Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes
Mozart auf der Reise nach Prag.
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Gelegenheiten, wo die Leute, wenn er nur erst am Flügel festsitzt und im Feuer
ist, seine Gutherzigkeit am mehrsten mißbrauchen; denn da sitzt er alsdann wie
das Männchen in einer Montgolfiere, sechs Meilen hoch über dem Erdboden
schwebend, wo man die Glocken nicht mehr schlagen hört. Ich schickte den
Bedienten zweimal mitten in der Nacht dahin: umsonst; er konnte nicht zu
seinem Herrn gelangen. Um drei Uhr früh kam dieser denn endlich nach Haus.
Ich nahm mir vor, den ganzen Tag ernstlich mit ihm zu schmollen.«
Hier überging Madame Mozart einige Umstände mit Stillschweigen. Es war,
muß man wissen, nicht unwahrscheinlich, daß zu gedachter Abendunterhaltung
auch eine junge Sängerin, Signora Malerbi, kommen würde, an welcher Frau
Konstanze mit allem Recht Ärgernis nahm. Diese Römerin war durch Mozarts
Verwendung bei der Oper angestellt worden, und ohne Zweifel hatten ihre
koketten Künste nicht geringen Anteil an der Gunst des Meisters. Sogar wollten
einige wissen, sie habe ihn mehrere Monate lang eingezogen und heiß genug auf
ihrem Rost gehalten. Ob dies nun völlig wahr sei oder sehr übertrieben, gewiß
ist, sie benahm sich nachher frech und undankbar und erlaubte sich selbst
Spöttereien über ihren Wohltäter. So war es ganz in ihrer Art, daß sie ihn einst
gegenüber einem ihrer glücklichern Verehrer kurzweg un piccolo grifo raso
(ein kleines rasiertes Schweinsrüsselchen) nannte. Der Einfall, einer Circe
würdig, war um so empfindlicher, weil er, wie man gestehen muß, immerhin ein
Körnchen Wahrheit enthielt. 41
41 Man hat hier ein älteres kleines Profilbild im Auge, das, gut gezeichnet und
gestochen, sich auf dem Titelblatt eines Mozartschen Klavierwerks befindet, unstreitig
das ähnlichste von allen auch neuerdings im Kunsthandel erschienenen Porträts.
Beim Nachhausegehen von jener Gesellschaft, bei welcher übrigens die
Sängerin zufällig nicht erschienen war, beging ein Freund im Übermut des
Weins die Indiskretion, dem Meister dies boshafte Wort zu verraten. Er wurde
schlecht davon erbaut, denn eigentlich war es für ihn der erste unzweideutige
Beweis von der gänzlichen Herzlosigkeit seines Schützlings. Vor lauter Entrüstung darüber empfand er nicht einmal sogleich den frostigen Empfang am
Bette seiner Frau. In einem Atem teilte er ihr die Beleidigung mit, und diese
Ehrlichkeit läßt wohl auf einen mindern Grad von Schuldbewußtsein schließen.
Fast machte er ihr Mitleid rege. Doch hielt sie geflissentlich an sich; es sollte
ihm nicht so leicht hingehen. Als er von einem schweren Schlaf kurz nach
Mittag erwachte, fand er das Weibchen samt den beiden Knaben nicht zu Hause,
vielmehr säuberlich den Tisch für ihn allein gedeckt.
Von jeher gab es wenige Dinge, welche Mozart so unglücklich machten, als
wenn nicht alles hübsch eben und heiter zwischen ihm und seiner guten Hälfte
stand. Und hätte er nun erst gewußt, welche weitere Sorge sie schon seit
mehreren Tagen mit sich herumtrug! Eine der schlimmsten in der Tat, mit deren
Eröffnung sie ihn nach alter Gewohnheit so lange wie möglich verschonte. Ihre
Barschaft war ehestens alle und keine Aussicht auf baldige Einnahme da. Ohne
Ahnung von dieser häuslichen Extremität war gleichwohl sein Herz auf eine Art
beklommen, die mit jenem verlegenen, hilflosen Zustand eine gewisse
Ähnlichkeit hatte. Er mochte nicht essen, er konnte nicht bleiben. Geschwind
zog er sich vollends an, um nur aus der Stickluft des Hauses zu kommen. Auf
einem offenen Zettel hinterließ er ein paar Zeilen italienisch: »Du hast mir's
redlich eingetränkt, und geschieht mir schon recht. Sei aber wieder gut, ich bitte
dich, und lache wieder, bis ich heimkomme! Mir ist zu Mut, als möcht' ich ein
Kartäuser und Trappiste werden, ein rechter Heulochs, sag' ich dir.« – Sofort
nahm er den Hut, nicht aber auch den Stock zugleich; der hatte seine Epoche
passiert.
Haben wir Frau Konstanze bis hierher in der Erzählung abgelöst, so können
wir auch wohl noch eine kleine Strecke weiter fortfahren.
Von seiner Wohnung bei der Schranne, rechts gegen das Zeughaus einbiegend,
schlenderte der teure Mann – es war ein warmer, etwas umwölkter
Sommernachmittag – nachdenklich lässig über den sogenannten Hof und weiter
an der Pfarre zu unsrer lieben Frau vorbei, dem Schottentor entgegen, wo er
seitwärts zur Linken auf die Mölkerbastei stieg und dadurch der Ansprache
mehrerer Bekannten, die eben zur Stadt hereinkamen, entging. Nur kurze Zeit
genoß er hier, obwohl von einer stumm bei den Kanonen auf und nieder
gehenden Schildwache nicht belästigt, der vortrefflichsten Aussicht über die
grüne Ebene des Glacis und die Vorstädte hin nach dem Kahlenberg und südlich
nach den steierischen Alpen. Die schöne Ruhe der äußern Natur widersprach
seinem innern Zustand. Mit einem Seufzer setzte er seinen Gang über die
Esplanade und sodann durch die Alser-Vorstadt ohne bestimmten Zielpunkt fort.
Am Ende der Währinger Gasse lag eine Schenke mit Kegelbahn, deren
Eigentümer, ein Seilermeister, durch seine gute Ware wie durch die Reinheit
seines Getränks den Nachbarn und Landleuten, die ihr Weg vorüberführte, gar
wohl bekannt war. Man hörte Kegelschieben, und übrigens ging es bei einer
Anzahl von höchstens einem Dutzend Gästen mäßig zu. Ein kaum bewußter
Trieb, sich unter anspruchslosen, natürlichen Menschen in etwas zu vergessen,
bewog den Musiker zur Einkehr. Er setzte sich an einen der sparsam von
Bäumen beschatteten Tische zu einem Wiener Brunnen-Obermeister und zwei
andern Spießbürgern, ließ sich ein Schöppchen kommen und nahm an ihrem sehr
alltäglichen Diskurs eingehend teil, ging dazwischen umher oder schaute dem
Spiel auf der Kegelbahn zu.
Unweit von der letztern an der Seite des Hauses befand sich der offene Laden
des Seilers, ein schmaler, mit Fabrikaten vollgepfropfter Raum, weil außer dem,
was das Handwerk zunächst lieferte, auch allerlei hölzernes Küchen-, Keller-
und landwirtschaftliches Gerät, ingleichem Tran und Wagensalbe, auch weniges
von Sämereien, Dill und Kümmel zum Verkauf umherstand oder hing. Ein
Mädchen, das als Kellnerin die Gäste zu bedienen und nebenbei den Laden zu
besorgen hatte, war eben mit einem Bauern beschäftigt, welcher, sein Söhnlein
an der Hand, herzugetreten war, um einiges zu kaufen: ein Fruchtmaß, eine
Bürste, eine Geißel. Er suchte unter vielen Stücken eines heraus, prüfte es, legte
es weg, ergriff ein zweites und drittes und kehrte unschlüssig zum ersten zurück;
es war kein Fertigwerden. Das Mädchen entfernte sich mehrmals der
Aufwartung wegen, kam wieder und war unermüdlich, ihm seine Wahl zu
erleichtern und annehmlich zu machen, ohne daß sie zu viel darum schwatzte.
Mozart sah und hörte auf einem Bänkchen bei der Kegelbahn diesem allem
mit Vergnügen zu. So sehr ihm auch das gute, verständige Betragen des
Mädchens, die Ruhe und der Ernst in ihren ansprechenden Zügen gefiel, noch
mehr interessierte ihn für jetzt der Bauer, welcher ihm, nachdem er ganz
befriedigt abgezogen, noch viel zu denken gab. Er hatte sich vollkommen in den
Mann hineinversetzt gefühlt, wie wichtig die geringe Angelegenheit von ihm
behandelt, wie ängstlich und gewissenhaft die Preise, bei einem Unterschied von
wenig Kreuzern, hin und her erwogen wurden. Und, dachte er, wenn nun der
Mann zu seinem Weibe heimkommt, ihr seinen Handel rühmt, die Kinder alle
passen, bis der Zwerchsack aufgeht, darin auch was für sie sein mag: sie aber
eilt, ihm einen Imbiß und einen frischen Trunk selbstgekelterten Obstmost zu
holen, darauf er seinen ganzen Appetit verspart hat!
Wer auch so glücklich wäre, so unabhängig von den Menschen! ganz nur auf die Natur gestellt und ihren Segen, wie sauer auch dieser erworben sein will!
Ist aber mir mit meiner Kunst ein anderes Tagwerk anbefohlen, das ich am
Ende doch mit keinem in der Welt vertauschen würde: warum muß ich dabei in
Verhältnissen leben, die das gerade Widerspiel von solch unschuldiger, einfacher
Existenz ausmachen? Ein Gütchen, wenn du hättest, ein kleines Haus bei einem
Dorf in schöner Gegend, du solltest wahrlich neu aufleben! Den Morgen über
fleißig bei deinen Partituren, die ganze übrige Zeit bei der Familie; Bäume
pflanzen, deinen Acker besuchen, im Herbst mit den Buben die Äpfel und die
Birn heruntertun; bisweilen eine Reise in die Stadt zu einer Aufführung und
sonst von Zeit zu Zeit ein Freund und mehrere bei dir – welch eine Seligkeit!
Nun ja, wer weiß, was noch geschieht!
Er trat vor den Laden, sprach freundlich mit dem Mädchen und fing an, ihren
Kram genauer zu betrachten. Bei der unmittelbaren Verwandtschaft, welche die
meisten dieser Dinge zu jenem idyllischen Anfluge hatten, zog ihn die
Sauberkeit, das Helle, Glatte, selbst der Geruch der mancherlei Holzarbeiten an.
Es fiel ihm plötzlich ein, verschiedenes für seine Frau, was ihr nach seiner
Meinung angenehm und nutzbar wäre, auszuwählen. Sein Augenmerk ging
zuvörderst auf Gartenwerkzeug. Konstanze hatte nämlich vor Jahr und Tag auf
seinen Antrieb ein Stückchen Land vor dem Kärnthner Tor gepachtet und etwas
Gemüse darauf gebaut, daher ihm jetzt fürs erste ein neuer großer Rechen, ein
kleinerer dito samt Spaten ganz zweckmäßig schien. Dann weiteres anlangend,
so macht es seinen ökonomischen Begriffen alle Ehre, daß er einem ihn sehr
appetitlich anlachenden Butterfaß nach kurzer Überlegung, wiewohl ungern,
entsagte, dagegen ihm ein hohes, mit Deckel und schön geschnitztem Henkel
versehenes Geschirr zu unmaßgeblichem Gebrauch einleuchtete. Es war aus
schmalen Stäben von zweierlei Holz, abwechselnd hell und dunkel,
zusammengesetzt, unten weiter als oben und innen trefflich ausgepicht.
Entschieden für die Küche empfahl sich eine schöne Auswahl Rührlöffel,
Wellhölzer, Schneidbretter und Teller von allen Größen sowie ein Salzbehälter
einfachster Konstruktion zum Aufhängen.
Zuletzt besah er sich noch einen derben Stock, dessen Handhabe mit Leder
und runden Messingnägeln gehörig beschlagen war. Da der sonderbare Kunde
auch hier in einiger Versuchung schien, bemerkte die Verkäuferin mit Lächeln,
das sei just kein Tragen für Herrn. »Du hast recht, mein Kind,« versetzte er. »Mir
deucht, die Metzger auf der Reise haben solche; weg damit! ich will ihn nicht.
Das übrige hingegen alles, was wir da ausgelesen haben, bringst du mir heute
oder morgen ins Haus.« Dabei nannte er ihr seinen Namen und die Straße. Er ging hierauf, um auszutrinken, an seinen Tisch, wo von den dreien nur noch
einer, ein Klempnermeister, saß.
»Die Kellnerin hat heut' mal einen guten Tag!« bemerkte der Mann. »Ihr
Vetter läßt ihr vom Erlös im Laden am Gulden einen Batzen.«
Mozart freute sich nun seines Einkaufs doppelt; gleich aber sollte seine
Teilnahme an der Person noch größer werden. Denn als sie wieder in die Nähe
kam, rief ihr derselbe Bürger zu: »Wie steht's, Kreszenz? Was macht der
Schlosser? Feilt er nicht bald sein eigen Eisen?«
»O was!« erwiderte sie im Weitereilen, »selbiges Eisen, schätz' ich, wächst
noch im Berg zuhinterst.«
»Es ist ein guter Tropf,« sagte der Klempner. »Sie hat lang' ihrem Stiefvater
hausgehalten und ihn in der Krankheit verpflegt, und da er tot war, kam's heraus,
daß er ihr Eigenes aufgezehrt hatte; zeither dient sie da ihrem Verwandten, ist
alles und alles im Geschäft, in der Wirtschaft und bei den Kindern. Sie hat mit
einem braven Gesellen Bekanntschaft und würde ihn je eher, je lieber heiraten;
das aber hat so seine Haken.«
»Was für? Er ist wohl auch ohne Vermögen?«
»Sie ersparten sich beide etwas, doch langt es nicht gar. Jetzt kommt mit
nächstem drinnen ein halber Hausteil samt Werkstatt in Gant; dem Seiler wär's
ein Leichtes, ihnen vorzuschießen, was noch zum Kaufschilling fehlt; allein er
läßt die Dirne natürlich nicht gern fahren. Er hat gute Freunde im Rat und bei der
Zunft: da findet der Geselle nun allenthalben Schwierigkeiten.«
»Verflucht!« fuhr Mozart auf, so daß der andere erschrak und sich umsah, ob
man nicht horche. »Und da ist niemand, der ein Wort nach dem Recht
dareinspräche? den Herrn eine Faust vorhielte? Die Schufte, die! Wart nur, man
kriegt euch noch beim Wickel!«
Der Klempner saß wie auf Kohlen. Er suchte das Gesagte auf eine
ungeschickte Art zu mildern, beinahe nahm er es völlig zurück. Doch Mozart
hörte ihn nicht an. »Schämt Euch, wie Ihr nun schwatzt! So macht's ihr Lumpen
allemal, sobald es gilt mit etwas einzustehen.« – Und hiermit kehrte er dem
Hasenfuß ohne Abschied den Rücken. Der Kellnerin, die alle Hände voll zu tun
hatte mit neuen Gästen, raunte er nur im Vorbeigehen zu: »Komme morgen
beizeiten, grüße mir deinen Liebsten! Ich hoffe, daß eure Sache gut geht.« Sie
stutzte nur und hatte weder Zeit noch Fassung, ihm zu danken.
Geschwinder als gewöhnlich, weil der Auftritt ihm das Blut etwas in Wallung brachte, ging er vorerst denselben Weg, den er gekommen, bis an das Glacis, auf
welchem er dann langsamer mit einem Umweg im weiten Halbkreis um die
Wälle wandelte. Ganz mit der Angelegenheit des armen Liebespaars beschäftigt,
durchlief er in Gedanken eine Reihe seiner Bekannten und Gönner, die auf die
eine oder andere Weise in diesem Fall etwas vermochten. Da indessen, bevor er
sich irgend zu einem Schritt bestimmte, noch nähere Erklärungen von seiten des
Mädchens erforderlich waren, beschloß er, diese ruhig abzuwarten, und war
nunmehr, mit Herz und Sinn den Füßen vorauseilend, bei seiner Frau zu Hause.
Mit innerer Gewißheit zählte er auf einen freundlichen, ja fröhlichen
Willkommen, Kuß und Umarmung schon auf der Schwelle, und Sehnsucht
verdoppelte seine Schritte beim Eintritt in das Kärntner Tor. Nicht weit davon
ruft ihn der Postträger an, der ihm ein kleines, doch gewichtiges Paket übergibt,
worauf er eine ehrliche und akkurate Hand augenblicklich erkennt. Er tritt mit
dem Boten, um ihn zu quittieren, in den nächsten Kaufladen; dann, wieder auf
der Straße, kann er sich nicht bis in sein Haus gedulden; er reißt die Siegel auf:
halb gehend, halb stehend, verschlingt er den Brief.
»Ich saß,« fuhr Madame Mozart hier in der Erzählung bei den Damen fort,
»am Nähtisch, hörte meinen Mann die Stiege heraufkommen und den Bedienten
nach mir fragen. Sein Tritt und seine Stimme kam mir beherzter, aufgeräumter
vor, als ich erwartete, und als mir wahrhaftig angenehm war. Erst ging er auf
sein Zimmer, kam aber gleich herüber. »Guten Abend!« sagt' er; ich, ohne
aufzusehen, erwiderte ihm kleinlaut. Nachdem er die Stube ein paarmal
stillschweigend gemessen, nahm er unter erzwungenem Gähnen die
Fliegenklatsche hinter der Tür, was ihm noch niemals eingefallen war, und
murmelte vor sich: »Wo nur die Fliegen gleich wieder herkommen!« – fing an zu
patschen da und dort, und zwar so stark wie möglich. Dies war ihm stets der
unleidlichste Ton, den ich in seiner Gegenwart nie hören lassen durfte. Hm,
dacht' ich, daß doch, was man selber tut, zumal die Männer, ganz etwas anders
ist! Übrigens hatte ich so viele Fliegen gar nicht wahrgenommen. Sein seltsames
Betragen verdroß mich wirklich sehr. – »Sechse auf einen Schlag!« rief er.
»Willst du sehen?« – Keine Antwort. – Da legte er mir etwas aufs Nähkissen hin,
daß ich es sehen mußte, ohne ein Auge von meiner Arbeit zu verwenden. Es war
nichts Schlechteres als ein Häufchen Gold, so viel man Dukaten zwischen zwei
Finger nimmt. Er setzte seine Possen hinter meinem Rücken fort, tat hin und
wieder einen Streich und sprach dabei für sich: »Das fatale, unnütze, schamlose
Gezücht! Zu was Zweck es nur eigentlich auf der Welt ist! – Patsch! – Offenbar
bloß, daß man's totschlage. – Pitsch! – Darauf verstehe ich mich einigermaßen,
darf ich behaupten. – Die Naturgeschichte belehrt uns über die erstaunliche Vermehrung dieser Geschöpfe. – Pitsch! Patsch! – In meinem Hause wird immer
sogleich damit aufgeräumt. – Ah maledette! disperate! – Hier wieder ein Stück
zwanzig! Magst du sie?« – Er kam und tat wie vorhin. Hatte ich bisher mit Mühe
das Lachen unterdrückt, länger war es unmöglich: ich platzte heraus, er fiel mir
um den Hals, und beide kicherten und lachten wir um die Wette.
»Woher kommt dir denn aber das Geld?« frag' ich, während daß er den Rest
aus dem Röllelchen schüttelt. – »Vom Fürsten Esterhazy! durch den Haydn! Lies
nur den Brief.« – Ich las:
»Eisenstadt u. s. w. Teuerster Freund! Seine Durchlaucht, mein gnädigster
Herr, hat mich zu meinem größesten Vergnügen damit betraut, Ihnen beifolgende
sechzig Dukaten zu übermachen. Wir haben jetzt Ihre Quartetten wieder
ausgeführt, und Seine Durchlaucht waren solchermaßen davon eingenommen
und befriediget, als bei dem erstenmal, vor einem Vierteljahre, kaum der Fall
gewesen. Der Fürst bemerkte mir (ich muß es wörtlich schreiben): ›Als Mozart
Ihnen diese Arbeit dedizierte, hat er geglaubt, nur Sie zu ehren, doch kann's ihm
nichts verschlagen, wenn ich zugleich ein Kompliment für mich darin erblicke.
Sagen Sie ihm, ich denke von seinem Genie bald so groß wie Sie selbst, und
mehr könn' er in Ewigkeit nicht verlangen!‹ – Amen! setz' ich hinzu. Sind Sie
zufrieden?
Postskript, der lieben Frau ins Ohr: Sorgen Sie gütigst, daß die Danksagung
nicht aufgeschoben werde! Am besten geschäh' es persönlich. Wir müssen so
guten Wind fein erhalten.«
»Du Engelsmann! o himmlische Seele!« rief Mozart ein übers anderemal, und
es ist schwer zu sagen, was ihn am meisten freute, der Brief oder des Fürsten
Beifall oder das Geld. Was mich betrifft, aufrichtig gestanden, mir kam das
letztere gerade damals höchst gelegen. Wir feierten noch einen sehr vergnügten
Abend.
Von der Affäre in der Vorstadt erfuhr ich jenen Tag noch nichts, die folgenden
ebensowenig; die ganze nächste Woche verstrich, keine Kreszenz erschien, und
mein Mann, in einem Strudel von Geschäften, vergaß die Sache bald. Wir hatten
an einem Sonnabend Gesellschaft: Hauptmann Wesselt, Graf Hardegg und
andere musizierten. In einer Pause werde ich hinausgerufen – da war nun die
Bescherung! Ich geh' hinein und frage: »Hast du Bestellung in der Alservorstadt
auf allerlei Holzware gemacht?« – »Potz Hagel, ja! Ein Mädchen wird da sein?
Laß sie nur hereinkommen!« – So trat sie denn in größter Freundlichkeit, einen
vollen Korb am Arm, mit Rechen und Spaten ins Zimmer, entschuldigte ihr
langes Ausbleiben: sie habe den Namen der Gasse nicht mehr gewußt und sich erst heut zurecht gefragt. Mozart nahm ihr die Sachen nacheinander ab, die er
sofort mit Selbstzufriedenheit mir überreichte. Ich ließ mir herzlich dankbar alles
und jedes wohlgefallen, belobte und pries; nur nahm es mich Wunder, wozu er
das Gartengeräte gekauft. – »Natürlich,« sagte er, »für dein Stückchen an der
Wien.« – »Mein Gott! das haben wir ja aber lange abgegeben, weil uns das
Wasser immer so viel Schaden tat und überhaupt gar nichts dabei herauskam. Ich
sagte dir's, du hattest nichts dawider.« – »Was? Und also die Spargeln, die wir
dies Frühjahr speisten« – »Waren immer vom Markt.« – »Seht,« sagt' er, »hätt'
ich das gewußt! Ich lobte sie dir so aus bloßer Artigkeit, weil du mich wirklich
dauerst mit deiner Gärtnerei; es waren Dingerl wie die Federspulen.«
Die Herrn belustigte der Spaß überaus; ich mußte einigen sogleich das
Überflüssige zum Andenken lassen. Als aber Mozart nun das Mädchen über ihr
Heiratsanliegen ausforschte, sie ermunterte, hier nur ganz frei zu sprechen, da
das, was man für sie und ihren Liebsten tun würde, in der Stille, glimpflich und
ohne jemandes Anklagen solle ausgerichtet werden, so äußerte sie sich
gleichwohl mit so viel Bescheidenheit, Vorsicht und Schonung, daß sie alle
Anwesenden völlig gewann und man sie endlich mit den besten Versprechungen
entließ.
»Den Leuten muß geholfen werden!« sagte der Hauptmann. »Die
Innungskniffe sind das wenigste dabei; hier weiß ich einen, der das bald in
Ordnung bringen wird. Es handelt sich um einen Beitrag für das Haus,
Einrichtungskosten und dergleichen. Wie, wenn wir ein Konzert für Fremde im
Trattnerischen Saal mit Entree ad libitum ankündigten?« – Der Gedanke fand
lebhaften Anklang. Einer der Herrn ergriff das Salzfaß und sagte: »Es müßte
jemand zur Einleitung einen hübschen historischen Vortrag tun, Herrn Mozarts
Einkauf schildern, seine menschenfreundliche Absicht erklären, und hier das
Prachtgefäß stellt man auf einen Tisch als Opferbüchse auf, die beiden Rechen
als Dekoration rechts und links dahinter gekreuzt.«
Dies nun geschah zwar nicht, hingegen das Konzert kam zu stande; es warf
ein Erkleckliches ab, verschiedene Beiträge folgten nach, daß das beglückte Paar
noch Überschuß hatte, und auch die andern Hindernisse waren schnell beseitigt.
Duscheks in Prag, unsre genausten Freunde dort, bei denen wir logieren,
vernahmen die Geschichte, und sie, eine gar gemütliche, herzige Frau, verlangte
von dem Kram aus Kuriosität auch etwas zu haben; so legt' ich denn das
Passendste für sie zurück und nahm es bei dieser Gelegenheit mit. Da wir
inzwischen unverhofft eine neue liebe Kunstverwandte finden sollten, die nah'
daran ist, sich den eigenen Herd einzurichten, und ein Stück gemeinen Hausrat, welches Mozart ausgewählt, gewißlich nicht verschmähen wird, will ich mein
Mitbringen halbieren, und Sie haben die Wahl zwischen einem schön
durchbrochenen Schokoladequirl und mehrgedachter Salzbüchse, an welcher
sich der Künstler mit einer geschmackvollen Tulpe verunköstigt hat. Ich würde
unbedingt zu diesem Stück raten: das edle Salz, soviel ich weiß, ist ein Symbol
der Häuslichkeit und Gastlichkeit, wozu wir alle guten Wünsche für Sie legen
wollen.«
So weit Madame Mozart. Wie dankbar und wie heiter alles von den Damen
auf- und angenommen wurde, kann man denken. Der Jubel erneuerte sich, als
gleich darauf bei den Männern oben die Gegenstände vorgelegt und das Muster
patriarchalischer Simplizität nun förmlich übergeben ward, welchem der Oheim
in dem Silberschranke seiner nunmehrigen Besitzerin und ihrer spätesten
Nachkommen keinen geringeren Platz versprach, als jenes berühmte Kunstwerk
des florentinischen Meisters in der Ambraser Sammlung entnehme.
Es war schon fast acht Uhr; man nahm den Tee. Bald aber sah sich unser
Musiker an sein schon am Mittag gegebenes Wort, die Gesellschaft näher mit
dem »Höllenbrand« bekannt zu machen, der unter Schloß und Riegel, doch zum
Glück nicht allzutief im Reisekoffer lag, dringend erinnert. Er war ohne Zögern
bereit. Die Auseinandersetzung der Fabel des Stücks hielt nicht lange auf, das
Textbuch wurde aufgeschlagen und schon brannten die Lichter am Fortepiano.
Wir wünschten wohl, unsere Leser streifte hier zum wenigsten etwas von jener
eigentümlichen Empfindung an, womit oft schon ein einzeln abgerissener, aus
einem Fenster beim Vorübergehen an unser Ohr getragener Akkord, der nur von
dorther kommen kann, uns wie elektrisch trifft und wie gebannt festhält, etwas
von jener süßen Bangigkeit, wenn wir in dem Theater, solange das Orchester
stimmt, dem Vorhang gegenüber sitzen. Oder ist es nicht so? Wenn auf der
Schwelle jedes erhabenen tragischen Kunstwerks, es heiße Macbeth, Ödipus
oder wie sonst, ein Schauer der ewigen Schönheit schwebt, wo träfe dies in
höherem, auch nur in gleichem Maße zu, als eben hier? Der Mensch verlangt
und scheut zugleich, aus seinem gewöhnlichen Selbst vertrieben zu werden, er
fühlt, das Unendliche wird ihn berühren, das seine Brust zusammenzieht, indem
es sie ausdehnen und den Geist gewaltsam an sich reißen will. Die Ehrfurcht vor
der vollendeten Kunst tritt hinzu; der Gedanke, ein göttliches Wunder genießen,
es als ein Verwandtes in sich aufnehmen zu dürfen, zu können, führt eine Art
von Rührung, ja von Stolz mit sich, vielleicht den glücklichsten und reinsten,
dessen wir fähig sind.
Unsere Gesellschaft aber hatte damit, daß sie ein uns von Jugend auf völlig zu eigen gewordenes Werk jetzt erstmals kennen lernen sollte, einen von unserem
Verhältnis unendlich verschiedenen Stand, und, wenn man das beneidenswerte
Glück der persönlichen Vermittlung durch den Urheber abrechnet, bei weitem
nicht den günstigen wie wir, da eine reine und vollkommene Auffassung
eigentlich niemand möglich war, auch in mehr als einem Betracht selbst dann
nicht möglich gewesen sein würde, wenn das Ganze unverkürzt hätte mitgeteilt
werden können.
Von achtzehn fertig ausgearbeiteten Nummern 42 gab der Komponist
vermutlich nicht die Hälfte (wir finden in dem unserer Darstellung zu Grunde
liegenden Bericht nur das letzte Stück dieser Reihe, das Sextett, ausdrücklich
angeführt), er gab sie meistens, wie es scheint, in einem freien Auszug, bloß auf
dem Klavier und sang stellenweise darein, wie es kam und sich schickte. Von der
Frau ist gleichfalls nur bemerkt, daß sie zwei Arien vorgetragen habe. Wir
möchten uns, da ihre Stimme so stark als lieblich gewesen sein soll, die erste der
Donna Anna (»Du kennst den Verräter«) und eine von den beiden der Zerline
dabei denken.
42 Bei dieser Zählung ist zu wissen, daß Elviras Arie mit dem Rezitativ und
Leporellos »Hab's verstanden« nicht ursprünglich in der Oper enthalten gewesen.
Genau genommen waren, dem Geist, der Einsicht, dem Geschmacke nach,
Eugenie und ihr Verlobter die einzigen Zuhörer, wie der Meister sie sich
wünschen mußte, und jene war es sicher ungleich mehr als dieser. Sie saßen
beide tief im Grunde des Zimmers, das Fräulein regungslos, wie eine Bildsäule,
und in die Sache aufgelöst auf einen solchen Grad, daß sie auch in den kurzen
Zwischenräumen, wo sich die Teilnahme der übrigen bescheiden äußerte oder
die innere Bewegung sich unwillkürlich mit einem Ausruf der Bewunderung
Luft machte, die von dem Bräutigam an sie gerichteten Worte immer nur
ungenügend zu erwidern vermochte.
Als Mozart mit dem überschwenglich schönen Sextett geschlossen hatte und
nach und nach ein Gespräch aufkam, schien er vornehmlich einzelne
Bemerkungen des Barons mit Interesse und Wohlgefallen aufzunehmen. Es
wurde vom Schlusse der Oper die Rede sowie von der vorläufig auf den Anfang
Novembers anberaumten Aufführung, und da jemand meinte, gewisse Teile des
Finale möchten noch eine Riesenaufgabe sein, so lächelte der Meister mit einiger
Zurückhaltung; Konstanze aber sagte zu der Gräfin hin, daß er es hören mußte:
»Er hat noch was in petto, womit er geheim tut, auch vor mir.«
»Du fällst,« versetzte er, »aus deiner Rolle, Schatz, daß du das jetzt zur
Sprache bringst; wenn ich nun Lust bekäme, von neuem anzufangen? Und in der
Tat, es juckt mich schon.«
»Leporello!« rief der Graf, lustig aufspringend, und winkte einem Diener.
»Wein! Sillery, drei Flaschen!«
»Nicht doch! damit ist es vorbei: mein Junker hat sein letztes im Glase.«
»Wohl bekomm's ihm – und jedem das Seine!«
»Mein Gott, was hab' ich da gemacht!« lamentierte Konstanze mit einem
Blick auf die Uhr. »Gleich ist es elfe, und morgen früh soll's fort. Wie wird das
gehen?«
»Es geht halt gar nicht, Beste, nun schlechterdings gar nicht.«
»Manchmal,« fing Mozart an, »kann sich doch ein Ding sonderbar fügen. Was
wird denn meine Stanzl sagen, wenn sie erfährt, daß eben das Stück Arbeit, das
sie nun hören soll, um eben diese Stunde in der Nacht, und zwar gleichfalls vor
einer angesetzten Reise, zur Welt geboren ist?«
»Wär's möglich? Wann? Gewiß vor drei Wochen, wie du nach Eisenstadt wolltest!«
»Getroffen! Und das begab sich so. Ich kam nach zehne – du schliefst schon
fest – von Richters Essen heim und wollte versprochenermaßen auch bälder zu
Bett, um morgens beizeiten heraus und in den Wagen zu steigen. Inzwischen
hatte Veit, wie gewöhnlich, die Lichter auf dem Schreibtisch angezündet, ich zog
mechanisch den Schlafrock an, und fiel mir ein, geschwind mein letztes Pensum
noch einmal anzusehen. Allein, o Mißgeschick! Verwünschte, ganz unzeitige
Geschäftigkeit der Weiber! Du hattest aufgeräumt, die Noten eingepackt – die
mußten nämlich mit: der Fürst verlangte eine Probe von dem Opus; ich suchte,
brummte, schalt – umsonst! Darüber fällt mein Blick auf ein versiegeltes Kuvert:
vom Abbate, den greulichen Haken nach auf der Adresse – ja wahrscheinlich!
und schickt mir den umgearbeiteten Rest seines Textes, den ich vor Monatsfrist
noch nicht zu sehen hoffte. Sogleich sitz' ich begierig hin und lese und bin
entzückt, wie gut der Kauz verstand, was ich wollte. Es war alles weit simpler,
gedrängter und reicher zugleich. Sowohl die Kirchhofsszene wie das Finale bis
zum Untergang des Helden hat in jedem Betracht sehr gewonnen. (Du sollst mir
aber auch, dacht' ich, vortrefflicher Poet, Himmel und Hölle nicht unbedankt
zum zweitenmal beschworen haben!) Nun ist es sonst meine Gewohnheit nicht,
in der Komposition etwas vorauszunehmen, und wenn es noch so lockend wäre!
das bleibt eine Unart, die sich sehr übel bestrafen kann. Doch gibt es
Ausnahmen, und kurz, der Auftritt bei der Reiterstatue des Gouverneurs, die
Drohung, die vom Grabe des Erschlagenen her urplötzlich das Gelächter des
Nachtschwärmers haarsträubend unterbricht, war mir bereits in die Krone
gefahren. Ich griff einen Akkord und fühlte, ich hatte an der rechten Pforte
angeklopft, dahinter schon die ganze Legion von Schrecken beieinander liege,
die im Finale loszulassen sind. So kam für's erste ein Adagio heraus: D-Moll,
vier Takte nur, darauf ein zweiter Satz mit fünfen; es wird, bild' ich mir ein, auf
dem Theater etwas Ungewöhnliches geben, wo die stärksten Blasinstrumente die
Stimme begleiten. Einstweilen hören Sie's, so gut es sich hier machen läßt.«
Er löschte ohne weiteres die Kerzen der beiden neben ihm stehenden
Armleuchter aus, und jener furchtbare Choral »Dein Lachen endet vor der
Morgenröte« erklang durch die Totenstille des Zimmers. Wie von entlegenen
Sternenkreisen fallen die Töne aus silbernen Posaunen, eiskalt, Mark und Seele
durchschneidend, herunter durch die blaue Nacht.
»Wer ist hier? Antwort!« hörte man Don Juan fragen. Da hebt es wieder an,
eintönig wie zuvor, und gebietet dem ruchlosen Jüngling, die Toten in Ruhe zu
lassen.
Nachdem diese dröhnenden Klänge bis auf die letzte Schwingung in der Luft
verhallt waren, fuhr Mozart fort: »Jetzt gab es für mich begreiflicherweise kein
Aufhören mehr. Wenn erst das Eis einmal an einer Uferstelle bricht, gleich
kracht der ganze See und klingt bis an den entferntesten Winkel hinunter. Ich
ergriff unwillkürlich denselben Faden weiter unten bei Don Juans Nachtmahl
wieder, wo Donna Elvira sich eben entfernt hat und das Gespenst der Einladung
gemäß erscheint. – Hören Sie an!«
Es folgte nun der ganze lange, entsetzenvolle Dialog, durch welchen auch der
Nüchternste bis an die Grenze menschlichen Vorstellens, ja über sie hinaus
gerissen wird, wo wir das Übersinnliche schauen und hören und innerhalb der
eigenen Brust von einem Äußersten zum andern willenlos uns hin und her
geschleudert fühlen.
Menschlichen Sprachen schon entfremdet, bequemt sich das unsterbliche
Organ des Abgeschiedenen, noch einmal zu reden. Bald nach der ersten
fürchterlichen Begrüßung, als der Halbverklärte die ihm gebotene irdische
Nahrung verschmäht, wie seltsam schauerlich wandelt seine Stimme auf den
Sprossen einer luftgewebten Leiter unregelmäßig auf und nieder! Er fordert
schleunigen Entschluß zur Buße: kurz ist dem Geist die Zeit gemessen, weit,
weit, weit ist der Weg! Und wenn nun Don Juan, im ungeheuren Eigenwillen den
ewigen Ordnungen trotzend, unter dem wachsenden Andrang der höllischen
Mächte ratlos ringt, sich sträubt und windet und endlich untergeht, noch mit dem
vollen Ausdruck der Erhabenheit in jeder Gebärde: wem zitterten nicht Herz und
Nieren vor Lust und Angst zugleich? Es ist ein Gefühl, ähnlich dem, womit man
das prächtige Schauspiel einer unbändigen Naturkraft, den Brand eines
herrlichen Schiffes anstaunt. Wir nehmen wider Willen gleichsam Partei für
diese blinde Größe und teilen knirschend ihren Schmerz im reißenden Verlauf
ihrer Selbstvernichtung.
Der Komponist war am Ziele. Eine Zeitlang wagte niemand, das allgemeine
Schweigen zuerst zu brechen.
»Geben Sie uns,« fing endlich mit noch beklemmtem Atem die Gräfin an,
»geben Sie uns, ich bitte Sie, einen Begriff, wie Ihnen war, da Sie in jener Nacht
die Feder weglegten!«
Er blickte, wie aus einer stillen Träumerei ermuntert, helle zu ihr auf, besann
sich schnell und sagte, halb zu der Dame, halb zu seiner Frau: »Nun ja, mir
schwankte wohl zuletzt der Kopf. Ich hatte dies verzweifelte Dibattimento bis zu
dem Chor der Geister in einer Hitze fort beim offenen Fenster zu Ende
geschrieben und stand nach einer kurzen Rast vom Stuhl auf, im Begriff, nach deinem Kabinett zu gehen, damit wir noch ein bißchen Plaudern und sich mein
Blut ausgleiche. Da machte ein überquerer Gedanke mich mitten im Zimmer still
stehen.« (Hier sah er zwei Sekunden lang zu Boden, und sein Ton verriet beim
folgenden eine kaum merkbare Bewegung.) »Ich sagte zu mir selbst: Wenn du
noch diese Nacht wegstürbest und müßtest deine Partitur an diesem Punkte
verlassen: ob dir's auch Ruh' im Grabe ließ? – Mein Auge hing am Docht des
Lichts in meiner Hand und auf den Bergen von abgetropftem Wachs. Ein
Schmerz bei dieser Vorstellung durchzückte mich einen Moment; dann dacht' ich
weiter: Wenn denn hernach über kurz oder lang ein anderer, vielleicht gar so ein
Welscher, die Oper zu vollenden bekäme und fände von der Introduktion bis
Numero siebzehn mit Ausnahme einer Piece alles sauber beisammen, lauter
gesunde, reife Früchte ins hohe Gras geschüttelt, daß er sie nur auflesen dürfte,
ihm graute aber doch ein wenig vor der Mitte des Finale, und er fände alsdann
unverhofft den tüchtigen Felsbrocken da insoweit schon beiseite gebracht: er
möchte drum nicht übel in das Fäustchen lachen! Vielleicht wär' er versucht,
mich um die Ehre zu betrügen. Er sollte aber wohl die Finger dran verbrennen:
da wär' noch immerhin ein Häuflein guter Freunde, die meinen Stempel kennen
und mir, was mein ist, redlich sichern würden. – Nun ging ich, dankte Gott mit
einem vollen Blick hinauf und dankte, liebes Weibchen, deinem Genius, der dir
so lange seine beiden Hände sanft über die Stirne gehalten, daß du fortschliefst,
wie eine Ratze, und mich kein einzig Mal anrufen konntest. Wie ich dann aber
endlich kam und du mich um die Uhr befrugst, log ich dich frischweg ein paar
Stunden jünger, als du warst; denn es ging stark auf viere. Und nun wirst du
begreifen, warum du mich um sechse nicht aus den Federn brachtest, der
Kutscher wieder heimgeschickt und auf den andern Tag bestellt werden mußte.«
»Natürlich!« versetzte Konstanze. »Nur bilde sich der schlaue Mann nicht ein,
man sei so dumm gewesen, nichts zu merken! Deswegen brauchtest du mir
deinen schönen Vorsprung fürwahr nicht zu verheimlichen.«
»Auch war es nicht deshalb.«
»Weiß schon – du wolltest deinen Schatz vorerst noch unbeschrieen haben.«
»Mich freut nur,« rief der gutmütige Wirt, »daß wir morgen nicht nötig haben,
ein edles Wiener Kutscherherz zu kränken, wenn Herr Mozart partout nicht
aufstehen kann. Die Ordre ›Hans, spann wieder aus!‹ tut jederzeit sehr weh.«
Diese indirekte Bitte um längeres Bleiben, mit der sich die übrigen Stimmen
im herzlichsten Zuspruch verbanden, gab den Reisenden Anlaß zu
Auseinandersetzung sehr triftiger Gründe dagegen; doch verglich man sich gerne
dahin, daß nicht zu zeitig aufgebrochen und noch vergnügt zusammen gefrühstückt werden solle.
Man stand und drehte sich noch eine Zeitlang in Gruppen schwatzend
umeinander. Mozart sah sich nach jemanden um, augenscheinlich nach der
Braut; da sie jedoch gerade nicht zugegen war, so richtete er naiverweise die ihr
bestimmte Frage unmittelbar an die ihm nahestehende Franziska: »Was denken
Sie denn nun im ganzen von unserm Don Giovanni? Was können Sie ihm Gutes
prophezeihen?«
»Ich will,« versetzte sie mit Lachen, »im Namen meiner Base so gut
antworten, als ich kann. Meine einfältige Meinung ist, daß, wenn Don Giovanni
nicht aller Welt den Kopf verrückt, so schlägt der liebe Gott seinen Musikkasten
gar zu – auf unbestimmte Zeit, heißt das – und gibt der Menschheit zu
verstehen –« »Und gibt der Menschheit,« fiel der Onkel verbessernd ein, »den
Dudelsack in die Hand und verstocket die Herzen der Leute, daß sie anbeten
Baalim.«
»Behüt uns Gott!« lachte Mozart. »Je nun, im Lauf der nächsten sechzig,
siebzig Jahre, nachdem ich lang' fort bin, wird mancher falsche Prophet
aufstehen.«
Eugenie trat mit dem Baron und Max herbei, die Unterhaltung hob sich
unversehens auf ein Neues, ward nochmals ernsthaft und bedeutend, so daß der
Komponist, eh' die Gesellschaft auseinander ging, sich noch gar mancher
schönen, bezeichnenden Äußerung erfreute, die seiner Hoffnung schmeichelte.
Erst lange nach Mitternacht trennte man sich; keines empfand bis jetzt, wie
sehr es der Ruhe bedurfte.
Den andern Tag (das Wetter gab dem gestrigen nichts nach) um zehn Uhr sah
man einen hübschen Reisewagen, mit den Effekten beider Wiener Gäste bepackt,
im Schloßhof stehen. Der Graf stand mit Mozart davor, kurz ehe die Pferde
herausgeführt wurden, und fragte, wie er ihm gefalle.
»Seht gut; er scheint äußerst bequem.«
»Wohlan, so machen Sie mir das Vergnügen und behalten Sie ihn zu meinem
Andenken!«
»Wie? Ist das Ernst?«
»Was wär' es sonst!«
»Heiliger Sixtus und Calixtus! – Konstanze! du!« rief er zum Fenster hinauf,
wo sie mit den andern heraus sah. »Der Wagen soll mein sein! Du fährst künftig in deinem eigenen Wagen!«
Er umarmte den schmunzelnden Geber, betrachtete und umging sein neues
Besitztum von allen Seiten, öffnete den Schlag, warf sich hinein und rief heraus:
»Ich dünke mich so vornehm und so reich wie Ritter Gluck. Was werden sie in
Wien für Augen machen!« – »Ich hoffe,« sagte die Gräfin, »Ihr Fuhrwerk
wiederzusehn bei der Rückkehr von Prag, mit Kränzen um und um behangen!«
Nicht lang' nach diesem letzten fröhlichen Auftritt setzte sich der vielbelobte
Wagen mit dem scheidenden Paare wirklich in Bewegung und fuhr im raschen
Trab nach der Landstraße zu. Der Graf ließ sie bis Wittingau fahren, wo
Postpferde genommen werden sollten.
Wenn gute, vortreffliche Menschen durch ihre Gegenwart vorübergehend
unser Haus belebten, durch ihren frischen Geistesodem auch unser Wesen in
neuen raschen Schwung versetzten und uns den Segen der Gastfreundschaft in
vollem Maße zu empfinden gaben, so läßt ihr Abschied immer eine
unbehagliche Stockung, zum mindesten für den Rest des Tags, bei uns zurück,
wofern wir wieder ganz nur auf uns selber angewiesen sind.
Bei unsern Schloßbewohnern traf wenigstens das letztere nicht zu. Franziskas
Eltern nebst der alten Tante fuhren zwar alsbald auch weg; die Freundin selbst
indes, der Bräutigam, Max ohnehin verblieben noch, Eugenien, von welcher
vorzugsweise hier die Rede ist, weil sie das unschätzbare Erlebnis tiefer als alle
ergriff, ihr, sollte man denken, konnte nichts fehlen, nichts genommen oder
getrübt sein: ihr reines Glück in dem wahrhaft geliebten Mann, das erst soeben
seine förmliche Bestätigung erhielt, mußte alles andre verschlingen, vielmehr
das Edelste und Schönste, wovon ihr Herz bewegt sein konnte, mußte sich
notwendig mit jener seligen Fülle in eines verschmelzen. So wäre es auch wohl
gekommen, hätte sie gestern und heute der bloßen Gegenwart, jetzt nur dem
reinen Nachgenuß derselben leben können. Allein am Abend schon bei den
Erzählungen der Frau war sie von leiser Furcht für ihn, an dessen liebenswertem
Bild sie sich ergötzte, geheim beschlichen worden; diese Ahnung wirkte
nachher, die ganze Zeit als Mozart spielte, hinter allem unsäglichen Reiz, durch
alle das geheimnisvolle Grauen der Musik hindurch im Grund ihres Bewußtseins
fort, und endlich überraschte, erschütterte sie das, was er selbst in der nämlichen
Richtung gelegentlich von sich erzählte. Es ward ihr so gewiß, so ganz gewiß,
daß dieser Mann sich schnell und unaufhaltsam in seiner eigenen Glut verzehre, daß er nur eine flüchtige Erscheinung auf der Erde sein könne, weil sie den
Überfluß, den er verströmen würde, in Wahrheit nicht ertrüge.
Dies, neben vielem andern, ging, nachdem sie sich gestern niedergelegt, in
ihrem Busen auf und ab, während der Nachhall Don Juans verworren noch lange
fort ihr inneres Gehör einnahm. Erst gegen Tag schlief sie ermüdet ein.
Die drei Damen hatten sich nunmehr mit ihren Arbeiten in den Garten gesetzt,
die Männer leisteten ihnen Gesellschaft, und da das Gespräch natürlich zunächst
nur Mozart betraf, so verschwieg auch Eugenie ihre Befürchtungen nicht. Keins
wollte dieselben im mindesten teilen, wiewohl der Baron sie vollkommen
begriff. Zur guten Stunde, in recht menschlich reiner, dankbarer Stimmung
pflegt man sich jeder Unglücksidee, die einen gerade nicht unmittelbar angeht,
aus allen Kräften zu erwehren. Die sprechendsten, lachendsten Gegenbeweise
wurden, besonders vom Oheim, vorgebracht, und wie gerne hörte nicht Eugenie
alles an! Es fehlte nicht viel, so glaubte sie wirklich zu schwarz gesehen zu
haben.
Einige Augenblicke später, als sie durchs große Zimmer oben ging, das eben
gereinigt und wieder in Ordnung gebracht worden war, und dessen vorgezogene
gründamastene Fenstergardinen nur ein sanftes Dämmerlicht zuließen, stand sie
wehmütig vor dem Klaviere still. Durchaus war es ihr wie ein Traum zu denken,
wer noch vor wenigen Stunden davor gesessen habe. Lang' blickte sie
gedankenvoll die Tasten an, die er zuletzt berührt, dann drückte sie leise den
Deckel zu und zog den Schlüssel ab in eifersüchtiger Sorge, daß so bald keine
andere Hand wieder öffne. Im Weggehn stellte sie beiläufig einige Liederhefte
an ihren Ort zurück: es fiel ein älteres Blatt heraus, die Abschrift eines
böhmischen Volksliedchens, das Franziska früher, auch wohl sie selbst,
manchmal gesungen. Sie nahm es auf, nicht ohne darüber betreten zu sein. In
einer Stimmung, wie die ihrige, wird der natürlichste Zufall leicht zum Orakel.
Wie sie es aber auch verstehen wollte, der Inhalt war derart, daß ihr, indem sie
die einfachen Verse wieder durchlas, heiße Tränen entfielen.
Ein Tännlein grünet wo,
Wer weiß, im Walde,
Ein Rosenstrauch, wer sagt,
In welchem Garten?
Sie sind erlesen schon,
Denk es, o Seele!
Auf deinem Grab zu wurzeln
Und zu wachsen.
Zwei schwarze Rößlein weiden
Auf der Wiese,
Sie kehren heim zur Stadt
In muntern Sprüngen.
Sie werden schrittweis gehn
Mit deiner Leiche,
Vielleicht, vielleicht noch eh'
An ihren Hufen
Das Eisen los wird,
Das ich blitzen sehe.
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