Aphorismen zur Lebensweisheit
Kapitel IV. Von dem, was einer vorstellt.
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
auf seinem Gipfel, den Widerspruch als seine Blüte hervortreibt; so tritt dieser
zuletzt auch hier in Form der schreiendesten Antinomie hervor: nämlich dem
Offizier ist das Duell verboten: aber er wird durch Absetzung gestraft, wenn er
es, vorkommenden Falls, unterläßt.
[H]Der eigentliche Grund, aus welchem die Regierungen scheinbar sich beeifern, das Duell
zu unterdrücken und, während dies offenbar, zumal auf Universitäten, sehr leicht wäre, sich stellen, als wolle es ihnen nur nicht gelingen, scheint mir folgender: Der Staat ist nicht imstande die Dienste seiner Offiziere und Zivilbeamten mit Geld zum vollen zu
bezahlen; daher läßt er die andere Hälfte ihres Lohnes in der Ehre bestehn, welche repräsentirt wird durch Titel, Uniformen und Orden. Um nun diese ideale Vergütung
ihrer Dienste im hohen Kurse zu erhalten, muß das Ehrgefühl auf alle Weise genährt, geschärft, allenfalls etwas überspannt werden: da aber zu diesem Zweck die bürgerliche Ehre nicht ausreicht, schon weil man sie mit jedem teilt: so wird die
ritterliche Ehre zu Hilfe genommen und besagterweise aufrecht erhalten. In England, als wo Militär- und Zivilbesoldungen sehr viel höher stehn, als auf dem Kontinent, ist die besagte Aushilfe nicht nötig: daher eben ist daselbst, zumal in diesen letzten
zwanzig Jahren, das Duell fast ganz ausgerottet, kommt jetzt höchst selten vor, und wird dann als eine Narrheit verlacht; gewiß hat die große Anti-duelling-society, welche eine Menge Lords, Admiräle und Generäle zu ihren Mitgliedern zählt, hiezu viel
beigetragen, und der Moloch muß sich ohne seine Opfer behelfen.
Ich will aber, da ich einmal dabei bin, in der Parrhesia noch weiter gehn. Beim
Lichte und ohne Vorurteil betrachtet, beruht bloß darauf, daß, wie gesagt, jener
Staat im Staate kein anderes Recht, als das des Stärkeren, also das Faustrecht,
anerkennt und dieses, zum Gottesurteil erhoben, seinem Kodex zum Grunde
gelegt hat, der so wichtig gemachte und so hoch genommene Unterschied, ob man seinen Feind im offenen, mit gleichen Waffen geführten Kampf, oder aus
dem Hinterhalt erlegt habe. Denn durch ersteres hat man doch weiter nichts
bewiesen, als daß man der Stärkere oder der Geschicktere sei. Die
Rechtfertigung, die man im Bestehen des offenen Kampfes sucht, setzt also
voraus, daß das Recht d e s S t ä r k e r e n wirklich ein R e c h t sei. In Wahrheit
aber gibt der Umstand, daß der andere sich schlecht zu wehren versteht, mir
zwar die Möglichkeit, jedoch keineswegs das Recht, ihn umzubringen; sondern
dieses letztere, also meine m o r a l i s c h e Rechtfertigung kann allein auf den
M o t i v e n , die ich, ihm das Leben zu nehmen, habe, beruhen. Nehmen wir nun
an, diese wären wirklich vorhanden oder zureichend; so ist durchaus kein Grund
da, es jetzt noch d a v o n abhängig zu machen, ob er, oder ich, besser schießen
oder fechten könne, sondern dann ist es gleichviel, auf welche Art ich ihm das
Leben nehme, ob von hinten oder von vorne. Denn moralisch hat das Recht des
Stärkeren nicht mehr Gewicht, als das Recht des Klügeren, welches beim
hinterlistigen Morde angewandt wird: hier wiegt also dem Faustrecht das
Kopfrecht gleich; wozu noch bemerkt sei, daß auch beim Duell das eine wie das
andere geltend gemacht wird, indem schon jede Finte, beim Fechten, Hinterlist
ist. Halte ich mich moralisch gerechtfertigt, einem das Leben zu nehmen; so ist
es Dummheit, es jetzt noch erst darauf ankommen zu lassen, ob er etwan besser
schießen und fechten könne als ich; in welchem Fall er dann, umgekehrt, mir,
den er schon beeinträchtigt hat, noch obendrein das Leben nehmen soll. Daß
Beleidigungen nicht durch das Duell, sondern durch Meuchelmord zu rächen
seien, ist R o u s s e a u s Ansicht, die er behutsam andeutet, in der so
geheimnisvoll gehaltenen 21. Anmerkung zum 4. Buche des E m i l e (S. 173,
Bip.). Dabei aber ist er so stark im ritterlichen Aberglauben befangen, daß er
schon den erlittenen Vorwurf der Lüge als eine Berechtigung zum
Meuchelmorde ansieht; während er doch wissen mußte, daß jeder Mensch diesen
Vorwurf unzählige Male verdient hat, ja, er selbst im höchsten Grade. Das
Vorurteil aber, welches die Berechtigung, den Beleidiger zu töten, durch den
offenen Kampf, mit gleichen Waffen, bedingt sein läßt, hält offenbar das
Faustrecht für ein wirkliches Recht und den Zweikampf für ein Gottesurteil. Der
Italiäner hingegen, welcher, von Zorn entbrannt, seinen Beleidiger, wo er ihn
findet, ohne weiteres mit dem Messer anfällt, handelt wenigstens konsequent
und naturgemäß: er ist klüger, aber nicht schlechter, als der Duellant. Wollte man
sagen, daß ich, bei der Tötung meines Feindes im Zweikampf, dadurch
gerechtfertigt sei, daß er eben sich bemühte, mich zu töten, so steht dem
entgegen, daß ich, durch die Herausforderung, ihn in den Fall der Notwehr
versetzt habe. Dieses sich absichtlich gegenseitig in den Fall der Notwehr
versetzen, heißt im Grunde nur, einen plausibeln Vorwand für den Mord suchen. Eher ließe sich die Rechtfertigung durch den Grundsatz volenti non fit injuria
hören; sofern man durch gegenseitige Übereinkunft sein Leben auf dieses Spiel
gesetzt hat: aber dem steht entgegen, daß es mit dem volenti nicht seine
Richtigkeit hat; indem die Tyrannei des ritterlichen Ehrenprinzips und seines
absurden Kodex der Scherge ist, welcher beide, oder wenigstens einen der
beiden Kämpen vor dieses blutige Vehmgericht geschleppt hat.
Ich bin über die ritterliche Ehre weitläufig gewesen, aber in guter Absicht und
weil gegen die moralischen und intellektuellen Ungeheuer auf dieser Welt der
alleinige Herkules die Philosophie ist. Zwei Dinge sind es hauptsächlich, welche
den gesellschaftlichen Zustand der neuen Zeit von dem des Altertums, zum
Nachteil des ersteren unterscheiden, indem sie demselben einen ernsten,
finsteren, sinistern Anstrich gegeben haben, von welchem frei das Altertum
heiter und unbefangen, wie der Morgen des Lebens, dasteht. Sie sind: das
ritterliche Ehrenprinzip und die venerische Krankheit, – par nobile fratrum! Sie
zusammen haben νεικος και φιλια des Lebens vergiftet. Die venerische
Krankheit nämlich erstreckt ihren Einfluß viel weiter, als es auf den ersten Blick
scheinen möchte, indem derselbe keineswegs ein bloß physischer, sondern auch
ein moralischer ist. Seitdem Amors Köcher auch vergiftete Pfeile führt, ist in das
Verhältnis der Geschlechter zueinander ein fremdartiges, feindseliges, ja
teuflisches Element gekommen, infolge wovon ein finsteres und furchtsames
Mißtrauen es durchzieht, und der unmittelbare Einfluß einer solchen Änderung
in der Grundfeste aller menschlichen Gemeinschaft erstreckt sich, mehr oder
weniger, auch auf die übrigen geselligen Verhältnisse; welches
auseinanderzusetzen mich hier zu weit abführen würde. – Analog, wiewohl ganz
anderartig, ist der Einfluß des ritterlichen Ehrenprinzips, dieser ernsthaften
Posse, welche den Alten fremd war, hingegen die moderne Gesellschaft steif,
ernst und ängstlich macht, schon weil jede flüchtige Äußerung skrutinirt und
ruminirt wird. Aber mehr als dies! Jenes Prinzip ist ein allgemeiner Minotaur,
dem nicht, wie dem antiken, von einem, sondern von jedem Lande in Europa
alljährlich eine Anzahl Söhne edler Häuser zum Tribut gebracht werden muß.
Daher ist es an der Zeit, daß diesem Popanz einmal kühn zu Leibe gegangen
werde, wie hier geschehn. Möchten doch beide Monstra der neueren Zeit im 19.
Jahrhundert ihr Ende finden! Wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben, daß es
mit dem ersteren den Ärzten, mittelst der Prophylaktika, endlich doch noch
gelingen werde. Den P o p a n z aber abzutun ist Sache des Philosophen, mittelst
Berichtigung der Begriffe, da es den Regierungen, mittelst Handhabung der
Gesetze, bisher nicht hat gelingen wollen, zudem auch nur auf dem ersteren
Wege das Übel an der Wurzel angegriffen wird. Sollte es inzwischen den Regierungen mit der Abstellung des Duellwesens wirklich ernst sein und der
geringe Erfolg ihres Bestrebens wirklich nur an ihrem Unvermögen liegen, so
will ich ihnen ein Gesetz vorschlagen, für dessen Erfolg ich einstehe, und zwar
ohne blutige Operationen, ohne Schafott oder Galgen oder lebenswierige
Einsperrungen zu Hilfe zu nehmen. Vielmehr ist es ein kleines, ganz leichtes
homöopathisches Mittelchen: wer einen andern herausfordert oder sich stellt,
erhält, à la Chinoise, am hellen Tage, vor der Hauptwache, 12 Stockschläge vom
Korporal, die Kartellträger und Sekundanten jeder 6. Wegen der etwanigen
Folgen wirklich vollzogener Duelle bliebe das gewöhnliche kriminelle
Verfahren. Vielleicht würde ein ritterlich Gesinnter mir einwenden, daß nach
Vollstreckung solcher Strafe mancher »Mann von Ehre« imstande sein könnte,
sich totzuschießen; worauf ich antworte: es ist besser, daß so ein Narr sich selber
totschießt, als andere. – Im Grunde aber weiß ich sehr wohl, daß es den
Regierungen mit der Abstellung der Duelle nicht ernst ist. Die Gehalte der
Zivilbeamten, noch viel mehr aber die der Offiziere, stehen (von den höchsten
Stellen abgesehn) weit unter dem Wert ihrer Leistungen. Zur andern Hälfte
werden sie daher mit der Ehre bezahlt. Diese wird zunächst durch Titel und
Orden vertreten, im weiteren Sinne durch die Standesehre überhaupt. Für diese
Standesehre nun ist das Duell ein brauchbares Handpferd; daher es auch schon
auf den Universitäten seine Vorschule hat. Die Opfer desselben bezahlen
demnach mit ihrem Blut das Defizit der Gehalte. –
Der Vollständigkeit wegen sei hier noch die N a t i o n a l e h r e erwähnt. Sie ist
die Ehre eines ganzen Volkes als Teiles der Völkergemeinschaft. Da es in dieser
kein anderes Forum gibt, als das der Gewalt, und demnach jedes Mitglied
derselben seine Rechte selbst zu schützen hat; so besteht die Ehre einer Nation
nicht allein in der erworbenen Meinung, daß ihr zu trauen sei (Kredit), sondern
auch in der, daß sie zu fürchten sei: daher darf sie Eingriffe in ihre Rechte
niemals ungeahndet lassen. Sie vereinigt also den Ehrenpunkt der bürgerlichen
mit dem der ritterlichen Ehre. –
Zu dem, was einer v o r s t e l l t , d. h. in den Augen der Welt ist, war oben, in
letzter Stelle, der R u h m gezählt worden: diesen hätten wir also noch zu
betrachten. – Ruhm und Ehre sind Zwillingsgeschwister; jedoch so, wie die
Dioskuren, von denen Pollux unsterblich und Kastor sterblich war: der Ruhm ist
der unsterbliche Bruder der sterblichen Ehre. Freilich ist dies nur vom Ruhme
höchster Gattung, dem eigentlichen und echten Ruhme, zu verstehen: denn es
gibt allerdings auch mancherlei ephemeren Ruhm. – Die Ehre, nun ferner,
betrifft bloß solche Eigenschaften, welchen von jedem, der in denselben Verhältnissen steht, gefordert werden; der Ruhm bloß solche, die man von
niemandem fordern darf; die Ehre solche, die jeder sich öffentlich beilegen darf;
der Ruhm solche, die keiner sich selber beilegen darf. Während unsere Ehre so
weit reicht, wie die Kunde von uns; so eilt, umgekehrt, der Ruhm der Kunde von
uns voran und bringt diese so weit er selbst gelangt. Auf Ehre hat jeder
Anspruch; auf Ruhm nur die Ausnahmen: denn nur durch außerordentliche
Leistungen wird Ruhm erlangt. Diese nun wieder sind entweder Ta t e n oder
We r k e ; wonach zum Ruhme zwei Wege offen stehn. Zum Wege der Ta t e n
befähigt vorzüglich das große Herz; zu dem der We r k e der große Kopf. Jeder
der beiden Wege hat seine eigenen Vorteile und Nachteile. Der Hauptunterschied
ist, daß die Taten vorübergehn, die Werke bleiben. Die edelste Tat hat doch nur
einen zeitweiligen Einfluß; das geniale Werk hingegen lebt und wirkt, wohltätig
und erhebend, durch alle Zeiten. Von den Taten bleibt nur das Andenken,
welches immer schwächer, entstellter und gleichgültiger wird, allmählich sogar
erlöschen muß, wenn nicht die Geschichte es aufnimmt und es nun im
petrifizirtem Zustande der Nachwelt überliefert. Die Werke hingegen sind selbst
unsterblich und können, zumal die schriftlichen, alle Zeiten durchleben. Von
Alexander dem Großen lebt Name und Gedächtnis: aber Plato und Aristoteles,
Homer und Horaz sind noch selbst da, leben und wirken unmittelbar. Die Veden,
mit ihren Upanischaden, sind da: aber von allen den Taten, die zu ihrer Zeit
geschehen, ist gar keine Kunde auf uns gekommen[I]. – Ein anderer Nachteil der
Taten ist ihre Abhängigkeit von der Gelegenheit, als welche erst die Möglichkeit
dazu geben muß; woran sich knüpft, daß ihr Ruhm sich nicht allein nach ihrem
innern Werte richtet, sondern auch nach den Umständen, welche ihnen
Wichtigkeit und Glanz erteilen. Zudem ist er, wenn, wie im Kriege, die Taten
rein persönliche sind, von der Aussage weniger Augenzeugen abhängig: diese
sind nicht immer vorhanden und dann nicht immer gerecht und unbefangen.
Dagegen aber haben die Taten den Vorteil, daß sie, als etwas Praktisches, im
Bereich der allgemeinen menschlichen Urteilsfähigkeit liegen; daher ihnen,
wenn dieser nur die Data richtig überliefert sind, sofort Gerechtigkeit widerfährt;
es sei denn, daß ihre Motive erst später richtig erkannt oder gerecht abgeschätzt
werden: denn zum Verständnis einer jeden Handlung gehört Kenntnis des Motivs
derselben. Umgekehrt steht es mit den Werken: ihre Entstehung hängt nicht von
der Gelegenheit, sondern allein von ihrem Urheber ab, und was sie an und für
sich sind, bleiben sie, so lange sie bleiben. Bei ihnen liegt dagegen die
Schwierigkeit im Urteil, und sie ist um so größer, in je höherer Gattung sie sind:
oft fehlt es an kompetenten, oft an unbefangenen und redlichen Richtern.
Dagegen nun wieder wird ihr Ruhm nicht von e i n e r Instanz entschieden;
sondern es findet Appellation statt. Denn während, wie gesagt, von den Taten bloß das Andenken auf die Nachwelt kommt und zwar so, wie die Mitwelt es
überliefert; so kommen hingegen die Werke selbst dahin, und zwar, etwa
fehlende Bruchstücke abgerechnet, so, wie sie sind: hier gibt es also keine
Entstellung der Data, und auch der etwan nachteilige Einfluß der Umgebung, bei
ihrem Ursprunge, fällt später weg. Vielmehr bringt oft erst die Zeit, nach und
nach, die wenigen wirklich kompetenten Richter heran, welche, schon selbst
Ausnahmen, über noch größere Ausnahmen zu Gerichte sitzen: sie geben
sukzessiv ihre gewichtigen Stimmen ab, und so steht, bisweilen freilich erst nach
Jahrhunderten, ein vollkommen gerechtes Urteil da, welches keine Folgezeit
mehr umstößt. So sicher, ja, unausbleiblich ist der Ruhm der Werke. Hingegen
daß ihr Urheber ihn erlebe, hängt von äußeren Umständen und dem Zufall ab: es
ist um so seltener, je höherer und schwierigerer Gattung sie waren. Diesem
gemäß sagt Seneka (ep. 79.) unvergleichlich schön, daß dem Verdienste sein
Ruhm so unfehlbar folge, wie dem Körper sein Schatten, nur aber freilich, eben
wie auch dieser, bisweilen vor, bisweilen hinter ihm herschreite, und fügt,
nachdem er dies erläutert hat, hinzu: etiamsi omnibus tecum viventibus
s i l e n t i u m l i v o r i n d i x e r i t, venient qui sine offensa, sine gratia judicent;
woraus wir nebenbei ersehen, daß die Kunst des Unterdrückens der Verdienste
durch hämisches Schweigen und Ignoriren, um, zu Gunsten des Schlechten, das
Gute dem Publiko zu verbergen, schon bei den Lumpen des Seneka'schen
Zeitalters üblich war, so gut wie bei denen des unsrigen, und daß jenen, wie
diesen, d e r N e i d d i e L i p p e n z u d r ü c k t e. – In der Regel wird sogar der
Ruhm, je länger er zu dauern hat, desto später eintreten; wie ja alles Vorzügliche
langsam heranreift. Der Ruhm, welcher zum Nachruhm werden will, gleicht
einer Eiche, die aus ihrem Samen sehr langsam emporwächst; der leichte,
ephemere Ruhm den einjährigen, schnellwachsenden Pflanzen, und der falsche
Ruhm gar dem schnell hervorschießenden Unkraute, das schleunigst ausgerottet
wird. Dieser Hergang beruht eigentlich darauf, daß, je mehr einer der Nachwelt,
d. i. eigentlich der Menschheit überhaupt und im Ganzen, angehört, desto
fremder er seinem Zeitalter ist; weil, was er hervorbringt, nicht diesem speziell
gewidmet ist, also nicht demselben als solchem, sondern nur sofern es ein Teil
der Menschheit ist, angehört und daher auch nicht mit dessen Lokalfarbe tingirt
ist: infolge hievon aber kann es leicht kommen, daß dasselbe ihn fremd an sich
vorübergehn läßt. Es schätzt vielmehr die, welche den Angelegenheiten seines
kurzen Tages, oder der Laune des Augenblicks dienen und daher ganz i h m
angehören, mit ihm leben und mit ihm sterben. Demgemäß lehren Kunst- und
Literaturgeschichte durchgängig, daß die höchsten Leistungen des menschlichen
Geistes in der Regel mit Ungunst aufgenommen worden und darin so lange
geblieben sind, bis Geister höherer Art herankamen, die von ihnen angesprochen wurden und sie zu dem Ansehn brachten, in welchem sie nachher, durch die so
erlangte Autorität, sich erhalten haben. Dies alles nun aber beruht, im letzten
Grunde, darauf, daß jeder eigentlich nur das ihm Homogene verstehn und
schätzen kann. Nun aber ist dem Platten das Platte, dem Gemeinen das Gemeine,
dem Unklaren das Verworrene, dem Hirnlosen das Unsinnige homogen, und am
allerbesten gefallen jedem seine eigenen Werke, als welche ihm durchaus
homogen sind. Daher sang schon der alte fabelhafte Epicharmos:
Θαυμαστον ουδεν εστι, με ταυθ’ οὑτω λεγειν,
Και ἁνδανειν αυτοισιν αυτους, και δοκειν
Καλως πεφυκεναι: και γαρ ὁ κυων κυνι
Καλλιστον ειμεν φαινεται, και βους βοΐ,
Ονος δε ονῳ καλλιστον, ὑς δε ὑΐ.
welches ich, damit es keinem verloren gehe, verdeutschen will:
Kein Wunder ist es, daß ich red' in meinem Sinn,
Und jene, selbst sich selbst gefallend, stehn im Wahn,
Sie wären lobenswert: so scheint dem Hund der Hund
Das schönste Wesen, so dem Ochsen auch der Ochs,
Dem Esel auch der Esel, und dem Schwein das Schwein.
[I]Demnach ist es ein schlechtes Kompliment, wenn man, wie heutzutage Mode ist, Werke
dadurch zu ehren vermeint, daß man sie Taten titulirt. Denn Werke sind wesentlich
höherer Art. Eine Tat ist immer nur eine Handlung auf Motiv, mithin ein einzelnes, vorübergehendes, und ist ein dem allgemeinen und ursprünglichen Element der Welt, dem Willen, angehöriges. Ein großes oder schönes Werk hingegen ist ein bleibendes,
weil von allgemeiner Bedeutung, und ist der Intelligenz entsprossen, der schuldlosen, reinen, dieser Willenswelt wie ein Duft entsteigenden.
Ein Vorteil des Ruhmes der Taten ist, daß er in der Regel sogleich eintritt mit einer starken Explosion, oft so stark, daß sie in ganz Europa gehört wird; während der Ruhm der Werke langsam und allmählich eintritt, erst leise, dann immer lauter, und oft erst
nach hundert Jahren seine ganze Stärke erreicht: dann aber bleibt er, weil die Werke bleiben, bisweilen Jahrtausende hindurch. Jener andere hingegen wird, nachdem die erste Explosion vorüber ist, allmählich schwächer, wenigeren bekannt und immer
wenigeren, bis er zuletzt nur noch in der Historie ein gespensterhaftes Dasein führt.
Wie selbst der kräftigste Arm, wenn er einen leichten Körper fortschleudert,
ihm doch keine Bewegung erteilen kann, mit der er weit flöge und heftig träfe,
sondern derselbe schon in der Nähe matt niederfällt, weil es ihm an eigenem
materiellen Gehalte gefehlt hat, die fremde Kraft aufzunehmen, – ebenso ergeht
es schönen und großen Gedanken, ja den Meisterwerken des Genies, wenn, sie
aufzunehmen, keine andere, als kleine, schwache oder schiefe Köpfe da sind.
Dies zu bejammern haben die Stimmen der Weisen aller Zeiten sich zum Chorus vereint. Z. B. Jesus Sirach sagt, »wer mit einem Narren redet, der redet mit
einem Schlafenden. Wenn es aus ist, so spricht er: was ist's?« – Und Hamlet: a
knavish speech sleeps in a fool's ear (eine schalkhafte Rede schläft im Ohr eines
Narren). Und Goethe:
Das glücklichste Wort es wird verhöhnt,
Wenn der Hörer ein Schiefohr ist.
und wieder:
Du wirkest nicht, alles bleibt so stumpf,
Sei guter Dinge!
Der Stein im Sumpf
Macht keine Ringe.
Und Lichtenberg: »wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt
hohl; ist denn das allemal im Buche?« – und wieder: »Solche Werke sind
Spiegel, wenn ein Affe hineinguckt, kann kein Apostel heraussehn.« Ja, Vater
Gellert's gar schöne und rührende Klage darüber verdient wohl einmal wieder in
Erinnerung gebracht zu werden:
»Daß oft die allerbesten Gaben
Die wenigsten Bewundrer haben,
Und daß der größte Teil der Welt
Das Schlechte für das Gute hält;
Dies Übel sieht man alle Tage.
Jedoch, wie wehrt man dieser Pest?
Ich zweifle, daß sich diese Plage
Aus unsrer Welt verdrängen läßt.
Ein einzig Mittel ist auf Erden,
Allein es ist unendlich schwer:
Die Narren müssen weise werden;
Und seht! sie werdens nimmermehr.
Nie kennen sie den Wert der Dinge.
Ihr Auge schließt, nicht ihr Verstand:
Sie loben ewig das Geringe,
Weil sie das Gute nie gekannt.«
Zu dieser intellektuellen Unfähigkeit der Menschen, infolge welcher das
Vortreffliche, wie Goethe sagt, noch seltener erkannt und geschätzt, als gefunden
wird, gesellt sich nun, hier wie überall, auch noch die moralische Schlechtigkeit
derselben, und zwar als Neid auftretend. Durch den Ruhm nämlich, den einer
erwirbt, wird abermals einer mehr über alle seiner Art erhoben: diese werden
also um ebenso viel herabgesetzt, so daß jedes ausgezeichnete Verdienst seinen
Ruhm auf Kosten derer erlangt, die keines haben.
»Wenn wir andern Ehre geben,
Müssen wir uns selbst entadeln.«
G o e t h e . W. O . D i v a n .
Hieraus erklärt es sich, in daß, welcher Gattung auch immer das Vortreffliche
auftreten mag, sogleich die gesamte, so zahlreiche Mittelmäßigkeit verbündet
und verschworen ist, es nicht gelten zu lassen, ja, wo möglich, es zu ersticken.
Ihre heimliche Parole ist: à bas le mérite. Aber sogar auch die, welche selbst
Verdienste besitzen und bereits den Ruhm desselben erlangt haben, werden nicht
gern das Auftreten eines neuen Ruhmes sehn, durch dessen Glanz der des
ihrigen um so viel weniger leuchtet. Daher sagt selbst Goethe:
»Hätt' ich gezaudert zu werden,
Bis man mir's Leben gegönnt,
Ich wäre noch nicht auf Erden,
Wie ihr begreifen könnt,
Wenn ihr seht, wie sie sich geberden,
Die, um etwas zu scheinen,
Mich gerne möchten verneinen.«
Während also die E h r e , in der Regel, gerechte Richter findet und kein Neid
sie anficht, ja sogar sie jedem zum voraus, auf Kredit, verliehen wird, muß der
R u h m , dem Neid zum Trotz, erkämpft werden, und den Lorbeer teilt ein
Tribunal entschieden ungünstiger Richter aus. Denn die Ehre können und wollen
wir mit jedem teilen: der Ruhm wird geschmälert oder erschwert, durch jeden,
der ihn erlangt. – Nun ferner steht die Schwierigkeit der Erlangung des Ruhmes
durch Werke im umgekehrten Verhältnis der Menschenzahl, die das Publikum
solcher Werke ausmacht; aus leicht abzusehenden Gründen. Daher ist sie viel
größer bei Werken, welche Belehrung, als bei solchen, welche Unterhaltung
verheißen. Am größten ist sie bei philosophischen Werken; weil die Belehrung,
welche diese versprechen, einerseits ungewiß, und andrerseits ohne materiellen
Nutzen ist; wonach denn solche zunächst vor einem Publiko auftreten, das aus
lauter Mitbewerbern besteht. – Aus den dargelegten Schwierigkeiten, die der
Erlangung des Ruhmes entgegenstehn, erhellt, daß, wenn die, welche
ruhmwürdige Werke vollenden, es nicht aus Liebe zu diesen selbst und eigener
Freude daran täten, sondern der Aufmunterung durch den Ruhm bedürften, die
Menschheit wenige, oder keine, unsterbliche Werke erhalten haben würde. Ja,
sogar muß, wer das Gute und Rechte hervorbringen und das Schlechte
vermeiden soll, dem Urteile der Menge und ihrer Wortführer Trotz bieten, mithin
sie verachten. Hierauf beruht die Richtigkeit der Bemerkung, die besonders
O s o r i u s (de gloria) hervorhebt, daß der Ruhm vor denen flieht, die ihn
suchen, und denen folgt, die ihn vernachlässigen: denn jene bequemen sich dem
Geschmacke ihrer Zeitgenossen an, diese trotzen ihm.
So schwer es demnach ist, den Ruhm zu erlangen, so leicht ist es, ihn zu
behalten. Auch hierin steht er im Gegensatz mit der Ehre. Diese wird jedem,
sogar auf Kredit, verliehen: er hat sie nur zu bewahren. Hier aber liegt die
Aufgabe: denn durch eine einzige, nichtswürdige Handlung geht sie
unwiederbringlich verloren. Der Ruhm hingegen kann eigentlich nie verloren gehn: denn die Tat, oder das Werk, durch die er erlangt worden, stehen für
immer fest, und der Ruhm derselben bleibt ihrem Urheber, auch wenn er keinen
neuen hinzufügt. Wenn jedoch der Ruhm wirklich verklingt, wenn er überlebt
wird; so war er unecht, d. h. unverdient, durch augenblickliche Überschätzung
entstanden, wo nicht gar so ein Ruhm wie Hegel ihn hatte und Lichtenberg ihn
beschreibt, »ausposaunt von einer freundschaftlichen Kandidatenjunta und vom
Echo leerer Köpfe widergehallt; – – aber die Nachwelt, wie wird sie lächeln,
wann sie dereinst an die bunten Wörtergehäuse, die schönen Nester
ausgeflogener Mode und die Wohnungen weggestorbener Verabredungen
anklopfen und alles, alles leer finden wird, auch nicht den kleinsten Gedanken,
der mit Zuversicht sagen könnte: h e r e i n !« –
Der Ruhm beruht eigentlich auf dem, was einer im Vergleich mit den Übrigen
ist. Demnach ist er wesentlich ein Relatives, kann daher auch nur relativen Wert
haben. Er fiele ganz weg, wenn die Übrigen würden was der Gerühmte ist.
Absoluten Wert kann nur das haben, was ihn unter allen Umständen behält, also
hier, was einer unmittelbar und für sich selbst ist: folglich muß hierin der Wert
und das Glück des großen Herzens und des großen Kopfes liegen. Also nicht der
Ruhm, sondern das, wodurch man ihn verdient, ist das Wertvolle. Denn es ist
gleichsam die Substanz und der Ruhm nur das Akzidenz der Sache: ja dieser
wirkt auf den Gerühmten hauptsächlich als ein äußerliches Symptom, durch
welches er die Bestätigung seiner eigenen hohen Meinung von sich selbst erhält;
demnach man sagen könnte, daß, wie das Licht gar nicht sichtbar ist, wenn es
nicht von einem Körper zurückgeworfen wird; ebenso jede Trefflichkeit erst
durch den Ruhm ihrer selbst recht gewiß wird. Allein er ist nicht einmal ein
untrügliches Symptom; da es auch Ruhm ohne Verdienst und Verdienst ohne
Ruhm gibt; weshalb ein Ausdruck Lessings so artig herauskommt: »einige Leute
sind berühmt, und andere verdienen es zu sein.« Auch wäre es eine elende
Existenz, deren Wert oder Unwert darauf beruhte, wie sie in den Augen anderer
erschiene: eine solche aber wäre das Leben des Helden und des Genies, wenn
dessen Wert im Ruhme, d. h. im Beifall anderer, bestände. Vielmehr lebt und
existiert ja jegliches Wesen seiner selbst wegen, daher auch zunächst in sich und
für sich. – Was einer ist, in welcher Art und Weise es auch sei, das ist er
zuvörderst und hauptsächlich für sich selbst: und wenn es hier nicht viel wert ist,
so ist es überhaupt nicht viel. Hingegen ist das Abbild seines Wesens in den
Köpfen anderer ein Sekundäres, Abgeleitetes und dem Zufall Unterworfenes,
welches nur sehr mittelbar sich auf das erstere zurückbezieht. Zudem sind die
Köpfe der Menge ein zu elender Schauplatz, als daß auf ihm das wahre Glück
seinen Ort haben könnte. Vielmehr ist daselbst nur ein chimärisches Glück zu finden. Welche gemischte Gesellschaft trifft doch in jenem Tempel des
allgemeinen Ruhms zusammen! Feldherren, Minister, Quacksalber, Gaukler,
Tänzer, Sänger, Millionäre und Juden: ja die Vorzüge aller dieser werden dort
viel aufrichtiger geschätzt, finden viel mehr estime sentie, als die geistigen,
zumal der hohen Art, die ja bei der großen Mehrzahl nur eine estime sur parole
erlangen. In eudämonologischer Hinsicht ist also der Ruhm nichts weiter, als der
seltenste und köstlichste Bissen für unsern Stolz und unsere Eitelkeit. Diese aber
sind in den meisten Menschen, obwohl sie es verbergen, übermäßig vorhanden,
vielleicht sogar am stärkesten in denen, die irgendwie geeignet sind, sich Ruhm
zu erwerben und daher meistens das unsichere Bewußtsein ihres überwiegenden
Wertes lange in sich herumtragen müssen, ehe die Gelegenheit kommt, solchen
zu erproben und dann die Anerkennung desselben zu erfahren: bis dahin war
ihnen zu Mute, als erlitten sie ein heimliches Unrecht [J]. Überhaupt aber ist ja,
wie am Anfange dieses Kapitels erörtert worden, der Wert, den der Mensch auf
die Meinung anderer von ihm legt, ganz unverhältnismäßig und unvernünftig; so
daß H o b b e s die Sache zwar sehr stark, aber vielleicht doch richtig
ausgedrückt hat in den Worten: omnis animi voluptas, omnisque alacritas in eo
sita est, quod quis habeat quibuscum conferens se, possit magnifice sentire de se
ipso (de cive. I, 5). Hieraus ist der hohe Wert erklärlich, den man allgemein auf
den Ruhm legt, und die Opfer, welche man bringt, in der bloßen Hoffnung, ihn
dereinst zu erlangen:
Fame is the spur, that the clear spirit doth raise
(That last infirmity of noble minds)
To scorn delights and live laborious days.
wie auch:
how hard it is to climb
The hights where Fame's proud temple shines afar.
[J] Da unser größtes Vergnügen darin besteht, b e w u n d e r t zu werden, die Bewunderer
aber, selbst wo alle Ursache wäre, sich ungern dazu herbeilassen; so ist er der
Glücklichste Der, welcher, gleichviel wie, es dahin gebracht hat, sich selbst aufrichtig zu bewundern. Nur müssen die andern ihn nicht irre machen.
Hieraus endlich erklärt es sich auch, daß die eitelste aller Nationen beständig la
gloire im Munde führt und solche unbedenklich als die Haupttriebfeder zu
großen Taten und großen Werken ansieht. – Allein, da unstreitig der Ruhm nur
das Sekundäre ist, das bloße Echo, Abbild, Schatten, Symptom des Verdienstes,
und da jedenfalls das Bewunderte mehr Wert haben muß als die Bewunderung,
so kann das eigentlich Beglückende nicht im Ruhme liegen, sondern in dem,
wodurch man ihn erlangt, also im Verdienste selbst, oder, genauer zu reden, in
der Gesinnung und den Fähigkeiten, aus denen es hervorging, es mag nun
moralischer oder intellektueller Art sein. Denn das Beste, was jeder ist, muß er
notwendig für sich selbst sein: was davon in den Köpfen anderer sich abspiegelt
und er in ihrer Meinung gilt, ist Nebensache und kann nur von untergeordnetem
Interesse für ihn sein. Wer demnach nur den Ruhm v e r d i e n t , auch ohne ihn
zu erhalten, besitzt bei weitem die Hauptsache, und was er entbehrt, ist etwas,
darüber er sich mit derselben trösten kann. Denn nicht daß einer von der
urteilslosen, so oft betörten Menge für einen großen Mann gehalten werde,
sondern daß er es sei, macht ihn beneidenswert; auch nicht, daß die Nachwelt
von ihm erfahre, sondern daß in ihm sich Gedanken erzeugen, welche verdienen,
Jahrhunderte hindurch aufbewahrt und nachgedacht zu werden, ist ein hohes
Glück. Zudem kann dieses ihm nicht entrissen werden: es ist των εφ’ ἡμιν, jenes
andere των ουκ εφ’ ἡμιν. Wäre hingegen die Bewunderung selbst die
Hauptsache; so wäre das Bewunderte ihrer nicht wert. Dies ist wirklich der Fall
beim falschen, d. i. unverdienten Ruhm. An diesem muß sein Besitzer zehren,
ohne das, wovon derselbe das Symptom, der bloße Abglanz, sein soll, wirklich
zu haben. Aber sogar dieser Ruhm selbst muß ihm oft verleidet werden, wann
bisweilen, trotz aller, aus der Eigenliebe entspringenden Selbsttäuschung, ihm
auf der Höhe, für die er nicht geeignet ist, doch schwindelt, oder ihm zu Mute
wird, als wäre er ein kupferner Dukaten; wo dann die Angst vor Enthüllung und
verdienter Demütigung ihn ergreift, zumal wann er auf den Stirnen der Weiseren
schon das Urteil der Nachwelt liest. Er gleicht sonach dem Besitzer durch ein
falsches Testament. – Den echtesten Ruhm, den Nachruhm, vernimmt sein
Gegenstand ja nie, und doch schätzt man ihn glücklich. Also bestand sein Glück
in den großen Eigenschaften selbst, die ihm den Ruhm erwarben, und darin, daß
er Gelegenheit fand, sie zu entwickeln, also daß ihm vergönnt wurde, zu
handeln, wie es ihm angemessen war, oder zu treiben, was er mit Lust und Liebe
trieb: denn nur die aus dieser entsprungenen Werke erlangen Nachruhm. Sein
Glück bestand also in seinem großen Herzen, oder auch im Reichtum eines
Geistes, dessen Abdruck, in seinen Werken, die Bewunderung kommender Jahrhunderte erhält; es bestand in den Gedanken selbst, welchen nachzudenken,
die Beschäftigung und der Genuß der edelsten Geister einer unabsehbaren
Zukunft ward. Der Wert des Nachruhms liegt also im Verdienen desselben, und
dieses ist sein eigener Lohn. Ob nun die Werke, welche ihn erwarben,
unterweilen auch den Ruhm der Zeitgenossen hatten, hing von zufälligen
Umständen ab und war nicht von großer Bedeutung. Denn da die Menschen in
der Regel ohne eigenes Urteil sind und zumal hohe und schwierige Leistungen
abzuschätzen durchaus keine Fähigkeit haben; so folgen sie hier stets fremder
Autorität, und der Ruhm, in hoher Gattung, beruht bei 99 unter 100 Rühmern,
bloß auf Treu und Glauben. Daher kann auch der vielstimmigste Beifall der
Zeitgenossen für denkende Köpfe nur wenig Wert haben, indem sie in ihm stets
nur das Echo weniger Stimmen hören, die zudem selbst nur sind, wie der Tag sie
gebracht hat. Würde wohl ein Virtuose sich geschmeichelt fühlen durch das laute
Beifallsklatschen seines Publikums, wenn ihm bekannt wäre, daß es, bis auf
einen oder zwei, aus lauter völlig Tauben bestände, die, um einander gegenseitig
ihr Gebrechen zu verbergen, eifrig klatschen, sobald sie die Hände jenes Einen
in Bewegung sähen? Und nun gar, wenn die Kenntnis hinzukäme, daß jene
Vorklatscher sich oft bestechen ließen, um dem elendesten Geiger den lautesten
Applaus zu verschaffen! – Hieraus ist erklärlich, warum der Ruhm der
Zeitgenossen so selten die Metamorphose in Nachruhm erlebt; weshalb
d ' A l e m b e r t , in seiner überaus schönen Beschreibung des Tempels des
literarischen Ruhmes, sagt: »das Innere des Tempels ist von lauter Toten
bewohnt, die während ihres Lebens nicht darin waren, und von einigen
Lebenden, welche fast alle, wann sie sterben, hinausgeworfen werden.« Und
beiläufig sei es hier bemerkt, daß einem bei Lebzeiten ein Monument setzen die
Erklärung ablegen heißt, daß hinsichtlich seiner der Nachwelt nicht zu trauen
sei. – Wenn dennoch einer den Ruhm, welcher zum Nachruhm werden soll,
erlebt, so wird es selten früher als im Alter geschehn: allenfalls gibt es bei
Künstlern und Dichtern Ausnahmen von dieser Regel, am wenigsten bei
Philosophen. Eine Bestätigung derselben geben die Bildnisse der durch ihre
Werke berühmten Männer, da dieselben meistens erst nach dem Eintritt ihrer
Zelebrität angefertigt wurden: in der Regel sind sie alt und grau dargestellt,
namentlich die Philosophen. Inzwischen steht, eudämonologisch genommen, die
Sache ganz recht. Ruhm und Jugend auf einmal ist zu viel für einen Sterblichen.
Unser Leben ist so arm, daß seine Güter haushälterischer verteilt werden
müssen. Die Jugend hat vollauf genug an ihrem eigenen Reichtum und kann sich
daran genügen lassen. Aber im Alter, wann alle Genüsse und Freuden, wie die
Bäume im Winter, abgestorben sind, dann schlägt am gelegensten der Baum des
Ruhmes aus, als ein ächtes Wintergrün: auch kann man ihn den Winterbirnen vergleichen, die im Sommer wachsen, aber im Winter genossen werden. Im
Alter gibt es keinen schönern Trost, als daß man die ganze Kraft seiner Jugend
We r k e n einverleibt hat, die nicht m i t altern.
Wollen wir jetzt noch etwas näher die Wege betrachten, auf welchen man, in
den Wissenschaften, als dem uns zunächst liegenden, Ruhm erlangt; so läßt sich
hier folgende Regel aufstellen. Die durch solchen Ruhm bezeichnete
intellektuelle Überlegenheit wird allemal an den Tag gelegt durch eine neue
Kombination irgendwelcher Data. Diese nun können sehr verschiedener Art
sein; jedoch wird der durch ihre Kombination zu erlangende Ruhm um so größer
und ausgebreiteter sein, je mehr sie selbst allgemein bekannt und jedem
zugänglich sind. Bestehn z. B. die Data in einigen Zahlen oder Kurven, oder
auch in irgend einer speziellen physikalischen, zoologischen, botanischen oder
anatomischen Tatsache, oder auch in einigen verdorbenen Stellen alter Autoren,
oder in halbverlöschten Inschriften, oder in solchen, deren Alphabet uns fehlt,
oder in dunkeln Punkten der Geschichte; so wird der durch die richtige
Kombination derselben zu erlangende Ruhm sich nicht viel weiter erstrecken, als
die Kenntnis der Data selbst, also auf eine kleine Anzahl meistens
zurückgezogen lebender und auf den Ruhm in ihrem Fache neidischer Leute. –
Sind hingegen die Data solche, welche das ganze Menschengeschlecht kennt,
sind es z. B. wesentliche, allen gemeinsame Eigenschaften des menschlichen
Verstandes, oder Gemütes, oder Naturkräfte, deren ganze Wirkungsart wir
beständig vor Augen haben, oder der allbekannte Lauf der Natur überhaupt; so
wird der Ruhm, durch eine neue, wichtige und evidente Kombination Licht über
sie verbreitet zu haben, sich mit der Zeit fast über die ganze zivilisirte Welt
erstrecken. Denn, sind die Data jedem zugänglich, so wird ihre Kombination es
meistens auch sein. – Dennoch wird hiebei der Ruhm allemal nur der
überwundenen Schwierigkeit entsprechen. Denn, je allbekannter die Data sind,
desto schwerer ist es, sie auf eine neue und doch richtige Weise zu kombiniren;
da schon eine überaus große Anzahl von Köpfen sich an ihnen versucht und die
unmöglichen Kombinationen derselben erschöpft hat. Hingegen werden Data,
welche, dem großen Publiko unzugänglich, nur auf mühsamen und schwierigen
Wegen erreichbar sind, fast immer noch neue Kombinationen zulassen: wenn
man daher an solche nur mit geradem Verstande und gesunder Urteilskraft, also
einer mäßigen geistigen Überlegenheit, kommt; so ist es leicht möglich, daß man
eine neue und richtige Kombination derselben zu machen das Glück habe. Allein
der hiedurch erworbene Ruhm wird ungefähr dieselben Grenzen haben, wie die
Kenntnis der Data. Denn zwar erfordert die Lösung von Problemen solcher Art
großes Studium und Arbeit, schon um nur die Kenntnis der Data zu erlangen; während in jener andern Art, in welcher eben der größte und ausgebreiteteste
Ruhm zu erwerben ist, die Data unentgeltlich gegeben sind: allein in dem Maße,
wie diese letztere Art weniger Arbeit erfordert, gehört mehr Talent ja Genie
dazu, und mit diesen hält, hinsichtlich des Wertes und der Wertschätzung, keine
Arbeit oder Studium den Vergleich aus.
Hieraus nun ergibt sich, daß die, welche einen tüchtigen Verstand und ein
richtiges Urteil in sich spüren, ohne jedoch die höchsten Geistesgaben sich
zuzutrauen, viel Studium und ermüdende Arbeit nicht scheuen dürfen, um
mittelst dieser sich aus dem großen Haufen der Menschen, welchen die
allbekannten Data vorliegen, herauszuarbeiten und zu den entlegeneren Orten zu
gelangen, welche nur dem gelehrten Fleiße zugänglich sind. Denn hier, wo die
Zahl der Mitbewerber unendlich verringert ist, wird auch der nur einigermaßen
überlegene Kopf bald zu einer neuen und richtigen Kombination der Data
Gelegenheit finden: sogar wird das Verdienst seiner Entdeckung sich mit auf die
Schwierigkeit, zu den Datis zu gelangen, stützen. Aber der also erworbene
Applaus seiner Wissensgenossen, als welche die alleinigen Kenner in diesem
Fache sind, wird von der großen Menge der Menschen nur von Weitem
vernommen werden. – Will man nun den hier angedeuteten Weg bis zum Extrem
verfolgen; so läßt sich der Punkt nachweisen, wo die Data, wegen der großen
Schwierigkeit ihrer Erlangung, für sich allein und ohne daß eine Kombination
derselben erfordert wäre, den Ruhm zu begründen hinreichen. Dies leisten
Reisen in sehr entlegene und wenig besuchte Länder: man wird berühmt durch
das, was man gesehen, nicht durch das, was man gedacht hat. Dieser Weg hat
auch noch einen großen Vorteil darin, daß es viel leichter ist, was man gesehn,
als was man gedacht hat, andern mitzuteilen und es mit dem Verständnis sich
ebenso verhält: demgemäß wird man für das Erstere auch viel mehr Leser finden
als für das andere. Denn, wie schon Asmus sagt:
»Wenn jemand eine Reise tut,
So kann er was erzählen.«
Diesem allen entspricht es aber auch, daß, bei der persönlichen Bekanntschaft
berühmter Leute dieser Art einem oft die Horazische Bemerkung einfällt:
Coelum, non animum, mutant, qui trans mare currunt.
(Epist. I, 11, v. 27.)
Was aber nun andrerseits den mit hohen Fähigkeiten ausgestatteten Kopf
betrifft, als welcher allein sich an die Lösung der großen, das Allgemeine und
Ganze betreffenden und daher schwierigsten Probleme wagen darf; so wird
dieser zwar wohl daran tun, seinen Horizont möglichst auszudehnen, jedoch
immer gleichmäßig, nach allen Seiten, und ohne je sich zu weit in irgend eine
der besonderen und nur Wenigen bekannten Regionen zu verlieren, d. h. ohne
auf die Spezialitäten irgend einer einzelnen Wissenschaft weit einzugehen,
geschweige sich mit den Mikrologien zu befassen. Denn er hat nicht nötig, sich
an die schwer zugänglichen Gegenstände zu machen, um dem Gedränge der
Mitbewerber zu entgehn; sondern eben das allen Vorliegende wird ihm Stoff zu
neuen, wichtigen und wahren Kombinationen geben. Dem nun aber gemäß wird
sein Verdienst von allen denen geschätzt werden können, welchen die Data
bekannt sind, also von einem großen Teile des menschlichen Geschlechts.
Hierauf gründet sich der mächtige Unterschied zwischen dem Ruhm, den
Dichter und Philosophen erlangen, und dem, welcher Physikern, Chemikern,
Anatomen, Mineralogen, Zoologen, Philologen, Historikern usw. erreichbar ist.