Der Tor

Bernhard Kellermann · Kapitel 6 von 42

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Der Tor

Fünftes Kapitel

 

Grau schloß die Türe seiner Kammer und begann augenblicklich erregt mit sich selbst zu sprechen.

„Man nimmt sich doch nicht so rasch das Leben!“ sagte er und gestikulierte

heftig. „Das Mädchen war doch so jung und gesund! Aus Scham allein hat sie es

nicht getan, das glaube ich nicht. Nein, nie und nimmer! Es mußte noch etwas

anderes mitspielen, eine Kränkung oder sonst etwas. Der Fleischergeselle

leugnet. Man kennt den Verführer nicht. Ich werde ihn herausfinden, bei Gott,

das werde ich!“

Er war todmüde und legte sich zu Bett. Er war einen vollen Tag unterwegs

gewesen und hatte, um Geld zu sparen, noch dazu eine Strecke von fünfzehn

Kilometern zu Fuß zurückgelegt, um einen Umweg der Bahnlinie

abzuschneiden.

Dieses arme Mädchen! dachte er. Entsetzlich! Mit einem Seufzer der Lust

empfangen, in Angst getragen, in Verzweiflung geboren und mit dem Leben

bezahlt. Genug, genug!

Er schlief ein, wurde aber gleich darauf durch das Bimmeln einer dünnen

Blechglocke geweckt.

Im Gastzimmer unter ihm rumorte die rauhe Stimme des jungen Barons. Hier

und da bellte ärgerlich der kleine Wirt, und in nahezu gleichen Zwischenräumen

ließ sich das leere Lachen der blonden Wirtin hören. Es hörte sich an wie der

Ton einer kleinen dünnen Blechglocke, an der der Baron zog, wann es ihm

gefiel. Einmal zog er zweimal nacheinander daran, ein andermal tat er nur einen

kurzen, schrillen Ruck. Die Personen da drunten verkleideten sich, der Baron

wurde zu einem Manne, der auf Flaschenscherben tanzte und seine Augen

glühten.

Grau richtete sich im Bette auf. Er konnte nicht schlafen.

„Dieses arme Mädchen ist es ja nicht allein!“ rief er aus und schlug mit der

flachen Hand auf die Bettdecke. „Da ist noch diese alte verzweifelte Mutter, die

ganz von Sinnen hin- und herrannte und schrie. Da ist noch das arme verwaiste Kind! — Aber auch das ist noch nicht alles!“ fuhr er fort, wobei sich sein Herz

zusammenkrampfte. „Tausende solch unglücklicher Mädchen gibt es, Tausende

solch verzweifelter Mütterchen, Tausende solch verwaister Kinder! Tausende!

Tausende! Tausende!“

Er befreite sich von diesem Gedanken.

Aber augenblicklich erschien an einer andern Stelle seines Kopfes ein

Gefangener, der an der Wand der Zelle lehnte; es war Nacht, aber er schlief

nicht, durch das kleine Gitter über seinem Kopfe drang ein fahles Licht, da stand

er mit bleichem Gesichte, starrte vor sich hin und nagte an der Lippe. Wieder, da

sah er in eine Kammer: Auf dem Bett lag eine tote Frau, eine Kerze brannte

daneben, ein Kind saß auf dem Boden und lächelte ihm zu. Auf dem fahlen

Gesicht der Toten stand mit erschreckender Deutlichkeit geschrieben: Ich wurde

geboren und weiß nicht weshalb, ich habe gelebt, weiß nicht warum und weshalb

bin ich doch gestorben? Nun aber kann ich den Weg zur Seligkeit nicht finden,

ach! Dann sah er einen schlafenden Mann mit kurzen aschgrauen Haaren vor

sich und er sah einen Gedanken, der im Haupte des Schlafenden wanderte. Der

Gedanke wanderte hin und her, wie ein Licht, das in der Nacht wandert und vor

verschlossenen Türen stehen bleibt. Plötzlich stand das Licht ruhig und loderte

hell auf und der Schlafende erwachte verstört. Er schlüpfte in die Kleider, hastig,

schlich sich aus dem Hause, verstohlen, und sein schneller Schritt verschwand in

einer dunkeln Gasse. Aus der Ferne drang ein entsetzlicher Schrei.

Grau schrak zusammen. Den Schrei hatte die blonde Wirtin ausgestoßen. Aber

es war kein Schrei des Schreckens, es war ein schrilles, ersticktes Lachen. Der

junge Baron verabschiedete sich, das Tor fiel ins Schloß und durch das ganze

Haus lief ein dumpfes Zittern vom Keller bis zum Boden. Der Wirt zankte, die

Frau lachte gedämpft. Schritte schlichen hin und her auf knarrenden Dielen, bald

unten, bald oben, an seiner Tür vorbei. Es war der kleine Wirt, der nachsah, ob

alles in Ordnung war. Er flüsterte, tuschelte, zankte. Und wieder knarrte sein

schleichender Schritt durch das ganze Haus.

Graus Züge fielen ein. All das Leid, das auf der Erde war! Er fühlte es, es lag

wie eine Last auf seiner Brust, er hörte es, ja, er roch es! Dunkler und dunkler

wurde es in seiner Brust und endlich erschauerte er von all der Finsternis, die in

seinem Innern war. Er preßte die Hände vors Gesicht und zitterte und dieses

Zittern kam nicht von der Kälte allein. Die ganze Erde schreit ja immerzu,

dachte er, sie zittert und bebt ja unausgesetzt. Wenn sich das Schluchzen einer

einzigen Nacht vereinigt, so tobt es lauter als das wilde Meer! Dieses leise

Weinen in den Kissen, dieses Klopfen der Herzen, das Keuchen der Sterbenden,

die Schreie der Gebärenden —

Ob man auch das Auge schließt, was hilft es, das verquälte Antlitz des Menschen ist überall, es dringt durch die Lider hindurch, ob man die Ohren

verschließt, was hilft es doch?

Scheint nicht manchmal ein entsetzlicher Schrei durch die Nacht zu hallen,

aller Menschen Stimmen, die sich zu einem einzigen Schrei der Anklage

vereinigen, zu einem Schrei nach Erlösung?

Ein Schweigen noch furchtbarer als dieser Schrei ist die Antwort.

Grau saß regungslos im Bette und starrte vor sich hin. Und er sah Tausende

von Menschen vor sich, die im Bette saßen und starrten und nur den Wunsch

hatten, zu vergessen, zu schlafen, nicht mehr zu denken. Aber draußen in der

finstern Nacht murmelte und tobte es und wollte nicht ruhig werden.

„Wenn man doch etwas tun könnte,“ sagte Grau und nickte und seine Augen

brannten. „Nichts sollte mir zuviel sein, nichts! Aber man ist ja so arm — viel zu

arm!“

Die Kerze erlosch, aber er regte sich nicht. Nun war es dunkel um ihn her und

er starrte in dieses Dunkel hinein, seine Züge fielen ein, sie verzerrten sich. Er

dachte, dachte, grub die Zähne in die Lippe —

Aber mit einem Male veränderte sich der Ausdruck seines Gesichtes und

seiner Augen. Er blickte auf das Fenster, und Neugierde, Erstaunen,

Verwunderung und Freude spiegelten sich in seinen Zügen.

Auf diesem Fenster jedoch war nichts Besonderes zu sehen. Es war eine

schwarze Scheibe und vom Marktplatze, von irgendwoher fiel der Schein einer

Laterne darauf, so daß feine Lichtbogen entstanden, wie man sie um den Mond

sieht, wenn er einen Hof hat. Doch das war nicht alles. In diesem Lichtbogen

lebte es! Es regte sich, es flimmerte, es zuckte darin. Feine Kristalle formten

sich. Es war wie gesticktes Moos, wie feine zitternde Gräser, dann strebten

schmale, wehende, glitzernde Pflanzen empor, dem Tang ähnlich, der auf dem

Grunde des Meeres wächst. Weiße Korallenzweige wuchsen zwischen ihnen

hindurch, verästelten sich feiner und feiner, etwas wie spitze Flossen tauchte auf,

Sterne, deren Enden zitterten — und alles glitzerte und flimmerte als sei es aus

Splittern von Brillanten gebildet.

Es war ein betörend schönes Bild, ein Wunder an Reichtum, Glanz und

Formen, das eine unsichtbare Hand hier an das schwarze Fenster eines nichtigen

Wirtshauses zeichnete.

Grau saß und seine Augen waren wach und hell und sahen zu, wie es sich

formte, veränderte, wuchs. Auf seinen knabenhaften Lippen schwebte ein

seltsames Lächeln und in seinen Augen war ein fremder Glanz. Er atmete

wieder. Er atmete tief und befreit.

„Er schreibt! Er schreibt!“ flüsterte er leise und Freude erfüllte ihn und

stummer Jubel. Gleichzeitig aber schämte er sich.

„Ich bin müde gewesen, er möge mir verzeihen!“

Grau schlief ein und er atmete tief und froh und lächelte im Schlafe. In seinen

Traum kam ein alter kranker Bauernknecht mit entzündeten Augen, der eine

zerrissene Jacke trug und dicke neue Handschuhe an den Händen hatte; er

schwang die Hände vor ihm und lachte. „Deine Handschuhe sind warm, vergelt’s

Gott!“ schrie er und nickte ihm zu.