Der Tor

Bernhard Kellermann · Kapitel 29 von 42

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Der Tor

Viertes Kapitel

 

In den Häusern zündete man die Lampen an und die Glocken läuteten den Abend ein, als die Gesellschaft in die Stadt eintrat. In den Straßen war es schon

auffallend dunkel und merkwürdig warm. Kinder lärmten und die Leute standen

vor den Häusern um die erfrischende duftende Luft zu genießen. Man hörte

Stimmen in den noch dunkeln Zimmern, Worte, die gerufen wurden, die Familie

des Schlächtermeisters Keim war um eine Talgkerze versammelt und nahm das

Abendessen ein.

Am Marktplatze ging die Gesellschaft unter vielem Lärm und fröhlichem

Lachen auseinander.

Grau und Adele gingen miteinander. Sie hatten den gleichen Weg.

„Wir haben ja den gleichen Weg!“ sagte Adele und sie sahen einander an und

nickten. Sie waren beide beklommen und stiegen schweigend die Stufen hinauf.

Über die Mauer des Friedhofes und aus Eisenhuts Garten hingen Zweige und

Blüten, so daß sie durch eine Gasse von Blüten und Duft gingen. Es war schwül

hier und dämmerig. Adele stand still und sog den Duft ein. „Es ist Jasmin.“

„Ja, es ist Jasmin!“ sagte Grau und wieder begegneten sich ihre Blicke.

Oben war es kühler. Sie atmeten auf.

Adeles Blicke gingen über die Stadt hin, in der es mehr blühende Bäume als

Häuser gab. Aus dem Dunst der Dämmerung blinzelten Lichter und auf einem

Dache lag ein fahler goldener Ton. Eisenhuts Garten war eine einzige lange

Woge von Blüten, die gegen die Höhe anschäumte. Adele schüttelte den Kopf

und deutete auf Eisenhuts Gartenmauer.

„Die Tafeln,“ sagte sie, „die Tafeln sind verschwunden. Vor den Hunden wird

gewarnt, Vorsicht Selbstschüsse — Sie erinnern sich? Was ist doch mit Herrn

Eisenhut vorgegangen? So artig und nett, wie er heute war! Was mußten Sie sich

doch denken, als ich ihn auf dem Liederkranzball so schlecht behandelte?“

„Es ist wahr, Sie waren grausam gegen ihn.“

„Aber warum doch? Warum quälte ich ihn denn? Ich hatte zu viel Sekt

getrunken und plötzlich kam es über mich. So häßlich war ich an jenem Abend. Und Eisenhut quälte ich, weil ich mich ihm gegenüber schuldig fühlte. Freilich,

er erinnerte mich auch zu oft daran. Ich habe einmal schlecht gegen ihn

gehandelt und er hat mir doch einen großen Dienst erwiesen — er lieh mir

zehntausend Mark und wollte nicht einmal einen Schuldschein haben — aber ich

will gar nicht davon sprechen. Ich habe auch noch andre häßliche Bemerkungen

gemacht.“ Sie sah Grau prüfend an.

„Ich erinnere mich nicht mehr an alles, was an jenem Abend gesprochen

wurde,“ sagte Grau.

„Das ist gut,“ fuhr Adele fort, sie stockte. „Haben Sie denn Besuch, Herr

Grau? Es sitzt jemand auf Ihrer Treppe,“ fragte sie.

Vor dem kleinen Hause Graus saß eine dunkle Gestalt und rauchte Pfeife. Es

war ein kleiner alter Mann. Er erhob sich und machte eine Verbeugung.

„Ich rauche Ihre Pfeife, Herr Grau, mit Ihrer Erlaubnis,“ sagte er.

„Es ist ein alter Handwerksbursche,“ sagte Grau, „der vorläufig hier wohnt. Er

saß eines Tages auf meiner Treppe, abends, als ich heim kam, fand ich ihn da. Er

war krank und hatte Fieber. Man hatte ihm die Aufnahme in der Herberge

verweigert, weil seine Papiere nicht in Ordnung waren. Ich konnte ihm doch

nicht gut ein Obdach verweigern, zumal er Fieber hatte, nicht wahr? Übrigens

stört er mich nicht, ich habe ja so viel Raum.“

„Wie lange wohnt er schon hier?“

„Drei Wochen. Warum?“

„Ich meine nur. Ich habe gehört, Sie haben Ihr Bett verschenkt und behelfen

sich selbst mit einem Strohsack?“

Grau lächelte. „Eine merkwürdige Stadt!“ sagte er. Sonst nichts.

„Eine Dame hat es erzählt. Das Bett gehört ja zum Pfarrhause, es gehört nicht

Ihnen?“

„Ich werde ein neues Bett kaufen,“ sagte Grau. „Sagen Sie der Dame, sie

könne ganz unbesorgt sein. Ich habe das Bett hergeliehen, einer armen

Wöchnerin. Ja, mein Gott, ich kann doch da nicht erst lange fragen, wem das

Bett gehört? Eine ganz merkwürdige Stadt!“ — Adele lachte leise.

Sie gingen schweigend an der Parkmauer entlang bis zum Gitter. Adele blickte

hinein. Im Hause war ein Flügel beleuchtet und man hörte ein Klavier.

„Wir haben Gesellschaft,“ sagte sie, „die Offiziere von Weinberg.“ Sie sah zu

den hellen Fenstern hinauf und lauschte. „Es ist Mama, die spielt.“ Sie blickte in

den weiten Park hinein, dahin wo er ganz dunkel lag, und schüttelte den Kopf.

Sie fröstelte. Sie blickte Grau lange an. Dann sagte sie mit einem Blick auf die

hellen Fenster: „Ich habe keine Lust. Kommen Sie!“

Sie gingen weiter, den Weg entlang, der in den Wald führte. Es war ein

Kiesweg und man sah ihn weit hinein in den Wald fließen, obgleich es hier ganz dunkel war. Zu ihren Häupten schlängelte sich eine schmale blaue Straße des

Himmels und ein früher Stern wanderte darauf. Bald versank jeder Laut hinter

ihnen und sie waren allein.

Zuerst hörten sie ihre Schritte auf dem Kies, aber das Ohr gewöhnte sich

daran und lauschte auf die tiefe Ruhe des Waldes.

„Welcher Friede, fühlen Sie!“ sagte Grau leise.

„Ja, hier ist Friede!“ sagte Adele, deren Gesicht in der Dunkelheit zu leuchten

anfing. Sie stand still und wandte die Augen auf Grau. Er sah ihre Augen, so hell

waren sie. „Horchen Sie! Hören Sie das Klavier nicht mehr?“

„Nein.“

„Es ist Mama, die spielt. Ich höre es jetzt auch nicht mehr. Da sitzt sie nun,

meine kleine Mama und spielt und wartet auf mich. Denn sie tut ja nichts andres.

Sie wartet und die Herren lachen und plaudern. Sie sagt zu Konrad: Konrad,

wenn meine Tochter kommt, melden Sie es mir sofort. Sie wartet und wird

immer nervöser. Ich aber komme nicht.“

„Sollten Sie nicht umkehren?“ fragte Grau.

Adele schüttelte den Kopf. „Nein,“ sagte sie, „ich habe keine Lust. Ja, fühlen

Sie doch den Frieden hier, Sie haben recht, wir wollen den Frieden hier fühlen.

Wie es riecht! Als ob Sie Rinde abschälten. Haben Sie viel Frieden in sich? Ich

nicht, nein, ich würde lügen, würde ich es behaupten. — Das heißt, es ist ja nicht

so schlimm,“ fuhr sie mit freierer Stimme fort, „es ist nur der Frühling, weil alles

so schön ist und die jungen Mädchen heute lachten so viel.“

Der Kiesweg war zu Ende. Sie gingen in einem Walde hoher Fichten. Der

Boden war glatt von Nadeln und Moos und es roch hier nach Harz und Wurzeln.

Grau lächelte, und als ob Adele sein Lächeln gefühlt habe, blickte sie zu ihm

her. Er sagte: „Wir gehen wie im Werke einer großen Orgel, zwischen all den

schlanken Pfeifen. Als der Geist der Orgel gehen wir hier.“

Er sah, daß Adele lächelte; ihre hellen Augen glänzten.

„Warum sprechen Sie so eigentümlich?“ fragte sie.

„Sprach ich denn eigentümlich?“

„Ja, Ihre Stimme klang ganz verändert.“

Adele blickte zu den schwarzen phantastischen Wipfeln empor, die regungslos

dastanden, wie aus Erz gegossen, und einen fahlen grauen Himmel sehen ließen,

als beginne es zu tagen. Sie lächelte und sagte: „Aus unseren Orgelstunden ist

leider nichts geworden. Sie erinnern sich, daß ich neulich bei Ihnen anfragte?“

Er stehe jederzeit zur Verfügung.

„Ich danke Ihnen aufrichtig,“ sagte Adele, „aber der Baron sieht es nicht

gerne, mein Bräutigam. Ich weiß nicht warum, aber er hat solche Angst, die

Leute könnten über mich sprechen. Und dann hat er es noch nie gehört, daß eine Dame Orgel spielte. Wüßte er, daß ich mit Ihnen hier gehe, so hätte er nichts

dagegen, nein, aber er hätte Angst, jemand könnte es sehen. Er hält viel auf

Etikette. Er denkt in jeder Beziehung frei und vornehm, aber er will nicht, daß

die Leute über mich sprechen. Sie haben ihn doch kennen gelernt? Sind Sie in

ein Gespräch mit ihm gekommen?“

„Wir haben nur ein paar nichtssagende Worte gewechselt.“

„Schade!“ sagte Adele. „Ich wünschte, Sie hätten mit ihm gesprochen, er ist

sehr gebildet und klug. Freilich ist er ja meist zu müde zum Sprechen, er liebt es

auch nicht, er ist schweigsam. Sie würden vielleicht den Eindruck bekommen,

daß er etwas konventionell ist in seinen Anschauungen. Er könnte zum Beispiel

nie einen Handwerksburschen beherbergen, niemals in seinem Leben — aber er

ist —. Vor allem liebt er mich sehr, er liest mir jeden Wunsch von den Augen

ab.“

„Sie werden ja nun bald heiraten?“

„Ja.“ Adele blickte auf den Weg. „Er, der Baron, drängt sehr. Auch fühlt sich

Mama jetzt besser. Mir eilt es ja nicht so sehr — obgleich ich den Baron von

ganzem Herzen liebe. Er besitzt eine Menge großer Eigenschaften, Sie würden

das bald herausfinden — nun hört der Wald auf — lassen Sie uns nicht von

diesen Dingen sprechen. Weshalb sehen Sie mich an?

Es ist ja langweilig für Sie, nur von meinen Angelegenheiten zu hören, Herr

Grau. Deshalb. Wollen Sie mir nicht jenen Traum zu Ende erzählen, den Sie auf

dem Ball begannen?“

„Gerne.“

Sie traten aus dem Walde und der Rücken der Höhe lag im Dämmerlichte vor

ihnen. Im Tale zogen Nebel und die Stadt war in Dunst gehüllt. Einige Lichter

flimmerten, und wo der Bahnhof lag, blinzelte eine Reihe von Laternen wie der

Leichenzug eines armen Mannes. Der Himmel war fahl und einige matte Sterne

schwebten darin. Sie gingen am Rande des Waldes entlang und kamen an eine

Bank. Adele macht Miene sich niederzusetzen, aber sie ging weiter.

„Jene Frau und ich,“ begann Grau, „gingen über die Heide, es war graue

Nacht und ganz still. Es war fahl wie jetzt, nur daß es dem Morgen zuging, es

war aber stiller als jetzt, obgleich hier kein Laut zu hören ist. Trotzdem war es

stiller. Die Luft war kühl, so wie sie ist, wenn der Morgen nahe ist, sie war

gewürzt von all den Kräutern und Blumen, die in der Heide blühten. Wir gingen

schweigend dahin, jene Frau, mit der Sie eine leichte Ähnlichkeit haben, und ich.

Alles war wie ein Schatten und wir selbst schienen Schatten zu sein, die in der

grauen Nacht dahingingen. Es standen viele Sterne am Himmel, aber sie

leuchteten nicht. Plötzlich begann es zu sausen über unseren Häuptern und ein

Heer von Sternschnuppen, ein ungeheurer Regen von Sternschnuppen jagte blitzschnell über den Himmel und verschwand hinter dem Horizonte. Es waren

Milliarden von Sternschnuppen, der ganze Himmel war fegendes Feuer. Ich

erschrak, denn ich hatte niemals so etwas Schönes gesehen. Warte, sagte die

Frau an meiner Seite — und wieder fegten Milliarden von Sternschnuppen über

den Himmel. Diesmal dauerte es lange Zeit, endlos schien der goldene Regen zu

sein. Endlich hörte er auf und die letzten Funken versprühten am Horizonte.

Mein Herz schlug heftig, ja, es schlägt jetzt sogar bei der Erinnerung an dieses

schöne Schauspiel, das schöner war, als alles was ich im Wachen und im Traum

gesehen habe.“

„Es wurde wieder fahl wie zuvor und die Frau sah mich lange an. Wie gefiel

es dir? sprach sie. Ich nickte, ich sagte nichts.“

„Und weiter?“ fragte Adele.

„Wir wanderten zusammen,“ fuhr Grau fort, „und es schien als wanderten wir

eine endlose Zeit in der grauen Nacht, aber ich wanderte dahin und fühlte mich

glücklich an der Seite der schönen Frau. Die Frau sprach sehr gütig zu mir, aber

ich weiß nicht mehr, was sie sagte, doch ich erinnere mich, daß sie sehr gütig zu

mir sprach. Ich habe niemals im Leben diese Güte in der Stimme einer Frau

gehört, aber im Traume hörte ich sie, niemals hatte ich die sanfte Hand einer

Frau auf meinem Arm gefühlt, aber im Traume, da fühlte ich es. So sanft war

sie! Wir wanderten über die Heide und mein Herz war fröhlich. Wir unterhielten

uns in einer fremden Sprache, aber ich hatte keine Schwierigkeiten damit, ich

verstand, ich sprach —“

„So ist es im Traume.“

„Ja. Der Boden war sanft unter unsern Füßen und wir konnten unsere Schritte

nicht hören — wie jetzt, da wir über die Wiesen gehen. In der Heide blühten

Blumen. Es war eigentümlich, ich sah sie erst jetzt, die ganze Heide war voll

davon. Sie waren klein und niedrig und hatten Traumfarben. Sie waren Tulpen

ähnlich, durchsichtige mattfarbene Kelche hatten sie. Aber in jedem dieser

Kelche lebte — so schien es — ein Lichtgeisterchen, die Lichtgeisterchen

umschwebten die Blumen, sie saßen auf dem Blütenrande, sie wirbelten hin und

her. Plötzlich sah ich die ganze Luft von solchen Geisterchen erfüllt, die auf und

nieder schwebten. Sieh, sagte ich zur Frau, sieh, und ergriff den Arm der Frau

und deutete in die Luft —“ Grau erzählte so eifrig, daß er die Hand auf Adeles

Arm legte und in die Luft deutete, als sei sie erfüllt von Wesen, Adele sah ihn

lächelnd an — „sieh doch, sagte ich, sieh doch! Sie lachte leise. Ich habe

vergessen, daß du ein Mensch bist, sagte sie, ein Blinder und Unwissender.

Weißt du denn nicht, daß jeder Hauch der Luft erfüllt ist von Wesen? — Wir

mußten einen schmalen Bach überschreiten und ich war sehr erstaunt zu sehen,

daß sich über den Wellen des Baches Tausende von Quellengeisterchen tummelten, sie schwebten hin und her in der Bewegung der Wellen und über

einem kleinen Strudel kreisten sie im Reigen, sie tanzten und lachten leise. Wie

merkwürdig, dachte ich, deshalb ist es so eigentümlich berückend auf das

Rieseln eines Baches zu lauschen? Ich beugte mich herab und beobachtete die

Geisterchen, sie sahen mich alle mit kleinen lichtgrünen Augen an. Sie kamen

mir so nahe, daß ich glaubte sie fühlen zu müssen, ein Geisterchen streifte meine

Wange, ein anderes saß einen Augenblick lang auf meiner Lippe.“

„Plötzlich erschrak ich. Ein hohler, tiefer Ton, der stark tremulierte,

erschütterte die Luft. Ich begann zu zittern, denn der Ton klang unheimlich, er

klang bald in der Ferne, bald schrecklich nahe und ich zitterte, denn ich fühlte

mich allein inmitten der Nacht und inmitten einer Welt, in der ich ein Fremder

war. Warum zitterst du denn? sagte die Frau an meiner Seite, aber sie sprach

gütig. Oh, ihr Menschen seid solch feige zitternde Gespenster, nichts wollt ihr

verlieren, nicht einmal euer Leben. Wie lächerlich erscheint ihr doch den andern

Wesen.“

„Wir gingen und sprachen und die Frau an meiner Seite sagte mir, daß ich

einen schwachen Kopf habe und nie denken gelernt hätte, wie alle Menschen

sähe ich nur die Oberfläche der Dinge. Ihr gebärdet euch alle überaus klug und

wichtig, sagte sie, und euer Gehirn ist doch so schwach, daß es bei jedem

kleinen Gedanken explodiert und der Gedanke ist noch dazu falsch. Weshalb

lebst du, weißt du es? — Welche Angst hatte ich doch zu antworten! Ich lebe um

meine Seele zur Harmonie und Schönheit zu entfalten, sagte ich. Die Frau

lächelte. Wie oberflächlich ist das doch! sagte sie. So lebe ich vielleicht, um

meine Seele zur Güte, zur Liebe und Wahrheit und Gerechtigkeit zu erziehen?

Sie lächelte und schüttelte den Kopf. Das ist ja alles so nebensächlich, sagte sie.

Nun, sagte ich, ich lebe vielleicht um mich zu wundern? — Da faßte sie meinen

Arm und sagte: Verhülle dein Gesicht! Ich tat es, ich sah wie sie rasch die Hände

auf das Gesicht legte und verging, als sterbe sie. Ein Hauch fuhr über die Heide

und der leise Gesang der Geisterchen ringsum vereinigte sich zu einem einzigen

Ton, der wie ein leises Seufzen klang. Ich versank in eine Art Schlaf und als ich

erwachte, ging ich wieder neben der Frau in der grauen Nacht.“

„Ich sah keine Blumen mehr, die Heide war eine gewöhnliche Heide und ich

erkannte die Kühle und den Geruch vom Anfange unserer Wanderung wieder. Es

ist Zeit, daß ich gehe, sagte die Frau, der Sternschnuppenregen ist vorüber.

Leben Sie wohl. — Sie sprach wie eine Fremde.

Leben Sie wohl! sagte ich und zog den Hut.

Sie sah mich an und lächelte eigentümlich, sie stand ganz nahe.

Leben Sie wohl, wiederholte sie, Sie haben mich heute nicht wiedererkannt.

Leben Sie wohl.

Leben Sie wohl.

Sie gab mir die Fingerspitzen der beiden Hände und sah mich an. Leben Sie

wohl, flüsterte sie, bis wir uns wiedersehen!

Leben Sie wohl.

Sie lächelte und schüttelte den Kopf. Sie wissen nicht, was ich denke? Nein?

Leben Sie wohl. — Sie ging und wandte sich noch einmal zu mir um und

bewegte die Lippen. Sie verschwand, ich weiß nicht wohin. Ich stand in der

Heide und blickte ringsum. — Das ist der ganze Traum,“ schloß Grau.

Adele blickte auf den Boden und lächelte. Wie seltsam! Welch ein schöner

Traum! „Vielleicht haben Sie im Traume viele wahre Dinge erblickt, die wir in

Wirklichkeit nicht sehen können? Wie seltsam!“ Sie standen am Gitter des

Parkes.

Nach einer Weile sagte sie: „Was hat jene Frau doch gemeint, als sie sagte: Sie

wissen nicht, was ich denke?“

Grau lächelte. „Wie kann ich es wissen?“

Adele schüttelte den Kopf und öffnete das Gitter, indem sie rückwärts ging.

„Sie wissen es nicht? Vielleicht wollte sie, daß Sie fragen, wer sie sei, ob sie

nicht mit Ihnen gehen solle? Irgend etwas. Oder vielleicht wollte sie, daß Sie sie

zum Abschied küßten?“ Adele lächelte.

„Welch ein Gedanke!“ sagt Grau erstaunt und verwirrt.

Vielleicht habe sie das gedacht, vielleicht, man wisse es ja nicht, aber eine

Frau war sie ja doch! Nicht wahr? „Ich muß jetzt ebenfalls gehen, Herr Grau.

Leben Sie wohl!“ Adele nickte.

Grau zog den Hut: „Leben Sie wohl, Fräulein von Hennenbach.“

Adele ging immer mehr rückwärts, an das Gitter gelehnt.

„Leben Sie wohl,“ wiederholte sie und sie sahen einander lange an.

Grau schwindelte. „Gute Nacht und Dank für den Abend!“ sagte er

mechanisch.

Adele wandte sich um und blickte über die Schulter zurück. „Leben Sie wohl

— bis wir uns wiedersehen!“ sagte sie und Grau sah ihre schmalen Zähne

schimmern. Sie ging hinein in den dunkeln Park. — — — —

Grau sah sie gehen und ihr helles Kleid im Dunkel untertauchen. Unter der

Lampe des Eingangs leuchtete es wieder auf und verschwand.

Er schloß langsam das Gitter. Es konnte doch nicht die ganze Nacht hindurch

offen stehen. Er blickte auf den Weg, wo sie gegangen war und schüttelte den

Kopf: Sie wußte ja nicht alles, ja, beim Himmel, sie wußte ja nicht alles!

Wußte sie denn, daß er wach lag und nur an sie dachte? In ihrem Garten stand

ein blühender Apfelbaum und ihn liebte er am meisten von allen blühenden

Bäumen im Lande.

Wußte sie denn das?

Er sah sich immer wieder um und sah dieses Eisengitter an. Leben Sie wohl

— bis wir uns wiedersehen! Hatte sie nicht die gleichen Worte gesprochen wie

jene Frau im Traum?

Es rieselte im Laube, das Rieseln ging ringsum im Walde und die Gräser

flüsterten. Wie ein Schauer rann es über die Erde und dieser Schauer des

Frühlings durchrieselte auch ihn. Plötzlich war alles von fahlem Lichte erfüllt

und der Wald zitterte im bleichen Scheine des Mondes, der über die Höhen

heraufstieg. Grau ging langsam dem Monde entgegen und das Licht durchflutete

ihn wie einen Baum. Ist alles Traum, ist alles Wunder? dachte er. Ich selbst ein

Traum im Traume der Welt? Etwas wie Betäubung befiel ihn, er hatte das

Gefühl, als ob er an einem Abgrund stände. Plötzlich roch er die Kräuter wie in

jenem Traume, derselbe Geruch war es und vor seinem innern Auge erschien

jene seltsame Frau und fragte, wie damals in mildem Vorwurf: Hast du mich

heute nicht wiedererkannt! Er schloß die Augen, da sah er Adeles schmales

Gesicht vor sich. Eine Stimme begann in ihm zu flüstern. Sie flüsterte Worte, die

er nicht verstehen wollte. Lehne deinen Kopf an meine Schulter, flüsterte sie.

Küsse mich, küsse mich tausendmal.

Grau wandte sich um und blickte auf Adeles Park.

„Ich werde ja schweigen,“ sagte er laut. Aber die Stimme ihn ihm fuhr fort zu

flüstern: Küsse mich, küsse mich tausendmal —

Er lauschte und lächelte. „Ja, ja!“ sagte er.

Er stand und wartete bis alle Lichter in Adeles Haus erloschen. Die Luft war

feuchtwarm, duftend und so stark, daß ihm die Brust bei jedem Atemzuge weh

tat. Er dachte an Adele und der Gedanke an ihre Schönheit schmerzte ihn. Das

letzte Licht erlosch und er ging weiter. Erst gegen Morgen kam Grau nach

Hause. Das Herz war ihm schwer von schönen Träumen. Als er sich auskleidete

fiel jenes Paketchen aus seiner Tasche, das Mütterchen ihm zugesteckt hatte.

Er öffnete es. Kleine gelbe Kinderschuhe waren darin.