Der Tor
Zweites Kapitel
In purpurroter Seide stand sie da. Mächtige, weitausgreifende Chrysanthemen waren in lackroter Farbe auf das Kostüm gestickt. Ihr Hals war frei, er war lang
und weiß und ganz besonders nackt, die Linien ihrer weißen Arme
verschwammen in den weiten hängenden Ärmeln und ihre schmalen Hände
waren besät mit Ringen, sie waren gleichsam gepanzert mit flimmernden
Steinen. Ihre schwarzen Haare waren zu einer Art lebendigem Helm geflochten,
durch den ein silberner Pfeil sauste. Große gelbe Rosen schmückten das Haar,
die Schulter, den Gürtel. Sie lächelte. Ihre Zähne waren so weiß, ihre Lippen so
rot. Aber ihre Augen waren hell und tief wie zwei Quellen, auf deren Grund
Licht brannte.
Ihr Anblick verwirrte ihn. Er lächelte. Er sah sie an und eine Weile ruhten ihre
Blicke tief ineinander. Grau errötete langsam. Adele lächelte.
„Ich gratuliere Ihnen herzlich, mein Freund!“ sagte sie dann.
„Danke!“ Adeles Hand war brennend heiß.
„Susanna wird wohl sehr glücklich sein. War sie nicht ein wenig überrascht,
als Sie um ihre Hand anhielten?“
Sie sei einigermaßen überrascht gewesen, ja. Es habe einen langen Kampf
gekostet, bis sie einwilligte.
Adele blickte ihn mit einem eigentümlichen Blicke an. Sie schüttelte
unmerklich den Kopf, dann öffnete sie die Lippen zu einem schnellen Lächeln.
„Heute ist Fasching!“ sagte sie. „Kommen Sie, wir wollen fröhlich sein. Ich bin
in solch ausgezeichneter Stimmung. Sie sollen mir etwas erzählen, wollen Sie?
Sehen Sie den Kiosk dort? Dort bin ich engagiert, wir machen Geld. Oh, wie
heiß es ist! Und ich habe auch so viel Sekt getrunken.“ Sie preßte die Rücken der
Hände an die langen flächigen Wangen und kühlte sie mit den Steinen.
„Erzählen Sie mir Ihr schönstes Erlebnis, wir werden dabei umhergehen.“
Grau lächelte. „Mein schönstes Erlebnis erzähle ich nicht,“ sagte er „aber
wenn ich Ihnen eines von meinen vielen schönen Erlebnissen erzählen darf? Ein
kleines hübsches Erlebnis, wenn Sie wollen. Einmal fuhr ich des Nachts in einem Zuge und an meiner Seite saß ein junges Mädchen, ein auffallend schönes
und zartes Geschöpfchen. Sie war sehr müde, immerfort fielen ihr die Augen zu
und ihr Köpfchen schwankte hin und her. Ich dachte, wollte sie doch den Kopf
an meine Schulter legen — und so geschah es. Plötzlich sank ihr Kopf an meine
Schulter, sie schlief. Sie schlief die ganze Nacht an meiner Schulter und atmete
so tief.“ Das erzählte er.
„Wie hübsch!“ sagte Adele und lachte. „Sehen Sie die Lauben und all die
närrischen Leute? Wie gefällt Ihnen der Ball?“
„Prächtig!“
„Echte Provinz — haha! — echte, gute Provinz, Herr Grau. Ich glaube Sie
sind noch nicht oft auf Bällen gewesen, wie? Ich werde Sie später meiner Mutter
vorstellen, sie hat mich gebeten darum. Wir werden auch ein Glas Sekt
zusammen trinken. Lassen Sie mich eines wissen, können Sie tanzen? Aber ich
befürchte Sie können es nicht —“
„Doch,“ sagte Grau, „ich habe tanzen gelernt als ich zwölf Jahre alt war.“
„Unmöglich!“
„Zu Hause, ja. Meine Mutter gab mir Unterricht.“
„Ah! — Ja, das Kostüm ist echt, da haben Sie recht. Ein Onkel, ein Gesandter,
hat es mir geschenkt. Auch der Fächer ist echt. Sie sind der erste, der das fragt,
denn der Fächer ist ja so schlicht. Oh, welches Geschrei! Sie fühlen sich hier
nicht heimisch, wie? Ich protegiere Sie ein wenig, wenn Sie mir das erlauben.
Wollen wir jetzt tanzen? Ja! Kommen Sie!“
Sie legte ihre Hand in seinen Arm.
„Sie haben doch in den letzten Tagen soviel Orgel gespielt? Sie waren es
doch, nicht wahr?“ fragte sie während sie sich geschickt durch die Menge
bewegte.
„Ja, zuweilen kommt es über mich, dann muß ich ganze Tage spielen,“
antwortete Grau.
„Ich hörte es bis in mein Zimmer. Was haben Sie denn da? Einen Ring?“
Graus Finger spielten mit einem Ring, einem schmalen silbernen Reif mit
winzigem blauen Stein. Das sei ein Ring, den er sozusagen gefunden habe. Sie
habe ihn wohl nicht verloren? Er steckte den Ring wieder in die Westentasche.
Adele lachte. „Ich habe niemals einen solchen Ring gehabt,“ rief sie aus,
„sicherlich gehört er einer Köchin. Weshalb sehen Sie mich denn so verwundert
an?“
„Tat ich das?“
„Ja, zuweilen können Sie recht wunderlich sein!“
Als sie in den Tanzsaal kamen, war der Walzer gerade zu Ende und die
erhitzten Paare strömten heraus. Die Herren wischten sich den Schweiß von der Stirne und grüßten Adele, die Damen wechselten ein paar Worte mit ihr und
blickten erstaunt auf Grau, der Adele am Arme führte.
„Warten wir bis zum nächsten Tanze,“ sagte Adele und lächelte. „Hier ist es
übrigens kühler. Guten Abend, Klara! Vielleicht könnte man sich auch einen
Augenblick irgendwo hinsetzen, nicht wahr? Mein Gott, dieser Herr Eisenhut
glaubt, man erkennt ihn nicht. Ist das nicht komisch? Dann werden Sie mir jene
Geschichte, erzählen, die Sie mir schon solange schuldig sind.“
„Welche Geschichte? Jede Geschichte, die Sie wollen, natürlich, denn Sie sind
so freundlich zu mir, daß ich mich gerne dankbar zeigen möchte, aber ich
erinnere mich ja gar nicht —?“
Ein schmetterndes Trompetensignal erscholl und alles rannte in die
chinesische Straße hinaus. Herr Bezirksamtmann Häberlein sprach einige Worte,
die einen lauten Beifall wachriefen. Ein kleiner Mann mit weißer Künstlermähne
trat auf die Bühne. Das war Herr Photograph Leistlein, der eine Extranummer
zum besten gab.
Adele lachte. „Was für ein Unsinn! Es ist zu dumm. Sie lachen, weil Sie nicht
begreifen können, daß die Leute über einen solchen Unsinn lachen können. Nun
sind wir Gott sei Dank allein.“
Der Saal hatte sich geleert und nur zwei junge Mädchen gaben sich
gegenseitig Anweisungen im Tanzen; sie hüpften hin und her und kicherten und
quiekten. Eine Mauer von Rücken versperrte den Eingang zur chinesischen
Straße, die in all dem Rauch wie ein Bild in einem blinden Spiegel aussah. Man
hörte Herrn Leistlein in verschiedenen Stimmen sprechen, zuweilen unterbrach
ihn rasender Beifall.
„Wie wohl das tut, diese Ruhe!“ sagte Adele und ließ sich auf eine kleine
Bank nieder. „Sehen Sie doch, die vielen Lampione, wie hübsch! — Die
Geschichte von jener Frau, der ich ähnlich sehe, Sie erinnern sich wohl?“
„Gewiß erinnere ich mich,“ antwortete Grau. „Ist es nicht merkwürdig, daß
ich seitdem wieder von dieser Frau geträumt habe? Sie sieht Ihnen übrigens
nicht so sehr ähnlich, es ist nur Ihre Art den Kopf zu tragen und vor allem Ihre
Augen.“
Adele unterbrach ihn. „Sind denn so schreckliche Dinge in jenem Traume
geschehen!“ rief sie lachend aus. „Setzen Sie, sich Herr Grau. Weshalb muß ich
Sie erst dazu auffordern? Lassen Sie alles Zeremoniell beiseite, Sie sind auf
einem Maskenball und sprechen mit einer Japanerin. Beginnen Sie mit dem
Traum. Ein Traum, das war es doch?“
„Danke,“ sagte Grau und nahm neben Adele Platz. „Ja, es war ein Traum. Es
war übrigens einer der schönsten und einer der merkwürdigsten Träume, der mir
je geschenkt wurde. Es kommt ein Sternschnuppenregen darin vor und was diese Frau mir alles gesagt hat — ich träumte, ja, nun will ich endlich beginnen — ich
träumte, daß ein Geist mich dahintrage.“
„Ein Geist?“ Adele stützte das Kinn in die Hand und blickte gerade aus. Sie
hatte ein feines anliegendes Ohr.
„Ja. Ein Geist, der wie ein Wind sauste, er trug mich dahin über die Lande in
schwindelnder Schnelligkeit durch Wolken hindurch, plötzlich näherten wir uns
der Erde und flogen über schlafende Städte, riesige, schlafende Städte mit hohen
steilen Häusern. Die Städte waren ohne Licht, ohne Laut, ungeheuer stumm und
tot. Sie schliefen und wir flogen an einem Heer von Fenstern vorbei. Ich sah in
all diese Fenster hinein und obgleich es dunkel war, sah ich sehr genau.“
„Was sahen Sie denn da?“ fragte Adele.
„Ich sah Kinder, die schliefen, Tausende und Tausende von schlafenden
Kindern sah ich, alle schliefen sie, friedlich, müde, gesund, ihre Backen glänzten
rot und ihre Münder standen halb offen, ich sah all diese kleinen Brustkörbe
atmen, Millionen solcher Kinder habe ich gesehen, es war ja im Traum, gelbe,
braune, weiße Gesichter, alle Rassen.“
Eine Lachsalve raste durch den Saal.
„Wie schön!“ Er möge doch fortfahren.
„Ja. Ich denke daran, wie schön es war, nie mehr habe ich soviel Frieden
gesehen und auch nie mehr diesen Frieden gefühlt. Aber wie rasch es doch
dahinging, mit welch rätselhafter Leichtigkeit ich an diesen Fenstern
vorbeischwebte! Nun kamen immer neue Städte, plötzlich tauchten sie stets
unter mir auf, riesenhaft und alle schrecklich stumm und tot. Als ich nun in eines
der schwarzen Fenster blickte, sah ich zu meiner Überraschung ein kleines Licht
im Zimmer brennen und einen Mann, der am Tische saß; er hatte reiches, aber
ergrautes Haar.“
„Was tat er?“
„Er tat nichts. Er saß an dem Tische und starrte in das kleine Licht und
lächelte seltsam. Ich zog an tausenden von Fenstern vorüber und überall sah ich
den Mann mit den grauen Haaren und dem seltsamen Lächeln vor der kleinen
Kerze sitzen. Ich sah nicht nur ihn. Ich sah auch andre und alle tausendfach. Ich
sah eine Frau, die ein Licht in der Hand hatte und auf einem Stuhle saß. Aber sie
las nicht, sie blickte über das Buch weg und lächelte, ebenfalls seltsam. Ich sah
einen jungen Mann, der leise tanzte und einen Kuß in die Luft warf, er war sehr
bleich und auch er lächelte seltsam, ich sah junge Mädchen, die die Lippen
öffneten und ohne Laut sangen. Tag und Nacht könnte ich wohl erzählen, wollte
ich all diese Menschen beschreiben, die ich gesehen habe. Alle waren sie allein
mit einer kleinen Kerze, wach, während die andern schliefen, alle lächelten sie
seltsam. Sie beschäftigten sich alle so sonderbar, lasen ohne zu lesen, sangen ohne zu singen, sie spielten, runzelten die bleichen Stirnen, lächelten, ihre
Beschäftigungen waren mannigfacher Art, sie bauten Kartenhäuser, einer hatte
ein dickes Buch in Zettel geschnitten und mühte sich damit ab es wieder
zusammenzusetzen. Sie waren alle allein. Verstehen Sie?“
„Ah!“ sagte Adele und sah rasch auf. „Es waren die einsamen Menschen der
Erde, die Sie sahen. Wie merkwürdig!“
Grau nickte. „Ja, ich denke es. Aber weit merkwürdiger ist es, daß ich wußte,
was die Menschen dachten. Vergessen Sie nicht, daß es ein Traum war. Nun habe
ich seitdem — es ist ja sechs Jahre her — die meisten dieser Gesichter in
Wirklichkeit gesehen, oder es wird richtiger sein, im Traum sah ich alle
Gesichter, die ich in der Wirklichkeit gesehen hatte, ein wenig verschieden
vielleicht — kurz und gut, ich sage, ich sah die meisten dieser Gesichter in
Wirklichkeit und es schien mir nun, als wisse ich, was sie ausdrückten. Ich sehe
ein Gesicht auf der Straße und es erinnert mich an eines jener Gesichter im
Traume — aber ich wollte das ja nicht sagen, Pardon.“
„Fahren Sie doch fort!“ sagte Adele.
Grau lächelte leise, schüttelte nachdenklich den Kopf und sagte: „Wie
sonderbar aber ist es doch, daß wir im Antlitz des Menschen zu lesen wünschen!
Daß uns jeder Mensch so sehr beschäftigt, daß wir wissen möchten, wie er ist!“
„Ja, wie eigentümlich ist das,“ sagte Adele und blickte Grau an. „Man sagt, an
den Augen erkenne man den Menschen am besten. Wie meinen Sie?“
Grau lächelte. „An den Augen?“ sagte er. „Vielleicht. Ein wenig an den
Augen, ein wenig am Gang, an den Händen, an den Ohren, an den Lippen. Ganz
besonders an der Nase! Aber das alles kann trügen. An den Worten? Auch sie
können trügen, sie verbergen den Menschen und der Mensch verbirgt sich hinter
ihnen. Selbst wenn er die ehrliche Absicht hat, aufrichtig zu sein, er kennt sich ja
selbst nicht, seine Worte sind alle ein wenig falsch, schief gleichsam — oder er
ist ein großer Dichter. All das kann trügen. Vielleicht ist das Lächeln noch am
zuverlässigsten — wie meinen Sie? — Das Lächeln, sagte ich, das unbewußte
und kaum bemerkte, leiseste Lächeln. Vielleicht. Der Mensch kann lachen,
schreien, weinen — und es kann sein, daß er nicht im Lachen, Schreien oder
Weinen steckt, aber im Lächeln? Das Lächeln ist schwer zu heucheln, ganz
wenig Menschen können es auch unterdrücken, es ist unkontrollierbar, es kommt
und geht, schnell, es kann die ganze Niedrigkeit und den ganzen Adel eines
Menschen ausdrücken, den ganzen wahren Schmerz, wahre Freude. Vor allem
aber die Entwickelungsstufe des Menschen.“
„Haben Sie das ebenfalls aus jenem Traume?“ fragte Adele. „Aus dem
Lächeln dieser Einsamen? — Hören Sie die Narren lachen, haha?“
„Gewissermaßen,“ fuhr Grau eifrig fort. „Gewissermaßen ja. Aber ich mache zu viele Worte. Ich sage, auch das Lächeln kann trügen, es bleibt Ihnen also
nichts als das Gefühl. Vielleicht fühlen wir die Menschen! Der seelische
Zusammenhang der Menschen ist vielleicht so stark, daß wir erschrecken
würden, könnten wir ihn erkennen, ja, es ist möglich, daß zwischen den
Menschen — zwischen den Seelen — überhaupt keine scharfe Trennung
existiert — ich für meine Person glaube das — vielleicht können Sie an keinen
Menschen denken, ohne daß er es fühlt, ja, ohne daß er weiß, was Sie denken.
Nicht wahr? Wenn Sie ihn lieben, er wird es fühlen und wenn Sie nur auf der
Straße aneinander vorbeigehen, er wird es fühlen, er wird Ihren Haß fühlen,
alles, vielleicht überkommt ihn nur ein leises Behagen oder Unbehagen,
vielleicht weiß er es nicht, aber seine Seele weiß es ganz genau. Jeder Mensch
könnte Ihnen aus seinen Erfahrungen Beispiele erzählen und Sie selbst haben
gewiß ähnliche Beobachtungen gemacht. Ich sage zum Beispiel, es begegnet
Ihnen auf der Straße ein Mensch, er blickt Sie an, blinzelt, sieht weg. Sie
denken: Das ist ein armer, einsamer und guter Mensch. Die Leute erzählen Ihnen
alle denkbaren Schlechtigkeiten von ihm — jener Mensch selbst spricht mit
Ihnen, ja er beleidigt sie und legt es fast darauf an, einen ungünstigen Eindruck
auf Sie zu machen — und doch können Sie den Glauben nicht lassen — er ist
einsam, arm, aber gut.“
Adele sah auf. „Sprechen Sie von einem bestimmten Menschen? Nein? Ich
dachte, weil Sie sagten, er sieht Sie an, blinzelt —“
Grau antwortete ihr darauf nicht. Er lachte plötzlich und sagte: „Ich bin ja
ganz vom Thema abgekommen!“
Auch Adele lachte. „Aber ja! Sie wollten von jener Frau erzählen?“
„Sofort. Die Reise ging an Fenstern, Fenstern und Fenstern vorüber, über all
die schlafenden Städte hinweg, das erzählte ich, nicht wahr. Dann ging es über
endlose Wälder und ich erinnere mich, daß vier Sterne am Himmel vor uns
standen, vier Sterne in der Gestalt eines Quadrats. Wir kamen den Sternen näher
und ich glaubte, wir würden durch sie hindurch fliegen, aber sie entfernten sich
plötzlich wieder und standen ganz klein am schwarzen Himmel. Nun blickte ich
plötzlich in ein Fenster und hier sah ich eine Frau, die vor einem Kaminfeuer
saß. Sie hatte so reiches schwarzes Haar wie Sie und ihre Haut war ebenso weiß
wie die Ihrige, sie trug die Haare in einem losen Knoten im Nacken, wie Sie es
gewöhnlich zu tragen pflegen, sie hatte ebenfalls auffallend helle Augen. Aber
trotzdem sah sie anders aus als Sie.“
„Was tat sie denn?“ fragte Adele gespannt und zog das Gewand an sich, da die
beiden Backfische vorbeitanzten.
„Sie war damit beschäftigt, kleine Rosen anzufertigen,“ fuhr Grau fort.
„Sobald eine Rose fertig war, sah sie die Rose unzufrieden an und warf sie in den Kamin. Die Rose verbrannte. Es sah aus wie ein brennendes Schiff. Es sah
aus wie eine Wüste mit feuriger Sonne und eine kleine Karawane, ganz glühend,
zog durch die Wüste. Es entstand ein brennender tanzender Bär, ganz klein, aus
der brennenden Rose.“
„Wie amüsant!“ sagte Adele. „Die Dame hat sich ganz gut unterhalten.“
„Man sollte es glauben,“ fuhr Grau fort. „Plötzlich nun sagt die Frau leise und
zaghaft: Herein! und zu meinem größten Erstaunen trat ich selbst ins Zimmer,
obgleich ich doch gleichzeitig zum Fenster hereinblickte.“
Adele lachte. „Aber so pflegt es ja in den Träumen zuzugehen!“
„Ja. Ich trat ins Zimmer und die Frau sah mich an. Sie kam mir
gewissermaßen wie ein Geist vor, nicht irdisch. Sie trug Ohrringe und eine
silberne Kette um den Hals. Sie lächelte leise und dann rief sie mir ein Wort zu,
das ich nicht verstand. Sie sagte etwas und auch das verstand ich nicht. Es war
eine seltsame, fremde Sprache von unglaublicher Weichheit des Klanges. Sie
warf alle Papierschnitzel, die sie auf dem Kleide hatte, ins Feuer und daraus
entstanden eine Menge winzig kleiner goldener Vögel, die zwitschernd in den
Kamin hinauf flatterten. Sie stand auf und sagte: Ich habe nicht gedacht, daß du
heute kommst.“
„Verstanden Sie denn jetzt?“ unterbrach ihn Adele, die eifrig zuhörte, während
ihre Blicke mechanisch den Tanz der Backfische verfolgten.
„Ja,“ antwortete Grau, „ich weiß übrigens nicht, ob sie sich der fremden
Sprache bediente. Kurzum, ich verstand sie. Ich sah sie erstaunt an, denn ich
hatte sie nie im Leben gesehen. Haben Sie mich denn erwartet? fragte ich. Sie
sah mich lächelnd an, lange. Dann ging sie näher und legte ihre Hand auf meinen
Arm und ich sah ihre Augen ganz dicht vor mir. Sie waren klar und hell, von
unbestimmter Farbe und mit einem Schein als ob sie phosphoreszierten. Wie
sagst du? fragte sie. — Ich wiederholte das gleiche. — Wie sagst du? Wiederum
sagte ich: Haben Sie mich denn erwartet? Sie schüttelte den Kopf und sagte
lächelnd, aber gleichsam verletzt: Kennst du mich denn nicht mehr? — Ich
schüttelte den Kopf. Nein, sagte ich. Ich sah sie an und nun schien es mir, als ob
ich sie schon gesehen hätte, alles verwirrte sich in mir; dann aber wußte ich, daß
ich sie noch nie gesehen hatte. Ich sagte es. Sie schüttelte den Kopf und zeigte
auf die silberne Kette, die sie am Halse trug, und sagte: Kennst du auch die Kette
nicht? — Nein. — Aber sie ist von dir! — Nein! — Ja, sie ist von dir, wir haben
uns lange, lange Jahre gekannt und nun erkennst du mich nicht wieder. Nein,
sagte ich. Sie sah mich trauernd an und schüttelte den Kopf. — Komm! sagte
sie, und plötzlich gingen wir auf einer Heide, es war in grauer Nacht und ganz
still —“
Im Saale bliesen die Trompeten Tusch und die Menge schrie rasend Hoch. Adele hielt sich die Ohren zu. „Wie schade!“ sagte sie, indem sie aufstand. „Nun
kommen sie alle hierher. Wie merkwürdig ist doch der Traum?“
„Ja.“
Sie sahen einander an und fühlten beide eine auffallende Beklommenheit im
Herzen, obgleich keiner sie dem andern verriet. Graus Augen leuchteten und
seine Wangen röteten sich.
Die Gesellschaft strömte wieder in den Tanzsaal. Das Orchester begann.
Sofort fingen die Paare an zu wirbeln und zu schleifen. Herren in Fräcken und
Kostümen schossen hin und her nach der Tänzerin, Eisenhut kam aus der Türe
und ging geradeswegs auf Adele zu und bat sie mit verstellter Stimme um einen
Tanz. Er trug noch immer die Maske, obgleich jedermann sie schon längst
abgenommen hatte. Adele gab ihm einen Korb und Eisenhut zog sich zurück. Er
blickte noch einigemal um und dreht sich bald darauf am Arm einer roten
Chinesin im Kreise. Nun näherte sich der Bezirksamtmann Häberlein mit
tänzelnden Schritten und sicherer Miene, aber Adele forderte gleichzeitig Grau
auf mit ihr zu tanzen.
„In dem Gewühle ist es ja ganz unmöglich zu erzählen,“ sagte sie. „Es
kommen nun gewiß recht merkwürdige Dinge?“
„Ja, merkwürdige Dinge kommen nun.“
Adele lächelte. „Herrlich! Wie spannend das ist! Und nun, bitte!“
Grau tanzte leicht und sicher und Adele lobte ihn mit einem Blicke. „Halten
Sie mich fester!“ sagte sie.
Es war eine Masurka. Die Pauken wirbelten, die Geigen wehten, es erschien
Grau als spielten sie etwas vom Frühling und als die Flöten bliesen sah er
förmlich die Blumen aus dem Rasen steigen.
Sie sahen einander an. Aber sie hatten noch keine Runde getanzt, als Adele
inne hielt und erblaßte. Sie stand still. „Ich kann nicht mehr!“ sagte sie leise und
heftete die Blicke auf Grau. Sie sah ihn erschrocken, scheu und erstaunt an,
während sie sich mit einem Lächeln entschuldigte.
„Aber was ist Ihnen?“ fragte Grau.
„Ich kann nicht tanzen mit Ihnen, es macht mich schwindlig,“ sagte Adele.
„Nichts, einen Augenblick nur.“ Sie sammelte sich rasch.
„Wie leid es mir tut, Fräulein von Hennenbach.“
Adele schüttelte den Kopf. „Es ist nichts,“ sagte sie, „es ist nur so merkwürdig
—“ Sie sah Grau an. Sie schwieg lange Zeit und während sie schwieg, schien sie
sich zu verwandeln. Ihre Lippen wurden schmal. Sie schien zerstreut zu sein.
„Kommen Sie!“ sagte sie und ging voran. Grau folgte ihr.
In der Türe kamen sie ins Gedränge und Adele blickte in Graus Augen und
sagte unvermutet: „Sagen Sie mir eines, lieben Sie Susanna wirklich?“
Grau errötete leicht. „Wie?“ Dann blickte er Adele erstaunt an. „Gewiß liebe
ich Susanna aufrichtig,“ erwiderte er.
Adele lächelte; sie schwieg. Sie streifte Grau wieder mit einem Blicke, dann
raffte sie den Fächer auf und bewegte ihn in der glitzernden Hand. Sie blickte
stolz über alle Köpfe hinweg. Ihr Blick, ihr Gang, ihr Lächeln, alles hatte sich
verändert.
„Wollen Sie nun den Traum zu Ende hören?“ fragte Grau.
„Nein, nicht jetzt,“ erwiderte Adele höflich. Aber sie sah Grau nicht an.
„Meine Mutter würde sich so sehr freuen, Sie kennen zu lernen,“ fügte sie hinzu,
„darf ich Sie bemühen?“ Auch ihre Stimme hatte sich verändert.
Grau folgte ihr und dachte darüber nach, was der Anlaß zu ihrer Verstimmung
sein könnte.