Der Tor

Bernhard Kellermann · Kapitel 32 von 42

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Der Tor

Siebentes Kapitel

 

Grau schlief, da kam ein kleines Mädchen zu ihm ins Zimmer, es blieb an der Türe stehen und winkte schüchtern mit dem Zeigefinger. Aber er regte sich

nicht, er war todmüde. Das Mädchen hatte hohe, schlanke Beine und einen

silberblonden Lockenkopf. Es näherte sich und berührte mit geheimnisvoller

wichtiger Gebärde seinen Arm: Grau erwachte.

Seine Brust war beklommen, er vermochte kaum zu atmen und konnte keinen

klaren Gedanken fassen.

Im Zimmer war es dunkel, aber durch den Spalt der Fensterladen konnte er

hinaus in den Mittag blicken. Alles schlief in der roten Sonne, kein Zweig

schwankte. Der Garten sah verändert aus und auch er schien ein Geheimnis zu

wissen. Graus Beklommenheit wuchs zur Angst. Susanna! dachte er und verließ

rasch das Haus.

Er ging so rasch, daß die Leute ihm erstaunt nachblickten. Die Kinder spielten

vor den Häusern, sie schrien und lachten und eilten auf Grau zu. Aber er hatte

heute keine Zeit. Er lächelte und winkte ihnen ab. Nun liefen sie rasch neben

ihm her, tanzten vor seinen Füßen, lachten; es wurden ihrer immer mehr. Überall

öffnete man die Fenster, um zu sehen, was es eigentlich gäbe. Aus allen Häusern

kamen die Kinder heraus und aus allen Gassen.

Grau ging sehr schnell, aber die Kinder tanzten um ihn herum, es war ihnen

ein leichtes zu tanzen und doch mit zu kommen. Sie schrien ihm zu, was sie

spielten, was sie gegessen hatten, wohin sie gehen wollten und eine Menge

Neuigkeiten.

Erst beim Tore blieben sie zurück und nur einzelne folgten ihm noch. Grau

beschleunigte den Schritt noch mehr, der Schweiß stand ihm auf der Stirne. So

oft ihn der Gedanke durchfuhr, daß er Susanna nicht mehr lebend anträfe, lief er

ein Stück des Weges.

Von der Brücke aus sah man Susannas Haus in der Sonne liegen. Je weiter der

Sommer fortschritt, desto tiefer schien das Häuschen in die Wiese zu sinken. Es

war von Sonnendunst eingehüllt. Wer aber war das, der im Garten stand und mit einem leuchtenden Tuche winkte? Grau erschrak. Es war Susanna, so unmöglich

es ihm auch schien.

Sie stand im Garten, weiß gekleidet, Eisenhut war bei ihr und Mütterchen mit

der Brille lehnte am Pfosten der Türe. Susanna winkte und öffnete das

Gartentürchen.

„Nun?“ rief sie mit hoher, feiner Stimme. „Was sagst du dazu? Ich habe so

sehr gewünscht, daß du kämest, und nun bist du da!“

Sie war klein und niemals hätte er sich denken können, daß sie so klein war.

Ihre schmalen Wangen waren von einer gleichmäßigen Fieberröte überzogen und

ihre großen Augen leuchteten gespenstisch.

Eisenhut lachte. „Ich hätte gestern keinen Pfennig mehr für sie gegeben!“ rief

er. „Sie sah aus als ob man sie sofort in den Sarg legen könnte, heute steht sie

auf, zieht das weiße Kleid an und geht herum. So verrückt, wie?“

„Ich kann auch wieder sprechen!“ sagte Susanna und atmete tief. „Ich habe

die ganze Nacht hindurch geschlafen und in meiner Brust ist etwas vor sich

gegangen. So leicht und frei. Wie ich atmen kann, so tief! Oh, wie schön ist es

doch zu gehen. Ich bin so müde in den Knien und das ist so schön!“

Grau drückte sie an die Brust. „Ja,“ hauchte er. Er fand keine Worte.

Susanna ging langsam in ihrem Gärtchen umher, besah die Rosen, den Mohn,

die Nelken, die Halme und liebkoste die Blätter. Sie legte die Hände in das Gras

und sagte, wie kühl doch das Gras sei. Wärme und Duft standen wie eine Mauer

im Garten. Sie ging zu dem kleinen Fliederbusch, steckte das Gesicht hinein und

ließ sich die Wangen von den Blütentrauben liebkosen.

Am Himmel türmten sich mächtige Wolken gleich phantastischen Ballen von

feuerfarbener Seide, die an der Oberfläche rote Glut versengt hatte. Der Wind

erwachte.

„Sieh, wie der Wind läuft!“ rief Susanna und deutete über die Felder. „Wie

hurtig!“

Man sah ihn laufen. Er kam über den Hügel herab, strich über die Felder,

wühlte sich ins Korn und schmiegte sich auf den Wiesen ins Gras wie ein Hund.

Er kam rasch näher, die Blätter eines Haselstrauches begrüßten ihn, die Blumen

am Wege verneigten sich: Er war da, warm, duftend, schwül und Susanna

hustete als er zu ihr kam und ihr goldenes Brusttuch in die Höhe hob, gleichsam

um zu fühlen, wie fein es war. Einen Augenblick und schon war er

verschwunden.

Dann kam er von neuem über die Wiesen.

„Sieh doch, wie rasch er läuft! Vielleicht kommt ein Gewitter.“

Ein Zitronenfalter segelte über die Wiese und Susanna ließ ihn nicht aus den

Augen, fieberhaft rückte sie den Blick hin und her. „Pst?“ sagte sie. „Sicherlich wird er den Flieder riechen und hierher kommen. Locke, locke!“ sagte sie zum

Fliederbusch mit beschwörenden Blicken. Der Zitronenfalter gaukelte zuerst um

eine Kleeblüte, dann kam er in den Garten herein und Susanna, ganz atemlos,

streckte behutsam die Hand aus. Sie zitterte am ganzen Körper vor Erregung.

Ihre Lippen zitterten, ihre Blicke sogar. Es war, als wolle sie die Natur fragen, ob

sie ihre Liebe erwidere. Da setzte sich der Falter auf ihren Finger.

Ohne Regung stand Susanna und blickte lächelnd auf den Schmetterling, der

seinen Rüssel auf ihren Finger setzte und mit den gelben Flügeln wippte. Sie

streifte Grau mit einem triumphierenden Blick.

„Er sieht mich an!“ sagte sie leise. Der Falter flatterte in die Höhe und flog

über das Dach, Susanna sah ihm nach bis er verschwand. Dann atmete sie tief

auf.

„Das war schön!“ sagte sie leise. „Das war schön!“ Sie blickte mit einem

langen Blick in die Weite. Die phantastischen Ballen feuerfarbener Seide wurden

dunkel und da wo die Glut sie versengt hatte flatterten aschgraue unheimliche

Schleier. Susanna lächelte und seufzte und ging ganz von selbst hinein ins Haus.

Mütterchen war verwirrt vor Freude. Ja, nun könne Susanna wieder aufstehen,

oh, du guter Gott!

Grau sagte: „Es ist kein gutes Zeichen, Mütterchen!“ und legte ihr die Hand

auf den Scheitel und sah sie an. Mütterchen erblaßte und zitterte.

Grau gab Eisenhut ein Zeichen mit den Augen und ging hinein zu Susanna.

Susanna lag mit geschlossenen Augen. Er setzte sich auf den Rand des Bettes

und legte ihr die Hand auf die Stirn. Sie schlug sofort die schwarzen Augen auf,

in denen der Glanz verglühte. Sie lächelte müde. „Ach, so müde, so köstlich

müde, aber meine Brust ist so leicht und frei. Das ist der Frühling, ja. Du hast es

gesagt. Du und der Frühling, ihr zwei habt mich gesund gemacht. Wende deinen

Kopf und sieh ins Licht! Ja, sie sind golden, deine Augen sind golden! Bald

werde ich in den Wald gehen können. Ich höre Gesang, Lieder höre ich, wie ist

das doch?“ Ihre Stimme klang fein und ferne; die Kräfte erloschen rasch.

„Wir werden zusammen in den Wald gehen, Susanna, du und ich!“ sagte

Grau. Er sprach nun unausgesetzt. Davon wie es im Walde sein werde, wie alles

sein werde, alles. Denn bald würden sie ja zusammenleben.

„Ja!“ Und Susannas Augen leuchteten nochmals auf, während ihre Wangen

erblaßten, mehr und mehr. „Wie wird es sein?“

„Nun höre zu,“ fuhr Grau fort, „höre zu und sieh mich an. Ich will dir sagen

wie es sein wird. Du wirst die Herrin im Hause sein und ich werde warten bis du

mich rufst. Sage nichts und höre zu. Wenn wir drei Zimmer haben, so werden

zwei davon dir gehören. Da wirst du wohnen. Du wirst eine Bibliothek haben,

ganze Regale voll der schönsten und neuesten Bücher. Du wirst auch einen Schreibtisch am Fenster haben mit einem Stoß von weißem Papier darauf, damit

du all deine klugen Gedanken aufschreiben kannst, wenn du Lust dazu hast. Ich

werde an der Türe lauschen, wenn du schläfst, ich werde stehen und auf deine

Atemzüge lauschen, und ich werde denken: Susanna schläft da drinnen. Ich

werde hören, wenn du dich rührst. Ich werde nicht schlafen. Ich werde denken,

es ist nicht die Zeit zu schlafen, ich muß hören, wie Susanna schläft, ich muß

ihrem Atmen lauschen.“

„Oh! sprich, wie wird es sein!“ Tränen traten in ihre Augen.

„Dann werde ich hinausgehen und große Sträuße für dich pflücken, Susanna,

aus all den Blumen, die du besonders liebst. Der Tau soll an den Blumen sein

und ich werde die Sträuße auf deine Schwelle legen und der Tau wird daran sein.

Dann werde ich warten und endlich werde ich dich sehen. Ich werde dir in die

Augen blicken — wie ich es jetzt tue — und ich werde fragen, ob du gut

geschlafen hast.“

„Sprich, sprich! Aber in den Nächten, wie wird es in den Nächten sein? Hast

du daran gedacht?“ In Susannas Augen kam ein fremder Glanz und ihre Wangen

wurden fahler und fahler.

„Ja, auch daran habe ich natürlich gedacht, Susanna. Laß uns das nicht sagen,

die Nächte werden kommen. Es wird sehr stille sein in unserem Hause und im

Garten wird ein Vogel singen und du und ich und ich und du und niemand sonst

wird da sein.“

„Ja, wie oft, du Geliebter, habe ich daran gedacht, wie die Nächte sein

werden! Hast du schon an Leidenschaft gedacht und die Küsse in stiller Nacht?“

flüsterte sie und die Tränen liefen über ihre Wangen.

„Ja, Susanna, meine süße Freundin. Oft habe ich an Leidenschaft gedacht und

viele lange Nächte lag ich wach.“

„Wie ich, wie ich! Oft hat mein Blut getobt in den Adern und ich habe

geträumt und geträumt — keine verrät es, aber alle, alle graben sie die Nägel in

die Brust —.“

Grau blickte Susanna an und hielt sie in den Armen. Ihr Kopf lag an seiner

Brust. Und er erzählte wie es sein werde. Plötzlich wurde es dunkel im Zimmer,

der Wind pfiff und es donnerte in der Ferne. Es regnete, dann kieselte und

schneite es. Im Nu waren die Felder weiß und das Gärtchen eingeschneit. Aber

Susanna sah und hörte nichts, sie lauschte und Grau gab ihren Blick nicht mehr

frei.

„— die Hände werde ich dir küssen, die werden so kühl und frisch wie der

Morgen sein. Ich werde dir die Lippen küssen, die noch heiß vom Schlafe sind,

die Rosen auf deinen Wangen werde ich küssen, die noch aus den Träumen

darauf blühen. Susanna, Susanna! Ja, du hörst wohl, was ich sage? So wird es sein. Dann werde ich die Türe öffnen und sagen, siehe, Susanna, die Sonne will

dich begrüßen. Und ich werde dich in den Garten führen: Siehe, Susanna, die

Blumen wollen ihre Herrin grüßen. Alle Blumen werden sich verneigen und die

Bäume werden rauschen. Ich aber werde nur dich ansehen, so wie ich es jetzt

tue, Susanna, Susanna, nur dich! Ich werde deinen Namen nennen auch wenn du

nicht bei mir bist. Vielleicht hast du einen kleinen Hund, den du liebst, und mit

ihm werde ich mich unterhalten, solange du fort bist.“

Grau küßte Susannas Stirn.

„Ich liebe dich, werde ich sagen,“ fuhr er fort, „so wie ich es jetzt sage.

Susanna, Susanna! Die Sonne wird aufgehen und ich werde es sagen, die Sonne

wird sinken und ich werde es sagen. Der Frühling wird kommen — ich liebe

dich, Susanna — der Sommer wird kommen ich liebe dich, Susanna — der

Herbst, der Winter wird kommen: Ich liebe dich Susanna!“

Susanna seufzte glücklich und lächelte und schloß halb die Augen.

„Ich werde niederknien und sagen, ich liebe dich Susanna!“ flüsterte Grau.

„Ich werde dich ansehen, mein Blick, mein Schritt, alles wird dir dasselbe sagen.

Ich werde alt werden und meine Haare werden weiß werden — ich liebe dich

Susanna, werde ich sagen — ich liebe dich, du Süßeste von allen —“

Susannas Lächeln erstarrte. Sie öffnete den Mund und ihr Kopf sank in den

Nacken zurück. Sie regte sich nicht mehr. Grau blieb lange ruhig, dann ließ er

Susanna langsam in die Kissen nieder. Sie lag und lächelte friedlich und schön.

Sie schlief. Die Tränen trockneten auf ihren fahlen Wangen.

Grau saß lange Zeit regungslos und sah sie an. Seine Hände zitterten von der

Erregung der letzten Stunde, es war über seine Kräfte gegangen. Dann wuchs die

Trauer in seinem Herzen, eine schwere dumpfe Traurigkeit, die ihn niederbeugte.

Er küßte Susannas kleine Hände.

Er hatte sie ja so sehr geliebt.

Es wurde blendend hell im Zimmer. Das Wetter war vorübergegangen und die

Sonne schmolz rasch den Schnee, die ganze Welt glänzte und die kleine stolze

Rose in Susannas Garten glitzerte im Tau, als ob sie vor Freude geweint hätte.

Mütterchen war ruhig, ja förmlich gleichgültig. Die Natur ist gütig und

versenkt ein Herz, das der plötzliche Schmerz vernichten würde, in eine Art von

Betäubung. Sie schien allein durch den Gedanken vollkommen beruhigt zu sein,

daß Susanna gestorben war ohne es selbst zu fühlen.

Aber als die Dämmerung kam und Susanna noch immer so still und

gleichmäßig lächelnd lag, begann sie leise zu weinen. Sie nahm Graus Hand, sah

ihn bittend an und sagte: „Mache sie mir wieder lebendig!“

Grau schüttelte den Kopf. „Laß sie ruhen, Mütterchen, sie ist ja lebendiger

und glücklicher als wir.“

Mütterchen war wieder ganz ruhig.