Der Tor

Bernhard Kellermann · Kapitel 8 von 42

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Der Tor

Siebentes Kapitel

 

Graus Hände zitterten: Nein, nein, er hatte nicht die rechten Worte gefunden, er hatte es nicht vermocht!

Er warf einen Blick in die kleine alte Kirche, wo er eine blitzblanke kleine

Orgel entdeckte und an einem Fenster die Reste einer ehemaligen Bemalung. Ein

herrliches Fleckchen Blau, ein Streifen von einem seltenen Weinrot. Dann ging

er durch den gedeckten Gang und hinüber ins Pfarrhaus. Während er sich

umkleidete, sah er sich in der neuen Wohnung um. Das Pfarrhaus war ebenfalls

alt, klein, mit Winkeln und Erkern, Holzvertäfelungen und einer kleinen

Wendeltreppe. Im Vorraum hing ein altes pechschwarzes Ölgemälde. An der

Türe war eine große Glocke angebracht und zwar war sie so aufgehängt, daß sie

gleichsam zu schwingen anfing, wenn man sie nur ansah.

Vorläufig war es für Grau noch ein Rätsel, was er mit all den Zimmern

anfangen sollte.

Er öffnete eines der kleinen Fenster. Sonne, Stille, Weite! Unter ihm lag die

Stadt und die weite Talebene. So unregelmäßig und klippig wie sich das Treibeis

staut, so unregelmäßig und klippig drängten sich all diese hundert steilen Giebel

und Dächer ineinander. Da und dort klafften Risse und Spalten, das waren die

Gassen und kleinen Plätze. Über diese beschneiten Giebel war eine Unmasse

von Türmchen und Dachreitern geschüttet. Aus den unzähligen Kaminen stiegen

dünne opalisierende Rauchsäulen in die klare Winterluft. Hunderte von Fenstern

und Scheiben blitzten und blendeten und farbige Fünkchen tanzten auf den

Schneedächern.

Rings um die weiße Stadt war alles weiß. Auch der Fluß, der die Stadt die

Höhe hinaufdrängte, war weiß, er war gefroren. Eine Menge von Kähnen,

Barken, Fähren und Frachtschiffen mit Masten und Stangen lag fest im Eise und

auf den Schiffen kletterten kleine Pünktchen herum, Kinder, die spielten.

Eine weiße Brücke spannte sich über den weißen Fluß. Dann begann die

Ebene, weit und weiß dehnte sie sich, bis zu den Höhenzügen, ferne Wälder,

kriechendem Moose ähnlich, waren über sie ausgestreut.

Ein feines Klingen schwang in der winterlichen Stille, es klang aus einer

Schmiede. Die Pünktchen, die auf den Schiffen klettern, erwiderten es schrill.

Zwei Fenster gingen auf den Garten hinaus. Der Garten war klein, nahezu

dreieckig und in zwei Terrassen angelegt. Er war angefüllt mit unberührtem, wie

Seide schimmerndem Schnee, und in den Ecken lagen Büsche, Gestrüpp,

Stickereien aus Schneekristallen und mit Schichten von Schnee bedeckt, die

eigentümlichen Blütentellern ähnlich sahen. Gegen die Straße zu, die Höhe, war

der Garten mit einem grünen Zaun abgegrenzt, auf den andern Seiten stieß er

gegen Gärten. Da war ein Park, ein wahrer Wald alter, hoher Bäume, die tief im

Schnee wateten; er konnte weit in ihn hinein sehen, denn die Mauer war niedrig.

Zwischen den Stämmen der alten Bäume schimmerte ein langes weißes

Gebäude, ein Herrschaftshaus. Die Mauer des andern anstoßenden Gartens war

übermäßig hoch und sah düster aus wie eine Gefängnismauer. Über sie hinweg

blickten die zwei trüben Fenster eines grauen alten Hauses, wie zwei düstere

traurige Augen unter einer niedern vergrämten Stirn. Die übermäßig hohe Mauer

aber bot einen ganz merkwürdigen Anblick dar. Sie war mit Glassplittern und

Eisenspitzen gespickt und trug eine große Tafel, die man leicht von der Straße

aus lesen konnte, mit der Aufschrift: Vor den Hunden wird gewarnt! Achtung,

Selbstschüsse! Vorsicht! Fußangeln!

Grau lächelte. „Eigentümlich!“ sagte er.

Dann nahm er rasch den Hut und verließ das Haus, immer noch zitterten leise

seine Hände. Wie töricht!

Grau begab sich in den „weißen Elefanten“ und trug den roten Reisesack in

seine Wohnung hinauf. Auf dem Wege begegnete er jenem Mann mit dem

gelben Gesicht, der ihm im Friedhof aufgefallen war. Der Mann strich an den

Häusern entlang, blieb stehen, als er Grau gewahrte und ging dann geradeswegs

auf ihn zu, als ob er ihn ansprechen wolle. Aber er tat es nicht, er machte

plötzlich einen Bogen, blinzelte und verzog die Lippen zu einem saueren

Lächeln. Er griff an den Hut und Grau grüßte hastig und freundlich.

„Ein schöner Tag!“ sagte er lächelnd. „Nicht wahr?“

Der Mann aber machte nur ein verblüfftes, ernstes Gesicht, zwinkerte und

strich sich die Haare aus der Stirn, er grüßte nicht. Wie sonderbar! dachte Grau

und vergaß die Begegnung nicht wieder.

Nach einer Weile sah man Grau wieder die Staffeln herabkommen, einen

lächerlichen kleinen Zylinder auf dem Kopfe, eine Liste in der Hand. Er ging

rasch und schwebend. Er schritt über den Marktplatz und trat beim Uhrenhändler

Lux ein. Hier sprach er lange. Dann erschien der Uhrenhändler Lux im Fenster,

eine goldene Uhr in der Hand, er ritzte, prüfte, zwängte ein Glas ins Auge und

drehte die Uhr hin und her. Darauf verließ Grau heiter den Laden und der Uhrenhändler verbeugte sich hinter ihm.

Grau ging in den „weißen Elefanten“ und beglich seine Rechnung. Der x-

beinige mürrische Wirt bellte wie am Abend, aber er gab sich Mühe zu lächeln.

Hätte er gewußt, wer der Herr sei, so würde er ihm ein besseres Zimmer gegeben

haben. „Bitte, bitte, ich habe prächtig geschlafen!“ Der Wirt verbeugte sich vor

Grau und Grau verbeugte sich vor dem Wirt. Die blonde Frau sah übernächtig

aus. Grau betrachtete sie mit einem eigentümlichen Ausdruck der Augen, und

ein fades Lächeln kam auf ihr Puppengesicht und in ihre wasserblauen Augen.

Grau errötete und ging.

Nun konnte man Grau mit seinem kleinen Zylinder, die Liste in der Hand, die

Straße hinab gehen sehen. Er verschwand in den Häusern, verhielt sich einige

Zeit darin und erschien wieder auf der Straße, um im nächsten Hause zu

verschwinden. Ganz wie ein Briefträger.

Was Grau in den Häusern tat, ist sehr einfach zu erklären. Er klopfte an die

Türe, zog den Zylinder, stellte sich vor und rückte mit der Liste heraus.

„Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, diese arme, alte Frau, sie ist im

höchsten Grade bedürftig, der Kummer macht sie auf einige Zeit erwerbsunfähig

— dazu die Unkosten — Grau, Vikar Grau — dann ist ja auch das Kind da,

verzeihen Sie die Störung, ich bitte tausendmal um Entschuldigung!“

Überall brachte er das gleiche vor. Die Leute räusperten sich, putzten sich die

Nasen, kamen in Verlegenheit — denn Grau stand geduldig wartend da, blickte

sich lächelnd im Zimmer um und verbeugte sich ab und zu ein wenig mit der

Liste in der Hand — sie fuhren hastig in die Taschen und klapperten mit

Schlüsseln. Hier und da waren aber diese Schlüssel absolut nicht zu finden, und

sie sprangen umher, rannten gegen Türen und Wände, aber die Schlüssel waren

ganz einfach fort. Man wird die Spende ins Pfarrhaus senden.

„Schön, schön! Ganz nach Belieben, gnädige Frau. Darf ich Sie vielleicht

bitten, Namen und Betrag einzuzeichnen, hier in diese Liste, Bleifeder habe ich,

bitte hier. Es ist der Ordnung halber und dann ermutigt es die andern

Herrschaften — denn wo ein Sperling ist, da sind auch schon zwei, wo zwei

sind, sind drei, wo drei sind, da sind auch gleich hundert, nicht wahr? Hier,

erlauben Sie gütigst, ein ungenannt sein wollender Wohltäter hat auf einen

Schlag zwanzig Mark gezeichnet, Herr Bürgermeister Stürmer zehn Mark, Frau

Tierarzt Hammer fünf, Frau Rentamtmannswitwe Ulzhöfer eine Mark — wenn

es auch nur eine Kleinigkeit ist — mit einem Tropfen kann man den Durst ja

nicht löschen, aber in einer Ansammlung von Tropfen kann man recht schön

ertrinken — danke, herzlichen Dank, gnädige Frau.“

„Vergessen Sie nicht zum Steinbruchbesitzer Eisenhut zu gehen, Herr Vikar!“

„Danke, auf keinen Fall! Ich danke Ihnen aufs herzlichste!“

Er kam in alle diese alten, krummen Häuser, in alle möglichen Stuben, zu

allen möglichen Menschen. Jedes Haus roch anders, die Treppen knarrten

anders. Die einen waren steil und dunkel und kletterten in eine Art von Turm

hinauf, andere waren breit und licht, knarrten vornehm und führten auf weite,

helle Vorplätze. Zuweilen stand man unvermutet dicht vor den Türen, es gab

aber auch Treppen, auf denen man sich verirren konnte; sie liefen kreuz und

quer, endeten im Boden oder führten auf einen Hof hinaus. All die Glocken, die

Grau an diesem Tage läutete, hätten zusammen ein Konzert gegeben. Da waren

schüchterne und anmaßende Glocken, gutgelaunte und mißgestimmte, winselnde

und lachende, solche die knarrten und fauchten, bevor sie einen Ton

herausstießen, andere, die bei der leisesten Berührung in ein übermäßiges

Gebimmel ausbrachen, die einen beruhigten sich sofort wieder, die andern

läuteten fleißig weiter; es gab freundliche Glocken, die sofort höflich sagten:

Herein, herein! es gab ungastliche, die brummten: Geh weg, weg! Die Zimmer,

in die Grau trat, waren weit und licht, oder düster, oder schmal wie ein Omnibus.

Es gab eine Menge von interessanten Dingen zu sehen, eine Uhr aus Porzellan,

einen Ofen, der merkwürdigerweise an der ungeschicktesten Stelle im Zimmer

stand, dafür aber die zwölf Apostel auf den Kacheln zeigte, Schränke von

unglaublicher Größe, förmliche Häuser, alte Waffen, Truhen, Zinnkannen, in

jedem Zimmer wenigstens etwas.

Grau sah sich alles aufmerksam an und nichts entging ihm. In einem Hause

rannten ihn zwei große Jagdhunde beinahe um, Kinder prügelten sich in einem

andern und rollten ihm unter die Füße, das aber brachte ihn nicht aus der

Fassung. „Bitte, bitte, ich bin ja der Eindringling, entschuldigen Sie — Grau,

Vikar Grau.“ Er lächelte, verbeugte sich vor den jungen Mädchen, die steif wie

Besen dastanden, vor den Männern und Frauen, den Dienstboten, ja vor den

Hunden. An die Hausfrauen hatte er nach dem ersten Anliegen noch ein zweites.

Nachdem er sie mit Worten, Entschuldigungsformeln, Redensarten und

Sprichwörtern, die er selbst erfand, allen erdenklichen Liebenswürdigkeiten

genügend bearbeitet hatte, um sie für sein erstes Anliegen günstig zu stimmen,

rückte er noch mit einem andern heraus. Ja, nämlich, wo sie Eier, Butter und

Schmalz bezögen? Es wäre am Platze, diese Eierhändlerin auch anderweitig zu

unterstützen. — „Darf ich Ihre Adresse in dieses Notizbuch schreiben, wie? Die

Frau wird sich erlauben, zu Ihnen zu kommen, ich habe alles mit ihr besprochen.

Gut!“

Er hatte überall Erfolg. Die Leute waren anfangs ein wenig erstaunt, aber

gegen so viel Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit konnten sie nicht

aufkommen. Dann waren es auch Graus Augen, die sie alle ansehen mußten.

Wie merkwürdig, dieser Mensch hatte goldene Augen. Auch seine Weise dazustehen, zu plaudern, zu lächeln, so unerhört herzlich, frei und fein — sie

zeichneten!

Das Gerücht ging vor ihm her und er fand sie alle vorbereitet; die Türen waren

entweder verschlossen oder sie öffneten sich sofort, als ob man dahinter gewartet

habe. Fräulein Karola Sperling, die Modistin, die in der Stadt die „ewige Braut“

hieß, ließ ihn sogar durch ein Mädchen bitten, bei ihr vorzusprechen. Sie sah aus

wie ein junges Mädchen und hatte weißblondes Haar, ihre Manieren waren

verschämt und kokett und doch war sie über fünfzig Jahre alt. Ihr weißblondes

Haar war an den Schläfen schneeweiß. Sie hatte den Bräutigam im Kriege

verloren und trauerte seitdem um ihn. Sie erzählte Grau ihre ganze

Lebensgeschichte, ein trauriges Idyll; sie zeigte ihm auch das Bildnis des

Bräutigams, eines Offiziers, während sie lächelte und eine Träne verbarg. Zuletzt

zeichnete sie dreißig Pfennig, nicht ohne zu erröten. Grau dankte ihr aufs

herzlichste und hätte ihr am liebsten die Hand geküßt.

Ein feister, glänzender Herr mit einer großen Zigarre im Munde, die das ganze

Zimmer mit Rauch angefüllt hatte, wies ihn dagegen kurz ab. Er gab prinzipiell

nichts.

„Wieso?“

„Ja, zum Teufel — Pardon! — aber ich bin ein Feind von all diesen Dingen,

Almosengeben und Unterstützungen und so weiter,“ sagte er und paffte, so daß

er nahezu in der Rauchwolke verschwand!

„Ah!“ sagte Grau schüchtern. „Ich bitte um Entschuldigung, wenn es brennt,

so nimmt man Wasser und löscht und denkt nicht weiter. Man kann nicht

weniger geben als Geld, mein Herr, glauben Sie mir. Ich habe einen Mann

gekannt, der bei keinem Juden etwas kaufte, ja niemals mit einem Juden sprach

— ebenfalls aus Prinzip! Was sagen Sie dazu? Hahaha! Aber könnten Sie nicht

eine Ausnahme machen — diese unglückliche Eierhändlerin —“

„Ich habe weder mit Ihrem Manne noch mit der Eierhändlerin etwas zu tun!“

„Mehr als Sie glauben!“ Grau setzte sich auf einen Stuhl, obgleich ihn der

feiste, glänzende Herr nicht zum Setzen aufgefordert hatte. „Weit mehr, als Sie

glauben. Ich habe beobachtet, daß eine Schwalbe in einer Dachrinne

festgeklemmt wurde, nun kamen hunderte von Schwalben —“ begann er

lächelnd.

„Ich bin aber keine Schwalbe!“ unterbrach ihn der feiste Herr mit einer

verzweifelten Gebärde und verschwand in der Rauchwolke.

„Mehr als Sie glauben, mein Herr!“ sagte Grau und stand auf. „Entschuldigen

Sie, daß ich Sie in Ihrer Arbeit gestört habe. Vielleicht könnten Sie aber Ihre

Frau Gemahlin oder Ihre Haushälterin dazu bewegen, Eier und Schmalz bei

dieser armen Frau —“

Der Herr brach in ein zorniges Lachen aus. „Hier!“ sagte er. „Hier nehmen Sie

drei Mark, basta. Aber meinen Namen lassen Sie hübsch aus dem Spiele!“ Er

warf ärgerlich die Münze auf den Tisch.

Grau verneigte sich. „Also ungenannt sein wollender Wohltäter — gut, danke!

Sehen Sie, wie recht ich hatte, Sie sind doch eine Schwalbe, trotzdem!“

„Ich gebe Ihnen diese Kleinigkeit da,“ sagte der Herr und stand auf, „ehrlich

gesagt, um meine Ruhe zu bekommen. Das ist der wahre Grund, der wahre!“

„Das glauben Sie nur!“ sagte Grau, merkwürdig lächelnd.

Der dicke Herr stutzte; er griff sich an den Kragen, dann lachte er, und zwar

ein komisches Gemisch von zornigem und vergnügtem Lachen.

„Ich war vielleicht etwas geradeaus!“ sagte er lachend und seine Mienen

hellten sich mehr und mehr auf. „Aber es ist mein Prinzip, stets unverblümt zu

sagen, was ich denke! Ich bin ein Feind aller Verzärtelung und alles

Damenhaften! Hom, hom! Ich bin auch ein Feind der Damen, ehrlich gestanden,

hahaha! Ich bin auch ein Feind aller phrasenhaften Entschuldigungen, verdamm’

mich Gott! Aber ich bitte Sie, zum Zeichen Ihrer Nachsicht — Ihrer — ein paar

meiner Zigarren zu rauchen. Bitte, bitte!“

Grau wollte ablehnen, aber der feiste Herr schüttelte erregt den Kopf und fuhr

so energisch in die Zigarrenkiste, daß es aussah, als ob er Grau alle Zigarren auf

einmal geben wollte. Je tiefer seine Hand aber in der Kiste wühlte, desto mehr

mäßigte er seine Erregung und als er die Hand zurückzog, befanden sich nur vier

Zigarren darin; er legte sie vor Grau auf den Tisch, merkwürdigerweise jedoch

blieb eine Zigarre in seinen Fingern hängen und wanderte wieder in die Kiste

zurück.

Grau dankte, nahm zwei Zigarren und ging. Der Herr begleitete ihn hinaus,

bis ans Stiegenhaus, und verneigte sich laut lachend.

„Also, ich bitte nochmals um Entschuldigung, ich bin zuweilen sehr reizbar

— hahaha — auf Wiedersehen, Herr Grau!“ Er lachte noch in das Stiegenhaus

hinein, als Grau schon das Haus verlassen hatte.

Grau kam auch zu dem Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals. Hier

mußte er eine Tasse Kaffee annehmen. Der Schuhmachermeister versprach, die

Schuhe der alten Frau kostenfrei auszubessern, zu sohlen, zu flecken, auch eine

Filzsohle wollte er hineinlegen. Übrigens bezog er Eier und Schmalz schon von

ihr.

„Vergessen Sie ja nicht, zum Steinbruchbesitzer Eisenhut zu gehen, neben

dem ‚Elefanten‘, das alte Haus — er ist der reichste Mann der Stadt!“

„Auf keinen Fall!“

Graus Liste wuchs. Es ging die Straßen links hinunter und rechts herauf. Er

vergaß kein Haus. Auf diese Weise lernte er die ganze Stadt kennen; er machte die Bekanntschaft von vielen liebenswürdigen Menschen; viele Güte, die sich in

einem Lächeln verriet, viel Stolz und Feinfühligkeit, die sich in einem

Verstecken des Blickes offenbarte, ja, selbst Adel, den Grau in einer kleinen

Bewegung der Hand entdecken konnte. Versteckte Schönheiten und viel

Sehenswertes, so daß er sich für die geringe Mühe überreich belohnt fühlte.

Seine Laune wurde noch besser. Endlich kam er zum x-ten Male auf den

Marktplatz und ging auf Eisenhuts Haus zu.

Da lag dieses Haus, in dem der reichste Mann der Stadt wohnte, inmitten all

dieser gepflegten, gestrichenen und mit Schnitzwerk und Erkern gezierten

Häuser, grau, elend und verwahrlost. Ein kalter Hauch ging von ihm aus. Der

Bewurf war an vielen Stellen herabgefallen und die nackte Mauer blickte hervor,

es war geschwärzt von Ruß und lange, schmutzige Regenspuren liefen vom

Dache bis zum Erdgeschoß herab wie Tränenspuren über ein altes, schmutziges

Gesicht. Kinder hatten Gesichter an die Wand gemalt und unter einem riesigen

Kopf mit spitziger Nase und zwei kleinen Augen auf der gleichen Seite des

Gesichtes stand geschrieben: „Ich bin der Geizhals Eisenhut, bembele bembum

—.“ Von der Türe war die Farbe gesprungen und sie sah fleckig aus wie ein Pilz

und so staubig, als hinge der ganze Staub vom letzten Sommer daran.

Grau zog an einem Glockenring und eine Glocke im Hause bellte wie ein

alter, heiserer Hund. Grau läutete drei-, viermal, die Glocke bellte und klaffte,

aber niemand öffnete.

Vor dem Nachbarhause stand der Schlächtermeister Keim unter der Tür des

Ladens, dick und wohlgenährt, eine Kappe auf dem Ohr. Er stemmte die Fäuste

in die Hüften und seinen Bauch erschütterte ein verhaltenes Lachen. Trotzdem es

Winter war, glänzte er von all dem Fett, das er ausschwitzte, seine Schürze

flatterte leicht und er erweckte durchaus nicht den Eindruck der Schwere trotz

seiner Dicke. Er erinnerte an einen jener komischen Papierballone, die man zur

Volksbelustigung an Jahrmärkten steigen läßt, und das Zittern des Bauches

drückte gleichsam die Ungeduld des Ballons aus, in die Höhe zu segeln.

„Er ist da, er ist zu Hause!“ sagte der Schlächtermeister Keim und schon

zitterte das Lachen in seinen dicken Backen. „Er ging soeben hinein.“

Grau läutete wieder.

„Unterdessen,“ sagte er zu dem Schlächtermeister, „ich komme in einer

Angelegenheit, die nicht nur Herrn Eisenhut betrifft — Grau, Vikar Grau — Sie

kennen diese alte Frau Sammet, diese Eierhändlerin, Herr Keim, nicht wahr, das

ist Ihr Name — auf dem Firmenschild da —“

„Jawohl, Keim, so heiße ich.“

„Wer so prächtig aussieht wie Sie — hier ist die Liste — deswegen wird kein

Auge weniger auf der Suppe schwimmen —“

In dem Gesichte des Schlächtermeisters, der vor Wohlgenährtheit nahezu

platzte, verschwand augenblicklich jede Spur von Fröhlichkeit, ja, er sah

plötzlich betrübt aus. Er hatte in letzter Zeit soviel gegeben, daß er wirklich nicht

mehr konnte. Er rückte die Kappe vor, um sich hinterm Ohr kratzen zu können.

Jeden Tag käme etwas Neues.

Grau sah ihn an und lächelte. „Aber wer so gütig aussieht wie Sie?“ sagte er.

„Ich glaube ja gerne, daß Sie in der letzten Zeit stark in Anspruch genommen

wurden, aber das ist doch ein besonderer Fall, nicht wahr?“

„Jeder Fall ist eben besonders.“ Der Schlächtermeister steckte die Hände in

die Hosentaschen und schaukelte leise auf den kurzen schwammigen Beinen hin

und her.

Grau lächelte. „Erlauben Sie,“ begann er von neuem, „würden Sie sich zu

einer kleinen Gabe entschließen können, wenn ich Ihnen einen Scherz erzählte,

über den Sie herzlich lachen müssen und den Sie Ihr ganzes Leben — ich sage,

Ihr ganzes Leben lang nicht mehr vergessen?“

Herr Keim bemühte sich ein ernstes Gesicht zu machen.

„Das kommt darauf an!“ sagte er und spuckte gleichgültig in den Schnee.

Grau sagte lächelnd: „Hören Sie, Sie heißen Keim, aber wenn Sie schon Keim

heißen, so muß man zugeben, daß der Keim hübsch aufzugehen verspricht!“

Der dicke Fleischer brach augenblicklich in ein lautes Gelächter aus. Er hielt

den hüpfenden, dicken Bauch mit den beiden Händen und schüttelte sich.

„Hahaha!“ lachte er und hustete, „hahaha!“

Grau wippte mit der Liste und Herr Keim gab zwei Mark.

Da rasselte etwas an der alten fleckigen Haustüre und ein Guckfensterchen,

nicht größer als eine Streichholzschachtel, fiel herab.

Dieses Geräusch des herabfallenden Fensterchens kam Grau bekannt vor. Und

nun schien es ihm, als ob er dieses Guckfensterchen selbst schon vorher gesehen

hätte.

Ein Auge funkelte in dem Guckloch und eine zaghafte, hohe Fistelstimme

fragte:

„Wer ist da?“

„Ist Herr Eisenhut zu Hause?“

„Nein!“ antwortete die Fistelstimme und Grau glaubte ein feines Kichern zu

hören.

„Wann kommt er denn zurück?“

„Er ist verreist!“ Das Guckfensterchen schloß sich wieder.

Grau verließ die Türe mit einer eigentümlichen Empfindung. Wie

merkwürdig! dachte er und die Fistelstimme klang ihm noch lange im Ohr,

während er die Jungferntreppe hinaufstieg, eine Art von schmalem Kamin, der zwischen kahlen Hauswänden und Gartenmauern zur Höhe führte. Er wollte im

Schlosse vorsprechen, jenem weißen Herrschaftshause, das er heute von seinem

Fenster aus gesehen hatte.

Er ging durch den weiten Park, dessen Bäume so hoch waren, daß er sich

winzig klein dagegen vorkam, und sann darüber nach, wo er das kleine

Guckfensterchen schon gesehen habe. Jenes Geräusch, das es beim Herabfallen

verursacht hatte, verfolgte ihn hartnäckig. „Es ist doch höchst einerlei,“ sagte er

vor sich hin, „wo ich solch ein Guckfenster schon gesehen habe, was liegt viel

daran? Aber trotzdem, trotzdem! Ich habe dieses Guckfenster schon gesehen

oder vielmehr gehört, das ist es.“ Er schüttelte den Kopf und stand vor dem

weißen Hause. Nun erst sah er, daß ein Flügel des Herrschaftshauses

eingeäschert war bis auf den Grund. Die Brandstätte war abgeräumt,

Gerüststangen waren eingerammt, aber man sah keine Handwerksleute.

Er stieg die Treppe hinauf, öffnete die schwere Türe und stand plötzlich vor

einem pechschwarzen Neger, der eine Laterne auf dem Kopfe trug.

„Ach,“ ging es ihm durch den Kopf, „jetzt erinnere ich mich! Ich habe dieses

Guckfensterchen schon gesehen in einem Hause, in dessen Flur eine alte

Holzfigur stand, ein Heiliger. Die Arme des Heiligen waren abgeschlagen. Aber

wo, wo denn?“

Der pechschwarze Neger war aus Bronze und von der Laterne hingen schwere

Messingketten herab. Grau wollte eben an einer Türe pochen, als ein Diener

hinter ihm fragte, was der Herr wünsche. Die Jacke des Dieners war gestreift

und erinnerte an das Fell eines Zebras. Der Diener öffnete die Türe eines kleinen

Salons und bat Grau zu warten.

Der Salon wurde von einem Sonnenstrahl erhellt, der sich durch die Gardinen

zwängte. Die Möbel waren hell und niedrig und standen auf zierlichen weißen

Beinen.

Grau wartete und wagte nicht zu atmen, so still war es hier und so vornehm.

Er hätte sich gerne geräuspert, aber das ging wohl nicht gut hier. Da hörte er

einen gedämpften Schritt und eine junge Dame erschien in der Türe.

Sie nickte und fragte: „Womit kann ich Ihnen gefällig sein?“ Sie sprach

höflich aber kühl.

Grau erwiderte nichts. Er sah die junge Dame an. Sie hatte auffallend reiches

Haar von tiefschwarzer Farbe und war von fremder, stolzer Schönheit. Sie stand

im Schatten und ihr Gesicht sah lang und bleich aus. Ihre Augen waren klar und

ernst. Aber das Merkwürdige daran war, daß sie heller aussahen als selbst die

blassen, langen Wangen. Das kam von den schwarzen wie Atlas glänzenden

Haaren, die fast die ganze Stirn bedeckten und von den langen glänzenden

Wimpern, die die Augen einsäumten. Etwas von dem Glanze, der Kerzenlicht bei Tag eigen ist, war in diesen Augen.

„Womit kann ich Ihnen gefällig sein, mein Herr?“ wiederholte das Mädchen.

Grau brachte hastig seine Bitte vor, und die junge Dame erwiderte, daß sie mit

ihren Eltern sprechen werde und ihm Bescheid zugesandt werden würde.

Grau verbeugte sich und sah noch einmal in dieses schöne, regungslose

Gesicht und ging. Er vergaß ganz mit seiner Liste herauszurücken und zu fragen,

wo die Herrschaften Eier und Schmalz bezögen.

Er ging rasch durch den Park hindurch und war so erregt, daß er nichts sah

und nichts hörte, bis er wieder auf dem Marktplatze stand.

„In welche Stadt bin ich doch da geraten!“ flüsterte er. „Zuerst diese Sache

mit dem Guckfensterchen und nun dieses Mädchen. Ich habe ja dieses Mädchen

schon einmal gesehen, irgendwo und irgendwann, ich erinnere mich deutlich an

dieses Gesicht und diese sonderbaren Augen.“

Er eilte weiter und erst nachdem er bis zum Flusse hinabgelaufen war, fiel ihm

ein, daß er noch einen Besuch hatte machen wollen.