Zwischen Himmel und Erde
Zwischen Himmel und Erde
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 9 Teile geteilt.
Unruhe der Menschen angesteckt. Ist doch jetzt die Stunde, die er an andern
Tagen vor seiner Hütte schlafend verbringt.
Die alte Gewohnheit scheint ihn zu mahnen, als er an seiner Hütte
vorbeilaufen will. Er legt sich daneben, aber er schließt die Augen nicht; er
scheint in tiefe Gedanken versunken. Denkt er sich die weite Erde mit ihren
Bergen und Tälern und Flüssen, mit ihren Städten und Dörfern? Und von Ort zu
Orte Straßen und auf jeder Straße Wanderer, fortziehende und heimkehrende?
Wer ein scharfes Auge hätte, die Herzensfäden alle zu sehen, die sich spinnen
die Straßen entlang über Hügel und Tal, dunkle und helle, je nachdem Hoffnung
oder Entsagung an der Spule saß, ein traumhaftes Gewebe! Manche reißen, helle
dunkeln, dunkle werden hell; manche bleiben ausgespannt, so lang die Herzen
leben, aus denen sie gesponnen sind; manche ziehen mit unentrinnbarer Gewalt
zurück. Dann eilt des Wanderers Seele vor ihm her und pocht schon an des
Vaterhauses Tür und liegt an warmen Herzen, an Wangen von Freudentränen
feucht, in Armen, die ihn drücken und umfangen und ihn nicht lassen wollen,
während sein Fuß noch weit davon auf fremdem Boden schreitet. Und steht er
auf der Flur des Vaterhauses, wie anders dann, wie anders oft ist sein Empfang,
als er geträumt! Wie anders sind die Menschen geworden! In einer Minute sagt
er zweimal: sie sind’s, und zweimal: sie sind’s nicht. Dann sucht er die
altbekannten lieben Stellen, die Häuser, den Fluß, die Berge, die das Heimatstal umgürten; die müssen doch die alten geblieben sein. Aber auch sie sind anders
geworden. Oft sind es die Dinge, die Menschen, oft nur das Auge, das sie
wiedersieht. Die Zeit malt anders, als die Erinnerung. Die Erinnerung glättet die
alten Falten, die Zeit malt neue dazu. Und die, mit denen er in der Erinnerung
immer zusammen war, in der Wirklichkeit muß er sich erst wieder an sie
gewöhnen.
Ob Apollonius das dachte, als er immer etwas vergebens erwartete und nicht
wußte, daß es der Bruder war, der ihm entgegenkommen sollte? Ob der Bruder
fühlte, Apollonius müsse nach ihm aussehen, als er so schnell von seinem Stuhle
aufstand? Er hatte schon die Türklinke in der Hand. Er ließ sie fahren. Fiel ihm
ein, er könne ihn verfehlen, und blieb, weil er Frau und Bruder die Peinlichkeit
des Augenblicks ersparen wollte, in dem sie einander allein gegenüberstehen
müßten? Sie mit dem Widerwillen und er mit dem Bewußtsein jenes
Widerwillens. Jetzt stieg die alte Gestalt des Geschiedenen vor dem Bruder auf
und es war, als befreite sie ihn von schweren Sorgen. Es war die Wendung, mit
der er sich sonst von dem Gegenwärtigen abwandte, und dabei aussah, als sagte
er zu sich: „der Träumer“! und eine rasche Bewegung machte, wie um recht zu
fühlen, welch’ ein andrer er sei, wie besser er sich auf das Leben verstehe und
die Art, „die lange Haare hat und Schürzen trägt“. Er musterte mit einem
beruhigten Blick in den Spiegel seine gedrungene Gestalt, sein volles, rotes
Gesicht, das tiefer in den Schultern stak, als er meinte, wenigstens nicht tiefer,
als er für schön hielt; er steckte die Hände in die Beinkleidertaschen und
klapperte mit dem Gelde darin. Er besann sich, schon dem Gesellen am
Schuppen gesagt zu haben: „Es bleibt beim alten in der Arbeit. Du nimmst von
niemand Befehle als von mir. Ich bin Herr hier“. Und der hatte so eigen
Zweideutig gelacht, als sagte er ein lautes Ja zu dem Redenden, und zu sich: „ich
lass’ dich so reden, weil ich es bin“. Fritz Nettenmair dachte: „lange wird er
nicht bleiben, dafür will ich schon tun“. Und über der Bewegung, die wiederum
sagte: „ich bin ein Kerl, der das Leben versteht,“ fiel ihm der Ball ein, an dem er
das heute abend noch viel genugtuender empfinden wird, weil er es in allen
Augen lesen kann, was er ist, und kein andrer so außer ihm.
Seine junge Frau scheint ähnliches zu denken. Auch sie sieht in den Spiegel;
ihre Blicke begegnen sich darin. Die Ehe soll die Gatten sich ähnlich machen.
Hier traf die Bemerkung. Das Zusammenleben hatte hier zwei Gesichter sich
ähnlich gemacht, die unter andern Umständen sich vielleicht ebenso unähnlich
sehen würden. Und es hatte eigentlich nicht beide einander ähnlich gemacht,
sondern nur eins davon dem andern. Die übereinstimmenden Züge, das konnte
ein scharfes Auge sehen, waren nur ihm eigen; er hatte nur gegeben, aber nicht
empfangen. Und doch wäre es umgekehrt besser gewesen für Beide, wenn er es auch nicht eingestehen würde und sie es nicht fühlte, wenigstens in diesem
Augenblicke nicht. Vielleicht auch morgen und übermorgen noch nicht. Wieviel
Zeit mag nötig sein, wieviel Schmerzen wird sie zu Hilfe nehmen müssen, von
einem ursprünglich so schönen Menschenbilde abzuwaschen, womit die
Gewohnheit von Jahren es beschmutzt!
Die Tür flog auf, das hochgerötete Antlitz des Dienstmädchens erschien in ihr.
„Er kommt!“ Wer in der Straße zufällig am Fenster steht, schaut mit
Wohlgefallen auf die frische, schlanke, männliche Gestalt herab, die daher
kommt, den Tornister auf dem Rücken, den Stock unter dem Arm. Denn er hat
keine Hand frei. An der rechten führt er ein Mädchen, zwei kleinere Knaben
halten sich zugleich an seiner linken fest; ein Umstand, der das Fortkommen
nicht erleichtert. Die Nachbarn, die wußten, wer erwartet wurde, füllen Fenster
und Türen. Er hat nun nicht bloß den unermüdlich auf ihn einredenden Kindern,
er hat auch andern zu antworten. Den Alten muß er auf Grüße und Scherzreden
erwidern, Schulkameraden zuwinken, vor errötenden Mädchengesichtern sich
verneigen. Den Hut kann er nicht abziehen; die Kinder geben seine Hände nicht
frei. Aber die Grüßenden verlangen es auch nicht; sie sehen, wie unmöglich es
ihm ist. Und wo er vorübergegangen, da sagt ein Winken hinter ihm her: „er ist
noch der alte, hübsche, bescheidene Junge,“ und ein gehobener Finger setzt
hinzu: „aber er ist kein Junge mehr; er ist ein Mann geworden, und was für
einer!“ Ist das Fenster geschlossen, wird alles zu seinem Lobe laut, nur die
Mädchen nicht, die reif genug waren, sein Neigen mit unwillkürlichem Erröten
zu erwidern; die sind stiller als sonst, und die Sonne, die heut so viel heller
scheint als an andern Tagen, bringt die seltsamsten Wirkungen auf sie hervor.
Zunächst einen eignen Drang der Füße, in der Richtung nach den Fenstern sich
zu bewegen; dann ein ebenso wunderbar plötzliches Wiedererwachen längst
entschlafener Freundschaften, deren Gegenstände in der Nähe des
Nettenmairschen Hauses wohnen, und die man besuchen muß; endlich
merkwürdig oft wiederkehrenden Andrang des Blutes nach dem Kopfe, den man
für ein Erröten angesehen hätte, war nur irgendein Grund dazu vorhanden.
Ob die Veränderung, die mit unserm Wanderer in der Fremde vorgegangen,
seinen Bruder ebenso erfreuen wird, als die Nachbarn?
Er ist an der Tür des Vaterhauses angekommen. Vergeblich hat er an den
Fenstern nach einem bekannten Antlitz gesucht. Jetzt kommt ein untersetzter
Herr im schwarzen Frack herausgestürzt. So hastig kommt er gestürzt, so wild
umschlingt er ihn, so fest drückt er ihn an seine weiße Weste, so nahe drängt er
Wange gegen Wange, so lange läßt er sie da ruhen, daß man die Wahl hat, zu
glauben, er liebt den Bruder außerordentlich, oder — er will sich nicht gern in
die Augen sehen lassen von ihm. Aber er muß ihn doch endlich einmal aus den Armen lassen; er nimmt ihn unter den rechten und zieht ihn in die Türe.
„Schön, daß du kommst! herrlich, daß du kommst! Es war eigentlich nicht
nötig — ein Einfall von dem im blauen Rock, und der hat nichts mehr zu
befehlen im Geschäft. Aber es ist wirklich schön von dir; es tut mir nur leid, daß
du deiner Braut die Augen rot machst.“ Deiner Braut, das sprach er so deutlich
und mit so erhöhter Stimme, daß man es in der Wohnstube vernehmen und
verstehen konnte.
Der Ankömmling suchte mit feuchten Augen in des Bruders Angesicht, wie
um Zug für Zug durchzugehen, ob auch alles noch darin sei, was ihm so lieb und
teuer gewesen. Der Bruder tat nichts dazu, ihm das Geschäft zu erleichtern. Was
ihn auch hindern mochte; er sah nur, was sich zwischen Apollonius Kinn und
Fußspitzen befand. Er hatte vielleicht gedacht, sich mit der alten Wendung auf
den Fersen an die Spitze des Zuges zu stellen. Aber nach dem wenigen, das er
gesehen, paßte „der Träumer“ nicht mehr, und die Wendung unterblieb.
„Der Vater hat es haben wollen,“ sagte der Ankömmling unbefangen. „Und
was du da von einer Braut sagst —“
Der Bruder unterbrach ihn; er lachte laut in seiner alten Weise, so daß man,
sprach Apollonius auch weiter, ihn nicht mehr verstanden hätte. „Schon gut!
Schon gut! Noch einmal, es ist prächtig, daß du uns besuchst, und vierzehn Tage
wenigstens wirst du festgehalten, magst du wollen oder nicht. Kehr’ dich nicht
an die,“ setzte er leiser hinzu, und zeigte mit der Rechten durch die Türe, die er
eben mit der Linken öffnete.
Die junge Frau stand mit dem Rücken gegen die Tür an einem Schrank, in
welchem sie kramte. Verlegen und nicht eben freundlich wandte sie sich, und nur
nach dem Manne. Noch sah der Schwager nichts als einen Teil ihrer rechten
Wange und eine brennende Röte darauf. Was man sonst an ihrem Benehmen
auszusetzen fände, es zeigte sich darin eine unverkennbare Ehrlichkeit, ein
Unvermögen, sich anders zu geben, als sie war. Sie stand da, als mache sie sich
gefaßt, eine Beleidigung hören zu müssen. Der Ankömmling ging auf sie zu und
ergriff ihre Hand, die sie ihm erst schien entziehen zu wollen und dann
regungslos in der seinen liegen ließ. Er freute sich, seine werte Schwägerin zu
begrüßen. Er bat ihr ab, daß er durch sein Kommen sie erzürne, und hoffte,
durch redliches Bemühen den unverkennbaren Widerwillen zu besiegen, den sie
gegen ihn trage …
In so schonende und artige Wendung er Bitte und Hoffnung kleidete, er sprach
beide bloß in Gedanken aus. Daß alles so war, wie er es sich gedacht, und doch
wieder so ganz anders, nahm ihm Unbefangenheit und Mut.
Der Bruder machte der peinlichen Pause — denn seine Frau antwortete mit
keinem Laute — ein willkommenes Ende. Er zeigte auf die Kinder. Sie drängten sich noch immer, unbeirrt von allem, was die Erwachsenen bedrängte und sie
nicht bemerkten und verstanden, um den neuen Onkel; und dieser war froh über
den Anlaß, sich zu ihnen herabzubeugen und tausenderlei Fragen beantworten zu
müssen.
„Die Brut ist aufdringlich,“ sagte der Bruder. Er zeigte auf die Kinder, aber er
sah verstohlen nach der Frau. „Bei alledem wundert’s mich, wie ihr bekannt
geworden seid. Und so schnell vertraut,“ fügte er hinzu. Er mochte in Gedanken
seine letzte Bemerkung weiterspinnen: „es scheint, du verstehst schnell vertraut
zu werden und zu machen.“ Ein Schatten wie von Besorgnis legte sich über sein
rotes Gesicht. Aber den Kindern galt diese Besorgnis nicht; er hätte sonst dabei
nach den Kindern gesehen und nicht nach seiner Frau.
Der Ankömmling sprach immer eifriger mit den Kindern. Er hatte die Frage
überhört, oder er wollte vor der zürnenden Frau nicht merken lassen, wessen
Bild er so lebendig in sich trage. Die Ähnlichkeit mit der Mutter hatte ihn die
Kleinen, die ihm zufällig begegnet, als seines Bruders Kinder erkennen lassen.
Die Frage aber, wie sie so schnell mit ihm vertraut werden konnten, hätte man an
den alten Valentin tun müssen. War er es doch gewesen, der ihnen immer von
dem Onkel erzählt, der bald zu ihnen komme. Vielleicht nur, um mit jemand von
dem sprechen zu können, von dem er so gern sprach. Der Bruder und die
Schwägerin wichen solchen Gesprächen aus, und der alte Herr machte sich nicht
so gemein mit dem alten Gesellen, über Dinge mit ihm zu sprechen, die ihm den
Vorwand bieten konnten, in irgendeine Art Vertraulichkeit gegen ihn zu
verfallen. Der alte Valentin hätte auch sagen können, die Kinder waren nicht
zufällig dem Onkel begegnet. Sie waren gegangen, um ihn zu finden. Der alte
Valentin hatte daran gedacht, wie tausend Heimkehrenden die harrende Liebe
entgegeneilt; es hatte ihm weh getan, daß nur seinem Liebling kein Gruß
entgegenkäme, ehe er pochte an des Vaters Tür.
Apollonius verstummte plötzlich. Er erschrak, daß die Verlegenheit ihn des
Vaters vergessen gemacht. Der Bruder verstand seine Bewegung und sagte
erleichtert: „er ist im Gärtchen“. Apollonius sprang auf und eilte hinaus.
Da unter seinen Beeten kauerte die Gestalt des alten Herrn. Er folgte der
Schere des alten Valentin, der auf den Knien vor ihm herrutschte, noch immer
mit den prüfenden Händen. Er fand manche Ungleichheit, die der Geselle sofort
entfernen mußte. Ein Wunder war es nicht. Der alte Valentin dachte jede Minute
zweimal: jetzt kommt er! und wenn er so dachte, fuhr die Schere quer in den
Buchsbaum hinein. Und der alte Herr würde noch anders gebrummt haben, hätte
nicht derselbe Gedanke die Hand unsicher gemacht, die nun sein Auge war.
Apollonius stand vor dem Vater und konnte vor Schmerz nicht sprechen. Er
hatte lang gewußt, der Vater war blind, er hatte sich ihn oft in schmerzlichen Gedanken vorgemalt. Da war er gewesen wie sonst, nur mit einem Schirm vor
den Augen. Er hatte sich ihn sitzend oder auf den alten Valentin sich lehnend
gedacht, aber nie, wie er ihn jetzt sah, die hohe Gestalt hilflos wie ein Kind, die
kauernde Stellung, die zitternd und ungewiß vor sich hingreifenden Hände. Nun
wußte er erst, was blind sein heißt.
Valentin setzte die Schere ab und lachte oder weinte auf den Knien; man
konnte nicht sagen, was er tat. Der alte Herr neigte erst wie horchend den Kopf
auf die Seite, dann nahm er sich zusammen. Apollonius sah, der Vater empfand
seine Blindheit als etwas, des er sich schämen müsse. Er sah, wie der alte Herr
sich anstrengte, jede Bewegung zu vermeiden, die daran erinnern könnte, er sei
blind. Er wußte nun erst, was bei dem alten Mann, den er so sehr liebte, blind
sein hieß! Der alte Herr ahnte, daß der Ankömmling in seiner Nähe war. Aber
wo? auf welcher Seite? Apollonius fühlte, der Vater empfand diese Ungewißheit
mit Beschämung, und zwang die versagende Brust zu dem Rufe: „Vater! lieber
Vater!“ Er stürzte neben dem alten Herrn in die Knie und wollte beide Arme um
ihn schlagen. Der alte Herr machte eine Bewegung, die um Schonung zu bitten
schien, obgleich sie nur den Jüngling von ihm abhalten sollte. Der schlug die
zurückgewiesenen Arme um die eigene Brust, den Schmerz da festzuhalten, der,
über die Lippen gestiegen, dem Vater verraten hätte, wie tief er dessen Elend
empfand. Die gleiche Schonung ließ den alten Valentin die unwillkürliche
Bewegung, dem alten Herrn sich aufrichten zu helfen, zu einem Griff nach der
Schere machen, die zwischen ihm und diesem lag. Auch er wollte dem
Ankömmling verbergen, was nicht zu verbergen war. So treu und tief hatte er
sich in seinen alten Herrn hineingelebt.
Der alte Herr hatte sich erhoben und reichte dem Sohne die Hand, etwa als
wäre dieser so viel Tage fortgewesen als er Jahre fortgewesen war. „Du wirst
müde sein und hungrig! Ich leide etwas an den Augen, aber es hat nichts zu
sagen. Wegen des Geschäftes rede mit dem Fritz. Ich hab’s aufgegeben. Ich will
Ruhe haben. Aber das ist’s eigentlich nicht; junge Leute müssen auch einmal
selbständig werden. Das gibt mehr Lust zum Geschäft.“
Er trat dem Sohn einen Schritt näher. Es war wie ein Kampf in ihm. Er wollte
etwas sagen, das niemand hören sollte, als der Sohn. Aber er schwieg. Ein
Gedankenschatten von Mißtrauen und Furcht, sich etwas zu vergeben, flog über
sein steinernes Gesicht. Er winkte dem Sohn, zu gehen. Aber er selbst blieb
regungslos stehen, bis sein scharfes Ohr die Tür der Wohnstube öffnen und
schließen gehört. Dann ging er nach der Laube, immer voll Anstrengung und
scheinbarer Sorglosigkeit. Drinnen stand er lang, mit dem Gesichte der grünen
Hinterwand zugekehrt, und schien die Ranken von Teufelszwirn, die diese
bildeten, angelegentlich zu mustern. Allerlei Gedanken zogen über seine Stirn. Es waren sorgenvolle, seltener von Hoffnung angeschimmert, als von Argwohn
überdunkelt; und alle galten dem Geschäft und der Ehre des Hauses, um das er
vor allen, selbst vor den Gliedern dieses Hauses, sich nicht im entferntesten zu
kümmern den Anschein gab.
Warum er unterdrückt, was er dem Ankömmling sagen wollte? War es vom
Geschäft oder von der Ehre des Hauses? Und wußte oder ahnte er, der anstatt
seiner nun um beides zu sorgen hatte, stand an die Tür des Gärtchens gelehnt
und konnte hören, was er mit dem Ankömmling sprach, und wenn er heimlich
mit ihm sprach, wenigstens sehen, daß er dies tat? War es der Grund, warum er
Apollonius hatte zurückrufen lassen aus der Fremde? Und schien ihm noch jetzt
jedes Aussprechen eines Warum mit seinem Ansehen unverträglich?
Es war ein wunderlich Beisammensein drinnen in der Wohnstube am
Mittagstisch. Der alte Herr saß, wie immer, allein auf seinem Stübchen. Auch die
Kinder waren entfernt worden und kamen erst nach dem Essen wieder herein.
Die junge Frau hielt sich mehr in der Küche oder sonst wo draußen auf; und saß
sie einmal wenige Minuten lang am Tisch, so war sie stumm wie bei der
Begrüßung; die grollende Wolke wich nicht von ihrer Stirn. Der Bruder war des
Vaters Zustand gewohnt, der Apollonius noch mit erster Schärfe in das Herz
schnitt; er erzählte nur von den Wunderlichkeiten desselben; der im blauen Rock
wisse selbst nicht, was er wolle, und mache sich und allen im Hause ohne Not
das Leben sauer. Begann Apollonius von dem Geschäft, von der bevorstehenden
Reparatur des Kirchendachs von Sankt Georg, dann sprach der Bruder von
Vergnügungen, mit denen er sich freue, dem Bruder seinen Aufenthalt bei ihm
angenehmer zu machen, und gedachte dieses Aufenthalts stets als eines
vorübergehenden Besuches. Sagte der ihm, er sei nicht gekommen, sich zu
vergnügen, sondern zu arbeiten, dann lachte er wie über einen unvergleichlichen
Witz, daß Apollonius helfen wolle, nichts zu tun, und zeigte, er verstehe Spaß,
und wäre er auch noch so trocken vorgetragen. Dann, war seine Frau
hinausgegangen, forschte er nach dem Verhältnis Apollonius zu der Tochter des
Vetters und lachte dann wieder über den Bruder Spaßvogel, in dem man den
alten Träumer gar nicht wiedererkenne.
Nach Tisch kamen die Kinder wieder herein und mit ihnen mehr Leben und
Gemütlichkeit. Während Apollonius vor den alten Verhältnissen noch als vor
neuen und fremden stand, hatte das neue zu den Kleinen schon die ganze
Vertraulichkeit eines alten gewonnen. Den ganzen Nachmittag beschäftigte den
Bruder und, wie es schien, auch die Schwägerin, nur der Ball. Der Bruder vergaß
immer mehr, was ihm unbehaglich sein mochte, über dem Eindruck, den er als
Hauptperson bei dem Feste auf den Ankömmling machen würde, und benutzte
die Zeit bis zum Beginne desselben, ihm durch Erzählungen und hingeworfene Winke von Ehre und Aufmerksamkeit, die ihm bei solchen Gelegenheiten von
den angesehensten Bürgern erwiesen werde, einen Vorgeschmack zu geben. Er
wurde zusehends heiterer und schritt immer stolzer in der Stube hin und her. Das
Knarren seiner wohlgewichsten Stiefel sagte einstweilen, ehe es die Ballgäste
taten: „Ei, da ist er ja! da ist er ja!“ und wenn er dazwischen mit beiden Händen
in den Hosentaschen mit Geld klapperte, klang es aus allen Saalecken: „Nun
wird’s famos! Nun wird’s famos!“ Und dahin zwischen den Bewillkommnenden
— aber schon ging er nicht mehr, er schwebte, er schwamm auf der Musik —
jeder Tanz war eine Jubelouvertüre auf den Namen Nettenmair — er fühlte
keinen Boden, keine Füße, keine Beine mehr unter sich, kaum noch die junge
Frau Nettenmair, die neben ihm schwamm, an seiner rechten Floßfeder hängend,
die Schönste unter den Schönen, wie er der Jovialste unter den Jovialen, der
Daumen an der Hand des Balles war.
Und zwei Stunden darauf klang es wirklich von allen Seiten: „da ist er!“ rief
es wirklich aus allen Ecken: „nun wird’s famos!“ Wo sie vorbeikamen, wurden
Stühle angeboten. Keine Hand wurde so oft und anhaltend geschüttelt, als des
jovialen Fritz Nettenmairs, keinem Gesellschaftsmitgliede so viel
ungeheucheltes Lob in die Ohren gegossen, als ihm. Aber wie liebenswürdig war
er auch! Wie herablassend nahm er alle die verdienten Huldigungen auf. Wie
witzig zeigte er sich; wie gefällig lachte er. Und nicht allein über seine eigenen
Späße — denn das war keine Kunst; sie waren so geistreich, daß er lachen
mußte, wenn er nicht wollte — auch über andre, so wenig die es, gegen die
seinen gehalten, verdienten. Es gab freilich auch Leute, die sich wenig an ihn
kehrten, aber er bemerkte sie nicht, und die es deutlicher zeigten, waren
„Philister, Alltagskerle, unbedeutende Menschen“, wie er dem Bruder mit
verächtlichem Bedauern in das Ohr sagte. Es war ganz eigen; man konnte an
dem Grad ihrer Verehrung von Fritz Nettenmair ihre größere oder geringere
Bedeutung als Menschen und Bürger ganz genau ermessen. Da stand er, den
roten Kopf in den Schultern, die das ungeheuchelte Gefühl seiner Wichtigkeit —
und seine eigene stille Meinung von sich war noch ungeheuchelter als die laut
ausgesprochene der bedeutendsten Leute im Saale über ihn — noch mehr als
gewöhnlich in die Höhe gezogen, die Arme bald in graziöser Eckigkeit an den
Leib gedrückt, bald ausgestreckt, um mit dem Stocke irgendeinem der
bedeutendsten Leute eine klatschende Liebkosung zu versetzen, die jederzeit mit
einem dankbaren Lächeln erwidert wurde.
Als der Tanz begann, zog Fritz Nettenmair den Bruder in eine Nebenstube.
„Du mußt tanzen,“ sagte er. „Von meiner Frau würdest du einen Korb holen und
das wär’ mir unangenehm. Ich will dir eine zuführen, die firm ist und dich im
Takt erhalten kann. Nur herzhaft, Junge, wenn’s auch nicht gleich gehen will.“
Fritz Nettenmair hatte in der Aufregung der Eitelkeit sechs Jahre vergessen.
Der Bruder war ihm noch der alte Träumer, den er zuweilen zu seinem
Vergnügen zu tanzen zwang. Als er nun, die Weigerung nicht achtend,
Apollonius das Mädchen zuführte, ergab sich dieser, um nicht unhöflich zu
erscheinen.
Herr Fritz Nettenmair war der gutmütigste Mensch von der Welt, solang er
sich als alleinigen Gegenstand der allgemeinen Bewunderung wußte. In solcher
Stimmung konnte er für diejenigen, die sein Glanz in den Schatten stellte, Taten
der Aufopferung tun. So auch jetzt. Wie er unter den bedeutenden Leuten saß,
die er mit Champagner traktierte, und in den Augen seiner Frau die Befriedigung
las, mit der sie ihn mit Ehren überhäuft sah, kam die Empfindung über ihn, als
habe er dem Bruder ein großes Unrecht verziehen und er sei ein außerordentlich
edler Mensch, der alle die Ehrenbezeigungen verdiene und in wunderbarer
Anspruchlosigkeit sich dennoch herablasse, sich durch sie rühren zu lassen.
Eben tanzte Apollonius vorüber. Er sah, der war der alte Träumer nicht mehr,
aber er vergab ihm auch das. Alle Augen waren auf den schönen Tänzer und
seinen gewandten Anstand gerichtet. Fritz zog seine Frau auf, und in der
Gewißheit, wie sehr er den Bruder überglänzen müsse, hatte er noch die Wollust,
dem Bruder wer weiß wieviel Unrecht, das ihm dieser nie zugefügt, zu
verzeihen.
Aber der Undankbare! Er ließ sich nicht überglänzen. Fritz Nettenmair tanzte
jovial und wie einer, der die Welt kennt und mit der Art umzugehen weiß, die
lange Haare hat und Schürzen trägt; der Bruder war ein steifes Bild dagegen. Der
nickte den Takt nicht mit dem Kopfe, der warf nicht, trat der linke Fuß im
Niedertakte auf, den Oberleib auf die rechte Seite und umgekehrt; der fuhr nicht
mit kühner Genialität hin und wieder quer über den Tanzsaal und stach andere
Paare aus; der tanzte durchaus weder jovial, noch wie einer, der die Welt kennt
und mit der Art umzugehen weiß, die lange Haare und Schürzen trägt; und
dennoch blieben alle Blicke auf ihm haften; und Fritz Nettenmair übertraf
vergeblich sich selbst.
Es war der ledernste Ball, den Fritz Nettenmair mitgemacht; er konnte nicht
lederner sein, war Fritz Nettenmair daheim geblieben. Fritz Nettenmair
versicherte es mit hohen Schwüren, und die bedeutenden Leute, die seinen
Champagner tranken, stimmten, wie immer, unbedingt in seine Meinung ein.
Einige bedeutende Frauen sprachen gegen Frau Nettenmair ihre gerechte
freundschaftliche Entrüstung über den Schwager aus. Daß dieser nicht die
Schwägerin zuerst zum Tanze aufgezogen, bewies eine unverzeihliche
Mißachtung derselben. Frau Nettenmair, die das allgemeine Unrecht an ihrem
jovialen Gatten so tief fühlte, als wäre es ihr selber angetan, sagte, der Schwager habe wohl gewußt, daß er sich nur einen Korb bei ihr geholt hätte. Aber
Apollonius wurde nur immer mehr bewundert und geehrt und der Ball
demzufolge nur immer noch lederner. So ledern, daß Fritz Nettenmair mit seiner
Frau zu einer Stunde aufbrach, wo er sonst erst recht jovial zu werden anfing.
Dennoch sammelte er feurige Kohlen auf des undankbaren Bruders Haupt. Er
bat in dessen Namen das Mädchen, dem Bruder zu erlauben, daß er sie
heimbegleiten dürfe. Dann ging er aus dem Nebenstübchen wieder in den Saal
zu seiner Frau und verließ mit dieser unter der ungeheucheltsten Verzweiflung
der bedeutenden Leute, die noch Durst nach Champagner hatten, das Haus.
Apollonius fand, als er des aufgenötigten Ritterdienstes gegen seine Dame
sich entledigt, die Tür des Vaterhauses offen und alle seine Bewohner schon im
Schlafe. Wenigstens zeigte sich nirgends Licht, und alles war still. Der Bruder
hatte ihm das Kämmerchen links an der Emporlaube zur Wohnung angewiesen.
Zu Apollonius’ Glück hatten die sechs Jahre das Haus nicht verändert, wie seine
Bewohner. Er ging leise durch die Hintertür, an dem freundlich knurrenden
Moldau vorbei, dem er voll Dankbarkeit für das Zeichen seiner Beständigkeit
den rauhen Hals streichelte, stieg die Treppe herauf, schritt die Emporlaube
entlang und fand ein Bett in seinem Stübchen. Aber er saß noch lang, ehe er sich
entkleidete, auf dem Stuhl am Fenster und verglich, was er gefunden, mit dem,
was er verlassen.
Gedanken und Bilder des Vergleichs spielten noch in seine Träume hinein.
Der Vater stand wieder vor ihm und kündigte ihm an, er müsse noch morgen
nach Köln, und inmitten der Rede brach die rüstige Gestalt zusammen und
tappte hilflos mit zitternden Händen an der Erde herum und schämte sich ihrer
Blindheit. Der Bruder saß dabei und trank Champagner. Die Schwägerin kam
aus dem Hause, das liebliche, offene Gesicht voll Zutraulichkeit und
Aufrichtigkeit von sonst; die Blume, die sie vor Apollonius hinlegen wollte, fiel
aus ihrer Hand, als sie den Bruder erblickte und der ihm neue, fremde Zug von
Leerheit, gedankenloser, eitler Vergnügungssucht, von grollender Bitterkeit
gegen Apollonius legte sich über sie wie ein schmutziges Spinnengewebe. Er
wollte arbeitend sich vergessen, aber der Bruder rüttelte an dem Fahrstuhl, daß
er fast hinunterstürzte aus der Schwindelhöhe auf das Pflaster und sagte: ein
Besuch für vierzehn Tage dürfe nicht arbeiten. Und sonderbar war es, daß ihm
jetzt Köln als seine Heimat erschien und seine Vaterstadt so fremd, daß er sich
die bittersten Vorwürfe machte in seiner Gewissenhaftigkeit. Dann fand er sich
wieder auf dem Fahrstuhl hoch am Turmdach. Da war alles anders, als es sein
sollte, die Schiefer in verkehrter Richtung gedeckt, und nun stak er in die
Ausfahrtür eingeklemmt, ringsum in staubige Spinnengewebe eingewickelt; er
hatte seine Festtagskleider an; sie waren voll Schmutz; er wischte und bürstete, daß er schwitzte, und sie wurden nicht rein.
Und so oft er von der vergeblichen Bemühung aufwachte, wiederholte er sich
laut den Entschluß, den er vor dem Niederlegen gefaßt. Am nächsten Morgen
mußte er wissen, was er hier sollte, mußte sein Verhältnis zum Vaterhause ein
klares sein. War keine Arbeit für ihn, so sah ihn der Morgen noch auf seinem
Rückwege nach Köln. —
Mit der Sonne war er auf; aber er mußte lange warten, bis es dem Bruder
gefiel, sich von seinem Lager zu erheben. Er benutzte die Zeit zu einem Gange
durch Sankt Georg; er wollte sich selbst überzeugen, was dort zu tun sei. Als er
wieder zurückkam, traf er auf seinen Bruder und einen Herrn mit ihm, die eben
im Begriffe waren, die Wohnstube zu verlassen. Den Herrn kannte Apollonius
noch von früher her als den Deputierten des Stadtrats für das Baufach. Sie
begrüßten sich. Sie hatten schon gestern auf dem Balle sich gesprochen, wo der
Herr sich eben nicht als ein bedeutender Mensch und Bürger ausgewiesen,
vielmehr zu den Philistern, Alltagskerlen und Unbedeutenden gehalten hatte. Es
schien ihm nicht unlieb, Apollonius eben jetzt zu begegnen. Nach einigen
hergebrachten Wechselreden kam er auf den Zweck seines Hierseins. Es sollte
diesen Morgen noch eine letzte Beratung von Sachverständigen stattfinden über
das, was an Kirchen- und Turmdach zu tun sei, damit das Resultat derselben
noch bei der am Nachmittag stattfindenden Ratssitzung vorgetragen und
Beschluß gefaßt werden könne. Fritz Nettenmair und der Ratsbauherr waren
eben auf dem Wege nach Sankt Georg, wo sie die übrigen Sachverständigen
bereits versammelt wußten.
Der Bruder wollte seinen Besuch, wie er sagte, nicht mit der Teilnahme an
fremden Geschäften beschweren: ebensowenig mochte er ihn — aber das sagte
er nicht — allein daheim lassen. Er bestellte Apollonius nach dem Waldhause,
von wo er ihn zu einem Spaziergange abholen würde. Apollonius versicherte
ganz unbefangen, daß er lieber der Verhandlung beiwohnen möchte, und als der
Ratsbauherr ihn sogar als einen Sachverständigen mehr zum Mitgehen
aufforderte, war kein Vorwand zu finden, es zu verhindern. Vielleicht hatte Fritz
Nettenmair eine Ahnung davon, bald werde er dem Ankömmling noch weit
mehr zu verzeihen haben.
Sie fanden die übrige Versammlung, zwei fremde Schieferdeckermeister und
die städtischen Ratsbauleute, den Ratszimmermann, Maurer und Klempner an
der Turmtüre ihrer harrend. Man hatte bereits einige fliegende Rüstungen zum
Behufe der Untersuchung an dem Dache angebracht; auf dem Kirchenboden, der
größten davon zunächst, ging die Beratung vor sich. Apollonius stand
bescheiden einige Schritte entfernt, um zu hören und, wenn er gefragt würde,
auch zu reden. Er hatte das Dach vorhin genau untersucht und sich eine Meinung von der Sache gebildet.
Die beiden fremden Schieferdecker sprachen sich für die Notwendigkeit einer
umfassenderen Reparatur aus. Fritz Nettenmair dagegen war überzeugt, mit
einigen kleinen Flickereien, die er angab, sei wiederum für Jahre geholfen. Ihm
stimmten die Ratsmeister, Zimmermann, Maurer und Blechschmied eifrig bei;
lauter joviale und bedeutende Männer vom gestrigen Balle, die gewissenhaft
schlossen, wessen Champagner man trinke, dessen Meinung müsse man sein.
Die fremden Schieferdecker wußten recht gut, der Rat fürchtete die Kosten einer
umfassenderen Reparatur und verschob die höchst notwendige schon lange von
Jahr zu Jahr. Da sie obendrein selbst keine Aussicht hatten, sich die Reparatur
übertragen zu sehen, so gaben sie sich nicht unnütze Mühe, Herrn Fritz
Nettenmair Arbeit und Gewinn aufdringen zu helfen, woran ihm selber nichts
gelegen schien. Sie fanden daher im Laufe der Verhandlung immer mehr, daß, je
nachdem man die Sache ansehe, auch Herr Fritz Nettenmair recht habe.
Vielleicht begriff der Ratsbauherr, ein braver Mann, ihre, wie der bedeutenden
Leute Beweggründe. Er hatte mit unbefriedigtem Gesicht eine Weile
geschwiegen, als ihm Apollonius einfiel. Er sah in dessen Zügen ein Etwas
ausgedrückt, das seiner eigenen Meinung zu entsprechen schien: „Und was
sagen Sie?“ wandte er sich zu ihm.
Apollonius trat bescheiden einen Schritt näher.
„Ich wünschte, Sie sähen sich die Sache so genau als möglich an,“ sagte der
Ratsherr.
Apollonius entgegnete, er habe das bereits getan.
„Ich brauche Sie nicht darauf aufmerksam zu machen,“ fuhr der Ratsherr fort,
„wie wichtig die Sache ist.“
Apollonius verbeugte sich. Der Bauherr hielt zurück, was er noch sagen
wollte. Aus des jungen Mannes Angesicht sprach bei aller Weichheit und Milde
so strenge Gewissenhaftigkeit und eigensinnige Redlichkeit, daß der Ratsherr
sich der Ermahnung fast schämte, die er an ihn hatte richten wollen.
Apollonius begann nun mit den Ergebnissen seiner vorhin angestellten
Untersuchung. Er stellte den Zustand der Stellen dar, die er hatte prüfen können
und was sich daraus auf die übrigen schließen ließ. Seit achtzig Jahren hatte, das
war aus den Kirchenrechnungen bekannt, das Kirchendach keine umfassendere
Reparatur erfahren. Wenn auch die Schieferdecke bei gutem Material noch weit
länger den Elementen trotzt, ist das doch nicht mit den Nägeln der Fall, mit
denen die Schieferplatten auf Belattung und Verschalung aufgenagelt sind. Und
wo er geprüft, hatte er die Nägel zum Teil völlig zerstört, zum Teil der völligen
Zerstörung nahe gefunden. Das Kirchendach war ein sehr steiles Pultdach; da die
Nägel ihre Schuldigkeit nicht mehr taten, hatten sich viele Platten verschoben und der Nässe das Eindringen gestattet; dort zeigte sich, selbst wo sie von
Eichenholz war, die Belattung und Verschalung gänzlich morsch; und solche
Stellen waren überall.
Es zeigte sich unumgänglich notwendig, die ganze Bedachung umzudecken
und die Belattung und Verschalung der morschen Stellen durch neue zu ersetzen.
Ein Winter noch mußte den Zustand um weit mehr verschlimmern, als durch
Verzögerung der Reparatur an Zinsen gespart wurde; denn diese konnte man
ohne den größten Schaden doch nur höchstens bis auf das nächste Jahr
hinausschieben. Er führte die Versammelten an Stellen, die zum Belege dienen
konnten. Er zog nicht selbst den Schluß, sondern wußte mit der Kunst, die er von
dem Vetter gelernt, die Gegner zu zwingen, das für ihn zu tun.
Das Vertrauen und die Achtung des Ratsbauherrn vor unserem Apollonius
wuchs zusehends. Er wandte sich im weiteren Gespräch fast nur an ihn und
schüttelte ihm herzlich die Hand, als er die Versammlung verließ. Er hoffte,
Apollonius werde bei dem Werke, wenn es, wie er nun nicht mehr zweifelte, die
Genehmigung des Rats erhielt, sich tätig beteiligen, und trug ihm auf, ein
Gutachten abzufassen, auf welche Weise es am zweckmäßigsten anzugreifen sei.
Apollonius dankte bescheiden für das Vertrauen, dem er würdig zu entsprechen
suchen wolle. Über seine Mittätigkeit bei der Arbeit selbst, entgegnete er, habe
sein Vater als Meister zu entscheiden.
„Ich gehe gleich mit Ihnen,“ sagte der Ratsbauherr, „und spreche mit ihm.“
Hatte gleich der Bruder das Geschäft bis jetzt geleitet und wurde er auch von
den bedeutenden Leuten als Meister anerkannt und behandelt, er war es noch
nicht. Der Alte hatte ihn so wenig Meister werden lassen, als ihm das Geschäft
förmlich übergeben; er wollte sich, wo er es nötig fände, ein souveränes
Einschreiten freihalten.
Der alte Herr hörte die Kommenden schon von weitem und tastete sich nach
der Bank in seiner Laube. Da saß er, als sie eintraten. Nach geschehener
Begrüßung fragte der Bauherr nach Herrn Nettenmairs Befinden.
„Ich danke Ihnen,“ entgegnete der alte Herr; „ich leide etwas an den Augen,
aber es hat nichts zu sagen.“ Er lächelte dazu und der Bauherr wechselte mit
Apollonius einen Blick, der dem Manne Apollonius ganze Seele gewann. Dann
erzählte er dem alten Herrn die ganze Beratung und machte, daß Apollonius in
seiner Bescheidenheit errötete und lange nicht seine gewöhnliche Farbe
wiederfand. Der alte Herr rückte seinen Schirm tiefer in sein Gesicht, um
niemand die Gedanken sehen zu lassen, die da wunderlich miteinander
kämpften.
Wer unter den Schirm sehen konnte, hätte gemeint, zuerst, der alte Herr freute
sich; der Schatten von Argwohn, mit dem er gestern Apollonius empfing, schwindet. So braucht er doch nicht zu fürchten, der wird mit dem Bruder
gemeine Sache gegen ihn machen! Ja, es erschien ein Etwas auf dem Antlitz, das
sich zu schadenfreuen schien über die Demütigung des Älteren. Vielleicht wäre
er nach seiner Weise eingeschritten mit einem lakonischen: „du versiehst meine
Stelle von nun an, Apollonius, hörst du?“ hätte nicht der Bauherr dessen Lob
gepriesen und wäre das nicht so verdient gewesen.
„Ja,“ sagte er in seiner diplomatischen Art, seine Gedanken dadurch zu
verbergen, daß er sie nur halb aussprach; „ja, die Jugend! er ist jung.“ — „Und
doch schon so tüchtig!“ ergänzte der Bauherr.
Der alte Herr neigte seinen Kopf. Wer ein Interesse daran fand, wie der
Bauherr, konnte glauben, er nickte dazu. Aber er meinte: „die Jugend gilt
heutzutag in der Welt!“ Ja, er fühlte Stolz, daß sein Sohn so tüchtig, Scham, daß
er selber blind, Freude, daß Fritz nun nicht mehr konnte, wie er wollte, daß die
Ehre des Hauses einen Wächter mehr gewonnen, Furcht, die Tüchtigkeit, der er
sich freute, mache ihn selbst überflüssig. Und er konnte nichts dagegen tun; er
konnte nichts mehr, er war nichts mehr. Und als hätte Apollonius das
ausgesprochen, erhob er sich straff, wie um zu zeigen, jener triumphiere zu früh.
Der Bauherr bat, der alte Herr möge den Sohn für die Dauer der Reparatur
hier behalten und dabei tätig sein lassen. Der alte Herr schwieg eine Weile, als
warte er darauf, Apollonius solle sich des Dableibens weigern. Dann schien er
anzunehmen, Apollonius weigere sich, denn er befahl in seiner grimmigen
Kürze: „du bleibst; hörst du?“
Apollonius begab sich auf sein Stübchen, seine Sachen auszupacken. Er war
noch darüber, als die Nachricht kam, der Stadtrat habe die Reparatur genehmigt.
So war es bestimmt: er blieb. Er durfte für die geliebte Heimat schaffen und
anwenden, was er in der Fremde gelernt.
Wer den ganzen Apollonius Nettenmair mit einem Blicke überschauen wollte,
mußte jetzt in sein Stübchen hineinsehen. Das Hauptziel aller seiner Wünsche
war erreicht. Er war voll Freude. Aber er sprang nicht auf, rannte nicht in der
Stube umher, er ließ nichts fallen, verlegte nichts, suchte nicht im Koffer oder
auf dem Stuhle, was er in den Händen hielt. Die Freude verwirrte ihn nicht, sie
machte ihn klarer, ja, sie machte ihn eigensinniger. Kein Federchen, nicht ein
Stäubchen auf den Kleidern, die er auspackte, übersah er; er strich nicht einmal
weniger, als er gewohnt war, darüber hin; nur an der Art, wie er es tat, sah man,
was in ihm vorging. Es war zugleich ein Liebkosen der Dinge. Die Freude über
ein neugewonnenes Gut verdunkelte ihm keinen Augenblick, was er schon
besaß. Alles war ihm noch einmal geschenkt, und das Verhältnis zu jedem seiner
Besitzstücke zeigte das Gepräge einer liebenden und doch rücksichtsvollen
Achtung. Wenn er an das Lob des Bauherrn dachte, war seine Freude darüber im einsamen Stübchen mit demselben bescheiden abweisenden Erröten gepaart,
womit er es in Gegenwart von andern aufgenommen. Für ihn gab es kein Allein
und kein vor den Leuten.
Als er sich eingerichtet sah, ging er sogleich an das verlangte Gutachten. Die
Reparatur war auf seinen Rat beschlossen worden, er war nicht allein als seines
Vaters Geselle, als bloßer Arbeiter dabei beteiligt; er fühlte, er hatte noch eine
besondere moralische Verpflichtung gegen seine Vaterstadt eingegangen; er
mußte tun, was in seinen Kräften stand, ihr zu genügen. Er hätte keiner solchen
Erweckung bedurft; er hätte ohnedies getan, was er vermochte; er kannte sich zu
wenig, um das zu wissen.
In dieser erhöhten Stimmung erschien ihm leicht, was sein Dableiben von
seiten des Bruders und der Schwägerin unbehaglich zu machen drohte, zu
überwinden. Der Bruder wünschte sein Gehen ja nur um des Widerwillens der
Schwägerin willen, und der war durch Ausdauer redlichen Mühens zu besiegen.
Seinen Bruder hatte er nie beleidigt; er wollte sich ihm im Geschäfte willig
unterordnen. Er dachte nicht, daß man beleidigen kann, ohne zu wissen und zu
wollen, ja, daß die Pflicht gebieten könne, zu beleidigen. Er dachte nicht, daß
sein Bruder ihn beleidigt haben könnte. Er wußte nicht, man könne auch den
hassen, den man beleidigt, nicht bloß den Beleidiger.
Unten am Schuppen stand der ungemütliche Geselle grinsend vor Fritz
Nettenmair und sagte: „Mit dem ersten Blick hab’ ich einen weg. Ja, der Herr
Apollonius! Aber es hat nichts zu sagen. Wird nicht lang dauern das!“
Fritz Nettenmair kaute an den Nägeln und übersah die Gebärde, die ihn reizen
sollte, zu fragen, wie der Gesell das meine mit dem nicht lang dauern. Er ging
nach der Wohnstube und fuhr im Gehen leise gegen einen jemand auf, der nicht
da war: „Rechtschaffenheit? Geschäftskenntnis, wie der Alltagsbauratskerl sagt?
Ich weiß, warum du dich aufdringst und einnistest, du Federchensucher! du
Staubwischer! Tu’ unschuldig, wie du willst, ich“ — er machte die Gebärde, die
hieß: „Ich bin einer, der das Leben kennt und die Art, die lange Haare und
Schürzen trägt!“ Damit wandte er sich nach der Tür, aber die Wendung war nicht
jovial wie sonst. —
Wie mancher meint die Welt zu kennen und kennt nur sich!
Der Geist des Hauses mit den grünen Fensterladen wußte mehr als Apollonius
Nettenmair, wußte mehr als alle. Er schaute nachts durch das Fenster, wo
Apollonius bei der Lampe noch immer an seinem Gutachten schrieb. Auf das
Papier vor dem jungen Manne fiel sein bleicher Schatten, und der Schreibende
atmete schwer auf, er wußte nicht, warum. Dann schritt er mit ängstlicher
Gebärde den Gang zum Schuppen hin, und der alte Hund an seiner Kette heulte
im Schlafe und wußte nicht warum. Die junge Frau sah seine Hand über des Gatten Stirne fahren; sie erschrak, der Gatte erschrak mit und wußte nicht
warum. Dem alten Herrn träumte, man trüge einen Toten mit Schande in das
Haus, und das alte Haus knackte in allen seinen Balken und wußte nicht warum.
Und der Geist wandelte noch lange, als alles schon zu Bette war, durch seine
Zimmer, herauf und herab, her und hin, auf der Emporlaube, im Gärtchen, im
Schuppen und im Gang, und rang die bleichen Hände; er wußte, warum.
Zwischen Himmel und Erde ist des Schieferdeckers Reich. Tief unten das
lärmende Gewühl der Wanderer der Erde, hoch oben die Wanderer des Himmels,
die stillen Wolken in ihrem großen Gang. Monden-, jahre-, jahrzehntelang hat es
keine Bewohner, als der krächzenden Dohlen unruhig flatternd Volk. Aber eines
Tages öffnet sich in der Mitte der Turmdachhöhe die enge Ausfahrtür;
unsichtbare Hände schieben zwei Rüststangen heraus. Dem Zuschauer von unten
gemahnt es, sie wollen eine Brücke von Strohhalmen in den Himmel bauen. Die
Dohlen haben sich auf Turmknopf und Wetterfahne geflüchtet und sehen herab
und sträuben ihr Gefieder vor Angst. Die Rüststangen stehen wenige Fuß heraus
und die unsichtbaren Hände lassen vom Schieben ab. Dafür beginnt ein
Hämmern im Herzen des Dachstuhls. Die schlafenden Eulen schrecken auf und
taumeln aus ihren Luken zackig in das offene Auge des Tages hinein. Die
Dohlen hören es mit Entsetzen; das Menschenkind unten auf der festen Erde
vernimmt es nicht, die Wolken oben am Himmel ziehen gleichmütig darüber hin.
Lang währt das Pochen, dann verstummt es. Und den Rüststangen nach und quer
auf ihnen liegend schieben sich zwei, drei kurze Bretter. Hinter ihnen erscheint
ein Menschenhaupt und ein paar rüstige Arme. Eine Hand hält den Nagel, die
andere trifft ihn mit geschwungenem Hammer, bis die Bretter fest aufgenagelt
sind. Die fliegende Rüstung ist fertig. So nennt sie ihr Baumeister, dem sie eine
Brücke zum Himmel werden kann, ohne daß er es begehrt. Auf die Rüstung baut
sich nun die Leiter und, ist das Turmdach sehr hoch, Leiter auf Leiter. Nichts
hält sie zusammen, als der eiserne Längehaken, nichts hält sie fest, als auf der
Rüstung vier Männerhände und oben die Helmstange, an der sie lehnt. Ist sie
einmal über der Ausfahrtür und an der Helmstange mit starken Tauen
angebunden, dann sieht der kühne Schieferdecker keine Gefahr mehr in ihrem
Besteigen, so weh dem schwindelnden Menschenkinde tief unten auf der sichern
Erde wird, wenn es heraufschaut und meint, die Leiter sei aus leichten Spänen
zusammengeleimt wie ein Weihnachtsspielwerk für Kinder. Aber ehe er die
Leiter angebunden hat und um das zu tun, muß er erst einmal hinaufgestiegen
sein — mag er seine arme Seele Gott befehlen. Dann ist er erst recht zwischen
Himmel und Erde. Er weiß, die leichteste Verschiebung der Leiter — und ein
einziger falscher Tritt kann sie verschieben — stürzt ihn rettungslos hinab in den
sichern Tod. Haltet den Schlag der Glocken unter ihm zurück, er kann ihn
erschrecken!
Die Zuschauer unten tief auf der Erde falten atemlos unwillkürlich die Hände,
die Dohlen, die der Steiger von ihrem letzten Zufluchtsorte verscheucht,
krächzen wildflatternd um sein Haupt; nur die Wolken am Himmel gehen
unberührt ihren Pfad über ihn hin. Nur die Wolken? Nein. Der kühne Mann auf der Leiter geht so unberührt, wie sie. Er ist kein eitler Wagling, der frevelnd von
sich reden machen will; er geht seinen gefährlichen Pfad in seinem Berufe. Er
weiß, die Leiter ist fest; er selbst hat das fliegende Gerüst gebaut, er weiß, es ist
fest; er weiß, sein Herz ist stark und sein Tritt ist sicher. Er sieht nicht hinab, wo
die Erde mit grünen Armen lockt, er sieht nicht hinauf, wo vom Zug der Wolken
am Himmel der tödliche Schwindel herabtaumeln kann auf sein festes Auge. Die
Mitte der Sprossen ist die Bahn seines Blickes und oben steht er. Es gibt keinen
Himmel und keine Erde für ihn, als die Helmstange und die Leiter, die er mit
seinem Tau zusammengeknüpft. Der Knoten ist geschlungen; die Zuschauer
atmen auf und rühmen auf allen Straßen den kühnen Mann und sein Tun hoch
oben zwischen Himmel und Erde. Schieferdecker spielen die Kinder der Stadt
eine ganze Woche lang.
Aber der kühne Mann beginnt nun erst sein Werk. Er holt ein anderes Tau
herauf und legt es als drehbaren Ring unter dem Turmknopf um die Stange.
Daran befestigt er den Flaschenzug mit drei Kloben, an den Flaschenzug die
Ringe seines Fahrzeugs. Ein Sitzbrett mit zwei Ausschnitten für die
herabhängenden Beine, hinten eine niedrige, gekrümmte Lehne, hüben und
drüben Schiefer-, Nagel- und Werkzeugkasten; zwischen den Ausschnitten vorn
das Haueisen, ein kleiner Ambos, darauf er mit dem Deckhammer die Schiefer
zurichtet, wie er sie eben braucht; dies Gerät, von vier starken Tauen gehalten,
die sich oberhalb in zwei Ringe für den Haken des Flaschenzugs vereinigen, das
ist der Hängestuhl, wie er es nennt, das leichte Schiff, mit dem er hoch in der
Luft das Turmdach umsegelt. Mittels des Flaschenzugs zieht er sich mit leichter
Mühe hinauf und läßt sich herab, so hoch und tief er mag; der Ring oben dreht
sich mit Flaschenzug und Hängestuhl, nach welcher Seite er will, um den Turm.
Ein leichter Fußstoß gegen die Dachstühle setzt das Ganze in Schwung, den er
einhalten kann, wo es ihm gefällt. Bald bleibt kein Menschenkind mehr unten
stehen und sieht herauf; der Schieferdecker und sein Fahrzeug sind nichts Neues
mehr. Die Kinder greifen wieder zu ihren alten Spielen. Die Dohlen gewöhnen
sich an ihn; sie sehen ihn für einen Vogel an, wie sie sind, nur größer, aber
friedlich, wie sie; und die Wolken hoch am Himmel haben sich nie um ihn
gekümmert. Die Damen neiden ihm die Aussicht. Wer konnte so frei über die
grüne Ebene hinsehen und wie Berge hinter Bergen hervorwachsen, erst grün,
dann immer blauer, bis wo der Himmel, noch blauer, sich auf die letzten stützt!
Aber er kümmert sich so wenig um die Berge, wie die Wolken sich um ihn. Tag
für Tag hantiert er mit Flickeisen und Klaue, Tag für Tag hämmert er Schiefer
zurecht und Nägel ein, bis er fertig ist mit hämmern und nageln. Eines Tages
sind Mann, Fahrzeug, Leiter und Rüstung verschwunden. Das Entfernen der
Leiter ist so gefährlich als ihre Befestigung, aber es faltet niemand unten die Hände, kein Mund rühmt des Mannes Tat zwischen Himmel und Erde. Die
Krähen wundern sich eine ganze Woche lang, dann ist es, als hätten sie vor
Jahren von einem seltsamen Vogel geträumt. Tief unten lärmt noch das Gewühl
der Wanderer der Erde, hoch oben gehen noch die Wanderer des Himmels, die
stillen Wolken, ihren großen Gang, aber niemand mehr umfliegt das steile Dach,
als der Dohlen krächzender Schwarm.
Apollonius hatte zum Behufe seines Gutachtens noch manche
Untersuchungen angestellt. Das Turmdach war mit Metall gedeckt; diese Decke
lag schon nahe an zweihundert Jahre. Als er sie auf seinem Fahrzeuge umfuhr,
fand er die Metallplatten der völligen Auflösung nah. Das hatte man gefürchtet.
Bleideckung auf hohen Gebäuden kommt ungleich teurer als Deckung mit
Schiefer, wenn man diesen in der Nähe hat. Den Schieferbedarf nimmt der
Decker in seinem Fahrzeug mit hinauf, das kann er mit den ungleich schwereren
Bleiplatten nicht. Die ganze Deckung mit Schiefer besorgt der Arbeiter von
seinem Fahrzeuge aus; Bleideckung macht feste Gerüste nötig. Apollonius tat
den Vorschlag, auch das Turmdach mit Schiefer einzudecken. Der
Blechschmied, ein Bedeutender, wandte zwar ein, die Alten hätten die Sache so
gut verstanden, als die Leute in Köln, — das sollte ein Stich auf Apollonius sein.
Und der Bruder war damit einverstanden: hätten die Alten gemeint, Schiefer tue
es so gut als Blei, sie hätten gleich Schiefer genommen. Damals waren eben
noch keine Schiefergruben in nächster Nähe vorhanden; der Schiefer hätte weit
hergeholt und so die Schieferdeckung teurer kommen müssen als die mit Blei.
Das Kirchendach war damals mit Ziegeln und erst später, da die Schiefergruben
in der Nähe schon im Gang, mit Schiefer gedeckt worden. Das wußten der
Blechschmied und Fritz Nettenmair nicht oder wollten es nicht wissen. Den
letzteren drückte das wachsende Ansehen des Bruders. Aber Apollonius wußte
es und konnte damit den Einwurf entkräften.
Sein Vorschlag war angenommen worden. Man wollte die ganze Leitung der
Reparatur in Apollonius Hände legen. Um seinen Bruder nicht zu kränken, bat
er, davon abzusehen. So wenig wollte er den Bruder kränken, daß er nicht einmal
aussprach, warum er so bitte. Er war von Köln her gewöhnt, selbständig zu
handeln; wie er seinen Bruder wiedergefunden hatte, sah er manche Hemmung
durch ihn voraus. Er wußte es, er lud sich eine schwere Last auf, als er dem
Bauherrn versprach, die Sache solle unter dem zweiköpfigen Regiment nicht
leiden. Der wackere Bauherr, der Apollonius erriet und ihn darum nur mehr
achtete, schaffte ihm die Genehmigung des Rats und nahm sich im stillen vor,
wo es nötig sein sollte, seinen Liebling und dessen Anordnungen gegen den
Bruder zu vertreten.
Es war eine schwere Aufgabe, die Apollonius sich gesetzt; sie war noch viel schwerer, als er wußte. Sein Hiersein hatte den Bruder von Anfang nicht gefreut;
Apollonius schob das auf den Einfluß der Schwägerin; er war ihm seitdem noch
fremder geworden — kein Wunder! Apollonius hatte ja bereits des Bruders
Eitelkeit und Ehrsucht kennen gelernt; dieser fühlte sich durch das, was seither
geschehen, gegen Apollonius zurückgesetzt. Den Widerwillen der Schwägerin
meinte Apollonius durch Zeit und redliches Mühen, die gekränkte Ehrsucht des
Bruders durch äußere Unterordnung zu versöhnen. War kein weiteres Hindernis
vorhanden, durfte er hoffen, die Aufgabe, so schwer sie schien, zu lösen. Aber
was zwischen ihm und dem Bruder stand, war ein anderes, ein ganz anderes, als
er meinte. Und daß er es nicht kannte, machte es nur gefährlicher. Es war ein
Argwohn, aus dem Bewußtsein einer Schuld geboren. Was er tat, die vermeinten
Hindernisse aus dem Weg zu räumen, mußte das wirkliche nur wachsen machen.
Wäre er nicht zurückgekommen! hätte er dem Vater nicht gehorcht! wäre er
draußen geblieben in der Fremde!
An der Turmspitze hängt das Fahrzeug; nun wird es auch auf dem
Kirchendach lebendig. Rüstige Hände hämmern den Seilhaken in die