Zwischen Himmel und Erde

Otto Ludwig · Kapitel 3 von 3 · Teil 6/9

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Zwischen Himmel und Erde

Zwischen Himmel und Erde

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 9 Teile geteilt.

auf. Er hat das Tau in der linken Hand; er hebt das Beil — und läßt es

schaudernd fallen. An dem Beile glänzt Blut; durch die ganze Länge des

Schuppens ragt ein blutiger Streif. Fritz Nettenmair flieht aus dem Schuppen. Er

flöhe gern aus sich selbst heraus; kaum hat er den Mut, nach Apollonius’ Fenster

aufzusehn. Ein heller Lichtstrahl kommt von da, Fritz Nettenmair weicht vor

ihm hinter einen Busch. Jetzt bewegt der Strahl sich zurück. Apollonius war

aufgestanden an seinem Tische und hatte das Licht hoch in die Höhe gehalten. Er

hatte das Licht geputzt. Es konnte eine glühende Schnuppe aus der Schere neben

den Leuchter unter die Papiere gefallen sein; es war nicht geschehen, und er

stellte das Licht wieder an seine Stelle. Fritz Nettenmair kannte seines Bruders

ängstliche Gewissenhaftigkeit; er hatte ihn das Licht mehr als hundertmal so

heben sehen; er begriff, es war kein Blut, was ihn erschreckt. Der Widerschein

der Flamme war durch Fenster und Luke gefallen und hatte rot von dem Stahle

des Beiles und durch die Nacht des Schuppens geglänzt. Dennoch stand Fritz

Nettenmair bebend hinter seinem Busche. Der gespenstige Schauder verließ ihn,

aber nicht so schnell das Grauen über das, was er gewollt, und daß es war, als

hätte ihm der Bruder noch zu seinem Werke leuchten wollen. Bald verlosch

Apollonius’ Licht. Fritz Nettenmair konnte zurückkehren und sein Werk

vollenden, es störte ihn niemand mehr. Er tat es nicht, aber er rückte sich wieder

in seinem Hasse zurecht. Er sagte sich: „so weit sollen sie ihn nicht bringen“.

Die Schuld des Gedankens wälzt er auf die, auf die er alles wälzt; daß er den

Gedanken nicht ausgeführt, rechnet er sich zu. Er weiß, jeder andere an seiner

Statt hätte schlimm getan.

Nun verschließt er Hintertür und Vorlegeschloß, zuletzt die Haustür; und geht.

Er will trinken, bis er nichts mehr von sich weiß. Heut hat er mehr zu vergessen,

als je. Er geht. Ob er nicht wieder kommen wird? heute nicht; aber morgen,

übermorgen, überübermorgen? wenn der Gedanke seine Fremdheit für ihn verloren hat? Gewohnheit macht selbst mit dem Teufel vertraut. Dazu sollen sie

ihn nicht bringen! Ob die Stunde nicht kommen wird, wo er bereut, daß er sich

nicht soweit bringen lassen, und sich doch noch soweit bringen läßt? Zudem,

wozu jeder andere an seiner Stelle sich hätte bringen lassen?

Immer dunkler, immer schwüler wurde das Leben in dem Hause mit den

grünen Läden. Wer jetzt hineinsieht, glaubt es mir nicht, wie dunkel, wie schwül

es einmal war.

 

Von dieser Nacht an ängstigte Fritz Nettenmair die Frau nicht mehr durch

Drohungen auf Apollonius; er begann sogar, sie mit einer gewissen

Freundlichkeit zu behandeln. Dazwischen verlor er sich stundenweise in

stummes Vorsichhinsinnen, aus dem er aufschrak, wenn er sich beobachtet sah.

Dann war er noch freundlicher als sonst, und brachte Scherze aus seiner besten

Zeit; er versuchte sich sogar wieder an der Arbeit. Aber die Frau wurde nur noch

ängstlicher; sie vermied noch mehr als seither, was dem Manne Anlaß zum

Glauben geben konnte, sie wolle sich Apollonius nähern. Sie wußte nicht,

warum. Und wenn sie ihre Furcht Torheit nannte, sie mußte fürchten. Apollonius

sah mit Freuden die Änderung des Bruders und suchte ihn auf alle Weise darin

zu fördern. Er wußte nicht, wie der Bruder seine Freude auslegte!

Unterdes hatte Apollonius die Umkränzung des Turmdachs von Sankt Georg

mit der gestifteten Zier begonnen. Er hatte die Rüstungen wiederum

herausgeschoben und innen am Gebälke des Dachstuhls festgenagelt; die Bretter

darauf befestigt, auf die fliegende Rüstung die Leiter gestellt und diese an der

Helmstange festgebunden; er hatte wiederum den hänfenen Ring um die

Helmstange gelegt, daran den Flaschenzug, und an diesem seinen Hängestuhl

befestigt. Die gestiftete Blechzier bestand aus einzelnen, halbmannslangen

Stücken, mit denen sich handlich umgehen ließ. Das Ganze sollte, nach des

Stifters Angabe, der selbst die Kosten der Befestigung trug, zwei Girlanden

vorstellen, die sich in gleichlaufenden Kreisen mit herabhängenden Bögen um

das Turmdach schlangen. Je fünf jener Stücke, bei der oberen drei, bildeten

einen dieser Bögen. Sie mußten an ihren Enden durch eingeschlagene Niete

verbunden, und jedes einzelne noch durch starke Nägel auf die Verschalung

befestigt werden. Da die Ränder der Schieferplatten sich überall decken, war es

nötig, an den Stellen, wo die Vernagelung stattfinden sollte, die Schiefer mit

Bleiblechen umzutauschen. Dasselbe geschieht, wo die sogenannten Dachhaken

in die Verschalung eingetrieben werden, an welche bei Reparaturen der

Schieferdecker seine Leiter hängt. Die Fläche, mit welcher der Dachhaken,

nachdem seine gekrümmte Spitze eingetrieben ist, durch noch zwei starke Nägel

auf die Verschalung aufgenagelt wird, darf man nicht mit Schieferplatten überdecken. Bei Befestigung der an dem hervorstehenden Haken aufgehängten

Leiter kommt seine Fläche in Vibration, die die Schieferplatten aufwuchten und

beschädigen würde. Sie wird deshalb mit einer Bleiplatte überdeckt. Der Zierat

kam, wenn der Wind sich darin fing, in eine ähnliche Bewegung. Dann war noch

eins zu bedenken. Die Dachhaken liefen, je neun und einen halben Fuß

voneinander entfernt, in gleichlaufenden Kreisen um das Turmdach; zwischen je

zwei Kreisen befand sich ein Raum von fünf Fuß. Es galt, den Zierat so

anzubringen, daß er keinen dieser Dachhaken überdeckte.

Apollonius war fleißig bei der Arbeit. Der Blechschmiedmeister, der seine

Zier so bald als möglich prangen sehen wollte, hatte sich weniger über ihn zu

beklagen, als Apollonius mit dem Meister zufrieden sein konnte. Im Anfang

trieb dieser, bald mußte Apollonius den Meister treiben.

Es fehlte noch der Teil der oberen Girlande, der als Bogen über der

Aussteigetür hängen sollte. Apollonius konnte nicht feiern, bis er das Material

dazu erhielt. Von einem nahen Dorfe hatte man ihn wegen einer kleinen

Reparatur beschickt; er ließ sein Fahrzeug bis auf seine Zurückkunft an dem

Turmdach von Sankt Georg hängen, und ging nach Brambach.

 

Es war den Tag darauf, daß der alte Valentin an die Wohnstubentür pochte. Er

war schon einigemal an der Tür gewesen und wieder fortgegangen. Sein ganzes

Wesen drückte Unruhe aus. Etwas, woran er immer denken mußte, machte ihn so

zerstreut, daß er meinte, er müsse ein Herein in Gedanken überhört haben; er

legte das Ohr an das Schlüsselloch, als setze er voraus, es müsse noch jetzt zu

hören sein, wenn man sich nur recht mühe. Die Unruhe weckte ihn aus der

Zerstreuung. Er pochte zum zweiten- und zum drittenmal, und als der Ruf immer

noch ausblieb, faßte er Mut, öffnete und trat in die Stube. Die junge Frau war

ihm schon seit einiger Zeit immer ausgewichen. Sie tat es auch diesmal; aber

heute mußte er sie sprechen. Sie saß, absichtlich von den Fenstern entfernt, an

der Kammertüre. Der Alte sah nicht, daß sie ebenso unruhig war als er, und sein

Hiersein sie noch mehr ängstigte. Er entschuldigte sein Eindringen. Als sie eine

Bewegung machte, sich zu entfernen, versicherte er, sein Bleiben solle kurz sein;

er wäre nicht mit Gewalt hereingedrungen, wenn ihn nicht etwas triebe, was

vielleicht sehr wichtig sei. Er wünsche das nicht, aber es sei doch möglich. Die

Frau horchte und sah immer ängstlicher bald nach den Fenstern, bald nach der

Tür. Müsse er ihr etwas sagen, soll er’s, so schnell er könne. Valentin schien

zugleich auf die ängstlichen Blicke der Frau zu antworten, als er begann:

„Herr Fritz sind auf dem Kirchendach von Sankt Georg. Ich hab’ ihn eben

noch vom Hofe aus gesehen.“

„Und hat er hierher gesehen? Hat er Euch ins Haus gehen sehen?“ fragte die Frau in einem Atem.

„Bewahre,“ sagte der Alte; „er arbeitet heute wie ein Feind. Denkt an kein

Essen und Trinken. Wenn ein Mensch so arbeitet“ — — Der Alte brach ab und

dachte seinen Satz fertig: „so hat er was vor“. Die Frau schwieg auch. Sie

kämpfte mit dem Gedanken, dem treuen Alten ihre ganze Angst anzuvertrauen.

Der Alte merkte nichts davon. „Der Nachbar da, Sie wissen’s wohl,“ fuhr er fort,

„kann zu Zeiten keine Nacht schlafen. Da hat er die Nacht, eh’ Herr Apollonius

nach Brambach gegangen ist, zu seinem Küchenfenster heraus, einen in unseren

Schuppen schleichen sehen, den Gang vom Hause hinter.“ Der Alte sagte nicht,

wen der Nachbar gesehen; wahrscheinlich sollte die junge Frau ihn danach

fragen. Sie tat es nicht; sie hatte seine Geschichte nicht gehört. Er fuhr fort: „Den

Abend vorher, eh’ Herr Apollonius nach Brambach gegangen ist, hat er das Zeug

aussuchen wollen, das er hat mitnehmen wollen; er hat alles untersucht; das tut

er immer: aber er hat sich nicht entschließen können. Und das ist so merkwürdig,

daß Herr Fritz auf einmal so fleißig geworden ist.“

Apollonius’ Name weckte die junge Frau: sie horchte, als der Alte fortfuhr:

„Daran hab’ ich erst vorhin im Schuppen gedacht. Wie mir der Nachbar da

erzählt hat, daß einer in den Schuppen geschlichen ist, hab’ ich gedacht: was

muß der dort gewollt haben, der dort hineingeschlichen ist, und bei Nacht. Und

wie ich aufgesehen hab’ und hab’ den Herrn Fritz so arbeiten sehen, da ist eine

Unruh über mich gekommen und hat mich in den Schuppen hineingetrieben wie

mit dem Stock hinter mir her. Da hab’ ich mir alles mögliche vorgestellt, was

einer drin hat machen können, der hineingeschlichen ist. Erst hab’ ich das

Zimmerbeil an der Tür liegen sehen, das dahin gehört, wo das andere Werkzeug

ist. Da hab’ ich gedacht: Hat er was mit dem Beile gemacht? Und hab’ mir

wieder vorgestellt, was einer mit dem Beil drin machen kann, der bei Nacht

hineingeschlichen ist. Mir ist der Gedanke gekommen, es könnt’ was an den

Leitern sein. Aber ich hab’ nichts gefunden daran. An dem Hängestuhl, der noch

dort lag, war auch nichts. Da fing ich an, die Kloben zu betrachten und endlich

das Seilwerk. Da war an einem was, als wär’s hier und da an was Hartes

angetroffen, und das hätt’ das Seil verschunden. Da denk’ ich: das geschieht oft

und will’s schon wieder hinlegen. Aber ich denk’ auch wieder: sonst ist nichts;

und wenn einer hineinschleicht, hat er was gewollt; und wenn er das Beil gehabt

hat, hat er auch was damit gemacht. Da seh’ ich genauer zu und — Gott behüt’

einen Christenmenschen! Da war hier mit dem Beil hineingestochen, und dort,

und noch einmal, und noch einmal. Ich werf’s über den Balken und häng’ mich

daran, da klaffen die Stiche auf; ich glaub’, wenn ein Fahrzeug daran wuchtet,

das Seil ist imstande, zu zerreißen.“ Der Alte war ganz bleich geworden über

seiner Erzählung. Die Frau hatte immer angstvoller an seinem Munde gehangen; sie war in den Stuhl zurückgefallen und konnte kaum sprechen.

„Er hat gedroht,“ ächzte sie. Der Alte verstand nicht, was sie sagte.

„Den Abend vorher war’s noch nicht,“ fuhr er fort. „Herr Apollonius, der hat

ein Aug’ für einen Mückenstich. Er hätt’s gefunden, wie er alles untersucht hat.

Nun denk’ ich, der die Beilstiche gemacht hat, hat die Untersuchung mit

angesehen und hat gemeint, Herr Apollonius wird das Zeug nicht noch einmal

untersuchen, wenn er’s morgen braucht. Und da ist er bei Nacht

hineingeschlichen.“

„Valentin,“ schrie die Frau auf und faßte ihn bei den Schultern, halb, wie um

ihn zu zwingen, er soll ihr die Wahrheit sagen, halb, um sich an ihm

aufrechtzuerhalten. „Er hat’s doch nicht mitgenommen? Valentin, so sag’s doch

nur!“

„Das nicht,“ sagte Valentin. „Aber den andern Hängestuhl, der darin lag, und

das Seilzeug dazu, und noch mehr.“

„Und waren auch dort Stiche drin?“ fragte die Frau in noch immer steigender

Angst. Der Alte sagte:

„Ich weiß nicht. Aber der sie gemacht hat, hat nicht gewußt, welches Herr

Apollonius mitnehmen wird.“

„Wenn er sicher gegangen ist, so hat er alle beide — und ich bin schuld,“

stöhnte die Frau. „Er hat lange gedroht, er will ihm was tun. Er tat, als wär’s

einer von seinen Späßen. Wenn ich’s jemand sagte, wollt’ er’s im Ernste tun.“

„Wer so scherzt,“ sagte Valentin, „der macht auch solchen Ernst.“

Die Frau zitterte so heftig an allen Gliedern, daß der Alte seine Angst um

Apollonius über der Angst um sie vergaß. Er mußte sie halten, daß sie nicht

umfiel. Aber sie stieß ihn von sich und flehte und drohte zugleich: „Rett’ ihn,

Valentin, rett’ ihn. Hilf, Valentin! Ach Gott, sonst hab’ ich’s getan.“ Sie betete zu

Gott um Rettung und jammerte immer dazwischen auf, er sei tot und sie trage

die Schuld. Sie rief Apollonius selbst mit den zärtlichsten Namen, er solle nicht

sterben. Valentin suchte in der Angst nach einer Beruhigung für sie und fand ein

Etwas davon für sich selbst mit. Wenn es auch nicht beruhigen konnte, so gab es

doch Hoffnung, daß Apollonius schon auf dem Rückweg sein müsse. Er habe

gewiß das Tauwerk noch einmal untersucht. Wär’ er verunglückt, man müßte es

nunmehr wissen. Zehnmal mußte er ihr das vorsagen, eh’ sie nur verstand, was

er meinte. Und nun erwartete sie den Boten, der die gräßliche Nachricht bringen

konnte, und schrak bei jedem Laut. Ihr eigenes Schluchzen hielt sie für die

Stimme des Boten. Valentin lief endlich, da ihre Angst und Ratlosigkeit ihn

selber mit ergriff, zu dem alten Herrn, ihn hereinzuholen zu der Frau. Er wußte

nicht, was beginnen; und vielleicht war noch zu retten, wenn man etwas tat;

vielleicht wußte der alte Herr, was zu tun war, um zu retten.

Der alte Herr saß in seiner kleinen Stube. Wie er sich immer tiefer in die

Wolken einspann, die ihn von der Welt außer ihm trennten, wurde ihm zuletzt

auch das Gärtchen fremd. Besonders hatte ihn die ewige Frage: Wie geht’s, Herr

Nettenmair? dort vertrieben. Er fühlte, man konnte ihm sein: „Ich leide etwas an

den Augen, aber es hat nichts zu sagen,“ nicht mehr glauben, und seitdem hörte

er in jener Frage eine Verhöhnung. Apollonius war, so sehr er mit ihm litt, das

Zurückziehen des alten Herrn und seine zunehmende Menschenscheu nicht

unwillkommen. Je tiefer der Bruder fiel, desto schwerer war es geworden, dem

alten Herrn den Zustand des Hauses zu verbergen und etwaige Zuträger

abzuhalten, von denen er in seinem Gärtchen nicht abzuschließen war; es schien

zuletzt unmöglich. Apollonius wußte freilich nicht, daß der alte Herr in seinem

Stübchen Qualen litt, die, wenn auch auf bloßer Einbildung beruhend, denen

gleichkamen, vor denen er ihn schützen wollte. Hier saß der alte Herr den langen

Tag, zusammengesunken hinter dem Tische auf seinem Lederstuhl, und brütete

nach seiner alten Weise über allen Möglichkeiten von Unehre, die sein Haus

treffen konnten oder schritt mit hastigen Schritten hin und her, und das Rot

seiner eingefallenen Wangen und die heftig kämpfende Bewegung seiner Arme

zeigte, wie er in Gedanken das Äußerste tat, die drohenden abzuwenden. Nur der

Bauherr, der mit Apollonius im Verständnisse war, wurde zu ihm gelassen. Der

alte Herr, der dem Gast, wie jedem andern, sein Inneres verbarg, erriet bei

diesem dieselbe Verstellung, und bestärkte sich daran in der Meinung, daß er

durch Fragen nichts erfahren und nur seine Hilflosigkeit offenbar machen könne.

Je heißer es in ihm kochte, desto eisiger erschien sein Äußeres. Es war ein

Zustand, der in völligen Wahnsinn übergehen mußte, wenn nicht die Außenwelt

eine Brücke zu ihm schlug und ihn mit Gewalt aus seiner Vereinzelung

herausriß.

Heute geschah ihm diese Gewalt. Eben saß er wieder brütend auf seinem

Stuhle, als den Valentin die Angst zu ihm hineintrieb. Den Gesellen zwang die

alte Gewohnheit, ohne daß er es wußte, die Türe leise zu öffnen und ebenso

hereinzutreten; aber der alte Herr empfand mit seinem krankhaft verschärften

Gefühle sogleich das Ungewöhnliche. Seine Erwartung nahm natürlich

denselben Gang, den all sein Denken verfolgte. Es war eine dem Hause

drohende Schmach, was die sonst immer gleiche Weise Valentins veränderte; es

mußte eine entsetzliche sein, da sie den alten Gesellen aus der Fassung brachte

und seine Verstellung durchbrach. Der alte Herr zitterte, als er aufstand von

seinem Stuhl. Er kämpfte mit sich, ob er fragen sollte. Es war nicht nötig. Der

alte Gesell beichtete ungefragt. Er erzählte mit fliegender Brust seine

Befürchtungen und was sie rechtfertigte. Der alte Herr erschrak, so gut ihn seine

Einbildungen auf die Wirklichkeit vorbereitet hatten; aber der Gesell sah nichts davon im Äußeren seines Herrn; der hörte ihn an wie immer, wie wenn er das

gleichgültigste zu sagen hatte. Als er ausgesprochen, hätte das schärfste Auge

kein Zittern mehr an der hohen Gestalt wahrgenommen. Der alte Herr hatte den

festen Boden der Wirklichkeit wieder unter seinen Füßen; er war wieder der Alte

im blauen Rock. Er stand so straff vor dem alten Gesellen wie sonst, so straff

und ruhig, daß Valentins Seele sich an ihm aufrichtete. „Einbildungen!“ sagte er

dann mit seinem alten grimmigen Wesen. „Ist kein Geselle da?“ Valentin rief

einen herbei, der eben Schiefer abholen wollte. Der alte Herr schickte ihn nach

Brambach, Apollonius auf der Stelle heimzuholen. Der Geselle ging. „Geht er

Ihm nicht schnell genug, Er altes Weib, so heiß’ Er ihn eilen, damit Er bald

erfährt, daß Er sich um nichts geängstigt hat. Aber kein Wort von seinem Sums

da! Und schließ’ Er die Frau ein, damit sie nichts Albernes anfängt.“ Valentin

gehorchte. Das zuversichtliche Wesen des alten Herrn und daß nun wirklich

etwas getan war, hatte kräftiger auf ihn gewirkt, als hundert triftige Gründe

vermocht hätten. Er teilte seine Ermutigung der Frau mit. Er war zu eilig, um ihr

zu sagen, worauf sie sich gründete. Hätte er Zeit gehabt, wahrscheinlich hätte er

die Frau weniger beruhigt verlassen, und er selbst ahnte nichts weniger, als daß

der alte Herr innerlich überzeugt war von der Schuld seines älteren und von der

Gefahr, wenn nicht vom Tode seines jüngeren Sohnes, während er ihm seine

Befürchtungen als leere Grillen ausreden wollte, und den Boten nur geschickt zu

haben schien, um ihn und die Frau zu beruhigen.

„Nun wird der alte Narr doch,“ sagte Herr Nettenmair, nachdem Valentin zu

ihm zurückgekehrt war, „dem Nachbar das ganze Märchen, das er sich

zusammenspintisiert hat, erzählt haben, und die Frau sechs Basen damit in die

Stadt herumgeschickt haben.“

Valentin merkte nichts von der fieberhaften Spannung, mit der der alte Herr

auf seine in einen Ausruf verkleidete Frage die Antwort erwartete. „Werd’ ich

doch nicht,“ sagte er eifrig. Des alten Herrn Vermutung kränkte ihn. „Ich hab’ ja

da selbst noch nichts Arges gemeint, und die Frau Nettenmair hat keinen

Menschen gesprochen seitdem.“

Der alte Herr schöpfte neue Hoffnung. Während Valentins Abwesenheit hatte

er sich einen Augenblick dem ganzen Schmerz hingegeben, den ein Vater in

seinem Falle nur empfinden konnte; aber er hatte sich gesagt: man dürfe nicht in

untätigem Jammer dem Verlorenen nachwerfen, was noch zu erhalten sei. Waren

die Söhne verloren, so war doch die Ehre des Hauses, seine, der Frau und der

Kinder Ehre vielleicht noch zu retten. Nun kam dem alten Herrn bei dem

wirklichen Falle die Übung zu statten, die er bei seiner Einbildung aller

Möglichkeiten gewonnen hatte. Wenn die krankhaft gewachsene

Empfindlichkeit seines Ehrgefühls ihn spornte, vor dem äußersten nicht zurückzuschrecken, so gingen seine Gedanken nun bei dem wirklichen Falle nur

denselben fieberischen Gang, den zu nehmen sie sich an den wesenlosen

Ausgeburten seiner Furcht gewöhnt. Verheimlichung alles dessen, was zu einem

Verdachtsgrunde auf den älteren Sohn werden konnte, stellte sich ihm als

nächste Notwendigkeit dar. Hatten Valentin und die Frau noch niemand

mitgeteilt, was sie wußten, so konnte anderes dergleichen bereits bekannt sein.

Solch ein verbrecherischer Gedanke entspringt nicht aus dem Ungefähr. Er ist

die Blüte eines Giftbaumes mit Stamm und Zweigen. Valentin mußte ihm

erzählen, was seit Apollonius’ Zurückkunft im Hause geschehen war. Wußte

Valentin von Fritz Nettenmairs Eifersucht nichts, oder wollte er dem alten Herrn,

dessen argwöhnische Gemütsart er kannte, nichts davon sagen; seine Erzählung

wurde die Geschichte eines leichtsinnigen, ehr- und vergnügungssüchtigen

Verschwenders, der, trotz aller Bemühungen seines besseren Bruders, ihn zu

halten, bis zum gemeinen Wüstling und Trunkenbold herabsank; zugleich die

Geschichte eines treuen Bruders, der dem Verschwender notgedrungen die Sorge

um Ehre und Bestand von Geschäft und Haus aus den Händen nimmt, um diese

Ehre zu retten, und von dem Gefallenen dafür bis in den Tod verfolgt wird.

Der alte Herr saß regungslos. Nur die Röte, die immer brennender auf die

mageren Wangen trat, gab Kunde von dem, was er mit der Ehre seines Hauses

litt. Sonst schien er alles schon zu wissen. Es war das seine alte Weise; er wandte

sie hier vielleicht auch deswegen an, weil er meinte, der Gesell würde dann um

so weniger wagen, etwas zu verschweigen oder wider besseres Wissen zu

verändern. Die innere Aufregung hinderte ihn, zu bemerken, in welchen

Widerspruch dieser Anschein mit seinem Gefühl für Ehre trat. Valentin suchte

nicht den Schatten zu vertiefen, der auf Fritz Nettenmairs Handeln fiel; aber wie

er den alten Herrn kannte, schien es ihm nötig, das brave Tun Apollonius’ in das

hellste Licht zu stellen. Er kannte den alten Herrn doch nur halb. Er verrechnete

sich in der Wirkung, die er damit beabsichtigte, wenn er die kindliche Schonung

pries, mit der Apollonius die Kunde von der Gefahr dem Ohr des alten Herrn

fern gehalten. Er verdarb damit, was seine schlichte Erzählung getan, des Sohnes

Verdienst um das Teuerste, was der alte Herr wußte, darzustellen. Der alte Herr

sah nur immer mehr die Furcht wahr gemacht, die ihm Apollonius’ Tüchtigkeit

erregt hatte. Apollonius hatte ihm die Gefahr unkindlich verschwiegen, um die

Rettung sich allein beimessen zu können. Oder er hielt seinen Vater für den

hilflosen Blinden, der nichts mehr war und nichts mehr vermochte, als höchstens

ihn zu hindern. Und das vergab ihm der alte Herr noch weniger — trotz seines

Schmerzes um den Toten, der der Sohn ihm bereits war. Er wurde immer

überzeugter, er selbst hätte es nicht soweit kommen lassen, wenn er darum

gewußt und die Sache in seine Hand genommen, und Apollonius dürfe niemand seines Mordes anklagen, als den eigenen Vorwitz. Diese Gedanken mußten

natürlich vor dem zunächst notwendigen zurücktreten. Was er bis jetzt von der

Vorgeschichte des brudermörderischen Gedankens wußte, konnte den

entstandenen Verdacht verstärken, aber ihn nicht entstehen machen, wenn nicht

ein anderes, das ihm noch unbekannt war, dazu trat. Er mußte von dem

schuldigen Sohne selbst erfahren, ob es solch ein anderes gab. Sein Entschluß

war für alle Fälle gefaßt. Er verlangte Hut und Stock. Ein andermal wäre

Valentin über diesen Befehl erstaunt, vielleicht sogar erschrocken. Ist man durch

ein Außerordentliches aufgeregt, wie es der Gesell eben war, kommt nur das

unerwartet, was sonst das Gewöhnliche hieß, was an den alten, ruhigen Zustand

erinnert. Indes Valentin das Befohlene herbeibrachte und der alte Herr sich zum

Ausgehen bereitete, zeigte dieser ihm noch einmal, wie grundlos und töricht

seine Befürchtungen seien. „Wer weiß,“ sagte der alte Herr grimmig, „was der

Nachbar gesehen hat. Wie will er bei Nacht einen erkennen, der so weit entfernt

von ihm ist? Und Er dazu mit seinen Beilstichen! Nun dürfte dem Jungen in

Brambach das Seil gerissen sein oder müßte sonst zufällig verunglückt sein, so

wird Er sich steif und fest einbilden, seine eingebildeten Beilstiche sind schuld

gewesen, und der hat sie gemacht, den der Nachbar — der so einfältig ist als Er

— will haben in den Schuppen schleichen gesehen. Und sagt Er ein Wort davon,

oder ist Er so klug, daß Er in Rätseln zu verstehen gibt, was Er sich einbildet in

seinem alten Narrenschädel, so ist den andern Tag die ganze Stadt voll davon.

Nicht weil’s wahrscheinlich wäre, was Er da ausgeheckt hat, und kein

vernünftiger Mensch glauben kann, sondern weil die Leute froh sind, einem

andern das Schlimmste nachzureden. Gott wird ja vor sein, daß der Junge nicht

zu Unglück kommt, aber es kann geschehen, und es ist vielleicht schon

geschehen. Wie leicht kommt einer hinter dem Ofen dazu, geschweige ein

Schieferdecker, der zwischen Himmel und Erde schwebt wie ein Vogel, aber

keine Flügel hat wie ein Vogel. Darum mit ist die edle Schieferdeckerkunst eine

so edle Kunst, weil der Schieferdecker das sichtlichste Bild ist, wie die

Vorsehung den Menschen in ihren Händen hält, wenn er in seinem ehrlichen

Berufe hantiert. Und läßt sie ihn fallen, so weiß sie, warum; und der Mensch soll

nicht Gespinste drum hängen, die über einen andern Unglück oder gar Schande

bringen können. Ich bin gewiß, die Sache wird sich ausweisen, wie sie ist, und

nicht, wie Er sie sich da zusammengeängstelt hat. Denn“ —

Soweit war der alte Herr in seiner Rede gekommen, da hörte man draußen

eine Last niedersetzen. Der alte Herr stand einen Augenblick stumm und wie

versteinert da. Der Valentin hatte durch das Fenster den Blechschmiedegesellen

kommen sehen, der eben ablud.

„Der Jörg vom Blechschmied,“ sagte Valentin, „der die blechernen Girlanden vollends bringt.“

„Und da ist Er erschrocken mit seinen Einbildungen und hat gemeint, sie

bringen wer weiß wen. Wo ist der Fritz?“

„Auf dem Kirchendach,“ entgegnete Valentin.

„Gut,“ sagte Herr Nettenmair. „Sag’ Er dem Blechschmied, er soll

hereinkommen, wenn er fertig ist.“ Der Geselle tat’s. Bis jener hereinkam, fuhr

Herr Nettenmair noch mit gedämpfteren Tönen in seiner Strafpredigt fort. Er

sprach davon, wie Menschen sich Einbildungen zusammendichteten und sich

darüber ängsteten, wie über wirkliche Dinge; wie die Gedanken dem Menschen

über den Kopf wüchsen und ihm keine gute Stunde ließen, wenn er nicht gleich

im Anfang sich ihrer erwehre. Es war, als wollte der alte Herr sich über sich

selbst lustig machen. Er dachte nicht daran, daß er Valentin über seinen eigenen

Fehler abkanzelte. Dagegen fühlte sich Valentin beschämt, als treffe ihn die

Strafe verdientermaßen; und er hörte dem alten Herrn mit Andacht und

Zerknirschung zu, bis der Blechschmiedgesell hereinkam. Herr Nettenmair faßte

den Stock, den ihm Valentin in die Hände gab, setzte den Hut tief in die Stirne,

um der Welt so viel als möglich von dem unfreiwilligen Geständnis der toten

Augen zu entziehen, und schüttelte sich majestätisch in dem blauen Rock

zurecht. Valentin wollte ihn führen, aber er sagte: „die Frau braucht Ihn, und Er

wird wissen, was Er in meinem Hause zu tun hat.“ Valentin verstand den Sinn

der diplomatischen Rede. Der alte Herr machte ihn verantwortlich für das

Benehmen der Frau. Herr Nettenmair aber wandte sich nun dahin, wo des

Blechschmiedegesellen Respekt in ein leises Räuspern ausbrach, und fragte ihn,

ob er Zeit habe, ihn bis auf das Turmdach von Sankt Georg zu begleiten, wo sein

älterer Sohn arbeite. Der Blechschmied bejahte. Valentin wagte noch den

Vorschlag, Herrn Fritz lieber rufen zu lassen. Der alte Herr sagte grimmig: „ich

muß ihn oben sprechen. Es ist wegen der Reparatur.“ Darauf wandte er sich

wieder zu dem Blechschmiedegesellen. „Ich werde Seinen Arm nehmen,“ sagte

er mit herablassendem Grimm. „Ich leide etwas an den Augen, aber es hat nichts

zu sagen.“

Valentin sah den Gehenden eine Weile kopfschüttelnd nach. Als der alte Herr

aus seinen Augen war, fiel die Zuversicht, die er der resoluten Gegenwart des

alten Herrn verdankte, wieder zusammen. Er schlug die Hände ineinander vor

Angst; da ihm aber einfiel, er stehe in der Haustür und sei verantwortlich für

jedes Gerede, das der Ausdruck seiner „Einbildungen“ veranlassen konnte, tat er,

als habe er die Hände ineinandergelegt, um sie behaglich zu reiben.

Der Blechschmiedegeselle hatte gehört, Herr Nettenmair sei schon seit Jahren

blind; der selbst hatte ihm gesagt, sein Augenleiden sei unbedeutend; er merkte

aber bald, die Leute möchten doch recht haben. Nun nickte ein rasch Vorübergehender, und auf sein „Wie geht’s?“ lächelte der alte Herr wiederum:

„Ich leide etwas an den Augen, aber es hat nichts zu sagen.“ Über jeden andern

an Herrn Nettenmairs Stelle würde der Gesell gelacht haben; aber die mächtige

Persönlichkeit des alten Mannes setzte ihn so in Respekt, daß er den

Widerspruch seiner sinnlichen Wahrnehmung mit dessen Worten auf sich

beruhen ließ, und zugleich seinen Sinnen glaubte: Herr Nettenmair sei blind, und

Herrn Nettenmair selbst: es habe nichts zu sagen.

Das Erscheinen des alten Herrn auf der Straße war ein Wunder und sicherlich

würde es Aufsehen gemacht haben und der alte Herr durch hundert

Händeschüttler und Frager aufgehalten worden sein, hätte nicht ein anderes die

Aufmerksamkeit von ihm abgelenkt. Da lief ein halblaut und schnell

Ausgesprochenes durch die Straßen. Zwei, drei blieben stehen, das

Näherkommen eines Dritten, Vierten abwartend, der sich merken ließ, er wisse

das, was sie zehn andere ähnliche Gruppen bilden sahen. Dort verkündete es

einer im schnellen vorübereilen. Und immer begann es mit einem: „Wißt ihr

schon?“ das oft von einem: „Aber was ist denn geschehen?“ herausgefordert

war. Herr Nettenmair brauchte nicht zu fragen; er wußte, ohne daß es ihm einer

zu sagen brauchte, was geschehen war; aber er durfte sich nicht merken lassen,

wie er wußte, daß man eigentlich ihn hätte fragen müssen; man wollte nicht

allein wissen, was geschehen war; auch das wie und wodurch und das warum.

Der Blechschmiedegeselle meinte, Herr Nettenmair wollte an ihm niedersinken,

aber der alte Herr hatte sich nur an den Fuß gestoßen, „es hatte nichts zu sagen“.

Der Gesell fragte einen Vorübereilenden. „Ein Schieferdecker ist verunglückt in

Brambach.“ „Wie denn?“ fragte der Gesell. „Ein Seil ist zerrissen. Weiter weiß

man noch nichts.“ Herr Nettenmair fühlte, wie der Gesell erschrak, und daß er

über den Gedanken erschrak, der Sohn des Mannes war verunglückt, den er

führte. Er sagte: „Es wird in Tambach gewesen sein. Die Leute haben falsch

gehört. Es hat nichts zu sagen.“ Der Gesell wußte nicht, was er von der

Gleichgültigkeit des Herrn Nettenmair denken sollte. Der sagte zu sich, indem

das brennende Rot auf seine Wangen trat: „Ja, es muß sein. Es muß sein.“ Er

dachte daran, es gab etwas, womit man allen Gerichten, allen Untersuchungen

aus dem Wege gehen kann. Das Etwas, das er meinte, mußte ein hartes Etwas

sein; denn er biß die Zähne zusammen, als er mit dem Kopfe nickte und zu sich

sagte: „Es muß sein. Nun muß es sein.“ Der Gesell ging, den alten Herrn

führend, wie im Traume neben ihm die Turmtreppe von Sankt Georg hinan. Die

Leute hatten recht; Herr Nettenmair war doch ein eigener Mann!

Der alte Herr hatte gesagt, er müsse den Sohn auf dem Kirchendach sprechen

— wegen der Reparatur. Er hatte ohne Absicht in seiner diplomatischen Art

geredet.

Es mußte auf dem Kirchendache sein, und es galt eine Reparatur, aber nicht

die des Kirchendachs.

Zwischen Himmel und Erde ist des Schieferdeckers Reich. Zwischen Himmel

und Erde, hoch oben auf dem Kirchendach von Sankt Georg, schaffte Fritz

Nettenmair, als der alte Herr sich die Treppe zu ihm hinaufführen ließ. Hier

herauf war Fritz Nettenmair geflohen vor den Augen der Menschen, die er alle

auf sich gerichtet meinte, hier herauf hatte er sich geflüchtet, vor seinen

Gedanken in einen wütenden Fleiß. Er hatte die ganze Hölle in seiner Brust mit

heraufgebracht; und wie angestrengt er schaffte, der Schweiß, der ihm auf der

Stirne stand, war nicht der warme redlichen Mühens, es war der kalte Schweiß

der Gewissensangst. Er hämmerte Schiefer zurecht und nagelte sie fest, so

angstvoll hastig, als nagelte er den Weltenbau fest, der sonst einstürzen müßte in

der nächsten Viertelstunde. Aber seine Seele war nicht bei dem Hämmern, sie

war dort, wo unaufhörlich Stricke rissen und verunglückende Schieferdecker

polternd hinabstürzten in den gewissen Tod. Zuweilen hielt er plötzlich inne; es

war ihm, als müßte er hinunterrufen: „Nach Brambach! Er soll nicht die Leiter

besteigen! er soll sich nicht auf sein Fahrzeug setzen.“ Aber dann blieben die

vielen Hunderte, die wie Ameisen da unten durcheinanderliefen, in Schreck

versteinert stehen, und soviel Paar Augen, überfüllt mit Grauen und Abscheu,

starrten herauf, und der Häscher kam und stieß ihn vor sich her die Treppe

herunter; und vielleicht war es doch zu spät! Dann einmal faltete er die Hände

über den Deckhammer und gelobte: stürbe Apollonius nicht, er will ein braver

Mann werden. Er denkt nicht, daß ihn das reuen wird, sobald er Apollonius

gerettet weiß. — Da kommt jemand die Treppe herauf — ist’s der Häscher

schon? Nein. Es weiß niemand, was er getan. Er verzerrt sein Gesicht in Trotz

und fragt: „Wer will mir was anhaben?“ Jetzt hört er Stimmen, und die Klänge

der einen davon treffen wie Hammerschläge auf sein gequältes Herz. Das ist die

einzige Stimme, die er hier zu hören nicht erwartet. Wird der fragen, dem sie

gehört: „Wo ist dein Bruder Abel hin?“ Nein. Er will dem Sohne sagen, daß

jener verunglückt ist; er meint, es ist ein Unglückstag und er soll heute nicht

mehr arbeiten. Und fragt er doch, die Antwort ist fast so alt als das

Menschengeschlecht: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Dabei kommt’s ihm

wie eine Erleichterung, daß ihm einfällt, der Vater ist blind. Denn er weiß, seine

sehenden Augen könnte er jetzt nicht ertragen. Er hämmert und nagelt immer

hastiger. Er würde dem Vater ausweichen, wenn er könnte, aber der Dachstuhl ist

schmal und der Alte spricht schon am Aussteigeloch im Dache. Er will ihn nicht

eher bemerken, als bis er muß. „Nun ist’s schon gut,“ hört er den Alten sagen.

„Mach’ Er Seinem Meister mein Kompliment; und da ist etwas für Ihn. Trink’ Er

eine Gesundheit dafür.“ Fritz Nettenmair hört, der alte Herr setzt sich auf die

bloßgelegte Latte im Aussteigeloch, und weiß, der alte Herr füllt die ganze Öffnung mit seiner Gestalt. Er hört den Dank des Gesellen und seine Tritte, wie

sie immer ferner klingen.

„Schönes Wetter,“ sagt Herr Nettenmair. Der Sohn errät, der Alte will wissen,

ob noch jemand in der Nähe ist. Es antwortet niemand; Fritz Nettenmair stirbt

der Ton in der Brust; er hämmert immer lauter und hastiger. Er wünscht, die

Stunde, der Tag, das Leben wär’ zu Ende. „Fritz,“ ruft der Alte. Er ruft noch

einmal, und er ruft noch einmal. Fritz Nettenmair muß endlich antworten. Er

denkt an den Ruf: „Kain, wo bist du?“ „Hier, Vater,“ entgegnet er und hämmert

fort.

„Der Schiefer ist fest,“ sagte der Alte gleichgültig; „ich hör’s am Klange; er

blättert nicht.“

„Ja,“ entgegnete Fritz mit klappernden Zähnen, „er nimmt kein Wasser.“

„Er ist besser geworden als früher,“ fährt der Alte fort; „sie sind tiefer in den

Bruch hineingekommen. Es scheint, du bist allein.“ Ein „Ja“ erstirbt im Munde

des Sohnes. „Je tiefer er lagert, desto fester ist das Gestein. Ist keine Rüstung

weiter in der Nähe?“

„Keine.“

„Gut. Komm hierher. Hier vor mich.“ —

„Was soll ich?“

„Hierher kommen. Was gesagt sein muß, muß leise gesagt sein.“

Fritz Nettenmair trat, in allen Gelenken schlotternd, vor den Vater. Er wußte,

der war blind, und doch suchte er seinem Blicke auszuweichen. Der Alte rang

nach Fassung, aber davon sprach kein Zug in dem verwitterten Gesicht; nur die

Dauer seines Schweigens und sein Atem, der das schwere, ächzende Wandeln

des Perpendikels an der nahen Turmuhr wie ein müdes Echo nachzuklingen

schien. Fritz Nettenmair ahnte aus den Vorbereitungen, was kommen müsse. Er

rang nach Trotz. Wenn er’s in seinem Argwohn errät, wer will mir’s beweisen?

Und könnt’ er’s beweisen, er gibt mich nicht an; davor bin ich sicher. Warum

auch sonst will er leise reden? mag er sagen, was er will, ich weiß nichts, ich bin

nichts gewesen, ich hab’ nichts getan. Sein Gesicht rang sich aus dem Zittern

aller Muskeln bis zum wildesten Ausdrucke des Trotzes hindurch. Der alte Herr

schwieg noch immer. Gedämpft klang das Treiben der Straßen in die Höhe

herauf; unten lag schon violetter Schatten, um das Fahrzeug Apollonius’ bebte

der letzte Sonnenstrahl. Etwas ferner rauschte ein Zug vom Felde heimkehrender

Tauben vorbei. Es war ein Abend voll Gottesfrieden. Tief unten weit hingedehnt

die grüne Erde; oben hoch der Himmel, wie ein Kelch aus blauem Kristall

darüber gedeckt. Kleine, rosige Wölkchen wie Flocken hingestreut. Der Lärm

von unten erlosch immer mehr. Die Luft trug einzelne Töne einer fernen Glocke

mit sich und schlug sie leise spielend wie wiederkehrende Wellen gegen das Dach. Dort über der nächsten grünen Höhe, wo sie herkommen, liegt Brambach.

Es muß das Abendgeläute von Brambach sein. Hoch am Himmel und tief auf der

Erde, überall Gottesfrieden und süß aufgelöstes Hinsehnen nach Ruhe. Nur

zwischen Himmel und Erde die beiden Menschen auf dem Kirchdach zu Sankt

Georg fühlen nicht seine Flügel. Nur über sie vermag er nichts. In dem einen

brennt der Wahnsinn überreizten Ehrgefühls, in dem andern alle Flammen, alle

Qualen der Hölle.

„Wo ist dein Bruder?“ drang es endlich zwischen den Zähnen des einen

hervor.

„Ich weiß nicht. Wie soll ich’s wissen?“ bäumt sich im andern der Trotz.

„Du weißt nicht?“ Der alte Herr flüsterte nur, aber jedes seiner Worte schlug

wie ein Donner in die Seele des Sohnes. „Ich will dir’s sagen. Drüben in

Brambach liegt er tot. Das Seil ist über ihm zerrissen und du hast’s mit

Beilstichen zerschnitten. Der Nachbar hat dich in den Schuppen schleichen sehn.

Du hast vor deiner Frau gedroht, du willst es tun. Die ganze Stadt weiß es; eben

tragen sie’s in die Gerichte. Der erste, der nun die Treppe heraufkommt, ist der

Häscher, der dich vor den Richter führt.“ —

Fritz Nettenmair brach zusammen; die Rüstung knackte unter ihm. Der Alte

horchte auf. Fiel der Elende am Rande des Gerüstes zusammen, so stürzte er

hinab in die Tiefe, und alles war vorüber! Alles, was sein mußte, war getan! Eine

Lerche stieg aus einem nahen Garten in die Höhe und streute ihr lustiges Tirili

über Bäume und Häuser hin. Glücklichere Menschen hörten den Gesang aus der

Ferne; Arbeiter ließen den Spaten ruhen, Kinder Peitsche und Kreisel, und

suchten mit himmelaufgewandten Augen den schwebenden Punkt, und horchten

mit verhaltenem Atem hinauf. Der alte Herr Nettenmair hörte die nahe Lerche

nicht; er hielt auch den Atem an, aber er horchte hinunter, nicht hinauf. Und es

war nichts, das wie Lerchengesang klingt, was er erhorchen wollte. Es war ein

Poltern auf dem Dach unter ihm, ein gebrochener Angstruf. Er horchte erst voll

Hoffnung, dann voll Angst. Nichts klingt herauf. Vor ihm auf den Brettern des

Gerüstes röchelt ein schwerer Atem. Er hört, der Zufall, der ihm mitleidig

helfend vorgreifen konnte, hat es nicht getan. Er muß es tun, denn getan muß es

sein. Sonst zeigen die Menschen mit den Fingern auf die Kinder: Die sind’s,

deren Vater seinen Bruder erschlug und auf dem Hochgericht oder im

Zuchthause starb. Und wo es längst vergessen ist, da dürfen sie sich nur zeigen,

da wird es wieder wach; da deuten die Menschen wieder mit den Fingern und

wenden mit Schaudern sich von ihnen ab. Das Vertrauen, das er von den Eltern

erbt, ist das Kapital, womit der Mensch anfängt. Es muß ihm erwiesen werden,

eh’ er’s hat verdienen können, damit er lernt, Vertrauen zu verdienen. Wer wird

ihnen Vertrauen erweisen, die mit ihres Vaters Schande gezeichnet gehen? Wie sollen sie Vertrauen verdienen lernen? Mitten unter den Menschen von den

Menschen ausgestoßen, müssen sie nicht werden, wie ihr Vater war? Und sein

eigenes langes Leben voll Anstrengung, Ehre zu erwerben und zu bewahren,

wird rückwärts angesteckt von des Sohnes Schmach. Die Kinder hält man für

fähig zu tun, wie der Vater tat, und es kann kein ehrlicher Vater gewesen sein,

der solchen Sohn hatte! — Immer brennender glühte die Röte auf der

eingefallenen Wange; die zusammengesunkene Brust richtete sich keuchend

empor. Er machte unwillkürlich eine vordeutende Bewegung mit dem Arm. Fritz

Nettenmair ahnte ihren Sinn und wollte sich aufraffen und wäre wieder

umgesunken, stützte er sich nicht mit beiden Händen. So lag er auf Händen und

Knien vor dem Alten, als er den Angstruf ausstieß: „Was willst du, Vater? Womit

gehst du um?“

„Ich will sehen,“ erwiderte der Alte mit pfeifendem Flüstern, „ob ich’s tun

muß oder ob du’s tun wirst, was getan sein muß. Und getan muß es sein. Noch

weiß niemand etwas, was zur Untersuchung führen kann vor den Gerichten, als

ich, deine Frau und der Valentin. Für mich kann ich stehen, aber nicht für die,

daß sie nicht verraten, was sie wissen. Wenn du jetzt herabfällst von der

Rüstung, so daß die Leute meinen können, du bist ohne Willen verunglückt,

dann ist die größte Schande verhütet. Der Schieferdecker, der verunglückt, steht

vor der Welt als ein ehrlicher Toter, so ehrlich als der Soldat, der auf dem

Schlachtfeld gestorben ist. Du bist einen solchen Tod nicht wert, Bankrottierer.

Dich sollte der Henker auf einer Kuhhaut hinausschleifen auf den Richtplatz,

Schandbube, der du den Bruder umgebracht hast und hast vergiften wollen das

zukünftige Leben der unschuldigen Kinder und mein vergangenes, das voll Ehre

gewesen ist. Du hast Schande genug gebracht über dein Haus, du sollst nicht

noch mehr Schande darüber bringen. Von mir sollen sie nicht sagen, daß mein

Sohn, und von meinen Enkeln nicht, daß ihr Vater auf dem Blutgerüst oder im

Zuchthause gestorben ist. Du betest jetzt ein Vaterunser, wenn du noch beten

kannst. Dann wendest du dich, als wolltest du wieder zu deiner Arbeit gehen,

und trittst mit dem rechten Fuß über die Rüstung. Sag’ ich, der Schreck über

seines Bruders Unglück hat ihn schwindeln gemacht: mir glauben’s die Gerichte

und die Stadt. Das ist’s, was ein Leben einbringt, das anders gewesen ist als

deins. Tust du’s nicht gutwillig, so stürz’ ich mit dir hinab und du hast auch mich

auf deinem Gewissen. Die Leute wissen, ich leide an den Augen; ich bin

gestrauchelt und hab’ mich an dir anhalten wollen und hab’ dich mitgerissen.

Meines Lebens ist nach dem, was ich heut’ erfahren hab’, keine Dauer mehr und

kein Wert; ich bin am Ende, aber die Kinder fangen erst an. Und auf den Kindern

soll keine Schande haften, so wahr ich Nettenmair heiße. Nun besinn’ dich, wie

es werden soll. Ich zähle fünfzehn Paar Schläge an dem Perpendikel dort.“

Fritz Nettenmair hatte mit wachsendem Entsetzen die Rede des Vaters gehört.

Daß seine Tat noch nicht öffentlich bekannt war, gab ihm Hoffnung. Die Angst

vor dem gedrohten Tode weckte einen Teil seiner Kräfte wieder. Er flüchtete sich

wieder in seinen Trotz. Hastig sagte er, nachdem der Alte ausgeredet hatte: „Ich

weiß nicht, was du willst. Ich bin unschuldig. Ich weiß nicht, was du da von

Beilstichen sagst.“ Er erwartete, der Vater würde auf seine Einwendungen

eingehen, wenn auch erst ungläubig. Aber der Alte begann ruhig zu zählen.

„Eins — zwei.“ — „Vater,“ fiel er ihm mit steigender Angst in das Zählen, und

der Trotz seines Tones brach im Flehen: „Hör’ mich doch nur. Die Gerichte

hören einen und du hörst mich nicht. Ich will mich ja hinunterstürzen, weil du

mich tot haben willst, ich will sterben, wenngleich unschuldig. Aber höre mich

nur erst!“ Der alte Herr entgegnete nicht; er zählte fort. Der Elende sah, sein

Urteil war gesprochen. Der Vater glaubte nicht, was er auch sagen mochte; und

er wußte, was der eigensinnige alte Mann sich einmal vorgenommen, das führte

er unerbittlich aus. Er wollte sich darein ergeben, da kam ihm der Gedanke, noch

einmal zu flehen; dann fiel ihm ein: er konnte den Alten zurückwerfen und über

ihn hin entfliehen, dann: er wollte sich anhalten, wenn der Alte sich an ihn hing,

um nicht mitzustürzen. Das konnte ihm kein Mensch verdenken. Dazwischen

sah er schaudernd, was ihn erwartete, wenn er floh und die Gerichte faßten ihn

doch. Es war besser, er starb jetzt. Aber noch Schrecklicheres erwartete ihn über

dem Tode drüben. Er sann zurück und lebte sein ganzes Leben im Augenblicke

noch einmal durch, um zu finden, der ewige Richter konnte ihm verzeihen. Seine

Gedanken verwirrten sich; er war bald dort, bald da, und hatte vergessen,

warum. Er sah die Nebel sich ballen, in denen der Gesell verschwunden war,

zugleich sah er zu den hellen Fenstern des roten Adlers auf, es klang: „Da

kommt er ja! Nun wird’s famos!“ Er stand an den Straßenecken und zählte und

die Bretter wollten unter Apollonius nicht brechen, die Stricke über ihm nicht

reißen; er stand wieder vor der Frau und sagte über des sterbenden Ännchens

Bett gebeugt: „weißt du, warum du erschrickst?“ und holte aus zu dem unseligen

Schlage; selbst daß er vor dem Vater dalag und hin und her sann in gräßlich

angstvoller Hast, kam ihm vorüberfliehend wie in einem Fiebertraum. Dann

war’s ihm, als käme er zu sich und unendliche Zeit sei vergangen zwischen dem

Augenblick, wo der Vater die Perpendikelschläge zu zählen begonnen, und jetzt.

Es müsse ja alles gut sein. Er müsse sich nur besinnen, ob er über den Vater

hinweggeflohen, oder ob er sich angehalten als ihn der Vater mit sich

hinunterreißen wollte. Aber da lag er noch, dort saß der Vater noch. Er hörte ihn

„Neun“ zählen und dann schweigen. Die Besinnung verließ ihn völlig.

Der alte Herr aber schwieg wirklich. Er zählte nicht mehr. Sein scharfes Ohr

hörte einen eilenden Schritt auf der Treppe. Er griff nach dem Sohne und hielt ihn, wie um seiner gewiß zu sein, daß er ihm nicht entgehe. Er fühlte an der

Kälte und Widerstandslosigkeit des Gliedes, das er gefaßt, es sei unnötig, den

Sohn zu halten! er müsse ohnmächtig sein. Eine neue Sorge wuchs ihm daraus.

War der Sohn ohnmächtig, so mußte er, wenn möglich, das fremden Blicken

entziehen. Auch diese Ohnmacht konnte den Verdacht entstehen oder wachsen

machen. Er erhob sich und wandte sich von der Dachluke nach dem

Kommenden. Er war unschlüssig, sollte er die Luke mit seinem Körper decken

oder dem Kommenden entgegengehen. Der Geselle, den er vorhin nach

Brambach geschickt — denn dieser war’s, der so eilig kam — hustete auf der

Treppe. Den konnte er abhalten von der Rüstung; ja, er konnte ihm vielleicht den

Anblick des darauf Liegenden entziehen, wenn er ihm entgegenging und ihn

noch auf der Treppe abfertigte. So vielleicht gewisser, als wenn er vor der Luke

stehen blieb, da es wahrscheinlich war, er verdecke dieselbe doch nicht völlig.

Jetzt fühlte der alte Herr erst, wie das, was er heute erfahren, seine Kräfte

gelähmt. Aber der Gesell merkte nichts davon als er den alten Herrn, an den

Treppenbalken gelehnt, ihm den Weg versperren sah.

„Soll ich ihn herholen, Herr Nettenmair?“ fragte der Geselle, indem er auf der

Treppe stehen blieb.

„Wen?“ fragte Herr Nettenmair dagegen. Er hatte Mühe, seine künstliche

Ruhe zu bewahren. War der Geselle in Brambach gewesen, so konnte er nicht so

ruhig sprechen, er mochte sprechen, von wem er wollte.

„Nun, er wird nunmehr daheim sein,“ entgegnete der Geselle. Der alte Herr

wiederholte seine Frage nicht, er mußte sich an dem Balken festhalten, an dem

er lehnte. „Er war schon auf dem Wege,“ fuhr der Geselle fort; „ich bin mit ihm

ans Tor gegangen. Da hat er mich zum Blechschmied geschickt, ich sollte

fragen, ob das Blechzeug endlich fertig wär. Der Jörg sagte, er hätt’s schon

hingeschafft, und käm’ eben vom Turmdach von Sankt Georg, da hätt’ er den

alten Herrn Nettenmair hinaufgeführt. Da hab’ ich gemeint, er wird noch oben

sein; und weil’s so eilig war, wollt’ ich ihn fragen, ob ich vielleicht den Herrn

Apollonius heraufschicken soll.“

Jetzt erst gelang’s Herrn Nettenmair, den Balken, an dem er sich hatte

festhalten müssen, herauf und herunter zu betasten, als ob er ihn nur umfaßt, um

ihn zu untersuchen. Da er fühlte, seine Hände zitterten, gab er seine

Untersuchung auf. Er sagte so grimmig, als er im Augenblick vermochte: „Ich

komme selber hinunter. Wart’ Er auf dem Absatz, bis ich Ihn rufe.“ Der Geselle

gehorchte. Herr Nettenmair schöpfte tief Atem, als er sich nicht mehr beobachtet

wußte. Aus dem Atem ward ein Schluchzen. Jetzt, da der Seelenkrampf, in dem

er sich seit Valentins Mitteilung befunden, sich zu lösen begann, trat erst der

Vaterschmerz hervor, den die leidenschaftliche Anstrengung für die Ehre des Hauses bisher nicht zu Worte hatte kommen lassen. Er fand nun erst Zeit, das

Unglück des rechtschaffenen Sohnes zu beweinen, als sich zeigte, es hatte ihn

nicht getroffen. Aber es fiel ihm ein, der brave Sohn schwebt noch immer in der

gleichen Gefahr, so lange der Schlimme sich in seiner Nähe befindet. Auch

diesen Fall hatte er in seinem Plane vorgesehen und sich gesagt, was er dann tun

müsse. Die bisherige Kraft, die nur eine angemaßte war, hätte ihn mit dem

Krampfe verlassen, galt es nicht noch immer die Rettung des braven Sohnes und

die Ehre seines Hauses. Er tastete sich nach der Dachluke hin. Fritz Nettenmair

war unterdes aus seiner Betäubung wieder erwacht, und es war ihm gelungen,

aufzustehen. Der alte Herr hieß ihn von der Rüstung hereintreten und sagte:

„Morgen vor Sonnenaufgang bist du nicht mehr hier. Sieh, ob du in Amerika

wiederum ein anderer Mensch werden kannst. Hier bist du in Schande und

bringst Schande. Nach mir gehst du heim; Geld sollst du haben; du machst dich

fertig. Du hast seit Jahren nichts für Weib und Kind getan, ich sorge für sie. Vor

Tagesanbruch bist du auf dem Weg. Hörst du?“

Fritz Nettenmair wankte. Eben noch hatte er dem unausbleiblichen Tode in die

Augen gesehen; nun sollte er leben! Leben, wo niemand wußte, was er getan, wo

ihn nicht jedes zufällige Geräusch mit dem Wahnbild des Häschers schrecken

durfte. In diesem Augenblicke fühlte er selbst das als ein Glück, daß er fern sein

sollte von dem Weibe, um das er alles getan, was er getan, und in deren

Anschauen er Tag für Tag alles mitsehen sollte, was er getan; die seine Tat

wußte, von der jeder Blick eine Drohung war, ihn der Vergeltung zu überliefern.

Es graute ihm vor dem Hause, in dem ihn stündlich alles erinnern mußte an das,

was er unter dem fremden Himmel ganz zu vergessen hoffte, und sich

vormachte, durch ein neues Leben abbüßen zu wollen. Am liebsten wäre er

sogleich unmittelbar von der Stelle, wo er jetzt stand, dem Rettungshafen

zugeeilt.

„Apollonius ist nicht gestürzt,“ fuhr der Alte fort und Fritz Nettenmairs ganzer

neuer Himmel versank. Das alte Gespenst hatte ihn wieder in seinen Fäusten.

Nun liebte er wieder das Weib, das zu fliehen er eben noch sich gefreut. Mit dem

Gegenstande seines Hasses lebte der Haß und die Liebe wieder auf, und beide

waren Höllenflammen. Er meinte, alles habe er gekonnt; Sterben war ein Scherz,

lag nur auch der Nebenbuhler tot. Gewissensangst, das drohende Jenseits, alles

war erträglich, nur eins nicht: sie in seinen Armen zu wissen. Der Alte hatte des

Sohnes Ja erwartet. „Du gehst,“ sagte er, als dieser schwieg. „Du gehst. Du bist

morgen vor Tag noch auf dem Weg nach Amerika, oder ich bin auf dem Weg in

die Gerichte. Soll Schande sein, so ist’s besser bloße Schande, als Schande und

Mord. Denk’, ich hab’s geschworen, und nun tu’, was du willst.“

Der alte Herr rief den Gesellen herauf und ließ sich heimführen.

Weiter: Teil 7 von 9