Zwischen Himmel und Erde
Zwischen Himmel und Erde
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 9 Teile geteilt.
Verschalung und schleifen mit starkem Tau den Dachstuhl daran. Er besteht in
zwei Dreiecken, aus festen Bohlen zusammengezimmert. Der Neigungswinkel
des Daches hat das Verhältnis seiner Seiten bestimmt. Denn unten liegt er
strohumwunden in ganzer Breite auf der Dachfläche auf, während er oben die
quer übergelegten Bretter wagrecht emporhält. Darauf steht oder kniet der
hämmernde Schieferdecker; neben ihm handrecht hängt der Kasten für Nägel
und Schieferplatten, mit seiner Hakenspitze in die Verschalung eingetrieben.
Apollonius überließ dem Bruder die Überweisung der Arbeit. Fritz Nettenmair
tat erst wunderlich, indem er zu verstehen gab, er meine, Apollonius sei
gekommen, hier den Herrn zu spielen und nicht den Diener. Es lag in der
argwöhnischen Richtung, die sein Denken einmal angenommen, allem, was der
Bruder tun mochte, eine Absicht, eine planmäßige Berechnung unterzulegen. Er
vermutete deshalb, Apollonius wünsche die Arbeit auf dem Kirchdach zu
übernehmen. Wer hier schaffte, konnte zu jeder Zeit sehen, ob das Fahrzeug am
Turmdach besetzt war oder ledig an der fliegenden Rüstung hing. Er tat arglos,
er nehme an, Apollonius sei lieber bei der Umdeckung des Turmdaches
beschäftigt, die er ja selber vorgeschlagen. Apollonius weigerte sich nicht. Fritz
meinte, er willige ein, obgleich es ihm unangenehm sei, was er aber nicht
merken lasse; Fritz hatte die Empfindung eines Menschen, dem es gelungen,
einen Widersacher zu überlisten. Eine Empfindung, die sich erneute, so oft er
von seiner Arbeit auf dem Dachstuhle hinaufsah nach dem Fahrzeug der
fliegenden Rüstung am Turm, mit der Gewißheit, der Bruder könne das
Fahrzeug nicht verlassen und heimgehen, ohne daß er es sehe und ihm zuvorkommen könne. Dann war ihm Apollonius der Träumer und er selbst war
der, der die Welt kannte. Im andern Augenblick vielleicht sah er wieder den
Arglistigen im Bruder und fand es wohltuend, sich dagegen als den Arglosen zu
bemitleiden, dem jener Schlingen lege, um nur den Bruder hassen zu dürfen, der
ihn hasse. Ihm fehlte das Klarheitsbedürfnis Apollonius’, das diesem den
Widerspruch gezeigt und den erkannten zu tilgen gezwungen hätte. Vielleicht
hatte er ein Gefühl von dem Widerspruch und unterdrückte es absichtlich. So
setzte sein Schuldbewußtsein den Haß als wirklich voraus, den es verdient zu
haben sich vorwerfen mußte.
Bald merkte Apollonius, hier war nicht die Ordnung, das rasche und genau
berechnete Ineinandergreifen, an das er in Köln sich gewöhnt, ja nur, wie es der
Vater früher hier gehandhabt. Der Decker mußte viertelstundenlang und länger
auf die Schieferplatten warten; die Handlanger leierten und hatten in der
Unordnung und Trägheit der Behauer und Sortierer eine gute Entschuldigung.
Der Bruder lachte halb mitleidig über Apollonius Klage. Eine solche Ordnung,
wie der sie verlangte, existiere nirgends und war auch nicht möglich. Bei sich
verspottete er wieder den Träumer, der so unpraktisch war. Und wäre die
Ordnung möglich gewesen, die Arbeit war im Taglohn verdungen. Die verlorene
Zeit wurde bezahlt wie die angewandte. Und als Apollonius selbst dazu tat, den
Schlendrian abzustellen, da war er dem Bruder wiederum der Wohldiener des
Bauherrn und des Rates, er selber der schlichte Mann, der solche Kunstgriffe
verschmäht. Da wollte ihn jener nur vollends aus dem Sattel heben und hatte
noch Schlimmeres im Sinn, was ihm aber nicht gelingen sollte mit aller seiner
Arglist; da war Apollonius eigens darum heimgekommen. Und doch meinte er,
der Träumer werde sich die Hörner ablaufen, wenn er ins Werk setzen wollte,
was ihm selbst, der die Welt kannte, nicht gelang. Ihm, der schärfer auf dem
Zeuge war als selbst der im blauen Rock zu seiner Zeit gewesen.
Fritz Nettenmair meinte den alten Herrn noch zu übertreffen, wenn er noch
schriller auf dem Finger pfiff, noch grimmiger hustete und noch entschiedener
ausspuckte. Was an dem alten Herrn das wirklich respektgebietende war, die
Folgerichtigkeit, die auch, wo sie in Eigensinn ausartet, Achtung wirkt, die
ruhige, in sich gefaßte Würde einer tüchtigen Persönlichkeit, das übersah er. Wie
er es selbst nicht besaß, fehlte ihm auch der Sinn, es an andern wahrzunehmen.
Stand seine Gestalt überhaupt im Widerspruch mit der Haltung des alten Herrn,
die er ihr aufkünstelte, so widersprach ihr seine Unruhe und innere Haltlosigkeit
jeden Augenblick. Die diplomatische Art zu reden schien er dem alten Herrn nur
abgeborgt zu haben, um seine eigene Oberflächlichkeit und Gehaltlosigkeit zu
verspotten. Aus dem steifen Wesen des blauen Rockes fiel er dann zu Zeiten
plötzlich in seine eigene herablassende Jovialität und in eine Region derselben, wo der Spaß den Abstand von Vorgesetzten und Untergebenen mit schmutzigen
Fingern auslöschte, als wäre er nie gewesen. Rückte er sich dann ebenso
plötzlich in der Autorität gewaltsam wieder zurecht, so brachte das die verlorene
Achtung nicht wieder, es beleidigte nur. Zu alledem kam noch, daß er sich von
manchem Arbeiter übersehen und in schwierigen Fällen sie machen lassen
mußte, was sie wollten.
Apollonius dagegen hatte von Natur und aus der Schule beim Vetter, was dem
Bruder fehlte; er besaß die Würde der Persönlichkeit, die Folgerichtigkeit bis
zum Eigensinn. Seine innere Sicherheit galt; sie mußte sich nicht geltend
machen — er war des sichtbaren Mühens um Achtung überhoben, welches so
selten seinen Zweck erreicht, ja gemeiniglich ihn verfehlt. Und so gelang ihm,
was er wollte. Bald war die musterhafteste Ordnung beim Bau und alle schienen
sich wohl dabei zu befinden, nur Fritz Nettenmair nicht. Das rasche
Ineinandergreifen, das wie im Geleise einer unsichtbaren Notwendigkeit ging,
machte das Wesen im blauen Rocke, in welchem er sich so groß fühlte,
überflüssig. Noch ein Grund zum Unbehagen daran war, daß die neue Ordnung
von dem Bruder ausging; von demselben, dem er schon so viel zu verzeihen
hatte und dem er immer weniger verzeihen mochte. Er wußte nicht, oder wollte
nicht wissen, welchen Zauber eine geschlossene Persönlichkeit ausübt, obgleich
er selbst widerwillig sie anerkennen mußte, und noch weniger, daß diese ihm
fehlte und der Bruder sie besaß. Er war bei sich einig, der Bruder hatte Mittel
angewandt, die zu brauchen er selbst mit Genugtuung sich zu edel fühlte.
Dadurch hatte jener die Leute ihm abspenstig gemacht. Apollonius hatte keine
Ahnung von dem, was in dem Bruder vorging; der war gegen ihn, wie man
gegen Arglistige sein muß, auf der Hut; denn solche Feinde kann man nur mit
ihren eigenen Waffen besiegen. Die brüderliche Freundlichkeit und Achtung, mit
der ihn Apollonius behandelte, war eine Maske, unter der dieser seine
schlimmen Pläne sicherer zu bergen meinte; er vergalt ihm, und machte ihn
leichter unschädlich, wenn er unter derselben Maske seine Wachsamkeit barg.
Die gutmütige Willigkeit Apollonius’, sich ihm äußerlich unterzuordnen,
erschien dem Bruder wie eine Verhöhnung, an der die Arbeiter, von dem
Arglistigen gewonnen, wissend teilnahmen. In seiner Empfindlichkeit griff er
selbst nach den Mitteln, die er bei diesem voraussetzte. Offen ihm
entgegenzutreten, verhinderte der Umstand, daß Apollonius ihm selbst
imponierte, wenn er auch diesen Grund nicht hätte gelten lassen. Er legte den
blauen Donnerrock beiseite und stieg bis auf die unterste Sprosse seiner
Jovialität herab. Er begann, durch Winke, dann allmählich durch Worte, sein
Mitleid mit den Arbeitern zu zeigen, die unter der Tyrannei eines
wohldienerischen Eindringlings seufzten, wie er ihnen bewies; da er nicht den Mut hatte, sie zu offener Widersetzlichkeit zu reizen, suchte er sie zu einzelnen
kleinen Ausgriffen zu verleiten. Er begann, sie täglich zu traktieren. Sie aßen
und tranken, blieben aber wie zuvor in dem Geleise, das Apollonius
vorgezeichnet.
Der gemeine Mann hat den scharfen Blick des Kindes für die Stärken und
Schwächen seiner Vorgesetzten. Durch dies Bemühen, das sie durchschauten,
verlor Fritz Nettenmair noch den letzten Rest seiner Achtung; sie lernten daraus,
wenn sie es noch nicht wußten, mit wem sie es verderben durften, mit wem
nicht. Und wären sie ungewiß gewesen, so hätte sie das ungleiche Benehmen des
Bauherrn gegen die beiden Brüder bestimmen können. Und da sie nicht so fein
waren, und auch nicht die Gründe dazu hatten, wie Fritz Nettenmair, gab sich
ihre Meinung unverholen kund. Sie nahmen sich Dinge gegen ihn heraus, die
ihm zeigten, daß der Erfolg seiner Herablassung ein ganz anderer war, als den er
beabsichtigte. Nun zog er zürnend die Wolke des blauen Rockes wieder um sich
zusammen, pfiff schrillender als je, so daß es drüben in der großen Glocke
wiedertönte; ging auf doppelten Stelzen, zog die Schultern noch einmal so hoch
am schwarzhaarigen Kopfe herauf; der Grimm und die Entschiedenheit seines
früheren Hustens und Ausspuckens war ein Kinderspiel gegen sein jetziges.
Aber die Arbeiter wußten bald, dergleichen geschah nur in Apollonius
Abwesenheit, und dessen zufälliges Kommen brachte, wie der aufgehende
Vollmond, die schwersten Gewitter aus der Fassung.
Fritz Nettenmair mußte an der Wiederherstellung seiner verlorenen Bedeutung
auf dem Schauplatz der Reparatur verzweifeln. Natürlich schrieb er auch das
Ergebnis seiner falschen Maßregeln auf Apollonius’ immer wachsende
Rechnung. Das Gefühl, überflüssig zu sein, packte ihn, wie den alten Herrn,
brachte aber nicht ganz dieselben Wirkungen hervor. Was dem alten Herrn das
Gärtchen, das wurde nun dem älteren Sohne der Schieferschuppen. Wenigstens
so lange er Apollonius auf seinem Fahrzeug oder auf dem Kirchendache sah.
Aber er brachte den blauen Rock nun auch mit in die Wohnstube. Seine Kinder
— das war leicht, da er selbst sich nicht um sie bekümmerte, — hatte der Bruder
ja auch — und natürlich mit schlechten Mitteln — gewonnen. Die schlechten
Mittel waren eben die, die er selbst nie anwendete: unabsichtliche Güte und
weise Strenge der Liebe. Aber auch in seiner Frau sah er immer mehr etwas wie
einen natürlichen Bundesgenossen des Bruders gegen ihn. Das sah er lange
vorher, ehe er noch den geringsten wirklichen Anlaß dazu hatte, und das war der
Schatten, den seine Schuld in die Zukunft seiner Phantasie warf. Ihr altes Gesetz
wird ihn zwingen, durch die Verkehrtheit seiner Abwehrmittel den Schatten
selber zu verwirklichen, lebendigen Gestalt zu machen und vergeltend in sein Leben hereinzustellen.
Ahnungsvolle Furcht schien ihm, in lichten Zwischenblicken vorüberflatternd,
von diesem Kommen zu sagen, das veränderte Benehmen gegen seine Frau
müsse es beschleunigen. Dann war er plötzlich doppelt freundlich und jovial
gegen sie, aber auch diese Jovialität trug ein Etwas von der Natur des schwülen
Bodens an sich, aus dem sie erwuchs.
Man preist ein Heilmittel gegen solche Krankheit; es heißt Zerstreuung,
Vergessen seiner selbst. Als ob der Steuermann beim Erblicken des drohenden
Riffs, als ob man da sich vergessen müsse, wo es doppelt Vorsehen gilt. Fritz
Nettenmair nahm es.
Von nun an fehlte er bei keinem Balle, bei keinem öffentlichen Vergnügen; er
empfand sich für immer der Gefahr entflohen, war er nur eine Stunde lang fern
von dem Orte, wo er sie drohen sah. Er war mehr außer als in seinem Haus. Und
nicht er allein. Seiner Frau hielt er das Heilmittel noch nötiger als ihm. Das
rächende Schuldbewußtsein nahm, was nur als möglich in der Zukunft war, als
schon wirklich in die Gegenwart voraus. Und seine Frau stand noch so sehr auf
seiner Seite, daß sie dem Bruder nun zürnte, dessen Einfluß sie in dem
veränderten Benehmen des Gatten erkannte, — nur nicht in dem Sinne, in dem
er es wirklich war. Sie hatte ja nur Beleidigendes von dem Bruder erwartet.
Diese Erwartung hatte schon dem Kommenden nur die eine Wange zugewandt
und die Wange so mit Rot gefärbt, als wäre sie schon erfüllt. Wußte sie denn
nicht, er war nur gekommen, um sie zu beleidigen?
Apollonius, auf den dies alles wie eine schwere Wolke drückte, wie eine
unverstandene Ahnung, begriff nur das eine: der Bruder und die Schwägerin
wichen ihm aus. Er vermied die Orte, die sie aufsuchten. Er hätte sie schon
vermieden aus dem innersten Bedürfnis seiner Natur, das auf Zusammenfassen,
nicht auf Zerstreuen ging. Die Einsamkeit wurde ihm ein besser Heilmittel, als
den beiden die Zerstreuung. Er sah, wie anders die Schwägerin war, als sie ihm
vordem geschienen. Er mußte sich Glück wünschen, daß seine süßesten
Hoffnungen sich nicht erfüllt. Die Arbeit gab ihm genug Empfinden seiner
selbst; was sie frei ließ, füllten die Kinder aus. In dem natürlichen Bedürfnis
ihres Alters, sich an einem fertigen Menschenbilde aufzuranken, das, Liebe
gebend und nehmend, ihr Muster wird, und ihr Maß der Personen und Dinge,
drängten sie sich um den Onkel, der ihrer so freundlich pflegte, als fremd die
Eltern sie vernachlässigten. Wie konnte er wissen, daß er damit die Schuld
wachsen machte in seiner Rechnung beim Bruder.
Und der alte Herr im blauen Rock? Hatte er von den Wolken, die sich rings
aufballten um sein Haus, in seiner Blindheit keine Ahnung? Oder war sie es, was
ihn zuweilen anfaßte, wenn er, Apollonius begegnend, gleichgültige Worte mit ihm wechselte. Dann kämpften zwei Mächte auf seiner Stirn, die der Sohn vor
dem Augenschirm nicht sah. Er will etwas fragen, aber er fragt nicht. Der alte
Herr hat sich so tief in die Wolke eingesponnen, daß kein Weg mehr von ihm
herausführt in die Welt um ihn und keiner mehr hinein. Er gibt sich das Ansehen,
als wisse er um alles. Tut er anders, so zeigt er der Welt seine Hilflosigkeit und
fordert die Welt selber auf, sie zu mißbrauchen. Und wenn er fragt, wird man
ihm die Wahrheit sagen? Nein! Er hält die Welt so verstockt gegen ihn, als er
gegen sie ist. Er fragt nicht. Er lauscht, wo er weiß, man sieht ihn nicht lauschen,
fieberisch gespannt auf jeden Laut. Aus jedem hört er etwas heraus, was nicht
drin ist; seine gespannte Phantasie baut Felsen daraus, die ihm die Brust
zerdrücken, aber er fragt nicht. Er träumt von nichts als von Dingen, die Schande
bringen über ihn und sein Haus; er leert die ganze Rüstkammer der Entehrung
und fühlt jede Schmach durch, die die Welt kennt. Was keine Schande ist,
steigert sich seinem krankhaft geschärften Ehrgefühl dazu, das keine Ruhe
wohltätig abstumpft, aber er trägt lieber, was die tiefste Schande ist, als daß er
fragt. Er tut das Ungeheure in Gedanken, die drohende abzuwenden, aber er
fragt nicht. Wie manches Tun zeigt ungeboren schon der Mutter Seele sein Bild
vorher! Wird eine Zeit kommen, wo des alten Herrn Gedanke Wirklichkeit wird?
Die Natur der Schuld ist, daß sie nicht allein ihren Urheber in neue Schuld
verstrickt. Sie hat eine Zaubergewalt, alle, die um ihn stehen, in ihren gärenden
Kreis zu ziehen, und zu reifen in ihm, was schlimm ist, zu neuer Schuld. Wohl
dem, der sich dieser Zauberkraft im unbefleckten Innern erwehrt. Wird er den
Schuldigen selbst nicht retten, so kann er den übrigen ein Engel sein. Diese vier
Menschen, in all’ ihrer Verschiedenheit in einen Lebensknoten geknüpft, den
eine Schuld versehrt! Welch Schicksal werden sie vereint sich spinnen, die Leute
in dem Haus mit den grünen Läden?
Nun waren schon Wochen vergangen seit Apollonius Zurückkunft, und noch
hatte er die Furcht der Schwägerin nicht wahr gemacht. In den ersten Tagen las
Fritz Nettenmair ein krampfhaftes Zusammennehmen, ein verzweifeltes
Gefaßtmachen in ihrem Wesen; nun machte dies einem Etwas Platz, das wie
Verwunderung erschien. Er sah, und nur er, wie sie immer mutiger den Bruder zu
beobachten begann, wo der nicht ahnte, ihr Blick sei auf ihn gerichtet. Sie schien
sein Wesen, sein Tun mit ihrer Erwartung zu vergleichen. Fritz Nettenmair fühlte
in ihrer Seele, wie wenig beide sich glichen. Er mühte sich, den Widerwillen der
jungen Frau zu seiner alten Stärke aufzustacheln. Er tat es, während er fühlte,
wie vergeblich es war; denn ein einziger Blick auf das milde, rechtschaffene
Antlitz des Bruders mußte niederreißen, was er mühsam in Zeit von Tagen
aufgebaut. Er fühlte, wie fein er zu Werke gehen mußte, und wie plump er doch zu Werke ging; denn dieselbe Macht, die sein Gefühl für das Maß schärfte, riß
ihn im Handeln darüber hinaus. Er wußte, was er begonnen, mußte seinen Gang
vollenden zu seinem Verderben. Er suchte Vergessen und riß seine Frau immer
tiefer mit hinein in den Wirbel der Zerstreuung.
Arzneimittel sollen, in übergroßer Gabe angewandt, das Gegenteil wirken. So
geschah es mit dem Mittel Fritz Nettenmairs; wenigstens bei der jungen Frau.
Aus dem Alltag der häuslichen Arbeit hatte sie sich sonst nach dem Feste des
Vergnügens gesehnt; nun dies der Alltag geworden, zog sie die Sehnsucht nach
dem stillen Leben daheim. Übersättigt von den Ehrenbezeigungen der
bedeutenden Leute, bemerkte sie nun erst, es gab auch andere Leute, die ihren
Gatten nach anderem Maßstabe maßen. Sie begann zu vergleichen, und die
Bedeutenden verloren immer mehr gegen die Alltagsmenschen. Sie dachte an
den ledernen Ball den Abend von Apollonius Ankunft. Damals war sie
Apollonius ausgewichen; sie hatte Beleidigung von ihm erwartet. Jetzt suchte sie
mit den Augen durch den Saal; niemand sah es als Fritz Nettenmair, der es am
wenigsten zu sehen schien. Denn er lachte und trank wilder und jovialer als je.
Sie hatte nur das Gefühl der Langeweile, das nach Abwechslung aussieht; sie
wußte nicht, daß sie jemand suchte. Fritz Nettenmair wußte es, und wollte vor
Lachen ersticken. Er wußte mehr als sie; er wußte, wen sie suchte. Gegen alle
andere Welt jovial, tat er gegen sie den blauen Rock an.
Er wird sie bald dahin bringen, den sonst Gefürchteten mit ihm zu
vergleichen.
Sie saß im Garten, während der alte Herr seine schweren Mittagsträume
träumte. Fritz Nettenmair lag in der Stube auf dem Sofa und trug die Nachwehen
einer durchschwärmten Nacht. Vorher hatte er nach dem Turmdache gesehen.
Sie fühlte sich so eigen wohl daheim. Und sollte sie nicht? Spielten nicht ihre
Kinder um sie? Sie dachte nicht daran, wie oft sie sich von den Kindern
fortgesehnt in den Wirbel, der sie nicht mehr lockte. Sie nähte. Die Knaben
spielten zu ihren Füßen, so still, als wäre der alte Herr zugegen. Doch nicht so;
war der alte Herr im Gärtchen, sie hätten sich gar nicht hinein getraut. Das
Mädchen hatte die Mutter umschlungen, die selber, in der Unberührtheit ihres
Wesens, noch ein Mädchen schien. Wenig mehr von der Ähnlichkeit mit ihrem
Gatten lag in ihren Zügen. Sie war nur eine äußerliche gewesen, nur Äußerliches
schien die heiteren Linien berührt zu haben: kein tiefinneres Erlebnis hatte seine
Marke ihnen aufgeprägt.
Das kleine Mädchen hatte dem erwachsenen, seiner Mutter, von Puppen,
Blumen, Kindern, und in seiner Weise manches zweimal, manches nur halb
erzählt. Jetzt erhob sie mit altkluger Ernsthaftigkeit das Köpfchen, sah die
Mutter bedenklich an und sagte: „Was das nur ist?“
„Was?“ fragte die Mutter.
„Wenn du dagewesen bist und fortgehst, sieht er dir so traurig nach.“
„Wer?“ fragte die Mutter.
„Nun, der Onkel Apollonius. Wer sonst? Hast du ihn gescholten? oder
geschlagen, wie mich, wenn ich Zucker nehme und nicht frage? Du hast ihm
doch gewiß etwas getan; sonst wär’ er nicht so betrübt.“
Das Mädchen plauderte weiter und vergaß den Onkel bald über einen
Schmetterling. Die Mutter nicht. Die Mutter hörte nicht mehr, was das Mädchen
plauderte. Was war das doch für ein eigenes Gefühl, wohl und weh zugleich! Sie
hatte die Nadel fallen lassen und merkte es nicht. War sie erschrocken? Es war
ihr, als wäre sie erschrocken, etwa so, wie man erschrickt, hat man mit einem
Menschen geredet, und wird plötzlich inne, es ist ein andrer, als mit dem man zu
reden meinte. Sie hatte gemeint, Apollonius wolle sie beleidigen, und nun sagt
das Kind: du hast ihn beleidigt. Sie blickte auf und sah Apollonius vom
Schuppen her nach dem Hause kommen. In demselben Augenblicke stand ein
andrer Mann zwischen ihr und dem Vorübergehenden, als wäre er aus der Erde
gewachsen. Es war Fritz Nettenmair. Sie hatte ihn nicht nahen gehört.
Er kam in seltsamer Hast von einer gleichgültigen Frage auf den „ledernen
Ball“. Er erzählte, was die Leute darüber meinten, wie jedermann sich beleidigt
fühle von der Beschimpfung, daß Apollonius sie damals nicht aufgezogen, nicht
einmal zum ersten Tanze. Eigen war es, wie sie jetzt daran erinnert wurde,
empfand sie es stärker als je; aber nicht zürnend, nur wie mit wehmütigem
Schmerze. Sie sagte das nicht. Es war nicht nötig. Fritz Nettenmair war wie ein
Mensch im magnetischen Schlaf. Er brauchte sie nicht anzusehen; mit
geschlossenen Augen, von einem Baumblatt, einer Zaunlatte, von einer weißen
Wand las er ab, was sein Weib fühlte.
„Wir werden ihn bald los werden, denk’ ich,“ fuhr er fort, als hätte er nicht an
der Stallwand gelesen. „Es ist kein Platz für zwei Haushälte hier. Und die Anne
ist weiten Raum gewöhnt.“
So hieß das Mädchen, mit der Apollonius am „ledernen“ tanzen, die er
heimbegleiten mußte. Sie war seither öfter hier gewesen, unter Vorwänden, die
ihre hochrote Wange Lügen strafte. Auch ihr Vater, ein angesehener Bürger,
hatte sich um Apollonius Bekanntschaft bemüht, und Fritz Nettenmair hatte die
Sache gefördert, wie er konnte.
„Die Anne?“ rief die junge Frau wie erschreckend.
„Gut, daß sie nicht lügen kann,“ dachte Fritz Nettenmair erleichtert. Aber es
fiel ihm ein, ihr Unvermögen, sich zu verstellen, kam ja auch dem argen Plan des
Bruders zu gut. Er hatte die Eifersucht als letztes Mittel angewandt. Das war
wieder eine Torheit, und er bereute sie schon. Sie kann sich nicht verstellen; und wäre er noch ganz der alte Träumer, ihre Aufregung muß ihm verraten, was in
ihr vorgeht; ihre Aufregung muß ihr selber verraten, was in ihr vorgeht. Noch
weiß sie es selbst ja nicht. Und dann — er stand wieder an dem Punkte, zu dem
jeder Ausgang ihn führt; er sah sie sich verstehen; „und dann,“ zwängte er
zwischen den Zähnen hervor, daß jede Silbe daran sich blutig riß, „und dann —
wird sie’s schon lernen!“
Der Bruder erwartete ihn in der Wohnstube. „Er muß doch einen Vorwand
machen, warum er da vorbeikam, wo er sie allein dachte, da er weiß, ich hab’ ihn
gesehen.“ So dachte er und folgte dem Bruder.
Apollonius wartete wirklich in der Wohnstube auf ihn. Der Bruder gab sich
durch seine Wendung auf den Fersen recht, als er ihn sah. Apollonius suchte den
Bruder auf, ihn vor dem ungemütlichen Gesellen zu warnen. Er hatte manches
Bedenkliche über ihn gehört, und wußte, der Bruder vertraute ihm unbedingt.
„Und da befiehlst du, ich soll ihn fortschicken?“ fragte Fritz, und konnte nicht
verhindern, daß sein Groll einmal durchschimmerte durch seine Verstellung.
Apollonius mußte aus dem Tone, mit dem er sprach, seine wahre Meinung
herauslesen. Sie hieß: „du möchtest auch in den Schuppen dich eindrängen, und
mich von da vertreiben. Versuch’s, wenn du’s wagst!“
Apollonius sah dem Bruder mit unverhehltem Schmerz in das Auge. Er fuhr
mit der Hand über des Bruders Rockklappe, als wollte er wegwischen, was sein
Verhältnis zu dem Bruder trübte, und sagte:
„Hab’ ich dir was zu leid’ getan?“
„Mir?“ lachte der Bruder. Das Lachen sollte klingen, wie: „Ich wüßte nicht
was?“ aber es klang: „Tust du was andres, willst du was andres tun, als wovon
du weißt, daß es mir leid ist?“
„Ich wollte schon lange dir etwas sagen,“ fuhr Apollonius fort, „ich will’s
morgen; du bist heute nicht gelaunt. Das mit dem Gesellen mußtest du erfahren,
und es war nicht so gemeint, wie du’s aufnahmst.“
„Freilich! Freilich!“ lachte Fritz. „Ich bin überzeugt. Es war nicht so
gemeint.“
Apollonius ging, und Fritz ergänzte seine Rede: „Es war nicht so gemeint, wie
du, Federchensucher, mich glauben machen willst. Und anders gemeint, als ich’s
aufnahm? Du meinst, ich hab’ — — Der Geselle ist ein schlechter Kerl; aber du
hättest mich nicht gewarnt, hättest du keinen Vorwand gebraucht.“ Er machte
seine überlegene Wendung auf den Fersen; in seinen verwüsteten Zustand hinein
hatte ihn die glückliche Anwendung von des alten Herrn diplomatischer Kunst,
durch Halbsagen zu verschweigen, gefreut.
Die Freude war schnell vorübergehend, die alte Sorge schraubte ihn wieder
auf ihre Marterbank. Und noch eine jüngere hatte sich ihr zugesellt. Er hatte das Geschäft vernachlässigt; der Geselle, in seiner Abwesenheit Herr im Schuppen,
hatte Gelegenheit genug gehabt, ihn zu bestehlen, und sie gewiß benutzt. Bei der
Reparatur war er schon lange nicht mehr tätig; Apollonius mußte einen Gesellen
mehr annehmen, und für den Bruder einstellen. Er verdiente schon lange nichts
mehr, und versäumte doch dabei kein öffentlich Vergnügen. Die Achtung der
bedeutenden Leute zeigte eine wachsende Neigung zum Sinken und war nur
durch wachsende Massen von Champagner aufrecht zu erhalten. Er hatte sich in
Schulden gesteckt, und vergrößerte sie noch täglich. Und doch mußte einmal der
Augenblick kommen, wo der mühsam erhaltene Schein von Wohlhabenheit
verging. Er wußte, daß er nur so lang der Geachtete war, als der Jovialste der
Jovialen galt. Er war klug genug, den Unwert solcher Achtung und solchen
Bemühens um ihn zu erkennen, aber nicht stark genug, es entbehren zu können.
Es war ein kleiner Zuwachs zu der alten Marter, und jene wie diese kam ihm von
dem Bruder, nur von ihm!
Wohligs Anne war öfter dagewesen seit Apollonius Ankunft, und die junge
Frau hatte in dem Glauben, der in naiven Gemütern die natürliche Folge der
eigenen Wahrhaftigkeit ist, an ihren gesuchtesten Vorwänden nicht gemäkelt.
Heute war das anders. Sie war plötzlich so scharfsichtig geworden, daß der
erkannte Vorwand ihr in der Größe eines unverzeihlichen Verbrechens erschien.
Das Mädchen war ihr zuwider, das so falsch sein konnte, und sie selbst zu
ehrlich, das zu verbergen. Anne suchte den Grund dieses Benehmens in dem
Widerwillen der jungen Frau gegen den Schwager. Es war ja bekannt, die junge
Frau gönnte dem armen Menschen die Liebe des Bruders nicht. Sie hatte selbst
geäußert, sie würde ihm einen Korb geben, wenn er es wagen würde, sie zum
Tanze aufzufordern. Und dem guten Apollonius war es anzusehen, sie ließ ihn
des Aufenthalts in seinem Vaterhause nicht froh werden. Die Gereiztheit machte
auch die Anne ehrlich; sie sprach von ihren Gedanken aus, was ausgesprochen
werden konnte, ohne den zarten Punkt ihrer Neigung bloßzugeben. Christiane
mußte den Vorwurf nun auch aus fremdem Munde vernehmen, den schon das
eigene Kind ihr gemacht.
Das Mädchen ging. Apollonius kam, vom Bruder zurück, wieder vorüber. Er
konnte das Mädchen noch gehen sehen. Aber nichts zeigte sich in seinem
Gesichte, was ihrer nur halb verstandenen Furcht recht gegeben hätte. Und so
sah auch Fritz Nettenmair, der dem Bruder aus dem Versteck der Hintertür
nachblickte, auf ihrem Antlitz nicht soviel, als er gefürchtet, zu sehen.
Das Kind sagt: du hast ihm was getan; die Anne sagt: du hassest ihn, du
lässest ihn nicht froh werden. Und sein traurig Nachblicken — bald ertappte sie
ihn selbst unbemerkt dabei — sagt dasselbe. Wie ein Blitz und mit freudigem
Lichte zuckte es dazwischen, er sah der Anne nicht traurig nach und auch nicht freudig, nein! gleichgültig, wie jedem andern sonst. Ihr wird gesagt: du hassest
ihn; du hast ihn beleidigt und du willst ihn kränken, und sie hat geglaubt, er
hasse sie, er will sie kränken. Und hat er sie nicht gekränkt? Sie blickt in lang
vergangene Zeit zurück, wo er sie beleidigte. Sie hat ihm schon lang nicht mehr
darum gezürnt, sie hat nur neue Beleidigung gefürchtet. Kann sie jetzt noch
darum zürnen, wo er ein so andrer ist; wo sie selbst weiß, er beleidigt sie nicht;
wo die Leute sagen und sein trauriger Blick: sie beleidige ihn? Und wie sie
zurücksinnt, eifrig, so eifrig, daß die Musik wieder um sie klingt, und sie wieder
unter den Gespielinnen sitzt, im weißen Kleid mit den Rosaschleifen, im
Schießhaus auf der Bank den Fenstern entlang, und wieder aufsteht, von dem
dunklen Drang getrieben, und durch die Tanzenden hindurch träumend nach der
Türe geht — da draußen; ist das nicht dasselbe Gesicht, das ihr jetzt nachsieht,
wenn sie geht, so ehrlich, so mild in seiner Wehmut? ist es nicht dasselbe eigene
Mitleid, das jetzt auf Schritt und Tritt mit ihr geht, und sie nicht läßt, wie
damals? Dann wich sie ihm aus, und sah ihn nicht mehr an, denn er war falsch.
Falsch! Ist er es wieder? Ist er es noch?
Eine Nachtigall schlug in dem alten Birnbaume über ihr, so wunderbar und
wie gewalttätig innig und tief. Vom Georgenturm bliesen vier Posaunen den
Abendchoral. Über ihnen, und wie von ihren schwellenden Tönen getragen fuhr
Apollonius auf seinem leichten Schiff. Das Abendrot vergoldete die Fäden, in
denen es hing. Wohin sie sah, glänzten die treuen, trauernden Augen, die ihm
gehörten, mit denen er ihr nachsah, wenn sie ging. Das kleine Mädchen sah mit
ihnen auf zu ihr, und erzählte vom Onkel, wie lieb und gut er sei. Oder erzählte
sie von damals? Es war keine Zeit mehr, sonst und jetzt war eins. Die letzte
Ähnlichkeit mit Fritz Nettenmair war aus ihrem Antlitz verschwunden. Ihre
Seele schauerte hoch oben zwischen Himmel und Erde. Was sie ansah, war ein
Rätsel mit süßer Deutung, aber sie kannte sie nicht. Sie selbst war sich ein
Rätsel. Ihrem Gatten war sie es nicht.
Fritz Nettenmair dachte den ganzen Tag, was das sein möge, was Apollonius
ihm morgen sagen wolle; „morgen; weil ich heute nicht gelaunt bin? Gelaunt?
Ich habe den Federchensucher in meine Karten sehen lassen. Hätt’ ich’s nicht,
wär’ er plump herausgegangen; nun hab’ ich ihn gewarnt und vorsichtig
gemacht. Ich bin zu ehrlich mit solch einem falschen Spieler; ich muß verlieren.
Gut; ich will morgen „gelaunt“ sein, ich will tun, als wär’ ich blind und taub! als
säh’ ich nicht, was er will, und wär’s noch deutlicher. Eine Spinnenwebe auf
meine Rockklappen, damit er was zu bürsten hat. Ich kann’s nicht leiden, wenn
mir so einer ins Gesicht sieht, solch ein Heuchler!“
So vorbereitet und entschlossen, den Lister zu überlisten, gält es auch die schwerste Probe von Selbstbeherrschung, fand Apollonius den Bruder am
folgenden Tage seiner harrend. Auch Apollonius hatte seinen Entschluß gefaßt.
Er wollte sich von keiner Laune des Bruders mehr irren lassen; es kam ja eben
darauf an, allen diesen Launen ihre Quelle abzuschneiden. Fritz bot ihm den
unbefangensten, jovialsten guten Morgen, der ihm zu Gebote stand.
„Wenn du mich ruhig und brüderlich anhören willst,“ sagte Apollonius, „so
hoff’ ich, dieser Morgen soll der beste sein für dich und mich und uns alle.“
„Und uns alle,“ wiederholte Fritz, und legte von seiner Erklärung der drei
Worte nichts in seinen Ton. „Ich weiß, daß du immer an uns alle denkst; darum
rede nur jovial vom Herzen weg, ich mach’s auch so.“
Apollonius ließ die beabsichtigte Einleitung weg. Er hatte klug und vorsichtig
sein gelernt, aber klug und vorsichtig gegen einen Bruder sein, hätte ihm
Falschheit geschienen. Selbst, hätte er die Falschheit des Bruders gekannt, er
wäre nicht auf dessen Gedanken von den gleichen Waffen gekommen. Er hätte
sich seine Erfahrung als Täuschung ausgeredet.
„Ich glaube, Fritz,“ begann er herzlich, „wir hätten anders gegeneinander sein
sollen, als wir seither gewesen sind.“ Er nahm aus Gutmütigkeit die halbe
Schuld auf sich. Der Bruder schob ihm in Gedanken die ganze zu, und wollte
jovial das Gegenteil versichern, als Apollonius fortfuhr: „Es war nicht zwischen
uns, wie sonst, und wie es sein sollte. Die Ursache davon ist, soviel ich weiß, nur
der Widerwille deiner Frau gegen mich. Oder weißt du noch eine andere?“
„Ich weiß keine,“ sagte der Bruder mit bedauerndem Achselzucken; aber er
dachte an Apollonius’ Heimkunft gegen seinen Rat, an den Ball, an die Beratung
auf dem Kirchenboden, an seine Verdrängung von der Reparatur, an den ganzen
Plan des Bruders, an das, was davon ausgeführt, an das, was noch auszuführen
war. Er dachte daran, daß Apollonius eben an dem letzteren arbeite, und wieviel
darauf ankomme, seine nächste Absicht zu erraten und zu vereiteln.
Apollonius sprach indes fort und hatte keine Ahnung von dem, was in dem
Bruder vorging. „Ich weiß nicht, woher der Widerwille deiner Frau gegen mich
kommt. Ich weiß nur, daß er von nichts kommen kann, was ich mit Absicht
getan hätte, mir ihn zu verdienen. Kannst du mir den Grund sagen? Ich will sie
nicht anklagen; es ist möglich, daß ich etwas an mir habe, das ihr mißfällt. Und
dann ist’s gewiß nichts, was zu loben oder nur zu schonen wäre. Und ich will
dann ebenso gewiß der letzte sein, es zu schonen, weiß ich nur, was es ist. Weißt
du’s, so bitte, sag’ es mir. Etwas Schlimmes darfst auch du nicht an mir schonen,
und täte dir’s auch noch so weh. Weißt du’s und sagst mir’s nicht, so ist’s nur
darum. Aber du kränkst mich nicht damit, gewiß nicht, Fritz.“ —
Fritz Nettenmair tat, was Apollonius eben getan; er maß den Bruder in seinen
Gedanken nach sich. Das Ergebnis mußte zu Apollonius’ Nachteil ausfallen. Apollonius nahm sein gedankenvolles Schweigen für eine Antwort.
„Weißt du’s nicht,“ fuhr er fort, „so laß uns zusammen zu ihr gehen, und sie
fragen. Ich muß wissen, was ich tun soll. Das Leben seither darf nicht so
fortgehen. Was würde der Vater sagen, wenn er’s wüßte! Mir ist’s Tag und Nacht
ein Vorwurf, daß er es nicht weiß. Es ist für uns alle besser, Fritz. Komm, laß es
uns nicht verschieben.“
Fritz Nettenmair hörte nur die Zumutung des Bruders. Er sollte ihn zu ihr
führen! Er sollte ihn jetzt zu ihr führen! Wußte Apollonius schon von ihrem
Zustand, und wollte ihn benutzen? Es bedurfte der Frage nicht; wenn sie sich
jetzt nur sahen, mußten sie sich verstehen. Dann war es da, was zu verhindern er
seit Wochen sich keine Stunde lang Ruhe gegönnt. Dann war es da, wovon er
wußte, es mußte kommen, und doch Verzweiflungsanstrengungen machte, ihm
das Kommen zu wehren. Sie durften jetzt nicht einander gegenüberstehen; sie
durften sich jetzt nicht sehen, bis er eine Scheidemauer zwischen sie gebaut.
Woraus? Darauf zu sinnen war jetzt nicht Muße. Einen Vorwand mußte er haben,
den Gang zu ihr zu verhindern; Zeit, den Vorwand zu finden. Und nur um Zeit zu
gewinnen, lachte er:
„Freilich! jovial fragen. Wer fragt, wird berichtet. Aber wie fällt dir das eben
jetzt ein? Eben jetzt?“ Ein Gedanke, der ihn überwältigend traf wie ein Blitz
wurde ohne seine Wahl zu dieser Frage.
Apollonius war schon an der Tür. Er wandte sich zurück zum Bruder und
antwortete mit einer Freude, die diesem eine teuflische schien, weil er ihm nicht
in das ehrliche Gesicht sah. Dafür würde Apollonius in des Bruders Antlitz ein
Etwas von Teufelsangst ertappt haben, hätte dieser es ihm zugewandt. Und
vielleicht dennoch nicht. Er würde den Bruder vielleicht für krank gehalten
haben, so ohne die mindeste Ahnung von dem, was den Bruder dabei ängsten
könne, als er war. Ja, was ihn freute, mußte ja auch den Bruder freuen.
„Früher,“ entgegnete Apollonius, „mußt’ ich fürchten, sie noch mehr zu
erzürnen. Und das würde dir noch weniger lieb gewesen sein als mir.“
Der Bruder lachte und bejahte in seiner jovialen Weise mit Kopf und
Schultern, um nur etwas zu tun. Und sein: „Und jetzt?“ schien nun vom Lachen
halb erstickt, nicht von etwas anderem.
„Deine Frau ist anders seit einiger Zeit,“ fuhr Apollonius vertraulich fort. —
„Sie ist,“ — antwortete Fritz Nettenmair’s Zusammenzucken wider seinen
Willen, und wollte sagen, wofür er sie hielt. Es war ein arges Wort. Aber würde
er selbst, der sie dazu gemacht, es ihm sagen? Nein, es ist noch nicht da, was er
fürchtet. Und wenn es kommen muß; er kann es noch verzögern. Er hält mit
Gewalt seiner Erregung den Mund zu. Er fragte gern: „Und woher weißt du, daß
sie — anders ist?“ wüßte er nicht, seine Stimme wird zittern und ihn verraten. Er muß ja wissen, wer es dem Bruder verraten hat. Hat er sie schon gesprochen?
Hat er es ihr von fern aus den Augen gelesen? Oder ist ein Drittes im Spiel? ein
Feind, den er schon haßt, ehe er weiß, ob er vorhanden ist.
Apollonius scheint ein Etwas von des Bruders unglückseliger Lesegabe
angeflogen. Der Bruder fragt nicht; sein Gesicht ist abgewandt; er kramt tief im
Schranke und sucht wie ein Verzweifelnder und kann nicht finden; und doch
antwortet ihm Apollonius.
„Dein Ännchen hat mir’s gesagt,“ entgegnet er und lacht, indem er an das
Kind denkt. „Onkel,“ sagte das närrische Kind, „die Mutter ist nicht mehr so bös
auf dich; geh’ nur zu ihr und sprich: ich will’s nicht mehr tun; dann ist sie gut
und gibt dir Zucker. So hat sie mich auf den Gedanken gebracht. Es ist
wunderbar, wie’s manchmal ist, als redete ein Engel aus den Kindern. Dein
Ännchen kann uns allen ein Engel gewesen sein.“
Fritz Nettenmair lachte so ungeheuer über das Kind, daß sich Apollonius
Lachen wieder an dem seinigen anzündete. Aber er wußte, es war ein Teufel, der
aus dem Kinde geredet; ihm war das Kind ein Teufel gewesen und konnte es
noch mehr werden. Und doch mußte er noch über das Kind lachen, über das
joviale Kind mit seinem „verfluchten“ Einfall. So sehr mußte er lachen, daß es
gar nicht auffiel, wie zerstückt und krampfhaft klang, was er entgegnete.
„Morgen meinetwegen oder heute nachmittag noch; jetzt hab’ ich unmöglich
Zeit. Jetzt begleit’ ich dich nach Sankt Georg. Ich hab’ einen nötigen Gang.
Morgen! Über das verwünschte Kind!“
Apollonius hatte keine Ahnung, wie ernst das lachende „verwünscht“ gemeint
war. Er sagte, selbst noch über das Kind lachend: „Gut. So fragen wir morgen.
Und dann wird alles anders werden. Ich freue mich wie das Kind, und du dich
gewiß auch, Fritz. Es soll ein ganz ander Leben werden als seither.“ Der gute
Apollonius freute sich so herzlich über des Bruders Freude! Noch als er bereits
wieder auf seinem Fahrzeuge um das Kirchendach flog.
Ebenso rastlos umschwankte seines Bruders Furcht das dunkle Etwas, das
über ihm schwankte und ihn zu begraben drohte; noch emsiger hämmerte sein
Herz an den brechenden Planen, den Sturz zu hindern; aber sein Gedankenschiff
hing nicht zwischen Himmel und Erde, von des Himmels Licht bewahrt; es
taumelte tiefer und immer tiefer, zwischen Erd’ und Hölle, und die Hölle
zeichnete ihn immer dunkler mit ihrer Glut.
Ännchen hatte die Mutter wieder umschlungen, die in der Laube saß. Sie sah
wieder mit Apollonius Augen zu ihr auf und erzählte ihr von ihm. Und kam sie
nach Kinderweise von ihm ab, so leitete die Mutter mit unbewußter Kunst sie
wieder zu ihm zurück. Dann rauschte es einen Augenblick in den Blättern der
Laube hinter ihr. Sie dachte, es sei der Wind oder hörte es gar nicht; vielleicht,
weil es nicht von Apollonius sprach. Hätte sie hingesehen, sie wäre entsetzt
aufgesprungen von der Bank. Was die Blätter rauschen machte, war das
stürmische Erzittern einer geballten Faust. Darüber stand ein rotes Gesicht,
verzerrt von der Anstrengung die die gehobene Faust zurückhielt, sonst hätte sie
das lächelnde Gesicht des Kindes getroffen, das, so jung, schon eine Kupplerin
war. Das lächelnde, vatermörderische Gesicht! Das Kind hat ein blaues
Kleidchen an; blau ist die Lieblingsfarbe Apollonius’. Sein Kind trägt seines
Todfeindes Livree. Und die Mutter — o, Fritz Nettenmair kann sich noch auf die
Zeit besinnen, wo sie täglich so gekleidet ging wie heute. Und fürchtet sie das
nicht? Glaubt sie, was damals vorgegangen, gibt ihr ein Recht, ihn nicht zu
fürchten? Ein Recht, in Schande zu leben, weil es seine Schande ist? Das alles
reißt an der gehobenen Faust.
Jetzt sagt die Mutter vor sich hin und hat das Mädchen vergessen: „Der arme
Apollonius!“ — Was hält die Faust zurück? — „Ich muß Fritz sagen, wie er
mich dauert. Er ist gut. Nicht, Ännchen?“ Ännchen singt und hört auf die Frage
nicht. Sie bedarf auch keiner Antwort. „Fritz ist zornig auf ihn, weil er mich
einmal gekränkt hat. Ich hab’s lang vergessen. Er ist anders, und Fritz tut ihm
unrecht, wenn er meint, er ist noch immer so. Und vielleicht ist er nie so
gewesen, und die Menschen haben Fritz belogen. Wir wollen gut sein gegen ihn,
damit er froh wird. Ich kann’s nicht mehr ertragen, wie er traurig ist. Ich will’s
ihm sagen, dem Fritz.“ So schließt die junge Frau ihr Selbstgespräch; ihr ganzes
süß vertrauliches Mädchenwesen ist wieder aufgewacht, und Fritz Nettenmair
begreift, das Tun, zu dem der Zorn ihn hinreißen will, zu erschaffen, was noch
nicht ist, muß beschleunigen, was kommen wird. Er ist arm geworden,
entsetzlich arm. Die Zukunft ist nicht mehr sein; er darf nicht auf Tage hinaus
rechnen; er lebt nur noch von Augenblick zu Augenblick; er muß festhalten, was
zwischen dem Gegenwärtigen ist und dem Nächstkommenden. Und dazwischen
ist nichts, als Qual und Kampf.
Er hat die Frau bis jetzt geliebt, wie er alles tat, wie er selbst war,
oberflächlich — und jovial. Das Gewissen hat seine Seele ausgetieft. Die Furcht
vor dem Verlust hat ihn ein ander Leben gelehrt. Das Leben lehrte ihn wiederum
ein ander Fürchten. Hätte er sie früher so geliebt, wie jetzt, ihre tiefste Seele
hätte sich ihm vielleicht geöffnet, sie hätte auch ihn geliebt. Sie haben Jahre zusammengelebt, sind nebeneinander gegangen, ihre Seelen wußten nichts von
einander. Dem Leibe nach Gattin und Mutter ist ihre Seele ein Mädchen
geblieben. Er hat die tieferen Bedürfnisse ihres Herzens nicht geweckt, er kannte
sie nicht; er hätte sie nicht befriedigen können. Er erkennt sie erst, wie sie sich
einem Fremden zuwenden. Er fühlt erst, was er besaß, ohne es zu haben, nun es
einem andern gehört. Mit welcher Empfindung sieht er die Knospe ihres
Angesichts sich entfalten, die er schon für die Blume hielt! Welch nie geahnter
Himmel öffnet sich da, wo er sonst Genüge hatte, sein eigen Spiegelbild zu
finden. Und wie viel er sah; all den Reichtum an hingebendem Vertrauen, an
Opferfähigkeit, an verehrendem Aufstaunen und dienendem Ergeben zu fassen,
der in der Morgenröte dieses reinen Angesichts aufging, war sein Auge, auch
krankhaft weit geöffnet, noch zu eng. Sein Schmerz übermannte einen
Augenblick seinen Haß. Er mußte sich fortschleichen, um das Geständnis seiner
Schuld vor dem Antlitz zu flüchten, dessen Blick er jetzt wie ein Verbrecher
fürchtete, so sanft es war.
Gegen Abend wurde die junge Frau plötzlich von zwei Männerstimmen aus
ihren Tränen geweckt. Sie saß unfern der verschlossenen Schuppentür im Grase.
Fritz war eben mit dem Bruder von der Hintergasse in den Schuppen getreten.
Sie hörte, er zog den Bruder mit Wohlig’s Anne auf. Anne sei die beste Partie in
der ganzen Stadt und der Bruder ein Spitzbube, der die Welt kenne und die Art,
die lange Haare und Schürzen trägt. Die Anne nähe schon an ihrer Aussteuer,
und ihre Basen trügen die Heirat mit Apollonius von Haus zu Hause. Die junge
Frau hörte ihn fragen, wann die Hochzeit sei? Sie hatte sich entfernen wollen; sie
vergaß es; sie vergaß das Atmen. Und darauf hätte sie fast laut aufgejubelt:
Apollonius sagte, er heirate gar nicht, die Anne nicht, noch sonst eine.
Der Bruder lachte. „Drum hast du den Abend deiner Heimkehr nur mit der
Anne getanzt und sie heimgeleitet?“
„Mit deiner Frau hätt’ ich getanzt,“ entgegnete Apollonius. „Du warntest
mich, deine Frau würde mir einen Korb geben, weil sie so unwillig auf mich
war. Ich wollte nun gar nicht tanzen. Du brachtest mir die Anne, und wie du
gingst, fragtest du sie, ob ich sie heimbegleiten dürfte. Da konnt’ ich nicht
anders. Ich habe nie daran gedacht, die Anne —“
„Zu heiraten?“ lachte der Bruder. „Nun, sie ist auch zum — Spaße hübsch
genug und der Mühe wert, sie vernarrt in dich zu machen.“
„Fritz!“ rief Apollonius unwillig. „Aber es ist nicht dein Ernst,“ besänftigte er
sich selbst. „Ich weiß, du kennst mich besser; aber auch im Scherz soll man
einem braven Mädchen nicht zu nahe treten.“
„Pah,“ sagte der Bruder, „wenn sie es selbst tut. Was kommt sie uns ins Haus
und wirft sich dir an den Kopf?“
„Das hat sie nicht,“ entgegnete Apollonius warm. „Sie ist brav und hat sich
nichts Unrechtes dabei gedacht.“
„Ja, sonst hättest du sie zurechtgewiesen,“ lachte Fritz, und es lag Hohn in
seiner Stimme.
„Wußt ich,“ sagte Apollonius, „was sie dachte? Du hast sie mit mir
aufgezogen und mich mit ihr. Ich habe nichts getan, was solche Gedanken in ihr
erwecken konnte. Ich hätt’s für eine Sünde gehalten.“
Die Männer gingen ihren Weg wieder zurück. Christianen fiel es nicht ein, sie
hätten auch auf den Gang kommen können, wo sie stand. Was von Offenheit und
Wahrheit in ihr lag, war gegen ihren Gatten empört. Nicht die Leute hatten ihn
belogen; er war selber falsch. Er hatte sie belogen und Apollonius belogen, und
sie hatte irrend Apollonius gekränkt. Apollonius, der so brav war, daß er nicht
über die Anne spotten hören konnte, hatte auch ihrer nie gespottet. Alles war
Lüge gewesen von Anfang an. Ihr Gatte verfolgte Apollonius, weil er falsch war
und Apollonius brav. Ihr innerstes Herz wandte sich von dem Verfolger ab, und
dem Verfolgten zu. Aus dem Aufruhr all ihrer Gefühle stieg ein neues, heiliges
siegend auf, und sie gab sich ihm in der vollen Unbefangenheit und Unschuld
hin. Sie kannte es nicht. Daß sie es nie kennen lernte! Sobald sie es kennen lernt,
wird es Sünde. — Und schon rauschen die Füße durch das Gras, auf denen die
unselige Erkenntnis naht.
Fritz Nettenmair mußte seine neue Scheidemauer aufbauen, ehe er den Bruder
zu seinem Weibe führte. Deshalb kam er. Sein Gang war ungleich; er wählte
noch und konnte sich nicht entscheiden. Er wurde noch ungewisser, als er vor ihr
stand. Er las, was sie fühlte, von ihrem Antlitz; es war zu ehrlich, um etwas zu
verschweigen; es kannte zu wenig, wovon es sprach, um zu denken, es müßte
dies verbergen. Er fühlte, mit den alten Verleumdungen werde er nichts mehr bei
ihr vermögen. Er konnte sie über ihre Gefühle aufklären, sie dann bei ihrer Ehre,
bei ihrem weiblichen Stolze fassen. Er konnte sie zwingen — wozu? Zur
Verstellung? Zum Leugnen? Zur Verheimlichung, wenn sie — einmal wußte,
was sie wollte? Würde sie nicht zu sich sagen: den Betrüger betrügen, das
Gestohlene heimlich wieder nehmen, ist kein Betrug, kein Diebstahl? Das war
es! Das Bewußtsein seiner Schuld verfälscht ihm die Dinge, die Menschen. Er
kannte das starke Ehrgefühl seiner Frau, wie die bis zum Eigensinn feste
Rechtlichkeit des Bruders, und er hätte beiden in allem getraut; nur in dem einen
traute er ihnen nicht, wo er das Gefühl hatte, er habe es verdient, von ihnen
betrogen zu sein.
So zog er doch den Weg vor, den er bis jetzt gegangen. Er machte einen
kleinen Umweg über des „Federchensuchers Narrheiten“. Er wußte, kleine
Lächerlichkeiten sind geschickter, eine werdende Neigung zu vernüchtern, als große Fehler. Er agierte Apollonius, wie er den Weg, den er mit einem Lichte
gemacht, noch einmal zurückging, aus Sorge, er könnte einen Funken verloren
haben; wie es ihn bei Nacht nicht ruhen ließ, wenn ihm einfiel, er hatte bei einer
Arbeit seinen gewöhnlichen Eigensinn vergessen, oder ein Arbeiter hatte das
strenge Wort nicht verdient, das er, vom Drang der Geschäfte erhitzt, gegeben;
wie er aus dem Bette aufgesprungen, um ein Lineal, das er im schiefen Winkel
mit der Tischkante liegen lassen, in den rechten zu rücken. Dabei strich und blies
Fritz Nettenmair sich eingebildete Federchen von den Ärmeln. Er sah wohl,
seine Mühe hatte den verkehrten Erfolg. Gereizt dadurch griff er zu stärkeren
Mitteln. Er bedauerte die arme Anne, die Apollonius durch Scheinheiligkeit in
sich vernarrt gemacht; und erzählte, auf wie gemeine Weise er sie öffentlich
verspotte.
Auf den Wangen der jungen Frau war ein dunkles Rot aufgestiegen. Offene,
naive Naturen haben einen tiefen Haß gegen alle Falschheit, vielleicht, weil sie
instinktmäßig fühlen, wie waffenlos sie vor diesem Feinde stehen. Sie zitterte
vor Erregung, als sie aufstand und sagte: „Du könntest das tun, du; er nicht.“
Fritz Nettenmair schrak zusammen. In dem Anblick der Gestalt, die voll
Verachtung vor ihm stand, war etwas, was ihn entwaffnete. Es war die Gewalt
der Wahrheit, die Hoheit der Unschuld dem Sünder gegenüber. Er raffte sich mit
Anstrengung zusammen. „Hat er dir das gesagt? Seid ihr schon so weit?“ preßte
er hervor. Sie wollte nach dem Hause gehen; er hielt sie auf. Sie wollte sich
losreißen.
„Alles hast du gelogen,“ sagte sie, „ihn hast du belogen, mich hast du belogen.
Ich habe gehört, was du vorhin im Schuppen mit ihm sprachst.“
Fritz Nettenmair atmete auf. So wußte sie nicht alles. „Mußt ich’s nicht?“
fragte er, indem sein Auge sich der Reinheit des ihren gegenüber kaum
aufrechthielt. „Mußt’ ich nicht, um deine Schande zu verhindern? Soll der
Federchensucher dich verachten?“ Noch drückte ihr Blick den seinen nieder.
„Weißt du, was du bist? Frag’ ihn doch, was eine Frau ist, die Ehre und Pflicht
vergißt? An wen denkst du mit Gedanken, wie du nur an deinen Mann denken
solltest? Wenn du wie eine verliebte Dirne umherschleichst, wo du meinst, ihn
zu sehen. Und meinst, die Menschen sind blind. Frag’ ihn doch, wie er so eine
nennt? O, die Leute haben schöne Namen für so eine.“
Er sah, wie sie erschrak. Ihr Arm bebte in seiner Hand. Er sah, sie begann ihn
zu verstehen, sie begann sich selbst zu verstehen. Er hatte ihren Trotz gefürchtet
und sah, sie brach zusammen; das Zornesrot erblich auf ihrer Wange und
Schamröte schlug wild über die bleiche hin. Er sah, wie ihr Auge den Boden
suchte, als fühlte es die Blicke aller Menschen auf sich gerichtet, als hätte der
Schuppen, der Zaun, die Bäume Augen, und alle bohrten sich in das ihre. Er sah, wie sie in der Jäheit der Erkenntnis sich selbst so eine nannte, für die die Leute
die schönen Namen haben.
Der Schmerz strömte seinen Regen über die schamblutende, brennende
Wange, und die Tränen waren wie Öl; das Feuer wuchs, als eine Stimme vom
Schuppen klang und sein Tritt. Sie wollte sich gewaltsam losreißen, und sah mit
halb wildem, halb flehendem Blicke auf, der sterbend vor den tausend Augen
wieder zu Boden sank. Er sah, sein Auge, das Auge des, der durch den Schuppen
kam, war ihr das schrecklichste. Er hatte seinen ganzen Mut wieder.
„Sag’s ihm,“ preßte er leise hervor, „was du von ihm willst. Wenn er ist, wie
du meinst, muß er dich verachten.“
Fritz Nettenmair hielt die Kämpfende mit der Kraft des Siegers fest, bis er
Apollonius, der fragend aus dem Schuppen sah, gewinkt, herbeizukommen. Er
ließ sie und sie floh nach dem Hause. Apollonius blieb erschrocken auf dem
halben Wege stehen.
„Da siehst du, wie sie ist,“ sagte Fritz zu ihm. „Ich hab’ ihr gesagt, du wolltest
sie fragen. Willst du, so gehen wir ihr nach und sie muß uns beichten. Ich will
sehen, ob meine Frau meinen Bruder beleidigen darf, der so brav ist.“
Apollonius mußte ihn zurückhalten. Fritz gab sich nicht gleich zufrieden.
Endlich sagte er: „Du siehst aber nun, es liegt nicht an mir. O, es tut mir leid!“
Es war ein unwillkürlicher Schmerz in den letzten Worten, den Apollonius auf
die mißlungene Aussöhnung bezog. Fritz Nettenmair wiederholte sie leiser, und