Der Tor
Elftes Kapitel
Grau ging mit Adele durch den stillen Wald.
„Liebe ist ja alles. Adele, Liebe ist ja überall, ohne Liebe ist ja nichts,“ sagte
er und küßte ihre Hand.
„Sie ist so alt wie Gott und war im ersten Lichte und ist im Licht und ist das
Beben des Lichtes. Sie hat alles durchdrungen und du findest kein Atom der
Welt, das sie nicht durchdrungen hätte. Im Schlechten ein gehetzter Funke, im
Guten ein Feuer.“
„Ohne Liebe gibt es ja kein Verstehen, ohne Liebe gibt es keine Wahrheit. Sie
ist die Seele der Welt, das Geheimnis und sein Schlüssel. Sie ist das Ganze und
der kleinste Teil.“
„Dein Leben ist mein Leben, Adele, dein Tod mein Tod, dein Tag mein Tag,
deine Nacht meine Nacht,“ flüsterte er und küßte ihr die Hand. „Warte.“ Er
bückte sich.
„Willst du nicht den Tau haben, Adele? Nimm ihn, öffne deine Hand, daß ich
ihn aus den Blumen in deine Hand klopfe. Das ist der Tau, Adele!“
Adele lachte. Niemals lachte sie so glücklich.
„Ja, laß uns leben!“ rief sie aus. „Laß uns fröhlich sein und leben. Fliehe mit
mir, ich will dein sein!“
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Der Tag nahte und Grau saß oben auf der Höhe auf einem Stein. Er regte sich
nicht, er saß wie ohne Leben, er lächelte müde, seine Augen leuchteten.
„Es ist zuviel,“ flüsterte er, „es ist zuviel!“
Die Vögel begannen zu zwitschern. Er hörte es. Tau fiel ins Gras, kleine
glitzernde Welten tropften von den Bäumen. Er regte sich nicht. Er lauschte.
Grau, Grau, der Glückliche! zwitscherten die Vögel. Er lauschte: Im ganzen
weiten Walde zwitscherten Tausende von Vögeln: Grau, Grau, der Glückliche!
Die Sonne ging auf. Er sah sie kommen. Er lächelte. Feurige Wolken flogen
im Osten herauf, Milliarden von Seelen standen auf den goldenen Wolken und winkten und fuhren dahin über die Erde. Das Gestirn erhob sich im Triumph. Da
glänzte die Ebene, da glänzte die Welt.
Die Erde ist eine Freudenträne, die aus Gottes Auge fiel, dachte Grau und
stand auf und badete sein Gesicht im Lichte.