Der Tor

Bernhard Kellermann · Kapitel 5 von 42

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Der Tor

Viertes Kapitel

 

Die kleine Stadt lag schon ganz ausgestorben. In den krummen Gassen brannten einige Laternen, halb zugeschneit, mit kleinen verrußten

Petroleumlämpchen. Die alten buckligen Häuser standen stumm und vornüber

gebeugt und erinnerten an im Stehen schlafende Pferde. Da und dort schimmerte

ein helles Fenster. Der Schuhmachermeister Männlein saß friedlich über die

Arbeit gebeugt, der Fleischer Keim hackte etwas auf einem Blocke und wischte

sich den Schweiß von der Stirn. Auch Fräulein Karola Sperling, Modes, hatte

noch Licht. Denn sicherlich war sie es, die da droben im Giebelzimmer wohnte.

Über den öden Marktplatz fuhr der Wind und kämpfte mit einem

Zeitungsblatt, das offenbar die Absicht hatte, die Kirchgasse hinauf zu rollen.

Aber der Wind zwang es, umzukehren, zerrte es an den Häusern entlang und ließ

es endlich die Gasse, die zum Flusse führte und Fischergasse hieß, hinabflattern.

Sobald das Zeitungsblatt in der Fischergasse verschwunden war, tauchte der

Fremde, der sich Richard Grau genannt hatte, aus der langen Gasse auf, den

Reisesack in der Hand.

Er ging langsam auf das Hotel „Zum weißen Elefanten“ zu und sah sich das

Hotel von oben bis unten aufmerksam an. Es war ein alter gelber Fachwerkbau,

der die Fenster gerade da hatte, wo niemand sie suchte und sich im Gegensatz zu

all den andern Häusern ringsum zurückbog. Rechts unten hatte es einen kleinen

Erker, der sich auf eine kurze, plumpe Säule stützte. Aus dem Erker schimmerte

Licht. Vor dem breiten Tor stand der Hotelwagen, der einer großen Hutschachtel

ähnlich sah.

Die Aufschrift „Hotel zum weißen Elefant“ zog sich über die ganze Breite des

mächtigen Hauses hin und zum Überfluß hing noch ein Schild über dem breiten

Tore, ein kleiner, drolliger Elefant mit kurzen Stoßzähnen und geschwungenem

Rüssel und listigem Schmunzeln, ähnlich jenen ausgestopften Exemplaren, die

die Kinder an einem Stricke hinter sich herschleifen.

Der kleine weiße Elefant schwang sich im Winde und schmunzelte.

Grau stellte die Reisetasche ab und ordnete sein Halstuch. Es wird wohl besser aussehen! dachte er und suchte in den Manteltaschen nach den

Handschuhen. Aber diese Handschuhe, dicke, warme Handschuhe, die er erst

gestern gekauft hatte, waren nicht zu finden. Plötzlich hörte Grau auf zu suchen.

„Aber natürlich!“ rief er aus und lächelte und sein Antlitz nahm einen

glücklichen und träumerischen Ausdruck an.

Er räusperte sich und zog die Klingel. Ein kleines Fenster an der Wand fiel

herab und eine hastige, sich überstürzende, ärgerliche Stimme fragte: „Wollen

Sie Bier?“ Es hörte sich wie Gebell an.

Grau nahm den Hut ab. „Nein,“ sagte er, „ich will ein Zimmer — ein

einfaches Zimmer, nicht zu teuer. Nur für diese Nacht.“

„Äh!“ bellte die Stimme und ein ärgerliches kleines Gesicht fuhr zum Fenster

heraus. „Sie haben an der Gassenschenke geläutet, sehen Sie denn nicht die

Fremdenglocke? Können Sie denn nicht lesen?“

Grau lächelte. „Natürlich kann ich lesen,“ sagte er, „entschuldigen Sie nur,

wenn ich an der Gassenschenke geläutet habe —“

„Jajajaja!“ Der Wirt, ein x-beiniger Mann mit winzigem Kopfe kam heraus

und musterte Grau. Er schlich im Halbkreis um ihn herum, wog den Reisesack

mit den Blicken, betrachtete Graus alten Hut, abgetragenen Mantel, seine

frostroten Hände und endlich machte er die Augen scharf und musterte sein

Gesicht, das vor Erschöpfung bleich und ausgehungert und vor Kälte blau

gefroren aussah.

„Treten Sie ein! Ins Gastzimmer!“

Nach all der Dunkelheit erschien das Gastzimmer festlich beleuchtet, obgleich

nur eine einzige Hängelampe brannte. Alles erschien nahezu weiß, die Wände,

der lange, mit Vasen, Papierblumen und Gipsfiguren barbarisch geschmückte

Tisch, die Vorhänge, die Wände und selbst der Fußboden. Die Decke aber war

braun. Es war wohltuend warm hier, und der Duft einer feinen Zigarette

vermischte sich mit dem abgestandenen Geruch von Speisen und etwas

Ranzigem. Aus dem Geruch schloß Grau, daß hier die unverheirateten Beamten

der Stadt aßen, etwa zehn an der Zahl, die alle gut zu speisen liebten. Ihr durch

die Tafel angeregtes Gespräch schien noch in der Luft zu hängen und irgendwo

zu stecken, gleich dem Rauche der schweren Zigarren, die sie nach dem Essen

pafften. Nun war das Zimmer öde. Irgendwo zirpte eine Spieldose eine Arie, und

an einem Tischchen in einem Erker saßen eine Frau und ein junger Mann vor

einer Batterie von Weinflaschen. Die Frau saß sehr unschön da, den Stuhl weit

zurückgeschoben, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, das Gesicht in den

Händen. Der junge Mann saß in seinem Stuhle, die Füße, an denen er

abgeschabte Reitstiefel trug, weit von sich gestreckt und rauchte. An seiner

weißen Hand blitzten Steine. Er kitzelte die Frau mit einer Reitpeitsche am Halse. Beide wandten das Gesicht zur Türe, als Grau eintrat und Guten Abend

wünschte, die Frau tat es, ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen. Sie war

blond und schön wie eine Puppe. Sie hatte auch das Puppenlächeln. Der junge

Mann hatte ein fahles, langes Gesicht und seine schwarzen gescheitelten Haare

spannten sich wie glänzender Atlas über den Schädel.

„Hö!“ schrie der junge Mann und sprang auf. Er eilte auf Grau zu, nahm die

Reitpeitsche unter die Achsel, verbeugte sich wie ein Kellner und rieb sich die

Hände, als wasche er sie.

„Was befehlen der Herr?“ fragte er mit einer für seine zwanzig Jahre

außerordentlich tiefen und rauhen Stimme und lachte betrunken. In seiner

Rocktasche zirpte die Spieldose.

Grau sah ihn mit erstaunten Blicken an. „Sind Sie der Kellner?“ fragte er,

indem er sich, unangenehm berührt, abwandte und den Mantel auszog. Ein alter,

etwas knapper, dunkelfarbiger Gehrock kam zum Vorschein. Die Ärmel waren

mit schwarzen Borten eingesäumt und die Brustaufschläge zeigten etwas wie

schwarze Seide. Da und dort schien der Stoff mit Tinte nachgefärbt zu sein.

Die blonde Frau lachte kichernd. „Aber, Herr Baron!“ rief sie mit einer

Mischung von Vorwurf und Koketterie in der inhaltslosen, hohen Stimme und

sah Grau mit ihren großen Augen neugierig an.

„Ich fühle mich hier zu Hause, Tante!“ sagte der junge Mann, den die Frau

Baron nannte und lachte. „Deshalb, mein Herr, deshalb. Außerdem, weil Sie mir

gefallen. Sagen Sie das eine, sind Sie kurzsichtig?“

Ja, er sei ein wenig kurzsichtig, entgegnete Grau höflich.

„Aha — deshalb. Deshalb sehen Sie einen so eigentümlich an. Wenn Sie nun

nicht kurzsichtig wären, so wäre — aber Ihre Kurzsichtigkeit entschuldigt Sie,

natürlich, haha — natürlich. Haben Sie schon den Trompeter von Säckingen

gehört? Wie? Ja, wenn Sie ihn noch nicht gehört haben, sofort soll das Orchester

antreten — sofort —“

Der Baron lachte und sprach auf Grau unausgesetzt ein. Er nahm die

Spieldose aus der Tasche und zog sie auf. Der Blick seiner dunkelgrauen Augen

war unsicher und flackernd, ruhelos und gequält. Grau erinnerte sich, diesen

Blick bei einem Manne gesehen zu haben, der mit nackten Füßen auf

Glasscherben tanzte, um sich zu vergessen, um sich selbst zu foltern — der

Mann hatte wohl seinen Grund gehabt. — Auf der rechten Wange hatte der

junge Mann einen kleinen Schmutzflecken und gerade dieser Schmutzfleck

allein schien sein Gesicht brutal und betrunken zu machen, denn außerdem war

es fein und regelmäßig, ja sanft.

„Hören Sie das Orchester? Behüt’ dich Gott — Onkel!“ schrie er den Wirt mit

dem kleinen Kopf an. „Bringe mir den schwersten Wein, den du hast im Keller — schwarz muß er sein — sofort! Das heißt, du brauchst dich nicht zu beeilen.

Du kannst wegbleiben, solange du willst, Onkel, wir brauchen dich ja nicht hier

— keine Seele fragt nach dir! Herrgott im Himmel, Onkel, wie ein Floh kommst

du mir heute vor, genau wie ein im Dienst ergrauter Floh —“

„Herr von Hennenbach, Herr Baron!“ rief die blonde Frau im Erker und

kicherte in die Hände.

Der Wirt murmelte eine Verwünschung und näherte sich Grau. „Was

wünschen der Herr? Abendbrot?“

„Ja, eine Kleinigkeit.“

„Schweinebraten, Schnitzel, Nieren —“

Grau winkte ab und schüttelte den Kopf. Der Wirt begann laut zu bellen. „Der

Herr können auch Taube haben, Huhn —“

Grau machte ein hilfloses Gesicht. „Nein, danke,“ sagte er, „ich bin nämlich

gar nicht hungrig, müssen Sie wissen. Vielleicht haben Sie etwas Wurst und

Bier?“

Der Wirt entfernte sich mit einer ärgerlichen Grimasse.

Die Frau im Erker begann zu kichern und zu keuchen und plötzlich stieß sie

einen leisen Schrei aus. Dann hustete sie und rückte den Stuhl. „Sie sollten nicht

mehr trinken, Herr Baron, Sie Wildfang!“ kicherte sie.

„Ruhe, Tante, Ruhe!“ sagte der junge Mann rauh. „Ich trinke die ganze Nacht,

morgen, übermorgen, die ganze Woche, ich habe meine Periode und muß mich

betäuben —“

Plötzlich stand er vor Grau und verbeugte sich. „Darf ich den Herrn zu einer

Partie Billard einladen?“

„Danke.“

„Einsatz zwanzig Mark. Ich gebe dem Herrn fünfzig Bälle auf hundert vor.“

„Ich bedaure, ich spiele nicht Billard.“ Grau sprach sanft und höflich.

Der Baron lachte. Also nicht einmal Billard spiele der Herr? „Sie waren wohl

nie Student? Kann ich mir denken.“

„Doch, mein Herr!“

„Ja, du meine Güte, da haben Sie nicht Billard gelernt? Ich möchte schon

wissen, was Sie dann in Ihrer freien Zeit taten?“

„Ich habe Stunden gegeben.“

„Aha! Das ändert die Sache allerdings. Aber hören Sie, ob Sie Billard spielen

oder nicht, das ist ganz egal — ganz egal — Sie lernen es. Trotzdem Sie sehr

kurzsichtig zu sein scheinen — trotzdem prophezeie ich Ihnen, daß Sie es in fünf

Minuten können. Ich gebe Ihnen auf hundert Bälle neunzig vor — Einsatz

zwanzig Mark —“

Grau lächelte. „Entschuldigen Sie —“

„Ich gebe Ihnen fünfundneunzig vor — neunundneunzig — hören Sie — und

wenn Sie blind sein sollten — einen Ball werden Sie doch machen.“

„Nein, ich danke Ihnen vielmals. Ich bin zu müde.“

„Ah!“ Der junge Mann warf sich rittlings auf einen Stuhl am Tische. „Dann

vielleicht — Dame, Domino — oder Schach oder Mühle, was Sie wollen — Sie

können ja sitzen bleiben, wenn Sie müde sind — ja, Sie brauchen nicht einmal

zu ziehen, ich ziehe für Sie — die Hälfte Steine gebe ich Ihnen — ja, Donner

und Doria!“ rief er plötzlich aus und lachte laut und roh. Er hatte Graus

Reisesack entdeckt. Er sprang auf und besah sich den Reisesack in der Nähe. Er

lachte und bewegte die Reitpeitsche, als ob er die Henne kitzle. „Was für eine

kostbare Sache!“ schrie er. „Wohl ein altes Stück?“

„Es dürfte ziemlich alt sein, ja.“ Grau lächelte, er änderte nicht den Ton der

Stimme.

„Wohl ein — ein Familienstück — ein Erbstück?“

„Nein.“

„Nicht! Es sieht genau so aus. Was würden Sie sagen, mein Freund, wenn

Ihnen jemand für die Tasche zwanzig Mark gäbe?“

„Ich verkaufe sie nicht,“ antwortete Grau geduldig.

Der Baron lachte laut heraus. Er lachte Grau ins Gesicht, dicht ins Gesicht und

sagte: „Hundert Mark! In die Hand! Na?“

Hier erhob sich Grau und verbeugte sich. „Ich sehe, der Herr sind in guter

Laune,“ sagte er, „ich verstehe das recht wohl, daß der Herr scherzen wollen,

aber sollte es nicht jetzt genug sein?“ Er sah den Baron an und plötzlich

veränderten sich seine Augen. Eine leichte Glut begann in ihnen aufzuleuchten

und ihr Blick schien langsam in die flackernden Augen des Barons einzudringen,

bis hinab in die Tiefe.

Der Baron blinzelte, wie um sich von einer Macht zu befreien. Er kniff die

Lider zusammen und lachte.

„Aber, Herr Baron!“ kicherte die blonde Frau im Erker.

„Hundert Mark! Für die Tasche hier! Barzahlung? Nicht? Aber Herr, Herr,

was ist mit Ihnen? Sie scheinen nicht allein kurzsichtig zu sein — aber hole mich

der Teufel, ich darf Sie doch zu einer Flasche Wein einladen?“

„Ich danke Ihnen herzlich,“ sagte Grau und errötete, „ich habe keine Lust. Ich

bin zu müde, danke!“

Der Baron lachte und schrie: „Dieser Herr errötet, Tante, wie ein junges

Mädchen, wie ein Jüngferchen aus dem siebzehnten Jahrhundert. Also, Sie

schlagen die Einladung aus?“ wandte er sich wiederum an Grau. Er wartete ein

wenig und sah Grau in die Augen; er wollte wieder zu sprechen beginnen, aber

er zögerte und verlor von neuem unter dem Blicke Graus die Sicherheit. Einen Augenblick lang sah er überrascht aus, dann lachte er heraus und schrie: „Gut!

Und wenn Sie mich auch noch so kurzsichtig ansehen, wissen Sie nun, was? —

Hole Sie der Teufel!“ Er klappte die Reitstiefel zusammen und drehte sich um.

Grau zuckte die Achseln und winkte den Wirt heran. „Wo ist das

Hexengäßchen, bitte?“ fragte er.

„Hexengäßchen? Hexengäßchen? Ja, was wollen Sie denn im Hexengäßchen,

im Hexengäßchen?“

„Ich will jemand besuchen, der hier wohnt. Neben dem Armenhaus.“

„Armenhaus? Armenhaus?“

„Eine Frau Sammet möchte ich besuchen, eine Eierhändlerin. Sie wohnt doch

da, nicht wahr?“

Nun verstand der x-beinige Wirt mit dem kleinen Kopf, der in Wirklichkeit

mit den großen Augen, der langen, flachen Nase, dem kleinen Mund und dem

verkümmerten Kinn dem Kopfe eines Flohs glich. „Der Herr kommen zur

Beerdigung?“

„Ja,“ sagte Grau und schlüpfte in den Mantel, während ihm der Wirt den Weg

beschrieb.

„Wenn er doch zum Teufel ginge!“ schrie der Baron mit einer zu Graus

Verwunderung nahezu haßerfüllten Stimme.

Ah, wie traurig, dachte Grau, er ist unglücklich, und noch so jung!

Grau kehrte nach einer Viertelstunde unbefriedigt zurück und ging sogleich

auf sein Zimmer. Er hatte die Eierhändlerin nicht zu Hause angetroffen.