Zwischen Himmel und Erde
Zwischen Himmel und Erde
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 9 Teile geteilt.
Unterdes war das Gerücht, das dem alten Herrn auf seinem Wege nach Sankt
Georg begegnet war, auch in die Straße gekommen, wo das Haus mit den grünen
Laden steht. Vor den Fenstern erzählte es ein Vorübergehender einem andern.
Die Frau hörte nichts als: „Wißt ihr’s schon? In Brambach ist ein Schieferdecker
verunglückt.“ Dann sank sie vom Stuhle, von dem sie aufspringen wollte, auf die
Dielen. Wiederum mußte der alte Valentin seinen Schmerz um Apollonius über
der Angst und Sorge um die Frau vergessen. Er eilte hinzu. Den Fall ganz
verhindern konnte er nicht, nur den Kopf der Frau vor der scharfen Kante des
Stuhlbeins bewahren. Da saß er neben der liegenden Frau auf den Füßen und
hielt in den zitternden Hände Nacken und Kopf der Frau. Von seinem Griffe war
ihr das volle, dunkelbraune Haar über der Stirne aufgegangen und verdeckte das
bleiche Gesicht. Ihre vorderen Haare hatten einen Drang, sich in natürlichen
Locken zu kräuseln, den sie durch das scharfe Anziehen der Scheitel nur
vorübergehend überwinden konnte. Es war, als hätten sie die Ohnmacht ihrer
Besitzerin benutzt, ihm nachzugeben. Der alte Valentin machte sich die Hände
frei, indem er ihre Last vorsichtig leise auf den Boden gleiten ließ, und versuchte
die Haare aus dem Gesicht zu streichen. Er mußte sehen, ob sie noch lebe. Das
verursachte ihm lange Zeit vergebliche Mühe; die Angst machte seine alten
Hände noch ungeschickter; dazu kam die eigene Scheu, die einen alten
Junggesellen unerbittlich in so enger weiblicher Nähe befängt; und der
Eigensinn der Haare, die immer wieder im krausen Gelock über dem Gesichte
zusammenschlugen. Der Hals- und der Schläfenpuls wehrten sich dagegen, er
sah, wie sie die Haare mit ihren Schlägen bewegten und faßte wieder Hoffnung.
Auf dem Tisch stand eine Flasche mit Wasser; er goß sich davon in die hohle
Hand und spritzte es ihr auf Haare und Gesicht. Das wirkte. Sie machte eine
Bewegung; er half ihr den Oberleib aufrichten und stützte ihn. Sie strich sich nun
selbst die widerstrebenden Haare aus dem Gesicht und sah sich um. Ihr Blick
hatte etwas so Fremdes, daß der Valentin von neuem erschrak. Dann nickte sie
mit dem Kopfe und sagte mit leiser Stimme: „Ja.“ Valentin verstand, sie sagte
sich, sie habe die schreckliche Nachricht gehört und nicht geträumt. An dem Ton
ihrer Stimme hörte er, sie sagte sich wohl, was geschehen, aber sie begriff es
nicht. Es war, als ginge es nicht sie an, was sie sich sagte, und als besänne sie
sich, wen es wohl treffen möge. Sie ahnte wohl, es war Schreck und Schmerz,
wenn sie dahinter kam, aber sie wußte in dem Augenblicke nicht, was Schreck
ist und Schmerz; ein traumhaftes Vorgefühl von Händezusammenschlagen,
Erbleichen, Umsinken, Aufspringen, händeringendem Umhergehen, Müdigkeit,
die auf jeden Stuhl, an dem sie vorbeiwankt, niedersinken möchte, und doch
weiter getrieben wird von fortwährendem wildem Zurückbäumen und wieder
matt nach vorn auf die Brust Sinken des Kopfes; ein traumhaftes Vorgefühl von alledem wandelte in der Stube vor ihr, wie ihr eigenes, undeutliches, fernes
Spiegelbild, hinter einem bergenden Florschleier. Näher und unterscheidbarer
war ein dumpfer Druck über der Herzgrube, der zum stechenden Schmerze
wuchs, und das angstvolle Wissen, er müsse sie ersticken, wenn sie das Weinen
nicht finden könne, das alles heilen müsse. So saß sie lange regungslos und hörte
nichts von alledem, was der alte Valentin in seiner Angst ihr vorsprach. Es war
nichts daran verloren; der Alte glaubte selbst nicht an seine Trostgründe, wenn er
ihr beweisen wollte, Apollonius könne nicht verunglückt sein; er sei zu
vorsichtig dazu und zu brav. Und vollends die Geschichte aus seiner Jugend, wo
sich Leute, die nun lange tot sind, von einem ähnlichen Gerüchte vergeblich
hatten abschrecken lassen! Er wußte es und erzählte doch immerfort und
beschrieb die Personen, als müßte es die Frau unfehlbar beruhigen, wenn sie den
alten Amtmann Kern und seine Haushälterin vor den Augen ihres Geistes sähe,
wie sie damals leibten und lebten. Er hätte sein Leben hingegeben, um ihr zu
helfen; er wußte in seiner Ratlosigkeit nicht, wie? So suchte er sich selbst über
die Angst des Augenblicks durch immer eifrigeres Erzählen hinauszuhelfen.
Dabei belauschte er die kleinste Bewegung in den Zügen des bleichen, schönen
Gesichts; und je schöner und jugendlicher es ihm vorkam, desto schwerer schien
ihm, was sie litt, und desto eifriger wurde sein Erzählen. Als eine
siebzehnjährige Braut hatte er sie in das Haus mit den grünen Laden einziehen
sehen, acht Jahre hatte er in ihrer Nähe gelebt. Die bis in ihr vierundzwanzigstes
ein innerlich unberührtes, heiter mit den Dingen spielendes Kind gewesen; was
hatte sie in den letzten zwei Jahren erduldet! Und wie schön war sie immer
geblieben in ihrem Dulden, wie schön hatte sie geduldet! Nun lag sie zerbrochen
als halb aufgeschlossene Blume da vor seinen alten Augen, die so oft um sie
geweint; mehr über die Milde und unbewußte, unzerstörbare Hoheit, womit sie
ihr Unglück trug, als über ihr Unglück selbst. Es gibt rührende Gestalten, die die
Angst, die selbst der Zorn nicht entstellt; und in all ihrem Tun, selbst in ihrem
Lächeln, selbst in ihrer lauten Freude uns bewegen, deren Anblick uns rührt,
ohne daß wir an einen Schmerz, an ein Leiden bei ihrem Anschauen denken
müssen. Es ist auch keine schmerzliche Rührung, die wir da empfinden; und der
Schmerz selbst hat auf solchem Gesicht eine wunderbare Kraft, uns zugleich zu
trösten und rührend zu erheben, indem er uns zum tiefsten Mitleid mit seinem
Träger dahinreißt. Als eine solche Gestalt hatte Christiane, so lang er sie kannte,
vor des alten Valentin Augen gestanden, als eine solche lag sie jetzt vor ihm da.
Endlich hatte sie das Weinen gefunden. Der alte Valentin lebte wieder auf; er
sah, sie war gerettet. Er las es in ihrem Gesicht, das, so ehrlich, wie sie selbst,
nichts verschweigen konnte. Er saß und hörte mit so freudiger Aufmerksamkeit
auf ihr Weinen, als wär’s ein schönes Lied, das sie ihm vorsänge. In den Augenblicken, wo der Mensch der stärkeren Natur sich ohne Abzug hingeben
muß, erkennt man am sichersten seine wahre Art. Was von Tierheit im
Menschen unter der hergebrachten Schminke sogenannter Bildung oder
vorsätzlicher Verstellung verborgen lag, trat dann unverhohlen hervor in den
Bewegungen des Körpers und in dem Ton der Stimme. Der alte Valentin hörte
die reine Melodie in Christianens Stimme im hingegossenen Weinen, welche sie
nach dem Schlag über Ännchens Bett im Doppelschrei von Schmerz und
Entrüstung nicht verloren hatte. Sie hatte sich ausgeweint und erhob sich; der
alte Valentin hätte ihr nicht zu helfen gebraucht. Sie machte sich zum Ausgehen
fertig. Ihr Wesen hatte etwas feierlich Entschiedenes angenommen. Valentin
sah’s mit Erstaunen und Sorge. Ihm fiel seine Verantwortlichkeit ein. Er fragte
ängstlich, sie wolle doch nicht fort? Sie nickte mit dem Kopfe. „Aber ich darf
Sie nicht fortlassen,“ sagte er. „Der alte Herr hat mir’s mit Ketten auf die Seele
gebunden.“
„Ich muß,“ sagte sie. „Ich muß in die Gerichte. Ich muß sagen, daß ich schuld
bin. Ich muß meine Strafe leiden. Der Großvater wird sich meiner Kinder
annehmen. Ich möchte den Herren sagen, sie sollen ihn zu dem Ännchen legen;
er hat’s so lieb gehabt. Ich möchte auch dabei liegen, aber das werden sie nicht
tun. Nein, davon will ich nichts sagen.“
Valentin wußte nicht, was er erwidern sollte. Er durfte sie nicht fortlassen und
sah an ihrer Entschiedenheit, er würde sie nicht aufhalten können. „Wenn nur der
alte Herr erst da wäre!“ dachte er. Er sagte: „Täten Sie dem alten Valentin nichts
auf der Welt zu lieb?“
Sie sah ihn aus ihrem Schmerze freundlich an und entgegnete: „Wie Ihr fragen
könnt! Ihr habt ihn immer lieb gehabt, und das vergeß ich Euch nicht, so lang ich
noch lebe. Er ist gestorben und ich muß auch sterben. Kann ich Euch noch etwas
tun, eh’ ich gehen muß, so dürft Ihr’s nur sagen. Wenn ich’s auch tun kann und
wenn Ihr nicht verlangt, daß ich nicht gehen soll.“
„Nein,“ sagte der Alte. „Das nicht. Aber wenn Sie nur so lange bleiben
wollten, bis der alte Herr zurückkommt, daß ich meiner Verantwortlichkeit ledig
bin.“ Dem Alten war’s nicht allein um sich zu tun. Er hoffte zugleich, der alte
Herr würde in seiner Geistesgegenwart ein Mittel finden, wodurch sie von ihrem
Vorhaben abzubringen sei.
Die Frau nickte ihm zu. „So lang will ich warten,“ entgegnete sie.
Den Alten trieb Sorge und Hoffnung hinaus, zu sehen, ob Herr Nettenmair
noch immer nicht komme. Christiane holte ihr Gesangbuch vom Pulte und setzte
sich damit an den Tisch.
Der Valentin blieb länger aus, als er selbst gedacht hatte. Als er wieder
hereinkam, war er nicht mehr der, der vorhin hinausgegangen. Er war verwirrt und verlegen, aber ganz anders verwirrt als vorhin. Er stand immer im Begriff,
etwas zu tun oder zu sagen, worüber er erschrak und etwas anderes tat oder sagte
und wiederum ungewiß schien, ob er nicht auch darüber erschrecken sollte.
Immer und wenn er gar nichts gesagt hatte, meinte er, er habe zuviel gesagt.
Manchmal war’s, als ob er lachte; dann sah er wieder desto trauriger aus. Und
das paßte nicht zu dem, was er sprach; denn er redete vom Wetter. Dazwischen
machte er sich viel an der Tür zu schaffen, die er immer wieder einmal öffnete;
zuletzt blieb er im Hausflur stehen, wo er den Gang nach dem Schuppen hin
übersehen konnte; und es waren die wunderlichsten Vorwände, durch die er all
diese Tätigkeiten rechtfertigte. Die junge Frau bemerkte erst die Veränderung
nicht, dann bewunderte sie ihn verwundert und immer ahnungsvoller. Zuletzt
hatte er sie angesteckt mit seinem Wesen. Wenn er unwillkürlich lachte, glühte
sie in Hoffnung auf, wenn er dann ein trauriges Gesicht machte, drückte sie die
Hände zusammen und wurde wieder bleich. Sie folgte seinen Augen, ihm selbst
nach der Tür und erschrak, so oft er sie öffnete. Dabei sprachen sie immer vom
Wetter; wären sie ruhig gewesen, sie hätten über ihre eigenen Reden lachen
müssen; aber man sah, er fürchtete sich, etwas zu sagen, sie fürchtete sich, nach
dem Etwas zu fragen. Zuletzt preßte sie beide Hände bald gegen das Herz, das
das Mieder durchschlagen wollte, bald gegen die brennenden, hämmernden
Schläfen. Der Alte meinte sie endlich vorbereitet genug, das Wetter fahren zu
lassen. „Ja,“ sagte er, „es ist ein Tag, wo die Toten aufstehen möchten, und wer
weiß — aber tun Sie mir noch das zulieb und erschrecken Sie nicht.“ Sie
erschrak dennoch. Sie sagte zu sich: „Aber es ist ja nicht möglich!“ Und sie
erschrak doch eben, weil es mehr als möglich, weil es gewiß war. „Da sehen Sie
einmal dahinter,“ schluchzte der Alte, der nur lachen wollte. Sie sah den Gang
hin; sie hatt’ es getan, eh’ der Alte sie dazu aufforderte. Der alte Valentin eilte
aus der Vordertür, dem alten Herrn die Freudenpost zu bringen; selig und stolz
auf sein klug durchgeführtes Werk. Die junge Frau hielt sich fest an dem
Türpfosten, als sie den Schritt hörte durch den Schuppen. Aber auch der
Türpfosten stand nicht mehr fest, sie selbst nicht mehr auf dem festen Boden; sie
schwindelte zwischen Himmel und Erde. Und als sie ihn kommen sah, war
nichts mehr auf der Welt für sie, als der Mann, um den sie wochenlang mehr als
Todesangst geduldet; alles ging um sie im Wirbel, erst die Wände, der Boden,
die Decke, dann Bäume, Himmel und grüne Erde; ihr war, als ginge die Welt
unter und sie würde erdrückt im Wirbel, hielt sie sich nicht fest an ihm. Sie
fühlte, wie sie hinsank, dann nichts mehr.
Apollonius war hinzugeeilt und hatte sie aufgefangen. Da stand er und hielt
das schöne Weib in seinen Armen, das Weib, das er liebte, das ihn liebte. Und sie
war bleich und schien tot. Er trug sie nicht in die Stube, er ließ sie nicht hinabgleiten auf die Erde, er tat nichts, sie zu beleben. Er stand verwirrt; er
wußte nicht, wie ihm geschehen war, er mußte sich besinnen. Der alte Valentin
hatte ihn noch nicht gesprochen; er hatte nur durch den Gesellen, der vom
Blechschmied, der nach Sankt Georg eilte, erfahren, Apollonius folge ihm und
werde bald hier sein. Apollonius war vom Nagelschmied am Tor aufgehalten
worden. Dann hatte er geeilt, dem Befehle des Vaters nachzukommen. Daß ihn
der Vater rufen ließ, hatte ihn befremdet; er konnte sich nicht denken, warum.
Von dem Sturze eines Schieferdeckers in Tambach hatte er gehört, aber er wußte
nicht, daß das Gerücht die Ortsnamen verwechselt hatte, und daß jemand
glauben könnte, ihn habe das Unglück getroffen. So gänzlich unvorbereitet auf
das, was ihm der nächste Augenblick bringen sollte, war er durch den Schuppen
gekommen. Er wollte sogleich zu dem Vater auf dessen Stübchen, da hatte er die
junge Frau den Gang herstürzen und mit dem Umsinken kämpfen sehen und war
ihr entgegengeeilt. Und nun hielt er sie in den Armen. Die Gestalt, die er
schmerzlich mühsam und doch vergebens, seit Wochen von sich abzuwehren
gerungen, deren bloßes Gedankenabbild all sein Wesen in eine Bewegung
brachte, die er sich als Sünde vorwarf, lag in schwellender, atmender, lastender,
wonneängstigender Wirklichkeit an ihn hingegossen. Ihr Kopf lehnte rückwärts
gesunken über seinen linken Arm; er mußte ihr in das Antlitz sehen, das schöner,
gefährlich schöner war, als alle seine Träume es malen konnten. Und jetzt
überflog ein Rosenschein das weiße Antlitz bis in die weichen, braunen Haare,
die in den milden, selbstgeschlungenen Locken über die Schläfe hinabrollten, die
tiefen, blauen Augen öffneten sich, und er konnte ihrer Gewalt nicht entfliehen.
Und nun sah sie ihn an und erkannte ihn. Sie wußte nicht, wie sie hierher und in
seine Arme gekommen, sie wußte nicht, daß sie in seinen Armen lag; sie wußte
nichts, als daß er lebte. Wie konnte sie noch einen Gedanken denken neben dem!
Sie weinte und lachte zugleich, sie umschlang ihn mit beiden Armen, um seiner
gewiß zu sein. Und doch fragte sie noch in angstvoll drängender Hast: „Und bist
du’s denn auch? Bist du’s auch gewiß? Und lebst noch? Und bist nicht gestürzt?
Und ich habe dich nicht getötet? Und du bist’s? Und ich bin’s? Aber er — er
kann kommen!“ Sie sah sich wild um. „Er will dich töten. Er wird nicht eher
ruhen.“ Sie umfaßte ihn, als wollte sie ihn mit ihrem Leibe decken gegen einen
Feind; dann vergaß sie die Angst über der Gewißheit, daß er noch lebte, und
lachte wieder und weinte zugleich und fragte ihn wieder, ob er auch noch lebe,
ob er’s auch noch sei. Aber sie mußte ihn ja warnen. Sie mußte ihm alles sagen,
was jener ihm getan und was er ihm noch zu tun gedroht. Sie mußte es schnell;
jeden Augenblick konnte jener kommen. Warnung, süß unbewußtes
Liebesgeschwätz, Weinen, Lachen; Seligkeit, Angst, Schmerz um das verlorene
Glück; Anklage wie des Kindes beim Vater; das Bedürfnis der Liebe, mit allem, was sie ist, was sie freut, was sie bekümmert, ein Gedanken seines Geistes, ein
Gefühl seiner Seele zu sein, das er denkt und fühlt wie seine andern; bräutliche
Verwirrung und Vergessen der ganzen Welt über den einen Augenblick, der ihr
eigentliches Dasein ist, — denn alles, was war und werden kann, ist bloß
Schatten — was sie erzählt, hat sie geträumt und erlebt, fühlt und weiß es erst
jetzt; was gewesen ist und kommen wird, ist gewesen und kommt nur, damit
dieser Augenblick sein kann; vor und nach diesem Augenblick ist die Zeit zu
Ende; — alles das durchdrang sich, alles das zitterte zugleich in jedem einzelnen
Klang der fliegenden, sich pressenden Rede. „Er hat mich und dich belogen. Er
hat mir gesagt, du verhöhntest mich und hättest meine Blume vor den Gesellen
ausgeboten. Und du weißt’s ja noch, beim Pfingstschießen die Blume, das kleine
Glöckchen, das ich liegen ließ. Und du hast’s ihm geschickt. Ich hab’s gesehen.
Ich wußte nicht, warum. Du hast mich gedauert. Daß du so still warst und trüb
und so allein, das hat mir weh getan. Da hat er mir beim Tanz gesagt, du hättest
deinen Spott über mich. Da gingst du in die Fremde und er hat mir gesagt, wie
du in deinen Briefen über mich spottest: das tat mir weh. Du glaubst nicht, wie
weh mir das tat, wenn ich schon nicht gewußt hab’, warum. Der Vater wollte, ich
sollte ihn frein. Und wie du kamst, hab’ ich mich vor dir gefürchtet; du hast mich
immer noch gedauert und ich hab dich immer noch geliebt und wußt es nur
nicht. Er selbst hat mir’s erst gesagt. Da bin ich dir ausgewichen. Ich wollte nicht
schlecht werden und will’s auch nicht. Gewiß nicht. Dann hat er mich
gezwungen, zu lügen. Dann hat er mir gedroht, was er dir tun wollte. Er wollte
machen, daß du stürzen müßtest. Es wär’ nur Scherz; aber, sagt’ ich’s dir, dann
wollt’ er’s im Ernste tun. Seitdem hab’ ich keine Nacht geschlafen; die ganzen
Nächte hab’ ich aufgesessen im Bett und bin voll Todesangst gewesen. Ich hab
dich in Gefahr gesehn und durft’ es dir nicht sagen und durft’ dich nicht retten.
Und er hat die Seile zerschnitten mit der Axt in der Nacht, eh’ du nach
Brambach gingst. Der Valentin hat mir’s gesagt, der Nachbar hat ihn in den
Schuppen schleichen sehen. Ich hab’ dich tot gemeint und wollte auch sterben.
Denn ich wär’ schuld gewesen an deinem Tode und stürbe tausendmal um dich.
Und nun lebst du noch und ich kann’s nicht begreifen. Und es ist alles noch, wie
es war; die Bäume da, der Schuppen, der Himmel, und du bist doch nicht tot.
Und ich wollte auch sterben, weil du tot warst. Und nun lebst du noch, und ich
weiß nicht, ist’s wahr oder träume ich’s nur. Ist’s denn wahr? Sag’ du mir’s doch:
ist’s wahr? Dir glaub’ ich alles, was du sagst. Und sagst du, ich soll sterben, so
will ich’s, wenn du’s nur weißt. Aber er kann kommen. Vielleicht hat er
gelauscht, daß ich dir’s sagte, was er will. Schick’ den Valentin in die Gerichte,
daß sie ihn fortführen und er dir nichts mehr tun kann!“
So schwärmte, lachte und weinte das fiebernde Weib in seinen Armen fort. Alles vergessend, wie ein Kind an einem Abgrund spielend, den es nicht sieht,
ruft sie unbewußt eine Gefahr herbei, tödlicher als die, über deren Vorbeigehen
sie jubelt, drohender als die, wogegen sie den Mann mit ihrem Leibe decken
will. Sie ahnt nicht, was ihr leidenschaftlich Tun, die Süßigkeit ihrer
unbekümmerten Hingebung, was ihre Liebkosungen, was ihr warmes,
schwellendes Umfangen in dem Manne aufregen muß, der sie liebt; daß sie alles
tut, was den Mann, dessen Rechtlichkeit und Edelmut sie sich so unbekümmert
anheim gibt, Rechtlichkeit und Edelmut im Tumulte des Blutes vergessen
machen kann. Sie hat keine Ahnung, welchen Kampf sie in ihm entzündet und
wie sie ihm den Sieg erschwert, wenn nicht unmöglich macht. Und er weiß nun,
das Weib in seinen Armen war sein; der Bruder hat ihn um sie und sie um ihn
betrogen. Jetzt weiß er’s, wo das Weib in seinen Armen ihm die Größe des
Glückes zeigt, um das der Bruder ihn betrogen hat. Er hat sie geraubt und noch
mißhandelt; und für alles, was er um ihn gelitten, getan, verfolgt er ihn noch und
steht ihm nach dem Leben. Gehört das Weib dem, der sie ihm gestohlen, der sie
mißhandelt, den sie haßt? Oder ihm, dem sie schändlich gestohlen worden ist,
der sie liebt, den sie liebt? Das alles waren nicht deutliche Gedanken; hundert
einzelne Empfindungen, die, in den Strom eines tiefen und wilden Gefühls
hingerissen, durch seine Adern stürzten und die Muskeln seiner Arme spannten,
etwas, das sein ist, an sein Herz zu pressen. Aber eine dunkle Angst drängt dem
Strom entgegen und hält die Muskeln wie im Starrkrampfe fest. Das Gefühl, er
will etwas tun und er ist sich nicht klar, was es ist, wohin es führen kann; eine
ferne Erinnerung, daß er ein Wort gegeben hat, das er brechen wird — er läßt
sich fortreißen; die dunkle Vorstellung, als stehe er wie an seinem Tische und,
bewege er sich, ehe er sich umgesehen, könne er etwas wie ein Tintenfaß auf
etwas wie Wäsche oder ein wertvolles Papier werfen: Alledem lag die angstvolle
Vorahnung zugrunde, er könne mit einer Bewegung etwas verderben, was nicht
wieder gut zu machen sei. Er rang schon lange unter den berauschenden Tönen
nach etwas, bevor er wußte, daß er rang und daß dies Etwas die Klarheit war, das
Grundbedürfnis seiner Natur. Und nun kam sie ihm und sagte: „das Wort, das du
gegeben hast, ist, die Ehre des Hauses aufrechtzuerhalten, und was du tun willst,
muß sie zernichten.“ Er war der Mann und mußte für sich und sie einstehen. Die
Klarheit brandmarkte den Verrat, den er mit einem Drucke, mit einem Blicke, an
dem rührenden, unbedingten Vertrauen üben würde, das aus des Weibes
Hingebung sprach, mit aller Schmach, die sie fand. Sie zeigte ihm die Reinheit
des Gesichtes, das an seinem Herzen lag und schwärmend zu ihm aufsah, und
wie er mehr an ihr und an sich selbst verderben würde, als das war, worüber er
ihren und seinen Feind anklagte. Noch stand die heilige Scheu schützend
zwischen ihm und ihr, die ein einziger Druck, ein einziger Blick für immer verscheuchen konnte. Und doch sah er angstvoll sich nach einem Helfer um.
Wenn nur Valentin käme, dann mußt’ er sie aus seinen Armen lassen. Valentin
kam nicht. Aber die Scham über seine Schwäche, die die Hilfe außen suchte,
wurde zum Helfer. Er legte die Kraftlose sanft auf den Rasen. Als er die weichen
Glieder aus den Händen ließ, verlor er sie erst. Er mußte sich abwenden und
konnte einem lauten Schluchzen nicht wehren. Da sah der jüngste Knabe
neugierig in den Hof. Er eilte hin, hob das Kind in seine Arme, drückte es an
sein Herz und stellte es zwischen sich und sie. Es war eigen; mit dem Drucke,
mit dem er das Kind an sein Herz gedrückt, entband sich der wilde Drang, und
nun lösten sich die gespannten Muskeln. Er hatte sie in dem Kinde an sein Herz
gedrückt, wie allein er sie an sein Herz drücken durfte.
Die Frau sah ihn den Knaben zwischen sich und ihn stellen und verstand ihn.
Glühende Röte stieg ihr bis unter die wilden, braunen Locken. Sie wußte nun
erst, daß sie in seinen Armen gelegen, daß sie ihn umfaßt und mit ihm
gesprochen hatte, wie es nur erlaubte Liebe darf. Sie sah nun erst die Gefahr, an
deren Abgrund sie ihn und sich gestellt. Sie richtete sich auf den Knien auf, als
wollte sie ihn flehen, sie nicht zu verachten. Zugleich fiel ihr wieder ein, der
Mann konnte sie belauscht haben und die Drohung noch vollziehen. Dann hatte
sie ihn durch die Freude über seine Rettung erst verdorben. Er sah das alles und
litt es mit ihr. Er hatte sich abgekämpft, ihr nicht zu zeigen, was in ihm vorging;
aber in seinem Innern war der Kampf selbst nicht ausgekämpft. Er neigte sich zu
ihr und sagte: „Du bist meine brave Schwester. Du bist braver als ich. Und über
uns und deinem Manne ist Gott. Aber nun geh’ hinein, Schwester, liebe, brave
Schwester.“ Sie wagte nicht aufzusehen, aber durch die gesenkten Lider sah sie
seine Milde, das tiefe, unauslöschbare Wohlwollen, die unvertilgbare
Menschenachtung auf seiner leuchtenden Stirne und um den sanften Mund. Und
wie er ihr bewußter und unbewußter Maßstab war, wußte sie nun, sie war nicht
schlecht, sie konnt’ es nicht werden; er trug sie bewahrt, wie die Mutter das Kind
vorsichtig auf starken Armen. Er wuchs ihr, wie sie ihn durch die gesenkten
Lider sah, mit dem Haupte bis an den Himmel. Sie wußte, daß ihm der Mann
nicht schaden konnte. Apollonius gab ihr den Knaben in den Arm und bot die
Hand, sie aufzurichten. Sie bebte unter der Berührung, und wie sie noch auf den
Knien lag, stieg ihr Gedanke in ihm auf wie ein Gebet. Er führte sie an die Tür.
Vom Schuppen her kam Herr Nettenmair mit dem Gesellen. Fritz Nettenmair,
der ihnen nachschlich, sah noch, wie er sie führte.
Von allem, was er heute gewollt und gelitten, stand nichts in Herrn Nettenmairs
verknöchertem Antlitz zu lesen, als er heimkam. Die junge Frau und Valentin
mußten eine Predigt über grundlose Einbildungen anhören; denn die Geschichte hatte sich ausgewiesen, wie sie war, nicht wie sie der Valentin
zusammengeängstelt hatte. Die Reise Fritz Nettenmair’s gedachte er als eines
lang von demselben gehegten, aber von ihm erst heute genehmigten Vorhabens.
Apollonius erhielt den Befehl, sogleich mit den Geschäftsbüchern auf des alten
Herrn Stube zu kommen. Der alte Herr gab vor, er wollte den Stand des
Geschäftes genau kennen lernen; sein wahrer Zweck dabei war, Apollonius so
lange bei sich in Sicherheit zu behalten, bis sein Bruder abgereist sei. Apollonius
konnte, ohne wegen der nächsten laufenden Ausgaben in Verlegenheit zu
kommen, das Geld zu des Bruders Reise bis Hamburg verschaffen. Dort wußte
er einen früheren Kölner Freund, der sich in sehr guten Verhältnissen befand,
und der, um manche geleistete Dienste zu vergelten, ihm öfter, und noch neulich
eine Geldhilfe angeboten hatte. Auf des Vaters Stübchen schrieb er an ihn. Der
Freund sollte dem Bruder einen Platz auf einem Passagierschiffe besorgen, seine
Aufenthaltskosten bestreiten und ihm — aber nicht eher, als unmittelbar vor der
Abfahrt — eine gewisse Summe Geldes übermachen; alles auf Apollonius
Rechnung. Valentin mußte noch den Abend auf die Post, um den Brief
aufzugeben und Fritz Nettenmair einschreiben zu lassen. Der Wagen ging eine
Stunde vor Sonnenaufgang ab; noch eine Stunde früher sollte Valentin auf dem
Zeuge sein und sich bei dem alten Herrn melden.
So war das Leben in dem Hause mit den grünen Laden immer schwüler
geworden. Diese Nacht mit ihrer stillen Unruhe gleich der angstvollen Stille,
darin die Kräfte eines Meersturms seinen Ausbruch vorbereiten. Es war ein
eigenes Treiben. Wer in dieser Nacht in das Haus, aber nicht in die Seele der
Menschen hätte hineinsehen können, der wäre aus einer Befremdung in die
andere gefallen. Sonst, wenn ein Glied einer Familie zu einer Reise sich rüstet,
von der es vielleicht nicht wieder heimkehren wird, drängen sich die übrigen um
ihn. Je weniger der Augenblicke werden, die er noch mit ihnen zubringen kann,
je tiefer werden sie ausgenossen. Jahre des gewöhnlichen Miteinanderlebens
drängen sich in ihnen zusammen. Jeder Blick, jedes Wort, jeder Händedruck
wird als ein ewiges Andenken gegeben und genommen. Stundenweit her
kommen die Freunde des Scheidenden, ihn noch einmal zu sehen. Nach Fritz
Nettenmair sahen die Leute im Hause nicht. Sie schauderten, ihm zu begegnen,
als wär er ein schreckendes Gespenst. Und wie ein solches schlich er darin
umher und wich den Menschen aus, wie sie ihm. Und die Menschen, denen er
ausweicht, die ihm ausweichen, sind nicht fremde; sein Vater ist’s, sein Bruder,
sein Weib und seine Kinder. Ein Reisender, der nicht gesehen wird, der sich
nicht sehen läßt, der kein Lebewohl gibt und kein Lebewohl nimmt, und der
doch freiwillig reist, und dessen Reise die andern wissen und genehmigen!
Apollonius mußte dem alten Herrn die Geschäftsbücher vorlesen, ein wunderlich zweckloses Werk! Denn weder er noch der alte Herr war im Geiste
bei den Zahlen. Und der alte Herr tat noch dazu, als wisse er alles schon. Daß
Apollonius ihm die Gefahr des Hauses verschwiegen, erwähnte er natürlich
nicht; von den Gedanken, die sich bei ihm daran knüpften, ließ er keinen sehen.
Aus seinen diplomatischen Reden, zu denen er sich bisweilen zusammenraffte,
um dem Schattenspiel vor dem Sohne einen Schein der Wirklichkeit zu geben,
konnte man vielleicht erraten, wenn man genauer aufmerkte, als es Apollonius
möglich war, der alte Herr habe alles gehen lassen, um zu zeigen, wohin es
kommen müsse, wenn er die Hand vom Ruder abziehe, und daß er gesinnt sei,
von nun an selbst wieder das Schiff zu leiten. Dazwischen fragte er den Sohn
einmal wie beiläufig, ob er etwas Genaueres von dem Verunglückten in Tambach
wisse. Apollonius konnte ihm sagen, er kenne den Mann; es sei derselbe
ungemütliche Geselle, der vordem bei ihnen gewesen. „So?“ sagte der alte Herr
gleichgültig. „Und weiß man, was die Ursache war?“ Apollonius hatte gehört,
das Seil, das über dem Verunglückten gerissen, sei ein fast neues, aber es müsse
an der Stelle des Risses rundum mit einem scharfen, spitzen Werkzeug
durchschnitten gewesen sein. Der alte Herr erschrak. Er ahnte einen
Zusammenhang, auf den auch andere kommen konnten. Valentin, wußte er, hatte
vorhin beredet, der Arbeiter, der den Karren mit dem Handwerkszeug nach
Brambach gefahren, müsse auf dem Rückweg ein Anschleifeseil verloren haben.
Apollonius hatte den Valentin damit beruhigt, er habe das Seil in Brambach
verliehen. Der alte Herr war nun überzeugt, auch Apollonius müsse einen
Zusammenhang ahnen, wenn nicht mehr als nur ahnen; und habe durch die
Antwort des Valentin ihn den Augen des alten Gesellen entziehen wollen. Er sah,
daß Apollonius in seinem, des alten Herrn, Geiste verfuhr. Von dieser Seite war
also nichts zu fürchten. Aber es konnten Umstände im Spiele sein, die trotz
Apollonius’ Vorsicht eine Entdeckung herbeizuführen drohten. Er ließ seine
Zurückhaltung, so schwer dies ihm fiel, diesmal beiseite, und auf wiederholte
Fragen mußte Apollonius sagen, was er wußte. Es war folgendes. Den ersten Tag
hatte Apollonius in Brambach nur die Leiter gebraucht. Der Geselle war in dem
Wirtshaus gewesen, als er ankam. Denselben Abend noch hatte er ihn über den
Hof schleichen sehen. Am andern Morgen fehlte das Seil. Er hatte sogleich
Verdacht auf den Gesellen, aber nach seiner gewissenhaften Weise zögerte er,
ihn auszusprechen. Auf dem Heimwege, vor dem Tor der Stadt, erfuhr er das
Unglück, das ihn getroffen; zugleich, daß der Geselle bei keinem Meister
gestanden, sondern auf eigene Hand die kleine Reparatur an dem Schieferdache
in Tambach unternommen. Ein Stück des von ihm hinterlassenen
Handwerkszeugs, ein Zimmerbeil, war schon von dem rechtmäßigen Besitzer
beansprucht worden. Bald darauf machte die Warnung Christianens ihn gewiß, das Seil, durch dessen Zerreißen der Geselle verunglückt, war das seine. Wie die
Sache nun stand, durfte er sich natürlich nicht zu dem Eigentumsrechte daran
bekennen; er mußte seiner Ehrlichkeit sogar den Zwang antun, durch
Erdichtungen fremder Vermutung der Wahrheit zuvorzukommen.
Der alte Herr gebot dem Sohne, weiter zu lesen. Apollonius tat es, aber im
Geiste waren beide wiederum bei andern Dingen. Apollonius wollte sich
zwingen. Es war seiner sonstigen Art geradezu entgegen, nicht mit ganzer Seele
bei der Sache zu sein, die er trieb. Es gelang ihm nicht. So griff fremde
Zerrüttung auch in diese gleichgewichtige, wohlgeordnete Seele herüber. —
Endlich kam Valentin, erhielt das Reisegeld für Fritz Nettenmair und die
Anweisung an den Hamburger Freund und die Weisung, das Gepäck des
Reisenden nach dem Posthofe zu tragen, und etwaigen Auftrages harrend in
seiner Nähe zu bleiben, bis er abgefahren sei. Eine Stunde später kam er zurück
und hatte den Befehl vollzogen. Er erzählte, Fritz Nettenmair freue sich auf das
neue Leben in Amerika. Sie sollten sich wundern über ihn, wenn sie ihn
wiedersähen. Er konnte kaum die Zeit erwarten. Der alte Herr richtete sich
innerlich hoch auf; er meinte grimmig, Apollonius könne vor Schlaf in den
Augen nicht mehr lesen, und schickte ihn ins Bett. Das begonnene Werk
fortzusetzen, müsse sich ein andermal Zeit finden.
Und Fritz Nettenmair? Wie war ihm zumute in dieser Nacht? Als er, ruhelos wie
ein gequälter Geist, bald händeringend, bald fäusteballend den Gang vom Hause
nach dem Schuppen und wieder vom Schuppen nach dem Hause schlich? Bald
schrak er vor einem fallenden Blatt zusammen, bald wünschte er, das Haus
stürzte über ihn und begrübe ihn. So oft er den Weg durch den Gang zurücklegte,
so oft bäumte sich seine Seele im wildesten Trotz empor und sank wiederum in
die hingebendste Hilflosigkeit zurück. Er war entschlossen, zu gehen — und sie
dem Gehaßten zu überlassen? Daß sie ihn höhnten? Sie hatten ihn ja so weit
gebracht, um ihn los zu werden; dann war ihr einziger Wunsch erfüllt. Nein! er
wollte bleiben! er mußte bleiben! — und dann faßten ihn wieder die Gerichte —
denn der im blauen Rock hielt sein Wort — und schlossen ihn mit Ketten fest
und — dann war’s dasselbe. Sie hatten wieder ihren Zweck erreicht. — Fritz
Nettenmair bewegte heftig die Arme vor sich hin, als rüttelte er schon an den
Gittern des Kerkerfensters und atmete so mühsam, als erstickte ihn schon der
Dunst der feuchten Wände. Dann überfiel ihn in plötzlicher Abspannung das
ganze Bewußtsein seines grenzenlosen Elends, der Jammer gänzlicher
Verlassenheit. Goldene Bilder stiegen auf; die verlorene Seligkeit marterte ihn
mehr, als die gewonnene Verdammnis. Da hüpfte er als schuldloses Kind den
Gang hin, dem entlang er jetzt die Überlast seines Elends schleppte; da waren
Menschen, die ihn liebten. Wie klang der Mutter Stimme, die ihn rief, so süß!
Und jetzt liebte ihn niemand mehr. Die fremden Menschen verachteten ihn; die
ihn lieben sollten, schauderten vor ihm. O, nur ein einzig Herz, dem sein
Scheiden weh täte, und er ginge und würde ein anderer Mensch! Jetzt sieht er
jeden freundlichen Blick, den er in der Verblendung seiner Leidenschaft nicht
beachtet. Das Lächeln um die angstzuckenden Lippen des kleinen Ännchens
steigt vor ihm auf; jetzt erkennt er die unermüdliche Liebe, die er zurückstieß,
die immer wieder kam, so oft er sie zurückstieß, bis er ihr Gefäß zerbrach; jetzt,
wo sie ihn retten könnte, wär sie nicht tot durch seine Schuld; jetzt ergreift ihn
das Mitleid mit dem Kinde mit so schmerzlicher Gewalt, daß er sein eigen Elend
darüber vergäße, wär’s nicht ein Teil davon. Das Ännchen ist tot, aber er hat
noch Kinder; sie müssen ihn lieben, sie sind ja sein. Sein Herz schreit nach
einem Liebeswort. Seine Arme öffnen sich krampfhaft, etwas, was sein ist, an
sein Herz zu pressen, damit er weiß, er ist nicht verloren; und verloren ist keiner,
der noch einen Menschen hat auf der Welt. Mit erneuten Kräften eilt er den
Gang, den Hausflur hindurch, durch Stuben- und Kammertür. Ein Nachtlicht,
vom Schirm bedeckt, gibt dem Vater Schein genug, seine Kinder zu sehen. An
dem nächsten kleinen Bette sinkt er in die Knie. Ein längst verlernter Laut
flüstert durch seine Lippen, und wie ihn diese Lippen nie flüstern gekonnt. „Fritz!“ Er will die Kinder nur einmal an sein Herz drücken, ihre Liebe sehen
und — gehen. Gehen und ein anderer Mensch werden, ein besserer, ein
glücklicherer! Der Kleine erwacht! er meint, die Mutter hat ihn gerufen.
Lächelnd öffnet er die großen Augen und — erschrickt. Vor dem Mann an
seinem Bette fürchtet er sich. Es ist ein fremder Mann. Ein schlimmerer Mann,
als ein fremder Mann. O, nur ein zu bekannter Mann! Und doch fremder als
fremd. Es ist der Mann, der das Kind so oft zornig angeblickt, der Mann, vor
dem die Mutter es in die Kammer schloß, weil es nicht sehen sollte, was der
Mann ihr tat. Und dann stand es zitternd und horchte an der Tür, dann ballten
sich die kleinen Händchen im ohnmächtigen Zorn. Er hat ja das Kind ihn hassen
gelehrt, nicht ihn lieben.
„Fritz,“ sagte der Vater voll Angst; „ich gehe fort, ich komme nicht wieder.
Aber ich schicke dir schöne Äpfel und Bilderbücher und denke jeden
Augenblick tausendmal an dich.“
„Ich will nichts von dir,“ sagte der Knabe furchtsam, trotzig. „Onkel Lonius
gibt mir Äpfel; ich mag deine nicht.“
„Hast auch du mich nicht lieb?“ sagt der Vater mit brechender Stimme am
zweiten Bettchen.
Der kleine Georg flieht zum Bruder in dessen Bett. Dort halten sich die
Kinder in Angst umschlungen. Dennoch ist er trotzig, und so viel Widerwillen,
als ein Kindesauge fassen kann, blickt aus dem seinen. „Die Mutter hab’ ich lieb,
den Onkel Lonius hab’ ich lieb,“ sagt das Kind; „dich mag ich nicht. Laß’ uns
gehen, ich sag’s dem Onkel Lonius!“
Fritz Nettenmair lacht im wilden Hohn und schluchzt zugleich im hilflosen
Schmerz. Die Kinder sind ja nicht mehr sein. Er ist ja ihr Vater nicht mehr. Er
ist’s. Er! Seine Kinder sind’s. Er ist ihr Vater. Er, der ihm alles genommen, hat
ihm auch die Kinder genommen. Das, was man dem Elendesten läßt. Wenn Er
gehen müßte, Er! die Kinder hingen sich an ihn; eher rissen die Händchen, als
daß sie ihn ließen. Und das Weib hier, das schöne Weib mit dem Engelsantlitz,
auf das selbst die Lampe liebend all ihre Strahlen sammelt und mehr Glanz von
ihr gewinnt, als sie von der Lampe; dieses Weib, Sein Weib, Seins! auch Sein,
wie alles, was einmal mein war! Sie ist in ihren Kleidern zu Bett gegangen; sie
kann die Stunde nicht erwarten, wo ich gehe; und ginge Er, die Rosen würden
bleich, sie flösse sterbend in ihn hinüber, um nicht getrennt von ihm zu sein. Wie
sie auffahren würde, sagt ihr einer in den Traum hinein, den sie von ihm träumt,
denn sie lächelt, er geht! Er, ihr — Nein! ich will nicht gehen! Nein! ich kann
nicht gehen! Lieber tausendmal sterben! Und er hat ja dem Tode schon ins
Gesicht gesehen, vor Stunden erst, als er vor dem Vater auf der Rüstung
hingestreckt lag. Es war ein Kinderspiel, das Sterben, gegen solch ein Leben. Es war — denn auch er war tot. Es wär es noch, wär auch Er noch tot. Und er wär
an ihr gerächt, an ihr hier mit dem teuflischen Engelslächeln; und er wär an dem
Vater gerächt, der ihn von Beaten riß, von seinem guten Engel. Und an den
Knaben, die ihn zurückstoßen, an dem guten Ännchen, das ihn verderben half
und noch Tag und Nacht ihn quält. Er wäre — aber er war’s ja nicht. Er mußte
gehen; er wurde noch elender, als er war; und die er haßte, die ihn verdorben,
wurden glücklich durch sein Gehen. Er machte sie alle wieder zu Teufeln, um
von ihrem Glanze nicht vernichtet zu werden. Er haßte in ihnen wieder, was er
an ihnen getan; er haßte in ihnen selbst die Gewalt, die er sich antun mußte,
Teufel in ihnen zu sehen. Und brach ihr Glanz dennoch durch die Schwärze, in
die er sie angstvoll vor sich versteckte, standen sie als Engel über ihm, und so
haßte er sie noch mit dem Neide der Teufel. Er hatte die Grenze überschritten,
über welche keine Rückkehr mehr ist. Wie er die Frau in ihrer Schönheit dort
liegen sah, trat ihn noch einmal der Gedanke an, diese Schönheit zu vernichten.
Aber die einmal geweckte Erinnerung an den Augenblick, wo er todgefaßt vor
dem Vater lag, und an das, was der Vater mit ihm wollte, erwies sich mächtiger
und vertrieb ihn. Das Bild des Augenblicks blieb ihm und tauschte nur die
Personen. Er malte es immer farbiger aus. Und nun war es eine wilde Freude,
was ihn den Gang zwischen Haus und Schuppen hin und her trieb. Seine Arme
bewegten sich so heftig als vorhin, aber es waren nicht Gitterstäbe, mit denen er
rang. Unterdes war der Mond aufgegangen. Das Haus mit den grünen Laden lag
so friedlich in seinem Schimmer da. Kein Vorübergehender hätte ihm die Unruhe
angesehen, die es hinter seinen Wänden barg; keiner den Gedanken geahnt, den
darin die Hölle fertig braute in einem verlorenen Gefäß.
Apollonius war müde vom Wachen und vom Kampfe, den die gefährliche Nähe
des geliebten Weibes und das Wissen um des Bruders Betrug und empörenden
Undank in ihm entzündet. Neben diesem war erst noch ein anderer Kampf
aufgeglommen. Der Vater schien nicht an die böse Absicht des Bruders zu
glauben. Vor dem Gedanken, den Arm der Obrigkeit zu seinem Schutze
aufzurufen, schauderte er zurück. Die Schmach für die Familie, wenn des
Bruders Tat bekannt wurde, mußte den Vater töten. Und vielleicht war auch des
Bruders Seele noch zu retten, wenn es gelang, ihn zu überzeugen, daß er geirrt.
Aber wie? Wenn er — ihn versicherte, ihm schwur, daß er in der Frau nur die
Schwester sehe? Vor einem halben Jahre noch hätte er das beschwören können:
heute durfte er es nicht mehr, heute war es Meineid. Er konnte, wenn der Bruder
den entsetzlichen Plan auf sein Leben nicht aufgab, die Ausführung desselben
erschweren, aber nicht unmöglich machen. In dem Zustande, in welchem
Apollonius sich jetzt befand, konnte ihm der Tod eher erwünscht sein als schrecklich; dann hatte aller Kampf, alle Gewissenspein, alle Sorge ein Ende;
aber was sollte aus dem Vater, was aus ihr und den Kindern werden? Und hatte
er sich nicht das Wort gegeben, sie vor Schande und Not zu bewahren? Diesen
neuen Kampf beendete die Mitteilung des Vaters, Fritz wolle nach Amerika.
Aber sie machte den alten Kampf nur schwerer, indem sie dem Feinde neue
Kräfte gab. Er wußte freilich, daß er entschlossen war, die Wünsche, die er
verdammen mußte, nicht zur Tat werden zu lassen. Aber die Wünsche selbst!
Wenn kein äußeres Hindernis mehr ihrer Erfüllung im Wege stand, mußte ihre
Gewalt da nicht wachsen? Die Gewissensvorwürfe mit ihnen? Und die
Entfernung von dem Orte, wo sie in der täglichen Nähe einen unerschöpflichen
Erneuerungsquell hatten, machte wiederum die Erfüllung des Wortes, das er sich
gegeben, der Pflicht, die ihm ohne das gegebene Wort oblag, unmöglich. Er war
heftig aufgeregt und bedurfte Ruhe. Diesen Vormittag noch mußte er die
Umkränzung des Turmdaches mit der Blechzier vollenden, und Fahrzeug,
Flaschenzug, Ring und Leiter wieder herabnehmen. Sein Tritt mußte fest, sein
Auge klar sein. Für die einzige Stunde, bis der Arbeitstag begann, wollte er sich
nicht erst ausziehen und zu Bett legen. Er hatte sich bis jetzt des Sofas, das in
seinem Zimmer stand, noch nicht bedient, darauf zu liegen. Er vermied alles,
was zu Verweichlichung führen konnte; ein gleich starker Beweggrund war sein
Bedürfnis, Dinge um sich zu haben, die er liebend hüten, an denen er bürsten
und polieren konnte. Auch in dem Zustand von Verstörung und Ermüdung,
worin er vom Vater kam, vergaß er diese Schonung nicht. Er fuhr unwillkürlich
mit leise liebkosender Hand über den Bezug des Sofas und setzte sich dann auf
den hölzernen Stuhl, worauf er beim Schreiben saß. Hier kam ihm der Schlaf
früher, als er es erwartet. Aber es war kein Schlaf, wie er ihn bedurfte; es war ein
ununterbrochener, aufregender Traum. Christiane lag in seinen Armen wie
gestern, er kämpfte wieder, aber diesmal siegte er nicht; er preßte sie an sich. Da
stand der Bruder neben ihnen, und sie standen nicht mehr auf dem Gange
zwischen Schuppen und Haus, sondern oben am Turmdach auf der fliegenden
Rüstung. Der Bruder wollte ihm die Besinnungslose aus den Armen reißen, um
sie zu mißhandeln; er warf im schmerzlichen Zorne dem Bruder alles vor, was er
an ihm und ihr getan, und im Kampfe um das Weib stieß er ihn von der Rüstung.
Er erwachte. Er wollte munter bleiben, um den Traum nicht noch einmal
durchträumen zu müssen. Als er die Augen öffnete, war es Tag und Zeit, an die
Arbeit zu gehen. Er war aufgeregter erwacht, als er vom Vater gekommen. Er
stand auf. Er hoffte, vor der frischen Morgenluft, vor der ernüchternden Wirkung
des Wassers, das er sich nach seiner Gewohnheit über Kopf und Arme goß,
würden die Bilder des Traumes, welche die Lebhaftigkeit der alten Wünsche,
und damit die Gewissensvorwürfe über sie, noch immer steigerten, von ihm in sein Stübchen zurückfliehen. Aber es geschah nicht; sie gingen mit ihm und
ließen ihn nicht los. Selbst über der Arbeit nicht. Immer wehte der Hauch des
warmen Mundes an seiner Wange; immer fühlte er sich in ihrem schwellenden
Umfangen, immer quollen ihm die leidenschaftlichen Vorwürfe gegen den
Bruder, der bei ihm stand, aus dem Herzen herauf. Er kannte sich nicht mehr. Zu
den Vorwürfen, die er sich deshalb machen mußte, kam noch die
Unzufriedenheit, daß er sich nicht mit seiner ganzen Aufmerksamkeit bei der
Arbeit wußte. Sonst hatte er gleichsam seine eigene heitere Tüchtigkeit mit
hineingearbeitet in seine Arbeit, und diese mußte gut und dauerhaft ausfallen.
Heute kam’s ihm vor, als hämmerte er seine unrechten Gedanken hinein, als
hämmerte er einen bösen Zauber zurecht, und die Arbeit könne nicht taugen,
nicht haltbar werden.
Der Schieferdecker muß besonnen arbeiten. Der Mann, der heute eine
Reparatur unternimmt, muß sich auf die Berufstreue dessen, der Jahrzehnte,
vielleicht Jahrhunderte vor ihm hier stand, verlassen. Die Ungewissenhaftigkeit,
die heute ein Dachhaken liederlich befestigt, kann den Braven, der nach fünfzig
Jahren an diesen Haken seine Leiter hängt, in den Tod stürzen. Es war nicht
einzusehen, daß eine Nachlässigkeit, ein Versehen in der Arbeit, wie er sie heute
vollendete, eine so schwere Folge nach sich ziehen sollte, aber seine natürliche
ängstliche Genauigkeit war noch von seinen übrigen Kräften in ihre krankhafte
Spannung mit hineingezogen. Hinter dem Kampfe seines Gewissens mit den
Bildern seines sündhaften Traumes, drohte als dunkle Wolke die Ahnung, er
hämmere in seiner Zerstreuung ein künftiges Unheil fertig.
Er war fertig. Blendend glänzte die neue Blechzier in der Sonne um die
dunkle Fläche des Schieferdachs. Ring, Flaschenzug, Fahrzeug und Leiter waren
entfernt; die Arbeiter, die die Leiter während des Losknüpfens und
Herabsteigens gehalten, waren wieder gegangen. Apollonius hatte die fliegende
Rüstung und die Stangen, worauf sie geruht, vom Dachgebälk abgelöst und
stand allein auf dem schmalen Brette, das den Weg vom Balkenkreuz nach der
Ausfahrttür hin bildete. Er stand sinnend. Es war ihm, als hätte er irgendwo
Nägel einzuschlagen vergessen. Er sah in die Schiefer- und Nagelkasten seines
Fahrzeugs, das neben ihm über einem Balken hing. Ein heimlicher, hastiger
Schritt tönte unter ihm die Turmtreppe herauf. Er achtete nicht darauf; denn eben
sah er im Schieferkasten eine zurückgebliebene Bleiplatte liegen. Er hatte nur so
viel Bleibleche mit sich heraufgenommen, als er brauchte; eine war also von ihm
vergessen worden; in der Zerstreuung hatte er eine Befestigungsstelle
übergangen. Aus der Ausfahrttür sah er an der Turmdachfläche hinab und
hinauf. War der Fehler auf dieser Turmseite geschehen, so ließ er sich vielleicht
ohne Fahrzeug bessern. Er brauchte vielleicht nur die Leiter, um zu der Stelle zu kommen. Und so war es auch. Etwa sechs Fuß hoch über ihm, nahe dem
Dachhaken, hatte er die Schieferplatte herausgenommen, aber vergessen, sie
durch die Bleiplatte zu ersetzen und die Blechgirlande mit Nägeln darauf zu
befestigen. Unterdes waren die heimlichen Schritte immer näher gekommen;
jetzt hatte der Eilende das Ende der Steintreppen erreicht und stieg die
Leitertreppe nach dem Dachgebälk herauf. Die Uhr unter ihm hob aus. Es war
auf zwei. Apollonius hatte noch nicht Mittag gemacht; aber, war er in seiner
Arbeit einem Fehler auf die Spur gekommen, dann ließ es ihm nicht Ruh, bis er
ihn entfernt. Er war zurückgegangen, um die Leiter herbeizuholen. Diese lag
neben dem Fahrzeug auf dem Balken. Da, indem er sich darauf herabbeugt, fühlt
er sich ergriffen und mit wilder Gewalt nach der Ausfahrtür zugeschoben.
Unwillkürlich faßte er mit der Rechten die untere Kante eines Balkens seitwärts
über ihm; mit der Linken sucht er vergebens nach einem Halt. Durch diese
Bewegung wendet er sich dem Angreifer zu. Entsetzt sieht er in ein verzerrtes
Gesicht. Es ist das wildbleiche Gesicht seines Bruders. Er hat keine Zeit, sich zu
fragen, wie das jetzt hierher kommt.
„Was willst du?“ ruft er. Was er auch erfahren, er kann sich selbst nicht
glauben. Ein wahnwitziges Lachen antwortet ihm:
„Du sollst sie allein haben oder mit hinunter!“
„Fort!“ ruft der Bedrohte. Im zornigen Schmerze sind all die Vorwürfe gegen
den Bruder in sein Gesicht heraufgestiegen. Mit seiner ganzen Kraft stößt er mit
der freien Hand den Drängenden zurück.
„Zeigst du endlich dein wahres Gesicht?“ höhnte dieser noch wütender. „Von
jeder Stelle hast du mich verdrängt, wo ich stand; nun ist die Reih’ an mir. Auf
deinem Gewissen sollst du mich haben, du Federchensucher! Wirf mich hinunter
oder du sollst mit!“
Apollonius sieht keine Rettung. Die Hand erlahmt, mit der er sich nur
mühsam anhält an der scharfen Kante des starken Balkens. Er muß den Bruder
mit seiner ganzen Kraft an den Armen fassen, ihn herumdrehen und
hinunterstürzen, oder der Bruder reißt ihn mit hinunter. Doch ruft er: „Ich nicht!“
„Gut!“ stöhnte jener. „Auch das willst du auf mich wälzen! Auch dazu willst
du mich bringen! Nun ist’s mit deiner Scheinheiligkeit zu End’.“ Apollonius
würde einen andern Halt suchen, wüßt’ er nicht, der Bruder benutzt den
Augenblick, wo er den alten läßt. Und schon stürzt der mit wildem Anlauf
heran! Apollonius’ Hand rutscht von der Balkenkante ab. Er ist verloren, findet
er keinen neuen Halt. Er kann vielleicht im Sprunge den Balken mit beiden
Händen umfassen, aber dann stürzt den Bruder, den kein Widerstand mehr
aufhält, die Gewalt des eigenen Anlaufs durch die Tür. Da sieht er im Geiste den
alten, braven, stolzen Vater, sie und die Kinder; ihm kommt das Wort, das er sich gab; er ist der einzige Halt der Seinen; er muß leben. Ein Schwung, und er hat
den Balken im Arme; in demselben Augenblick stürzt der Bruder vorbei. Die
Gewichte tief unter ihnen rasseln und es schlägt zwei Uhr.
Die Dohlen, die der Kampf aus ihrer Ruhe gestört, schießen wild hernieder bis
zur Aussteigetür und schweben in krächzender Wolke dort. Tief unter ihnen hört
man den Fall eines schweren Körpers auf dem Straßenpflaster. Ein Aufschrei
schallt zugleich von allen Seiten. Bleiche, lebende Gesichter sehen auf ein
bleicheres, totes herab, das blutig auf dem Straßenpflaster liegt. Dann verbreitet
sich die bleiche Hast, das Aufschreien, das Zusammeneilen, das
Händeineinanderschlagen vom Kirchhof wie ein Wirbelwind durch die Straßen
bis in die entferntesten Winkel der Stadt. Aber oben hoch die Wolken am
Himmel achten es nicht und gehen unberührt darüber hin weiter ihren großen
Gang. Sie sehen des selbstgeschaffenen Elends so viel unter sich, daß das
einzelne sie nicht bewegen kann.
Es hat alles auf der Welt seinen Nutzen, wenn nicht für den, der es treibt oder
an sich hat, so doch für andere. So wurde nun, was Schande über das
Nettenmairsche Haus gebracht, zum Verhüter größerer Schande. Die Trunksucht
Fritz Nettenmairs war in der ganzen Stadt bekannt; alle hatten ihn schon
berauscht gesehen, kein Wunder, daß jeder, der den Tod Fritz Nettenmairs erfuhr,
ihn jenem Laster auf die Rechnung stellte. Diese Mühe hatten eigentlich nur die
ersten; die anderen erfuhren schon die fertige Geschichte. Es war gut, daß
niemand außer dem Nettenmairschen Hause davon wußte, daß er nach Amerika
gewollt, und daß er selbst, um bei seiner Rückkehr weniger aufzufallen, sich in
seinen Arbeitskleidern, nur den Mantel übergeworfen, in den Postwagen gesetzt