Der Tor

Bernhard Kellermann · Kapitel 16 von 42

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Der Tor

Fünfzehntes Kapitel

 

Grau war nun in der ganzen Stadt bekannt. Das war kein Wunder, denn man sah ihn tagtäglich einigemal auf der Straße; über den Marktplatz konnte man

überhaupt nicht gehen, ohne daß er aus irgend einer Gasse auftauchte. Immerzu

hatte er zu grüßen, denn jedermann kannte ihn. Er grüßte alle Leute zuerst, auch

Kinder und Schüler. Man konnte ihn überall sehen, hinter den dunkelsten

Fenstern, die keine Vorhänge hatten, auf den breiten Treppen der reichen Leute,

einerlei.

Er hatte viel zu tun. Wenn er am Morgen das Haus verließ, so hatte er schon

einige Arbeitsstunden hinter sich. Er stand auf, sobald der Tag graute; voll von

Interesse für alles, was den Menschen betraf, wünschte er alles kennen zu lernen,

was der Mensch je gedacht und ersonnen hatte; dazu benutzte er die

Morgenstunden. Der vorläufige Arbeitsplan war bei angestrengtester Tätigkeit in

zehn bis zwölf Jahren zu bewältigen. Dann wollte er weiter sehen.

Er hatte Unterricht in den Schulen zu geben, Besuche zu machen. Keine

Stunde des Tages ließ er unbenutzt. Er war wiederholt bei der alten Frau Sammet

gewesen, im Waisenhaus, bei dem Arzt, der Susanna behandelte, auch sprach er

häufig bei der „ewigen Braut“ vor, um mit ihr zu plaudern. Susanna besuchte er,

so oft er frei war.

Trotzdem er täglich so vieles tat, hatte er doch stets Zeit. Niemals war er in

Hast, stets ruhig. Sein Tag schien viel länger als der andrer Menschen zu sein.

Es ist eine bekannte Tatsache, daß man in jeder Stadt einen Menschen hat,

dem man immer wieder und wieder begegnet. In dieser Stadt schien es für Grau

Eisenhut zu sein, den zu treffen ihm bestimmt war. Er begegnete ihm, so oft er

das Haus verließ, ja, selbst im Walde hatte er ihn getroffen. Eisenhut ging hastig

vorüber, grüßte, blinzelte und sah Grau stets mit sonderbar forschenden Augen

an, argwöhnisch, ja, sogar furchtsam und scheu; zuweilen schüttelte er den Kopf,

räusperte sich und lief weg, indem er Grau einen raschen Blick zuwarf, der

keineswegs Sympathie ausdrückte. Manchmal kam es auch vor, daß er auf der

Straße stehen blieb, Grau spöttisch lächelnd musterte und die Lippen bewegte, als spräche er mit sich selbst. Bei einer solchen Begegnung sprach ihn Grau an

und fragte ihn, ob er nicht etwas tun wolle, um für Susanna ein Piano zu

beschaffen. Aber Eisenhut blinzelte, lächelte, krümmte sich und begann von

schlechten Zeiten zu sprechen, in solch winselndem, demütigem Tone, daß sich

Grau angewidert abwandte. Er sah Eisenhut wieder und Eisenhuts Augen

sprühten offenen Haß.

Grau war nicht erstaunt: Alles geht wunderbar, dachte er und lächelte in sich

hinein vor Freude, dieser Mann ist mir sicher! Ja, es gab solch wunderliche

Dinge auf dieser Erde!

Einmal sah er Eisenhut auf der Straße, gefolgt von einer Schar ausgelassener,

johlender Kinder. Eisenhut taumelte am hellen Tage betrunken nach Hause.

Nur Geduld, das sollte bald anders werden! Nur etwas Zeit brauchte er dazu.

Graus erste Predigt war kläglich ausgefallen. So heiß war sein Herz gewesen,

so groß hatte er sich alles gedacht, aber plötzlich hatte ihn Unsicherheit befallen:

Würde er die rechten Worte finden, das auszudrücken, was ihn erfüllte, was er

fühlte im Wachen und im Schlaf? — Er war unzufrieden mit sich. In den

folgenden Predigten aber war es ihm besser geglückt.

Es erschien ein Tag mit einigen freien Stunden. Grau erstaunte und wußte

nicht wie das zuging. Er spielte Orgel.

Er spielte ein paar Stunden lang und fühlte sich darauf wie neugeboren. Die

Musik und die menschliche Seele, es ist ja gar kein Unterschied zwischen den

beiden, sie sind Schwestern. Und wenn der Mensch Musik hört, so finden sich

die beiden Schwestern, umschlingen sich, vertrauen sich einander an, ihre

Sehnsucht, ihre Schmerzen, ihr Glück, ihre Hoffnung, liebkosen einander und

küssen sich, und der Mensch fühlt Freude und weiß nicht warum.

Als Grau endlich aufhörte zu spielen, war er von Glück und Jubel erfüllt.

Seine Hände bebten. All das Singen und Jauchzen der Orgel war noch in ihm.

Seine Augen waren so licht, daß er ihren Schein fühlte. Die Sonne leuchtete am

Himmel.

Nun wollte er zu Susanna gehen.

Er hatte sich lange Tage an der Freude gelabt, Susanna einen kleinen Hund zu

schenken. Er sollte klein und schneeweiß sein und wie Zucker schimmern.

Natürlich durfte er am Ende einige Flecken haben, etwa schwarze Pfoten oder

einen halben schwarzen Kopf, das würde nichts schaden, am besten aber war er

schneeweiß. Jedoch ein solcher Hund ließ sich nicht finden, trotz Graus eifriger

Nachfrage, weder ein weißer noch irgend ein anderer. Somit war es mit seiner

Freude nichts geworden.

Ja, wie doch heute die Sonne leuchtete! Grau machte einen Umweg, um sein

Gesicht von der Sonne baden zu lassen. Wie die sanftesten warmen Hände berührte die Sonne seine Wangen, und wenn er die Lider schloß, so war es, als

ob sich ein sanfter, warmer Finger auf seine Lider legte. Dann sah er Feuer.

Er lächelte einer jungen Mutter, die des Weges daherkam und ihr kleines, wie

ein junger Eisbär aussehendes Kind an der Hand führte, freundlich zu. Die Frau

errötete, sie mißverstand Graus Blick.

Der Himmel war blau und leuchtete. Jedermann hat schon gesehen mit welch

blauer Flamme der Schwefel verbrennt, so stählern und durchsichtig blau war

der Himmel. Grau blickte hinein, tiefer, tiefer — es lockte.

Ich bin ja nichts, dachte Grau, ein Nichts, eine Kleinigkeit, und doch habe ich

die Gabe mich zu freuen, die Fliege selbst hat sie, jedes Wesen — und doch habe

ich solch eine rätselhafte Sehnsucht in mir und doch durchschauert mich

manchmal eine Ahnung von dem Großen, das irgendwo ist. Hast du Gott

gesehen, frage ich dich? Nein. Und wenn du mich fragst, nein, nein, wie sollte

ich doch? Aber ich fühle, oft bin ich gleichsam betäubt wie heute. Vergebt mir.

Und doch, was könnte ich sagen, wenn mich einer fragte? Ich weiß ja nichts. Ist

Gott ein Sausen, das durch die Welt fährt, oder ein Ton, ein ewig schwingender

Ton, nach dem unsere Ohren haschen, oder ein Blick, der auf uns ruht, auf jeder

Stelle unseres Leibes, dem Kopfe, der Fußsohle, Tag und Nacht, um Mitternacht

und am Mittag? Oder ein Lächeln, ist er in jenem Lächeln, das zuweilen auf

allen Dingen zu ruhen scheint, dem Grase selbst, dem glänzenden Felle des

Stieres, dem Wasser. Weiß ich es denn? Es gibt so viele, die sagen, es gibt keinen

Gott. Es ist möglich, aber die Welt ist göttlich schön. Ich strecke meine Hand in

die Höhe, sie ist golden, das ist die Sonne, ich strecke meine Hand in die Höhe,

sie ist silbern, das ist der Mond. Ferne da kniet ein Mann im Grase und betet und

ungezählte Stirnen beugen sich in den Sand und preisen Gott in fremden

Zungen. Trotzdem? Doch dann ist es der Mensch, der sich einen Gott geschaffen

hat, des Menschen Sehnsucht ist dann Gott. Aber es ist ja nicht möglich, daß es

keinen Gott gibt, nein, denn des Menschen Sehnsucht ist göttlich und wie

göttlich schön ist die Welt. Was fühlst du, wenn du deine Hand anblickst? und

wenn die Vögel im Walde singen — wie wird dir? Nun? warum dieses ewige

Verlangen, diese Sehnsucht, dieses Brennen im Herzen, warum denn? Dieses

Fieber? In uns, die wir nichts sind als Sandkörner, die vor dem Winde rollen. In

diesem Sandkorn Gefühl, Wunsch, Ekstase.

Nein, niemand hat ihn gesehen, es ist wahr. Viele haben ihn geahnt. Jene

glänzenden Antlitze im Dunkel! Viele sind aufgestanden und haben gesprochen,

ihre Worte mögen unrichtig sein, sie konnten nicht ausdrücken, was sie fühlten,

aber ihre Gebärde, vergeßt mir diese Gebärde nicht.

Grau blieb stehen und sah einen Hund an, der unter der Haustüre saß und in

die Sonne empor blinzelte. In der Vorstadt trat er in einen dunkeln metergroßen Blumenladen ein und erstand eine kleine rote Tulpe. Als er bezahlen wollte,

stellte es sich heraus, daß er kein Geld mehr hatte. Aber die Leute kannten ihn

und es wäre fast eine Beleidigung gewesen, ihr Anerbieten, später zu bezahlen,

zurückzuweisen. Während er noch zögerte, trat jemand in den metergroßen

Laden ein und er roch ein feines Parfüm, das sich ohne Hindernisse in dem

Raume bemerkbar machen konnte; die Blumen hier waren zumeist aus Wachs

und Papier, und die wenig lebenden, die es hier gab, rochen nicht.

„Herr Grau?“ sagte eine schöne Stimme.

Diese Stimme drang sofort bis zu seinem Herzen.

Adele von Hennenbach schob den gelben Schleier in die Höhe und ihr

schmales blasses Gesicht und die klaren hellgrauen Augen kamen zum

Vorschein. Sie lächelte und blickte Grau freundlich an. An ihrem Arme hing die

Schlittschuhtasche; sie war gekleidet wie neulich und aus dem flotten Pelzjackett

stieg jenes feine Parfüm.

„Ich kann mir wohl denken, für wen diese Tulpe hier ist!“ sagte sie und

blickte Grau mit einem leisen Lächeln an; sie betrachtete die Tulpe mit ein

wenig geöffneten Lippen.

Grau kam in Verlegenheit, als ob sie ihn bei einer unschönen Handlung

ertappt habe. Er lächelte und drehte an einem Knopfe seines Mantels. „Es macht

mir Vergnügen, Susanna eine kleine Aufmerksamkeit zu erweisen, sie freut sich

so,“ sagte er, sich gleichsam entschuldigend. „Sie gehen zum Eise, Fräulein von

Hennenbach?“

Adele streckte sich ein wenig in die Höhe. „Ja,“ sagte sie, „man muß die

letzten Tage noch benützen, es wird bald vorbei sein mit der Herrlichkeit. Ich

habe mit Ihnen einige Worte zu sprechen, Herr Grau, wenn Sie nicht ungehalten

sein würden, daß ich die Gelegenheit benütze?“

„Bitte.“ Er war hocherfreut. Sie verließen zusammen den Laden. Adele

erkundigte sich nach den Formalitäten — es handelte sich um ihre Trauung.

Dann plauderten sie.

„Wie froh Sie heute doch aussehen, Herr Grau!“ sagte Adele. „Ganz als ob Sie

eine frohe Nachricht erhalten hätten!“

„Das habe ich auch!“ sagte Grau. „Aus weiter Ferne.“

„Diese arme Susanna,“ bemerkte Adele im Laufe des Gespräches, „wie es mir

doch leid tut um sie. Sie hat nichts als Kummer gehabt, nicht ein Quentchen

Glück, keine frohe Jugend, kaum ein wenig Freude. Wie klug und vornehm und

bescheiden ist sie doch! Wie schade, daß sie krank ist, daß sie so häßlich ist, so

mißgestaltet, ich bin traurig, so oft ich an sie denke. — Wollen wir den Weg zum

Fluß hinunter gehen, Herr Grau? Es ist kaum ein Umweg.“

Sie gingen den Fluß entlang, an den beschneiten Schiffen vorbei, worauf die Kinder herumkletterten und schrien. Kleine Knirpse und Mädchen mit

zerzausten Haaren liefen auf einer glatten Bucht Schlittschuh und schrien

ebenfalls was sie nur konnten.

Grau schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht finden,“ erwiderte er, „daß Susanna

häßlich ist. Ich muß freilich zugeben, daß ich beim ersten Anblick dachte, die

Natur habe sie stiefmütterlich behandelt, nun aber erscheint sie mir schön.“

„Wirklich?“

„Ja, ich entdecke mehr und mehr Schönheit an ihr. Sie hat doch ganz

wunderbare Augen! Haben Sie beobachtet, wie Susannas Augen Ihnen das Wort

von den Lippen horchen, den letzten Sinn aus den Augen horchen, den das Wort

nicht geben kann oder gibt? Wie ihre Augen antworten, noch bevor sie die

Lippen öffnet?“ Er blickte mit schwärmerischem Lächeln auf Adele.

„Ja, ja.“

„Und dann ihre Hände! Haben Sie diese Hände genau betrachtet? Wie

lebendig sie sind, wie sie alles miterleben, was Susanna erlebt. Und wie schön

sie doch sind, Susannas Hände! Ja, bei Gott, sie sind außerordentlich schön! Ich

schwärme, nicht wahr? Aber in Wirklichkeit, seitdem ich Susanna zum

erstenmal sah, schwärme ich für sie — ich gestehe es. Sie werden es ihr ja auch

nicht wieder sagen,“ fügte er mit einem Lächeln hinzu.

Adele sagte: „Wer weiß es?“

„Ich würde es nicht wünschen,“ sagte Grau. „Sie werden doch nicht am Ende

glauben, daß ich gerade deshalb so aufrichtig bin?“

Adele schüttelte den Kopf und lachte. „Sie wissen, daß Sie es mit einer Frau

zu tun haben!“ sagte sie scherzend. „Susanna würde all das wohl gerne hören,

denn sie ist so stolz auf Ihr Lob. Sie haben ihr auch gesagt, daß sie eine

Dichterin sei und Bücher schreiben könnte. Glauben Sie das wirklich?“

„Würde ich es sonst sagen?“ Grau nickte. „Ja, das glaube ich,“ sagte er. „Hat

Ihnen Susanna schon die Geschichte erzählt, die sie über das Porzellandämchen

in Mütterchens Glasschrank ersonnen hat? Die Abenteuer der Madame Ypsilon?

Eine drollige und wunderschöne Sache! Als ich mein erstes Kind erwartete,

beginnt die Geschichte dieser Porzellandame — haha!“

Adele kannte diese Geschichte. „Wenn es weht, vermeide ich es, auf die

Straße zu gehen, erzählt Madame Ypsilon,“ sagte sie. „Ich habe gar keine

Talente,“ fügte sie hinzu und schüttelte lächelnd den schönen, stolzen Kopf.

„Jeder Mensch hat seine Talente.“

Ja? Nun, dann möchte sie recht gerne wissen, welche Talente er ihr

zuschreibe?

„Erstens,“ antwortete Grau und blickte sie an, „sind Sie sehr musikalisch, ich

sehe das aus Ihrer Art unwillkürlich auf Geräusche und Töne der Straße zu reagieren, sodann sind Sie eine vorzügliche Tänzerin, an Ihrem Gange kann man

das erkennen, mehr noch an der Art wie die Bewegungen Ihres Körpers eine

Unregelmäßigkeit des Weges ausgleichen. Sie haben die Fähigkeit fremde und

unmögliche Dinge zu träumen, vielleicht mitunter grausame Dinge.“

Adele sah ihn an. „Bitte, bitte!“ rief sie aus und lächelte.

„Ihre größte Gabe aber scheint mir zu sein,“ fuhr Grau fort, „unklare

Situationen zu überblicken — zuweilen geht Ihr Blick so rasch hinter den

Wimpern hervor und unvermittelt in die Weite — und rasch und unerschrocken

zu handeln — sogar tollkühn,“ fügte er leiser hinzu.

„Ich habe mir vorgenommen, sobald ich Sie treffe, für meinen Bruder um

Entschuldigung zu bitten,“ sagte Adele ablenkend. „Wegen jener Affäre im

Elefanten.“

Grau lächelte und schüttelte den Kopf. Aber das sei doch nicht der Rede wert.

Adele blickte ihn erstaunt an. „Nicht der Rede wert?“ fragte sie. „Haben Sie

denn keinen Streit mit ihm gehabt?“

„Nein, nein!“ Grau lächelte.

„Wie merkwürdig!“ sagte Adele. „Er hat mir erzählt, Sie hätten Billard

zusammen gespielt, er habe gewonnen und es sei zu einem Wortwechsel — und

fast zu Tätlichkeiten gekommen,“ fügte sie zögernd hinzu.

Grau sah sie an. „Das ist nicht wahr!“ sagte er ernst und leise, denn etwas

beschäftigte seine Gedanken.

Adele öffnete erstaunt die Lippen. „So?“ sagte sie gedehnt. „Ich habe mich

gewundert darüber — er hat mir eine ganze Geschichte erzählt. Auch die

Geschichte mit der Flasche ist also — nicht wahr?“ Sie errötete flüchtig, „Ich

habe bisher meinem Bruder alles geglaubt,“ sagte sie mit einem Tone von

Verwunderung und Betrübtsein in der Stimme. Sie schwieg lange Zeit und

dachte nach, dann wandte sie sich wiederum an Grau, der ebenfalls in

Nachdenken versunken war. „Lassen wir das!“ sagte sie, indem sie ihrer Stimme

einen gleichmütigen Klang zu geben versuchte. „Man hat mir erzählt, daß Sie

früher Gefängnisgeistlicher waren, Herr Grau? Das war wohl Ihre erste

Anstellung?“

Aber Grau hörte nicht. Er hatte den Blick zu Boden gerichtet und seine

Mienen drückten tiefes Nachdenken aus. Erst als Adele ihre Frage wiederholte,

fuhr er verwirrt auf.

„Ich bitte um Verzeihung!“ sagte er verlegen. „Allein ich kann manchmal

vollständig in Gedanken versinken. Nun hat mich eben eine Angelegenheit

beschäftigt, die mich schon seit meiner Ankunft stark interessiert. Es gibt Dinge,

die mich gar nichts angehen, aber meine Gedanken kaprizieren sich gerade

darauf. Gefängnisgeistlicher, sagten Sie das? Ja, aber es war nicht meine erste Stelle. Zuvor war ich Lehrer an einem Blindeninstitut für Kinder.“

„Oh!“ Adele zog wie unter einem körperlichen Schmerze die feinen

schwarzen Brauen hoch. Sie grüßte jemand auf der Straße, dann sagte sie:

„Unter Blinden, wie furchtbar! Und noch dazu unter blinden Kindern! Wie

schrecklich muß das sein!“

„Viel schrecklicher ist es noch blind zu sein,“ sagte Grau und blickte Adele

an.

„Ja, entsetzlich!“ Adele richtete die hellen klaren Augen auf ihn.

„Stellen Sie sich vor, wie es ist blind zu sein, versuchen Sie es! Ja, ich habe es

einmal versucht, ich kann Ihnen das ruhig erzählen, denn Sie denken vornehm,

ich habe es einmal versucht und mich blind gemacht —“

„Was taten Sie?“ Adele sah Grau erschrocken an.

„Verstehen Sie es recht,“ fuhr Grau fort. „Ich habe mir eine Binde um die

Augen gelegt — es war in jenem Institut — vier Tage lang — ich tat es aus

Interesse — aus einer Art von Interesse, wenn Sie wollen, um meine blinden

Lieblinge besser zu verstehen, vielleicht auch um ihnen gleich zu sein —

kurzum, aber ich sage Ihnen gleich — doch es ist besser nicht davon zu

sprechen. Entschuldigen Sie, Fräulein von Hennenbach.“ Er wurde plötzlich rot,

dann fuhr er in anderem Tone fort: „Denken Sie daran, wie wir uns freuen, wenn

nur ein bißchen Licht durch die Fensterladen sickert, wenn das Licht im Laube

der Bäume spielt, wir Menschen leben ja vom Licht wie die Pflanzen, unsere

Seele nährt sich davon. Jeder Sonnenaufgang, jedes Glitzern eines Sternes, es ist

in uns, wir wären nicht die gleichen ohne diese Eindrücke und glauben Sie mir,

Fräulein von Hennenbach, ein Mensch mit zehntausend Sonnentagen und

zehntausend Sternennächten in seinem Leben ist ein ganz andrer als ein Mensch

mit fünftausend nur.“

Ein Mann schlendert an ihnen vorüber, in hohen Stiefeln, das Gewehr auf dem

Rücken. Es war Eisenhut. Er grüßte tief, blinzelte beide an und stieg

hocherhobenen Hauptes vor ihnen her. Er nahm eine Zigarre aus dem Etui und

steckte sie in Brand.

„Schönes Wetter, schönes Wetter!“ rief er und blinzelte.

„Ja, schönes Wetter!“ sagte Grau.

Aber Eisenhut blickte Adele an, er beachtete ihn gar nicht, und wiederholte:

„Schönes Wetter!“

„Danach hat man Sie also zu den Gefangenen geschickt, Herr Grau?“ sagte

Adele, die Eisenhut gänzlich ignorierte. Eisenhut blinzelte, reckte den Spitzbart

in die Luft und zog mit seiner Zigarre ab, deren blauer Rauch regungslos über

dem Wege schwebte.

„Es geschah auf meine Bitte hin,“ antwortete Grau.

„Übrigens hat mich in diesem Falle etwas ganz besonderes dazu getrieben, ich

hatte eine Art Vision — oder —“

„Eine Vision?“

„Eine Art Vision, ja. Es ist übrigens kaum des Erzählens wert.“

Grau lächelte und blickte Adele an, deren Wangen allmählich ein frisches Rot

überzog.

„Sie müssen mich recht verstehen,“ sagte Grau, „was heißt das schließlich,

eine Vision, nicht wahr? Es ist eine Art Traum in halbwachem Zustande, nichts

weiter. Einmal zum Beispiel, glaubte ich ein Sandkorn zu sein und ich sah das

Leben all des kleinen Getieres zwischen den Gräsern, das Wachsen der Halme,

wie Zelle sich an Zelle schloß — ganz wunderbare Lebensvorgänge —“

„Einmal nun, da schloß ich die Augen; ich war müde, aber ich schlief nicht

und plötzlich sah ich einen Mann vor mir mit erdfahlem Gesicht, in der Kleidung

eines Gefangenen. Er ging hin und her, vier Schritte vorwärts und vier Schritte

zurück, so daß ich einmal sein erdfahles Gesicht sah, einmal seinen Rücken.

Aber mit einmal war es nicht einer, es waren unendlich viele, vielleicht hundert.

Wie Sie im Traume in Häuser hinein blicken können, durch Mauern hindurch, so

sah ich in all diese Zellen hinein. Sie gingen hin und her, vier Schritte vorwärts,

vier Schritte zurück, sie hatten alle erdfahle Gesichter und waren gekleidet wie

Gefangene. Sie gingen hin und her, wie ein Tier in seinem Käfig, plötzlich aber

blieben sie alle stehen, all die Hundert, sie blieben stehen und trommelten mit

den Fäusten an die Wände. Nur einen Augenblick. Dann nahmen sie das

Wandern wieder auf.“

„Wie schrecklich!“

„Ja, in der Tat, in der Tat schrecklich!“ sagte Grau leise und schwieg eine

Weile. Er fuhr fort: „Aber nach einer Weile standen all die Hundert wieder still,

gerade in dem Moment, da sie kehrt machen wollten um mir den Rücken

zuzuwenden — sie standen still, sage ich — und sahen mich an. Alle auf einmal!

All die Hunderte von Augen, von toten erloschenen Augen, sie sahen mich an.

Ein Traum, denke ich, ein Traum, nur ein Traum und klammere mich an den

Gedanken, daß es ja nur ein Traum ist, während der Blick dieser entsetzlichen

Augen auf mir ruht. Dieser Blick aber war kaum länger als ein Gedanke, dann

lächelten all die erdfahlen Gesichter. Sie zogen die Münder ein wenig schief und

sie lächelten alle das gleiche Lächeln: Spöttisch, überlegen, verächtlich — dann

machten sie kehrt und wanderten wieder.“

Grau schwieg. Sie gingen eine Weile nebeneinander her und blickten beide

auf den Boden. Als sie den dicken Wartturm durchschritten, wo ihre Schritte

leicht widerhallten, sagte Adele: „Deshalb also gingen Sie dorthin?“

„Ja, deshalb, ich hatte keine Ruhe mehr.“

Adele atmete die frische Winterluft ein, und ihr Schleier flatterte plötzlich im

Winde; denn die Höhe trat hier zurück und der Wind hatte freie Bahn. Ein paar

Krähen flogen, tief mit den Flügeln schlagend, in einer Reihe über das

Schneefeld und schrien. Bald tauchte auch das Dach von Susannas Häuschen

auf.

„Ich hatte ja früher nie länger über diese Gefangenen nachgedacht,“ nahm

Grau das Wort wieder auf, „aber jetzt mußte ich es tun. Es war besonders jenes

Lächeln mit dem schiefgezogenen Mund, das mir zu denken gab. Ich sagte, sie

lächelten spöttisch, überlegen, verächtlich, aber all das sagt nicht genug. Ihr

Lächeln schien auszudrücken: Du bist auch einer von jenen Gedankenlosen.“

„Gedankenlosen?“

„Ja,“ sagte Grau, „und ich mußte immerzu an dieses rätselhafte Lächeln

denken und schließlich kam es dahin, daß ich um jeden Preis wissen mußte, was

es bedeute. Ich hatte mich ja mit solch falschen Anschauungen über Gefangene

und Verbrecher getragen.“

„Wollen Sie mir nicht sagen, was für Menschen sie eigentlich sind?“ fragte

Adele mit aufrichtigem Interesse.

Grau sah Adele an. „Was für Menschen?“ antwortete er und lächelte. „Sie sind

genau wie andere Menschen, wie die Bürger dieser Stadt hier, wie ich, nur daß

sie etwas getan haben, irgend etwas, das gegen einen Paragraphen des Gesetzes

verstieß, daß sie nicht vorsichtig genug waren und daß man sie packte.“

Plötzlich erbleichte Adele. Sie lächelte und blickte in die Ferne, genau dahin,

wo jetzt die Krähen flogen; sie sagte: „Ja — daß man sie packte, das ist ganz

richtig, das ist wahr!“ Sie lachte ein wenig seltsam.

Grau sah sie mit einem raschen erstaunten Blicke an.

Dann aber fuhr er mit gleichmütiger, ja fast auffallend gleichmütiger Stimme

fort: „Ich sehe, Sie interessieren sich für diese Unglücklichen, Fräulein von

Hennenbach. Ich gestand Ihnen ja, daß auch ich mich mit falschen

Anschauungen trug. Der größte Teil, das sind Leute, bei denen eine der

allgemein menschlichen Eigenschaften, Eitelkeit, Hochmut, Trägheit

Genußsucht, Sinnlichkeit, Habgierde, Verlegenheit, Gutmütigkeit, Leichtsinn,

Leidenschaftlichkeit — (eine ungeheure Menge von allgemein menschlichen

Eigenschaften zählte Grau auf, sie wollten gar kein Ende nehmen) —

unglücklich stark entwickelt ist im Vergleich zur Willenskraft, stärker sogar als

die Furcht vor dem Gesetze. Jener Anschauung, daß alle Verbrecher und

Sträflinge geisteskrank oder seelisch defekt sind, stimme ich nicht bei. Im

Gegenteil, Sie finden darunter einen nicht geringen Teil, der sehr gesund ist,

gesunder oft als die freien Menschen. Ganz prächtigen Leuten können Sie dort

begegnen, welche Kraft, Unerschrockenheit, welches Feingefühl, welcher Stolz! Die meisten natürlich sind krank, sie haben einen Tropfen krankes Blut im

Körper, den der Arzt natürlich weder sehen noch nachweisen kann. Endlich

kommen die schrecklichen Verbrecher, die als Teufel geboren wurden und eines

Tages ein Verbrechen begehen, daß alle Zeitungsleser der ganzen Welt schreien:

Er gehört geschlagen, gebrüht, die ärgste Folter müßte ersonnen werden!“

„Haben Sie solche gesehen? Was für Menschen mögen das wohl sein?“

„Ich habe vier solche gesehen, ja. Ich weiß es nicht. Niemand weiß es. Sie

sind ein Mysterium, uralte Raubtiernaturen, Finsternisseelen, blutige Gespenster

— irgend eine schreckliche Kraft, ein entsetzlicher Geist haust in ihnen, ich weiß

es nicht, ich habe das noch nicht zu Ende gedacht!“

Adele schüttelte den Kopf. „Nach all dem, nach Ihrer Auffassung vom

Verbrecher,“ sagte sie, „die ja sehr gütig ist —“

Grau unterbrach sie. „Das Resultat von Beobachtungen, erlauben Sie, mein

Gefühl spricht nicht mit.“

Nun wohl, seiner Anschauung gemäß müßte es unrecht sein, die Verbrecher

zu bestrafen.

Grau blieb stehen. Er sah Adele an und sagte: „Natürlich! Das ist eins jener

Dinge, die ich gar nicht verstehen kann. In hundert Jahren wird man diesen

menschlichen Irrtum mit den gleichen Augen betrachten, mit denen man heute

auf die mittelalterlichen Hexenprozesse blickt.“

„Aber —?“

Grau lächelte. „Die Gesellschaft!“ sagte er.

„Ich verstehe. Ich werde kein großes Geschrei machen, ich werde gar nicht

von den Verbrechen sprechen, die die Gesellschaft in aller Ruhe begeht oder von

den Verbrechen, die im Gesetz selbst enthalten sind. Die Gesellschaft will in

Ruhe und Frieden die Arbeit der Kultur verrichten, nicht wahr? Störenfriede

schafft sie aus dem Wege. Aber das ist nicht ganz richtig, der Gesellschaft ist es

ja nur zum geringsten Teil um Kulturarbeit zu tun, zum allergeringsten Teil —

denn die Gesellschaft ist ja eigentlich nichts anderes als ein Ring kleiner und

großer Bankiers — es ist ihr vielleicht ein wenig um das Werk der Zivilisation

zu tun, um den Export von Seifen und Gasmotoren und Kanonen — vielleicht

nur um Bereicherung, aber auch das ist wohl nicht gerecht — sagen wir die

Gesellschaft will leben, bequem und in Frieden. Deshalb also schafft sie sich

Gesetze, nur weil sie bequem und in Gemütsruhe leben will — das Motiv steht

nicht sehr hoch! Gut, sie kann also Störenfriede ausschließen — aber bestrafen,

wieso? Vielleicht hat sie das Recht, Elemente, die ihre Gesetze nicht respektieren

und sich dagegen verfehlten, zu erziehen — das aber ist alles!“

„Ja, aber ich verstehe nicht ganz?“ warf Adele ein.

Grau schüttelte den Kopf und lächelte. „Sie meinen, wenn jemand mir zum Beispiel hundert Mark stiehlt — ja, was habe ich dagegen? Werde ich ihn

bestrafen? Nein, ich würde mich schämen, so großen Wert auf ein bißchen

Besitz zu legen, ich würde es gar nicht vornehm finden — die Gesellschaft aber

glaubt das Recht zu haben, einem Menschen, der einen alten Überzieher

gestohlen hat, ein Stück seiner Seele zu stehlen. Ich begreife das nicht. Übrigens

keine Einzelheiten. Müssen Sie nicht immer ein Auge schließen, wenn Sie auf

die Gesellschaft blicken, oder beide Augen zuweilen, wie? Oder müssen Sie sich

nicht schämen oder erwacht der Gedanke nicht in Ihnen, fortzugehen, weit fort,

zu den Wilden auf eine Insel, wohin kein Schiff aus Europa kommt, wie?

Europa, jenem Kontinente der bestechenden Theorien und der schmutzigen

Praxis. Sie werden sagen, Ehre, Gut, Leben müssen beschützt werden. Gut —

obgleich ich finde, daß unsere Zeit zu viel Wert darauf legt. Man wirft den

Verbrecher in den Kerker, jahrelang — ohne zu bedenken, daß das grausamer ist

als jedes Verbrechen. Der Verbrecher hat sich am Besitz, am Leben eines

anderen vergriffen, aber nicht an der Seele, wohlgemerkt, das aber tut die

Gesellschaft. Sie martert die Seelen, sie läßt sie vermodern und verfaulen. Dabei

handelt die Gesellschaft mit klarer Überlegung — könnte man fast sagen — aber

der Verbrecher —? Nun?“

„Nun werden Sie aber sagen: Wenn ein Mensch jedoch ein Teufel ist, nicht

wahr? Ja, aber muß denn die Gesellschaft ebenfalls teuflisch sein? Was ist das

anders als niedrige Rachsucht? Es mag ja Zeiten gegeben haben, wo all das am

Platze war — aber heute? Das Leben wäre ja wohl nicht mehr so bequem und so

ungefährlich, das mag sein. Aber wäre es nicht besser, wenn es ein wenig mehr

gefährlich wäre und dafür gerechter? Übrigens haben schon viele Leute darüber

nachgedacht und Reformen geschaffen, zum Beispiel in Amerika. Man kann

nicht leugnen, daß es allmählich etwas lichter wird. Von der Todesstrafe will ich

ja gar nicht sprechen.“

Adele dachte nach. Sie schüttelte den Kopf. „Wie soll man es aber anstellen?“

fragte sie. „Soll man die Verbrecher etwa alle auf eine Insel verschicken?“

„Nein, dann kämen ja auf dieser Insel alle Verbrecher und Kranken

zusammen.“

Grau entwickelte ihr seine Gedanken. Arbeit und Schulen, Gelegenheit den

Gefallenen gesund zu machen.

„Schulen?“

„Ja, Schulen, die ihn erziehen, die ihm die Augen öffnen, ihn auf ein höheres

Niveau der Anschauung vom Leben, vom Menschen, der Gesellschaft stellen.

Frische Luft, gute Nahrung, viele Bewegung, Spaziergänge in Wald und Feld.

Die Arbeit kann ja hart sein, in Bergwerken, Steinbrüchen, das ist einerlei, aber

sie darf nicht alle Zeit in Anspruch nehmen, kaum die Hälfte des Tages.“

Adele hatte noch eine Frage. Nämlich, wenn das alles nichts helfe und der

Verbrecher rückfällig werde.

Wiederum Bergwerke, Steinbrüche, Schulen. Ja, wenn er wolle, könne er ja

sein ganzes Leben in den Bergwerken arbeiten und täglich ein paar Stunden

spazieren gehen.

Ob Herr Grau nicht glaube, daß dadurch die Ziffer der Verbrecher steige, bei

dieser linden Behandlung?

Nein, nimmermehr glaube er dies! Das moralische und ethische Bewußtsein

des Volkes würde gerade dadurch gehoben werden.

Hm. Ja, aber es gäbe Verbrecher, eigenartig angelegte Menschen, die nicht

eine Spur von einer moralischen oder ethischen Anlage in sich hätten, es seien

oft die schrecklichsten —

„Ein Landhaus für sie in einsamer Gegend, ein Stück Gartenland.“

„Ein Landhaus!“ Adele lachte unwillkürlich. Grau errötete. Er blickte sie an.

„Nun, natürlich, eine Hütte,“ sagte er sanft, „da mögen sie hausen. Man kann sie

nicht erziehen, man kann sie nicht bestrafen — aber sie sind aus dem Wege.“ Ja,

die Gesellschaft müsse es sich schon einiges kosten lassen, wenn sie leben wolle,

wie sie es wünsche.

Sie standen auf der Brücke. „Leben Sie wohl nun,“ sagte Adele. „Das

Gespräch hat mich angeregt, ich danke Ihnen.“

„Ich danke Ihnen!“ wehrte Grau ab. „Nicht weil Sie mir so aufmerksam

zuhörten, sondern für Ihr Interesse an diesem Gegenstand, Fräulein von

Hennenbach.“ Das sagte er mit einem warmen Blick.

„Wie lange waren Sie denn bei den Gefangenen?“

„Leider nur ein Jahr.“

„Leider?“

„Ja. Ich wäre noch gerne bei ihnen geblieben, aber es hat sich nicht so

gefügt.“

„Weshalb?“

Grau lächelte. „Die Wahrheit ist die,“ sagte er, „ich habe eine Broschüre

geschrieben, die einiges Aufsehen erregt hat, und man hat mich zur Strafe

versetzt.“

„Ah!“ Adele gab ihm die Hand.

Grau drückte Adeles Hand und sagte ganz unvermittelt: „Ich sehe Sie dann

und wann in Ihrem Parke gehen, Fräulein von Hennenbach. Einmal da trugen Sie

ein brennend rotes Kostüm. Sie kamen auch bis an die Mauer, es war ein

japanisches Kostüm denke ich —“

Ja, es sei für den Liederkranzball am Faschingsmontag bestimmt. Sie liebe es

sich zuweilen phantastisch zu kleiden.

„Einmal da gingen Sie ganz in Gold,“ fuhr Grau fort, „es sah aus als ginge ein

Sonnenstrahl im Park spazieren, möchte ich beinahe sagen.“ Er sah Adele lange

an und dann nickte er. „Ich denke zuweilen an Sie,“ sagte er aufrichtig mit einem

Lächeln auf den knabenhaften Lippen, „ich wünsche, daß Ihr Leben reich und

herrlich sein möge, denn Sie sind sehr schön! Ich habe stets ein eigentümliches

Gefühl, wenn ich Sie sehe, Fräulein von Hennenbach, denn ich hatte einst einen

sonderbaren Traum von einer Frau, der Sie sehr ähnlich sind —“

Adele errötete etwas und lächelte, um ihre Verlegenheit und Verwunderung zu

verbergen. „Wollen Sie mir diesen Traum nicht erzählen?“

Nein, nein, das sei eine Geschichte für sich. „Leben Sie recht wohl.“ Er

lächelte und verbeugte sich, dann nahm er den Blumentopf mit der kleinen roten

Tulpe auf den andern Arm und stieg zu Susannas Häuschen hinab. Er hatte

Mühe, gegen den Wind anzukämpfen, der heftig über die Felder blies.

Susanna hatte sich geschmückt.