Zwischen Himmel und Erde

Otto Ludwig · Kapitel 3 von 3 · Teil 5/9

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Zwischen Himmel und Erde

Zwischen Himmel und Erde

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 9 Teile geteilt.

abgeneigt? sie kann dich nicht leiden? Ja, du weißt’s noch nicht, wie sehr. Ich

darf nur fort sein, so wird sie dir’s sagen. Dann wird dir’s schlecht gehen! Sie

wird dich erdrücken, damit du ihr’s glaubst. Wenn ich dabei bin, sagt sie’s nicht.

So was sagt eine nicht, wenn der Mann dabei ist, wenn sie brav ist, wie die.

Warum sagst du nicht, du kannst auch sie nicht leiden? O, ich hab’ schon keinen

Verstand mehr! Ich glaub’ schon alles, was ihr mir sagt!“

Fritz Nettenmair war in der Vergeßlichkeit der Leidenschaft überzeugt, die

beiden hatten das Märchen von der Abneigung erfunden.

Apollonius stand erschrocken. Er mußte sich sagen, was er nicht glauben

wollte. Der Bruder las in seinem Gesichte Schrecken über ein aufdämmerndes Licht, Unwille und Schmerz über Verkennung. Und es war alles so wahr, was er

sah, daß er selbst es glauben mußte. Er verstummte vor den Gedanken, die wie

Blitze ihm durch das Hirn schlugen. So war’s doch noch zu verhindern gewesen!

noch aufzuhalten, was kommen mußte! Und wieder war er selbst — — Aber

Apollonius — das sah er trotz seiner Verwirrung — zweifelte noch und konnte

nicht glauben. So war sein Wahnsinn wohl noch gut zu machen, so war es

vielleicht noch zu verhindern, so war noch aufzuhalten, was kommen mußte, und

wenn auch nur für heut’ und morgen noch. Aber wie? wenn er einen wilden

Scherz daraus machte? Dergleichen Scherze fielen an ihm nicht auf, und

Apollonius war ihm ja schon wieder der Träumer geworden, der alles glaubte,

was man ihm sagte. Und er selbst wieder einer, der das Leben kennt, der mit

Träumern umzugehen weiß. Er mußte es wenigstens versuchen. Aber schnell,

ehe Apollonius die Fremdheit des Gedankens überwunden, mit dem er kämpfte.

Er brach in ein Gelächter aus, eine schaurige Karikatur des jovialen Lachens,

womit er sich ehedem seine eigenen Einfälle zu belohnen pflegte. Es war

verwünscht, daß Apollonius sich glauben machen ließ, Fritz Nettenmair sei

eifersüchtig! Der joviale Fritz Nettenmair! Und noch dazu auf ihn. Es war noch

nichts Verwünschteres auf der Welt passiert als das! Er las in der Frau Gesicht,

wie die Wendung sie erleichterte. Er wagte es, sich auf sie zu berufen, wie

verwünscht das sei. Ihre Bejahung machte ihn noch kühner. Er lachte nun über

die Frau, die so verwünscht sei, ihm zornig vorzuhalten, daß er sie von der

Gnade des Gehaßten abhängig gemacht, und lachte, daß daher die kleinen

Ehezwiste kamen. Er lachte über Apollonius, daß er einen kleinen Zank so ernst

nahm. Wo waren die Eheleute, bei denen dergleichen nicht vorkam? Man sah

eben, daß Apollonius noch ein Junggeselle war!

Apollonius hörte von der Hausflur die Stimme des Bauherrn, der nach ihm

fragte; er ging rasch hinaus, damit der Bauherr nicht hereinkomme und Zeuge

des Auftritts werde. Der Bruder hörte sie zusammen weggehen. Er war noch

keineswegs beruhigt. Das ehrliche Gesicht Apollonius’ hatte, als er hinausging,

noch immer mit dem Gedanken gekämpft. Fritz Nettenmair war voll Wut über

sich selbst und mußte sie an der Frau auslassen. Er fühlte in dem Augenblick,

daß er alles tue, was ein Weib schlecht machen kann. Ihr Blick verriet ihm, wie

sie sich selbst verachtete wegen des Ja, das sie sich hatte abzwingen lassen

müssen, wie sie sich sagte, daß nun nichts mehr an ihr zu verderben sei. Er

mußte es fürchten, wenn sie das sich selbst sagte. Er durfte sie soweit nicht

kommen lassen. Er wußte das, und gleichwohl höhnte er, sie könne ja auch

lügen, so geschickt, als irgendeine. Er war nie sein Herr gewesen; jetzt war er es

weniger als je.

In Fritz Nettenmair kämpfte heute eine Leidenschaft die andere nieder. Die

wüste Gewohnheit, im Trunk sich zu vergessen, zog ihn an hundert Ketten aus

dem Hause; die Furcht der Eifersucht hielt ihn mit tausend Krallen darin fest.

Hatte der Bruder noch nicht daran gedacht, was er haben konnte, wenn er nur

wollte; er selbst hatte ihn nun auf den Gedanken gebracht. Und war der Bruder

so brav, als er sich stellte, seine alte Liebe, die Liebe und Schönheit der Frau —

Fritz Nettenmair hatte es nie so lebhaft gefühlt, wie schön die Frau war — seine

eigene Abhängigkeit von Apollonius, der Haß der Frau gegen ihn, die

Gelegenheit des Zusammenwohnens, und, was all diesen Dingen erst die Gewalt

gab über seine Furcht, das Bewußtsein seiner Schuld! Und war Apollonius so

brav, als er sich stellt — solchen Mächten gegenüber kann er ihm nicht trauen.

Den ganzen Tag rechnete er an seiner Angst herum und ließ seine Frau nicht aus

seinen Augen. Erst wie es ruhig wird um ihn, die Frau die Kinder zu Bett

gebracht hat und selbst zur Ruhe gegangen ist, erst als er kein Licht mehr sieht in

Apollonius’ Fenstern, da lassen ihn die Krallen und die Ketten ziehen desto

stärker. Er verschließt die Hintertür, die Apollonius von den Räumen des Hauses

trennt, er schiebt auch noch den Riegel vor, er schließt sogar die Treppentür der

Emporlaube und zuletzt die Tür, durch die er geht. Er hat Ursache zu eilen, ohne

daß er es weiß. Der Geselle darf nicht lang mehr warten. Fritz Nettenmair weiß

es noch nicht: Apollonius hat es beim Grubenherrn dahin gebracht, daß der

Geselle aus der Arbeit entlassen ist; und bei der Polizei, daß er morgen sich nicht

mehr in der Gegend betreten lassen darf. Der Geselle ist fertig zur Abreise; von

dem Wirtshause hinweg geht er in die weite Welt; er will nur noch Abschied

nehmen von seinem ehemaligen Herrn und ihm noch etwas sagen.

Es gibt nicht viel mehr auf der Welt, woran Fritz Nettenmair hängt. Der Weg,

den er geht, führt immer weiter ab von dem, was ihm das Liebste war; es ist

unwiederbringlich für ihn verloren. Der Bewunderte und Geschmeichelte wird er

nie wieder. An seiner Frau hängt er nur noch durch die glühende Kette der

Eifersucht gefesselt. An dem Vater hat er nie gehangen; den Bruder haßt er. Er

haßt und weiß sich gehaßt oder glaubt sich gehaßt in seinem Wahn. Das kleine

Ännchen würde sich an ihn drängen mit aller Kraft eines liebebedürftigen

Kinderherzens, aber er scheucht das Kind mit Haß von sich; sie ist ihm „der

Spion“. Nur an einem Menschen hängt noch sein Herz, an dem, der es am

wenigsten um ihn verdient. Er kennt ihn und weiß, der Mensch hat ihn betrogen,

hat geholfen, ihn zugrunde zu richten, und dennoch hängt er an ihm. Der Mensch

haßt Apollonius, er ist der einzige außer ihm, der Apollonius haßt, und deshalb

hängt Apollonius’ Bruder an ihm!

Fritz Nettenmair begleitete den Gesellen eine Strecke Wegs. Der Geselle will

schneller ausschreiten und dankt darum für weitere Begleitung. Wenn andre scheiden, ist ihr letztes Gespräch von dem, was sie gemeinsam lieben; das letzte

Gespräch Fritz Nettenmairs und des Gesellen ist von ihrem Haß. Der Geselle

weiß, Apollonius hätte ihn gern in das Zuchthaus gebracht, wenn er gekonnt.

Wie sie nun einander scheidend gegenüberstehen, mißt der Geselle den andern

mit seinem Blick. Es war ein böser, lauernder Blick, ein grimmig verstohlener

Blick, welcher Fritz Nettenmair fragte, ohne daß er es hören sollte, ob er auch

reif sei zu irgend etwas, was er nicht aussprach. Dann sagte er mit einer heiseren

Stimme, die einem andern aufgefallen wäre, aber Fritz Nettenmair war die

Stimme gewöhnt: „Und was ich sagen wollte: ihr werdet bald Trauer haben. Ich

hab’ ihn neulich gesehen.“ Er brauchte keinen Namen zu nennen, Fritz

Nettenmair wußte, wen er meinte. „Es gibt Leute, die mehr sehen, als andere,“

fuhr der Geselle fort. „Es gibt Leute, die einem Schieferdecker ansehen, wenn er

noch in dem Jahre herunter muß, daß sie ihn getragen bringen und sehen ihn

daliegen, nur er selber nicht mehr. Ein alter Schieferdeckergesell hat mir das

Geheimnis gesagt, wie man zu dem „Fronweißblick“ kommt. Ich hab’ ihn. Und

nun leb’ wohl. Und ergib dich drein, wenn sie ihn getragen bringen.“

Der Geselle war von ihm geschieden; seine Schritte verklangen schon in der

Ferne. Fritz Nettenmair stand noch und sah in die weißgrauen Nebel hinein, in

denen der Geselle verschwunden war. Sie hingen wagrecht über den Wiesen an

der Straße wie ein ausgebreitet Tuch. Sie stiegen empor und verdichteten sich zu

seltsamen Gestalten, sie kräuselten sich, flossen auseinander und sanken wieder

nieder, sie bäumten wieder auf. Sie hingen sich in das Gezweig der Weiden am

Weg, und wie diese bald verhüllten, bald frei ließen, schien es ungewiß, gerann

der Nebel zu Bäumen, oder zerflossen die Bäume zu Nebel. Es war ein

traumhaftes Treiben, ein unermüdlich Weben ohne Ziel und Zweck. Es war ein

Bild dessen, was in Fritz Nettenmairs Seele vorging, ein so ähnlich Bild, daß er

nicht wußte, sah er aus sich heraus oder in sich hinein. Da war ein nebelhaftes

Herabbiegen und Händezusammenschlagen um eine bleiche Gestalt am Boden,

dann ein langsam wallender Leichenzug; und bald war es der Feind, bald war es

der Bruder, der dort lag, den sie trugen. Bald zuckte es in greller Schadenfreude

auf, bald sank es in Mitleid zusammen, bald mischten sich beide und das eine

wollte das andere verstecken. Der dort lag, den sie trugen, ihm verzieh er alles.

Er weinte um ihn; denn durch die Pausen des Grabgesangs klang leise ein

lustiger Schottischer, den die Zukunft aufstrich: „Da kommt er ja! Nun wird’s

famos.“ Und neben dem Toten lag unsichtbar eine zweite Leiche, seine Furcht

vor dem, was kommen mußte, lag der arme Bruder nicht tot. Und im Sarg trieb

verstohlen Fritz Nettenmairs altes joviales Glück neue Keime. Fritz Nettenmair

fühlt sich einen Engel; er wünscht, der Bruder müßte nicht sterben, weil — er

weiß, daß der Bruder sterben muß.

Er geht noch immer im Nebel, als das Pflaster der Stadt schon wieder unter

seinen Tritten hallt. Sein Weg führt ihn am roten Adler vorüber. Die Saalfenster

sind erleuchtet, Musik klingt herab. Fritz Nettenmair bleibt stehen und sieht

hinauf und bewegt unwillkürlich die Hand in der Tasche, wie sonst, als er noch

Geld darin hatte, damit zu klappern. Er hat den Gesellen, den letzten Freund, von

dem er mit Schmerz geschieden, schon vergessen. „Der Gesell ist ein schlechter

Kerl; gut, daß er fort ist.“ Er hat eine Vergangenheit vergessen, er vergißt die

Gegenwart, denn die Zukunft ist wieder sein; sie wohnt da oben und lacht mit

hellen Augen zu ihm herab. Er hat sich so sehr daran gewöhnt, alles, was ihn

drückt, mit seinem Bruder zusammenzudenken, daß er es mit ihm in ein Grab

steigen sieht. An die Zerrüttung seines Wohlstandes mag er sich nicht erinnern.

Er denkt nicht gern an unangenehme Dinge, ehe er sie fühlt. Ist es nicht genug,

daß er weiß, er wird den Bruder verlieren? Und wenn sich die Dinge selber ihm

aufdrängen, dann hilft ihm sein Leichtsinn. Wie er schnell darüber hindenkt,

findet er für alles Rat, und was ihm heute nicht einfällt, das wird ihm morgen

einfallen; morgen ist auch ein Tag. Und er ist einer, der —. Die Wendung, mit

der er in seinen Weg einschwenkt, gelingt ihm so jovial als je.

Es wird ihm doch wieder eigen zumut, denkt er sich, daß man zu der Tür, die

er eben aufschloß, einen Sarg heraustragen wird. Unwillkürlich macht er Platz,

wie um Sarg und Zug vor sich vorbeizulassen. „In das Unabänderliche,“ sagt er

leise, wie sich überhörend, was er einem Tröstenden zu antworten habe, wenn es

soweit sei, „in das Unabänderliche muß sich der Mensch ergeben.“ Und wie er

die Achsel zu den Worten zuckt, da wird er einen leisen, schlanken Lichtschein

gewahr. Ein Stück davon läuft über seinen Ärmel, ein anderes liegt wie

abgebrochen und herabgefallen neben ihm auf dem Pflaster. Er späht auf; der

Schein kommt daher, wo der untere Abschnitt des Ladens nicht fest an das

Fenstersims schließt. Drinnen in der Wohnstube ist Licht. „So spät?“ Der Atem

stockt dem Lauschenden, der Alp sitzt wieder auf seiner Brust. Der Bruder lebt

ja noch; und was kommen mußte, wenn er leben bliebe, kann noch kommen, ehe

er stirbt, oder — es ist schon da! Wie ihm die Hände fliegen, doch ist die Tür

leise wieder verschlossen und im Augenblick. Ebenso leise, ebenso schnell ist er

an der Hintertür. Sie ist nicht offen, aber nur einmal herumgeschlossen; und Fritz

Nettenmair weiß es, er kann schwören, er hat den Schlüssel zweimal im Schloß

herumgedreht, als er ging. Er schleicht und tappt sich zur Stubentür; er hat die

Klinke gefunden und drückt sie leise; die Tür geht auf; ein trüber Lichtschein

fällt auf die Flur. Der Schimmer kommt von einem verdeckten Lichte auf dem

Tisch; neben diesem steht im Schatten ein kleines Bett; es ist Ännchens Bett, und

ihre Mutter sitzt daran.

Christiane merkt nicht, daß die Tür sich öffnet. Sie hat den Kopf weit vornübergebeugt über das Bett; sie singt leise und weiß nicht, was sie singt; sie

horcht voll Angst, aber nicht auf ihren Gesang; ihre Augen würden weinen,

machten Tränen den Blick nicht trübe. Aber nun kann die Röte auf des Kindes

Wange wiederkommen, nun kann der eigene, fremde Zug um des Kindes Augen

und Mund verschwinden; und sie säh’ es nicht und ängstigte sich noch

vergeblich. Ihr ist es, als müßte jene wiederkehren und dieser gehen, wenn sie

sich nur recht angestrengt mühte, dieses Kehren und Gehen zu bemerken. Und

dabei kann sie doch noch daran denken, wie plötzlich das gekommen ist, was sie

so sehr beängstigt; wie das Ännchen auf einmal im Bette neben ihrem wie mit

fremder Stimme aufgeschrien, dann nicht mehr hat sprechen können; wie sie

aufgesprungen und sich angekleidet; wie sie in der Angst den Valentin, und

dieser, ohne ihr Wissen, den Apollonius geweckt. Der alte Gesell hatte alle

Schlüssel im Hause probiert, bis sich ergab, der Schuppenschlüssel schließe die

Hintertür; das wußte sie nicht. Desto lebendiger stand es vor ihr, wie Apollonius

hereingetreten, wie ihr bei seinem unerwarteten Kommen gewesen, wie sie voll

Schreck und Scham und doch voll wunderbarer Beruhigung sich gefühlt.

Apollonius hatte sogleich den Arzt, dann Arzneien geholt. Er hatte an dem

Bettchen gestanden und sich über das Ännchen gebeugt, wie sie jetzt tat. Er hatte

sie voll Schmerz angesehen und gesagt, Ännchens Krankheit komme von dem

ehelichen Zerwürfnis, und es werde nicht gesund, höre dies nicht auf. Er hatte

von den Wundern erzählt, die einer Mutter möglich würden, und wie sich der

Mensch bezwingen könne und müsse. Dann hatte er dem Valentin noch manches

des Ännchens wegen anbefohlen und war gegangen aus Sorge, der Bruder

könnte sonst in seinem Irrwahn glauben, er wolle ihn auch von dem Krankenbett

seiner Kinder vertreiben. Der Jammer, die Angst wollten sie in Apollonius’

Arme jagen; es war ihr, als wäre alles gut, läge sie an seiner Brust, als dürfte sie

ihn nicht wieder von sich lassen. Aber wie er so zu Häupten des Kindes stand

und sprach, da kam er ihr so herrlich vor, wie ein Heiliger, vor dem sie nur auf

den Knien liegen dürfe. Der Bettschirm hüllte die große, schlanke Gestalt in

seinen Schatten, nur seine Stirn und seine hohe Scheitel waren sichtbar und

erschienen, von dem Lichte auf dem Tische angestrahlt, wie in einer Glorie.

Dachte sie von ihm weg zu ihrem Gatten, dann krampfte eisiger Frost ihr Herz

zusammen, und Widerwillen bäumte sich darin wie ein Riese gegen den bloßen

Gedanken auf. Aber Apollonius hatte gesagt, Ännchen werde nicht wieder

gesund, wenn das Zerwürfnis nicht ende. Er hatte gesagt, der Mensch könne und

müsse sich bezwingen; sie wollte sich bezwingen, weil er es gesagt. Einer

Mutter seien Wunder möglich für ihr Kind; dachte sie an Apollonius’ Gesicht,

wie er so sprach, mußte ihr das größte Wunder möglich werden.

Fritz Nettenmair trat herein. Er dachte an nichts, als daß Apollonius dagewesen sein müsse, wenn er auch jetzt nicht mehr da war. Es flirrte ihm vor

den Augen vor Wut. Er wäre auf die Frau losgestürzt, sah er nicht den alten

Valentin an der Kammertüre sitzen. Er wollte warten, bis dieser einmal das

Zimmer verließe, und schlich sich nach dem Stuhle am Fenster, wo er sonst

immer gesessen, und als wie ein andrer, denn jetzt! Die Frau hörte seinen leisen

Tritt; sein Antlitz konnte sie nicht sehen. Ihr schien, er wußte um Ännchens

Zustand und ging deshalb so leise. Sie sah Ännchen mit einem Blicke an, der

sagte, was sie jetzt tun wollte, tat sie nur um ihr krankes Kind; ein Blick nach der

Tür, aus der er gegangen war, setzte hinzu: „und weil er’s gesagt“.

„Da ist der Vater, Ännchen,“ sagte sie dann. Sie redete eigentlich mit dem

Gatten, der am Fenster saß; aber sie konnte ihm ihr Gesicht nicht zuwenden, ihre

Rede nicht unmittelbar an ihn richten. „Du hast immer nach ihm gefragt. Du hast

gemeint, wenn er kommt, wird er sein, wie er sonst war, eh’ du krank geworden

bist. Deine Mutter will’s auch — um deinetwillen.“

Ihre Stimme klang so tief aus der Brust herauf, daß der Mann seinen Groll mit

Gewalt festhalten mußte. Er dachte: „Sie tut so süß, um dich zu hintergehen. Sie

haben’s verabredet, als er da war.“ Und der Groll schwoll nur noch grimmiger an

den weichen Klängen, mit denen sie fortfuhr:

„Und du gehst noch nicht in den Himmel. Nicht, Ännchen? Du bist ja ein so

gut, lieb Kind und bleibst noch bei Vater und Mutter. Wenn nur — du hast kein

Herz vor dem Vater, du dumm lieb Ännchen, weil er laut spricht. Er meint’s

nicht bös deshalb.“

Sie hielt inne; sie erwartete die Antwort von dem Vater, nicht von dem Kinde.

Sie erwartete, er werde an das Bett treten zu dem Kinde und sprechen, wie sie,

und durch das Kind mit ihr. Wie sie von ihm denken mochte, das Kind war doch

sein Kind, und es war krank.

Der Mann schwieg und blieb ruhig auf seinem Stuhle sitzen. Ein halb

Vaterunser lang hörte man nichts als das Ticken der Uhr, und das wurde immer

schneller, wie das Klopfen eines Menschenherzens, das Schlimmes kommen

ahnt; die Flamme des Lichtes zuckte wie vor Furcht.

Valentin stand auf von seinem Stuhle, um das Licht zu putzen.

Die Brust des Kindes röchelte; es wollte sprechen, es konnte nicht; es wollte

mit den Händen nach dem Vater langen, es konnte nicht; es konnte nichts, als die

Arme seiner Seele nach dem Vater ausstrecken. Aber des Vaters Seele sah die

flehenden nicht; in ihren Händen hielt sie krampfhaft ihren Groll und hatte keine

Hand frei für das Kind. Er hört das Röcheln, aber er weiß, das Kind ist

abgerichtet von seinen Feinden, es hat kein kindlich Herz gegen ihn; und wäre es

wirklich krank, so wäre es absichtlich krank geworden, um ihn betrügen zu

helfen, und stürbe es, so würde sein Sterben noch ein Kupplerdienst sein, den es seinen Feinden tut. Wäre sein Auge nicht selber so krank, daß es ihm außen nur

immer das eine zeigt, über dem seine Seele innen unablässig brütet, er müßte es

am Gesichte der Mutter sehen, an dem Ton ihrer Stimme hören, sie verstellt sich

nicht, das Kind ist wirklich krank und sehr krank; aber ihre Weichheit, ihre

Angst ist ihm nur die Angst des Gewissens, die Angst vor seiner Strafe, die sie

verdient, fühlt und doch entwaffnen will. Valentin tritt von dem Lichte weg und

geht hinaus, um sich draußen auszuweinen. Der Mann steht auf und nähert sich

leise der Frau, ohne daß sie ihn bemerkt. Er will sie überraschen und das gelingt

ihm. Sie erschrickt, wie sie plötzlich über dem Bette jäh vor sich ein entstelltes

Menschenantlitz sieht. Sie erschrickt, und er preßt durch die Zähne: „du

erschrickst? Weißt du warum?“

Sie hat ihm selber sagen wollen, daß Apollonius in der Stube gewesen ist,

aber noch hat sie es nicht gekonnt; vor dem Bette des kranken Kindes durfte sie

es nicht; weil sie weiß, er wird auffahren; den Anblick seiner Roheit hat sie dem

Kinde erspart, als es noch gesund war, wenn sie es vermochte; jetzt konnte der

Schreck dem kranken Kinde den Tod bringen. Sie antwortet ihm nicht, aber sie

sieht ihn flehend an und zeigt mit einem Augenwinke auf das Kind.

„Er war da! War er nicht da?“ fragt er; nicht um zu erfahren, wonach er fragt,

sondern um zu zeigen, daß er es nicht erst zu erfahren braucht. Seine Faust hebt

sich geballt; Ännchen kämpft, sich aufzurichten. Er sieht es nicht; die Frau sieht

es; ihre Angst wächst. Sie schlägt die Hände zusammen, sie sieht ihn an mit

einem Blicke, in dem alles steht, was ein Weib versprechen, was ein Weib

drohen kann; er sieht nur ihr Erschrecken, daß er es weiß, was geschah, und die

Faust fällt nieder auf ihre Stirn.

Ein Schrei klingt; das Kind rollt sich in Krämpfen zusammen, die Mutter, über

es hingestürzt, weint laut. Valentin kommt hereingeeilt, Fritz Nettenmair geht in

die Kammer.

Er weiß nicht, was in ihm Herr ist, befriedigte Rache, oder Schreck über das,

was er getan. Er sinkt auf das Bett, als hätte der Schlag, den er geführt, ihn selbst

betäubt; er hört nur halb, wie Valentin nach dem Arzt läuft. Ebenso hört er

diesen kommen und gehen, ebenso lauscht er, ob er nicht Apollonius’ Flüstern

und seinen leisen Schritt vernehmen kann. Sich zu zeigen, wagt er nicht; Scham

hält ihn davon zurück. Er rechtfertigt sein Tun und nennt Ännchens Krankheit

eine Pimpelei: „Heute wollen Kinder sterben und morgen sind sie lebendiger als

je!“

Aus dem fieberischen Horchen und Sichberuhigen wird ein fieberisches

Träumen. Er sieht Apollonius, wie er seine Leiter an der Helmstange festbinden

will, und sagt sich bei jedem Schritt des Steigenden fortwährend wie tröstend:

„Jetzt wird er fallen! jetzt!“ aber Apollonius fällt nicht. Jeden Augenblick erwartet er, die Taue sollen reißen, in welchen Apollonius mit seinem Fahrzeuge

hängt; sie reißen nicht. In diese Träume hinein hört er die Tür der Stube gehen;

der Traum macht einen Fall daraus, den Fall eines schweren Körpers aus

ungeheurer Höhe. Da wird ihm leicht, als wäre nun alles gut. Im Halbschlummer

hört er in der Stube leises Gehen, leises Reden, leises Weinen, und dazwischen

ist es wieder still.

Das leise Schluchzen, das zum lauten wird und sich wiederum bewältigt, als

sei ein Schlafender in der Nähe, den es nicht wecken will, und wieder ausbricht,

daß es den Schläfer nicht wecken kann, und wieder leise wird, weil es wie über

sich selbst erschrickt, daß es laut ist: wer kennt es nicht? wer errät es nicht, wenn

er es nicht kennt?

Fritz Nettenmair weiß es im Halbschlaf: in der Stube liegt ein Toter. Sie haben

ihn gebracht. „In das Unabänderliche muß der Mensch sich ergeben.“

Zum erstenmal seit vielen Monden schläft er wieder ruhig.

Und warum sollte er nicht? Aus dem leisen Weinen wird ein lustiger

schottischer Walzer. „Da ist er ja! Nun wird’s famos!“ klingt es aus der Ferne

vom roten Adler herein in seinen Schlaf.

Das Leisegehen und Leisereden aber war wirklich und dauerte fort; und eine

Leiche war in der Stube, eine schöne Kinderleiche. Während Fritz Nettenmair

von Leitern und Fahrzeugen träumte, hatte des kleinen Ännchens Seele sich zu

einem besseren Vater gerettet. Der Leib lag starr in dem kleinen Bettchen. Der

Zwist der Eltern hatte das Kind krank gemacht; Schmerz über die wilde Tat des

Vaters an der Mutter hatte ihm das kleine Herz gebrochen.

Fritz Nettenmair schlief noch den Schlaf eines Bewahrten, als der neue Tag

anbrach. Apollonius war schon lange munter; vielleicht hatte er gar nicht

geschlafen. Der Kampf, den sein Bruder noch in seinem Angesicht gelesen, als

er ihn mit dem Bauherrn das Haus verlassen sah, und den die Mühen des Tages

kaum zurückgedrängt, scheuchte nachts den Schlummer von seinem Bett. Der

Bruder hatte recht gesehen, seine scherzhafte Wendung des Gesprächs hatte

ihren Zweck nicht erreicht. Und wenn Apollonius das Buch seiner Erinnerungen

zurückblätterte, mußte er sich in seiner Meinung, der Bruder sei eifersüchtig auf

ihn, bestärkt fühlen. Gar manches, das er nicht begriffen, als er es geschehen sah,

erhielt Licht von dieser Annahme und half sie wiederum bestätigen. Die

Abneigung der Frau schien ein bloßer Vorwand des Bruders, ihn von ihr

fernzuhalten. Der Bruder mußte gemeint haben, er könne sie anders als mit den

Augen eines Bruders und Schwagers ansehen. Und das schien begreiflich, da

Fritz wußte, sie war ihm mehr gewesen, bis sie seine Schwägerin wurde. Er hätte

das dem Bruder gern in Gedanken zum Vorwurf gemacht, mußte er sich nicht

gestehen, sein Mitleid, das des Bruders rohe Behandlung der Frau hervorgerufen, hatte seinen Empfindungen für sie eine Wärme gegeben, die ihn selbst

beunruhigte. Er fürchtete nicht, daß ihn diese hinreißen könnte, des Bruders

Furcht wahr zu machen, aber seine strenge Gewissenhaftigkeit machte sich diese

Wärme schon zum Verbrechen. „Aber,“ fiel ihm dann ein, „hat die Frau nicht

wirklich ihm Abneigung gezeigt? und fühlte sie Abneigung gegen ihn, wie

konnte der Bruder dann fürchten? Der Bruder hatte im Tone des Vorwurfs sie ein

Märchen genannt, also glaubte er nicht daran und meinte, die Frau heuchle sie

nur und empfinde sie nicht.“ Der Vetter hatte oft von der Natur der Eifersucht

gesprochen, wie sie aus sich selbst entstehe und sich nähre, wie ihr Argwohn

über die Grenzen des Wirklichen, ja des Möglichen hinausgreife, und zu Taten

verführe, die sonst nur der Wahnsinn vollbringt. Einen solchen Fall sah

Apollonius vor sich und bedauerte den Bruder und fühlte schmerzlich Mitleid

mit der Frau.

Aus solchen Gedanken und Empfindungen schreckte ihn Valentin, der ihn

hinunterrief. Er kam unruhiger wieder herauf, als er hinuntergegangen war. Es

war nicht allein Ännchens Zustand, die er wie ein Vater liebte, was auf seiner

Seele lag; auch das Mitleid mit Ännchens Mutter war gewachsen, und eine

Furcht war neu hinzugekommen, die er sich gern ausgeredet hätte, wäre solch

ein Verfahren mit seinem Klarheitsbedürfnis und seiner Gewissenhaftigkeit

vereinbar gewesen. Als der erste Schimmer des neuen Tages durch sein Fenster

fiel, stand er auf von dem Stuhle, auf dem er seit seiner Zurückkunft gesessen.

Es war etwas Feierliches in der Weise, wie er sich aufrichtete. Er schien sich zu

sagen: „Ist es, wie ich fürchte, muß ich für uns beide einstehen; dafür bin ich ein

Mann. Ich habe gelobt, ich will meines Vaters Haus und seine Ehre aufrecht

erhalten und ich will in jedem Sinne erfüllen, was ich gelobt!“ —

Fritz Nettenmair erwachte endlich. Er wußte nichts mehr von den

Traumbildern der Nacht; nur die befriedigte Stimmung, das Werk derselben, war

ihm geblieben. Er besann sich vergebens, was diese Stimmung, die ihm so lange

fremd gewesen, hervorgerufen haben könnte. Was ihm von den Erlebnissen der

vergangenen Nacht einfiel, war nicht geeignet, sie zu erklären. Er wußte nur

noch, daß seine Frau ein „Pimpeln“ des „Spions“ zu einer Krankheit vergrößert

hatte, um einen Vorwand zu erhalten, mit ihm zusammen zu sein. Mit ihm! Nicht

bloß im Gespräch mit dem Gesellen, auch mit sich und seiner Frau nannte er

Apollonius’ Namen nicht, vielleicht, weil sein Haß gegen den Mann auf den

Namen übergegangen war, vielleicht, weil er Tag und Nacht nur an zwei

Menschen dachte, und diese nicht miteinander zu verwechseln waren. Er hatte

nichts mehr auf der Welt als seinen Haß; und der kannte nur zwei Menschen,

„ihn und sie“. Er dachte schon, wie er der Pimpelei ein Ende machen wollte. Mit

diesem Gedanken trat er aus der Tür und stand — vor einer Leiche. Ein Schauder faßte ihn an. Da stand das tote Kind vor ihm wie ein Warnungszeichen:

nicht weiter auf dem Wege, den du eingeschlagen hast! Da lag das Kind, das sein

Kind war, tot. Sonst scheuchte er es von sich; jetzt blieb es und fürchtete sich

nicht mehr und fragte ihn, ob er es noch hassen kann, ob er es noch mit dem

Namen nennen kann, mit dem er es im Hasse genannt. Gestern sah er es nicht,

wie er über seine Angst hin den Schlag führte; der Vater des Kindes nach der

Mutter des Kindes und über den sterbenden Leib des Kindes hin. Gestern sah er

es nicht, wie er darüber gebeugt stand; jetzt sieht er es, wohin er die entsetzten

Augen wendet, um den Anblick zu entfliehen. Da steht das Kind vor ihm, ein

Ankläger und ein Zeuge. Es zeugt für die Mutter. Sie wußte es sterbend, und am

Sterbebette ihres Kindes tut die Verworfenste nicht, was er ihr zugetraut. Es

klagt ihn an. Er hat eine Mutter am Sterbebette ihres Kindes geschlagen. Das

kann kein Mann und wäre das Weib schuldig. Und sie war es nicht; das zeugt

das Kind. Jetzt weiß er, was das bleiche, stumme Antlitz der Mutter rief: „Du

tötest das Kind; schlag nicht!“ Und er hat doch geschlagen. Er hat das Kind

getötet. Das trifft ihn wie ein Wetterstrahl, daß er zusammensinkt vor dem Bette

des Kindes, über das hin er die Mutter geschlagen; vor dem Bette, in dem sein

Kind starb, weil er seines Kindes Mutter schlug.

Dort lag er lang. Der Blitz, der ihn hingestreckt, hatte zurückgeleuchtet mit

grausamer Klarheit; er hatte die beiden unschuldig gesehen, die er verfolgt. Und

keine Schuld, als die seine. Er allein hat das Elend aufgetürmt, das erdrückend

auf ihm liegt, Last auf Last, Schuld auf Schuld. Des Kindes Tod ist der Gipfel.

Und vielleicht ist er es noch nicht! Der Elende sieht, er muß zurück. Er hascht

nach jedem Strohhalm von Gedanken, der ihn retten könnte. Da hört er die

weichen Klänge wieder, denen er gestern sein Herz verschlossen: „Du hast

gemeint, wenn er kommt, wird er wieder sein, wie er sonst war, ehe du krank

geworden bist. Deine Mutter will’s auch.“ — Die Klänge waren eine weiche

Hand, die die Seele der Frau nach seiner Seele ausstreckte und zur Versöhnung

bot; sein Schmerz, seine Angst faßten hastig nach der ausgestreckten. Er sah das

Kind im Hemdchen an der Kammertür stehen, wo es so oft gestanden, wenn

seine Heftigkeit es aus dem Schlummer geweckt; die Händchen gefalten; die

Augen so schmerzlich flehend: er solle doch gut sein mit der Mutter; und so

ängstlich zugleich: er soll doch nicht zürnen, daß es fleht. Nun, da es zu spät

war, sah er, das Kind wollte sein Engel sein. Aber es war ja noch nicht zu spät!

Er hörte den leisen Schritt seiner Frau auf dem Flur der Stubentür nahen. Er

hörte sie die Tür öffnen. Stand Ännchen jetzt in der Kammertür, es mußte

lächeln. Er wollte gut sein; er wollte sein, wie er war, ehe Ännchen krank

geworden ist. Er streckte der Eintretenden die Hand entgegen. Sie sah ihn und

schrak zusammen. Sie war so bleich, wie das tote Ännchen, selbst ihre sonst so blühenden Lippen waren bleich. Der Hals, die schönen Arme, die weichen

Hände waren bleich; das sonst so glänzende Auge war matt. All ihr Leben hatte

sich in ihr tiefstes Herz zurückgezogen und weinte da um ihr gestorben Kind.

Als sie ihn sah, stieß ein Zittern durch ihren ganzen Körper. Mit zwei Schritten

stand sie zwischen der Leiche und ihm; als wollte sie das Kind noch jetzt vor

ihm schützen. Und doch nicht so. Weder Furcht noch Angst bebte um den

kleinen Mund; er war fest geschlossen. Ein ander Gefühl war es, was die schön

gewölbten Augenbrauen drängend herabfaltete und aus den sonst so sanften

Augen flammt. Er sah, es war nicht mehr das Weib, das die schmelzenden

Friedensworte gesprochen; die war mit ihrem Kinde gestorben in dieser

schrecklichen Nacht. Das Weib, das vor ihm stand, war nicht mehr die Mutter,

die zu ihm hinhoffte, deren Kind er retten konnte; es war die Mutter, der er das

Kind getötet. Eine Mutter, die den Mörder fortwies aus der heiligen Nähe des

Kindes. Ein bleichschreckender Engel, der den befleckenden Berührer fortzürnt

von seinem Heiligtum. Er sprach — o hätte er gestern gesprochen! Gestern hatte

sie sich nach dem Worte gesehnt; heute hörte sie es nicht.

„Gib mir deine Hand, Christiane,“ sagte er. Sie zog ihre Hand krampfhaft

zurück, als hätte er sie schon berührt. „Ich habe mich geirrt,“ fuhr er fort; „ich

will’s euch ja glauben, ich seh’ es ein; ich will’s nicht wieder! Ihr seid besser als

ich.“

„Das Kind ist tot,“ sagte sie, und selbst ihre Stimme klang bleich.

„Laß mich in dieser schrecklichen Angst nicht ohne Trost. Kann ich anders

werden, so kann ich’s nur jetzt, und wenn du mir die Hand gibst und richtest

mich auf,“ sagte der Mann. Sie sah auf das Kind, nicht auf ihn.

„Das Kind ist tot,“ wiederholte sie. Hieß das, es war ihr gleichgültig, was mit

ihm werden sollte, da seine Besserung das Kind nicht mehr rettete? Oder hatte

sie ihn vergessen und sprach mit sich selbst? Der Mann richtete sich halb auf; er

faßte ihre Hand mit angstvoller Gewalt und hielt sie fest.

„Christiane,“ schluchzte er wild, „da lieg’ ich wie ein Wurm. Tritt mich nicht!

Tretet mich nicht! Um Gottes willen, erbarme dich! Ich könnt’s nicht vergessen,

hätt’ ich vergebens gelegen, wie ein Wurm. Denk daran! Um Gottes willen, denk

daran; du hast mich jetzt in deiner Hand. Du kannst aus mir machen, was du

willst. Ich mach’ dich verantwortlich. Du bist Schuld an allem, was noch werden

kann.“ — Endlich war es ihr gelungen, ihre Hand ihm zu entreißen; sie hielt sie

weit von sich, als ekelte ihr davor, weil er die Hand berührt.

„Das Kind ist tot,“ sagte sie. Er verstand, sie sagte: Zwischen mir und dem

Mörder meines Kindes kann keine Gemeinschaft mehr sein, auf Erden nicht und

nicht im Himmel.

Er stand auf. Ein Wort der Verzeihung hätte ihn vielleicht gerettet! Vielleicht! Wer weiß es! Die Klarheit, die ihn jetzt zur Reue trieb, war die Klarheit eines

Blitzes, was jetzt in ihm wirkte, nahm seine Gewalt von der Jäheit der

Überraschung. Wenn das Kind in der Erde ruht, dessen plötzlicher Anblick ihn

zurückgebäumt, wird sein Warnungsbild bleicher und bleicher werden; jede

Stunde wird dem Gedanken an diesen Augenblick von der Macht seiner

Schrecken rauben. Zu tief hat er die Geleise des alten Wahngedankens

eingedrückt, um ihn für immer zu verwischen, zu weit ist er gegangen auf dem

gefährlichen Wege, um noch umkehren zu können. Die Klarheit des Blitzes

mußte schwinden und der alte Wahn hüllte die Dinge wieder in seine

verstellenden Nebel. Fritz Nettenmair heulte auf oder lachte auf; die Frau fragte

sich nicht, was er tat; tiefer Abscheu gegen ihn verschloß ihr Ohr, ihre Augen,

ihre Gedanken. Er taumelte in die Kammer zurück. Sie sah es nicht, aber sie

fühlte es, daß seine Gegenwart nicht mehr den Raum entweihte, darin das

Heiligenbild ihres Mutterschmerzes stand. Leise weinend sank sie über ihr totes

Kind.

Die Reparatur des Kirchendaches hatte begonnen. Apollonius wollte diese erst

beenden, bevor er die Krönung des Turmes mit der gestifteten Blechzier

unternahm. Daneben mußte er das Begräbnis des kleinen Ännchens besorgen;

Fritz kümmerte sich nicht darum. Er mußte sich auch dieser Hausvaterpflicht

unterziehen. Er fühlte sich schmerzlich wohl darin. Kosteten ihm doch die

schwereren kein Opfer! Er hatte ja nicht andere, süßere Wünsche zu bekämpfen

und zu besiegen gehabt, als er die Pflicht gegen des Bruders Angehörige auf sich

genommen; er war ja eben nur dem eigensten Triebe seiner Natur gefolgt. Es lag

in dieser Natur, daß er ganz sein mußte, was er einmal war. Seit er die

Hoffnungen seiner Jugendliebe und damit diese selbst aufgegeben hatte, war ihm

ohnehin der Gedanke eines eigenen Hausstandes fremd geworden. Er kannte

keinen anderen Lebenszweck, als die Erfüllung jener Pflicht. Aber sie stand

nicht als dürres, despotisches Gesetz außer ihm vor den Augen seiner Vernunft;

sie durchdrang sein ganzes Wesen mit der befruchtenden Wärme eines

unmittelbaren Gefühls. So war es seit Monaten gewesen. Wenn er mit seinem

Fahrzeug das Turmdach umflog, während er hämmernd auf dem Dachstuhle

kniete, waren die Gestalten der Kinder seines Bruders, seine Kinder, um ihn.

Schneller als sein Schiff flog seine Phantasie der Zeit voraus. Wie sein Schiff um

das Turmdach, drehte sich sein ganzes Denken um die Stunde, wo die Söhne

erwachsen waren und er ihnen das schuldenfreie Geschäft übergab, wo Ännchen

aussah wie ihre Mutter und er ihre jungfräuliche Hand in die Hand eines braven

Mannes legte. Ännchens rosiges Gesicht stand vor ihm, so oft er aufsah von

seinen Schieferplatten. Als es ihn so schalkhaft anlachte, war es sein Liebling;

wie das Gesichtchen immer trüber und bleicher wurde, war sie es nur immer

mehr; er sah sie oft doppelt durch das Wasser in seinen Augen. Jetzt — o

manchmal war es ihm, als arbeite er nun umsonst! Und es war noch etwas

hinzugekommen, was ihn immer mehr beängstigte. Aus dem Mitleid mit der

gequälten Frau, die um ihn gequält wurde, blühte die Blume seiner Jugendliebe

wieder auf und entfaltete sich von Tag zu Tag mehr. Was des Bruders Hohn und

Undankbarkeit gegen ihn nicht vermocht, das gelang seinem Benehmen gegen

die Frau. Apollonius fühlte sein Herz erkalten gegen den Bruder. Es trieb ihn, die

Frau zu schützen; aber er wußte, seine Einmischung gab sie nur härteren

Mißhandlungen preis. Er konnte nicht mehr für sie tun, als daß er sich so entfernt

hielt von ihr als möglich. Und nicht allein wegen des Bruders; auch um ihrer

selbst willen, wenn er richtig gesehen hatte. Hatte er richtig gesehen? Er sagt

sich hundertmal nein. Er sagt es sich mit Schmerzen; desto öfter und dringender

sagte er es sich und fühlte, er dürfe sie nicht sehen, auch um seinetwillen. Es

peinigte ihn, wenn gleichgültige Dinge verworren und unsymmetrisch lagen und er sie nicht ordnen konnte; hier sah er Mißverhältnisse und Widersprüche in das

innerste Leben dessen, was ihm das Heiligste war, gedrungen, in das Herz seiner

Familie, in sein eigenes, und er mußte sie wachsen sehen und die Hände waren

ihm gebunden!

Immer dunkler, immer schwüler wurde das Leben in dem Haus mit den

grünen Laden, seit das kleine Ännchen daraus fortgetragen war. Es wurde immer

dunkler und schwüler in Fritz Nettenmair’s Brust und Hirn. Er hatte umkehren

wollen auf dem Wege, in dessen Mitte ihn das Bild des toten Ännchens und die

Klarheit, die es über die zurückgelegte Strecke goß, geschreckt. Er wäre

umgekehrt, nahm die Frau die gebotene Hand an. Er meinte es wenigstens. Aber

sie hatte ihn zurückgewiesen, ihm ein Antlitz von Abscheu und Verachtung

gezeigt; er hatte gesehen, sie nannte ihn in ihrem Herzen den Mörder des

Kindes; ihr Auge hatte ihm die Rache gedroht, und da war es wieder da

gewesen, das alte Gespenst, die schuldgeborene Furcht. Hat sie es doch nicht

getan, was er fürchtet, nun wird sie es tun, um ihn für den Schlag zu strafen, an

dem Ännchen starb. Je mehr er daran herumgreift mit seinen Gedanken, desto

klarer fühlt er, wie gelegen seinen Feinden, — und sie sind seine Feinde; sie

haben ihm ein Unrecht zu vergelten — wie gelegen seinen Feinden dieser Schlag

kam. Dann sieht er, daß die Frau ihn warnen konnte. Sie sagte nicht: „Schlag’

nicht, das Kind ist krank; es ist sein Tod, wenn du schlägst.“ Nein! Ein Wort von

ihr konnte den Schlag verhüten; sie sprach es nicht. O, es ist klar, sonnenklar: sie

reizte ihn absichtlich durch ihr Schweigen zu der wilden Tat. Aber wie? ihres

Kindes Tod hätte sie gewollt? Den kann kein Weib wollen. Ja, sie dachte selbst

nicht, daß es sterben würde; sie wollte nur den Vorwand zum Hasse, zum

Betruge aus Haß, daß er sie am Bette des kranken Kindes geschlagen. Sie dachte

nicht, daß es sterben würde, und wie es doch starb, wälzte sie die Schuld von

sich auf ihn. Und er war wieder der dumme Ehrliche gewesen; auch in diese

Schlinge war er gegangen in seiner Arglosigkeit; vor ihr hatte er gelegen, wie ein

Wurm, vor ihr, die vor ihm hätte liegen sollen. Und sie hatte ihn noch

zurückgestoßen, mit Verachtung zurückgestoßen! So oft er an den Augenblick

dachte, machte er sie verantwortlich für alles, was noch kommen konnte. Was

noch aus ihm werden konnte, dazu hatte sie ihn gemacht. Er hatte die Hand

geboten; er war ohne Schuld. Dann brütete er, was aus ihm noch werden könne,

und das Schlimmste war ihm nicht schlimm genug, die Schuld zu vergrößern,

die er auf sie wälzte. Mit reuigem Entsetzen sollte sie sehen, was sie getan, als

sie ihn zurückstieß. Je näher er drohen sah, was kommen mußte, desto wilder

wurde seine Liebe oder auch sein Haß; denn beide waren zusammen in dem

Gefühl, das sie immer glühender ihm einflößte. Desto gelehriger lernten seine

Augen jeden kleinsten Reiz ihrer Gestalt, desto schmerzender stach diese Schönheit durch seine Augen in sein Herz. Diese verruchte Schönheit, die die

Ursache all seines Elends war; diese fluchvolle Schönheit, um derentwillen der

eigene Bruder ihn aus Schuppen und Haus verdrängt und der Verachtung der

Welt und des Weibes selbst preisgegeben. Er fing an, über Gedanken zu brüten,

wie er diese Schönheit vernichten konnte, damit sie ein Ekel wurde dem Buhlen,

der um seinen Zweck betrogen, ihn umsonst elend gemacht hatte. Und dachte er

sich das ausgeführt, dann lachte er in so heller Schadenfreude auf, daß seine

starknervigen Trinkkameraden erschraken, und die Leute, die ihm begegneten,

unwillkürlich innehielten in ihrem Gang. Und doch war der Gedanke nur ein

Vorläufer eines noch schlimmeren. Dazwischen fiel ihm dann der Fronweißblick

ein, sein Traum nach der wilden Tat wurde zur Wirklichkeit; stundenlang stand

er bald da, bald dort, wo man Apollonius auf dem Kirchdache arbeiten sah, und

blickte hinauf und wartete und zählte. Jetzt müssen die Bretter unter dem

Hämmernden brechen, jetzt muß das Tau reißen, daran der Drahtstuhl hängt.

Jetzt müssen die Leute, die eben noch so gleichgültig aus den Fenstern sehen

oder über die Straße gehen, aufschreien vor Schrecken. Dann zählte er immer

fieberhastiger, der kalte Schweiß rann ihm über die Stirn; und die Bretter

brachen nicht, das Tau riß nicht, die Leute schrien nicht auf vor Schrecken. Und

immer wilder lachte er vor sich hin, wenn er nach langem Warten müde und

verzweifelt weiter ging: „Wär’s nur mein Unglück, könnt’ er mich nur noch

elender damit machen, als er mich schon gemacht hat, er wäre längst schon tot.

Nur weil mich sein Leben elend macht, lebt er noch. Er will nicht eher sterben,

bis er mich ganz elend gemacht hat!“

Diese Furcht ließ ihn nicht los, sie preßte ihn immer erstickender. Trug er sie

spät in der Nacht heim, dann machte der ruhige Schlaf seiner Frau ihn wütend:

Die schlief ruhig, die ihn nicht schlafen ließ! Er setzte sich an ihr Bett und

rüttelte sie auf und erzählte ihr leise in das Ohr, was er an ihrem Liebsten tun

will. Es waren grausige Dinge. Wenn die Glieder ihr flogen vor Angst und

Entsetzen, dann lachte er zufrieden auf, daß er doch etwas hatte, sie aus der

stummen Verachtung zu scheuchen, womit sie sich gegen ihn gewappnet, und

vergaß daran minutenlang seine Qual. Dann lachte er fast jovial; er hat ihr Angst

machen wollen. Es ist nur einer von Fritz Nettenmairs neumodischen Späßen. So

weit haben sie ihn doch noch nicht gebracht, im Ernst an solche Dinge zu

denken. Aber wenn sie Apollonius davon sagt, dann muß er es, und sie trägt die

Schuld. Er bewacht ihr jeden Tritt, sie kann nichts tun, was er nicht erfährt. Und

läßt sie es ihm durch einen Dritten wissen, so wird er es ihm ansehen. O, Fritz

Nettenmair ist einer, der —!

Den ganzen Tag über, die halben Nächte geht dann die Frau wie im Fieber

umher. An leidenschaftlicher Angst wächst ihre Liebe zu Apollonius zur Leidenschaft. Und sie kann es nicht hindern, denn die Leidenschaft mehrt

wiederum die Angst; vor dem Gedanken der Angst hat kein anderer Platz in

ihrer Seele. Hin zu ihm will sie stürzen, ihn mit pressenden Armen umfangen,

ihn beschwören — dann wieder will sie in die Gerichte — aber es ist ja nur ein

wilder Scherz, und sie wird ihn erst zum Ernste machen, sagt sie jemand davon.

Sie geht nicht mehr aus der Stube, tritt nicht mehr an ein Fenster vor Furcht; sie

will jeden Schritt meiden, jede Bewegung, alles, was nur als ein Umsehen nach

Apollonius erscheinen könnte. Sie hat nicht mehr den Mut, mit jemand zu reden,

weil ihr Mann es erfahren und meinen kann, sie trägt ihm eine Botschaft an

Apollonius auf. Und der Mann sieht ihre wachsende Leidenschaft, sieht, wie

wiederum sein Mittel, was kommen muß, aufzuhalten, es nur beschleunigen

wird, und wartet und zählt immer ungeduldiger, daß die Bretter nicht brechen

und das Tau nicht reißt.

Es war eine trübe, schwüle Nacht. Die Nacht vor dem Tage, an welchem

Apollonius die Bekränzung des Turmdaches beginnen wollte. Fritz Nettenmair

schlich durch die Hintertür auf den Gang nach dem Schuppen, um nach

Apollonius’ Fenster hinaufzusehen. Wenn er das Licht darin erloschen sah,

pflegte er die Hintertür zu verschließen und seinen wüsten Neigungen

nachzugehen. Seit jener Nacht, wo Valentin die Hintertür mit dem

Schuppenschlüssel geöffnet, hängte Fritz Nettenmair an den Riegel noch ein

Vorlegeschloß. Apollonius war noch nicht zu Bett gegangen. Fritz Nettenmair

wußte, Apollonius löschte in seiner eigensinnigen Vorsicht nie das Licht, wenn

er schon in das Bette gestiegen war. Es stand dem Bette fern auf seinem

Schreibtisch; dort setzte er es in ein Becken und löschte es, ehe er nach dem

Bette ging. Fritz Nettenmair ballte die Faust nach dem Fenster hinauf.

Apollonius zögerte ihm auch hier zu lang. Er war müde und ging nach dem

Schuppen. Der Schlüssel zur Hintertür schloß auch den Schuppen. Es war

dunkel darin.

Wenn der Schieferdecker seine Platten zurichtet, sitzt er rittlings auf einer

Bank, in deren Mitte das Haueisen, sein kleiner Ambos eingeschlagen ist. An

eine solche stieß Fritz Nettenmair mit dem Bein und nahm den Stoß als eine

Aufforderung, sich zu setzen. Durch eine Lücke konnte er nach Apollonius’

Fenster sehen; er wollte das Auslöschen des Lichtes hier erwarten. Der

Schieferdecker verrichtet oft Zimmermannsarbeit, er führt daher auch ein kleines

Zimmerbeil unter seinem Werkzeuge. Ein solches hatte auf der Bank gelegen; es

war herabgefallen, als er sich gesetzt. Er hob es auf und hielt es absichtslos in

seinen Händen; denn seine Gedanken waren mit ihm in der Kammer: er saß am

Bette der Frau und ängstigte sie mit Drohungen. Der Ärger über das Zögern

Apollonius’ machte sich darin Luft; dieses Zögern hinderte ihn, sich im Trunk Betäubung zu suchen. Er hat seine Hand auf das Bett der Frau gestützt und fühlt

an den Bewegungen der Decke das Zittern ihrer Glieder. Er fühlt sich in ihre

Angst hinein, er fühlt, wie er selbst Apollonius zu ihrem einzigen Gedanken

macht; wie sie morgen ihm entgegenstürzen muß, wenn er von der Arbeit

heimkommt. Und wären sie nicht seine Teufel, wären sie Engel, es müßte

morgen kommen, was er verhüten will. Wenn sie ihn mit der Glut der Angst

umfaßt, das schöne, fluchvoll schöne Weib, er müßte nicht Blut in seinen Adern

haben — und hätte er nie den Gedanken gehabt, mit dem er doch einschläft und

aufwacht Tag für Tag, er müßte jetzt den Gedanken denken. Es muß kommen,

wovor die bloße Furcht Fritz Nettenmair zu dem elendesten der Menschen

gemacht, der sich selbst anspeien könnte; geschieht nicht morgen noch, was der

Fronweißblick weissagt. Und nun steht er wieder an der Straßenecke und sieht

wieder hinauf und harrt und zählt verzweifelter als je; er badet sich in

Angstschweiß, und die Bretter brechen nicht und das Tau reißt nicht. O, er wird

den Fronweißblick zum Märchen machen, er wird leben bleiben, das Jahr, zehn

Jahr, hundert Jahr, aus Haß gegen ihn. Und er zählt immer noch eins, zwei; er

sagt: nun muß — da hört er das Geräusch eines zerreißenden Taues und fährt auf

aus seinem wachen Fiebertraum. Die wilde, angstvolle Freude ist vergeblich; er

steht nicht an der Ecke und sieht nach dem Kirchendache hinauf. Er sitzt im

Schuppen; es ist Nacht. Aber das Geräusch hat er gehört. Das war keine

Vorspiegelung der Phantasie. Und von dort her kam es. Seine Haare stehen

empor. Dort liegen die Hängstühle und die Flaschenzüge mit ihren Tauen. Er hat

hundertmal erzählen hören; jeder Schieferdecker weiß, was es sagen will, das

vorspukende Geräusch. Aber dreimal muß es klingen, als wenn ein Tau zerrisse;

und er hat es erst einmal gehört. Er lauscht, er preßt die Faust auf das Herz. Vor

seinen Schlägen, vor dem Brausen des Blutes die Adern hinauf und herab, wird

er es nicht hören, wenn es noch mal klingt und noch einmal. Er lauscht und

lauscht und das Geräusch wiederholt sich nicht. Da fährt ein Gedanke wie ein

dunkelglühender Blitz durch den Krampf, in den all seine Gefühle

zusammengeballt sind; der Gedanke, dem Schicksal nachzuhelfen. Er hat das

Zimmerbeil immer noch in seinen Händen; absichtslos ist er mit der Handfläche

an der Schneide hingefahren; jetzt kommt ihm zum Bewußtsein, das Beil ist

scharf, die Ecke spitzig. Eine ganze Reihe von Gedanken steht fertig da; es ist,

als ständen sie schon lang, und der Blitz hat sie nur sichtbar gemacht. Morgen

knüpft Apollonius seine Leiter an die Helmstange, dann das Tau mit

Flaschenzügen und Fahrzeug. Fritz Nettenmair greift um sich und hat das Tau in

der Hand. Das Schicksal will seine Hilfe; darum legt es selber ihm Tau und Beil

in die Hand. Wer weiß, daß er hier war? Drei, vier Stiche mit dem Beil im Kreise

um das Tau, kaum zu sehen, werden zu einem einzigen großen Riß, wenn das Gewicht eines starken Mannes am Tau zieht und die wuchtende Bewegung des

Fahrzeugs um den Turm das Gewicht des Mannes vergrößert. Wer sieht den

Stichen an, daß sie absichtlich gemacht sind? Ein Tau, das, getragen, halb an der

Erde fortschleift, kann an allerlei Scharfes stoßen. Das Schicksal hat den

Schieferdecker, der zwischen Himmel und Erde hängt, in seiner Hand. Das

Schicksal hält ihn oder läßt ihn fallen, nicht das Seil oder ein Schnitt darin. Will

es ihn halten, schadet kein Schnitt; soll er fallen, reißt ein unversehrtes Seil. Und

das Schicksal hat ihn schon gezeichnet. Ein Tag früher, einer später, was ist das,

wenn er doch fallen muß? Ein Tag später, und es packt einen Verbrecher. Meint

es das Schicksal nicht gut, nimmt es ihn vorher aus der Welt? —

All diese Gedanken schlug mit einem Schlage jener eine aus Fritz Nettenmairs

Seele! im Nu war er entglommen; im Nu schlägt der Höllenfunke zur Flamme

Weiter: Teil 6 von 9