Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes
Mozart auf der Reise nach Prag.
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
unterhalten. Nach kurzer Zeit sah er Eugenien mit ihrem Verlobten: ein
blühendes, höchst anmutiges, inniges Wesen. Sie war blond, ihre schlanke
Gestalt in karmoisinrote, leuchtende Seide mit kostbaren Spitzen festlich
gekleidet, um ihre Stirn ein weißes Band mit edlen Perlen. Der Baron, nur wenig älter als sie, von sanftem, offenem Charakter, schien ihrer wert in jeder
Rücksicht.
Den ersten Aufwand des Gesprächs bestritt, fast nur zu freigebig, der gute,
launige Hausherr vermöge seiner etwas lauten, mit Späßen und Histörchen
sattsam gespickten Unterhaltungsweise. Es wurden Erfrischungen gereicht, die
unser Reisender im mindesten nicht schonte.
Eines hatte den Flügel geöffnet, Figaros Hochzeit lag aufgeschlagen, und das
Fräulein schickte sich an, von dem Baron akkompagniert, die Arie Susannas in
jener Gartenszene zu singen, wo wir den Geist der süßen Leidenschaft
stromweise, wie die gewürzte sommerliche Abendluft, einatmen. Die feine Röte
auf Eugeniens Wangen wich zwei Atemzüge lang der äußersten Blässe; doch mit
dem ersten Ton, der klangvoll über ihre Lippen kam, fiel ihr jede beklemmende
Fessel vom Busen. Sie hielt sich lächelnd, sicher auf der hohen Woge, und das
Gefühl dieses Moments, des einzigen in seiner Art vielleicht für alle Tage ihres
Lebens, begeisterte sie billig.
Mozart war offenbar überrascht. Als sie geendigt hatte, trat er zu ihr und fing
mit seinem ungezierten Herzensausdruck an: »Was soll man sagen, liebes Kind,
hier, wo es ist wie mit der lieben Sonne, die sich am besten selber lobt, indem es
gleich jedermann wohl in ihr wird! Bei solchem Gesang ist der Seele zu Mut wie
dem Kindchen im Bad: es lacht und wundert sich und weiß sich in der Welt
nichts Besseres. Übrigens glauben Sie mir! unsereinem in Wien begegnet es
nicht jeden Tag, daß er so lauter, ungeschminkt und warm, ja so komplett sich
selber zu hören bekommt.« – Damit erfaßte er ihre Hand und küßte sie herzlich.
Des Mannes hohe Liebenswürdigkeit und Güte nicht minder als das ehrenvolle
Zeugnis, wodurch er ihr Talent auszeichnete, ergriff Eugenien mit jener
unwiderstehlichen Rührung, die einem leichten Schwindel gleicht, und ihre
Augen wollten sich plötzlich mit Tränen anfüllen.
Hier trat Madame Mozart zur Türe herein, und gleich darauf erschienen neue
Gäste, die man erwartet hatte: eine dem Haus sehr eng verwandte freiherrliche
Familie aus der Nähe mit einer Tochter, Franziska, die seit den Kinderjahren mit
der Braut durch die zärtlichste Freundschaft verbunden und hier wie daheim war.
Man hatte sich allerseits begrüßt, umarmt, beglückwünscht, die beiden Wiener
Gäste vorgestellt, und Mozart setzte sich an den Flügel. Er spielte einen Teil
eines Konzerts von seiner Komposition, welches Eugenie soeben einstudierte.
Die Wirkung eines solchen Vortrags in einem kleinen Kreis, wie der
gegenwärtige, unterscheidet sich natürlicherweise von jedem ähnlichen an einem öffentlichen Orte durch die unendliche Befriedigung, die in der unmittelbaren
Berührung mit der Person des Künstlers und seinem Genius innerhalb der
häuslichen bekannten Wände liegt.
Es war eines jener glänzenden Stücke, worin die reine Schönheit sich einmal,
wie aus Laune, freiwillig in den Dienst der Eleganz begibt, so aber, daß sie,
gleichsam nur verhüllt in diese mehr willkürlich spielenden Formen und hinter
eine Menge blendender Lichter versteckt, doch in jeder Bewegung ihren
eigensten Adel verrät und ein herrliches Pathos verschwenderisch ausgießt.
Die Gräfin machte für sich die Bemerkung, daß die meisten Zuhörer,
vielleicht Eugenie selbst nicht ausgenommen, trotz der gespanntesten
Aufmerksamkeit und aller feierlichen Stille während eines bezaubernden Spiels
doch zwischen Auge und Ohr gar sehr geteilt waren. In unwillkürlicher
Beobachtung des Komponisten, seiner schlichten, beinahe steifen
Körperhaltung, seines gutmütigen Gesichts, der rundlichen Bewegung dieser
kleinen Hände war es gewiß auch nicht leicht möglich, dem Zudrang
tausendfacher Kreuz- und Quergedanken über den Wundermann zu widerstehen.
Zu Madame Mozart gewendet, sagte der Graf, nachdem der Meister
aufgestanden war: »Einem berühmten Künstler gegenüber, wenn es ein
Kennerlob zu spitzen gilt, das halt nicht eines jeden Sache ist, wie haben es die
Könige und die Kaiser gut! Es nimmt sich eben alles einzig und außerordentlich
in einem solchen Munde aus. Was dürfen sie sich nicht erlauben! und wie
bequem ist es z. B., dicht hinterm Stuhl Ihres Herrn Gemahls, beim
Schlußakkord einer brillanten Phantasie dem bescheidenen klassischen Mann auf
die Schulter zu klopfen und zu sagen: ›Sie sind ein Tausendsasa, lieber Mozart!‹
Kaum ist das Wort heraus, so geht's wie ein Lauffeuer durch den Saal: ›Was hat
er ihm gesagt?‹ – ›Er sei ein Tausendsasa, hat er zu ihm gesagt.‹ Und alles, was
da geigt und fistuliert und komponiert, ist außer sich von diesem einen Wort;
kurzum, es ist der große Stil, der familiäre Kaiserstil, der unnachahmliche, um
welchen ich die Josephs und die Friedrichs von je beneidet habe, und das nie
mehr als eben jetzt, wo ich ganz in Verzweiflung bin, von anderweitiger
geistreicher Münze zufällig keinen Deut in allen meinen Taschen anzutreffen.«
Die Art, wie der Schäker dergleichen vorbrachte, bestach immerhin und rief
unausbleiblich ein Lachen hervor.
Nun aber, auf die Einladung der Hausfrau, verfügte die Gesellschaft sich nach
dem geschmückten Speisesalon, aus welchem den Eintretenden ein festlicher
Blumengeruch und eine kühlere, dem Appetit willkommene Luft entgegenwehte.
Man nahm die schicklich ausgeteilten Plätze ein, und zwar der distinguierte
Gast den seinigen dem Brautpaar gegenüber. Von einer Seite hatte er eine kleine
ältliche Dame, eine unverheiratete Tante Franziskas, von der andern die junge
reizende Nichte selbst zur Nebensitzerin, die sich durch Geist und Munterkeit
ihm bald besonders zu empfehlen wußte. Frau Konstanze kam zwischen den
Hauswirt und ihren freundlichen Geleitsmann, den Leutnant; die übrigen reihten
sich ein, und so saß man zu elfen nach Möglichkeit bunt an der Tafel, deren
unteres Ende leer blieb. Auf ihr erhoben sich mitten zwei mächtige große
Porzellanaufsätze mit gemalten Figuren, breite Schalen, gehäuft voll natürlicher
Früchte und Blumen, über sich haltend. An den Wänden des Saals hingen reiche
Festons. Was sonst da war oder nach und nach folgte, schien einen ausgedehnten
Schmaus zu verkünden. Teils auf der Tafel zwischen Schüsseln und Platten, teils
vom Serviertisch herüber im Hintergrund blinkte verschiedenes edle Getränk
vom schwärzesten Rot bis hinauf zu dem gelblichen Weiß, dessen lustiger
Schaum herkömmlich erst die zweite Hälfte eines Festes krönt.
Bis gegen diesen Zeitpunkt hin bewegte sich die Unterhaltung, von mehreren
Seiten gleich lebhaft genährt, in allen Richtungen. Weil aber der Graf gleich
anfangs einigemal von weitem und jetzt nur immer näher und mutwilliger auf
Mozarts Gartenabenteuer anspielte, so daß die einen heimlich lächelten, die
andern sich umsonst den Kopf zerbrachen, was er denn meine, so ging unser
Freund mit der Sprache heraus.
»Ich will in Gottes Namen beichten,« fing er an, »auf was für Art mir
eigentlich die Ehre der Bekanntschaft mit diesem edlen Haus geworden ist. Ich
spiele dabei nicht die würdigste Rolle, und um ein Haar, so säß' ich jetzt, statt
hier vergnügt zu tafeln, in einem abgelegenen Arrestantenwinkel des gräflichen
Schlosses und könnte mir mit leerem Magen die Spinneweben an der Wand
herum betrachten.«
»Nun ja,« rief Madame Mozart, »da werd' ich schöne Dinge hören!«
Ausführlich nun beschrieb er erst, wie er im Weißen Roß seine Frau
zurückgelassen, die Promenade in den Park, den Unstern in der Laube, den
Handel mit der Gartenpolizei: kurz, ungefähr was wir schon wissen, gab er alles
mit größter Treuherzigkeit und zum höchsten Ergötzen der Zuhörer preis. Das
Lachen wollte fast kein Ende nehmen; selbst die gemäßigte Eugenie enthielt sich
nicht, es schüttelte sie ordentlich.
»Nun,« fuhr er fort, »das Sprichwort sagt: Hat einer den Nutzen, dem Spott
mag er trutzen! Ich hab' meinen kleinen Profit von der Sache; Sie werden schon
sehen. Vor allem aber hören Sie, wie's eigentlich geschah, daß sich ein alter Kindskopf so vergessen konnte. Eine Jugenderinnerung war mit im Spiele.
Im Frühling 1770 reiste ich als dreizehnjähriges Bürschchen mit meinem
Vater nach Italien. Wir gingen von Rom nach Neapel. Ich hatte zweimal im
Konservatorium und sonst zu verschiedenen Malen gespielt. Adel und
Geistlichkeit erzeugten uns manches Angenehme, vornehmlich attachierte sich
ein Abbate an uns, der sich als Kenner schmeichelte und übrigens am Hofe
etwas galt. Den Tag vor unserer Abreise führte er uns in Begleitung einiger
anderer Herren in einen königlichen Garten, die Villa reale, bei einer
prachtvollen Straße geradhin am Meer gelegen, wo eine Bande sizilianischer
commedianti sich produzierte – figlj di Nettuno, wie sie sich neben anderen
schönen Titeln auch nannten. Mit vielen vornehmen Zuschauern, worunter selbst
die junge liebenswürdige Königin Karolina samt zwei Prinzessen, saßen wir auf
einer langen Reihe von Bänken im Schatten einer zeltartig bedeckten niedern
Galerie, an deren Mauer unten die Wellen plätscherten. Das Meer mit seiner
vielfarbigen Streifung strahlte den blauen Sonnenhimmel herrlich wider. Gerade
vor sich hat man den Vesuv, links schimmert, sanft geschwungen, eine reizende
Küste herein.
Die erste Abteilung der Spiele war vorüber; sie wurde auf dem trockenen
Bretterboden einer Art von Flöße ausgeführt, die auf dem Wasser stand, und
hatte nichts Besonderes; der zweite aber und der schönste Teil bestand aus lauter
Schiffer-, Schwimm- und Taucherstücken und blieb mir stets mit allen
Einzelheiten frisch im Gedächtnis eingeprägt.
Von entgegengesetzten Seiten her näherten sich einander zwei zierliche, sehr
leicht gebaute Barken, beide, wie es schien, auf einer Lustfahrt begriffen. Die
eine, etwas größere, war mit einem Halbverdeck versehen und nebst den
Ruderbänken mit einem dünnen Mast und einem Segel ausgerüstet, auch
prächtig bemalt, der Schnabel vergoldet. Fünf Jünglinge von idealischem
Aussehen, kaum bekleidet, Arme, Brust und Beine dem Anschein nach nackt,
waren teils an dem Ruder beschäftigt, teils ergötzten sie sich mit einer gleichen
Anzahl artiger Mädchen, ihren Geliebten. Eine darunter, welche mitten auf dem
Verdecke saß und Blumenkränze wand, zeichnete sich durch Wuchs und
Schönheit sowie durch ihren Putz vor allen übrigen aus. Diese dienten ihr willig,
spannten gegen die Sonne ein Tuch über sie und reichten ihr die Blumen aus
dem Korb. Eine Flötenspielerin saß zu ihren Füßen, die den Gesang der andern
mit ihren hellen Tönen unterstützte. Auch jener vorzüglichen Schönen fehlte es
nicht an einem eigenen Beschützer; doch verhielten sich beide ziemlich
gleichgültig gegeneinander, und der Liebhaber deuchte mir fast etwas roh.
Inzwischen war das andere, einfachere Fahrzeug näher gekommen. Hier sah
man bloß männliche Jugend. Wie jene Jünglinge Hochrot trugen, so war die
Farbe der letztern Seegrün. Sie stutzten beim Anblick der lieblichen Kinder,
winkten Grüße herüber und gaben ihr Verlangen nach näherer Bekanntschaft zu
erkennen. Die munterste hierauf nahm eine Rose vom Busen und hielt sie
schelmisch in die Höhe, gleichsam fragend, ob solche Gaben bei ihnen wohl
angebracht wären, worauf von drüben allerseits mit unzweideutigen Gebärden
geantwortet wurde. Die Roten sahen verächtlich und finster darein, konnten aber
nichts machen, als mehrere der Mädchen einig wurden, den armen Teufeln
wenigstens doch etwas für den Hunger und Durst zuzuwerfen. Es stand ein Korb
voll Orangen am Boden; wahrscheinlich waren es nur gelbe Bälle, den Früchten
ähnlich nachgemacht. Und jetzt begann ein entzückendes Schauspiel unter
Mitwirkung der Musik, die auf dem Uferdamm aufgestellt war.
Eine der Jungfrauen machte den Anfang und schickte fürs erste ein paar
Pomeranzen aus leichter Hand hinüber, die, dort mit gleicher Leichtigkeit
aufgefangen, alsbald zurückkehrten; so ging es hin und her, und weil nach und
nach immer mehr Mädchen zuhalfen, so flog's mit Pomeranzen bald dem
Dutzend nach in immer schnellerem Tempo hin und wider. Die Schöne in der
Mitte nahm an dem Kampfe keinen Anteil, als daß sie höchst begierig von ihrem
Schemel aus zusah. Wir konnten die Geschicklichkeit auf beiden Seiten nicht
genug bewundern. Die Schiffe drehten sich auf etwa dreißig Schritte in
langsamer Bewegung umeinander, kehrten sich bald die ganze Flanke zu, bald
schief das halbe Vorderteil; es waren gegen vierundzwanzig Bälle unaufhörlich
in der Luft, doch glaubte man in der Verwirrung ihrer viel mehr zu sehen.
Manchmal entstand ein förmliches Kreuzfeuer, oft stiegen sie und fielen in
einem hohen Bogen, kaum ging einmal einer und der andere fehl; es war, als
stürzten sie von selbst durch eine Kraft der Anziehung in die geöffneten Finger.
So angenehm jedoch das Auge beschäftigt wurde, so lieblich gingen fürs
Gehör die Melodieen nebenher: sizilianische Weisen, Tänze, Saltarelli, Canzoni
a ballo, ein ganzes Quodlibet, auf Girlandenart leicht aneinandergehängt. Die
jüngere Prinzeß, ein holdes, unbefangenes Geschöpf, etwa von meinem Alter,
begleitete den Takt gar artig mit Kopfnicken; ihr Lächeln und die langen
Wimpern ihrer Augen kann ich noch heute vor mir sehen.
Nun lassen Sie mich kürzlich den Verlauf der Posse noch erzählen, obschon er
weiter nichts zu meiner Sache tut! Man kann sich nicht leicht etwas Hübscheres
denken. Währenddem das Scharmützel allmählich ausging und nur noch
einzelne Würfe gewechselt wurden, die Mädchen ihre goldenen Äpfel sammelten und in den Korb zurückbrachten, hatte drüben ein Knabe, wie
spielenderweis, ein breites, grüngestricktes Netz ergriffen und kurze Zeit unter
dem Wasser gehalten; er hob es auf, und zum Erstaunen aller fand sich ein
großer, blau, grün und gold schimmernder Fisch in demselben. Die Nächsten
sprangen eifrig zu, um ihn herauszuholen: da glitt er ihnen aus den Händen, als
wär' es wirklich ein lebendiger, und fiel in die See. Das war nun eine abgeredete
Kriegslist, die Roten zu betören und aus dem Schiff zu locken. Diese, gleichsam
bezaubert von dem Wunder, sobald sie merkten, daß das Tier nicht untertauchen
wollte, nur immer auf der Oberfläche spielte, besannen sich nicht einen
Augenblick, stürzten sich alle ins Meer, die Grünen ebenfalls, und also sah man
zwölf gewandte, wohlgestalte Schwimmer den fliehenden Fisch zu erhaschen
bemüht, indem er auf den Wellen gaukelte, minutenlang unter denselben
verschwand, bald da, bald dort, dem einen zwischen den Beinen, dem andern
zwischen Brust und Kinn herauf, wieder zum Vorschein kam. Auf einmal, wie
die Roten eben am hitzigsten auf ihren Fang aus waren, ersah die andere Partei
ihren Vorteil und erstieg schnell wie der Blitz das fremde, ganz den Mädchen
überlassene Schiff unter großem Gekreische der letztern. Der nobelste der
Burschen, wie ein Merkur gewachsen, flog mit freudestrahlendem Gesicht auf
die schönste zu, umfaßte, küßte sie, die, weit entfernt in das Geschrei der andern
einzustimmen, ihre Arme gleichfalls feurig um den ihr wohlbekannten Jüngling
schlang. Die betrogene Schar schwamm zwar eilends herbei, wurde aber mit
Rudern und Waffen vom Bord abgetrieben. Ihre unnütze Wut, das Angstgeschrei
der Mädchen, der gewaltsame Widerstand einiger von ihnen, ihr Bitten und
Flehen, fast erstickt vom übrigen Alarm, des Wassers, der Musik, die plötzlich
einen andern Charakter angenommen hatte – es war schön über alle
Beschreibung, und die Zuschauer brachen darüber in einen Sturm von
Begeisterung aus.
In diesem Moment nun entwickelte sich das bisher locker eingebundene
Segel: daraus ging ein rosiger Knabe hervor mit silbernen Schwingen, mit
Bogen, Pfeil und Köcher, und in anmutvoller Stellung schwebte er frei auf der
Stange. Schon sind die Ruder alle in voller Tätigkeit, das Segel blähte sich auf:
allein gewaltiger als beides schien die Gegenwart des Gottes und seine heftig
vorwärtseilende Gebärde das Fahrzeug fortzutreiben, dergestalt, daß die fast
atemlos nachsetzenden Schwimmer, deren einer den goldenen Fisch hoch mit
der Linken über seinem Haupte hielt, die Hoffnung bald aufgaben und bei
erschöpften Kräften notgedrungen ihre Zuflucht zu dem verlassenen Schiffe
nahmen. Derweil haben die Grünen eine kleine bebuschte Halbinsel erreicht, wo
sich unerwartet ein stattliches Boot mit bewaffneten Kameraden im Hinterhalt zeigte. Im Angesicht so drohender Umstände pflanzte das Häufchen eine weiße
Flagge auf, zum Zeichen, daß man gütlich unterhandeln wolle. Durch ein
gleiches Signal von jenseits ermuntert, fuhren sie auf jenen Haltort zu, und bald
sah man daselbst die guten Mädchen alle bis auf die eine, die mit Willen blieb,
vergnügt mit ihren Liebhabern das eigene Schiff besteigen. – Hiermit war die
Komödie beendigt.«
»Mir deucht,« so flüsterte Eugenie mit leuchtenden Augen dem Baron in einer
Pause zu, worin sich jedermann beifällig über das eben Gehörte aussprach, »wir
haben hier eine gemalte Symphonie von Anfang bis zu Ende gehabt und ein
vollkommenes Gleichnis überdies des Mozartischen Geistes selbst in seiner
ganzen Heiterkeit. Hab' ich nicht recht? Ist nicht die ganze Anmut Figaros
darin?«
Der Bräutigam war im Begriff, ihre Bemerkung dem Komponisten
mitzuteilen, als dieser zu reden fortfuhr.
»Es sind nun siebzehn Jahre her, daß ich Italien sah. Wer, der es einmal sah,
insonderheit Neapel, denkt nicht sein Leben lang daran? Und wär' er auch, wie
ich, noch halb in Kinderschuhen gesteckt! So lebhaft aber wie heut' in Ihrem
Garten war mir der letzte schöne Abend am Golf kaum jemals wieder
aufgegangen. Wenn ich die Augen schloß – ganz deutlich, klar und hell, den
letzten Schleier von sich hauchend, lag die himmlische Gegend vor mir
verbreitet. Meer und Gestade, Berg und Stadt, die bunte Menschenmenge an
dem Ufer hin und dann das wundersame Spiel der Bälle durcheinander! Ich
glaubte wieder dieselbe Musik in den Ohren zu haben, ein ganzer Rosenkranz
von fröhlichen Melodien zog innerlich an mir vorbei, Fremdes und Eigenes,
Krethi und Plethi, eins immer das andre ablösend. Von ungefähr springt ein
Tanzliedchen hervor, Sechsachtelstakt, mir völlig neu. Halt, dacht' ich, was gibt's
hier? Das scheint ein ganz verteufelt niedliches Ding. Ich sehe näher zu – alle
Wetter! das ist ja Masetto, das ist ja Zerlina.« – Er lachte gegen Madame Mozart
hin, die ihn sogleich erriet.
»Die Sache,« fuhr er fort, »ist einfach diese. In meinem ersten Akt blieb eine
kleine, leichte Nummer unerledigt, Duett und Chor einer ländlichen Hochzeit.
Vor zwei Monaten nämlich, als ich dieses Stück der Ordnung nach vornehmen
wollte, da fand sich auf den ersten Wurf das Rechte nicht alsbald. Eine Weise,
einfältig und kindlich und sprützend vor Fröhlichkeit über und über, ein frischer
Busenstrauß mit Flatterband dem Mädel angesteckt – so mußte es sein. Weil man
nun im geringsten nichts erzwingen soll, und weil dergleichen Kleinigkeiten sich
oft gelegentlich von selber machen, ging ich darüber weg und sah mich im Verfolg der größeren Arbeit kaum wieder danach um. Ganz flüchtig kam mir
heut' im Wagen, kurz eh' wir ins Dorf hereinfuhren, der Text in den Sinn; da
spann sich denn weiter nichts an, zum wenigsten nicht, daß ich's wüßte. Genug,
ein Stündchen später in der Laube beim Brunnen erwisch' ich ein Motiv, wie ich
es glücklicher und besser zu keiner andern Zeit, auf keinem andern Weg
erfunden haben würde. Man macht bisweilen in der Kunst besondere
Erfahrungen: ein ähnlicher Streich ist mir nie vorgekommen. Denn eine
Melodie, dem Vers wie auf den Leib gegossen – doch, um nicht vorzugreifen, so
weit sind wir noch nicht: der Vogel hatte nur den Kopf erst aus dem Ei, und auf
der Stelle fing ich an, ihn vollends rein herauszuschälen. Dabei schwebte mir
lebhaft der Tanz der Zerline vor Augen, und wunderlich spielte zugleich die
lachende Landschaft am Golf von Neapel herein. Ich hörte die wechselnden
Stimmen des Brautpaares, die Dirnen und Bursche im Chor.«
Hier trällerte Mozart ganz lustig den Anfang des Liedchens:
Giovinette, che fatte all' amore, che fatte all' amore,
Non lasciate, che passi l'età, che passi l'età, che passi
l'età!
Se nel seno vi bulica il core, vi bulica il core,
Il remedio vedete lo quà! La la la! La la la!
Che piacer, che piacer che sarà!
Ah la la! Ah la la 39 u. s. w.
39
Liebe Schwestern, zur Liebe geboren,
Nützt der Jugend schön blühende Zeit!
Hängt ihr 's Köpfchen in Sehnsucht verloren,
Amor ist euch zu helfen bereit.
Tra la la!
Welch Vergnügen erwartet euch da! u. s. w.
»Mittlerweile hatten meine Hände das große Unheil angerichtet. Die Nemesis
lauerte schon an der Hecke und trat jetzt hervor in Gestalt des entsetzlichen
Mannes im galonierten blauen Rock. Ein Ausbruch des Vesuvio, wenn er in
Wirklichkeit damals an dem göttlichen Abend am Meer Zuschauer und Akteurs,
die ganze Herrlichkeit Parthenopes mit einem schwarzen Aschenregen
urplötzlich verschüttet und zugedeckt hätte, bei Gott! die Katastrophe wäre mir
nicht unerwarteter und schrecklicher gewesen. Der Satan der! so heiß hat mir
nicht leicht jemand gemacht. Ein Gesicht wie aus Erz, einigermaßen dem
grausamen römischen Kaiser Tiberius ähnlich! Sieht so der Diener aus, dacht'
ich, nachdem er weggegangen, wie mag erst Seine Gnaden selbst dreinsehen!
Jedoch, die Wahrheit zu gestehn, ich rechnete schon ziemlich auf den Schutz der
Damen, und das nicht ohne Grund. Denn diese Stanzel da, mein Weibchen,
etwas neugierig von Natur, ließ sich im Wirtshaus von der dicken Frau das
Wissenswürdigste von denen sämtlichen Persönlichkeiten der gnädigen
Herrschaft in meinem Beisein erzählen, ich stand dabei und hörte so –«
Hier konnte Madame Mozart nicht umhin, ihm in das Wort zu fallen und auf
das angelegentlichste zu versichern, daß im Gegenteil er der Ausfrager gewesen;
es kam zu heitern Kontestationen zwischen Mann und Frau, die viel zu lachen
gaben. – »Dem sei nun, wie ihm wolle,« sagte er, »kurzum, ich hörte so entfernt
etwas von einer lieben Pflegetochter, welche Braut, sehr schön, dazu die Güte
selber sei und singe wie ein Engel. Per Dio! fiel mir jetzt ein, das hilft dir aus
der Lauge. Du setz'st dich auf der Stelle hin, schreibst 's Liedchen auf, so weit es
geht, erklärst die Sottise der Wahrheit gemäß, und es gibt einen trefflichen Spaß. Gedacht, getan! Ich hatte Zeit genug, auch fand sich noch ein sauberes Bögchen
grün liniiert Papier. – Und hier ist das Produkt. Ich lege es in diese schönen
Hände, ein Brautlied aus dem Stegreif, wenn Sie es dafür gelten lassen.«
So reichte er sein reinlichst geschriebenes Notenblatt Eugenien über den
Tisch; des Onkels Hand kam aber der ihrigen zuvor, er haschte es hinweg und
rief: »Geduld noch einen Augenblick, mein Kind!«
Auf seinen Wink tat sich die Flügeltüre des Salons weit auf, und es erschienen
einige Diener, die den verhängnisvollen Pomeranzenbaum anständig, ohne
Geräusch in den Saal hereintrugen und an der Tafel unten auf eine Bank
niedersetzten; gleichzeitig wurden rechts und links zwei schlanke
Myrtenbäumchen aufgestellt. Eine am Stamm des Orangenbaums befestigte
Inschrift bezeichnete ihn als Eigentum der Braut; vorn aber auf dem Moosgrund
stand, mit einer Serviette bedeckt, ein Porzellanteller, der, als man das Tuch
hinwegnahm, eine zerschnittene Orange zeigte, neben welche der Oheim mit
listigem Blick des Meisters Autographon steckte. Allgemeiner, unendlicher Jubel
erhob sich darüber.
»Ich glaube gar,« sagte die Gräfin, »Eugenie weiß noch nicht einmal, was
eigentlich da vor ihr steht. Sie kennt wahrhaftig ihren alten Liebling in seinem
neuen Flor und Früchteschmuck nicht mehr!«
Bestürzt, ungläubig sah das Fräulein bald den Baum, bald ihren Oheim an.
»Es ist nicht möglich,« sagte sie. »Ich weiß ja wohl, er war nicht mehr zu
retten.«
»Du meinst also,« versetzte jener, »man habe dir nur irgend ungefähr so ein
Ersatzstück ausgesucht? Das wär' was Recht's! Nein, sieh nur her! – ich muß es
machen, wie's in der Komödie der Brauch ist, wo sich die totgeglaubten Söhne
oder Brüder durch ihre Muttermäler und Narben legitimieren. Schau diesen
Auswuchs da! und hier die Schrunde übers Kreuz! Du mußt sie hundertmal
bemerkt haben. Nun, ist er's, oder ist er's nicht?« – Sie konnte nicht mehr
zweifeln; ihr Staunen, ihre Rührung und Freude war unbeschreiblich.
Es knüpfte sich an diesen Baum für die Familie das mehr als hundertjährige
Gedächtnis einer ausgezeichneten Frau, welche wohl verdient, daß wir ihrer mit
wenigem hier gedenken.
Des Oheims Großvater, durch seine diplomatischen Verdienste im Wiener
Kabinett rühmlichst bekannt, von zwei Regenten nacheinander mit gleichem
Vertrauen beehrt, war innerhalb seines eigenen Hauses nicht minder glücklich im
Besitz einer vortrefflichen Gemahlin, Renate Leonore. Ihr wiederholter Aufenthalt in Frankreich brachte sie vielfach mit dem glänzenden Hofe Ludwigs
XIV. und mit den bedeutendsten Männern und Frauen dieser merkwürdigen
Epoche in Berührung. Bei ihrer unbefangenen Teilnahme an jenem steten
Wechsel des geistreichen Lebensgenusses verleugnete sie auf keinerlei Art in
Worten und Werken die angestammte deutsche Ehrenfestigkeit und sittliche
Strenge, die sich in den kräftigen Zügen des noch vorhandenen Bildnisses der
Gräfin unverkennbar ausprägt. Vermöge eben dieser Denkungsweise übte sie in
der gedachten Sozietät eine eigentümliche naive Opposition, und ihre
hinterlassene Korrespondenz weist eine Menge Spuren davon auf, mit wie viel
Freimut und herzhafter Schlagfertigkeit, es mochte nun von Glaubenssachen,
von Literatur und Politik, oder von was immer die Rede sein, die originelle Frau
ihre gesunden Grundsätze und Ansichten zu verteidigen, die Blößen der
Gesellschaft anzugreifen wußte, ohne doch dieser im mindesten sich lästig zu
machen. Ihr reges Interesse für sämtliche Personen, die man im Hause einer
Ninon, dem eigentlichen Herd der feinsten Geistesbildung, treffen konnte, war
demnach so beschaffen und geregelt, daß es sich mit dem höheren
Freundschaftsverhältnis zu einer der edelsten Damen jener Zeit, der Frau von
Sévigné, vollkommen wohl vertrug. Neben manchen mutwilligen Scherzen
Chapelles an sie, vom Dichter eigenhändig auf Blätter mit silberblumigem
Rande gekritzelt, fanden sich die liebevollsten Briefe der Marquisin und ihrer
Tochter an die ehrliche Freundin aus Österreich nach ihrem Tod in einem
Ebenholzschränkchen der Großmutter vor.
Frau von Sévigné war es denn auch, aus deren Hand sie eines Tages bei einem
Feste zu Trianon auf der Terrasse des Gartens den blühenden Orangenzweig
empfing, den sie sofort auf das Geratewohl in einen Topf setzte und glücklich
angewurzelt mit nach Deutschland nahm.
Wohl fünfundzwanzig Jahre wuchs das Bäumchen unter ihren Augen
allgemach heran und wurde später von Kindern und Enkeln mit äußerster
Sorgfalt gepflegt. Es konnte nächst seinem persönlichen Werte zugleich als
lebendes Symbol der feingeistigen Reize eines beinahe vergötterten Zeitalters
gelten, worin wir heutzutage freilich des wahrhaft Preisenswerten wenig finden
können, und das schon eine unheilvolle Zukunft in sich trug, deren
welterschütternder Eintritt dem Zeitpunkt unserer harmlosen Erzählung bereits
nicht ferne mehr lag.
Die meiste Liebe widmete Eugenie dem Vermächtnis der würdigen Ahnfrau,
weshalb der Oheim öfters merken ließ, es dürfte wohl einst eigens in ihre Hände
übergehen. Desto schmerzlicher war es dem Fräulein denn auch, als der Baum im Frühling des vorigen Jahres, den sie nicht hier zubrachte, zu trauern begann,
die Blätter gelb wurden und viele Zweige abstarben. In Betracht, daß irgend eine
besondere Ursache seines Verkommens durchaus nicht zu entdecken war und
keinerlei Mittel anschlug, gab ihn der Gärtner bald verloren, obwohl er seiner
natürlichen Ordnung nach leicht zwei- und dreimal älter werden konnte. Der
Graf hingegen, von einem benachbarten Kenner beraten, ließ ihn nach einer
sonderbaren, selbst rätselhaften Vorschrift, wie sie das Landvolk häufig hat, in
einem abgesonderten Raume ganz insgeheim behandeln, und seine Hoffnung,
die geliebte Nichte eines Tags mit dem zu neuer Kraft und voller Fruchtbarkeit
gelangten alten Freund zu überraschen, ward über alles Erwarten erfüllt. Mit
Überwindung seiner Ungeduld und nicht ohne Sorge, ob denn wohl auch die
Früchte, von denen etliche zuletzt den höchsten Grad der Reife hatten, so lang'
am Zweige halten würden, verschob er die Freude um mehrere Wochen auf das
heutige Fest, und es bedarf nun weiter keines Worts darüber, mit welcher
Empfindung der gute Herr ein solches Glück noch im letzten Moment durch
einen Unbekannten sich verkümmert sehen mußte.
Der Leutnant hatte schon vor Tische Gelegenheit und Zeit gefunden, seinen
dichterischen Beitrag zu der feierlichen Übergabe ins reine zu bringen und seine
vielleicht ohnehin etwas zu ernst gehaltenen Verse durch einen veränderten
Schluß den Umständen möglichst anzupassen. Er zog nunmehr sein Blatt hervor,
das er, vom Stuhle sich erhebend und an die Cousine gewendet, vorlas. Der
Inhalt der Strophen war kurz gefaßt dieser:
Ein Nachkömmling des vielgepriesenen Baums der Hesperiden, der vor alters
auf einer westlichen Insel im Garten der Juno, als eine Hochzeitsgabe für sie von
Mutter Erde, hervorgesproßt war und welchen die drei melodischen Nymphen
bewachten, hat eine ähnliche Bestimmung von jeher gewünscht und gehofft, da
der Gebrauch, eine herrliche Braut mit seinesgleichen zu beschenken, von den
Göttern vorlängst auch unter die Sterblichen kam.
Nach langem vergeblichen Warten scheint endlich die Jungfrau gefunden, auf
die er seine Blicke richten darf. Sie erzeigt sich ihm günstig und verweilt oft bei
ihm. Doch der musische Lorbeer, sein stolzer Nachbar am Bord der Quelle, hat
seine Eifersucht erregt, indem er droht, der kunstbegabten Schönen Herz und
Sinn für die Liebe der Männer zu rauben. Die Myrte tröstet ihn umsonst und
lehrt ihn Geduld durch ihr eigenes Beispiel; zuletzt jedoch ist es die andauernde
Abwesenheit der Liebsten, was seinen Gram vermehrt und ihm nach kurzem
Siechtum tödlich wird.
Der Sommer bringt die Entfernte und bringt sie mit glücklich umgewandtem Herzen zurück. Das Dorf, das Schloß, der Garten, alles empfängt sie mit tausend
Freuden. Rosen und Lilien in erhöhtem Schimmer sehen entzückt und beschämt
zu ihr auf, Glück winken ihr Sträucher und Bäume: für einen, ach, den edelsten,
kommt sie zu spät. Sie findet seine Krone verdorrt, ihre Finger betasten den
leblosen Stamm und die klirrenden Spitzen seines Gezweigs. Er kennt und sieht
seine Pflegerin nimmer. Wie weint sie, wie strömt ihre zärtliche Klage!
Apollo von weitem vernimmt die Stimme der Tochter. Er kommt, er tritt herzu
und schaut mitfühlend ihren Jammer. Alsbald mit seinen allheilenden Händen
berührt er den Baum, daß er in sich erbebt, der vertrocknete Saft in der Rinde
gewaltsam anschwillt, schon junges Laub ausbricht, schon weiße Blumen da und
dort in ambrosischer Fülle aufgehen. Ja – denn was vermöchten die
Himmlischen nicht? – schön runde Früchte setzen an, dreimal drei nach der Zahl
der neun Schwestern; sie wachsen und wachsen, ihr kindliches Grün zusehends
mit der Farbe des Goldes vertauschend. Phöbus – so schloß sich das Gedicht –
Phöbus überzählt die Stücke,
Weidet selbsten sich daran,
Ja, es fängt im Augenblicke
Ihm der Mund zu wässern an.
Lächelnd nimmt der Gott der Töne
Von der saftigsten Besitz:
»Laß uns teilen, holde Schöne,
Und für Amorn – diesen Schnitz!«
Der Dichter erntete rauschenden Beifall, und gern verzieh man die barocke
Wendung, durch welche der Eindruck des wirklich gefühlvollen Ganzen so
völlig aufgehoben wurde.
Franziska, deren froher Mutterwitz schon zu verschiedenen Malen bald durch
den Hauswirt, bald durch Mozart in Bewegung gesetzt worden war, lief jetzt
geschwinde, wie von ungefähr an etwas erinnert, hinweg und kam zurück mit
einem braunen englischen Kupferstich größten Formats, welcher, wenig
beachtet, in einem ganz entfernten Kabinett unter Glas und Rahmen hing.
»Es muß doch wahr sein, was ich immer hörte,« rief sie aus, indem sie das
Bild am Ende der Tafel aufstellte, »daß sich unter der Sonne nichts Neues
begibt! Hier eine Szene aus dem goldenen Weltalter – und haben wir sie nicht
erst heute erlebt? Ich hoffe doch, Apollo werde sich in dieser Situation
erkennen.«
»Vortrefflich!« triumphierte Max, »da hätten wir ihn ja, den schönen Gott, wie
er sich just gedankenvoll über den heiligen Quell hinbeugt. Und damit nicht
genug – dort, seht nur, einen alten Satyr hinten im Gebüsch, der ihn belauscht!
Man möchte darauf schwören, Apoll besinnt sich eben auf ein lange vergessenes
arkadisches Tänzchen, das ihn in seiner Kindheit der alte Chiron zu der Zither
lehrte.«
»So ist's! nicht anders!« applaudierte Franziska, die hinter Mozart stand.
»Und,« fuhr sie gegen diesen fort, »bemerken Sie auch wohl den
fruchtbeschwerten Ast, der sich zum Gott heruntersenkt?«
»Ganz recht! es ist der ihm geweihte Ölbaum.«
»Keineswegs! die schönsten Apfelsinen sind's! Gleich wird er sich in der
Zerstreuung eine herunterholen.«
»Vielmehr,« rief Mozart, »er wird gleich diesen Schelmenmund mit tausend
Küssen schließen.« Damit erwischte er sie am Arm und schwur, sie nicht mehr
loszulassen, bis sie ihm ihre Lippen reiche, was sie denn auch ohne vieles
Sträuben tat.
»Erkläre uns doch, Max,« sagte die Gräfin, »was unter dem Bilde hier steht!«
»Es sind Verse aus einer berühmten Horazischen Ode. Der Dichter Ramler in
Berlin hat uns das Stück vor kurzem unübertrefflich deutsch gegeben. Es ist vom
höchsten Schwung. Wie prächtig eben diese eine Stelle:
– – hier, der auf der Schulter
Keinen untätigen Bogen führet.
Der seines Delos grünenden Mutterhain
Und Pataras beschatteten Strand bewohnt,
Der seines Hauptes goldne Locken
In die kastalischen Fluten tauchet.«
»Schön! wirklich schön!« sagte der Graf. »Nur hie und da bedarf es der
Erläuterung. So z. B. ›der keinen untätigen Bogen führet‹ hieße natürlich
schlechtweg: der allezeit einer der fleißigsten Geiger gewesen. Doch was ich
sagen wollte: Bester Mozart, Sie säen Unkraut zwischen zwei zärtliche Herzen.«
»Ich will nicht hoffen – wie so?«
»Eugenie beneidet ihre Freundin und hat auch allen Grund.«
»Aha! Sie haben mir schon meine schwache Seite abgemerkt. Aber was sagt der Bräutigam dazu?«
»Ein- oder zweimal will ich durch die Finger sehen.«
»Sehr gut! wir werden der Gelegenheit wahrnehmen. Indes fürchten Sie
nichts, Herr Baron! es hat keine Gefahr, solang' mir nicht der Gott hier sein
Gesicht und seine langen gelben Haare borgt. Ich wünsche wohl, er tät's! Er
sollte auf der Stelle Mozarts Zopf mitsamt seinem schönsten Bandl dafür
haben.«
»Apollo möge aber dann zusehen,« lachte Franziska, »wie er es anfängt
künftig, seinen neuen französischen Haarschmuck mit Anstand in die kastalische
Flut zu tauchen!«
Unter diesen und ähnlichen Scherzen stieg Lustigkeit und Mutwillen immer
mehr. Die Männer spürten nach und nach den Wein, es wurden eine Menge
Gesundheiten getrunken, und Mozart kam in den Zug, nach seiner Gewohnheit
in Versen zu sprechen, wobei ihm der Leutnant das Gleichgewicht hielt und auch
der Papa nicht zurückbleiben wollte; es glückte ihm ein paarmal zum
Verwundern. Doch solche Dinge lassen sich für die Erzählung kaum festhalten:
sie wollen eigentlich nicht wiederholt sein, weil eben das, was sie an ihrem Ort
unwiderstehlich macht, die allgemein erhöhte Stimmung, der Glanz, die
Jovialität des persönlichen Ausdrucks, in Wort und Blick fehlt.
Unter andern wurde von dem alten Fräulein zu Ehren des Meisters ein Toast
ausgebracht, der ihm noch eine ganze lange Reihe unsterblicher Werke verhieß.
– »A la bonne heure! ich bin dabei,« rief Mozart und stieß sein Kelchglas
kräftig an. Der Graf begann hierauf mit großer Macht und Sicherheit der
Intonation kraft eigener Eingebung zu singen:
Mögen ihn die Götter stärken
Zu den angenehmen Werken –
Max (fortfahrend):
Wovon der da Ponte weder
Noch der große Schikaneder –
Mozart:
Noch bi Gott der Komponist
's Mindest weiß zu dieser Frist!
Graf:
Alle, alle soll sie jener
Hauptspitzbub von Italiener
Noch erleben, wünsch' ich sehr,
Unser Signor Bonbonnière! 40
Max:
Gut, ich geb' ihm hundert Jahre –
Mozart:
Wenn ihn nicht samt seiner Ware –
Alle drei con forza:
Noch der Teufel holt vorher,
Unsern Monsieur Bonbonnière.
40 So nannte Mozart unter Freunden seinen Kollegen Salierie, der, wo er ging und
stand, Zuckerwerk naschte, zugleich mit Anspielung auf das Zierliche seiner Person.
Durch des Grafen ausnehmende Singlust schweifte das zufällig entstandene
Terzett mit Wiederaufnahme der letzten vier Zeilen in einen sogenannten
endlichen Kanon aus, und die Fräulein Tante besaß Humor oder Selbstvertrauen
genug, ihren verfallenen Soprano mit allerhand Verzierungen zweckdienlich
einzumischen. Mozart gab nachher das Versprechen, bei guter Muße diesen Spaß
nach den Regeln der Kunst expreß für die Gesellschaft auszuführen, das er auch
später von Wien aus erfüllte.
Eugenie hatte sich im stillen längst mit ihrem Kleinod aus der Laube des
Tiberius vertraut gemacht; allgemein verlangte man jetzt, das Duett vom
Komponisten und ihr gesungen zu hören, und der Oheim war glücklich, im Chor
seine Stimme abermals geltend zu machen. Also erhob man sich und eilte zum
Klavier ins große Zimmer nebenan.
Ein so reines Entzücken nun auch das köstliche Stück bei allen erregte, so
führte doch sein Inhalt selbst mit einem raschen Übergang auf den Gipfel
geselliger Lust, wo die Musik an und für sich nicht weiter in Betracht mehr
kommt, und zwar gab zuerst unser Freund das Signal, indem er vom Klavier
aufsprang, auf Franziska zuging und sie, während Max bereitwilligst die Violine ergriff, zu einem Schleifer persuadierte. Der Hauswirt säumte nicht, Madonna
Mozart aufzufordern. Im Nu waren alle beweglichen Möbel, den Raum zu
erweitern, durch geschäftige Diener entfernt. Es mußte nach und nach ein jedes
an die Tour, und Fräulein Tante nahm es keineswegs übel, daß der galante
Leutnant sie zu einer Menuett abholte, worin sie sich völlig verjüngte.
Schließlich, als Mozart mit der Braut den Kehraus tanzte, nahm er sein
versichertes Recht auf ihren schönen Mund in bester Form dahin.
Der Abend war herbeigekommen, die Sonne nah am Untergehen: es wurde
nun erst angenehm im Freien, daher die Gräfin den Damen vorschlug, sich im
Garten noch ein wenig zu erholen. Der Graf dagegen lud die Herren auf das
Billardzimmer, da Mozart bekanntlich dies Spiel sehr liebte. So teilte man sich
denn in zwei Partieen, und wir unsererseits folgen den Frauen.
Nachdem sie den Hauptweg einigemal gemächlich auf und ab gegangen,
erstiegen sie einen runden, von einem hohen Rebengeländer zur Hälfte
umgebenen Hügel, von wo man in das offene Feld, auf das Dorf und die
Landstraße sah. Die letzten Strahlen der herbstlichen Sonne funkelten rötlich
durch das Weinlaub herein.
»Wäre hier nicht vertraulich zu sitzen,« sagte die Gräfin, »wenn Madame
Mozart uns etwas von sich und dem Gemahl erzählen wollte?«
Sie war ganz gerne bereit, und alle nahmen höchst behaglich auf den im Kreis
herbeigerückten Stühlen Platz.
»Ich will etwas zum besten geben, daß Sie auf alle Fälle hätten hören müssen,
da sich ein kleiner Scherz darauf bezieht, den ich im Schilde führe. Ich habe mir
in den Kopf gesetzt, der Gräfin Braut zur fröhlichen Erinnerung an diesen Tag
ein Angebind von sonderlicher Qualität zu verehren. Dasselbe ist so wenig
Gegenstand des Luxus und der Mode, daß es lediglich nur durch seine
Geschichte einigermaßen interessieren kann.«
»Was mag das sein, Eugenie?« sagte Franziska. »Zum wenigsten das
Tintenfaß eines berühmten Mannes.«
»Nicht allzuweit gefehlt! Sie sollen es noch diese Stunde sehen; im
Reisekoffer liegt der Schatz. Ich fange an und werde mit Ihrer Erlaubnis ein
wenig weiter ausholen.
Vorletzten Winter wollte mir Mozarts Gesundheitszustand durch vermehrte
Reizbarkeit und häufige Verstimmung, ein fieberhaftes Wesen, nachgerade
bange machen. In Gesellschaft noch zuweilen lustig, oft mehr als recht natürlich, war er zu Haus meist trüb in sich hinein, seufzte und klagte. Der Arzt empfahl
ihm Diät, Pyrmonter und Bewegung außerhalb der Stadt. Der Patient gab nicht
viel auf den guten Rat: die Kur war unbequem, zeitraubend, seinem Taglauf
schnurstracks entgegen. Nun machte ihm der Doktor die Hölle etwas heiß: er
mußte eine lange Vorlesung anhören von der Beschaffenheit des menschlichen
Geblüts, von denen Kügelgens darin, vom Atemholen und vom Phlogiston – halt
unerhörte Dinge, auch wie es eigentlich gemeint sei von der Natur mit Essen,
Trinken und Verdauen, das eine Sache ist, worüber Mozart bis dahin ganz
ebenso unschuldig dachte wie sein Junge von fünf Jahren. Die Lektion, in der
Tat, machte merklichen Eindruck. Der Doktor war noch keine halbe Stunde weg,
so find' ich meinen Mann nachdenklich, aber mit aufgeheitertem Gesicht auf
seinem Zimmer über der Betrachtung eines Stocks, den er in einem Schrank mit
alten Sachen suchte und auch glücklich fand; ich hätte nicht gemeint, daß er sich
dessen nur erinnerte. Er stammte noch von meinem Vater: ein schönes Rohr mit
hohem Knopf von Lapis Lazuli. Nie sah man einen Stock in Mozarts Hand; ich
mußte lachen.
»Du siehst,« rief er, »ich bin daran, mit meiner Kur mich völlig ins Geschirr
zu werfen. Ich will das Wasser trinken, mir alle Tage Motion im Freien machen
und mich dabei dieses Stabes bedienen. Da sind mir nun verschiedene Gedanken
beigegangen. Es ist doch nicht umsonst, dacht' ich, daß andere Leute, was da
gesetzte Männer sind, den Stock nicht missen können. Der Kommerzienrat,
unser Nachbar, geht niemals über die Straße, seinen Gevatter zu besuchen, der
Stock muß mit. Professionisten und Beamte, Kanzleiherrn, Krämer und
Chalanten, wenn sie am Sonntag mit Familie vor die Stadt spazieren, ein jeder
führt sein wohlgedientes, rechtschaffenes Rohr mit sich. Vornehmlich hab' ich
oft bemerkt, wie auf dem Stephansplatz ein Viertelstündchen vor der Predigt und
dem Amt ehrsame Bürger da und dort truppweis beisammen stehen im
Gespräch: hier kann man so recht sehen, wie eine jede ihrer stillen Tugenden, ihr
Fleiß und Ordnungsgeist, gelassner Mut, Zufriedenheit, sich auf die wackern
Stöcke gleichsam als eine gute Stütze lehnt und stemmt. Mit einem Wort, es muß
ein Segen und besonderer Trost in der altväterischen und immerhin etwas
geschmacklosen Gewohnheit liegen. Du magst es glauben oder nicht, ich kann
es kaum erwarten, bis ich mit diesem guten Freund das erstemal im
Gesundheitspaß über die Brücke nach dem Rennweg promeniere. Wir kennen
uns bereits ein wenig, und ich hoffe, daß unsere Verbindung für alle Zeit
geschlossen ist.«
Die Verbindung war von kurzer Dauer: das drittemal, daß beide miteinander
aus waren, kam der Begleiter nicht mehr mit zurück. Ein anderer wurde angeschafft, der etwas länger Treue hielt, und jedenfalls schrieb ich der
Stockliebhaberei ein gut Teil von der Ausdauer zu, womit Mozart drei Wochen
lang der Vorschrift seines Arztes ganz erträglich nachkam. Auch blieben die
guten Folgen nicht aus: wir sahen ihn fast nie so frisch, so hell und von so
gleichmäßiger Laune. Doch machte er sich leider in kurzem wieder allzu grün,
und täglich hatt' ich deshalb meine Not mit ihm. Damals geschah es nun, daß er,
ermüdet von der Arbeit eines anstrengenden Tages, noch spät ein paar
neugieriger Reisender wegen zu einer musikalischen Soiree ging – auf eine
Stunde bloß, versprach er mir heilig und teuer; doch das sind immer die