Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes

Eduard Mörike · Kapitel 66 von 67 · Teil 3/3

PDF-Seiten

Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes

Mozart auf der Reise nach Prag.

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Gelegenheiten, wo die Leute, wenn er nur erst am Flügel festsitzt und im Feuer

ist, seine Gutherzigkeit am mehrsten mißbrauchen; denn da sitzt er alsdann wie

das Männchen in einer Montgolfiere, sechs Meilen hoch über dem Erdboden

schwebend, wo man die Glocken nicht mehr schlagen hört. Ich schickte den

Bedienten zweimal mitten in der Nacht dahin: umsonst; er konnte nicht zu

seinem Herrn gelangen. Um drei Uhr früh kam dieser denn endlich nach Haus.

Ich nahm mir vor, den ganzen Tag ernstlich mit ihm zu schmollen.«

 

Hier überging Madame Mozart einige Umstände mit Stillschweigen. Es war,

muß man wissen, nicht unwahrscheinlich, daß zu gedachter Abendunterhaltung

auch eine junge Sängerin, Signora Malerbi, kommen würde, an welcher Frau

Konstanze mit allem Recht Ärgernis nahm. Diese Römerin war durch Mozarts

Verwendung bei der Oper angestellt worden, und ohne Zweifel hatten ihre

koketten Künste nicht geringen Anteil an der Gunst des Meisters. Sogar wollten

einige wissen, sie habe ihn mehrere Monate lang eingezogen und heiß genug auf

ihrem Rost gehalten. Ob dies nun völlig wahr sei oder sehr übertrieben, gewiß

ist, sie benahm sich nachher frech und undankbar und erlaubte sich selbst

Spöttereien über ihren Wohltäter. So war es ganz in ihrer Art, daß sie ihn einst

gegenüber einem ihrer glücklichern Verehrer kurzweg un piccolo grifo raso

(ein kleines rasiertes Schweinsrüsselchen) nannte. Der Einfall, einer Circe

würdig, war um so empfindlicher, weil er, wie man gestehen muß, immerhin ein

Körnchen Wahrheit enthielt. 41

41 Man hat hier ein älteres kleines Profilbild im Auge, das, gut gezeichnet und

gestochen, sich auf dem Titelblatt eines Mozartschen Klavierwerks befindet, unstreitig

das ähnlichste von allen auch neuerdings im Kunsthandel erschienenen Porträts.

 

Beim Nachhausegehen von jener Gesellschaft, bei welcher übrigens die

Sängerin zufällig nicht erschienen war, beging ein Freund im Übermut des

Weins die Indiskretion, dem Meister dies boshafte Wort zu verraten. Er wurde

schlecht davon erbaut, denn eigentlich war es für ihn der erste unzweideutige

Beweis von der gänzlichen Herzlosigkeit seines Schützlings. Vor lauter Entrüstung darüber empfand er nicht einmal sogleich den frostigen Empfang am

Bette seiner Frau. In einem Atem teilte er ihr die Beleidigung mit, und diese

Ehrlichkeit läßt wohl auf einen mindern Grad von Schuldbewußtsein schließen.

Fast machte er ihr Mitleid rege. Doch hielt sie geflissentlich an sich; es sollte

ihm nicht so leicht hingehen. Als er von einem schweren Schlaf kurz nach

Mittag erwachte, fand er das Weibchen samt den beiden Knaben nicht zu Hause,

vielmehr säuberlich den Tisch für ihn allein gedeckt.

 

Von jeher gab es wenige Dinge, welche Mozart so unglücklich machten, als

wenn nicht alles hübsch eben und heiter zwischen ihm und seiner guten Hälfte

stand. Und hätte er nun erst gewußt, welche weitere Sorge sie schon seit

mehreren Tagen mit sich herumtrug! Eine der schlimmsten in der Tat, mit deren

Eröffnung sie ihn nach alter Gewohnheit so lange wie möglich verschonte. Ihre

Barschaft war ehestens alle und keine Aussicht auf baldige Einnahme da. Ohne

Ahnung von dieser häuslichen Extremität war gleichwohl sein Herz auf eine Art

beklommen, die mit jenem verlegenen, hilflosen Zustand eine gewisse

Ähnlichkeit hatte. Er mochte nicht essen, er konnte nicht bleiben. Geschwind

zog er sich vollends an, um nur aus der Stickluft des Hauses zu kommen. Auf

einem offenen Zettel hinterließ er ein paar Zeilen italienisch: »Du hast mir's

redlich eingetränkt, und geschieht mir schon recht. Sei aber wieder gut, ich bitte

dich, und lache wieder, bis ich heimkomme! Mir ist zu Mut, als möcht' ich ein

Kartäuser und Trappiste werden, ein rechter Heulochs, sag' ich dir.« – Sofort

nahm er den Hut, nicht aber auch den Stock zugleich; der hatte seine Epoche

passiert.

 

Haben wir Frau Konstanze bis hierher in der Erzählung abgelöst, so können

wir auch wohl noch eine kleine Strecke weiter fortfahren.

 

Von seiner Wohnung bei der Schranne, rechts gegen das Zeughaus einbiegend,

schlenderte der teure Mann – es war ein warmer, etwas umwölkter

Sommernachmittag – nachdenklich lässig über den sogenannten Hof und weiter

an der Pfarre zu unsrer lieben Frau vorbei, dem Schottentor entgegen, wo er

seitwärts zur Linken auf die Mölkerbastei stieg und dadurch der Ansprache

mehrerer Bekannten, die eben zur Stadt hereinkamen, entging. Nur kurze Zeit

genoß er hier, obwohl von einer stumm bei den Kanonen auf und nieder

gehenden Schildwache nicht belästigt, der vortrefflichsten Aussicht über die

grüne Ebene des Glacis und die Vorstädte hin nach dem Kahlenberg und südlich

nach den steierischen Alpen. Die schöne Ruhe der äußern Natur widersprach

seinem innern Zustand. Mit einem Seufzer setzte er seinen Gang über die

Esplanade und sodann durch die Alser-Vorstadt ohne bestimmten Zielpunkt fort.

Am Ende der Währinger Gasse lag eine Schenke mit Kegelbahn, deren

Eigentümer, ein Seilermeister, durch seine gute Ware wie durch die Reinheit

seines Getränks den Nachbarn und Landleuten, die ihr Weg vorüberführte, gar

wohl bekannt war. Man hörte Kegelschieben, und übrigens ging es bei einer

Anzahl von höchstens einem Dutzend Gästen mäßig zu. Ein kaum bewußter

Trieb, sich unter anspruchslosen, natürlichen Menschen in etwas zu vergessen,

bewog den Musiker zur Einkehr. Er setzte sich an einen der sparsam von

Bäumen beschatteten Tische zu einem Wiener Brunnen-Obermeister und zwei

andern Spießbürgern, ließ sich ein Schöppchen kommen und nahm an ihrem sehr

alltäglichen Diskurs eingehend teil, ging dazwischen umher oder schaute dem

Spiel auf der Kegelbahn zu.

 

Unweit von der letztern an der Seite des Hauses befand sich der offene Laden

des Seilers, ein schmaler, mit Fabrikaten vollgepfropfter Raum, weil außer dem,

was das Handwerk zunächst lieferte, auch allerlei hölzernes Küchen-, Keller-

und landwirtschaftliches Gerät, ingleichem Tran und Wagensalbe, auch weniges

von Sämereien, Dill und Kümmel zum Verkauf umherstand oder hing. Ein

Mädchen, das als Kellnerin die Gäste zu bedienen und nebenbei den Laden zu

besorgen hatte, war eben mit einem Bauern beschäftigt, welcher, sein Söhnlein

an der Hand, herzugetreten war, um einiges zu kaufen: ein Fruchtmaß, eine

Bürste, eine Geißel. Er suchte unter vielen Stücken eines heraus, prüfte es, legte

es weg, ergriff ein zweites und drittes und kehrte unschlüssig zum ersten zurück;

es war kein Fertigwerden. Das Mädchen entfernte sich mehrmals der

Aufwartung wegen, kam wieder und war unermüdlich, ihm seine Wahl zu

erleichtern und annehmlich zu machen, ohne daß sie zu viel darum schwatzte.

 

Mozart sah und hörte auf einem Bänkchen bei der Kegelbahn diesem allem

mit Vergnügen zu. So sehr ihm auch das gute, verständige Betragen des

Mädchens, die Ruhe und der Ernst in ihren ansprechenden Zügen gefiel, noch

mehr interessierte ihn für jetzt der Bauer, welcher ihm, nachdem er ganz

befriedigt abgezogen, noch viel zu denken gab. Er hatte sich vollkommen in den

Mann hineinversetzt gefühlt, wie wichtig die geringe Angelegenheit von ihm

behandelt, wie ängstlich und gewissenhaft die Preise, bei einem Unterschied von

wenig Kreuzern, hin und her erwogen wurden. Und, dachte er, wenn nun der

Mann zu seinem Weibe heimkommt, ihr seinen Handel rühmt, die Kinder alle

passen, bis der Zwerchsack aufgeht, darin auch was für sie sein mag: sie aber

eilt, ihm einen Imbiß und einen frischen Trunk selbstgekelterten Obstmost zu

holen, darauf er seinen ganzen Appetit verspart hat!

 

Wer auch so glücklich wäre, so unabhängig von den Menschen! ganz nur auf die Natur gestellt und ihren Segen, wie sauer auch dieser erworben sein will!

 

Ist aber mir mit meiner Kunst ein anderes Tagwerk anbefohlen, das ich am

Ende doch mit keinem in der Welt vertauschen würde: warum muß ich dabei in

Verhältnissen leben, die das gerade Widerspiel von solch unschuldiger, einfacher

Existenz ausmachen? Ein Gütchen, wenn du hättest, ein kleines Haus bei einem

Dorf in schöner Gegend, du solltest wahrlich neu aufleben! Den Morgen über

fleißig bei deinen Partituren, die ganze übrige Zeit bei der Familie; Bäume

pflanzen, deinen Acker besuchen, im Herbst mit den Buben die Äpfel und die

Birn heruntertun; bisweilen eine Reise in die Stadt zu einer Aufführung und

sonst von Zeit zu Zeit ein Freund und mehrere bei dir – welch eine Seligkeit!

Nun ja, wer weiß, was noch geschieht!

 

Er trat vor den Laden, sprach freundlich mit dem Mädchen und fing an, ihren

Kram genauer zu betrachten. Bei der unmittelbaren Verwandtschaft, welche die

meisten dieser Dinge zu jenem idyllischen Anfluge hatten, zog ihn die

Sauberkeit, das Helle, Glatte, selbst der Geruch der mancherlei Holzarbeiten an.

Es fiel ihm plötzlich ein, verschiedenes für seine Frau, was ihr nach seiner

Meinung angenehm und nutzbar wäre, auszuwählen. Sein Augenmerk ging

zuvörderst auf Gartenwerkzeug. Konstanze hatte nämlich vor Jahr und Tag auf

seinen Antrieb ein Stückchen Land vor dem Kärnthner Tor gepachtet und etwas

Gemüse darauf gebaut, daher ihm jetzt fürs erste ein neuer großer Rechen, ein

kleinerer dito samt Spaten ganz zweckmäßig schien. Dann weiteres anlangend,

so macht es seinen ökonomischen Begriffen alle Ehre, daß er einem ihn sehr

appetitlich anlachenden Butterfaß nach kurzer Überlegung, wiewohl ungern,

entsagte, dagegen ihm ein hohes, mit Deckel und schön geschnitztem Henkel

versehenes Geschirr zu unmaßgeblichem Gebrauch einleuchtete. Es war aus

schmalen Stäben von zweierlei Holz, abwechselnd hell und dunkel,

zusammengesetzt, unten weiter als oben und innen trefflich ausgepicht.

Entschieden für die Küche empfahl sich eine schöne Auswahl Rührlöffel,

Wellhölzer, Schneidbretter und Teller von allen Größen sowie ein Salzbehälter

einfachster Konstruktion zum Aufhängen.

 

Zuletzt besah er sich noch einen derben Stock, dessen Handhabe mit Leder

und runden Messingnägeln gehörig beschlagen war. Da der sonderbare Kunde

auch hier in einiger Versuchung schien, bemerkte die Verkäuferin mit Lächeln,

das sei just kein Tragen für Herrn. »Du hast recht, mein Kind,« versetzte er. »Mir

deucht, die Metzger auf der Reise haben solche; weg damit! ich will ihn nicht.

Das übrige hingegen alles, was wir da ausgelesen haben, bringst du mir heute

oder morgen ins Haus.« Dabei nannte er ihr seinen Namen und die Straße. Er ging hierauf, um auszutrinken, an seinen Tisch, wo von den dreien nur noch

einer, ein Klempnermeister, saß.

 

»Die Kellnerin hat heut' mal einen guten Tag!« bemerkte der Mann. »Ihr

Vetter läßt ihr vom Erlös im Laden am Gulden einen Batzen.«

 

Mozart freute sich nun seines Einkaufs doppelt; gleich aber sollte seine

Teilnahme an der Person noch größer werden. Denn als sie wieder in die Nähe

kam, rief ihr derselbe Bürger zu: »Wie steht's, Kreszenz? Was macht der

Schlosser? Feilt er nicht bald sein eigen Eisen?«

 

»O was!« erwiderte sie im Weitereilen, »selbiges Eisen, schätz' ich, wächst

noch im Berg zuhinterst.«

 

»Es ist ein guter Tropf,« sagte der Klempner. »Sie hat lang' ihrem Stiefvater

hausgehalten und ihn in der Krankheit verpflegt, und da er tot war, kam's heraus,

daß er ihr Eigenes aufgezehrt hatte; zeither dient sie da ihrem Verwandten, ist

alles und alles im Geschäft, in der Wirtschaft und bei den Kindern. Sie hat mit

einem braven Gesellen Bekanntschaft und würde ihn je eher, je lieber heiraten;

das aber hat so seine Haken.«

 

»Was für? Er ist wohl auch ohne Vermögen?«

 

»Sie ersparten sich beide etwas, doch langt es nicht gar. Jetzt kommt mit

nächstem drinnen ein halber Hausteil samt Werkstatt in Gant; dem Seiler wär's

ein Leichtes, ihnen vorzuschießen, was noch zum Kaufschilling fehlt; allein er

läßt die Dirne natürlich nicht gern fahren. Er hat gute Freunde im Rat und bei der

Zunft: da findet der Geselle nun allenthalben Schwierigkeiten.«

 

»Verflucht!« fuhr Mozart auf, so daß der andere erschrak und sich umsah, ob

man nicht horche. »Und da ist niemand, der ein Wort nach dem Recht

dareinspräche? den Herrn eine Faust vorhielte? Die Schufte, die! Wart nur, man

kriegt euch noch beim Wickel!«

 

Der Klempner saß wie auf Kohlen. Er suchte das Gesagte auf eine

ungeschickte Art zu mildern, beinahe nahm er es völlig zurück. Doch Mozart

hörte ihn nicht an. »Schämt Euch, wie Ihr nun schwatzt! So macht's ihr Lumpen

allemal, sobald es gilt mit etwas einzustehen.« – Und hiermit kehrte er dem

Hasenfuß ohne Abschied den Rücken. Der Kellnerin, die alle Hände voll zu tun

hatte mit neuen Gästen, raunte er nur im Vorbeigehen zu: »Komme morgen

beizeiten, grüße mir deinen Liebsten! Ich hoffe, daß eure Sache gut geht.« Sie

stutzte nur und hatte weder Zeit noch Fassung, ihm zu danken.

 

Geschwinder als gewöhnlich, weil der Auftritt ihm das Blut etwas in Wallung brachte, ging er vorerst denselben Weg, den er gekommen, bis an das Glacis, auf

welchem er dann langsamer mit einem Umweg im weiten Halbkreis um die

Wälle wandelte. Ganz mit der Angelegenheit des armen Liebespaars beschäftigt,

durchlief er in Gedanken eine Reihe seiner Bekannten und Gönner, die auf die

eine oder andere Weise in diesem Fall etwas vermochten. Da indessen, bevor er

sich irgend zu einem Schritt bestimmte, noch nähere Erklärungen von seiten des

Mädchens erforderlich waren, beschloß er, diese ruhig abzuwarten, und war

nunmehr, mit Herz und Sinn den Füßen vorauseilend, bei seiner Frau zu Hause.

 

Mit innerer Gewißheit zählte er auf einen freundlichen, ja fröhlichen

Willkommen, Kuß und Umarmung schon auf der Schwelle, und Sehnsucht

verdoppelte seine Schritte beim Eintritt in das Kärntner Tor. Nicht weit davon

ruft ihn der Postträger an, der ihm ein kleines, doch gewichtiges Paket übergibt,

worauf er eine ehrliche und akkurate Hand augenblicklich erkennt. Er tritt mit

dem Boten, um ihn zu quittieren, in den nächsten Kaufladen; dann, wieder auf

der Straße, kann er sich nicht bis in sein Haus gedulden; er reißt die Siegel auf:

halb gehend, halb stehend, verschlingt er den Brief.

 

»Ich saß,« fuhr Madame Mozart hier in der Erzählung bei den Damen fort,

»am Nähtisch, hörte meinen Mann die Stiege heraufkommen und den Bedienten

nach mir fragen. Sein Tritt und seine Stimme kam mir beherzter, aufgeräumter

vor, als ich erwartete, und als mir wahrhaftig angenehm war. Erst ging er auf

sein Zimmer, kam aber gleich herüber. »Guten Abend!« sagt' er; ich, ohne

aufzusehen, erwiderte ihm kleinlaut. Nachdem er die Stube ein paarmal

stillschweigend gemessen, nahm er unter erzwungenem Gähnen die

Fliegenklatsche hinter der Tür, was ihm noch niemals eingefallen war, und

murmelte vor sich: »Wo nur die Fliegen gleich wieder herkommen!« – fing an zu

patschen da und dort, und zwar so stark wie möglich. Dies war ihm stets der

unleidlichste Ton, den ich in seiner Gegenwart nie hören lassen durfte. Hm,

dacht' ich, daß doch, was man selber tut, zumal die Männer, ganz etwas anders

ist! Übrigens hatte ich so viele Fliegen gar nicht wahrgenommen. Sein seltsames

Betragen verdroß mich wirklich sehr. – »Sechse auf einen Schlag!« rief er.

»Willst du sehen?« – Keine Antwort. – Da legte er mir etwas aufs Nähkissen hin,

daß ich es sehen mußte, ohne ein Auge von meiner Arbeit zu verwenden. Es war

nichts Schlechteres als ein Häufchen Gold, so viel man Dukaten zwischen zwei

Finger nimmt. Er setzte seine Possen hinter meinem Rücken fort, tat hin und

wieder einen Streich und sprach dabei für sich: »Das fatale, unnütze, schamlose

Gezücht! Zu was Zweck es nur eigentlich auf der Welt ist! – Patsch! – Offenbar

bloß, daß man's totschlage. – Pitsch! – Darauf verstehe ich mich einigermaßen,

darf ich behaupten. – Die Naturgeschichte belehrt uns über die erstaunliche Vermehrung dieser Geschöpfe. – Pitsch! Patsch! – In meinem Hause wird immer

sogleich damit aufgeräumt. – Ah maledette! disperate! – Hier wieder ein Stück

zwanzig! Magst du sie?« – Er kam und tat wie vorhin. Hatte ich bisher mit Mühe

das Lachen unterdrückt, länger war es unmöglich: ich platzte heraus, er fiel mir

um den Hals, und beide kicherten und lachten wir um die Wette.

 

»Woher kommt dir denn aber das Geld?« frag' ich, während daß er den Rest

aus dem Röllelchen schüttelt. – »Vom Fürsten Esterhazy! durch den Haydn! Lies

nur den Brief.« – Ich las:

 

»Eisenstadt u. s. w. Teuerster Freund! Seine Durchlaucht, mein gnädigster

Herr, hat mich zu meinem größesten Vergnügen damit betraut, Ihnen beifolgende

sechzig Dukaten zu übermachen. Wir haben jetzt Ihre Quartetten wieder

ausgeführt, und Seine Durchlaucht waren solchermaßen davon eingenommen

und befriediget, als bei dem erstenmal, vor einem Vierteljahre, kaum der Fall

gewesen. Der Fürst bemerkte mir (ich muß es wörtlich schreiben): ›Als Mozart

Ihnen diese Arbeit dedizierte, hat er geglaubt, nur Sie zu ehren, doch kann's ihm

nichts verschlagen, wenn ich zugleich ein Kompliment für mich darin erblicke.

Sagen Sie ihm, ich denke von seinem Genie bald so groß wie Sie selbst, und

mehr könn' er in Ewigkeit nicht verlangen!‹ – Amen! setz' ich hinzu. Sind Sie

zufrieden?

 

Postskript, der lieben Frau ins Ohr: Sorgen Sie gütigst, daß die Danksagung

nicht aufgeschoben werde! Am besten geschäh' es persönlich. Wir müssen so

guten Wind fein erhalten.«

 

»Du Engelsmann! o himmlische Seele!« rief Mozart ein übers anderemal, und

es ist schwer zu sagen, was ihn am meisten freute, der Brief oder des Fürsten

Beifall oder das Geld. Was mich betrifft, aufrichtig gestanden, mir kam das

letztere gerade damals höchst gelegen. Wir feierten noch einen sehr vergnügten

Abend.

 

Von der Affäre in der Vorstadt erfuhr ich jenen Tag noch nichts, die folgenden

ebensowenig; die ganze nächste Woche verstrich, keine Kreszenz erschien, und

mein Mann, in einem Strudel von Geschäften, vergaß die Sache bald. Wir hatten

an einem Sonnabend Gesellschaft: Hauptmann Wesselt, Graf Hardegg und

andere musizierten. In einer Pause werde ich hinausgerufen – da war nun die

Bescherung! Ich geh' hinein und frage: »Hast du Bestellung in der Alservorstadt

auf allerlei Holzware gemacht?« – »Potz Hagel, ja! Ein Mädchen wird da sein?

Laß sie nur hereinkommen!« – So trat sie denn in größter Freundlichkeit, einen

vollen Korb am Arm, mit Rechen und Spaten ins Zimmer, entschuldigte ihr

langes Ausbleiben: sie habe den Namen der Gasse nicht mehr gewußt und sich erst heut zurecht gefragt. Mozart nahm ihr die Sachen nacheinander ab, die er

sofort mit Selbstzufriedenheit mir überreichte. Ich ließ mir herzlich dankbar alles

und jedes wohlgefallen, belobte und pries; nur nahm es mich Wunder, wozu er

das Gartengeräte gekauft. – »Natürlich,« sagte er, »für dein Stückchen an der

Wien.« – »Mein Gott! das haben wir ja aber lange abgegeben, weil uns das

Wasser immer so viel Schaden tat und überhaupt gar nichts dabei herauskam. Ich

sagte dir's, du hattest nichts dawider.« – »Was? Und also die Spargeln, die wir

dies Frühjahr speisten« – »Waren immer vom Markt.« – »Seht,« sagt' er, »hätt'

ich das gewußt! Ich lobte sie dir so aus bloßer Artigkeit, weil du mich wirklich

dauerst mit deiner Gärtnerei; es waren Dingerl wie die Federspulen.«

 

Die Herrn belustigte der Spaß überaus; ich mußte einigen sogleich das

Überflüssige zum Andenken lassen. Als aber Mozart nun das Mädchen über ihr

Heiratsanliegen ausforschte, sie ermunterte, hier nur ganz frei zu sprechen, da

das, was man für sie und ihren Liebsten tun würde, in der Stille, glimpflich und

ohne jemandes Anklagen solle ausgerichtet werden, so äußerte sie sich

gleichwohl mit so viel Bescheidenheit, Vorsicht und Schonung, daß sie alle

Anwesenden völlig gewann und man sie endlich mit den besten Versprechungen

entließ.

 

»Den Leuten muß geholfen werden!« sagte der Hauptmann. »Die

Innungskniffe sind das wenigste dabei; hier weiß ich einen, der das bald in

Ordnung bringen wird. Es handelt sich um einen Beitrag für das Haus,

Einrichtungskosten und dergleichen. Wie, wenn wir ein Konzert für Fremde im

Trattnerischen Saal mit Entree ad libitum ankündigten?« – Der Gedanke fand

lebhaften Anklang. Einer der Herrn ergriff das Salzfaß und sagte: »Es müßte

jemand zur Einleitung einen hübschen historischen Vortrag tun, Herrn Mozarts

Einkauf schildern, seine menschenfreundliche Absicht erklären, und hier das

Prachtgefäß stellt man auf einen Tisch als Opferbüchse auf, die beiden Rechen

als Dekoration rechts und links dahinter gekreuzt.«

 

Dies nun geschah zwar nicht, hingegen das Konzert kam zu stande; es warf

ein Erkleckliches ab, verschiedene Beiträge folgten nach, daß das beglückte Paar

noch Überschuß hatte, und auch die andern Hindernisse waren schnell beseitigt.

Duscheks in Prag, unsre genausten Freunde dort, bei denen wir logieren,

vernahmen die Geschichte, und sie, eine gar gemütliche, herzige Frau, verlangte

von dem Kram aus Kuriosität auch etwas zu haben; so legt' ich denn das

Passendste für sie zurück und nahm es bei dieser Gelegenheit mit. Da wir

inzwischen unverhofft eine neue liebe Kunstverwandte finden sollten, die nah'

daran ist, sich den eigenen Herd einzurichten, und ein Stück gemeinen Hausrat, welches Mozart ausgewählt, gewißlich nicht verschmähen wird, will ich mein

Mitbringen halbieren, und Sie haben die Wahl zwischen einem schön

durchbrochenen Schokoladequirl und mehrgedachter Salzbüchse, an welcher

sich der Künstler mit einer geschmackvollen Tulpe verunköstigt hat. Ich würde

unbedingt zu diesem Stück raten: das edle Salz, soviel ich weiß, ist ein Symbol

der Häuslichkeit und Gastlichkeit, wozu wir alle guten Wünsche für Sie legen

wollen.«

 

So weit Madame Mozart. Wie dankbar und wie heiter alles von den Damen

auf- und angenommen wurde, kann man denken. Der Jubel erneuerte sich, als

gleich darauf bei den Männern oben die Gegenstände vorgelegt und das Muster

patriarchalischer Simplizität nun förmlich übergeben ward, welchem der Oheim

in dem Silberschranke seiner nunmehrigen Besitzerin und ihrer spätesten

Nachkommen keinen geringeren Platz versprach, als jenes berühmte Kunstwerk

des florentinischen Meisters in der Ambraser Sammlung entnehme.

 

Es war schon fast acht Uhr; man nahm den Tee. Bald aber sah sich unser

Musiker an sein schon am Mittag gegebenes Wort, die Gesellschaft näher mit

dem »Höllenbrand« bekannt zu machen, der unter Schloß und Riegel, doch zum

Glück nicht allzutief im Reisekoffer lag, dringend erinnert. Er war ohne Zögern

bereit. Die Auseinandersetzung der Fabel des Stücks hielt nicht lange auf, das

Textbuch wurde aufgeschlagen und schon brannten die Lichter am Fortepiano.

 

Wir wünschten wohl, unsere Leser streifte hier zum wenigsten etwas von jener

eigentümlichen Empfindung an, womit oft schon ein einzeln abgerissener, aus

einem Fenster beim Vorübergehen an unser Ohr getragener Akkord, der nur von

dorther kommen kann, uns wie elektrisch trifft und wie gebannt festhält, etwas

von jener süßen Bangigkeit, wenn wir in dem Theater, solange das Orchester

stimmt, dem Vorhang gegenüber sitzen. Oder ist es nicht so? Wenn auf der

Schwelle jedes erhabenen tragischen Kunstwerks, es heiße Macbeth, Ödipus

oder wie sonst, ein Schauer der ewigen Schönheit schwebt, wo träfe dies in

höherem, auch nur in gleichem Maße zu, als eben hier? Der Mensch verlangt

und scheut zugleich, aus seinem gewöhnlichen Selbst vertrieben zu werden, er

fühlt, das Unendliche wird ihn berühren, das seine Brust zusammenzieht, indem

es sie ausdehnen und den Geist gewaltsam an sich reißen will. Die Ehrfurcht vor

der vollendeten Kunst tritt hinzu; der Gedanke, ein göttliches Wunder genießen,

es als ein Verwandtes in sich aufnehmen zu dürfen, zu können, führt eine Art

von Rührung, ja von Stolz mit sich, vielleicht den glücklichsten und reinsten,

dessen wir fähig sind.

 

Unsere Gesellschaft aber hatte damit, daß sie ein uns von Jugend auf völlig zu eigen gewordenes Werk jetzt erstmals kennen lernen sollte, einen von unserem

Verhältnis unendlich verschiedenen Stand, und, wenn man das beneidenswerte

Glück der persönlichen Vermittlung durch den Urheber abrechnet, bei weitem

nicht den günstigen wie wir, da eine reine und vollkommene Auffassung

eigentlich niemand möglich war, auch in mehr als einem Betracht selbst dann

nicht möglich gewesen sein würde, wenn das Ganze unverkürzt hätte mitgeteilt

werden können.

 

Von achtzehn fertig ausgearbeiteten Nummern 42 gab der Komponist

vermutlich nicht die Hälfte (wir finden in dem unserer Darstellung zu Grunde

liegenden Bericht nur das letzte Stück dieser Reihe, das Sextett, ausdrücklich

angeführt), er gab sie meistens, wie es scheint, in einem freien Auszug, bloß auf

dem Klavier und sang stellenweise darein, wie es kam und sich schickte. Von der

Frau ist gleichfalls nur bemerkt, daß sie zwei Arien vorgetragen habe. Wir

möchten uns, da ihre Stimme so stark als lieblich gewesen sein soll, die erste der

Donna Anna (»Du kennst den Verräter«) und eine von den beiden der Zerline

dabei denken.

42 Bei dieser Zählung ist zu wissen, daß Elviras Arie mit dem Rezitativ und

Leporellos »Hab's verstanden« nicht ursprünglich in der Oper enthalten gewesen.

 

Genau genommen waren, dem Geist, der Einsicht, dem Geschmacke nach,

Eugenie und ihr Verlobter die einzigen Zuhörer, wie der Meister sie sich

wünschen mußte, und jene war es sicher ungleich mehr als dieser. Sie saßen

beide tief im Grunde des Zimmers, das Fräulein regungslos, wie eine Bildsäule,

und in die Sache aufgelöst auf einen solchen Grad, daß sie auch in den kurzen

Zwischenräumen, wo sich die Teilnahme der übrigen bescheiden äußerte oder

die innere Bewegung sich unwillkürlich mit einem Ausruf der Bewunderung

Luft machte, die von dem Bräutigam an sie gerichteten Worte immer nur

ungenügend zu erwidern vermochte.

 

Als Mozart mit dem überschwenglich schönen Sextett geschlossen hatte und

nach und nach ein Gespräch aufkam, schien er vornehmlich einzelne

Bemerkungen des Barons mit Interesse und Wohlgefallen aufzunehmen. Es

wurde vom Schlusse der Oper die Rede sowie von der vorläufig auf den Anfang

Novembers anberaumten Aufführung, und da jemand meinte, gewisse Teile des

Finale möchten noch eine Riesenaufgabe sein, so lächelte der Meister mit einiger

Zurückhaltung; Konstanze aber sagte zu der Gräfin hin, daß er es hören mußte:

»Er hat noch was in petto, womit er geheim tut, auch vor mir.«

 

»Du fällst,« versetzte er, »aus deiner Rolle, Schatz, daß du das jetzt zur

Sprache bringst; wenn ich nun Lust bekäme, von neuem anzufangen? Und in der

Tat, es juckt mich schon.«

 

»Leporello!« rief der Graf, lustig aufspringend, und winkte einem Diener.

»Wein! Sillery, drei Flaschen!«

 

»Nicht doch! damit ist es vorbei: mein Junker hat sein letztes im Glase.«

 

»Wohl bekomm's ihm – und jedem das Seine!«

 

»Mein Gott, was hab' ich da gemacht!« lamentierte Konstanze mit einem

Blick auf die Uhr. »Gleich ist es elfe, und morgen früh soll's fort. Wie wird das

gehen?«

 

»Es geht halt gar nicht, Beste, nun schlechterdings gar nicht.«

 

»Manchmal,« fing Mozart an, »kann sich doch ein Ding sonderbar fügen. Was

wird denn meine Stanzl sagen, wenn sie erfährt, daß eben das Stück Arbeit, das

sie nun hören soll, um eben diese Stunde in der Nacht, und zwar gleichfalls vor

einer angesetzten Reise, zur Welt geboren ist?«

 

»Wär's möglich? Wann? Gewiß vor drei Wochen, wie du nach Eisenstadt wolltest!«

 

»Getroffen! Und das begab sich so. Ich kam nach zehne – du schliefst schon

fest – von Richters Essen heim und wollte versprochenermaßen auch bälder zu

Bett, um morgens beizeiten heraus und in den Wagen zu steigen. Inzwischen

hatte Veit, wie gewöhnlich, die Lichter auf dem Schreibtisch angezündet, ich zog

mechanisch den Schlafrock an, und fiel mir ein, geschwind mein letztes Pensum

noch einmal anzusehen. Allein, o Mißgeschick! Verwünschte, ganz unzeitige

Geschäftigkeit der Weiber! Du hattest aufgeräumt, die Noten eingepackt – die

mußten nämlich mit: der Fürst verlangte eine Probe von dem Opus; ich suchte,

brummte, schalt – umsonst! Darüber fällt mein Blick auf ein versiegeltes Kuvert:

vom Abbate, den greulichen Haken nach auf der Adresse – ja wahrscheinlich!

und schickt mir den umgearbeiteten Rest seines Textes, den ich vor Monatsfrist

noch nicht zu sehen hoffte. Sogleich sitz' ich begierig hin und lese und bin

entzückt, wie gut der Kauz verstand, was ich wollte. Es war alles weit simpler,

gedrängter und reicher zugleich. Sowohl die Kirchhofsszene wie das Finale bis

zum Untergang des Helden hat in jedem Betracht sehr gewonnen. (Du sollst mir

aber auch, dacht' ich, vortrefflicher Poet, Himmel und Hölle nicht unbedankt

zum zweitenmal beschworen haben!) Nun ist es sonst meine Gewohnheit nicht,

in der Komposition etwas vorauszunehmen, und wenn es noch so lockend wäre!

das bleibt eine Unart, die sich sehr übel bestrafen kann. Doch gibt es

Ausnahmen, und kurz, der Auftritt bei der Reiterstatue des Gouverneurs, die

Drohung, die vom Grabe des Erschlagenen her urplötzlich das Gelächter des

Nachtschwärmers haarsträubend unterbricht, war mir bereits in die Krone

gefahren. Ich griff einen Akkord und fühlte, ich hatte an der rechten Pforte

angeklopft, dahinter schon die ganze Legion von Schrecken beieinander liege,

die im Finale loszulassen sind. So kam für's erste ein Adagio heraus: D-Moll,

vier Takte nur, darauf ein zweiter Satz mit fünfen; es wird, bild' ich mir ein, auf

dem Theater etwas Ungewöhnliches geben, wo die stärksten Blasinstrumente die

Stimme begleiten. Einstweilen hören Sie's, so gut es sich hier machen läßt.«

 

Er löschte ohne weiteres die Kerzen der beiden neben ihm stehenden

Armleuchter aus, und jener furchtbare Choral »Dein Lachen endet vor der

Morgenröte« erklang durch die Totenstille des Zimmers. Wie von entlegenen

Sternenkreisen fallen die Töne aus silbernen Posaunen, eiskalt, Mark und Seele

durchschneidend, herunter durch die blaue Nacht.

 

»Wer ist hier? Antwort!« hörte man Don Juan fragen. Da hebt es wieder an,

eintönig wie zuvor, und gebietet dem ruchlosen Jüngling, die Toten in Ruhe zu

lassen.

Nachdem diese dröhnenden Klänge bis auf die letzte Schwingung in der Luft

verhallt waren, fuhr Mozart fort: »Jetzt gab es für mich begreiflicherweise kein

Aufhören mehr. Wenn erst das Eis einmal an einer Uferstelle bricht, gleich

kracht der ganze See und klingt bis an den entferntesten Winkel hinunter. Ich

ergriff unwillkürlich denselben Faden weiter unten bei Don Juans Nachtmahl

wieder, wo Donna Elvira sich eben entfernt hat und das Gespenst der Einladung

gemäß erscheint. – Hören Sie an!«

 

Es folgte nun der ganze lange, entsetzenvolle Dialog, durch welchen auch der

Nüchternste bis an die Grenze menschlichen Vorstellens, ja über sie hinaus

gerissen wird, wo wir das Übersinnliche schauen und hören und innerhalb der

eigenen Brust von einem Äußersten zum andern willenlos uns hin und her

geschleudert fühlen.

 

Menschlichen Sprachen schon entfremdet, bequemt sich das unsterbliche

Organ des Abgeschiedenen, noch einmal zu reden. Bald nach der ersten

fürchterlichen Begrüßung, als der Halbverklärte die ihm gebotene irdische

Nahrung verschmäht, wie seltsam schauerlich wandelt seine Stimme auf den

Sprossen einer luftgewebten Leiter unregelmäßig auf und nieder! Er fordert

schleunigen Entschluß zur Buße: kurz ist dem Geist die Zeit gemessen, weit,

weit, weit ist der Weg! Und wenn nun Don Juan, im ungeheuren Eigenwillen den

ewigen Ordnungen trotzend, unter dem wachsenden Andrang der höllischen

Mächte ratlos ringt, sich sträubt und windet und endlich untergeht, noch mit dem

vollen Ausdruck der Erhabenheit in jeder Gebärde: wem zitterten nicht Herz und

Nieren vor Lust und Angst zugleich? Es ist ein Gefühl, ähnlich dem, womit man

das prächtige Schauspiel einer unbändigen Naturkraft, den Brand eines

herrlichen Schiffes anstaunt. Wir nehmen wider Willen gleichsam Partei für

diese blinde Größe und teilen knirschend ihren Schmerz im reißenden Verlauf

ihrer Selbstvernichtung.

 

Der Komponist war am Ziele. Eine Zeitlang wagte niemand, das allgemeine

Schweigen zuerst zu brechen.

 

»Geben Sie uns,« fing endlich mit noch beklemmtem Atem die Gräfin an,

»geben Sie uns, ich bitte Sie, einen Begriff, wie Ihnen war, da Sie in jener Nacht

die Feder weglegten!«

 

Er blickte, wie aus einer stillen Träumerei ermuntert, helle zu ihr auf, besann

sich schnell und sagte, halb zu der Dame, halb zu seiner Frau: »Nun ja, mir

schwankte wohl zuletzt der Kopf. Ich hatte dies verzweifelte Dibattimento bis zu

dem Chor der Geister in einer Hitze fort beim offenen Fenster zu Ende

geschrieben und stand nach einer kurzen Rast vom Stuhl auf, im Begriff, nach deinem Kabinett zu gehen, damit wir noch ein bißchen Plaudern und sich mein

Blut ausgleiche. Da machte ein überquerer Gedanke mich mitten im Zimmer still

stehen.« (Hier sah er zwei Sekunden lang zu Boden, und sein Ton verriet beim

folgenden eine kaum merkbare Bewegung.) »Ich sagte zu mir selbst: Wenn du

noch diese Nacht wegstürbest und müßtest deine Partitur an diesem Punkte

verlassen: ob dir's auch Ruh' im Grabe ließ? – Mein Auge hing am Docht des

Lichts in meiner Hand und auf den Bergen von abgetropftem Wachs. Ein

Schmerz bei dieser Vorstellung durchzückte mich einen Moment; dann dacht' ich

weiter: Wenn denn hernach über kurz oder lang ein anderer, vielleicht gar so ein

Welscher, die Oper zu vollenden bekäme und fände von der Introduktion bis

Numero siebzehn mit Ausnahme einer Piece alles sauber beisammen, lauter

gesunde, reife Früchte ins hohe Gras geschüttelt, daß er sie nur auflesen dürfte,

ihm graute aber doch ein wenig vor der Mitte des Finale, und er fände alsdann

unverhofft den tüchtigen Felsbrocken da insoweit schon beiseite gebracht: er

möchte drum nicht übel in das Fäustchen lachen! Vielleicht wär' er versucht,

mich um die Ehre zu betrügen. Er sollte aber wohl die Finger dran verbrennen:

da wär' noch immerhin ein Häuflein guter Freunde, die meinen Stempel kennen

und mir, was mein ist, redlich sichern würden. – Nun ging ich, dankte Gott mit

einem vollen Blick hinauf und dankte, liebes Weibchen, deinem Genius, der dir

so lange seine beiden Hände sanft über die Stirne gehalten, daß du fortschliefst,

wie eine Ratze, und mich kein einzig Mal anrufen konntest. Wie ich dann aber

endlich kam und du mich um die Uhr befrugst, log ich dich frischweg ein paar

Stunden jünger, als du warst; denn es ging stark auf viere. Und nun wirst du

begreifen, warum du mich um sechse nicht aus den Federn brachtest, der

Kutscher wieder heimgeschickt und auf den andern Tag bestellt werden mußte.«

 

»Natürlich!« versetzte Konstanze. »Nur bilde sich der schlaue Mann nicht ein,

man sei so dumm gewesen, nichts zu merken! Deswegen brauchtest du mir

deinen schönen Vorsprung fürwahr nicht zu verheimlichen.«

 

»Auch war es nicht deshalb.«

 

»Weiß schon – du wolltest deinen Schatz vorerst noch unbeschrieen haben.«

 

»Mich freut nur,« rief der gutmütige Wirt, »daß wir morgen nicht nötig haben,

ein edles Wiener Kutscherherz zu kränken, wenn Herr Mozart partout nicht

aufstehen kann. Die Ordre ›Hans, spann wieder aus!‹ tut jederzeit sehr weh.«

 

Diese indirekte Bitte um längeres Bleiben, mit der sich die übrigen Stimmen

im herzlichsten Zuspruch verbanden, gab den Reisenden Anlaß zu

Auseinandersetzung sehr triftiger Gründe dagegen; doch verglich man sich gerne

dahin, daß nicht zu zeitig aufgebrochen und noch vergnügt zusammen gefrühstückt werden solle.

 

Man stand und drehte sich noch eine Zeitlang in Gruppen schwatzend

umeinander. Mozart sah sich nach jemanden um, augenscheinlich nach der

Braut; da sie jedoch gerade nicht zugegen war, so richtete er naiverweise die ihr

bestimmte Frage unmittelbar an die ihm nahestehende Franziska: »Was denken

Sie denn nun im ganzen von unserm Don Giovanni? Was können Sie ihm Gutes

prophezeihen?«

 

»Ich will,« versetzte sie mit Lachen, »im Namen meiner Base so gut

antworten, als ich kann. Meine einfältige Meinung ist, daß, wenn Don Giovanni

nicht aller Welt den Kopf verrückt, so schlägt der liebe Gott seinen Musikkasten

gar zu – auf unbestimmte Zeit, heißt das – und gibt der Menschheit zu

verstehen –« »Und gibt der Menschheit,« fiel der Onkel verbessernd ein, »den

Dudelsack in die Hand und verstocket die Herzen der Leute, daß sie anbeten

Baalim.«

 

»Behüt uns Gott!« lachte Mozart. »Je nun, im Lauf der nächsten sechzig,

siebzig Jahre, nachdem ich lang' fort bin, wird mancher falsche Prophet

aufstehen.«

 

Eugenie trat mit dem Baron und Max herbei, die Unterhaltung hob sich

unversehens auf ein Neues, ward nochmals ernsthaft und bedeutend, so daß der

Komponist, eh' die Gesellschaft auseinander ging, sich noch gar mancher

schönen, bezeichnenden Äußerung erfreute, die seiner Hoffnung schmeichelte.

 

Erst lange nach Mitternacht trennte man sich; keines empfand bis jetzt, wie

sehr es der Ruhe bedurfte.

 

Den andern Tag (das Wetter gab dem gestrigen nichts nach) um zehn Uhr sah

man einen hübschen Reisewagen, mit den Effekten beider Wiener Gäste bepackt,

im Schloßhof stehen. Der Graf stand mit Mozart davor, kurz ehe die Pferde

herausgeführt wurden, und fragte, wie er ihm gefalle.

 

»Seht gut; er scheint äußerst bequem.«

 

»Wohlan, so machen Sie mir das Vergnügen und behalten Sie ihn zu meinem

Andenken!«

 

»Wie? Ist das Ernst?«

 

»Was wär' es sonst!«

 

»Heiliger Sixtus und Calixtus! – Konstanze! du!« rief er zum Fenster hinauf,

wo sie mit den andern heraus sah. »Der Wagen soll mein sein! Du fährst künftig in deinem eigenen Wagen!«

 

Er umarmte den schmunzelnden Geber, betrachtete und umging sein neues

Besitztum von allen Seiten, öffnete den Schlag, warf sich hinein und rief heraus:

»Ich dünke mich so vornehm und so reich wie Ritter Gluck. Was werden sie in

Wien für Augen machen!« – »Ich hoffe,« sagte die Gräfin, »Ihr Fuhrwerk

wiederzusehn bei der Rückkehr von Prag, mit Kränzen um und um behangen!«

 

Nicht lang' nach diesem letzten fröhlichen Auftritt setzte sich der vielbelobte

Wagen mit dem scheidenden Paare wirklich in Bewegung und fuhr im raschen

Trab nach der Landstraße zu. Der Graf ließ sie bis Wittingau fahren, wo

Postpferde genommen werden sollten.

 

Wenn gute, vortreffliche Menschen durch ihre Gegenwart vorübergehend

unser Haus belebten, durch ihren frischen Geistesodem auch unser Wesen in

neuen raschen Schwung versetzten und uns den Segen der Gastfreundschaft in

vollem Maße zu empfinden gaben, so läßt ihr Abschied immer eine

unbehagliche Stockung, zum mindesten für den Rest des Tags, bei uns zurück,

wofern wir wieder ganz nur auf uns selber angewiesen sind.

 

Bei unsern Schloßbewohnern traf wenigstens das letztere nicht zu. Franziskas

Eltern nebst der alten Tante fuhren zwar alsbald auch weg; die Freundin selbst

indes, der Bräutigam, Max ohnehin verblieben noch, Eugenien, von welcher

vorzugsweise hier die Rede ist, weil sie das unschätzbare Erlebnis tiefer als alle

ergriff, ihr, sollte man denken, konnte nichts fehlen, nichts genommen oder

getrübt sein: ihr reines Glück in dem wahrhaft geliebten Mann, das erst soeben

seine förmliche Bestätigung erhielt, mußte alles andre verschlingen, vielmehr

das Edelste und Schönste, wovon ihr Herz bewegt sein konnte, mußte sich

notwendig mit jener seligen Fülle in eines verschmelzen. So wäre es auch wohl

gekommen, hätte sie gestern und heute der bloßen Gegenwart, jetzt nur dem

reinen Nachgenuß derselben leben können. Allein am Abend schon bei den

Erzählungen der Frau war sie von leiser Furcht für ihn, an dessen liebenswertem

Bild sie sich ergötzte, geheim beschlichen worden; diese Ahnung wirkte

nachher, die ganze Zeit als Mozart spielte, hinter allem unsäglichen Reiz, durch

alle das geheimnisvolle Grauen der Musik hindurch im Grund ihres Bewußtseins

fort, und endlich überraschte, erschütterte sie das, was er selbst in der nämlichen

Richtung gelegentlich von sich erzählte. Es ward ihr so gewiß, so ganz gewiß,

daß dieser Mann sich schnell und unaufhaltsam in seiner eigenen Glut verzehre, daß er nur eine flüchtige Erscheinung auf der Erde sein könne, weil sie den

Überfluß, den er verströmen würde, in Wahrheit nicht ertrüge.

 

Dies, neben vielem andern, ging, nachdem sie sich gestern niedergelegt, in

ihrem Busen auf und ab, während der Nachhall Don Juans verworren noch lange

fort ihr inneres Gehör einnahm. Erst gegen Tag schlief sie ermüdet ein.

 

Die drei Damen hatten sich nunmehr mit ihren Arbeiten in den Garten gesetzt,

die Männer leisteten ihnen Gesellschaft, und da das Gespräch natürlich zunächst

nur Mozart betraf, so verschwieg auch Eugenie ihre Befürchtungen nicht. Keins

wollte dieselben im mindesten teilen, wiewohl der Baron sie vollkommen

begriff. Zur guten Stunde, in recht menschlich reiner, dankbarer Stimmung

pflegt man sich jeder Unglücksidee, die einen gerade nicht unmittelbar angeht,

aus allen Kräften zu erwehren. Die sprechendsten, lachendsten Gegenbeweise

wurden, besonders vom Oheim, vorgebracht, und wie gerne hörte nicht Eugenie

alles an! Es fehlte nicht viel, so glaubte sie wirklich zu schwarz gesehen zu

haben.

 

Einige Augenblicke später, als sie durchs große Zimmer oben ging, das eben

gereinigt und wieder in Ordnung gebracht worden war, und dessen vorgezogene

gründamastene Fenstergardinen nur ein sanftes Dämmerlicht zuließen, stand sie

wehmütig vor dem Klaviere still. Durchaus war es ihr wie ein Traum zu denken,

wer noch vor wenigen Stunden davor gesessen habe. Lang' blickte sie

gedankenvoll die Tasten an, die er zuletzt berührt, dann drückte sie leise den

Deckel zu und zog den Schlüssel ab in eifersüchtiger Sorge, daß so bald keine

andere Hand wieder öffne. Im Weggehn stellte sie beiläufig einige Liederhefte

an ihren Ort zurück: es fiel ein älteres Blatt heraus, die Abschrift eines

böhmischen Volksliedchens, das Franziska früher, auch wohl sie selbst,

manchmal gesungen. Sie nahm es auf, nicht ohne darüber betreten zu sein. In

einer Stimmung, wie die ihrige, wird der natürlichste Zufall leicht zum Orakel.

Wie sie es aber auch verstehen wollte, der Inhalt war derart, daß ihr, indem sie

die einfachen Verse wieder durchlas, heiße Tränen entfielen.

 

Ein Tännlein grünet wo,

Wer weiß, im Walde,

Ein Rosenstrauch, wer sagt,

In welchem Garten?

Sie sind erlesen schon,

Denk es, o Seele!

Auf deinem Grab zu wurzeln

Und zu wachsen.

Zwei schwarze Rößlein weiden

Auf der Wiese,

Sie kehren heim zur Stadt

In muntern Sprüngen.

Sie werden schrittweis gehn

Mit deiner Leiche,

Vielleicht, vielleicht noch eh'

An ihren Hufen

Das Eisen los wird,

Das ich blitzen sehe.

 

Dekoration

Zu Geschenkzwecken eignen sich besonders:

 

Goethe-Briefe

 

in kleiner Auswahl

 

2 Bände, herausgegeben und biographisch erläutert von Dr. Wilhelm Bode,

Weimar.

 

Preis in 2 dauerhaften Dermatoidbänden je 1 Mark

Preis in 1 eleganten Lederband mit Goldschnitt 4 Mark

 

Schillers ausgewählte Briefe

 

2 Bände, ausgewählt und eingeleitet von Prof. Dr. Eugen Kühnemann, Posen.

 

Preis in 2 dauerhaften Dermatoidbänden je 1 Mark

Preis in 1 eleganten Lederband mit Goldschnitt 4 Mark

 

Die Dermatoidbände zu 1 Mark sind einzeln käuflich.

 

Schillerbuch

 

Enthaltend Einleitung über Schillers Leben von Dr. O. E. Lessing; die Glocke,

sämtl. Balladen, Tell. Mit Bild Schillers. Preis geb. 1 Mark.

 

Druck von Grimme & Trömel in Leipzig.