Der Tor

Bernhard Kellermann · Kapitel 14 von 42

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Der Tor

Dreizehntes Kapitel

 

Guten Tag, Mütterchen!“ sagte Eisenhut zu dem schmächtigen Mädchen, das die Türe öffnete. Er deutete auf Grau und fügte geheimnisvoll hinzu: „Hier ist

ein Herr vom Gericht, der etwas von Ihnen will!“

Mütterchen krümmte sich zusammen und lugte scheu durch die Brille, aber sie

versuchte zu lächeln.

„Keineswegs!“ rief Grau aus und zog den Hut und trat näher. „Herr Eisenhut

scherzt. Ich komme lediglich —“

Eisenhut lachte. „Nein,“ unterbrach er Grau, „haben Sie keine Angst,

Mütterchen, es ist ein Herr, der Sie besuchen will, Herr Vikar Grau.“

Grau verbeugte sich und sagte, daß er so glücklich gewesen sei, Herrn Lenz

kennen zu lernen, einen ausgezeichneten und interessanten Mann, Herr Lenz

habe ihn zu einem Besuche aufgefordert.

Mütterchen öffnete den welken Mund, ging ein paar kleine Schritte rückwärts

und verbeugte sich schüchtern und mädchenhaft. Sie war klein, schmal,

hüftenlos wie ein Mädchen. Mit den pechschwarzen Haaren und der gebogenen

Nase sah sie wie eine kleine zusammengeschrumpfte Jüdin aus. Sie starrte mit

großen fragenden Augen, die wie bestaubter schwarzer Samt aussahen, zu Grau

empor, dann schüttelte sie langsam den Kopf.

„Sie haben ihn gesehen?“ fragte sie leise und singend, und ihre Stimme

zitterte. „Er ist nicht hier!“ Sie schüttelte traurig den Kopf, dann fügte sie ganz

leise hinzu: „Er wird noch zu tun haben.“ Sie versuchte zu lächeln.

„Ja, er wird noch zu tun haben, auf ein Haar!“ rief Eisenhut boshaft aus und

ging hinein ins Haus.

Mütterchen stand ratlos, sie wußte nicht, was sie tun sollte. Sie zog den

verblichenen türkischen Schal enger um die schmalen Schultern und blickte

Grau hilflos an.

Aber Grau ging nicht.

Er sah Mütterchen an, die Türe, das Haus, er blickte auf die matten dunkeln

Fenster, er wandte den Blick wiederum auf Mütterchen.

„Wie fatal, wie fatal!“ sagte er, und es hatte den Anschein als wolle er gehen.

Aber er ging nicht. Er sann nach, errötete und begann plötzlich hastig zu

sprechen. Ja, wie unangenehm es ihm doch wäre, den Herren nicht anzutreffen.

Er habe sich so darauf gefreut mit ihm zu sprechen. Und vieles mehr.

„Könnte ich nicht auf ihn warten?“

„Warten?“

„Ja, warten, auf ihn warten!“ wiederholte Grau und sah aus, als horche er in

sich hinein. Er blickte wiederum auf das Haus, die Fenster, und fügte hinzu:

„Wäre es nicht möglich, daß er gerade jetzt käme? Aber natürlich, im Falle ich

stören sollte? Gewiß erscheine ich Ihnen zudringlich, Frau Lenz.“

„Stören?“ Mütterchen lächelte und schüttelte den Kopf. „Der Herr stören

keineswegs,“ flüsterte sie, „wenn der Herr mir die Ehre antun wollen?“ Sie trat

zurück und forderte Grau mit einer linkischen, rührenden Verbeugung auf

einzutreten.

„Die Ehrung ist auf meiner Seite!“ sagte Grau freudig und verbeugte sich

ehrerbietig vor Mütterchen. „Wie liebenswürdig von Ihnen, Frau Lenz!“

Mütterchen öffnete eine Türe zur rechten Hand. Das erste, was Grau sah, als

er in das von verbrauchter warmer Luft erfüllte Zimmer eintrat, war der am

Boden hinhuschende Schein eines Feuers und zwei glänzende, große Augen in

einem fahlen, mageren Gesicht. Ein krankes, zwerghaftes Mädchen saß in einem

Lehnstuhle, eine Decke über den Knien. Sie heftete unausgesetzt die großen

Augen mit einem forschenden, starren Blick auf ihn. Das also ist Susanna,

dachte Grau, von der der Lehrer sprach. Unwillkürlich wurde er kleiner, er

duckte sich und sah nun nicht mehr so heiter aus.

„Hier ist ein Herr, Susanna,“ sagte Mütterchen leise. „Herr —?“

„Grau!“ Grau lächelte. Er ging auf die Kranke zu und begrüßte sie. Sie legte

ihre kleine gelbe Hand in die seinige, ohne auch nur eine Sekunde den Blick von

ihm zu wenden. Sie machte auch einen Versuch aufzustehen, aber Grau erlaubte

es nicht.

„Wie schön!“ sagte Susanna. „Seien Sie herzlich willkommen. Es ist so selten,

daß uns jemand besucht, so daß es mir stets wie ein Traum erscheint. Ach,

Mütterchen, gib dem Herrn einen Stuhl.“ Graus Herz begann zu pochen, als

Susanna zu sprechen anfing.

Susanna sprach mit einer hohen dünnen Stimme und sehr leise. Wie

Mütterchen so sang auch sie beim Sprechen ein wenig, aber ihre Stimme schien

gleichsam durch eine Wand zu kommen. Ihre Augen aber glänzten wie schwarze

Spiegel, während sie sprach, und sie sahen ihn unausgesetzt an. Die Lider

schienen nicht zu zucken. Sie sah gealtert aus und doch sah man, daß sie jung

und noch nicht zwanzig Jahre alt war. Sie hatte ein Gesicht wie ein seltsamer Vogel. Ihr Hals war dünn und gelb und zwei schmale Sehnen hielten den kleinen,

abgemagerten, vorgebeugten Kopf. Die Augen lagen tief und füllten die ganzen

Augenhöhlen aus. Die Haare waren schwarz und glatt über der niedrigen Stirne

gescheitelt, zwei dünne, straffgeflochtene Zöpfchen hingen über die Ohren

herab, in denen sie Ringe mit langen silbernen Quasten trug.

Grau bestellte die Grüße, die ihm die Mädchen aufgetragen hatten, und

erzählte, welcher Zufall ihn hierher bringe.

„Die Schwestern werden Sie morgen besuchen,“ fügte er hinzu.

Susanna lächelte ein wenig. Es war ein kleines, glückliches Lächeln, das nur

mühsam den langen Weg vom Herzen bis zu den Lippen zu finden schien.

„Danke!“ sagte sie und blickte Grau an. „Ich habe auch schon von Ihnen gehört,

Herr Grau,“ fügte sie hinzu, „und ich habe gewünscht Sie zu sehen — und nun

sind Sie hier. — Wie eigentümlich ist doch das? Aber noch merkwürdiger ist es,

daß ich mir gedacht habe, das muß Herr Grau sein, der mit Herrn Eisenhut über

die Wiese kommt. Nicht wahr? Ich fühlte es. Ich weiß nicht warum.“ Sie sah

Grau abermals aufmerksam an und drehte den Kopf etwas zur Seite, wie um

besser seine Augen sehen zu können.

„Das ist eigentümlich!“ sagte Grau lächelnd. „Und doch hat jeder Mensch das

so und so oft erlebt. Zum Beispiel als ich hier ankam, sah ich im Friedhof einen

Herrn und als ich später von Herrn Eisenhut reden hörte, wußte ich, daß er jener

Herr sein müsse, er und kein anderer.“

„Er war es auch?“

„Ja.“

„Merkwürdig. Vielen Dank für die Grüße, Herr Grau. Ich sah sie alle fünf

über die Brücke gehen. Es waren die Schwestern Sinding von der

Buchhandlung, sie sind Zwillinge, Klara und Maria Sinding. Sie sollten sie

kennen, so gut sind sie, so treu und schlicht. Und dann war ja auch die andere

dabei, nicht wahr?“ Susanna blickte fragend in Graus Augen. „Haben Sie die

andere gesehen?“

„Fräulein von Hennenbach?“

„Ja, ja, ja! Haben Sie sie genau angesehen? Wie hat Sie Ihnen gefallen?“ Sie

lächelte.

Sie war so gelb, so wächsern, so häßlich mit ihrer Hakennase, den

eingefallenen Wangen und der niedern Stirn, aber sobald sie lächelte, sah man all

das nicht mehr, man sah nur das Lächeln; es verzauberte ihre Wangen, daß sie

jung und süß wurden, ihre Lippen kräuselten sich und enthüllten eine Reihe

schneeweißer Zähne, die Augenbrauen zogen sich ein wenig an der Nasenwurzel

in die Höhe, der Glanz ihrer Augen veränderte sich. Wenn sie darauf sprach, so

war das Lächeln gleichsam in ihrer Stimme, sie wurde sanfter und singender. Mit dieser lächelnden Stimme wiederholte sie: „Nun, wie hat sie Ihnen gefallen?“

„Wie schön sie doch ist!“ sagte Grau und lächelte ebenfalls.

Susanna nickte ein paarmal. „Ja, wie schön sie doch ist!“ sagte sie. „Sie ist

berückend schön, ja! Wenn die zu mir kommt — und sie scheut sich nicht

zuweilen zu mir zu kommen, so stolz sie auch ist, wir sind Schulfreundinnen,

müssen Sie wissen — wenn sie nun eintritt in das kleine Zimmer hier, so ist es

mir, als wäre es Mai, Mai, und ich fühle mich gesund und stark und so reich

werde ich plötzlich im Herzen. So schön ist sie! Ich liebe sie! Wie stolz sie geht!

Ganz anders wie andere Menschen! Wie langsam sie den Kopf bewegt! Ich liebe

es schöne Menschen zu sehen, ich liebe es, man fühlt sich selbst schön bei ihrem

Anblick. Ich liebe Adele besonders. Wenn ich ein Mann wäre, so würde ich nicht

eher ruhen, als bis sie mich wiederliebte. Nun es waren ja auch alle Männer der

Stadt in sie verliebt!“

Grau lächelte. „Jetzt nicht mehr?“ fragte er.

„Freilich, aber sie hüten sich wohl es laut werden zu lassen,“ fuhr sie

geheimnistuerisch fort, „denn sie hat sich über alle, alle lustig gemacht. Sie hat

in Gesellschaft wieder erzählt, was sie zu ihr sagten — nun, das war ja vielleicht

nicht recht von ihr — sie haben es alle wieder hören müssen, und dann — dann

sagen sie auch, sie lege es darauf an, jeden Mann an sich zu ziehen — aber das

ist ja immer so — auch er“ — sie flüsterte und deutete auf die Türe — „auch er,

Herr Eisenhut, ist verliebt in sie, auch er!“

„Also deshalb!“ sagte Grau, und Susanna sah ihn fragend an.

„Susanna!“ sagte Mütterchen. „Wenn er es hört!“ Sie warf einen ängstlichen,

argwöhnischen Blick auf Grau.

Susanna lachte leise und hustete. „Wie sollte er es hören können, Mütterchen,

er kann es nicht hören und wenn er das Ohr an die Türe legt — Herr Grau wird

ihm nichts verraten, du solltest dir deine Leute doch ansehen. Aber der Herr

steht ja immer noch, Mütterchen, siehst du es nicht? Ach, nicht diesen Stuhl,

mein Herr, er ist nicht fest auf den Beinen.“

Mütterchen hatte sich abgemüht einen großen Lehnsessel herbeizuschleppen

und wartete bis Grau Platz nehmen wolle. Grau dankte und ließ sich nieder. Der

Stuhl war alt und knarrte, einen Augenblick lang glaubte Grau bis auf den

Erdboden zu sinken. Aber schließlich saß er und es sah aus, als ob er nicht tiefer

sinken sollte. Nun stand Mütterchen wieder wartend in der Ecke; in das Tuch

gehüllt, mit der Brille sah sie wie eine Eule aus.

Susanna lächelte, blickte auf ihre gelben kleinen Hände und blickte wieder auf

Grau.

„Aber das ist es ja nicht allein, daß sie so schön ist!“ fuhr sie fort. „Es ist noch

etwas anderes.“

„Sie ist gewiß sehr eigentümlich.“

Ja, ob er das gefunden habe?

„Ich glaube, man kann es recht gut an ihren Augen sehen,“ sagte Grau, der

Susanna unausgesetzt in die Augen blickte.

„Nicht wahr! Ja, sie ist so eigentümlich. Sie ist wie eine Fremde und hat eine

ganz andere Seele als wir andern alle. Es ist so schwer sie zu kennen, und

niemals kennt man sie ganz, denn immer kommt etwas Neues zum Vorschein.

Man kann nie wissen, was sie fühlt. Sie ist so verschlossen. Sie scheint sich

weder zu freuen, noch scheint sie zu leiden, ja manchmal könnte man glauben,

sie habe gar kein Herz. Aber sie ist ja nichts als Güte, nur ist sie ganz anders gut

als andere Menschen. Sie ist auch sehr mutig, unerschrocken und kaltblütig.

Hören Sie, als es gebrannt hat im Schloß — Herr Grau haben wohl gehört von

dem Brande —“

„Ich habe die Brandstätte gesehen.“

„— was denken Sie, was sie tat? Sie ging beim ersten Alarm zu ihrer Mutter

ins Schlafzimmer und gab ihr ein Schlafpulver in Zuckerwasser. Denn die

Mutter Adeles ist leidend und wäre wohl vor Schrecken gestorben. Die Mutter

hat es selbst den Schwestern Sinding erzählt. Ist das nicht bewundernswert?“

„Solch ein Gedanke!“ sagte Grau. „Wie rasch sie denkt!“

„Ja, so rasch denkt sie! Der Gärtner bemerkte das Feuer zuerst, er ging leise

zu den Leuten und weckte sie, auch Adele. Sofort ging sie nun zu ihrer Mutter.

Auch dann, während des Feuers, blieb sie so ruhig und gefaßt und gab an, was

man tun sollte. Alle Leute hatten den Kopf verloren, auch die Feuerwehrmänner.

Es brennt so selten hier, das ist der Grund.“

„Wann war denn der Brand?“ fragte Grau.

„Mütterchen, wann war es wohl?“

Mütterchen sagte: „Mitte August!“

„Und wie entstand das Feuer? Es hat ja einen ganzen Flügel zerstört, nicht

wahr?“

Das wisse niemand. Susanna schüttelte den Kopf. „Niemand weiß es,“ sagte

sie. „Ja, es hat einen ganzen Flügel zerstört und gerade den, der nicht bewohnt

war. Kein Mensch wohnte darin, kein Dienstbote, niemand.“

„Welch ein Glück!“

„Ja, nicht wahr! Man hat wochenlang von nichts anderem gesprochen.

Vielleicht war es ein Racheakt. Aber man weiß es nicht. Sie dachten an ein

Dienstmädchen, das nicht richtig im Kopfe ist und das die Herrschaft entließ.

Aber dieses Dienstmädchen war zu einer Hochzeit verreist, also konnte auch sie

es nicht getan haben. Das Feuer muß von selbst entstanden sein.“

„Von selbst?“ Aber ein Feuer könne doch nicht von selbst entstehen? Grau schüttelte den Kopf.

„Doch, ganz von selbst! Durch Wolle oder Vorhänge oder irgend etwas. Es

war furchtbar für die Familie. Denken Sie nur, all die alten kostbaren Möbel und

Bilder, die verbrannt sind. Aber das ist es nicht allein. Sie müssen wissen, daß

die Hennenbachs sich seit Jahren in Schwierigkeiten befinden. Oh, denken Sie

doch, solch ein feines Haus! Der Freiherr war Major und ist ein Leben großen

Stils gewöhnt, der Sohn, was er Geld brauchen mag —“

„Der Sohn?“ unterbrach sie Grau.

„Ja,“ erwiderte Susanna ein wenig überrascht. „Kennen Sie ihn?“

„Ich habe ihn ganz flüchtig kennen gelernt,“ antwortete Grau. „Was ist das für

ein Mensch, ich interessiere mich für ihn.“

„Das? Ach, er ist ein sehr liebenswürdiger junger Mann, aber ein wenig — ein

wenig —“

Grau lächelte. „Nun?“

Mütterchen in der Ecke sagte: „Er ist ein Leichtfuß!“

Susanna lachte leise: „Aber wie kannst du das doch behaupten, Mütterchen!

Nun, ja, er ist ein wenig leichtsinnig, Herr Grau. Und er ist verschwenderisch.

Die ganze Familie gibt das Geld leicht aus. Auch Adele braucht viel Geld, ja, sie

wirft das Geld zum Fenster hinaus, kann ich Ihnen sagen. Und nun brach das

Feuer aus! Sie waren hoch versichert.“

Susanna blickte Grau lange an. „Denken Sie, wie böse die Menschen sein

können! Sie wissen, was ich meine!“ Susanna ballte die Fäuste.

„Ja,“ sagte Grau; „es ist übrigens recht gut möglich, daß das Feuer von selbst

entstanden ist,“ fügte er hinzu, „durch Wolle, Späne oder irgend etwas.“

Susanna lächelte. „Aber hören Sie, es war doch ein Glück dabei. Ja, ein

großes Glück. Nämlich er, der Major, er wollte keine Versicherung mehr

bezahlen. Auch die Freifrau nicht. Der Beamte der Gesellschaft unterhandelte

mit ihnen und da warf sich Adele ins Zeug und sagte, man müsse versichern. Die

Freifrau hat es den Sindings-Mädchen erzählt. Wie gut, daß wir Adele

nachgegeben haben, sagte sie.“

„Das war allerdings Glück im Unglück!“ sagte Grau.

„Aber ich wollte ja von Adele erzählen, wie eigentümlich sie ist,“ fuhr

Susanna fort. „Denken Sie, sie hat keine Miene gerührt, als das Feuer ausbrach

und niemals darüber gesprochen. Sie war der einzige Mensch in der Stadt, der

nicht davon sprach, es war gerade, als ob nichts geschehen wäre. Auch den

glücklichen Umstand, daß gerade sie es war, die auf die Erneuerung der

Versicherung drang, ließ sie unerwähnt, zu keinem Menschen sprach sie davon.

Auch als sie sich verlobte — sie hat sich mit einem Baron Kirchgang verlobt,

aus einer sehr reichen und feinen Familie — ja, da hat sie ebenfalls keine Miene gerührt. So eigentümlich ist sie. Manchmal scheint es als ob sie aus einer andern

Welt sei.“

Grau blickte Susanna an. „Vielleicht ist sie es auch, nicht wahr?“

„Wie?“

„Vielleicht ist sie aus einer andern Welt,“ sagte Grau mit eigentümlichen

Lächeln.

„Ich verstehe nicht?“ sagte Susanna gespannt.

„Nun, vielleicht ist sie aus einer andern Welt als der Erde. Weshalb sollte das

nicht möglich sein?“

„Ja, wieso sollte es möglich sein?“ fragte sie.

Grau zuckte die Achseln. „Ja, wieso sollte es nicht möglich sein?“ fragte er.

Susanna sah ihn lange an, sie lächelte verwundert, dann schüttelte sie leise den

Kopf und wandte den Blick dem Fenster zu. Der Schnee schimmerte auf den

Feldern.

„Ich werde jetzt mit Herrn Eisenhut reden, Susanna,“ sagte Mütterchen leise

und wandte sich langsam der Küchentüre zu.

„Ja, tue das. Stelle es ihm vor, Mütterchen, nicht wahr? Du weißt ja, er hatte

noch immer ein Einsehen.“

„Ja,“ sagte Mütterchen kleinlaut. Dann wandte sie sich an Grau. „Der Herr

müssen mich einen Augen — blick ent — schuldigen —“

„Mütterchen ist sehr scheu,“ flüsterte Susanna. „Sie kann nicht sprechen, aber

sie fühlt. Ich möchte Sie auch bitten, nicht vom Vater zu sprechen in ihrer

Gegenwart. Sie leidet so. Er war hier, ich weiß es. Ich sah ihn zum Fenster

hereinblicken, in der Nacht, und am Morgen, da sah ich die Fußspuren im

Schnee. Mütterchen hat nichts gemerkt, das ist gut. Sie geht umher und denkt an

ihn, aber sie spricht nichts. Manchmal, wenn es stürmt, beginnt sie zu weinen. Es

ist solch schlimmes Wetter, sagt sie. Sonst nichts. Aber ich weiß, daß sie meint,

Vater könnte draußen sein. So ist sie. Manchmal — ach, nicht oft — vielleicht

zwei-, dreimal im Jahr, da sagt sie: ‚Wenn er doch einen Brief schriebe!‘ Dann

kann sie nicht mehr schweigen, dann muß sie von ihm sprechen. Vater kommt so

selten — so selten! Er hat eine unruhige Seele, aber er ist der allerbeste Mensch

von der Welt.“ Sie hielt inne und lauschte gegen die Türe, hinter der man

Stimmen hörte, sie zitterte ein wenig, dann sagte sie: „Ich hoffe, Sie werden

noch ein Weilchen dableiben, Herr Grau, nicht wahr?“

„Mit dem größten Vergnügen,“ sagte Grau. „Ich liebe es, Ihnen zuzuhören.

Aber ich muß meinen Mantel ablegen dürfen.“

„Natürlich, natürlich! Oh, denken Sie, wie ich mich gesehnt habe, mit jemand

zu sprechen.“

„Verzeihen Sie einen Augenblick,“ unterbrach sie Grau, „da wir vorhin von dem jungen Herrn von Hennenbach sprachen — er ist wohl Student?“

„Ja. Weshalb?“

Grau lächelte. „Ich kann nicht verstehen, daß er hier ist, wenn er doch Student

ist. Er lebt wohl immer hier bei seinen Eltern?“

„Ja. Er ist seit zwei Jahren an der Universität eingetragen, aber er war noch

nie dort.“

„So, so. Er lebt also immer hier?“

„Ja, ja. Ich verstehe nicht —“

„Oh, bitte, es ist nur eine kleine Neugierde — aber sprechen Sie doch nun,

bitte, Fräulein Lenz!“

Susanna lächelte, sah Grau an und fuhr fort: „Ja, ich freue mich, sprechen zu

können. Ich führe zuweilen lange Gespräche mit mir selbst, ich spreche zu

meiner Seele und meine Seele spricht zu mir. Und nun weiß ich ja nicht, wovon

ich anfangen soll. Und denken Sie, wie ich mich gesehnt habe, einen fremden

Menschen, einen neuen Menschen zu sehen!“

„Warum gerade das?“ Grau rückte den Stuhl näher heran.

Susanna kicherte. „Sie werden vielleicht lachen!“ sagte sie mit hoher Stimme.

„Aber, nein, Sie werden es wohl verstehen. Ich liebe es, ein neues Gesicht zu

sehen. Es ist mir fremd und gibt mir zu denken. Und ein neuer Mensch, hören

Sie doch, was hat er alles gesehen und gehört! Die Menschen, die in unser Haus

kommen, was haben denn die gesehen? Sie haben die Stadt gesehen, den Wald,

die Dörfer ringsumher, alle Gesichter, die auch ich gesehen habe, alles, was sie

gesehen haben, das kenne auch ich. Aber ein neuer, ein fremder Mensch! Er hat

so viele Städte gesehen, ferne Städte mit wunderlichen Häusern und Türmen,

und obwohl ich ja das nicht sehen kann, so ist es mir doch, als brächte er all das

mit. Er hat fremde Menschen gesehen und mit ihnen gesprochen, all das scheine

ich auch zu erleben, wenn er zu mir kommt. Er hat gesehen, wie sie kämpfen da

draußen um all die neuen Ideen — all das fühle ich. Er hat Musik gehört, große

Werke, große Künstler, das alles bringt er mit zu mir herein. Er ist ein Erlebnis,

denn all die Zeitlang, die ich nun hier sitze oder liege — es ist ein Jahr und noch

ein halbes dazu — habe ich nur sechs verschiedene Menschen hier bei mir

gesehen — ja, sechs waren es.“

„Wie lange sind Sie denn schon leidend, Fräulein Lenz?“

„Es ist nun,“ sagte Susanna und blickte in die Weite, „es ist nun vier Jahre.

Aber erst die letzten Jahre ist es so schlecht, daß ich nur im Sommer noch ein

wenig im Freien gehen kann.“ Sie lächelte. „Trotzdem vergeht die Zeit sehr

rasch für mich. Ja, mein Gott, wo kommen doch die Tage hin? Es ist so selten,

daß ich mich langweile —“

„Wie gut das ist! Das ist gut!“ unterbrach sie Grau.

„So selten. Nur wenn es in meinem Kopfe leer wird, dann kann es geschehen,

daß ich die Röschen der Tapete zähle, oder die Tassen im Glasschrank, oder

ausrechne wieviele Fingerbreiten wohl von hier zur Türschwelle sein mögen.“

„Jeder Mensch hat solche Augenblicke!“

„Ja, das mag sein. Es ist selten. Zuweilen ist es mir erlaubt zu lesen. Die

Sindings bringen mir Bücher und Adele, die alle Bücher hat, die es nur gibt. Da

lese ich dann. Diese Ideen! Ich liebe die Ideen, müssen sie wissen, die neuen! Ja,

wie ganz anders er doch die Welt betrachtet, denke ich. Ich liebe die Dichter!

Siehst du denn alle Menschen, von denen er spricht, sage ich zu mir. Siehst du

sie? Manchmal schüttle ich den Kopf: Nein, sage ich, das ist nicht wahr. Aber

ich liebe die Dichter! Ich liebe die sanften, die zuweilen in den Büchern zu

singen anfangen, so daß sie sagen: Ja, wie schön, wie schön ist das doch! Ich

liebe die grausamen, die von wilden Herzen reden. Ich sitze und denke darüber

nach, all das ist so fern, so fremd, aber ich denke, von jeder dieser Personen hast

du ein kleines Etwas, von jeder, sie mögen schlecht oder gut sein.“

„Wie schön Sie das sagten!“ sagte Grau bewundernd und nickte.

Susanna fuhr fort: „Es ist schade, daß es mir verboten ist, viel zu lesen, denn

sonst — ich würde ja Tag und Nacht lesen, ich tue alles leidenschaftlich, was ich

tue. Aber dann kann ich ja dasitzen und zum Fenster hinaussehen. Mütterchen

hat den Stuhl so gestellt, daß ich zur Brücke sehen kann. Es kann nichts in die

Stadt gehen, es kann nichts aus der Stadt kommen, ohne daß ich es sehe. Ist das

nicht herrlich! Es ist nun so schön und spannend, dazusitzen und zu warten bis

etwas kommt. Lange Zeit kann verstreichen, aber plötzlich — sagen wir —

taucht der nickende Kopf eines Pferdes auf. Ein Pferd! sage ich zu mir, und ich

sehe das Pferd noch, wenn es schon weit fort ist. Aber dann kommt eine Bäuerin

mit einem Korbe auf dem Rücken, oder es kommen Kinder. Ich denke, werden

sie ins Wasser spucken oder nicht. Aber da haben Sie sie schon an der Brüstung

— immer sehen Kinder interessante Dinge im Wasser — und sie müssen

hinunterspucken. Auch ich mußte es tun — auch Sie?“

Grau lachte. „Ja,“ sagte er.

Susanna fuhr fort: „Dann kommt die gelbe Postkutsche. Sie kommt in der

Frühe und kehrt spät am Nachmittage zurück. Ich freue mich, so oft ich sie sehe,

denn sie kommt regelmäßig wie ein Freund. Es scheint auch, als sei ich

persönlich mit ihr verknüpft, sie ist wie ein Mensch! Ich muß lachen, wenn ich

sie sehe, und manchmal winke ich ihr auch. Abends kann ich sie jetzt nicht

sehen im Winter, aber ich sehe, wie ein kleines Licht über die Brücke kriecht.

Dann sehe ich den Schnee. Er schmiegt sich wie heute, er ist wie Sand, wenn es

kalt ist — er glänzt, wenn es getaut hat und Frost darauf folgte. Er bewegt sich,

wenn der Wind weht, und manchmal da sieht es aus als tolle ein närrischer weißer Pudel im Felde herum. Dann sehe ich die Wolken. Sie können mich froh

und leicht machen, sie können machen, daß mein Blut schneller läuft, daß mein

Herz stockt, und es gibt solche, vor denen ich mich leicht verneige, so drohend

stehen sie da. Dann sehe ich die Pappeln an der Brücke. Sie sehen jetzt wie

Besen aus, aber wenn es stürmt, so flattern sie wie Mähnen, und sie scheinen

fürchterliche Angst zu haben. Fast immer sitzt eine Krähe dort oben auf der

Spitze, sie sitzt und lugt aus und plötzlich fliegt sie fort. Aber sofort ist eine

andere da, die ganz genau aussieht wie die erste, man könnte glauben, es sei

immer die gleiche. Wenn es dunkel wird, warte ich auf den ersten Stern. Ich

warte auf den Mond. Sie sehen, so vergeht die Zeit, selbst im Winter gibt es so

vieles zu sehen. Aber dann werde ich oft müde und muß die Augen schließen,

und wissen Sie, was dann geschieht?“

„Dann träumen Sie!“

„Ja, dann träume ich.“

„Was träumen Sie denn?“

Mannigfacher Art waren die Träume Susannas. Am liebsten aber träumte sie

Musik. Ja, wenn sie nicht müde war, da träumte sie von Menschen; wie sie

sprechen und denken und handeln, wie wunderlich sie sind; aber wenn sie zu

müde dazu war, so träumte sie Musik.

„Ich würde zu gern hören, in welcher Weise Sie das tun, Fräulein Lenz. Ich

bin etwas neugierig, ich muß es gestehen. Aber ich werde mich gewiß

revanchieren, ich verspreche es Ihnen. Ich habe sehr viel erlebt und gesehen und

das alles werde ich Ihnen erzählen. Aber vorläufig ist die Reihe an Ihnen.“

Susanna zögerte eine Weile. Sie hatte gesprochen und gesprochen, wie es oft

Menschen tun, die lange allein gewesen sind mit ihren Gedanken. Nun erinnerte

sie sich plötzlich, daß Grau ein Fremder war. Sie lächelte, aber Grau verstand es,

ihr zuzureden.

Susanna blickte lange zur Seite, dann fuhr sie fort: „Es kann eine Abendwolke

sein, die über den Himmel zieht und singt. Oder es kann sein — aber Sie werden

es besser verstehen: Zuerst, da ist es eine kleine Melodie, das kleine Lied eines

kleinen Vogels im Walde. Das ist die Flöte! Und es ist ganz leise. Es ist der

kleine Vogel, der singt, und sein Lied schmeichelt den Bäumen. Sie beginnen

sich zu wiegen und nun saust die Melodie des kleinen Vogels im ganzen weiten

Walde. Das sind die Violinen! Sie wiederholen, sie verändern die Melodie des

kleinen Vogels, aber sie hören immer den kleinen Vogel singen. Plötzlich ist es

wie ein Schreck, wie eine Warnung, das ist die Klarinette, die warnt, das ist die

Trompete, die mit einem Stoß den Schreck hervorruft. Nun kommt der Sturm,

die Pauken und die Baßgeigen, er jagt daher, der Wald braust und wiederholt

klagend und furchtsam das Lied des kleinen Vogels. Der aber ist ganz still. Der Sturm greift den Wald an, um den Vogel zu vernichten, aber der Wald verteidigt

ihn. Der Sturm und der Wald kämpfen miteinander. Sie hören nur den kleinen

Vogel lachen, denn er fürchtet sich nicht, er verspottet den Sturm. Das macht den

Sturm rasend, er wütet gegen den Wald, aber endlich macht er sich grollend

davon und die Bäume wiegen sich und sie hören den kleinen Vogel wieder wie

am Anfang. — So ähnlich ist es, wenn ich Musik träume. Haha, ich kann es ja

nicht in Worten wiedergeben — aber so ähnlich ist es, Sie müssen es sich eben

ausmalen.“

Grau zitterte. Ein eigentümliches Zittern machte seinen ganzen Körper

erbeben.

„Sie frieren?“ sagte Susanna und richtete sich auf.

Grau gab sich Mühe gegen das Zittern anzukämpfen, aber es half nichts.

„Nein,“ sagte er und lächelte, „ich friere nicht. Keineswegs. Ich hatte einmal

Fieber, ich kam einem Fieberkranken zu nahe und daher rührt das Zittern. Seien

Sie ganz unbesorgt und sprechen Sie ruhig weiter. Ich habe die Musik gehört,

Fräulein Lenz, ich habe alle Instrumente gehört, so gut haben Sie das

beschrieben! Welche Melodie aber hat der kleine Vogel gesungen? Ich habe mir

eine fröhliche, ein wenig kecke Melodie gedacht.“

„Fröhlich und ein wenig keck, ja. Es war ja nur ein Beispiel, weil Sie es

wissen wollten. Es kann auch sein, daß er traurig singt und es regnet, die

Regentropfen singen dieselbe traurige Melodie, die Blätter, der Wind. Es muß

auch nicht gerade ein Vogel sein, es kann ein junges Mädchen sein, das man in

einen schönen Garten eingeschlossen hat und das in der Sonne geht und singt.“

„Warum muß das Mädchen gerade eingeschlossen sein?“

„Das weiß ich nicht. Aber ich fühle es so. Es kann auch das Meer sein, das

singt, oder Grotten oder eine Linde, in deren Zweigen Tausende von Vögeln

hüpfen.“

Grau schüttelte langsam den Kopf und Susanna sah ihn fragend an.

„Nun haben Sie sich verraten, Fräulein Lenz,“ sagte er, „Sie sind ja ganz

außerordentlich für Musik begabt. Sie komponieren ja im Kopfe!“

Susanna lachte leise und errötete.

„Haben Sie auch schon als Kind solche Träume gehabt?“

Ja, da hatte Susanna gehört, daß die Glocken nicht einfach läuten, sondern ein

Lied singen, auch das Wasser, das man in einen Krug laufen ließ, es sang.

„Da haben wir es!“ Grau lachte. „Sie müssen Musik von Grund auf studieren.

Spielen Sie ein Instrument? Nein? Das schadet nichts; Sie müssen unbedingt ein

Piano haben!“

Susanna hörte ihm erstaunt zu, sie sah froh aus und sie lächelte und sagte mit

hoher Stimme: „Ich kann aber doch nicht spielen!“

„Das? Was das anbelangt — da seien Sie ganz außer Sorge. Sie werden es

sehr schnell lernen. Ich habe Ihre Hände betrachtet, die Glieder der Finger sind

so fein, so fein und voll nervöser Kraft, ja, schön sind Ihre Hände, Fräulein

Lenz. Oh, vergeben Sie mir, wenn das zu kühn ist. Es fällt mir natürlich gar nicht

ein, Ihnen Schmeicheleien zu sagen, weder Ihnen noch sonst jemandem, nein,

aber wenn etwas schön ist, warum soll ich es nicht beim Namen nennen — nicht

wahr? Ja, Sie haben Hände zum Klavierspielen, in einem Vierteljahr werden Sie

schon ganz prächtig spielen — nach einem Jahr oder zwei Jahren aber

ausgezeichnet. Ich erbiete mich, Ihnen Unterricht zu geben. Meine Kenntnisse

sind gering, aber für den Anfang, da kann ich schon zu gebrauchen sein, später,

da wird sich ja alles finden —“

Susanna hörte ihm zu und lächelte. Sie erwiderte nichts darauf, aber ihr Blick

wurde plötzlich düster. Dieser Blick sagte: Ja, was spricht er denn von Jahren

und Jahren, sieht er denn nicht, wie es um mich steht?

Dann sagte sie leise: „Sie sind gut, Herr Grau. Zuweilen da blicken Sie so

streng, aber Ihre Augen sehen immer gütig aus. Ich habe gehört, wie tatkräftig

Sie sich der alten unglücklichen Frau Sammet angenommen haben — ich —“

Aber davon wollte Grau nichts wissen. Er lachte und sagte: „Das ist mein

Privatvergnügen. Es macht mir Freude, das ist es. Ich habe ja im Grunde

genommen nichts für die Arme getan. Eine Kollekte, das war alles. Habe ich mit

dieser alten Frau gelitten, habe ich sie etwa an die Brust gedrückt, ihren Scheitel,

ihre Wangen gestreichelt, ihre Stirn geküßt, hat man etwas derartiges etwa

erzählt? Wie? — Habe ich ihr Handreichungen getan, da sie vor Schmerz nicht

wußte wo aus und wo ein? Nein, all das habe ich nicht getan. Leider nicht. Es ist

also nicht richtig, was Sie sagen. Ein Dame hier hat mir gesagt, ich hätte bei der

Beerdigung schön gesprochen. Ich habe mich geschämt. Schön! Ach nein,

schlecht, ein paar armselige Worte habe ich gesagt und die Scheu vor all den

Zuhörern war größer als mein Mitgefühl mit der unglücklichen Mutter. Sie sind

also im Irrtum —“

Da kam Mütterchen ins Zimmer. Susanna wurde unruhig und sagte: „Es muß

heute schön draußen sein, der Schnee ist so weich.“

Mütterchen sah niedergeschlagen und entmutigt aus. Sie hatte feuchte Augen.

„Er hat nein gesagt!“ flüsterte sie Susanna zu. Sie stellte eine Tasse neben Grau.

„Nein?“ jagte Susanna erschrocken. Sie blickte zu Boden, errötete, dann setzte

sie hinzu, indem sie Mütterchens Hand streichelte: „Ach, Mütterchen, du mußt

den Mut nicht sinken lassen. Du weißt, er will gebeten sein, er ließ sich stets

nach einigen Tagen erweichen.“

„Ja,“ hauchte Mütterchen hoffnungslos und goß Kaffee in die Tasse.

„Ja, was tun Sie denn!“ schrie Grau erschrocken und sprang auf.

„Ein Täßchen Kaffee, wenn der Herr mir die Ehre antun wollen.“

Grau sah Mütterchen lange an, seine Augen glänzten. „Wie liebenswürdig von

Ihnen,“ sagte er und drückte Mütterchen die Hand. „Ich breche in Ihr Haus ein,

ich bin ein Fremder, das ist mir noch nie passiert, ich danke Ihnen!“ Er verneigte

sich dankbar und setzte sich wieder.

Aber da war das Unglück schon geschehen. Durch die Küchentüre nämlich

war ein freches braunes Huhn in die Stube spaziert und stolzte keck im Zimmer

umher.

Mütterchen erstarrte vor Schrecken. „Da ist — nun — diese —“ Sie blickte

starr und hilflos auf Grau. „Hsch, hsch — du ungezogene —“

„Putt — putt,“ machte Grau. „Ein schönes Huhn. Sie halten Hühner, Frau

Lenz, seht an.“ Er blickte freundlich auf die Henne als sei sie ein Mensch.

„Ja, in der Küche — aber — der Herr müssen entschuldigen — mein ganzes

Leben bin ich noch nicht so in Verlegenheit gebracht worden — wie mich diese

ungezogene — hsch, hsch — Kreatur blamiert — Geh hinaus, Klatschbase.“

„Klatschbase, so heißt sie,“ erklärte Susanna, „weil sie so viel gackert.“

Klatschbase segelte endlich gackernd und schreiend zur Türe hinaus, nicht

ohne vorher zu zeigen, daß sie ein echtes Huhn sei. „O — o —“ hauchte

Mütterchen, aber Grau hatte es gar nicht bemerkt. Er sprach mit Susanna. Da

habe sie recht, ein schöner Tag sei heute. „In der Stadt hacken sie das Eis auf,“

sagte er. „Es kann nun nicht mehr lange währen, bis der Frühling kommt.“

Susannas Augen glänzten. Sie blickte Grau erstaunt und lange an.

„Nun?“

„Als ob Sie erraten hätten, worauf ich warte!“ sagte sie langsam. „Denn die

Wahrheit zu sprechen, ich sitze den ganzen Tag hier und warte auf den Frühling.

Ich warte auf ihn, ich liebe ihn, mein Herz klopft, denke ich an ihn. Er ist mein

Geliebter. Sie lieben ihn auch?“

Grau lächelte. „Ja, wer liebt ihn nicht?“ sagte er. „Es gibt auf der ganzen

weiten Welt nicht einen einzigen Menschen, der ihn nicht liebt, er kann noch so

mißmutig sein.“

Susanna fieberte bei dem Gedanken an den Frühling. Sie lächelte und atmete

tief. „Oft denke ich,“ fuhr sie fort, „ob es sich nicht jetzt schon rührt da drinnen

in der kalten Erde, ob nicht die Keime schon ein wenig erwachen und sich

dehnen, all die tausend, tausend Keime da drunten. Denn hören Sie, sie müssen

sich ja jetzt schon dehnen, denn haben Sie nicht plötzlich schon ein

Schneeglöckchen im Walde angetroffen, wie? Also müssen sie wohl oder übel

jetzt schon beginnen, nicht wahr? Ich freue mich auf all das, was jetzt kommt,

denn der Winter war doch recht lang. Wenn er schon kommt, der Frühling! Guter

Gott, wie weht es doch! Er haucht! Man spürt es an der Schläfe, vor allem an der

Schläfe, da haucht es, als ob ein warmer Mund hauche. Wie warm es haucht!

Denken Sie daran, wenn Sie hinaustraten und dachten, ja, was ist dies plötzlich,

so warm? Dann fassen Sie etwas an, einen Ast, er ist feucht, er klebt! Das ist,

wenn er kommt.“

Sie schwieg. Dann, nach einer langen Weile sagte sie — und es klang wie ein

frohes Seufzen: „Dann wächst das Gras!“

Nein, dachte Grau, es klang nicht nur wie ein frohes Seufzen, nimmermehr

wirst du das vergessen können, es klang wie eine Liebkosung, es klang wie ein

Gebet. So eigentümlich sagte sie es, daß er einen Schmerz in der Brust empfand,

einen leisen Stich. Er sprach nichts, er war still und blickte auf Susanna.

„Dann regnet es und Sie lachen!“ fuhr Susanna fort. „Es regnet und Sie

lachen! Ja, regne nur, regne nur, denken Sie und lachen, denn jetzt kommt er. Sie schließen die Augen und schlafen und Sie träumen, wie es sich regt im Lande,

die Wolken, die Erde, die Luft, alles ist in Bewegung. Die Luft ist süß wie

Milch, das Wasser wie Wein, die Menschen sind freundlicher geworden. Im

Walde da riecht es, der Schuh sinkt in den Boden, nasses, faulendes Laub. Dann

kommt der erste Keim hervor, das erste Grün, die erste Blume. Kommen denn

nicht die Tiere des Waldes zusammen, die Hasen und Rehe und Eichhörnchen,

Igel und Füchse, die Raben und die Marder, diese erste Blume zu sehen? Wie

aber sieht es unter den Hecken aus! — Ja, wie sieht es denn da aus?“ rief sie und

lachte. „Aber das ist ja alles, wenn er nur im Anzuge ist —“

Plötzlich fiel etwas vor dem Fenster draußen herab, dann tanzte eine weiße

Flaumfeder herab, zwei, drei kleine Federchen folgten, nun fielen einige Flocken

zu gleicher Zeit und dann so viele, als ob man Hände voll Federchen in die Luft

streue, die Luft war grau getüpfelt. Sie fielen immer dichter, sie wirbelten,

tanzten, taumelten kreuz und quer, klebten an den Scheiben, und endlich

schossen weiße und graue Streifen durch die Luft und verhüllten den Ausblick.

Es schneite ordentlich. Sofort wurde es dunkel im Zimmer und Susannas Augen

glänzten aus einem fahlen ledergelben Flecken.

Susanna aber sah es nicht, sie sprach vom Frühling, den Bächen, den Wiesen,

den Wolken, vom Himmel, diesem blauen schimmernden Frühlingshimmel!

Glanz und Herrlichkeit —

„Sie gehen in den Wald!“ sagte sie fiebrisch. „Sie gehen hinein wie in eine

Kirche. Die Buchen stehen da, naß und fleckig, sie haben Knospen wie grüne

Blüten überall, aber der Boden des Waldes ist von Anemonen gefärbt. Sie

kommen an einen Hang, der ist ganz gelb: Das sind die Schlüsselblumen, sie

kommen über die Wiese, da steht das Schaumkraut, so blau, so duftig. Sie

kommen an einen Bach, der ist golden gesäumt, das sind die Dotterblumen, mit

einem Griff können Sie einen ganzen Strauß pflücken, sie sind so saftig und

innen glänzen sie wie Schmalz. Das Gras wächst und wächst und wächst, es

wird immer länger, und wenn nun der Wind weht, so zittern die Gräser nicht

mehr, sie schwingen sich, sie wiegen sich, ganze Wellen. Oft liege ich

stundenlang hier und denke wie der Wind über die Wiese streicht und die Wiese

gibt sanft nach. Wie schön wäre es, barfüßig im Grase zu gehen!“

Ihre Augen fieberten, ihre Wangen röteten sich. Sie lachte und hustete.

„Du sollst solche Gedanken gar nicht haben,“ sagte Mütterchen.

„Ich meine ja nur,“ sagte Susanna. „Lieben Sie die Margareten, Herr Grau?“

„Ja,“ sagte Grau. „Sie sehen so besonders reinlich aus.“

„Reinlich! Ja, ich sehe sie vor mir, alle, alle, alle Margareten sehe ich vor mir!

Ich liebe die Blumen, sage ich Ihnen.“

„Das kann ich wohl merken, Fräulein Susanna!“ sagte Grau. „Oh — verzeihen Sie mir die vertrauliche Anrede, sie kam ganz von selbst auf meine Lippen.“

Susanna verneigte sich in ihrem Sessel. „Das ehrt mich!“ sagte sie und sah

Grau erfreut an. „Ja, ich liebe sie!“ fuhr sie fort und rang ein wenig die kleinen

mageren Hände. „Sie sind wie Kinder. So schön sind sie, so still und geduldig.

Sie blühen auf und sterben, und niemand hat sie gehört, daß sie sich beklagten.

Es scheint mir, die Menschen könnten viel von ihnen lernen. Dann tun sie auch

niemand etwas zu leide, sie leben ja von Erde, Tau und Luft. Sie freuen sich,

wenn die Sonne scheint, und wenn es Abend wird, da schließen sie die Kelche

und stehen schlafend da. Können Sie sich eine ganze Wiese oder einen Abhang

vorstellen in der Nacht, alle Blumen haben die Kelche geschlossen und schlafen?

Können Sie das? Ich kann es, denn ich beschäftige mich unausgesetzt mit

solchen Dingen. Das alles habe ich von Mütterchen gelernt, nicht wahr,

Mütterchen? Sie liebt die Blumen so sehr.“

Grau wandte Mütterchen den Blick zu, und sie sagte: „Früher, ja, früher da

liebte ich sie.“

„Jetzt nicht mehr, aber —!“

Es gäbe so manches, sagte Mütterchen, nahm die Tasse und ging hinaus. Sie

kam mit der gefüllten Tasse zurück und stellte sie neben Grau hin, ohne ein Wort

zu sagen.

„Nein, aber ich protestiere!“ sagte Grau.

„Wenn der Herr mir die Ehre antun wollen —“

Susanna aber fuhr fort vom Frühling zu sprechen. Draußen schneite und wehte

es, aber sie sah es nicht. Sie sah wie die Blumen im Gärtchen draußen wuchsen,

all die Nelken, Tulpen, Rosen und dieser Flieder von einer ganz seltenen

blaßblauen Farbe. Februar, März, sagte sie, und zählte die Wochen an den

Fingern ab.

Plötzlich schwieg sie. Sie blickte in die Weite und versank in Gedanken. Ihre

schweren Vogellider sanken halb über die schwarzen Augen, die Lippen öffneten

sich. Sie sprach mit sich selbst.

„Ich muß das grüne Gras noch einmal sehen, ich muß!“ flüsterte sie. Sie

dachte nicht, daß Grau es hören könnte.

Grau erhob sich. Susanna erschrak.

„Oh, es ist spät?“ sagte er. „Es ist spät!“ Er griff in alle Westentaschen und

suchte nach der Uhr, dann, als er sie nicht fand, schlüpfte er rasch in den Mantel.

Es schien als könne es ihm nicht schnell genug gehen. „Es ist spät!“

„Sie müssen gehen?“

„Ja, bei Gott, ich muß. Ich werde wiederkommen, ich werde wiederkommen,

wenn es die Damen erlauben, ganz gewiß —“

„Kommen Sie bald wieder!“

„Danke, danke! Ihnen habe ich tausendmal zu danken, Fräulein Susanna, es ist

einer der schönsten Nachmittage meines Lebens gewesen — der schönste

vielleicht! Ich werde keine Silbe vergessen von dem was Sie mir erzählt haben.

Und wieviel habe ich Ihnen zu danken, Frau Lenz. Ja, ich muß, erlauben Sie mir,

ich bin ein Fremder für Sie, ein Eindringling, aber mit welcher Freundlichkeit

haben Sie mich aufgenommen!“

Er gab Susanna die Hand und sah sie lange mit leuchtenden Augen an. „Wie

rasch wir Freunde geworden sind!“ sagte er.

„Ja!“

„Adieu, Fräulein Susanna!“

„Adieu, Herr Grau!“

Unter der Türe verbeugte sich Grau nochmals und wiederholte: „Adieu,

Fräulein Susanna!“

Mütterchen stand nicht davon ab Grau hinauszubegleiten. Der Herr wisse ja

nicht, wie man das Gartentürchen öffne.

Grau wehrte ab. „Sie können sich eine Erkältung holen, Frau Lenz. Wie es

doch schneit!“ — Nein, nein, der Herr wisse ja nicht —

Draußen fragte Mütterchen, was er von Susanna halte?

„Oh!“ rief Grau aus, den Hut in der Hand, „ein prächtiges Geschöpf, ein ganz

und gar wundervolles Mädchen. Sie hat mich entzückt, ganz unter uns gesagt!“

Mütterchen lächelte ein wenig. Ob der Herr sich nicht bedecken wolle? Sie

frage, was er von ihrem Befinden halte.

„Eine Erkältung,“ sagte Grau scheu, mit einer Bewegung, als wolle er

entfliehen, und blickte auf Mütterchen herab, in deren Haaren sich der Schnee

ansammelte. „Eine schlimme Erkältung vielleicht — aber —“

Ob der Herr sich nicht doch bedecken wolle? Sie sei nun schon über zwei

Jahre leidend. Sie sah Grau mit angsterfüllten Augen an.

Nun käme ja bald der Frühling! Luft, starke, stärkende Luft, Balsam für

Kranke. „Was übrigens das Leiden anbetrifft, so kann ich Ihnen recht wohl sagen

— und jedermann wird es Ihnen bestätigen — mit einem Leiden kann man alt

werden. Ich selbst habe einen Herrn gekannt —“ Grau sprach noch scheuer und

wich ein wenig zurück. „Übrigens der Frühling, die Sonne —“ Er konnte nicht

weitersprechen. Die jungen Vögel werden sie ins Grab singen, dachte er.

Mütterchen verbeugte sich, aber sie sagte kein Wort, mit komischen Sprüngen

lief sie ins Haus zurück.

Grau setzte den Hut auf und ging. Er blickte sich einigemal um, als ob er

verfolgt werde. Sobald das kleine Häuschen im Düster untertauchte, begann er

zu laufen, was er konnte, und entfloh durch den wirbelnden Schnee.