelleben. Er schaffte den Tag lang außen, nachts saß er in seinem Stübchen
bei seinen Büchern; das spann sich alles mechanisch ab; er war trotz seines
Kämpfens nur mit halber Seele dabei; die andere Hälfte hatte ihr Leben für sich,
immer schwebte sie mit den Dohlen um die Lücke an dem Turmdach und
brütete, welches kommende Unheil es sei, das er fertig gehämmert jenen
Morgen. Seine Seele träumte den sündhaften Traum wieder durch, kämpfte den
schrecklichen Kampf mit dem Bruder wieder durch. War es des Bruders Sturz, was er gehämmert hat? Dann fällt ihm ein, ob’s nicht möglich gewesen, den
Wahnsinnigen zu retten. Dann suchte er ängstlich nach den Möglichkeiten, wie
der Bruder zu retten gewesen, und schreckte doch zurück, wenn er dachte, er
könnte eine finden. So hatte ihn des Bruders Schuld aus seinen Fugen gezerrt.
Aber auch in seinem Brüten zeigte sich noch der Gegensatz zu seines Bruders
Natur. In jenem überwucherte die Selbstsucht, die schlimme Anlage; in
Apollonius überspannte sich, was Gutes in ihm war: seine Gewissenhaftigkeit,
Anhänglichkeit und sein Sauberkeitsbedürfnis. Er wälzte nicht seine Schuld ab
von sich auf den Bruder; er hob mit liebender Hand die Schuld des Bruders
herüber auf sich. Denn immer klarer wird es ihm, daß er den Bruder noch zuletzt
vor dem Sturze retten konnte. Er hätte die Wege, die es gab, damals finden
müssen, wenn sein Herz und Kopf nicht voll gewesen wären von den wilden,
verbotenen Wünschen; hätte er dem Wahnsinnigen nicht gezürnt, den er hätte
bedauern sollen. Ja, er hatte dem Bruder das Unheil fertig gehämmert mit seinen
bösen Gedanken. Ohne die Gedanken war er früher mit seiner Arbeit fertig und
der Bruder fand ihn nicht mehr auf dem Turme; der Bruder kam zu spät und
gewann Zeit, seinen Entschluß zu bereuen. Und war er noch oben, so war er der
Stärkere, der Besonnenere, und mußte Mittel finden, das Unheil zu verhindern.
Auch im äußeren Benehmen zeigte sich dieser Gegensatz mit dem Bruder. Wie
dieser immer selbstsüchtiger, wilder und rücksichtsloser geworden war, machte
Apollonius das Seelenleiden immer milder und stiller. Er verlor über dem
eigenen Zustande nicht das Mitgefühl mit fremdem Leiden. Er bedauerte nicht
sich. Dachte er an die Menschen, die ihm liebend nahe standen, so war sein
Schmerz mehr ein Mitleid mit ihrem Mitleid. Selbst sein Sofa vergaß er nicht zu
streicheln; er tat es, wie man einen Diener tröstet, der das Unglück seines Herrn
als sein eigenes fühlt. Natürlich, daß auch ihn die Leute mit der Heirat neckten,
die ihnen notwendig schien. Er mußte sich sagen, er dachte wie sie, und daß
seine Wünsche keine unerlaubten mehr waren. Aber daß sie es einmal gewesen,
warf seinen Schatten herüber auf das vorwurfsfreie Jetzt. Seine Liebe, ihr Besitz,
schien ihm wie beschmutzt. Was Verstand und Liebe sagen mochten, er fühlte in
der Heirat eine Schuld. Daher kam’s, daß Christianens Nähe ihn nicht heiterer
machte. Es gab Augenblicke, wo seine Verdüsterung ihm selbst wie eine
Krankheit vorkam, und er hoffte, sie werde vorübergehen. Aber auch da trat er
Christianen nicht näher, so sehr sein Herz ihn zog. Er blieb gegen sie wie
damals, wo er den Knaben zwischen sie und sich gestellt hatte. Die kleinste
Annäherung sah er nach seiner Weise für eine Bindung an, und dachte er sich die
Heirat entschieden, so lastete wiederum das Gefühl von Schuld auf ihm. Er
rückte den Gedanken daran in eine unbestimmte Zukunft hinaus, dann fühlte er
seinen Zustand erträglich. Er, der sonst ein unklares Verhältnis nicht ertragen konnte! Darin aber war er sich noch völlig gleich, daß er in seiner Vorstellung
eine mögliche Schuld nur immer als die seine empfand. Sie blieb ihm unter allen
Umständen heilig und rein.
Dem alten Herrn war in seinem äußeren Ehrbegriff ein Zusammenleben wie
Apollonius’ und Christianens ohne kirchliche Weihe ein schweres Ärgernis.
Apollonius konnte ohne Schande nur unter dem Namen ihres Gatten der jungen,
schönen Wittib und ihrer Kinder Schützer und Erhalter sein. Nach seiner Weise
sprach er ein Machtwort. Er bestimmte die Zeit. Das unumgängliche
Trauerhalbjahr war um; und in acht Tagen sollte die Verlobung, drei Wochen
später die Hochzeit sein.
Das Leben in dem Hause mit den grünen Laden begann wieder schwül und
schwüler zu werden; die neuen Wolken, die unsichtbar darum heraufzogen,
drohten einen herberen Schlag, als in dem die alten sich entladen. Die junge
Wittib durfte nur eine Braut scheinen. Sie tat, wonach man sie neckend gefragt
hatte: sie vervollständigte ihre Einrichtung. Halbe Nächte saß sie schneidend und
nähend über weißes Linnen und buntes Bettzeug gebückt. Es fielen Tränen
darauf, aber die Freude behielt immer weniger Anteil an diesen Tränen. Sie sah
des geliebten Mannes Zustand stündlich sich verschlimmern und konnte darüber
nicht im Irrtum sein, daß die Heirat die Schuld davon trug. Je blasser und
hinfälliger er wurde, desto milder und achtungsvoller wurde sein Benehmen
gegen sie. Ja, es war etwas darin, das wie schmerzliches Mitleid und
unausgesprochene Abbitte eines Unrechts oder einer Beleidigung aussah, deren
er sich gegen sie schuldig wisse. Sie wußte nicht, was sie davon denken sollte;
nur, daß sie nichts denken durfte, was des Bildes, das sie von ihm in ihrer Seele
trug, unwürdig gewesen wäre. In seiner Gegenwart war sie still wie er. Sie sah
sein stummes, schmerzliches Brüten; aber erst, wenn sie allein war, und ihre
Kinder neben ihr schliefen, hatte sie den Mut, ihn zu bitten. Stundenlang bat sie
dann wie ein Kind, er soll ihr doch sagen, was ihm fehlt. Sie will es mit ihm
tragen; sie muß ja; ist sie nicht sein?
Und Apollonius selbst? Bis jetzt hatte er den Druck dunklen Schuldgefühls,
der sich an den Gedanken der Heirat knüpfte, zu schwächen vermocht, wenn er
unentschieden den Entschluß in unbestimmte Ferne hinauswies. Dabei hatte ihm
die Hoffnung geholfen, jenes Gefühl sei eine krankhafte Anwandlung, die
vorübergehen werde. Nun der alte Herr sein Machtwort gesprochen, war ihm
jedes Mittel genommen. Das Ziel war bestimmt; mit jedem Tage, mit jeder
Stunde trat es ihm näher. Er mußte sich entscheiden. Er konnte nicht. Die
Entzweiung seines Innern klaffte immer weiter auf. Wollte er dem Glücke
entsagen, dann wich das Gespenst der Schuld, aber das Glück streckte immer
verlockendere Arme nach ihm aus. Es nahm seine Ehre zum Bündner. Der Vater entfernte ihn dann; wie sollte er sein Wort halten? Wo war ein Vorwurf, wenn er
das Glück in seine Arme nahm? Der Vater wollte es; sie liebt ihn und hat ihn
immer geliebt, nur ihn; alle Menschen billigen, ja sie fordern es von ihm. Dann
sah er sie, eh’ sie ihm geraubt wurde, wie sie das Glöckchen hinlegte für ihn,
rosig unter der braunen krausen Locke, die sich immer frei macht; dann bleich
unter der Locke von den Mißhandlungen des Bruders, der sie ihm geraubt, bleich
um ihn; dann zitternd vor des Bruders Drohungen, zitternd um ihn; dann
lachend, weinend, voll Angst und voll Glück in seinen Armen. Und so soll er sie
halten dürfen, vorwurfslos, die ihm gehört! Aber durch ihr schwellendes
Umfangen, durch alle Bilder stillen, sanften Glücks hindurch fröstelt ihn der alte
Schauder wieder an. So war’s schon in seinem Traume, als er mit dem Bruder
kämpfte um sie, und ihn hinabstieß von der fliegenden Rüstung in den Tod. Er
sagt sich, das war nur im Traum; was man im Traume tat, hat man nicht getan.
Aber wachend hallten die wilden Gefühle des Traumes nach. Die bösen
Gedanken machten ihn unfähig, den Bruder zu retten. Der Sturz des Bruders
machte dessen Weib frei. Er wußte das, als er den Bruder stürzen ließ. Deshalb ja
hatte er ihn im Traume gestürzt. Nun war es ja, wie in dem schlimmen Traum,
der Bruder war tot, und er hatte sein Weib. Nimmt er des Bruders Weib, die frei
wurde durch den Sturz, so hat er ihn hinabgestürzt. Hat er den Lohn der Tat, so
hat er auch die Tat. Nimmt er sie, wird ihn das Gefühl nicht lassen; er wird
unglücklich sein, und sie mit unglücklich machen. Um ihret- und seinetwillen
muß er sie lassen. Und will er das, dann erkennt er, wie haltlos diese Schlüsse
sind vor den klaren Augen des Geistes, und will er wiederum das Glück
ergreifen, so schwebt das dunkle Schuldgefühl von neuem wie ein eisiger Reif
über seine Blume, und der Geist vermag nichts gegen seine vernichtende
Gewalt. Daneben mahnten immer lauter die Glockenschläge von Sankt Georg.
Immer fieberischer wurde die Unruhe, daß der Fehler noch nicht gebessert war.
Äußere Anlässe schärften noch den Drang. Es hatte anhaltend geregnet, die
Lücke schluckte, die Verschalung sog das Wasser gierig ein; das Holz mußte
verfaulen. Trat die Winterkälte stärker ein, fror die Nässe im Holz, so warf sich
die Verschalung und verletzte die Schiefer. Die Stadt, die seiner Pflichttreue
vertraute, litt Schaden durch ihn. Jede Nacht weckte ihn der Stundenschlag
Zwei. In der Glut des Fiebers vermischten sich die Schatten. Die Vorwürfe des
inneren und äußeren Sauberkeitsbedürfnisses flossen ineinander. Immer
unwiderstehlicher forderte die offene Wunde das Gericht; das gähnende Grab
den, der es schloß. Und er war es, den der Stundenschlag zu Gerichte rief; er, der
das Grab schließen mußte, eh’ das gehämmerte Unheil auf ein unschuldig Haupt
fiel. Sich selbst hatte er das kommende Unheil fertig gehämmert. Er mußte
hinauf, den Fehler zu bessern. Und wenn er oben war, dann schlug es Zwei, dann packte ihn der Schwindel und riß ihn hinab, dem Bruder nach.
Der alte wackere Bauherr drang in den Leidenden; er hatte sich das Recht
erworben, sein Vertrauen zu fordern. Apollonius lächelte trüb; er schlug ihm sein
Verlangen nicht ab, aber er schob die Erfüllung von Tag zu Tag weiter hinaus.
Von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde sah die schöne junge Braut ihn bleicher
werden und blich ihm nach. Nur der alte Herr in seiner Blindheit sah die Wolke
nicht, die mit dem Schlimmsten droht. Es war wieder schwül geworden und
wurde noch immer schwüler, das Leben in dem Hause mit den grünen Laden.
Kein Mensch sieht’s dem rosigen Hause an, wie schwül es einmal darin war.
Es war in der Nacht vor dem angesetzten Verlobungstag. Plötzlich war Schnee,
dann große Kälte eingetreten. Einige Nächte schon hatte man das sogenannte
Sankt Elmsfeuer von den Turmspitzen nach den blitzenden Sternen am Himmel
züngeln sehen. Trotz der trockenen Kälte empfanden die Bewohner der Gegend
eine eigene Schwere in den Gliedern. Es regte sich keine Luft. Die Menschen
sahen sich an, als fragte einer den andern, ob auch er die seltsame Beängstigung
fühle. Wunderliche Prophezeiungen von Krieg, Krankheit und Teuerung gingen
von Mund zu Munde. Die Verständigeren lächelten darüber, konnten sich aber
selbst des Dranges nicht erwehren, ihre innerliche Beklemmung in
entsprechende Bilder von etwas äußerlich drohend Bevorstehendem zu kleiden.
Den ganzen Tag hatten sich dunkle Wolken übereinander gebaut von
entschiedenerer Zeichnung und Farbe, als sie der Winterhimmel sonst zu zeigen
pflegt. Ihre Schwärze hätte unerträglich grell von dem Schnee abstechen müssen,
der Berge und Tal bedeckte und wie ein Zuckerschaum in den blätterlosen
Zweigen hing, dämpfte nicht ihr Widerschein den weißen Glanz. Hier und da
dehnte sich der feste Umriß der dunklen Wolkenburg in schlappen Busen herab.
Diese trugen das Ansehen gewöhnlicher Schneewolken, und ihr trübes
Rötlichgrau vermittelte die Bleischwärze der höheren Schicht mit dem
schmutzigen Weiß der Erde und seinen schwärzlichen Scheinen. Die ganze
Masse stand regungslos über der Stadt. Die Schwärze wuchs. Schon zwei
Stunden nach Mittag war es Nacht in den Straßen. Die Bewohner der
Untergeschosse schlossen die Läden; in den Fenstern der höheren Stockwerke
blitzte Licht um Licht auf. Auf den Plätzen der Stadt, wo ein größeres Stück
Himmel zu übersehen war, standen Gruppen von Menschen zusammen und
sahen bald nach allen Seiten aufwärts, bald sich in die langen, bedenklichen
Gesichter. Sie erzählten sich von den Raben, die in großen Zügen bis in die
Vorstädte hereingekommen waren, zeigten auf das tiefe, unruhige, stoßende
Geflatter der Dohlen um Sankt Georg und Sankt Nikolaus, sprachen von
Erdbeben, Bergstürzen, wohl auch vom jüngsten Tage. Die Mutigeren meinten,
es sei nur ein starkes Gewitter. Aber auch das erschien bedenklich genug. Der
Fluß und der sogenannte Feuerteich, dessen Wasser auf unterirdischen Wegen
augenblicklich jedem Teile der Stadt zugeleitet werden konnte, waren beide
gefroren. Manche hofften, die Gefahr werde vorübergehen. Aber so oft sie
hinaufsahen, die dunkle Masse rückte nicht von der Stelle. Zwei Stunden nach
Mittag hatte sie schon so gestanden; gegen Mitternacht stand sie noch
unverändert so. Nur schwerer, schien es, war sie geworden und hatte sich tiefer
herabgesenkt. Wie sollte sie auch rücken? da nicht ein leiser Lufthauch auf den
Flügeln war; und solche Masse zu zerstreuen und fortzuschieben, hätte es einer Windsbraut bedurft.
Es schlug Zwölf vom Sankt Georgenturm. Der letzte Schlag schien nicht
verhallen zu können. Aber das tiefe, dröhnende Summen, das so lange anhielt,
war nicht mehr der verhallende Glockenton. Denn nun begann es zu wachsen;
wie auf tausend Flügeln kam es gerauscht und geschwollen und stieß zornig
gegen die Häuser, die es aufhalten wollten, und fuhr pfeifend und schrillend
durch jede Öffnung, die es traf; polterte im Hause umher, bis es eine andere
Öffnung zum Wiederherausfahren fand; riß Läden los und warf sie grimmig zu;
quetschte sich stöhnend zwischen nahestehenden Mauern hindurch; pfiff wütend
um die Straßenecken; zerlief in tausend Bäche; suchte sich und schlug
klatschend wieder zusammen in einen reißenden Strom; fuhr vor grimmiger Lust
herab und hinauf; rüttelte an allem Festen; trillte mit wildspielendem Finger die
verrosteten Wetterhähne und Fahnen und lachte schrillend in ihr Geächze; blies
den Schnee von einem Dach aufs andere, fegte ihn von der Straße, jagte ihn an
steilen Mauern hinauf, daß er vor Angst in alle Fensterritzen kroch, und wirbelte
ganze tanzende Riesentannen aus Schnee geformt vor sich her.
Da man ein Gewitter voraussah, war alles in den Kleidern geblieben. Die
Rats- und Bezirksgewitternachtwachen sowie die Spritzenmannschaften waren
schon seit Stunden beisammen. Herr Nettenmair hatte den Sohn nach der
Hauptwachtstube im Rathause gesandt, um da seine, des
Ratsschieferdeckermeisters Stelle zu vertreten. Die zwei Gesellen saßen bei den
Turmwächtern, der eine zu Sankt Georg, der andere zu Sankt Nikolaus. Die
übrigen Ratswerkleute unterhielten sich in der Wachtstube, so gut sie konnten.
Der Ratsbauherr sah bekümmert auf den brütenden Apollonius. Der fühlte des
Freundes Auge auf sich gerichtet und erhob sich, seinen Zustand zu verbergen.
In dem Augenblick brauste der Sturmwind von neuem in den Lüften daher. Auf
dem Rathausturme schlug es Eins. Der Glockenton wimmerte in den Fäusten des
Sturmes, der ihn mit sich fortriß in seine wilde Jagd. Apollonius trat an ein
Fenster, wie um zu sehen, was es draußen gebe. Da leckte eine riesige
schwefelblaue Zunge herein, bäumte sich zitternd zweimal an Ofen, Wand und
Menschen auf und verschlang sich spurlos in sich selber. Der Sturm brauste fort;
aber wie er aus dem letzten Glockenton von Sankt Georg geboren schien, so
erhob sich jetzt aus seinem Brausen etwas, das an Gewalt sich so riesig über ihn
emporreckte, wie sein Brausen über den Glockenton. Eine unsichtbare Welt
schien in den Lüften zu zertrümmern. Der Sturm brauste und pfiff wie mit der
Wut des Tigers, daß er nicht vernichten konnte, was er packte; das tiefe,
majestätische Rollen, das ihn überdröhnte, war das Gebrüll des Löwen, der den
Fuß auf dem Feinde hat, der triumphierende Ausdruck der in der Tat gesättigten
Kraft.
„Das hat eingeschlagen,“ sagte einer. Apollonius dachte: wenn es in den Turm
schlüge von Sankt Georg, dort in die Lücke und ich müßte hinauf und es schlüge
Zwei und — — Er konnte nicht ausdenken. Ein Hilfegeschrei, ein Feuerruf
erscholl durch Sturm und Donner. „Es hat eingeschlagen,“ schrie es draußen auf
der Straße. „Es hat in den Turm von Sankt Georg geschlagen. Fort nach Sankt
Georg! Jo! Hilfe! Feuerjo! Auf Sankt Georg! Jo! Feuerjo auf dem Turm von
Sankt Georg!“ Hörner bliesen, Trommeln wirbelten darein. Und immer der
Sturm und Donner auf Donner. Dann rief es: „Wo ist der Nettenmair? Kann einer
helfen, ist’s der Nettenmair! Jo! Feuerjo! Auf Sankt Georg! Der Nettenmair! Wo
ist der Nettenmair? Jo! Feuerjo! Auf dem Turm zu Sankt Georg!“
Der Bauherr sah Apollonius erbleichen, seine Gestalt noch tiefer in sich
zusammensinken, als seither. „Wo ist der Nettenmair?“ rief es wieder draußen.
Da schlug eine dunkle Röte über seine bleichen Wangen und seine schlanke
Gestalt richtete sich hoch auf. Er knöpfte sich rasch ein, zog den Riemen seiner
Mütze fest unter dem Kinn. „Bleib’ ich,“ sagte er zu dem Bauherrn, indem er
sich zum Gehen wandte, „so denkt an meinen Vater, an meines Bruders Weib
und seine Kinder.“ Der Bauherr war betroffen. Das „Bleib’ ich“ des jungen
Mannes klang wie: „Ich werde bleiben.“ Eine Ahnung kam dem Freunde, hier
sei etwas, was mit dem Seelenleiden Apollonius’ zusammenhänge. Aber der
Ausdruck seines Gesichtes hatte nichts mehr von dem Leiden; er war weder
ängstlich noch wild. Durch Sorge und Schrecken hindurch fühlte der wackere
Mann etwas wie freudige Hoffnung. Es war der alte Apollonius wieder, der vor
ihm stand. Das war ganz die ruhige, bescheidene Entschlossenheit wieder, die
ihn beim ersten Anblick den jungen Mann gewonnen hatte. „Wenn er so bliebe!“
dachte der Bauherr. Er hatte nicht Zeit, etwas zu erwidern. Er drückte ihm die
Hand. Apollonius empfand alles, was der Händedruck sagen wollte. Wie ein
Mitleid zog es über sein Gesicht hin mit dem wackern Alten, wie Mißbilligung,
daß er dem braven Alten Schmerz gemacht, und ihm noch mehr Schmerz
machen wollen. Er sagte mit seinem alten Lächeln: „Auf solche Fälle bin ich
immer bereit. Aber es gilt Eile. Auf frohes Wiedersehen!“ Der schnellere
Apollonius war dem Bauherrn bald aus den Augen. Auf dem ganzen Wege nach
Sankt Georg, unter dem Geschrei, den Hörnern und Trommeln, Sturm und
Donner, sagte der Bauherr immer vor sich hin: „Entweder sehe ich den braven
Jungen nie wieder, oder er ist gesund, wenn ich ihn wiedersehe.“ Er legte sich
nicht Rechenschaft ab, wie er zu dieser Überzeugung kam. Hätt’ er’s auch sonst
gekonnt, es war nicht Zeit dazu. Seine Pflicht als Ratsbauherr verlangte den
ganzen Mann.
Der Ruf: „Nettenmair! Wo ist der Nettenmair?“ tönte dem Gerufenen auf
seinem Wege nach Sankt Georg entgegen und klang hinter ihm her. Das Vertrauen seiner Mitbürger weckte das Gefühl seines Wertes wieder in ihm auf.
Als er, aus der Fremde zurückkehrend, die Heimatstadt vor sich liegen sah, hatte
er sich ihr und ihrem Dienste gelobt. Nun durfte es sich zeigen, wie ernst
gemeint sein Gelübde war. Er übersann in Gedanken die möglichen Gestalten
der Gefahr, und wie er ihnen begegnen könnte. Eine Spritze stand bereit im
Dachgebälk, Tücher lagen dabei, um damit, in Wasser getaucht, die gefährdeten
Stellen zu schützen. Der Geselle war angewiesen, heißes Wasser bereit zu halten.
Das Gebälke hatte er überall durch Leitern verbunden. Zum ersten Male seit
seiner Heimkunft von Brambach war er wieder mit ganzer Seele bei einem
Werke. Vor der wirklichen Not und ihren Anforderungen traten die Gebilde
seines Brütens wie verschwimmende Schatten zurück. Die ganze alte
Wirkungsfreudigkeit und Spannkraft war wieder heraufgerufen, das Gefühl der
Erleichterung erhöhte sie noch. Mit Gedanken kann man Gedanken widerlegen,
gegen Gefühle sind sie eine schwache Waffe. Vergebens sah sein Geist den
rettenden Weg; er war in der allgemeinen Erschlaffung mit erkrankt. Jetzt war
ein stärkeres gesundes Gefühl gegen die starken kranken Gefühle aufgeglüht und
hatte sie in seiner Flamme verzehrt. Er wußte, ohne besonders daran zu denken,
er hatte den rettenden Entschluß gefunden, und dieser war die Quelle seines
erneuten Daseins. Er wußte, er wird nicht schwindeln, und blieb er doch, so fiel
er seiner Pflicht zum Opfer und keiner Schuld, und Gott und die Dankbarkeit der
Stadt traten statt seiner in das Gelübde für die Seinen ein.
Der Platz um Sankt Georg war mit Menschen angefüllt, die alle voll Angst
nach dem Turmdache hinaufsahen. Der ungeheure alte Bau stand wie ein Fels in
dem Kampf, den Blitzeshelle mit der alten Nacht unermüdlich um ihn kämpfte.
Jetzt umschlangen ihn tausend hastige, glühende Arme mit solcher Macht, daß er
selber aufzuglühen schien unter ihrer Glut; wie eine Brandung lief’s an ihm
hinauf und stürzte gebrochen zurück, dann schlug die dunkle Flut der Nacht
wieder über ihm zusammen. Ebensooft tauchte die Menge aneinander gedrängter
bleicher Gesichter auf um seinen Fuß und sank wieder ins Dunkel zurück. Der
Sturm riß die Stehenden an Hüten und Mänteln und schlug mit eigenen und
fremden Haaren und Kleiderzipfeln nach ihnen, und warf sie mit seinem
Schneegeriesel, das in dem Schein der Blitze wie glühender Funkenregen an
ihnen herniederstäubte, als wollte er sie’s büßen lassen, daß er vergeblich an den
steinernen Rippen sich wund stieß. Und wie die Menschen bald erschienen, bald
verschwanden, so wurde ihr verwirrtes Durcheinanderreden immer wieder vom
Sturm und vom Donner überbraust und überrollt.
Da rief einer, sich selbst tröstend: „es ist ein kalter Schlag gewesen. Man sieht
ja nichts.“ Ein anderer meinte, die Flamme von dem Schlag könne noch
ausbrechen. Ein Dritter wurde zornig; er nahm den Einwand wie einen Wunsch, der Schlag möge nicht ein kalter gewesen sein, und die Flamme noch
ausbrechen. Er hatte sich schon getröstet, und rächte sich für die Unruhe, die der
Einwand wieder neu in ihm erregte. Viele sahen, vor Angst und Kälte zitternd,
mit den geblendeten Augen stumpf in die Höhe, und wußten nicht mehr, warum.
Hundert Stimmen setzten dagegen auseinander, welches Unglück die Stadt
betreffen könne, ja betreffen müsse, wenn der Schlag kein kalter war. Einer
sprach von der Natur der Schiefer, wie sie, im Brande schmelzend und als
brennende Schlacken straßenweit durch die Luft fliegend, schon oft einen
beginnenden Brand im Augenblick über eine ganze Stadt verbreitet hatten.
Andere klagten, wie der Sturm einen möglichen Brand begünstige, und daß kein
Wasser zum Löschen vorhanden sei. Noch andere: und wäre welches vorhanden,
so würde es vor der Kälte in den Spritzen und Schläuchen gefrieren. Die meisten
stellten in angstvoller Beredsamkeit den Gang dar, den der Brand nehmen
würde. Stürzte das brennende Dachgebälk, so trieb es der Sturm dahin, wo eine
dichte Häusermasse fast an den Turm stieß. Hier war die feuergefährlichste
Stelle der ganzen Stadt. Zahllose hölzerne Emporlauben in engen Höfen,
bretterne Dachgiebel, schindelgedeckte Schuppen, alles so zusammengepreßt,
daß nirgends eine Spritze hineinzubringen, nirgends eine Löschmannschaft mit
Erfolg anzustellen war. Stürzte das brennende Dachgebälke, wie nicht anders
möglich war, nach dieser Seite, so war das ganze Stadtviertel, das vor dem
Winde lag, bei dem Sturm und Wassermangel unrettbar verloren. Diese
Auseinandersetzungen brachten Ängstlichere so aus der Fassung, daß jeder neue
Blitz ihnen als die ausbrechende Flamme erschien. Daß jeder nur eine Seite der
Turmdachfläche übersehen konnte, begünstigte die Fortpflanzung des Irrtums.
Es war wunderlich, aber man hörte nun von allen Seiten zugleich das Geschrei:
„Wo? Wo?“ Sturm und Donner verhinderten die Verständigung. Jeder wollte
selbst sehen; so entstand ein wildes Gedränge.
„Wo hat es hingeschlagen?“ fragte Apollonius, der eben daher kam. „In die
Seite nach Brambach zu,“ antworteten viele Stimmen. Apollonius machte sich
Bahn durch die Menge. Mit großen Schritten eilte er die Turmtreppe hinauf. Er
war den langsamen Begleitern um eine gute Strecke voraus. Oben fragte er
vergebens. Die Türmersleute meinten, es müsse ein kalter Schlag gewesen sein,
und waren doch im Begriff, ihre besten Sachen zusammenzuraffen, um vom
Turme zu fliehen. Nur der Gesell, den er am Ofen beschäftigt fand, besaß noch
Fassung. Apollonius eilte mit Laternen nach dem Dachgebälk, um sie da
aufzuhängen. Die Leitertreppe zitterte nicht mehr unter seinen Füßen; er war zu
eilig, das zu bemerken. Innen am Dachgebälke wurde Apollonius keine Spur von
einem beginnenden Brande gewahr. Weder der Schwefelgeruch, der einen
Einschlag bezeichnet, noch gewöhnlicher Rauch war zu bemerken. Apollonius hörte seine Begleiter auf der Treppe. Er rief ihnen zu, er sei hier. In dem
Augenblick zuckte es blau zu allen Turmluken herein und unmittelbar darauf
rüttelte ein prasselnder Donner an dem Turm. Apollonius stand erst wie betäubt.
Hätte er nicht unwillkürlich nach einem Balken gegriffen, er wäre umgefallen
von der Erschütterung. Ein dicker Schwefelqualm benahm ihm den Atem. Er
sprang nach der nächsten Dachluke, um frische Luft zu schöpfen. Die Werkleute,
dem Schlage ferner, waren nicht betäubt worden, aber vor Schrecken auf den
obersten Treppenstufen stehen geblieben. „Herauf!“ rief ihnen Apollonius zu.
„Schnell das Wasser! die Spritze! In diese Seite muß es geschlagen haben, von
da kam Luftdruck und Schwefelgeruch. Schnell mit Wasser und Spritze an die
Ausfahrtür.“ Der Zimmermeister rief, schon auf der Leitertreppe, hustend: „aber
der Dampf!“ „Nur schnell!“ entgegnete Apollonius. „Die Ausfahrtür wird mehr
Luft geben, als uns lieb ist.“ Der Maurer und der Schornsteinfeger folgten dem
Zimmermann, der die Schläuche trug, so schnell als möglich, mit der Spritze die
Leitertreppe hinauf. Die andern brachten Eimer kalten, der Gesell einen Topf
heißen Wassers, um durch Zugießen das Gefrieren zu verhindern.
In solchen Augenblicken hat, wer Ruhe zeigt, das Vertrauen, und dem
gefaßten Tätigen unterordnen sich die andern ohne Frage. Der Bretterweg nach
der Ausfahrtüre war schmal; durch die verständige Anordnung Apollonius’ fand
dennoch alles im Augenblicke seinen Platz. Zunächst Apollonius nach der Türe
stand der Zimmermann, dann die Spritze, dann der Maurer. Die Spritze war so
gewendet, daß die beiden Männer die Druckstangen vor sich hatten. Zwei starke
Männer konnten das Druckwerk bedienen. Hinter dem Maurer stand der
Schieferdeckergeselle, um über dessen Schulter, so oft es nötig, von dem heißen
Wasser zuzugießen. Andere betrieben des Gesellen vorheriges Geschäft; sie
schmolzen Schnee und Eis und behielten das gewonnene Wasser in der geheizten
Türmerstube, damit es nicht wieder zu Eis fror. Andere waren bereit, als
Zuträger zwischen Dachstuhl und Türmerstube zu dienen, und bildeten eine Art
Spalier. Während Apollonius mit raschen Worten und Winken den Plan dieser
Geschäftsordnung dem Zimmermann und Maurer mitteilte, die ihn dann in
Ausführung brachten, hatte er die Dachleiter schon in der Rechten und griff mit
der Linken nach dem Riegel der Ausfahrtür. Die Leute hatten die beste
Hoffnung; aber als durch die geöffnete Tür der Sturm hereinpfiff, dem
Zimmermann die Mütze vom Kopfe riß und Massen feinen Schneestaubs gegen
das Gebälke warf und heulend und rüttelnd den Dachstuhl auf- und abpolterte
und Blitz auf Blitz blendend durch die dunkle Öffnung brach, da wollte der
Mutigste die Hand von dem vergeblichen Werke abziehen. Apollonius mußte
sich mit dem Rücken gegen die Türe kehren, um atmen zu können. Dann, beide
Handflächen gegen die Verschalung oberhalb der Türe gestemmt, bog er den Kopf zurück, um an der äußeren Dachfläche hinaufzusehen. „Noch ist zu retten,“
rief er angestrengt, damit die Leute vor dem Sturm und dem ununterbrochenen
Rollen des Donners ihn verstehen konnten. Er ergriff das Rohr des kürzesten
Schlauches, dessen unteres Ende der Zimmermann einschraubend an der Spritze
befestigte, und wand sich den obern Teil um den Leib. „Wenn ich zweimal
hintereinander den Schlauch anziehe, drückt los. Meister, wir retten die Kirche,
vielleicht die Stadt!“ Die rechte Hand gegen die Verschalung gestemmt, bog er
sich aus der Ausfahrtür; in der Linken hielt er die leichte Dachleiter frei hinaus,