Die Liebe des Ulanen 2: Napoleons letzte Liebe
7. Kapitel
Es war fast gegen Mitternacht, als ein einzelner Reiter vor dem Tore hielt. Es war sehr finster geworden.
»Wer da?«, fragte die dort postierte Schildwache. »Armeelieferant de Reillac«, lautete die Antwort. »Kann passieren!«
Der Baron ritt in den Hof ein und stieg da vom Pferde. Als er sein Tier an eine Zaunlatte angebunden hatte, begab er sich nach dem Wachtlocal, welches sehr leicht dadurch zu erkennen war, dass es erleuchtet war. Als er dort eintrat, fuhr er erstaunt einen Schritt zurück. »Sie hier, Kapitän?«, fragte er.
Wirklich befand sich Kapitän Richemonte augenblicklich bei dem Wachthabenden. Er hatte sich fest vorgenommen, diese Nacht nicht zu schlafen, sondern ohne Unterlass um den Meierhof zu patrouillieren. Es war doch möglich, dass Königsau, falls er sich hier befand, ihm dabei in die Hände lief.
»Und Sie hier, Baron?«, gegenfragte Richemonte. »Allerdings. Ich erfuhr, dass der Kaiser hier abgestiegen sei und ritt hierher, um am Morgen um eine Audienz zu bitten.«
»In Lieferungssachen?«, fragte Richemonte lachend. »Natürlich.«
»Sie wollen bitten, die Schlachtochsen nicht gar so fett kaufen zu müssen.« »Und die Stiefel nicht gar so lang«, fügte der Wachthabende hinzu. »Scherzen Sie immerhin«, meinte Reillac. »Mir ist die Sache so ernst. Bei mir stehen Millionen auf dem Spiele. Heut kam die Ordre zum Marschieren. Ich habe mir die Befehle des Hauptquartieres einzuholen, glaubte aber nicht, Sie hier zu finden, Kapitän.« »O, ich bin überall da, wo es gilt, Ihnen einen Dienst zu erweisen«, antwortete Richemonte.
Reillac blickte ihn einigermaßen verblüfft an. »Sie mir?«, fragte er. Allerdings war gewöhnlich er es gewesen, welcher dem Kapitän Dienste geleistet hatte.
»Ja, ich Ihnen«, antwortete der Gefragte ruhig.
»Welcher Dienst wäre das?«
»Wollen Sie es erfahren, so folgen Sie mir nach meiner Wohnung.« »Sie haben eine Wohnung hier?«
»Ja. Oder soll ich als Etappencommandant nicht auf der Etappe wohnen dürfen?«
»Etappencommandant? Von Jeanette?«
»Ja.«
»Und ich vermutete Sie in der Nähe der feindlichen Aufstellungen.« »Von dort bin ich zurückgekehrt. Doch kommen Sie.« Er nahm ihn am Arme und führte ihn nach dem Zimmer, welches er sich hatte anweisen lassen. Dort angekommen, brannte er sich eine Cigarre an und warf sich mit der Miene eines gemachten Mannes auf das Sofa. »Setzen Sie sich, Baron!«, sagte er in der Weise eines Gönners, der gerade einmal bei guter Laune ist.
Der Armeelieferant nahm langsam Platz, betrachtete sich kopfschüttelnd sein Gegenüber und sagte dann: »Kapitän, mit Ihnen ist Etwas vorgegangen!«
»Allerdings!«, nickte Richemonte.
»Aber was?«
»Vieles! Und ich hoffe, dass auch noch Verschiedenes mit mir vorgehen wird.«
»Wie kommen Sie dazu, Etappencommandant von Jeanette zu werden?« »Pah! Wie kommen Sie dazu, Armeelieferant zu werden?« »Ich habe das Geld für diesen Posten.«
»Und ich habe das Geschick zu meinem Posten.« »Donnerwetter, Sie scheinen seit Kurzem an Selbstbewusstsein zugenommen zu haben. Wie kommt das?«
»Das werden Sie vielleicht erfahren. Vorher aber eine Frage.« »Fragen Sie.«
»Können Sie mir zehntausend Franks borgen?« »Nicht zehn Sous.«
»Warum nicht? Haben Sie kein Geld?«
»Geld habe ich, aber für Sie nicht. Sie sind ein Blutegel, welcher immerwährend saugt, ohne jemals Etwas zurückzugeben.« »Nun gut, so will ich Ihnen sagen, dass ich nur im Scherze sprach. Ich brauche Ihr Geld nicht mehr!«
»Das glaube Ihnen der Teufel, aber ich nicht! Es hat in Ihrem Leben nicht einen einzigen Augenblick gegeben, an welchem Sie nicht Geld gebraucht hätten.«
»Das ist leider sehr wahr; heute aber ist der Augenblick gekommen.« »Vom Himmel herabgefallen?«, hohnlächelte der Baron. »So ziemlich!«, antwortete der Kapitän ruhig.
»Gratuliere.«
»Danke.«
»Vielleicht kommt dann auch einmal die Zeit, in welcher Sie an Ihre Akzepte denken, welche ich noch immer in den Händen habe.« »Ich denke eben jetzt daran.«
»Haben Sie vielleicht den edlen Vorsatz, sie einzulösen?« »Warum sollte ich ihn nicht haben?«
»Donnerwetter, dazu gehört viel Geld.«
»Pah. Die Chatoulle des Kaisers steht mir zur Verfügung.« »Sie schwärmen, teurer Kapitän.«
»Sie sind ein großer Esel, geliebter Baron.«
»Warum?«
»Weil Sie mir nicht zutrauen, auch einmal auf einen grünen Zweig zu kommen. Glauben Sie, der Kaiser hätte mich so ohne alle Veranlassung auf den gegenwärtigen verantwortlichen Posten gesetzt?« »Das ist wahr. Sie müssen ihm bedeutende Dienste geleistet haben.« »Allerdings«, nickte der Kapitän gewichtig.
»Darf man fragen, welche?«
»Das bleibt zunächst Geheimnis. Ich deute nur an, dass ich mich einige Tage lang in der Nähe des feindlichen Hauptquartieres aufhielt.« »Hm. Das Weitere lässt sich erraten. Der Etappenposten ist also erklärt, aber das mit der kaiserlichen Chatoulle leuchtet mir noch nicht ein.« »Meinetwegen. Mir ist es ziemlich gleichgültig, ob Sie erleuchtet sind oder nicht. Da Sie mir aber einige Dienste erwiesen haben, will ich Sie doch fragen, ob ich Ihnen in irgendeiner Weise dankbar sein kann.« Der Baron sperrte unwillkürlich den Mund weit auf. »Sie tun ja ganz außerordentlich einflussreich, Kapitän«, sagte er. »Bin es auch!«, antwortete Richemonte kurz.
»Nun, so zahlen Sie zunächst Ihre Akzepte.«
»Werde es nächstens tun.«
»Oder, noch lieber wäre es mir, und Ihnen vielleicht auch – hm! –« Er hielt zögernd inne, den Kapitän mit dem Auge musternd. »Nun, sprechen Sie weiter!«, sagte dieser.
»Ich meine, dass es vorteilhafter wäre, wenn Sie mich in der bereits so oft angedeuteten Weise bezahlen könnten.«
»Welche Weise wäre das?«, fragte der Kapitän zurückhaltend. »Ich denke dabei an Margot.«
»Ah! So haben Sie noch immer nicht verzichtet?« »Spielen wir nicht Theater. Sie kennen meine Absichten nur zu gut.« »Diese Absichten dürften bei der allerhöchsten Protection, deren ich mich jetzt erfreue, nicht mehr hoffnungslos sein.«
»Was wollen Sie damit sagen?«
»Bis jetzt noch gar nichts. Lassen Sie uns vorher das Nötige strikt formulieren. Sie beabsichtigen noch, meine Schwester zu heiraten?« »Ja.«
»Was geben Sie mir, wenn ich diese Heirat zu Stande bringe?« »Ich zerreiße die Wechsel.«
»Welchen Nutzen bringt die Ehe meiner Schwester?« »Ich setze ihr im Falle meines Todes ein großartiges Witwengehalt aus.« »Pah. Haben Sie viel Verwandte?«
»Sehr wenig und entfernte.«
»So mache ich die Bedingung, dass meine Schwester im Falle Ihres Todes Ihre Universalerbin wird.«
»Kapitän, Sie verlangen viel.«
»Und Sie nicht weniger. Meine Schwester ist ein Vermögen wert.« »Es ließe sich allerdings noch weiter darüber sprechen.« »Sprechen? O nein, Baron. Ich sage Ihnen ganz aufrichtig, dass ich ganz und gar nicht Lust habe, in dieser Angelegenheit bloß Worte zu verlieren.« »Sie wollen Taten? Also welche?«
»Sie geben mir ein Document darüber, dass meine Schwester Ihre Universalerbin wird –«
»Natürlich nach der Hochzeit.«
»Natürlich vor der Hochzeit. Nach derselben wäre es zu spät, und ich habe ganz und gar die Absicht, so sicher wie möglich zu gehen.« »Gut; ich stimme bei. Weiter?«
»Sie zerreißen meine sämtlichen Akzepte.«
»Natürlich nach der Hochzeit.«
»Nein, sondern auch vor der Hochzeit. Ich gehe am liebsten sicher.« »Ich ebenso. Wie nun, wenn ich heute die Akzepte zerreiße, und morgen erfahre ich, dass aus der bereits geplanten Verbindung wieder nichts wird?« »Ich gebe Ihnen Sicherheit.«
»Welche?«
»Würde Ihnen der Befehl des Kaisers genügen?« »Donnerwetter! Natürlich vollständig.«
»Nun gut, so zerreißen Sie die Wechsel.«
»Sie wollen doch nicht sagen, dass der Kaiser diesen Befehl geben wird?« »Nein, sondern ich will nur sagen, dass er ihn bereits gegeben hat.« Diese Worte waren mit so kalter Überlegung gesprochen, dass der Baron sich von seinem Stuhle erhob und schnell fragte: »Hölle und Teufel! Sind Sie recht gescheit oder nicht?«
»Ich wenigstens halte mich nicht für ganz dumm. Aber Sie?« »Nun, für dumm halte auch ich Sie nicht, aber für ziemlich leichtsinnig.« »So glauben Sie, dass ich ihnen jetzt einen blauen Dunst vormache?« »Das glaube ich allerdings, wie ich Ihnen ganz aufrichtig gestehe.« »Ich werde Ihnen beweisen, dass ich die Wahrheit sage.« Die Leidenschaft, welche der Baron für Margot fühlte, prägte sich in seinem ganzen Gesichte aus, als er mit demselben rasch näher fuhr. »Beweisen Sie es!«, sagte er.
»Ich bin bereit, Ihnen den schriftlichen Befehl des Kaisers zu zeigen und auch nach demselben zu handeln, stelle aber zwei Bedingungen.« »Welche?«
»Sie geben mir gleich jetzt Ihre Unterschrift, dass meine Schwester Ihre Universalerbin wird, und Sie reiten gleich jetzt nach Sedan, um mir noch vor Anbruch des Tages meine Wechsel zur Verfügung zu stellen.« »Warum diese Hast?«
»Weil der Kaiser bereits früh abreist. Begreifen Sie nicht, dass ich Sie ihm als den Verlobten meiner Schwester vorstellen will?« Die Augen des Barons glühten vor Begierde.
»Das ist wahr, Kapitän?«, fragte er.
»Ja, vollständig wahr.«
»Nun, so werde ich Ihnen die Unterschrift geben, sobald Sie mir die Ausfertigung des Kaisers zeigen, und dann sofort nach Sedan reiten, um Ihnen die Wechsel zu bringen.«
»Sie haben sie nicht mit?«
»Nein.«
»Sie geben mir Ihr Ehrenwort, dass Sie Ihre Versprechungen halten?« »Mein Ehrenwort«, antwortete der Baron unter eifrigem Kopfnicken. »Nun, so sehen Sie einmal.«
Der Kapitän zog seine Brieftasche hervor, öffnete dieselbe und nahm das Blatt heraus, welches er von dem Kaiser erhalten hatte. Der Baron griff darnach und verschlang die Worte mit weit geöffneten Augen. Dann hielt er das Document gegen das Licht, um es zu prüfen. »Es ist echt, echt, echt!«, rief er triumphierend. »Margot wird meine Frau, endlich, endlich, endlich! Alle Teufel, wie will ich sie in der ersten Zeit dafür strafen, dass ich so lang warten musste.« »Tun Sie das, Baron. Sie hat es verdient.«
»O, aber dann soll sie den Himmel auf der Erde haben.« »Und Sie die Hölle in diesem Himmel. Zeigen Sie wieder her.« Er nahm dem Barone das Document wieder aus der Hand. »Ich darf es nicht behalten?«, fragte dieser.
»Wozu? Haben Sie es nicht gelesen, dass mir die Vollmacht erteilt wird, die Arrangements zu treffen?«
»Allerdings.«
»Und haben Sie die von mir gestellten Bedingungen bereits erfüllt?« »Muss es wirklich gleich sein?«
»Ja. Die Gegenwart des Kaisers muss benutzt werden.« »So geben Sie Papier her. In welcher Form wünschen Sie meine Erklärung niedergeschrieben?«
»Ganz kurz. Sie sagen, dass meine Schwester Ihre Universalerbin sei, indem Sie die Absicht haben, dieselbe zu Ihrer Frau zu machen.« Vor Freude und Entzücken über die zu erwartende Erfüllung seines so lange Zeit vollständig vergeblichen Wunsches dachte der Baron gar nicht daran, diese so ganz und gar verfängliche Wortstellung und Ausdrucksweise einer Prüfung zu unterwerfen. Er schrieb, wie es ihm angegeben worden war, und setzte seinen Namen und das Datum darunter. »So! Genügt das?«, fragte er. »Vollständig«, antwortete der Kapitän.
Sein Auge ruhte wie dasjenige eines Raubtieres auf diesem wichtigen Documente, als er es zusammenfaltete und in seine Brieftasche steckte. »Haben Sie bereits mit Margot gesprochen?«, fragte der Baron. »Ja.«
»Kennt sie den Willen des Kaisers?«
»So ziemlich.«
»Und wie verhält sie sich dazu?«
»Mehr passiv als aktiv.«
»So haben wir ja bereits mehr als halb gewonnen! Und die Mutter?« »O, die ist noch leichter zu zähmen als die Tochter! Ich habe dem Kaiser ganz einfach die Wahrheit gesagt.«
»Welche Wahrheit meinen Sie?«
»Dass die beiden Damen sich bisher gegen Ihre Huldigungen sträubten.« »Donnerwetter! War dies nicht blamierend für mich?« »Ganz und gar nicht. Sie sind weder schön noch jung; es lässt sich also begreifen, dass ein lebensfrisches Mädchen einen feschen Husarenoffizier Ihnen vorzieht. Wo liegt da die Blamage?«
»Sie sind fast mehr als aufrichtig, Kapitän.«
»O, ich gebe der Sache nur die richtigen Worte.« »Sie kommen aber da sehr leicht in die Gefahr, für grob gehalten zu werden.«
»Das bin ich auch zuweilen wirklich.«
»Wie zum Beispiel grade jetzt.«
»Meinetwegen. Unter Freunden rechnet man nicht so streng, und dass ich Ihr Freund bin, glaube ich Ihnen bewiesen zu haben.« »Und nebenbei handelten Sie in Ihrem eigenen Interesse.« »Ich leugne dies gar nicht, obgleich mein Interesse es gar nicht erforderte, Margot so scharf auf die Folter zu nehmen, wie es geschehen ist.« »Was meinen Sie? Was ist geschehen?«
»Margot ist meine Gefangene.«
»Alle Teufel! Warum?«
»Um sie zur Raison zu bringen. Sie gibt entweder ihr Jawort freiwillig, und dann wird die Hochzeitsceremonie öffentlich und in solenner Weise vorgenommen werden. Oder sie verweigert es, und dann wird sie in ihrem Zimmer Ihre Frau, ohne gefragt zu werden.«
»Hat dies Geltung?«
»Wer kann gegen des Kaisers Befehl?«
»Allerdings! Aber man kann doch zuweilen nicht wissen, was –«
»Pah!«, unterbrach ihn rasch der Kapitän. »Ich habe Vollmacht, nach Belieben zu handeln. Kann Margot nicht krank sein? Kann sie nicht vom Schlage getroffen und der Sprache beraubt worden sein? Lassen Sie mich nur machen.«
»Kapitän, Sie sind bei Gott ein ausgezeichneter Kerl. Sie sind wert, mein Schwager zu sein.«
»Danke! Dieses Compliment bringt mich ganz und gar nicht um den Verstand. Übrigens muss ich Sie fragen, ob Sie bereits wissen, was dem Kaiser heut unterwegs passiert ist.«
»Ich habe es in Sedan erzählen hören. Er ist überfallen worden.« »Was hat man über seine Rettung gesagt?«
»Viel Abenteuerliches. Ein junger Mensch soll ihn gerettet haben, ein wahrer Roland, ein Goliath, welcher die Räuber niedergemäht hat wie Halme.«
»Unsinn! Wissen Sie, wer dieser Goliath gewesen ist?« »Nun?«
»Sie kennen ihn sehr genau; denn auch Sie haben mit ihm zu tun gehabt, und zwar in Paris: ich meine nämlich Königsau.« Der Baron schüttelte ungläubig den Kopf.
Kapitän Richemonte blickte seinen Partner, den Baron Reillac, triumphierend an, und weidete sich an dem Erstaunen desselben. »Ja, ja, ich meine wirklich den Leutnant Königsau«, wiederholte der Kapitän, jedes Wort scharf betonend.
Der Baron sperrte den Mund abermals weit auf. Dieses Mal wurde es ihm wirklich schwer, zu Worte zu kommen. »Kö-nigs-au?«, fragte er endlich gedehnt.
»Ja.«
»Dieser preußische Husarenleutnant soll den Kaiser gerettet haben?« »Allerdings.«
»Unmöglich.«
»O, höchst wahrscheinlich.«
»Ich hörte doch, es sei ein Seekapitän aus Marseille gewesen.« »Königsau war es. Er hat sich allerdings für einen Seekapitän ausgegeben, da er als Spion in dieser Gegend gewesen ist. Wir haben den ganzen Meierhof nach ihm durchsucht.«
»War er hier?«
»Jedenfalls.«
»Aber man hat ihn nicht gefunden?«
»Leider nein.«
»Jammerschade.«
»Allerdings. Ich selbst erhielt vom Kaiser den Auftrag, nach ihm zu suchen; aber auch meine Bemühungen waren erfolglos. Übrigens habe ich dabei eine Bemerkung gemacht. Sie kennen den Kutscher Florian?« »Ja. Er ist von mir bestochen.«
»Sie glauben, ihm trauen zu dürfen?«
»Gewiss.«
»Ich warne Sie vor ihm. Es ist mir ein hässlicher Streich gespielt worden, dessen Urheber ich in ihm vermute. Er scheint mir überhaupt nicht so sehr einfältig zu sein, wie er gern erscheinen möchte.« »Er hat mir aber bereits sehr viel genützt.«
»Und im Geheimen wohl noch viel mehr geschadet. Ich werde auf diesen Menschen ein scharfes Auge haben. Ich bemerke zum Beispiel, dass er heut Abend ruhelos von einem Orte zum andern schleicht. Ich glaube, er hat Etwas vor. Vielleicht steckt er gar mit diesem Königsau im Bunde.« »Das glaube ich nicht.«
»Er soll es sich auch nicht einfallen lassen. Übrigens habe ich mit Ihnen bereits zu viel Zeit versäumt. Wir müssen uns trennen.« »Was gibt es für Sie noch so Nötiges zu tun?« »Ich passe auf, ob ich vielleicht doch noch den Preußen erwische. Ich schleiche mich ohne Unterlass um den Meierhof herum. Dabei habe ich eben diesen Florian bemerkt, welcher mir dadurch verdächtig geworden ist.«
»So will ich Sie nicht stören, Kapitän. Es wäre ja auch mir ein wahres Gaudium, wenn es Ihnen gelänge, diesen Königsau zu fangen. Ich reite also jetzt nach Sedan zurück, um Ihnen die Wechsel zu holen. Doch sage ich Ihnen vorher, dass Sie dieselben erst nach unserer Audienz beim Kaiser ausgehändigt erhalten.«
»Mir ist das gleich. Geben Sie die Wechsel nicht, so erhalten Sie Margot nicht; das steht unumstößlich fest.«
»Man muss unter Freunden ehrlich sein, und Freunde sind wir Beide hoffentlich doch. Also auf Wiedersehen, Kapitän.« »Auf Wiedersehen!«
»Wann steht der Kaiser auf?«
»Bei Tagesanbruch.«
»So muss ich mich bereiten.« Er verließ das Zimmer. Der Kapitän blieb lauschend stehen, bis die Schritte verklungen waren. Dann murmelte er tief aufatmend: »Endlich, endlich gesiegt. Diese verdammten Akzepte werden vernichtet, und das Erbschaftsdocument, ah, wozu ist das nicht zu gebrauchen! Den Namen verändert, so bin ich der Universalerbe. Diese Angelegenheit lässt sich überhaupt auf sehr verschiedene Weise nutzbar machen. Der Kaiser will mir wohl; Margot wird gezähmt; ich bin meine Schulden los und darf nun endlich aufatmen. Freilich darf ich diesem Baron jetzt noch nicht mitteilen, dass er sich zu hüten hat, Margot anzurühren. Ich glaube, es fiele ihm ein, noch in letzter Stunde scheu zu werden.«
Nach diesem Selbstgespräch begab er sich wieder hinaus in die Nacht, um seinen Patrouillengang fortzusetzen. -
Kurze Zeit vorher war Florian auf das Dach zu Königsau gekommen. Dieser hatte geglaubt, dass es Zeit zum Aufbruche sei. »O nein«, sagte da der Kutscher. »Ich befürchte fast, dass es uns unmöglich sein wird, fortzukommen.«
Königsau erschrak. »Warum sollte es unmöglich sein?«, fragte er. »Weil dieser Richemonte gar nicht zur Ruhe kommen will.« »Was tut er?«
»Er schleicht ruhelos aus einer Ecke in die andere. Fast scheint es mir, als ob er ahne, dass Sie sich noch auf Jeanette befinden.« »Er wird das Schleichen schon noch satt bekommen. Haben wir nur noch einige Zeit lang Geduld.«
Es verging abermals eine Stunde, während welcher Florian auf sich warten ließ. Endlich erschien er. Königsau hörte, dass er einen leisen Fluch ausstieß.
»Was gibt es abermals?«, fragte er.
»Jetzt hatte ich ein wenig Luft«, antwortete der Kutscher. »Es kam ein Reiter, mit welchem der Kapitän sich bis jetzt unterhalten hat. Diese Zeit habe ich benutzt, um die Pferde nach dem Garten zu bringen. Mit dreien ist es mir gelungen, aber das vierte befindet sich noch im Stalle.« »Der Kapitän schleicht wieder?«
»Freilich.«
»Das könnte man ihm verleiden. Dauert es lange, das vierte Pferd nach dem Garten zu bringen?«
»Höchstens fünf Minuten.«
»Kann man aus dem Garten fortreiten, ohne gehört zu werden?« »Ja, sobald das große Tor von Innen geöffnet wird.« »Wo schleicht der Kapitän?«
»Jetzt meist außen um die ganze Besitzung herum.« »Wäre da der Hund nicht zu gebrauchen?«
»Sacriste! Ja, an den habe ich doch gar nicht gedacht.« »Also. Er mag ihn festhalten, so lange als es für uns notwendig ist.« »Das werde ich sofort besorgen. Ziehen Sie sich einstweilen um, Herr von Königsau, und tragen Sie auch den Damen die Kleider hinab. Ihr jetziger Anzug und die Frauenanzüge, welche ich geborgt habe, werden in die Mäntel geschnallt. Alles übrige Besitztum der Damen bleibt hier. Sind Sie hinreichend mit Geld versehen?«
»Vollständig.«
»Sonst hätte ich Ihnen Einiges zur Verfügung gestellt.« Er entfernte sich rasch aber leise wieder und begab sich zunächst nach dem Stalle, in welchem Tiger an der Kette lag. Er machte ihn los und sagte ihm: »Komm, mein Hund. Du sollst den Kerl noch einmal fassen, aber still, ganz still, damit kein Lärm entsteht. Übrigens wirst Du uns dann begleiten, denn Du bist ein tapferer Kerl und kannst uns von großem Nutzen sein.« Er schlich mit ihm hinaus und legte sich draußen hinter einem der Nebengebäude auf die Lauer. Er hatte ungefähr eine Viertelstunde gewartet, als er leise Schritte hörte. Er legte sich auf den Boden, um den Nahenden möglichst gegen den Himmel betrachten zu können. Trotz der Dunkelheit erkannte er in demselben den Kapitän. Er ließ ihn vorüber. »Halte ihn!«, gebot er dann leise dem Hunde. Das Tier schnellte sich mit einigen weiten Sätzen vorwärts. Ein unterdrückter Schrei, der Fall eines Körpers und dann ein grimmiges Knurren war Alles, was man hörte; dann war es still.
Jetzt wusste der Kutscher sich sicher und den unbequemen Späher unter der besten und schärfsten Bewachung. Er kehrte nach dem Stalle zurück und führte das Pferd nach dem Garten. Dann koppelte er die Tiere zusammen und führte sie aus dem Garten hinaus nach einer einzelnen Linde, welche in einiger Entfernung vom Meierhofe auf dem Felde stand.
Nun wendete er sich wieder rückwärts, ging erst zu sich selbst, um Alles, was er für nötig hielt, zu sich zu stecken und stieg dann auf das Dach hinauf. Dort fand er Königsau bereits in der Dragoneruniform. »Ist Alles gut gegangen?«, fragte dieser.
»Ja.«
»Der Kapitän liegt fest?«
»Ja; der Hund hat ihn. Wie weit sind die Damen?« »Sie sind auch bereit. Es ist schneller gegangen, als ich dachte.« »So will ich sie holen.«
Florian stieg zur Leiter hinab und brachte bald die beiden verkleideten Frauen hinauf. Er zog die Leiter nach und schloss dann die Treppenöffnung zu. Die Leiter legte er neben die Esse, dass es den Anschein hatte, als sei sie von einem Schornsteinfeger gebraucht worden. »Jetzt bitte ich, mir zu folgen«, sagte er dann. »Aber möglichst leise, damit wir nicht bemerkt werden.«
Die drei Anderen schritten unter seiner Führung über das Dach hinüber und kamen an den Hauptausgang, von da auf die Treppe, in einen finsteren Corridor, auf welchem sie sich bei den Händen fassen mussten, sodann auf eine Nebentreppe, in einen kleinen Hof, aus demselben in den Garten und von da hinaus auf das Feld.
»Wo sind die Pferde?«, fragte jetzt Königsau. »Ich dachte, sie in dem Garten zu finden.«
»Ich habe sie weiter fortgeschafft, weil mir das sicherer erschien.« Nach diesen Worten führte der Kutscher die Anderen zu der Linde, wo er jeder Person das betreffende Pferd anwies.
»Jetzt bitte ich, einige Augenblicke zu warten. Ich muss Richemonte frei lassen.«
»Warum?«
»Weil ich meinen Hund mitnehmen will. Er kann uns nützlich werden.« Er schlich sich wieder zurück. In der Nähe der Stelle angekommen, an welcher Richemonte lag, trat er fester auf und tat ganz so, als ob er eben um die Ecke herumkomme. »Holla. Was ist das?«, fragte er. »Tiger, bist Du es? Was hast Du denn da? Zeige einmal her.«
Er bückte sich nieder. »Ah, einen Kerl! Ist der Königsau also doch hier gewesen und mir in die Falle gegangen. Wie gut, dass ich gewacht habe! Wart, Bursche, ich werde Dich dem Herrn Kapitän Richemonte überliefern. Du darfst zwar aufstehen, aber versuche nicht, mir auszureißen! Mein Hund hätte Dich sofort wieder beim Kragen, und dann könnte ich es ihm nicht mehr wehren; es wäre um Dich geschehen. Lass gehen, Tiger; aber passe noch gut auf.«
Der Hund gab den am Boden Liegenden frei, entfernte sich aber keineswegs von ihm hinweg. Richemonte raffte sich empor. »Donnerwetter!«, sagte er. »Das ist nun bereits zum zweiten Male.« »Wie, Herr Kapitän, Sie sind es, Sie?«, fragte Florian ganz erstaunt. »Ja, ich! Mensch, warum lässt Du denn diesen Hund so frei umherlaufen?« »Weil er mir den Königsau fangen sollte.«
»Du selbst behauptetest doch, dass er fort sei.« »Ja; aber der Kaiser sagte, dass er vielleicht doch noch hier herum versteckt sei. Es ärgerte mich furchtbar, von diesem Deutschen belogen worden zu sein, und darum gab ich mir alle Mühe, ihn zu fangen.« »Das war ganz überflüssiger Eifer. Ich habe darunter leiden müssen und bin nun zum zweiten Male dem Tode nahe gewesen.« »Ja, der Tiger ist ein ausgezeichneter Hund.«
»Hole ihn der Teufel! Du aber kannst Dich in das Bett scheren, anstatt Andere in Lebensgefahr zu bringen.«
»Pst, sprechen Sie nicht so barsch, Monsieur.« »Warum nicht? Hast Du es etwa nicht verdient?« »Ich weiß nicht. Aber mein Hund könnte sonst denken, dass Sie sich mit mir zanken, und dann reißt er Sie wieder nieder.« »Miserable Bestie! Halte ihn einmal fest!«
»Warum?«
»Weil ich mich entfernen will.«
»Gut. Ich denke, es wird auch für Sie besser sein, sich zu Bette zu begeben. Diese Deutschen sind gar nicht wert, dass man sich von ihnen an der Nase herumführen lässt. Verstanden, Herr Kapitän?« Richemonte hatte sich bereits um einige Schritte entfernt; jetzt blieb er stehen. »Wie meinst Du das?«, fragte er.
»Ganz so, wie ich es gesagt habe, Herr Kapitän.« »Höre, mir scheint, Du treibst ein falsches Spiel mit mir. Nimm Dich in Acht, dass ich Dich nicht dabei ertappe, sonst bekommst Du es mit mir zu tun.«
»Ja, bisher habe ich Sie stets dabei ertappt, und da hatten Sie es mit dem Hunde zu tun.«
Richemonte ging wütend davon, und der Kutscher begab sich zu seinen drei Gefährten, welche ein jedes Wort mit angehört hatten. »Das war ein wenig unvorsichtig«, meinte Königsau. »Es war besser, dem Hunde zu pfeifen, als hingehen und sich dem Manne zu zeigen.«
»Das ist egal. Der Mann muss auch wissen, wer es ist, der ihn auslacht; sonst hat man kein Vergnügen daran.«
Er stieg zu Pferde, und der Ritt begann.
Es war doch ziemlich spät geworden. Der Schleicher Richemonte hatte ihren Aufbruch verzögert; die beiden Damen konnten sich noch nicht in die gegenwärtige Art und Weise zu reiten schicken; darum kam man nur langsam vorwärts, und die halbe Wegsstrecke bis Sedan war kaum zurückgelegt, so begann der Tag zu grauen.
»Wir müssen uns sputen, sonst laufen wir Gefahr, in Sedan aufgehalten zu werden«, meinte Florian.
»Ja, es ist unangenehm, dass der Tag bereits beginnt. Jetzt – ah, dort kommt uns ein Reiter entgegen!«, sagte Königsau.
Florian strengte seine Augen an; aber erst als der Betreffende ziemlich nahe heran gekommen war, erkannte er ihn.
»Sacristi! Wissen Sie, wer das ist?«, fragte er den Leutnant. »Nun? Wer?«
»Der Baron de Reillac.«
»Mein Gott, wie gefährlich! Gibt es keinen Seitenweg, den wir einschlagen können? Ja, er ist es wirklich. Jetzt erkenne auch ich ihn genau.« »Einen Seitenweg gibt es leider nicht«, antwortete der Kutscher. »So gibt es nur ein einziges Mittel: Wir reiten im Galopp an ihm vorüber, ohne uns um ihn zu bekümmern. In der Schnelligkeit bekommt er unsere Gesichtszüge nicht so gut weg.«
»Das ist wahr«, meinte Florian. »Ich werde mir außerdem noch Mühe geben, seine Aufmerksamkeit auf mich zu locken.« Sie nahmen die Pferde in Galopp, und als der Armeelieferant nahe genug herangekommen war, ließ Florian das seinige bocken und tat, als ob er alle Mühe habe, sich im Sattel zu erhalten. Es gelang ihm dadurch allerdings einigermaßen, die Augen des Barons von den drei Andern abzulenken, aber doch nicht ganz. Er überflog sie mit einem raschen Blicke, stutzte und sagte: »Florian, alle Teufel, wo soll dieser Ritt hingehen?« »Nach Sedan, Herr Baron«, antwortete der Gefragte, scheinbar noch immer über Maßen mit seinem Pferde beschäftigt.
»Warum so eilig?«
»Hm! Weil die Pferde laufen.«
»Wer war der Offizier mit den beiden jungen Kerls?« »Ich weiß nicht; sie sind ja nun vorbei.«
»Du kamst doch mit ihnen.«
»Nein, sie mit mir. Adieu, Herr Baron.«
Damit nahm er sein Pferd in die Zügel und sprengte den Anderen nach. Dieses kleine unangenehme Intermezzo hatte die Damen in den Galopp eingerichtet. Sie behielten denselben bei, und selbst als sie Sedan erreichten, hielten sie nicht an. An der Brücke hielt ein Posten. Er präsentierte das Gewehr. Vorüber ging es, durch die Stadt hindurch, von hunderten von Offizieren und Soldaten neugierig betrachtet und bewundert, drüben wieder hinaus und in demselben Tempo auf der Straße nach Bouillon zu.
Je näher sie diesem Orte kamen, desto mehr verminderte sich dann allerdings die Eile; der Hauptwaffenplatz Sedan lag ja glücklich hinter ihnen, und den beiden Reiterinnen wurde es schwer, auszudauern. Königsau hielt den besorgten Blick auf Margot gerichtet. Sie war sehr blass geworden, und eben, als sie durch Bouillon kamen, wankte sie im Sattel. »Es wird Dir zu schwer, Margot«, sagte er, sie schnell unterstützend. »Schmerzt Deine Wunde?«
»Nein, gar nicht«, antwortete sie mit einem leisen Lächeln. »Ich bin nur matt.«
»Sehr?«
»Sehr«, nickte sie.
»Wir sollten hier absteigen, um Dich auszuruhen; hier ist ein Einkehrhaus; aber die Leute kennen mich. Hältst Du es nicht vielleicht noch zwei Minuten aus, bis wir die Stadt hinter uns haben?« »Vielleicht.«
»Ich unterstütze Dich.«
Er bog sich zu ihr hinüber und legte ihr den Arm um die Taille. Aber lange ging es nicht. Sie schloss plötzlich die Augen und wäre ganz sicher aus dem Sattel gefallen, wenn er sie nicht mit beiden Armen gehalten hätte. »Wasser!«, flüsterte sie.
Er sprang ab, fasste sie an und trug sie nach dem Bache. Er war so um sie besorgt, dass er gar nicht bemerkte, dass zwei Leute dort auf der Wiese beschäftigt waren. Es war der alte Wirt und seine Frau, bei denen er auf der Herreise eine Nacht geschlafen hatte.
»Du, sieh!«, sagte die Frau, sich auf den Rechen stützend. »Dem jungen Soldaten wird es schlecht. So ein junges Blut schon in die Montur zu stecken.«
»Ja«, nickte der Mann nachdenklich. »Aber der Offizier scheint ein guter Kerl zu sein. Er nimmt ihn vom Pferde. Ah, er trägt ihn sogar her zum Wasser.«
Da fasste die Alte den Alten beim Arme und sagte hastig: »Sieh Dir den Offizier einmal an, Vater!«
»Warum?«
»Kennst Du ihn?«
»Hm! Den muss ich freilich schon gesehen haben.« »Natürlich hast Du ihn gesehen.«
»Wo denn?«
»Bei uns.«
»Bei uns ist doch nie ein Major eingekehrt«, meinte der Alte, sich die etwas blöd gewordenen Augen wieder heller reibend. »Er war doch gar nicht als Major da.«
»Als was denn sonst?«
»Als Musikus. Besinnst Du Dich nicht auf ihn? Wir haben ihm ja die Geschichte von der Kriegskasse erzählt.«
»Ach ja, der ist es; der ist es ganz gewiss! Also ein Offizier! Er hat uns getäuscht. Warum aber übernachtete er gerade bei uns?« Da fasste die Alte ihren Mann abermals und drückte ihm den Arm mit aller Gewalt. »Was gibt es denn?«, fragte er.
»Siehst Du es, siehst Du?«
»Was denn?«
»Der junge Soldat ist ein Mädchen.«
»Unsinn.«
»Unsinn? Siehst Du denn nicht die fürchterlich schönen, langen Haare, welche jetzt aufgegangen sind?«
»Das sind Haare? Hin! Das ist eigentümlich.«
Margots Schwäche war ebenso schnell gewichen, wie sie gekommen war. Königsau hatte ihr Gesicht mit Wasser besprengt und ihr einen Schluck eingeflößt; dann konnte sie von selbst aufstehen. »Ich danke Dir!«, sagte sie. »Ich hin wieder wohl.« »Aber reiten kannst Du noch nicht wieder.«
»Es wird vielleicht doch gehen. Hilf mir wieder in den Sattel.« Er tat dies, und siehe da, das schöne Mädchen hielt sich von jetzt an wacker. Leider aber stellte es sich heraus, dass die Mutter sich von Minute zu Minute schwächer fühlte. Sie klagte zwar noch nicht, aber ihre Haltung zeigte, dass sie sich nach einer Stütze, oder nach Ruhe sehnte. Da bog Florian links ab, gerade an derselben Stelle, an welcher Königsau es auch getan hatte, als er den beiden Kriegskassendieben folgte. Dieser wendete sich daher überrascht mit der Frage an ihn: »Wohin soll das gehen, Florian?«
»In die Berge, wie ich Ihnen bereits sagte. Wir entgehen dadurch der Beobachtung und täuschen unsere Verfolger. Die Damen können da eher einmal absteigen und ausruhen, als auf der offenen Landstraße.« Man folgte dem Bergwege, den Königsau damals auch gegangen war. Als sie zu der verlassenen Köhlerhütte gelangten, bat Frau Richemonte: »O bitte, geben Sie mir nur fünf Minuten Zeit, mich zu erholen; dann wird es sicher wieder gehen.«
Florian half ihr ab. Sie setzte sich in das weiche Moos und holte tief Atem. Da kam Königsau ein Gedanke.
»Welcher Richtung folgen wir nun?«, fragte er. »Der Weg hört auf.« »Immer gerade aus, über den Berg hinweg. Wir kommen an einer tiefen Schlucht vorüber, welche sich rechts in die Felsen zwängt.« »Bist auch Du wieder sehr müde, Margot?«
»Nein, mein Hugo.«
»So wollen wir bis an jene Schlucht voran reiten. Mama mag mit Florian nachkommen, sobald sie sich gekräftigt fühlt.« »Warum?«
»Du erlaubst, dass ich Dir dies dann erkläre.«
Sie ritten langsam miteinander weiter. Er kannte die Richtung noch ganz genau und erreichte den Eingang zur Schlucht ohne fehlgegangen zu sein. »Hier lass uns absteigen«, sagte er.
»Du tust so ernst, so Geheimnisvoll, Hugo.«
»Ich bin Beides auch wirklich, liebste Margot.« »So ist Dir diese Gegend wohl nicht unbekannt?« »Nein! Ich kenne sie. Ich habe hier, wo wir jetzt stehen, bereits gestanden, und diese Schlucht ist der Schauplatz einer der wichtigsten Episoden meines Lebens. Ich werde sie Dir jetzt an Ort und Stelle erzählen. Komm.« Sie waren unterdessen abgestiegen. Königsau band die Pferde an einen Baum und führte die Geliebte tiefer in die Schlucht hinein.
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