Die Liebe des Ulanen 2: Napoleons letzte Liebe

11. Kapitel

 

Zwischen den zwei Karawanenwegen, welche westlich von Uinasch nach El Baadsch und östlich von Tahir Rafsa nach Um el Thiur gehen, liegt eine Ebene, welche sich lang von Norden nach Süden erstreckt. Ihr nördlicher Teil wird vom Wadi Dscheddi und ihr südlicher vom Wadi Itel durchzogen, ein sicherer Beweis, dass es diesem Teile der Wüste nicht ganz an Wasser und Feuchtigkeit fehlt.

Um el Thiur heißt zu Deutsch Mutter der Vögel, und wo es Vögel gibt, da muss es auch Baum oder Strauch geben, und in der Tat ist diese Gegend auch mehr Weideland als Wüste. Hier hatte sich der Teil der Beni Hassan, welcher unter dem bereits genannten Scheik Menalek stand, für einige Zeit niedergelassen, um seine Herden weiden zu lassen. Die Ebene war mit einem zwar nicht reichen aber doch zulänglichen Grün bedeckt, von welchem die weißen Zelte der Beduinen angenehm abstachen. Pferde sprangen hin und her; Rinder grasten, indem sie sich in ruhigem Schritte vorwärts bewegten, und Kamele und Schafe lagen, mit Wiederkäuen beschäftigt, an der Erde. Dabei standen die Hirten, um aufzupassen, dass keines dieser Tiere sich in die Weite verlaufe. In der Nähe der Zelte jagten die Beduinen hin und her, um ihren jungen Pferden die berühmte arabische Schule beizubringen. Andere lagen, ihre Pfeife rauchend, in oder vor und zwischen den Zelten, um dem geschäftigen Treiben ihrer Frauen und Töchter zuzusehen, welche unverschleiert ab und zu gingen. Der Beduine zwingt das weibliche Geschlecht nicht, wie der Städtebewohner, das Gesicht, den edelsten Teil des menschlichen Körpers, unter der neidischen Hülle zu verbergen.

Im Westen, vom Wadi Fahama her, welches sich bei el Baadsch mit dem Wadi Itel vereinigt, kam ein Reiter geritten.

Sein Pferd musste einen weiten Weg zurückgelegt haben, denn es zeigte sich so ermüdet, dass es ihm schwer hielt, ihm einen kurzen Trab abzugewinnen. Er war ein noch junger Mann von wenig über zwanzig Jahren, und nur ein kurzer, weicher Flaum bedeckte seine Oberlippe. Er trug den weißen Burnus der Beduinen, und sein Kopf war gegen die Strahlen der Sonne durch ein buntes Tuch geschützt, welches er malerisch um denselben geschlungen hatte. Auch das Sattel- und Riemenzeug war arabisch, aber seine Waffen schienen nicht die hier gewöhnlichen zu sein. Er hatte nämlich eine doppelläufige Büchse quer vor sich liegen, und aus den Satteltaschen guckten die Kolben von zwei Pistolen hervor, welche man bei näherer Betrachtung als echte Kuchenreutersche erkannt hätte. Dennoch war dieser junge Mann kein Europäer, sondern ein Beduine. Das sah man schon dem freudeglänzenden Blicke an, welchen er auf die sich vor ihm entfaltende Scenerie warf. Es war der Blick eines Menschen, welcher, heimkehrend nach langer Zeit, den schmerzlich entbehrten Anblick genießt, welchen er seit frühester Kindheit gewohnt war. Die Hirten hatten ihn schon von Weitem beobachtet. Jetzt zwang er sein Pferd, die letzten Kräfte an einen Galopp zu setzen; dann parierte er es vor dem Hirten, welcher am entferntesten von dem Duar oder Zeltdorfe stand. »Mubarak – Dein Tag sei gesegnet!«, sagte er. »Neharak saaide – Dein Tag sei beglückt!«, antwortete der Hirte. Aber als er das Gesicht des Ankömmlings genauer betrachtet hatte, rief er aus: »Allah il Allah! Du bist Saadi, und fast hätte ich Dich nicht erkannt!« »Hat die Zeit mein Angesicht so sehr verändert?«, fragte der Jüngling lächelnd.

»Nein; aber meine Augen waren mit Blindheit geschlagen.« »Wie geht es den Söhnen der Beni Hassan?«

»Sie dienen Allah, und er hat sie lieb.«

»Und den Töchtern des Stammes?«

»Allah begnadigt sie mit Schönheit des Leibes und der Seele.« »Den Herden?«

»Allah macht sie fruchtbar, dass sie wachsen von Tag zu Tag.« »Ist Menalek, der Scheik des Stammes, im Dorfe?« »Er sitzt vor seinem Zelte und freut sich seiner Weisheit.« »Ist Abu Hassan, der Bruder meines Herzens, gesund?« »Allah verkündete ihm langes Leben und Freude an seinem Sohne.« »So will ich sehen, ob er sich auch über mich, seinen Bruder, freut.« Er zwang sein Pferd zu einem abermaligen Galopp, der ihn durch die Herden hindurch bis an das Zelt des Scheiks brachte. Dieser saß, wie der Hirte gesagt hatte, rauchend vor seinem Zelte. Er hatte den Reiter kommen sehen. Als dieser jetzt vom Pferde stieg, um ihn, den Obersten des Stammes, ehrfurchtsvoll zu grüßen, zog sich seine Stirn in Falten.

»Alla jikun ma'ak – Gott sei mit Dir!«, sagte der Jüngling. »Ruh lil dschehennum – geh zum Teufel!«, lautete die Antwort. Da hob der Angekommene den Kopf stolz empor. »Ma fehimtu – ich habe es nicht verstanden«, sagte er. »Geh zum Teufel!«, wiederholte der Scheik.

Da blitzten die Augen des Andern auf.

»Dein Alter ist größer als das meinige; ich verzeihe Dir!«, sagte er. »Ich brauche Deine Verzeihung nicht.«

Schon hatte der junge Mann eine scharfe Entgegnung auf den Lippen; da öffnete sich der Vorhang des Zeltes, und es war ein Bild zu sehen, so lieblich, so hold, dass er seine Worte vergaß.

Ohne dass der Vater es merkte, war hinter ihm die Tochter erschienen. Sie konnte siebzehn Jahre zählen, war aber bereits vollständig entwickelt. Ihre Züge waren jene reinen, weichen, melancholischen, wie man sie so oft bei Perserinnen höheren Standes beobachtet. Ihr großes Auge hatte einen Ernst an sich, welcher ihrer Jugend eine ergreifende Weihe gab. Das herrliche, schwarze Haar hing in schweren, dicken Flechten herab und war mit goldenen Fäden verziert. Stirn und Hals schmückten Reihen großer Gold- und Silberstücke. Die Beine steckten in rotseidenen Hosen und die nackten, schneeweißen Füßchen in Pantöffelchen von eben solcher Farbe. Der Oberleib war mit einem blauen, goldgestickten und ärmellosen Jäckchen bekleidet, welches, vorn offenstehend, eine herrliche Büste sehen ließ, welche von einem weißen Hemde verhüllt wurde, dessen weite Ärmel, aus der Jacke hervorquellend, zwei schöne, volle Arme nur halb bedeckten. An den Fußknöcheln und Handgelenken trug dieses zauberhaft schöne Wesen Ringe von Silber und Spangen von massivem Golde. Als sie den Jüngling erblickte, röteten sich ihre Wangen. Sie legte den Finger bittend an den Mund und verschwand augenblicklich wieder hinter dem Vorhange, welcher den Eingang des Zeltes verschloss. Ihr Vater hatte ihr Erscheinen gar nicht bemerkt. Saadi aber hatte verstanden, was ihm der an den Mund gehaltene Finger sagen sollte. Darum drängte er die bittere Antwort zurück und sagte in mildem Tone: »Vergib mir! Du hast Recht. Die Jugend darf nicht wagen, dem Alter zu verzeihen!« Er ergriff sein Pferd beim Zügel und führte es an den Zelten hin, bis er vor einem der kleinsten und ärmlichsten halten blieb. Bei dem Geräusche, welches die Tritte seines Pferdes verursachten, öffnete sich dasselbe, und es trat ein Beduine hervor, in welchem man sofort den älteren Bruder des Jüngeren erkennen musste.

»Abu Hassan!«

»Saadi!«

Nur diese beiden Rufe erschallten, dann lagen sich die Brüder in den Armen. Da öffnete sich das Zelt abermals und es kam eine Frau zum Vorscheine, welche Kleider trug, deren Ärmlichkeit aber ihre Schönheit nicht zu verdunkeln vermochten. Sie wartete, bis die Männer ihre Umarmung gelöst hatten, schritt dann auf Saadi zu, streckte ihm mit strahlender Miene die Hand entgegen und sagte: »Ta ala, marhaba – komm und sei willkommen!«

»Allah sei Dank!«, meinte Saadi. »Endlich höre ich ein Willkommen.« »Wer hat Dir dieses Wort versagt?«, fragte sein Bruder schnell ernst werdend.

»Der Scheik.«

»Du musst ihm verzeihen, denn er ist sehr erzürnt auf Dich.« »Warum?«

»Weil Du zu den Giaurs gegangen bist.«

»Hat Allah dies verboten?«

»Nein; aber er hasst die Franzosen.«

»Ich habe Euch nicht der Franzosen wegen verlassen.« »War der Inglis, mit dem Du gingst, nicht auch ein Giaur?« »Ja. Aber war er nicht vorher der Gast des Scheiks?« »Du hast Recht, doch er hasst Dich auch deshalb, weil Liama, seine Tochter, Dich nicht vergessen will.«

»Allah allein ist Herr des Herzens, aber nicht der Mensch. Darf ich in Dein Zelt treten, mein Bruder?«

»Tritt herein! Was mein ist, das ist Dein; ich bin Du, und Du bist ich.« Die Beiden verschwanden in dem Zelte. Die Frau des älteren Bruders nahm dem Pferde den Sattel und gab ihm dann einen Schlag, um ihm zu sagen, dass es frei sei und weiden könne. Dann trat auch sie hinein, um ihren Gast zu bedienen.

Einige Zeit später verließ Liama ihr Zelt und schritt hinaus zu den Herden. Zuweilen blieb sie stehen, um sich umzusehen. Da, wo eine Schlucht sich nach dem Wadi hinunterzog, verschwand sie in der Tiefe derselben. Bald darauf öffnete sich auch das Zelt der beiden Brüder; Abu Hassan und Saadi traten hervor. Der Blick des Letzteren glitt sofort nach des Scheiks Zelte hin. Dieser war nicht zu sehen; er hatte sich zurückgezogen. Die Brüder gingen von Zelt zu Zelt und dann von Mann zu Mann. Saadi musste sich begrüßen lassen. Als dies vorüber war, trennte er sich von dem Bruder und schritt der Schlucht entgegen.

Ihr musste er vor allen Dingen seinen Besuch machen, denn hier war es vor zwei Jahren gewesen, dass, als der Stamm ebenso wie jetzt hier lagerte, ihm Liama gestanden hatte, dass er ihr lieber sei als alle Männer und Herden der Beni Hassan zusammen genommen.

Er hatte keine Ahnung, dass die Geliebte vor ihm desselben Weges gegangen sei. Er stieg langsam in die mit Büschen besetzte Schlucht hinab, um zu der Stelle zu gelangen, an welcher er damals mit Liama gesessen hatte. Als er dort anlangte und die Sträucher auseinander schob, stieß er einen Ruf des Entzückens aus. Er stand vor Derjenigen, an welche er soeben gedacht hatte.

»Liama!«, sagte er, halb flüsternd und halb frohlockend. Sie erglühte über und über. »Saadi«, hauchte sie. Er ergriff ihre beiden Hände.

»Warum gingst Du hierher an diesen Ort?«, fragte er. Sie schlug die Augen nieder und antwortete nicht. »Warum gingst Du hierher?«, wiederholte er.

»Ich bin alle Tage hier«, antwortete sie endlich. »Aber warum ist Dein erster Gang zu dieser Stelle?«

»Weil ich Dich hier gefunden habe.«

Sein Auge verschlang fast das herrliche Mädchen. Sie war viel, viel schöner geworden, seit er sie nicht gesehen hatte.

»Ich dachte, Du habest diesen Ort vergessen«, sagte sie. »Nie, nie werde ich ihn vergessen, so lang Allah mir das Leben schenkt. Und auch Du bist hierhergegangen? Täglich?« »Täglich!«, antwortete sie.

Er bog sich nieder, sah ihr tief in die herrlichen Augen und fragte leise: »Nur des Ortes wegen?«

»Nein, sondern des Andenkens wegen.«

»Des Andenkens? An wen?«

Sie zögerte mit der Antwort. Da legte er den Arm um sie, zog sie leise an sich heran und bat: »Sage es, Liama! An wen?« Da hob sie ihren feuchten Blick zu seinen Augen empor und antwortete: »An Dich.«

»So hast Du an mich gedacht?«, fragte er hochbeglückt. »Ja.«

»Und nicht vergessen?«

»Nie.«

»Mich, den armen Mann? Du, die Tochter des reichen Scheiks?« »Allah macht alle Menschen reich!«

»Ja, Du hast Recht! Auch ich bin reich, reich an unendlicher Liebe für Dich, Du schönste, herrlichste Tochter aller Zelte in der Wüste. Weißt Du, was wir uns versprachen, ehe wir uns trennten?« Sie sagte nichts, aber sie nickte leise mit dem Kopfe. »Sage es!«, bat er sie.

»Sage Du es!«

»Wir versprachen uns, einander treu zu bleiben für das ganze Leben. Ich halte diesen Schwur. Und Du, meine Liama?« »Ich auch«, bekräftigte sie.

»Ich danke Dir, Du Wonne meines Lebens.«

Er drückte sie inniger an sich und küsste ihre vollen, roten Lippen. Sie ließ sich dies gefallen; ja, er fühlte deutlich, dass ihr Mund den Druck des seinigen erwiderte. »Aber Dein Vater?«, fragte er dann. »Allah wird seinen Willen lenken.«

»Ja, Allah ist allmächtig und allgütig. Verdammst auch Du mich, dass ich mit dem Inglis gegangen bin?«

»Nein –« Er merkte, dass sie seinen Namen hatte aussprechen wollen. »Sprich weiter!«, bat er. »Sage das Wort!«

Sie drückte ihr Köpfchen fester an seine Brust und hauchte erglühend: »Mein Saadi.«

»Ich danke Dir!«, sagte er, während sein Herz diese Wonne kaum zu fassen vermochte. »Soll ich mit Deinem Vater sprechen?« »Ja.«

»Soll ich ihm sagen, dass Du mein sein willst?«

»Sage es ihm.«

»Ich war zwei Jahre nicht hier. Ist Keiner gekommen, welcher seine Hand nach Dir ausstrecken wollte?«

»Es waren Mehrere hier.«

»Was sagte der Scheik?«

»Sie waren ihm zu arm.«

»O, ich bin ja noch viel ärmer als sie. Ich habe nicht einmal ein Lamm, um es zu schlachten, wenn mich ein Gast besucht.« Da legte sie alle Zurückhaltung ab, schlang die Arme um ihn und sagte: »Nein, Du bist reich, denn die Tochter des Scheik Menalek liebt nur Dich und hat Dir versprochen, Dein Weib zu sein.«

»Und dieses Wort wirst Du halten?«

»Ja. Nur der Tod soll uns trennen.«

»Schwöre es mir.«

»Ich schwöre es Dir bei Allah und seinem Propheten.« »Habe Dank! Du bist süßer als die Houries des Himmels und reiner als die Engel des Lichtes. Wer waren die Männer, welche kamen, um zu versuchen, Dich mir zu rauben?«

»Der Sohn eines Scheiks der Merasig, ein alter Emir der Ualad Sliman und dann ein Scheik der Beni Hamsenad. Auch kamen zwei fremde Araber aus dem Osten, Vater und Sohn, einer Blutrache wegen. Der Sohn folgte meinen Schritten, und ich musste ihn immer fliehen.« »Wo sind sie jetzt?«

»Ich weiß es nicht. Sie werden sehr bald wiederkommen.« »Dies sagte Dir der Sohn?«

»Ja.«

»Wie hieß er?«

»Ben Ali.«

»Und sein Vater?«

»Malek Omar.«

»Wie kann dieser Abkömmling der Araber Ben Ali, der Sohn Alis heißen, wenn sein Vater Malek Omar heißt? War er jung?« »Er war älter als Du.«

»Schön?«

»Er war nicht hässlich.«

»Tapfer?«

»Ich habe nichts gesehen.«

»Reich?«

»Die beiden Männer hatten stets viele Goldstücke bei sich.« »Malek Omar! Ich habe einen Mann gesehen, welcher Malek Omar hieß und ein Fakihadschi war. Er handelt mit Früchten und ging im Hause des Generals aus und ein. Aber dieser ist ein anderer Mann. Hat sein Sohn Dir gesagt, dass er Dich lieb hat?«

»Nein. Aber seine Augen redeten, was seine Lippen verschwiegen.« »Es ist gut! Es soll Keiner um Dich werben. Ich werde morgen mit Deinem Vater sprechen, und er wird mich anhören.«

»Nicht morgen, sondern heute.«

Diese Worte erschallten im zornigsten Tone neben ihnen. Sie fuhren überrascht herum und erblickten den Scheik, welcher vor ihnen stand. Sein Gesicht war vom Zorne gerötet, und seine Augen funkelten. »Giaur.« Nur dieses eine Wort warf er Saadi entgegen, aber es gibt keine größere Beleidigung, als dieses eine Wort einem gläubigen Moslem zu sagen. Es enthält alles Schlimme, was man kaum mit tausend anderen Worten sagen könnte.

Saadi trat einen Schritt zurück und fuhr mit der Hand an das Messer. »Was wagtest Du?«, donnerte er.

»Giaur, Ungläubiger!«, wiederholte der Scheik. Saadi zog sein Messer aus der Scheide, aber Liama fiel ihm um den Hals. »Zurück! Stecke Dein Messer ein! Es ist mein Vater«, rief sie. Das war genug, um ihm seine ganze Selbstbeherrschung zurückzugeben. »Ich will Dir gehorchen, Liama«, sagte er. »Aber verlass diesen Ort! Du darfst nicht hören, was gesprochen wird. Was nur meine Ohren hören, das kann ich verzeihen; was aber Andere hörten, das müsste ich rächen.« »Nein, bleib!«, gebot ihr der Scheik. »Du sollst sehen, wie ich diesen Freund der Franzosen zur Erde treten werde.«

Sie wusste nicht, ob sie gehen oder bleiben solle. Vom Standpunkt der Ehre aus hatte Saadi Recht, aber was konnte Alles geschehen, wenn sie sich entfernte und also nicht vermitteln konnte.

Der Geliebte erriet ihr Bedenken. »Geh, Liama!«, bat er. »Ich liebe Dich; ich werde nichts tun, was Dich betrüben könnte.« Sie blickte ihm forschend in die aufrichtigen Augen und sagte dann: »Ich vertraue Dir; ich gehe!«

»Nein, Du bleibst!«, befahl der Scheik. Er streckte seine Hand aus, um sie zu halten, aber sie entschlüpfte ihm und verschwand hinter den Büschen. »Ah! Dir gehorcht sie eher wie mir«, rief der Scheik. »Bei Allah, ich werde ein strenges Gericht über Euch halten. Zuvor aber werde ich Dich hier zu meinen Füßen niederschlagen.« Er erhob die Faust. Saadi reckte sich hoch empor und sagte: »Scheik Menalek, bist Du ein Kind oder ein Mann? Sagt nicht der Prophet: Weiber und Kinder sind Sclaven des Zornes; aber ein Mann beherrscht ihn? Ich sage Dir, dass ich Liama mein Wort gegeben habe, nichts zu tun, was sie kränken könne; aber sobald Du mich berührst, bist Du ein Sohn des Todes.« Menalek ließ doch die Hand sinken; er kannte Saadi und wusste, dass dieser seine Worte wahr machen werde. »Ah, Du drohst mir?«, fragte er. »Nein. Du selbst drohst Dir, indem Du mich zwingst, es zu tun. Jetzt rede, was Du zu reden hast. Ich werde Dich ruhig anhören und Dir dann Antwort geben.«

Der Scheik warf einen hasserfüllten Blick auf ihn und fragte: »Du wirfst Dein Auge auf meine Tochter?«

»Ich liebe sie.«

»Und sie?«

»Sie liebt mich wieder.«

»Du hast sie verführt. Wer bist Du und was bist Du?« »Ein freier Krieger der Beni Hassan. Bist Du mehr?« »Ich bin der Scheik des Stammes.«

»Wer hat Dich dazu gemacht? Etwa Du selbst? Du wurdest gewählt und kannst wieder abgesetzt werden.«

»Zähle meine Herden! Was aber hast Du?«

»Ich habe Allah und mich; das ist genug.«

»Lästere nicht! Du hast Allah verloren, denn Du bist zu den Giaurs gegangen.«

»Sind die Giaurs nicht Deine Gäste gewesen?« »Verbietet das der Kuran?«

»Verbietet der Kuran etwa, zu den Giaurs zu gehen?« »Du hast ihren Glauben gehört und bist nun selbst Giaur geworden.« »Wer sagt Dir das?«

»Ich sehe es. Wärst Du ein Anhänger des Propheten geblieben, so würdest Du die Gewalt des Vaters achten. Du willst das Kind dem Vater rauben.« »Nein, sondern ich will dem Vater zu seinem Kind noch einen Sohn geben, mich.«

»Ich mag Dich nicht! Du bist die Schande der Beni Hassan.« »Deine Beleidigung ist eine tödliche. Mein Messer hätte längst Dein Herz gefunden, wenn ich nicht des Wortes dächte, welches ich Liama gegeben habe.«

»Dein Messer? Ah, Du getraust Dir nicht, Dich zu rächen; Du bist ein Feigling.«

Saadis Wangen wurden bleich. Er musste die ganze Macht seiner Liebe zu Hilfe nehmen, um ruhig zu bleiben.

»Was habe ich Dir getan, dass Du solche Worte sagst?«, fragte er. »Ich liebe Deine Tochter und schenke Dir meine Ehrerbietung; dafür dankst Du mir mit Beleidigungen, welche ein jeder Andere mit dem Leben bezahlen würde. Soll ich den Stamm seines Scheiks und Liama ihres Vaters berauben? Soll ich die Blutrache in die Zelte Deiner und meiner Verwandten tragen, nur um einer Liebe willen, welcher ich nicht widerstehen kann, weil Allah selbst sie in mein Herz gelegt hat?« Der Scheik schüttelte verächtlich mit dem Kopf. »Du wirst an keiner Blutrache Schuld sein, denn Du bist ein Feigling«, sagte er. »Ich habe bei Dir die Waffe der Giaurs gesehen. Sie sind nicht gefährlich, denn Du verstehst nicht, sie zu gebrauchen.« »Du irrst. Ich habe mit ihnen den Löwen erlegt und den Panther des Gebirges.«

»Lüge nicht. Du wirst mit dabei gewesen sein, als Hunderte von Giaurs sich aufmachten, eine armselige Katze zu jagen, welche Du in Deiner Feigheit für einen Panther gehalten hast. Die Giaurs brüllen vor Angst, wenn sie eine Katze sehen, und das hast Du von ihnen gelernt.« »Hat Dir nicht der Inglis, welcher in Deinem Zelte wohnte und den ich dann begleitete, gesagt, dass er ganz allein ausgeht, um den Löwen zu schießen?«

»Er hat gelogen, und ich glaubte es ihm nicht. Um einen Löwen zu töten, sind mehr als fünfzig tapfere Jäger erforderlich.« »Er hat nicht gelogen, denn ich selbst bin dabei gewesen, als er den Löwen tötete, und ich erschoss das Weib des Löwen.« »Du lügst noch mehr als dieser Inglis. Wenn der Sohn eines Stammes auf die Rache des Blutes auszieht, so ist dies eine Pflicht und eine Ehre; aber wenn der Nachkomme eines Vaters das Dorf verlässt, nur um die Städte der Ungläubigen zu besuchen, so erntet er Schande.« »Ich habe den Stamm für kurze Zeit verlassen, weil ich arm war.« »O Allah! Du wolltest Dir Geld verdienen?«

»Ja.«

»Du, ein freier Araber?«

»Ja.«

»Du gingst in den Dienst eines Ungläubigen? Schande über Dich.« »Ich war nicht sein Diener, sondern sein Beschützer. Ich zeigte ihm die Wege der Wüste und der Steppe und machte ihn dafür bekannt mit den Stämmen unserer Freunde. Ist dies eine Schande?« »Ja, denn er gab Dir Lohn dafür.«

»Er gab mir keinen Lohn. Ich verlangte nichts von ihm; ich ging nur deshalb mit ihm, weil ich ein Geschenk von ihm erwartete und andere Gegenden kennen lernen wollte. Ist es eine Schande, ein Geschenk anzunehmen?«

Darauf konnte oder mochte der Scheik nicht antworten. Er fragte höhnisch: »Ist sein Geschenk reich ausgefallen?«

»Ich bin zufrieden«, sagte Saadi zurückhaltend. »Was hat er Dir gegeben?«

»Er hat mir Gold gegeben. Dieser Inglis war sehr reich und er hatte mich lieb. Ich kann mir ein Zelt erbauen.«

»So erbaue es, und führe als Weib hinein, wen Du willst, nur aber meine Tochter nicht. Wenn ich Dich noch einmal bei ihr sehe, so werde ich Dich durchpeitschen lassen grad so, wie die Beherrscher von Algier ihre Sclaven schlagen ließen.«

»Ich wiederhole Dir, dass ich Dich töten würde, sobald Du es wagtest, die Hand an mich zu legen.«

»O, Du tust dies nicht; Du bist ja ein Feigling.« »Deine Worte sind nicht die Worte eines weisen Mannes. Lerne von mir, dem jüngeren, wie es sich schickt, seine Leidenschaften zu beherrschen. Allah ist gnädig und allgütig, aber auch seine Geduld kann ein Ende haben, warum also nicht diejenige eines Sterblichen. Darum gehe ich und lasse Dich stehen, denn ich denke an Liama, welche Deine Tochter ist.« Er wandte sich um und ging. »Feigling!« rief ihm Menalek laut nach.

Saadi war im tiefsten Herzen empört. Sein Inneres wallte und kochte. Er musste dieses schöne Mädchen unendlich lieb haben, da er die Kraft gefunden hatte, ihretwegen so schwere Beleidigungen ungeahndet über sich ergehen zu lassen.

Wie hatte sich seine Seele nach der Heimat gesehnt! Und nun er sich bei den Zelten seines Duars befand, erntete er Hass anstatt Liebe, und grimmige Verachtung anstatt Wohlwollen. Das Gebüsch, durch welches er schritt, bestand aus wilden, dornigen Akazien und stacheligen Mimosen. Er bemerkte gar nicht, dass diese Dornen und Stacheln ihn verwundeten. Er strich durch die Sträucher hin, nur daran denkend, seine Seele zu beruhigen. Die Schlucht wurde immer breiter und höher, da sich ihre Sohle immer tiefer senkte. Der bisher sandige Boden wurde steinig, und hier und da lagen Steintrümmer, von Felsen herrührend, welche von den Wänden der Schlucht herabgestürzt waren.

An einem solchen Steine blieb das Auge Saadis plötzlich haften. Der Stein zeigte Eindrücke, als ob man mit einer scharfen, mehrzinkigen Harke über denselben hinweg gefahren sei. Saadi bückte sich nieder und blickte, da es in der Tiefe dieser Schlucht bereits zu dunkeln begann, genauer hin. »O Allah! Der Herdenwürger«, sagte er. Herdenwürger wird der Löwe genannt. Der König der Tiere war in jenen Gegenden ganz und gar nicht selten.

Saadi untersuchte die Eindrücke auf dem Stein und murmelte: »Sie sind ganz neu. Der Löwe ist bereits des Morgens hier gewesen. Er hat Hunger, denn er hat seine Krallen an diesem Steine geschärft. Er wird heute Nacht nach dem Dorfe kommen, um sich Fleisch zu holen.« Er betrachtete den Boden genau und fand die Fährte des Tieres, welcher er eine Zeit lang folgte. Sie führte hin und her. Das Tier war ungewiss gewesen, wohin es sich wenden solle. »Er hat noch kein bestimmtes Lager gehabt, sondern es sich erst gesucht«, meinte Saadi. »Er ist also erst am Morgen hier angekommen, um eine neue Wohnung zu finden. Er hat die Wanderung während der Nacht gemacht. Er ist allein; er hat also sein Weib und seine Kinder zurückgelassen. Er wird sie nachholen, sobald er findet, dass es hier gute Beute gibt.«

Diese Calculation zeigte, dass Saadi wirklich nicht unerfahren sei. Der Engländer, welchem er sich angeschlossen hatte, war jedenfalls kein sogenannter Aas- oder Sonntagsjäger gewesen. »Soll ich diese Spuren weiter verfolgen?«, fragte sich Saadi. »Nein. Ich habe mein Gewehr nicht bei mir, und es wird die Nacht gleich hereinbrechen. Der Würger der Herden versteckt sich am Tage, aber des Nachts kommt er heraus. Wenn er mich fände, würde er mich töten und fressen. Ich muss zurückkehren, um die Männer des Dorfes vor ihm zu warnen, damit sie auf ihrer Hut sein werden, wenn er kommen wird, um die Herden zu besuchen.« Er stieg an der Seite der Schlucht empor. Das Dorf lag in weiter Ferne: er konnte es kaum erkennen, denn die in jenen Gegenden so kurze Dämmerung war hereingebrochen und ging sehr schnell in das Dunkel des Abends über.

Noch ehe er die Zelte erreichte, sah er die kleinen Feuer des Lagers klimmen, an denen die Frauen ihr Abendmahl bereiteten. Dort angekommen, schritt er gerade auf das Zelt des Scheiks zu; er hielt es für seine Pflicht, gerade diesem Letzteren seine Meldung zu machen, denn er selbst hatte nicht das Recht, die Versammlung zusammen zu rufen. Auch vor diesem Zelte brannte ein Feuer. Menalek saß bei demselben und sah zu, wie sein Weib und seine Tochter das Kuskussu bereiteten. Als er den Nahenden erblickte, griff er mit der Hand nach seinem Messer. Er glaubte, dieser komme, um sich an ihm zu rächen.

»Was willst Du?«, fragte er drohend. »Packe Dich fort von hier.« Mutter und Tochter fühlten die größte Angst, was jetzt kommen werde. »Du darfst mich nicht fort weisen«, sagte Saadi mild und ruhig. »Du bist der Scheik, und ich habe mit Dir zu sprechen.« »Hast Du mit Menalek oder mit ihm als Scheik zu sprechen?« »Ich komme zum Scheik.«

»So rede, wenn die Frauen es hören dürfen.«

»Sie dürfen. Lass die Männer zusammenkommen und sage ihnen, dass heute Nacht der Herr des Erdbebens kommen wird, um unseren Herden einen Besuch abzustatten.«

Der Löwe wird auch Herr des Erdbebens genannt, weil seine Stimme, besonders wenn sie in weiter Ferne erschallt, gerade so klingt, als ob die Erde bebte.

»Du bist toll!«, antwortete der Scheik.

»Ich habe seine Spur gesehen.«

»Wo?«

»An der Schlucht.«

»Du hast von der Katze geträumt, welche Du mit den Giaurs getötet hast.« »Ich weiß die Spur einer Katze von der eines Löwen zu unterscheiden.« »Deine Augen sind vor Liebe blind. Gehe nach dem Zelte Deines Bruders, um Dich auszuschlafen. Morgen wirst Du bei Sinnen sein!« »Dein Hass ist groß; aber er darf Dich nicht veranlassen, Deine Pflicht zu vernachlässigen. Wenn dem Scheik die Nähe des Löwen gemeldet wird, hat er sofort die Männer des Lagers zu versammeln.« »Willst Du mir drohen?«

»Nein. Aber wenn Du es nicht selbst tust, so werde ich in das Horn stoßen.« Er zeigte auf ein großes Büffelhorn, welches am Eingange des Zeltes hing. Es hatte den Zweck, durch seinen Ton die Versammlung herbei zu rufen. »Wage es!«, sagte der Scheik.

Saadi trat trotz dieser Warnung hinzu. Da zog Menalek das Messer. »Zurück! Wenn Jemand ohne meine Erlaubnis näher tritt, so habe ich das Recht, ihn zu töten.«

Saadi blieb stehen und sagte ernst: »Ich fürchte Dein Messer nicht, aber ich achte die Gesetze des Stammes. Ich werde also Deinem Zelte nicht zu nahe kommen; aber ich bitte Dich zum letzten Mal, die Versammlung zu berufen.«

»Es fällt mir nicht ein, die Männer mit Deinen Lügen zu belästigen.« »Du bist ein freier Mann und hast Deinen Willen, ich aber habe den meinigen auch. Ist es Dir nicht passend, Deine Pflicht zu erfüllen, so weiß ich, was ich zu tun gezwungen bin. Merke auf!« Er legte zwei Finger an den Mund und stieß einen schrillen Pfiff aus. Dies war das Alarmzeichen der Beni Hassan.

»Was tust Du?«, fragte Menalek erschrocken.

»Ich werde die Dschemma zusammenrufen, um sie vor dem Löwen zu warnen und sie zugleich zu fragen, was der Scheik verdient, welcher es verschmäht, über die Seinigen zu wachen.«

Die Dschemma ist die Versammlung der Ältesten. Sie hat über alle Angelegenheiten zu beraten und besitzt sogar die Macht, einen Scheik abzusetzen.

»Du zwingst mich?«, sagte der Scheik zornig. »Gut! Aber bedenke, dass es in meiner Macht steht, mich zu rächen.«

»Ich fürchte mich nicht vor Dir, sobald es sich um meine Pflicht handelt.« Als Saadi den Pfiff erschallen ließ, waren alle Männer von ihren Feuern aufgesprungen oder aus ihren Zelten getreten. Sie horchten nun auf das zweite Zeichen, um zu wissen, nach welcher Richtung sie sich zu wenden hätten. Jetzt setzte Menalek gezwungener Weise das Horn an den Mund und blies hinein. Kaum war der Ton erklungen, so kamen alle Männer herbeigeeilt. Die Frauen und Mädchen blieben zurück. Sie wussten, dass sie nicht die Erlaubnis hatten, an einer Beratung teil zu nehmen. Selbst Liama und ihre Mutter mussten sich entfernen, damit sie kein Wort der Verhandlung hören konnten.

Es wurde ein großer Kreis gebildet, in dessen Mitte der Scheik trat. »Hört, Ihr Männer des Duars, was ich Euch zu sagen habe«, begann er. Und auf Saadi zeigend, fuhr er fort: »Dieser Abtrünnige, welcher mit den Giaurs gereist ist, hat mich gezwungen, Euch zu rufen, um Euch zu sagen, dass der Herr des Erdbebens heute Nacht zu uns kommen werde. Glaubt Ihr das?« »Das ist nicht wahr!«, rief die Stimme eines vorlauten, jungen Mannes. »Auch ich halte es für eine Lüge. Darum bitte ich Euch um Verzeihung, dass ich gezwungen wurde, Euch zu belästigen.« Da meinte ein hochbetagter Greis, der mit zur Versammlung der Alten gehörte: »Seit wann ist es bei den Beni Hassan Sitte, dass die Jungen ihre Stimmen erheben, ehe die Greise gesprochen haben? Seit wann ist es Sitte, ein Wort, welches zwar unwahrscheinlich klingt, ohne Weiteres eine Lüge zu nennen? Wir haben seit vielen Jahren kein Tier unserer Herde verloren, aber warum soll es nicht Allah einmal gefallen, den Herrn des Erdbebens über uns zu senden? Ich fordere Saadi auf, uns zu sagen, was er gesehen hat!«

Die Würde des Alters übte einen solchen Einfluss aus, dass es dem Scheik gar nicht einfiel, zu widersprechen. Auch die Übrigen gaben durch ihr Schweigen zu erkennen, dass sie mit dem Greise übereinstimmten. Darum trat Saadi hervor und sagte: »Was ich gemeldet habe, ist die Wahrheit und keine Lüge. Ich befand mich in der Schlucht, welche nach dem Wadi Itel geht; da sah ich ganz deutlich die Spuren des Löwen. Sie waren groß. Dieser Würger der Herden ist ein sehr starkes und altes Tier.« »Kennst Du die Fährte des Löwen?«, fragte der Alte. »Ja. Der Inglis, mit welchem ich zwei Jahre lang ritt, lehrte mich, die Spuren aller Tiere zu unterscheiden.«

»Aber wenn sich der Herr des Erdbebens in der Schlucht befände, würde er unsere Herden bereits längst besucht haben.«

»Er ist während der letzten Nacht von fern her gekommen.« »Woraus siehst Du das?«

»Die Spur führt bald dahin und bald dorthin. Er hat sich nach einem Lager umgesehen. Ich fand einen Stein, an welchem er sich die Krallen geschärft hatte. Er ist also hungrig und zum Raube bereit.« »So glaube ich, dass Du die Wahrheit sagst. Lasst uns beraten, was wir tun werden; aber die Alten werden sprechen und die Jungen mögen schweigen.«

Die Beratung begann und war sehr kurz. Außer dem Scheik wurde Saadis Berichte von Allen Glauben geschenkt. Man beschloss, große Feuer anzubrennen und die Herden ganz in die Nähe der Zelte zu bringen. Kam der Löwe wirklich, so musste man ihm sein erstes Opfer überlassen; morgen sollte dann aber eine Jagd auf ihn abgehalten werden. Der Araber ist ein sehr schlechter Löwenjäger. Er wagt das Tier nur in großer Überzahl anzugreifen, und zwar bei Tage, nie des Nachts. Dann wird so lange auf das Tier geschossen, bis es vor Blutverlust aus meist leichten Wunden zusammenbricht, vorher aber mehrere der Jäger zerrissen hat. Saadi war jung. Er hatte seine Pflicht getan und wagte nicht, eine andere Ansicht laut werden zu lassen.

»Ihr habt beschlossen; tut was Ihr wollt!«, meinte der Scheik. »Ich aber glaube nicht daran und werde mich an keinen Löwen kehren. Übrigens brauchen wir jetzt gar keine Sorge zu haben. Der Herr des Erdbebens holt sich nie vor Mitternacht seinen Fraß.«

In letzterer Beziehung gaben ihm die Anderen Recht; Saadi aber meinte: »Die Ehrwürdigen mögen mir, obgleich ich jung bin, noch ein Wort gestatten!«

»Rede, mein Sohn!«, sagte der Älteste der Alten. »Ich habe bereits gesagt, dass der Herr des Erdbebens erst heute Nacht gekommen ist. Vielleicht hat er einen weiten Weg zurückgelegt; er ist sehr hungrig. Er hat die Krallen geschärft; er ist also ungeduldig. Es ist leicht möglich, dass er bereits vor Mitternacht kommt.« »Deine Worte sind wohl erwogen; aber ehe er kommt, wird er es uns melden.«

Der Löwe pflegt nämlich, wenn er auf Raub ausgeht, laut zu brüllen.

»Du hast Recht«, meinte Saadi. »Aber es gibt dennoch alte, erfahrene Tiere, welche so schlau sind wie ein Panther. Sie brüllen erst dann, wenn sie ihre Beute zerrissen haben. Übrigens glaube ich nicht, dass der Herr des Erdbebens über die Ebene kommen wird. Er wird in der Schlucht heraufkommen, welche hier ganz in der Nähe mündet, und dann ist es zu spät, erst noch Maßregeln der Vorsicht zu treffen.« »Was Du sagst, ist gut. Lasst uns also sofort beginnen. Wir müssen die Herden so stellen, dass zwischen ihnen und der Schlucht sich das Duar befindet.«

Dies geschah. Nur der Scheik war trotz aller Bitten und Vorstellungen nicht dazu zu bewegen, seine Tiere jetzt schon in Sicherheit zu bringen. Er wollte Saadi nicht als Sieger anerkennen.

Dieser nahm mit seinem Bruder ein fragteales Mahl ein. Dieser Letztere besaß nur wenige Tiere, welche so nahe am Zelte untergebracht wurden, dass sie vor einem Überfalle vollständig sicher waren. Dann griff Saadi nach seiner Doppelbüchse, sah nach der Ladung und schickte sich an, zu gehen.

»Wohin willst Du?«, fragte Abu Hassan besorgt. »Ich will einmal nach den Herden sehen.«

»Was gehen sie Dich an? Du begibst Dich unnütz in Gefahr.« »Beruhige Dich, mein Bruder. Für mich gibt es keine Gefahr.« Er ging, und zwar gerade nach der Seite hin, auf welcher sich die Tiere des Scheiks befanden. Er prüfte den leisen Abendwind, welcher sich erhoben hatte. Dieser wehte gerade von der Schlucht herüber. Er war überzeugt, dass der Löwe von dort her kommen werde, und er wollte ihn erwarten. Der Scheik hatte ihn einen Feigling genannt, und er wollte ihm beweisen, dass er es nicht sei. Darum legte er sich zwischen den Tieren und dem Ausgange der Schlucht auf den Boden nieder und harrte der Dinge, die da kommen sollten.

Rund um das Lager brannten hohe Feuer, von trockenen Akazienzweigen genährt. Die ganze Gegend war hell erleuchtet. Zeit um Zeit verging. Es konnte kaum mehr eine Stunde an Mitternacht fehlen. Da sah Saadi vom Duar her eine Gestalt kommen. Es war der Scheik, welcher nun den Knechten, welche sich noch bei den Tieren befanden, den Befehl erteilen wollte, diese Letztere in die Nähe der Zelte zu treiben. Um zu zeigen, dass er an Saadis Worte nicht glaube, kam er selbst herbei. Die Tiere wurden fortgetrieben. Der Scheik aber, um durch die Tat zu zeigen, wie sehr er Saadis Warnung verachte, schloss sich nicht an, sondern schritt langsam dem Ausgange der Schlucht zu.

In der Nähe derselben blieb er stehen. Sein weißer Burnus war weithin sichtbar, so dass man seine Gestalt im Lager deutlich sehen konnte. Die Stimmen seines Weibes und seiner Tochter ließen sich vernehmen. Sie baten ihn voller Angst, zurückzukommen. Er befand sich kaum zwanzig Schritte von Saadi entfernt, sah ihn aber nicht, denn dieser hatte seinen weißen Burnus nicht mitgenommen und lag in seinem dunklen Untergewande an der Erde, so dass er von derselben nicht unterschieden werden konnte.

»O Allah!«, hörte man Liama rufen. »Komm zurück, Vater! Der Löwe könnte kommen.«

»Schweig!«, rief er zurück. »Es gibt keine Katzen hier.« Aber in demselben Augenblicke war es, als ob die Erde unter ihm berste. Es erscholl gerade vor ihm ein tiefer, dumpf grollender Ton, der schnell zu einem lauten, mächtigen Brüllen anschwoll, mit welchem der stärkste Donner nicht verglichen werden kann, und sich dann zu einem Röcheln abdämpfte, welches nicht anders klang, als ob eine ganze Herde von Rindern im Sterben liege. Bei diesen Tönen war die ganze Natur starr und stumm vor Schreck. Auch der Scheik vermochte nicht, ein einziges Glied zu bewegen. Er sah den Löwen langsam und majestätisch aus den Büschen treten, gerade da, wo Saadi es vermutet hatte. Es war ein gewaltiges, riesenhaftes Tier. Beim täuschenden Scheine der flackernden Feuer schien es mehr als Ochsengröße zu besitzen.

Der Löwe schüttelte seine Mähnen und senkte den Kopf. Er hatte den Scheik erblickt und stieß ein zweites Brüllen aus, bei dessen Klange jeder Lebensfunken im Körper Menaleks zu verlöschen schien. Der Löwe stand keine dreißig Fuß von ihm entfernt und duckte sich jetzt nieder, zum Sprunge bereit. Drei Sekunden später musste der Scheik verloren sein. Dies gab ihm die Sprache wieder.

»Ma una meded – zu Hilfe!«, rief, nein, sondern brüllte er; aber ein Glied zu rühren, vermochte er nicht.

»Siehst Du, dass es hier Katzen gibt?«, klang es in seiner Nähe. Ein Schuss krachte. Ein fürchterliches Brüllen antwortete. Ein zweiter Schuss folgte gedankenschnell. Der Scheik wurde mit fürchterlicher Gewalt zu Boden gerissen und verlor die Besinnung.

Als er erwachte und die Augen öffnete, sah er viele Leute um sich stehen. Mehrere hatten Fackeln in der Hand. Neben ihm knieten sein Weib und seine Tochter, ängstlich mit ihm beschäftigt. »Was ist's? Wo bin ich?«, fragte er.

»Bei uns, mein Vater«, antwortete Liama. »O, Allah sei Dank, dass Du lebst! Er hat Dich aus der Gefahr des Todes errettet, als der Herr des Donners Dich zerreißen wollte. Bist Du verletzt?« »Ich glaube nicht. Wo ist der Löwe?«

Er besann sich erst jetzt auf Das, was geschehen war. Liama deutete hinter ihn. »Hier liegt er«, sagte sie. »Kannst Du Dich erheben, um ihn zu sehen?« Er richtete sich empor. Da lag der Löwe, der gewaltige Beherrscher der Steppe, tot und überwunden. Und bei ihm kniete Saadi, im Begriffe, ihm das Fell abzunehmen. Der Scheik erblickte ihn und fragte: »Wer hat geschossen?«

»Saadi war es«, antwortete Liama.

»Saadi!«

Es lag ein ganz eigentümlicher Ausdruck in diesem Worte, welches der Scheik aussprach. Er versuchte, sich zu erheben, und es ging. Er trat zu dem Jüngling, betrachtete mit Blicken des Entsetzens die seltene Größe des entsetzlichen Tieres und fragte: »Saadi, Du warst es, der mich rettete?« »Ich war es, o Scheik«, antwortete der Gefragte. »Allah ist gütig und gnädig; er hat es so gewollt. Ihm sei Dank, aber nicht mir.« »Aber wie ist das gekommen?«

»Ich sah Deine Herde in Gefahr und wusste, dass der Löwe kommen werde. Darum ging ich hinaus, ihm entgegen, um ihn zu erwarten. Da kamst Du, und er trat Dir entgegen. Du riefst um Hilfe, und ich schoss. Meine Kugel glitt am Stirnknochen ab und drang nicht in das Auge ein, wie ich es gewollt hatte. Er sprang auf Dich ein, aber mitten im Sprunge traf ihn meine Kugel in das Herz. Er riss Dich zwar nieder, aber er verwundete Dich nicht. Jetzt liegt er tot hier, und Du stehst lebend vor ihm. Allah sei Dank, der Herr ist über Leben und Tod.«

Der Scheik vermochte nicht, zu antworten; tausend mächtige Gefühle stürmten auf ihn ein. Er vergegenwärtigte sich den Augenblick der Gefahr; er sah den Löwen augenrollend vor sich stehen; er hörte den markerschütternden Ton seiner gewaltigen Stimme; er vergegenwärtigte sich den Augenblick, an welchem die Glieder des Raubtieres sich zum tödlichen Sprunge zusammenballten, und er hatte nicht Kraft genug, zu verhüten, dass bei dieser Erinnerung ein Zittern sich seines Körpers bemächtigte. Er reichte Saadi die Hand und sagte: »Du hast mich vom Tode errettet. Du bist klüger als ich, und Allah hat Dir ein mutiges Herz gegeben, welches nicht erbebt vor dem Herrn des Donners. Willst Du vergessen, dass ich Dich beleidigt habe?«

Die Augen des jungen Mannes leuchteten vor Entzücken. »Alles, was Du zu mir sagtest, soll so sein, als ob ich es nicht gehört hätte«, antwortete er. »Du bist der Scheik, und ich darf Dir nicht zürnen.« »So komm zu mir, sobald Du das Fell des Löwen genommen hast.« Menalek ergriff die Hand seines Weibes und seiner Tochter und schritt mit ihnen seinem Zelte zu.

»Kannst Du den Retter nun noch hassen?«, wagte die Mutter zu fragen. »Ich liebe ihn«, antwortete er. »Er hat gezeigt, dass ein Jüngling zuweilen einen Alten beschämen kann.«

Er gestand diese Beschämung ein, ohne sich von derselben zur Bitterkeit fortreißen zu lassen. Er war ein stolzer, aber auch ein einsichtsvoller Mann. Die meisten der Zeltbewohner blieben bei Saadi zurück, um die außerordentliche Größe des Löwen zu bewundern. Dieser war jedenfalls eines jener alten Tiere, welche in Einsamkeit leben und selbst zu ihresgleichen in immerwährender, grimmiger Feindschaft stehen. Solche Exemplare werden, gerade wie bei den Elephanten, Einsiedler genannt und sind wegen ihrer Erfahrung, List und Verschlagenheit doppelt gefährlich. Kurze Zeit später wurde Saadi im Triumphe in das Zeltdorf geleitet. Er übergab das Fell des Löwen seiner Schwägerin, der Frau seines Bruders, zur Zubereitung, und begab sich dann nach dem Zelte des Scheiks. Er wurde dort ganz anders empfangen als vorher. Er musste sich neben Menalek auf den Ehrenplatz setzen und erhielt Tabak und Pfeife, wobei Liama ihn bedienen musste, was sie natürlich mit der größten Freude tat. Die beiden Männer rauchten lange Zeit schweigend, ohne ein Wort zu sprechen; endlich aber legte der Scheik die Pfeife weg und sagte: »Saadi, Du tapferer Sohn der Beni Hassan, Du hast mich am Leben erhalten, als ich bereits an der Pforte des Todes stand. Du liebst Liama, meine Tochter?« Der Gefragte legte nun auch seine Pfeife fort und antwortete: »Ich liebe sie von ganzem Herzen. Mein Leben gehört Dir und ihr; darum habe ich es für Dich gewagt, als der Herr des Donners Dich zerreißen wollte.« Der Scheik wendete sich an seine Tochter: »Liama, Du Weide meiner Augen, ist Deine Seele diesem Tapfern zugetan?« »Ja, Vater«, antwortete sie. »Allah hat ihm mein Herz geschenkt; Allah ist allmächtig; ihm ist nicht zu widerstehen.«

»So möge er Dein Herr sein, und Du sollst sein Weib sein, so lange Allah Euch das Leben schenkt. Mein Segen sei Euer Eigentum und leuchte Euch bis zur letzten Stunde Eurer Tage.«

Er legte ihre Hände ineinander. Sie knieten vor ihm nieder und er segnete sie. Dann trat auch sein Weib herbei und legte unter Tränen ihre Hände auf die Häupter der Beiden. Diese Abkömmlinge Ismaels hatten die Sitten ihrer Urahnen in solcher Ursprünglichkeit erhalten, dass die gegenwärtige Scene sehr leicht in die alttestamentliche Zeit zurückgedacht werden könnte. »So seid Ihr denn bereits heute Mann und Weib«, sagte der Scheik. »Doch wenn der neue Monat beginnt, soll Eure Hochzeit gefeiert werden so weit die Herden der Beni Hassan weiden. Von jetzt an soll Saadi in meinem Zelte wohnen. Liama ist mein Kind und er mein einziger Sohn. Was ich habe, ist auch sein Eigentum. Der Wille Allahs soll geschehen.« Hierauf zog er sich in den hinteren Teil des Zeltes zurück; die Liebenden aber, welche so unerwartet und plötzlich glücklich geworden waren, traten aus demselben hinaus, um beim Scheine der Sterne von der Seligkeit zu flüstern, welche jetzt in ihrem Herzen wohnte.

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