Die Liebe des Ulanen 2: Napoleons letzte Liebe
4. Kapitel
Sie schritten durch einen breiten Garten, an welchen die hintere Seite des Stalles stieß. Dort gab es ein kleines Türchen, welches Florian öffnete. Als sie eingetreten waren, befanden sie sich in der Abteilung, in welcher sich ein großer, hoher Futterkasten befand. Der Kutscher bückte sich und zog einen Riegel aus dem unteren Teile des Kastens. Sofort ließ sich der Letztere bewegen, und es wurde hinter ihm, da, wo er an die Wand gestoßen hatte, eine Türähnliche Öffnung sichtbar, welche jetzt im Lichte der Stallaterne desto dunkler erschien.
»Das ist die Wendeltreppe«, sagte Florian.
»Und die kennen bloß Sie? Aber Sie können leicht überrascht werden!« »Gar nicht. Dieser Teil des Stalles ist von dem anderen abgeschlossen und steht unter meiner alleinigen Verwaltung. Wenn ich vorn zuschließe, bin ich sicher. Ich bitte Sie, einige Augenblicke zu warten.« Er schritt nach der vorderen Tür, welche er von Innen öffnete. Als er hinaus auf den Hof getreten war, verschloss er sie von Außen. Königsau hatte doch einige Minuten zu warten. Als dann der brave Mensch zurückkehrte, befand sich der junge Baron bei ihm. Dieser kam schnell auf ihn zu, streckte ihm beide Hände entgegen und sagte: »Willkommen, Herr Kapitän! Florian hat mir soeben in ganz kurzen Umrissen mitgeteilt, was geschehen ist. Ich habe Ihnen Unendliches zu danken. Leider höre ich, welch außerordentliche Gäste wir bekommen; da gibt es Hals über Kopf Vorbereitungen. Ich werde Sie aber baldigst sprechen, um Ihnen zu danken.«
»Bitte, Herr Baron, keinen Dank!«, bat Königsau aufrichtig. »Darf ich Ihnen Ihre Pistolen zur Verfügung stellen. Sie haben mir gute Dienste geleistet.«
»Herr Kapitän, diese Waffen nehme ich unmöglich wieder –« »O doch!«, fiel der Deutsche ein.
»Nein, auf keinen Fall. Sie haben damit Personen gerettet, welche mir unendlich teuer sind. Ich bitte wirklich dringend, die Pistolen als ein Andenken an den heutigen Tag und als ein Zeichen meiner Ergebenheit zu behalten. Übrigens habe ich Ihnen diese Schlüssel zu übergeben.«
»Danke«, sagte Königsau einfach, indem er die Pistolen wieder zu sich steckte und die Schlüssel entgegennahm.
»Florian wird Sie in Ihrer Wohnung einweisen. Wird Mama bald kommen?«
»Ich hoffe es«, sagte der Leutnant, und an sein heutiges Gespräch mit der hübschen Bertha denkend, fügte er hinzu: »Dass Mademoiselle Margot verwundet ist, wissen Sie bereits?«
»Mein Gott, Ja. Florian hat es mir gesagt. Ist’s gefährlich?« »Nein, ich befürchte es nicht. Übrigens wird sie von einer ganz tüchtigen Pflegerin begleitet.«
»Ach, wer wäre das?«, fragte der Baron ahnungslos. »Ein einfaches, aber, wie es mir scheint, recht braves, gutes und auch schönes Mädchen, nämlich die Tochter der Witwe Marmont, welche im Walde die kleine Schänke besitzt.«
Der Baron wechselte jäh die Farbe. »Was?«, rief er. »Bertha Marmont?« »Ja, Bertha wurde sie, glaube ich, genannt.«
»Das ist ein Wunder, ein großes, großes Wunder! Wie ist das gekommen?« »Wir mussten dort einkehren, um einen Verband anzulegen, und da hat sich die junge Dame jedenfalls so brauchbar erwiesen, dass die gnädige Frau es vorgezogen hat, sie nach Jeanette einzuladen.« »Das ist eine Neuigkeit, welche mich fast mehr als überrascht, welche mich fast verblüfft. Aber ich verschwatze hier meine und Ihre Zeit. Sie kennen die Verhältnisse und werden mir nicht zürnen, wenn ich Sie bitte, Ihnen meine Aufwartung später machen zu dürfen. Adieu, Herr Kapitän.« »Adieu, Herr Baron.«
Was den jungen Mann so verblüffte, war Königsau sehr leicht begreiflich. Es hatte kein anderes Mittel gegeben, den Kaiser von Margot fern zu halten, als ihr diese Pflegerin an die Seite zu geben. Darum allein hatte sie Zutritt zu dem Meierhofe gefunden, aus keinem anderen Grunde. Florian ließ seinen Herrn zum Stalle hinaus, verschloss hinter demselben die Tür und kehrte dann zu Königsau zurück. Er brannte ein kleines Laternchen an und bat dann den Leutnant, ihm zu folgen. Sie traten in die Treppenöffnung. Die Wendelstufen führten steil und eng empor. Oben betrat man einen kleinen Bodenraum, welcher da über dem Stalle lag, wo dieser an das Hauptgebäude stieß. Aus diesem Bodenraume führte eine Tür in das Letztere.
»Sie haben den Schlüssel«, bemerkte Florian.
Er nahm ihn aus der Hand des Leutnants und öffnete die Tür. Als sie eintraten, kamen sie in ein mittelgroßes Zimmer, welches zwei Fenster hatte. Gegenüber dem jetzigen Eingange gab es eine Tür. »So, das ist Ihr Wohnzimmer, Herr Kapitän«, sagte Florian. Der Leutnant blickte sich um. Ein Sofa, vier Stühle, ein Tisch, ein Schreibtisch, Spiegel mit Toilette, das war das ganze Meublement. Es war kein feines Zimmer, aber es war recht wohnlich und behaglich. Jetzt schob er den breiten Vorhang im Hintergrunde zurück und gewahrte da ein schwellendes Bett. Am Fußende desselben führte eine Wendeltreppe empor. »Ah, das ist der Weg zum Dache?«, fragte er.
»Ja, der andere Schlüssel schließt.«
»Und dort jene Tür?«
»Kommen Sie, Herr Kapitän.«
Er öffnete die Tür und ließ ihn eintreten. Es war ein Schlaf- und Ankleidezimmer, jedenfalls einer Dame gehörig, denn es war hier jener feine, nervenprickelnde Parfüm zu bemerken, welcher der stete Begleiter des schönen Geschlechtes zu sein pflegt.
»Wer wohnt hier?«, fragte er.
»Wollen Sie nicht raten?«, fragte der Kutscher lächelnd. »Ah! Ist's möglich? Rate ich recht?«
»Nun, wie raten Sie?«
»Margot?«
»Margot, Mademoiselle Margot, ja, sie schläft hier, Und nebenan hat sie den Wohnraum. Sie sehen, Herr Kapitän, dass Ihr Zimmer Ihnen nur unter gewissen Voraussetzungen gegeben werden konnte. Es ist kein Zimmer für einen Offizier. Sie sind jedenfalls ganz anderen Comfort gewöhnt; aber wenn Sie an die Vorteile denken, welche Ihnen die Wendeltreppe bietet, so werden Sie der Frau Baronin verzeihen, dass sie für dieses Mal Ihren feinen Geschmack so wenig berücksichtigt hat. Und mir bitte ich auch nicht bös zu sein.«
Der alte Kutscher stand da, mit einem Gesichte so treu und gut, so pfiffig und schlau, so selbstbewusst und überlegen, dass Königsau sagte: »Aber Florian.«
»Was, Herr Kapitän?«
»Der Teufel werde in Ihnen klug.«
»Der nun nicht, wenn nur Sie in mir klug werden; das ist die Hauptsache.« »O, ich beginne wahrhaftig, nun bald gescheiter zu werden! Wer Sie vorher hörte, wer Sie so dummfeig auf dem Bocke sitzen sah und Sie jetzt nun reden hört, der kennt Sie ja gar nicht mehr! Der Hofmeister des feinsten Hauses kann sich ja gar nicht besser ausdrücken als Sie! Und nun das jetzige Gesicht gegen Ihr früheres! Florian, Florian, Sie sind ein ganz verfluchter Schlauberger.«
Da nickte der Alte mit dem Kopfe und antwortete: »Monsieur, es wird auch häufig gebraucht! Durchschnittlich ist es besser, man wird für dümmer gehalten als man ist. Es schmeichelt zwar der Selbstliebe nicht, aber es bringt reichliche Zinsen. So, nun wollen wir die Tür von Mademoiselle Margot verschließen und einmal nach dem Dache gehen.« Er riegelte zu und wollte sich dann nach der Wendeltreppe wenden, aber Königsau fasste ihn beim Arme und sagte in bittendem Tone: »Florian, wollen Sie es mir wohl gestehen?«
»Was?«, schmunzelte der Alte.
»Dass ich dieses Zimmer, diese herrliche Nachbarschaft und die unbezahlbaren Chancen da droben auf dem Dache nur Ihnen zu verdanken habe?«
»Nur mir?«, sagte der Alte, das erste Wort betonend. »Nein, da raten Sie falsch, Herr Kapitän. Ich will Ihnen die Wahrheit sagen: Ich gelte in diesem Hause Etwas; der alte Kutscher hat oft mehr zu sagen als der junge Herr. Man erfüllt gern meine Wünsche, wenn es nur so ziemlich möglich ist. Ich hatte den Narren an Ihnen gefressen und an unserer Margot noch mehr, Sie sind ein Paar, wie die lieben Engel im Himmel es nicht besser zusammensuchen können, und darum habe ich alter Kerl mich zu Ihrem Beschützer aufgeworfen. Auch die Baronin hat sehr schnell Respekt vor Ihnen bekommen. Wie Sie heute unter den Vagabunden aufgeräumt haben, das tut Ihnen so leicht Keiner nach, und noch kühner muss, den Reden der Baronin nach, das gewesen sein, was Sie dann mit dem Kaiser gehabt haben. Sie ist ganz starr und steif vor Angst gewesen; aber ihr Respekt ist gewachsen. Sie ist förmlich stolz auf Sie. Zu alledem sind wir gut Deutsch gesinnt, und da wir Ihnen gern dienlich sein wollen, und den Lauschapparat nun einmal besitzen, so bat ich die Gnädige für Sie um dieses Zimmer. Sie willigte auch sofort mit Freuden ein. Das Höchste aber, was sie getan hat, Ihnen zu Liebe getan hat nämlich, ist, dass sie die Bertha Marmont mitbringt. Anders war das Ding ja nicht zu machen, sonst hätte sich der Kaiser auf alle Fälle zu Margot in den Wagen gesetzt.« »Ist sie denn gar so schlimm auf diese Bertha Marmont zu sprechen?« »Ja, weil der junge Herr seinen Narren an dem Mädchen gegessen hatte. Das ist aber nun wohl vorüber, seit Margot sich hier befindet.« »Ah, wirklich?«
»Ja, jetzt ist er nämlich bis über den Kopf in Ihre Margot verliebt. Er hat gar keine Ahnung davon, dass Sie ihr Verlobter sind. Er hat eingewilligt, Ihnen dieses Zimmer zu geben, weil er überzeugt ist, dass die Tür stets fest verschlossen bleibt, dass Sie nur auf Politik sinnen und gar nicht an das Mädchen denken.«
»So wird er ein wenig braußen und sich dann lachend darein ergeben. Er ist keine böse, sondern im Gegenteil eine gutmütige, ziemlich oberflächliche Natur. Sie brauchen also keine Sorge zu haben, wenigstens keine allzu große. Jetzt aber wollen wir auf das Dach steigen, wenn es Ihnen beliebt.« Sie stiegen an dem Bette vorüber und die Wendeltreppe empor. Sie war oben mit einer gusseisernen Platte verschlossen, welche genau in die Fugen passte und mit dem Schlüssel zu öffnen war, den Königsau von dem Baron erhalten hatte. Das Dach war hier eben und mit einer ungefähr vier Fuß hohen, steinernen Balustrade versehen. Als sie oben standen, meinte der Kutscher: »Nehmen Sie sich in Acht, dass Sie sich an den Erhöhungen, in denen sich die Ventilationslöcher befinden, nicht stoßen. Ich werde sie Ihnen zeigen.« Er ergriff ihn bei der Hand und führte ihn nun von einem dieser Löcher, welche jetzt allerdings verschlossen waren, zum andern.
Er zeigte ihm, wie die Öffnung derselben zu bewerkstelligen sei und sagte dann: »Ich kann Ihnen zwar jetzt nicht genau mitteilen, in welche Zimmer die Gäste zu verteilen sind; aber wenn Sie die Plattform später betreten und durch die Löcher hinabblicken, werden Sie ja selbst sehen, wo sich die Herren befinden. Nur ersuche ich Sie, dabei recht vorsichtig zu verfahren.« »Wohl weil ich leicht bemerkt werden könnte?« »Allerdings. Man hat Ihnen hier recht willkommene Chancen geboten. Benutzen Sie dieselben so, dass die geheimen Vorrichtungen unentdeckt bleiben. Jetzt wissen Sie Alles, was ich Ihnen zu sagen habe. Ich gehe und werde Sorge tragen, dass es Ihnen an nichts Nötigem mangelt.«
Sie stiegen wieder vom Dache herab, worauf Königsau die Treppenöffnung wieder mit der Eisenplatte verschloss. Er blieb, während Florian sich nach seinem Stalle begab, in seinem Zimmer zurück, löschte dann sein Licht aus, um seine Anwesenheit möglichst unbemerkbar zu machen, und öffnete das Fenster.
An demselben postiert, konnte er alle Passanten beobachten. Er hatte eine ziemliche Weile auf diesem Posten gestanden, als die Wagen ankamen. Es eilten Diener mit Windlichtern herbei, und dabei entwickelte sich auf dem Hofe eine sehr rege Geschäftigkeit, aber die Lichter verbreiteten doch nur einen so ungenügenden Schein, dass die Einzelheiten dem Beobachter entgingen.
Jetzt warf Königsau sich auf das Bett, um eine Zeit verstreichen zu lassen. Er musste sich sagen, dass die Belauschung der Angekommenen ihm jetzt noch keinen Nutzen bringen könnte. Erst nachdem eine geraume Weile vergangen war, stieg er wieder auf das Dach hinauf. Er begab sich zu dem Ventilator, welcher der Treppenöffnung am Nächsten lag. Das Loch desselben war, wie bereits erwähnt, mit einer Art Spund verschlossen, den man von oben leicht entfernen konnte.
Er zog denselben vorsichtig heraus und blickte dann durch die Öffnung hinab. Was er da erblickte, erregte seine vollste Teilnahme. Er sah das Schlafgemach der Geliebten unter sich. Sie lag bleich und angegriffen auf dem Bette, und ihre Mutter befand sich bei ihr. Ein Militärarzt, welcher zum Hauptquartier des Generals Drouet gehörte und auf dem Schlosse anwesend gewesen war, hatte auf Napoleons speciellen Befehl sich zu der Patientin begeben müssen. Er hatte die Wunde untersucht und kunstgerecht behandelt. Jetzt stand er in Begriff, sich zu entfernen. »Es ist nicht die mindeste Gefahr vorhanden, Madame«, sagte er in beruhigendem Tone zu Frau Richemonte. »Mademoiselle wird baldigst genesen.«
»Ich danke Ihnen, mein Herr«, antwortete die Angeredete. »Ihre Worte gewähren mir die Beruhigung, deren wir nach der Aufregung dieses Abends so sehr bedürfen.«
»Ja, Ruhe ist das Beste, was ich Ihnen für Mademoiselle empfehlen kann. Meiden Sie jede Aufregung. Die Verletzung ist keineswegs eine schlimme; aber bei einer Dame hat das Wundfieber immer mehr zu bedeuten als bei einem Manne.«
Er ging, und nun nahm die Mutter die Hand ihrer Tochter in die ihrige. »Mein armes Kind«, sagte sie liebevoll. »Ich bin ganz glücklich, dass die Verletzung eine so wenig gefährliche ist; die Kugel konnte Dich ja sehr leicht töten; aber dennoch befinde ich mich in nichts weniger als einer ruhigen Stimmung.«
»Meinetwegen, Mama?«, fragte Margot.
»Ja! Natürlich!«
»O, da darfst Du keine Sorge haben. Du hast ja gehört, was der Arzt sagte. Meine Befürchtungen sind ganz andere.«
»Du hast Befürchtungen? Welche denn, liebes Kind?« »Hugo –«, antwortete das schöne Mädchen.
»O, die Baronin hat uns ja versichert, dass ihm nichts geschehen kann. Er ist so gut versteckt, dass kein Franzose ihn finden wird.« »Das ist es nicht, was ich meine. Aber stelle Dir die unglücklichen Gedanken vor, welche ihn peinigen werden.«
»Du meinst, er hat Angst, entdeckt zu werden?« Obgleich Margot sich sehr angegriffen fühlte, leuchteten ihre Augen stolz auf.
»Angst?«, sagte sie. »Ich glaube nicht, dass Hugo jemals Angst empfinden kann. Er hat dies nur zu oft und sehr bewiesen. Er wird an den Kaiser denken.«
»Du willst sagen, dass ihn das Interesse, welches der Kaiser für Dich gezeigt hat, beunruhigen werde?«
»Gewiss, liebe Mama. Dieses Interesse ist ein so auffälliges gewesen, dass es meine größte Besorgnis erweckt.«
»Eine plötzliche Gefühlsaufwallung, mein Kind. Weiter nichts.« »Glaube dies nicht! Hugo war der Retter des Kaisers und der Marschälle. Einem Lebensretter dankt man einer momentanen Aufwallung wegen nicht in der Weise, wie es heute von Seiten Napoleons geschehen ist.« »Mein Gott, man soll doch nicht etwa glauben, dass die Teilnahme des Kaisers eine mehr als vorübergehende, eine ernstliche ist?« »Ich möchte das nicht hoffen, bin aber überzeugt, dass Hugo diese Ansicht hegen wird. Und doch kann er von meiner Liebe und Treue so fest überzeugt sein.«
Frau Richemonte blickte nachdenklich vor sich hin. Die Mutter einer schönen Tochter ist zu entschuldigen, wenn es für sie einmal einen Augenblick gibt, in welchem sie geneigt ist, auf die Grundlage dieser Schönheit ein kleines Luftschloss zu errichten. »Du liebst ihn also wirklich so treu und innig?«, fragte sie.
»Ja, Mama.«
»So, dass Nichts Dich in Deiner Liebe beirren könnte? Nichts, gar nichts?« »Gar nichts.«
»Auch nicht der Gedanke an die Zukunft?«
»Gerade der Gedanke an die Zukunft ist es ja, welcher meine Liebe mir als das größte Glück der Erde erscheinen lässt. O, Mama, Dein Kind wird sehr, sehr glücklich sein.« Sie zog die Hand der Mutter an die Brust, welche sich bei dem Gedanken an den Geliebten wonnig hob und senkte. »Aber, man darf auch einmal weniger phantastisch sein, Margot«, sagte Frau Richemonte. »Das Leben ist ernst; die Prosa des selben ist weit mächtiger als die Poesie, welche Alles gern in einem Lichte erscheinen lässt, welches zwar im ersten Augenblick hell und verführerisch aufflackert, dann aber desto rascher verlischt, so dass das spätere Dunkel desto schwärzer und trauriger erscheint.«
Margot blickte die Sprecherin befremdet an.
»Aber, Mama, ich verstehe Dich nicht«, sagte sie. »Liebes Kind, ich meine, dass Herr von Königsau ein Subalternoffizier ist.« »O, er wird bald avancieren.«
»Aber er wird nie Kaiser sein.«
Jetzt ging eine Art von Schreck über die Züge des schönen Mädchens. »Habe ich recht gehört?«, fragte sie.
»Urteile nicht vorschnell, Kind. Der Kaiser schenkt Dir seine Teilnahme. Weißt Du, was das zu bedeuten hat?«
»Ja. Das hat zu bedeuten, dass Gott mir die Gabe der Schönheit verliehen hat, welche für mich nur den Zweck hat, den Geliebten glücklich zu machen.«
»Du würdest also gegebenen Falles die Teilnahme des Kaisers zurückweisen?«
»Sobald sie beleidigend werden könnte, gewiss. Oder wäre es möglich, dass Du von Deinem Kinde eine andere Ansicht haben könntest?« Diese Worte waren im Töne kindlicher Liebe und doch eines leisen Vorwurfes gesprochen. Frau Richemonte blickte ihrer Tochter tief in die schönen, treuen Augen und antwortete dann: »Ich habe nur den Wunsch, Dich glücklich zu sehen, Margot.«
»Nun, der äußere Glanz wird nie im Stande sein, mich glücklich zu machen.«
»So gehört Dein ganzes Vertrauen, Deine ganze Hoffnung allein Herrn Königsau?«
»Ja, ganz allein, Mama.«
»So beschämst Du mich beinahe, mein liebes Kind. Ich kenne Dich so genau und glaubte dennoch dem Gedanken Raum geben zu dürfen, dass der Glanz, welcher die Person eines Kaisers, eines mächtigen Herrschers umgibt, Einfluss auf Dich haben könne.«
»Dieser Glanz steht im Begriff, zu verbleichen.« »Du glaubst an den Sieg Deutschlands?«
»Von ganzem Herzen.«
»So gebe Gott, dass Du Dich nicht täuschest.« In diesem Augenblicke öffnete sich leise die Tür, und Bertha Marmont trat ein. »Darf ich stören?«, fragte sie bescheiden.
»Was bringen Sie, mein Kind?«, antwortete Frau Richemonte. »Der Herr Baron de Sainte-Marie ist draußen.« »Er will mit mir sprechen?«
»Er lässt fragen, ob es ihm erlaubt sei, Mademoiselle sein Beileid zu bezeugen. Es ist ihm, da er mit den hohen Herren beschäftigt war, noch nicht möglich gewesen, dies tun zu können.«
»Was meinst Du, mein Kind?«, fragte Frau Richemonte ihre Tochter. Es ging eine leise Röte über das blasse Gesicht Margots. Sie warf einen forschenden Blick über das Arrangement ihres Lagers und sagte dann: »Der Baron ist unser Gastfreund und Verwandter; wir sind ihm Rücksicht schuldig.«
»Du willst ihn empfangen?«
»Ja, er mag eintreten.«
»So werde ich mich einstweilen zurückziehen.« Da sagte Margot schnell, beinahe hastig: »Nein. Bitte, bleibe bei mir.« »Wie Du denkst, liebe Margot. Er kann es übrigens gar nicht übel nehmen, die Mutter bei der kranken Tochter zu finden. Bitte, lassen Sie ihn eintreten.«
Diese letzteren Worte waren an Bertha gerichtet. Das Gesicht des Mädchens war sehr ernst, fast besorgt. Sie warf einen unruhigen Blick auf die schöne Patientin und entfernte sich dann. Einen Augenblick später trat der Baron ein.
Er hatte seine Verwandte während ihrer Anwesenheit auf dem Meierhofe täglich oft gesehen, aber nicht in der gegenwärtigen Situation. Sie lag im leichtesten Nachtgewande in den Kissen, und die Blässe ihres Angesichtes verdoppelte den Eindruck, welchen sie bereits auf ihn gemacht hatte. Er verbeugte sich höflich vor Mutter und Tochter und sagte, zur ersteren gewendet: »Verzeihung, liebe Tante, dass ich es wage, im innersten Damengemache Zutritt zu suchen. Aber ich bin so besorgt um Margot, dass ich mich auf alle Fälle selbst überzeugen wollte, ob meine Angst um sie eine begründete ist.«
Er gab Frau von Richemonte die verwandtschaftliche Bezeichnung Tante; dies rückte ihn den Damen näher und gab ihm das Recht, vertraulicher mit ihnen zu verkehren, als es ihm sonst wohl gestattet gewesen wäre. »O bitte«, antwortete die Angeredete freundlich. »Wir erkennen die Freundlichkeit, welche Sie uns erweisen, dankbar an.« »Wie geht es der lieben Cousine?«
»Gott sei Dank, besser als man erwartet hatte.« »Darf sie sprechen?«
»Es wurde ihr nicht verboten.«
Er trat langsam an das Bette, ergriff Margots Rechte und drückte sie an seine Lippen. »Liebe Margot, Sie glauben nicht, wie sehr ich erschrocken bin, als ich hörte, dass Sie verwundet seien«, sagte er. »Ich wünschte im ersten Augenblicke, dass die Kugel mich selbst an Ihrer Stelle getroffen hätte.«
Margot entzog ihm leise die Hand und fragte lächelnd: »Sie wünschten das im ersten Augenblicke?«
»Ja, bei Gott, ich wünschte das«, antwortete er. »Aber im zweiten Augenblicke?«
»Auch noch.«
»Und im Dritten?«
»O, ich wünsche es ja jetzt noch«, antwortete er, halb verlegen und halb in einer Art von schwärmerischer Begeisterung.
»Ich danke ihnen, lieber Cousin«, sagte die Patientin freundlich. »Ich bin überzeugt, dass Sie die Wahrheit sprechen.«
Sein Blick ruhte wie trunken auf ihr. Er konnte sich dem Eindrucke, den ihre Schönheit auf ihn machte, nicht entziehen; er gab sich auch gar keine Mühe, sich zu beherrschen. Er ergriff abermals ihre Hand, zog dieselbe an seine Lippen und sagte: »Der Augenblick, an welchem ich von Ihrer Verwundung hörte, wird mir unvergesslich sein.« »Ist Ihr Gedächtnis wirklich ein so treues?«
»In Beziehung auf Sie, Jedenfalls. Dieser Augenblick ist ja einer der wichtigsten meines Lebens.«
»Inwiefern, lieber Cousin?«, fragte Margot ahnungslos. »Weil er mir Aufschluss über mich gegeben hat. Ich habe da erkannt, wie teuer, wie wert Sie mir sind.«
»Ich hoffe allerdings, dass es Ihnen nicht ganz gleichgültig ist, ob man Ihre Cousine erschießt oder nicht, Herr Baron!«
Diese Worte sagte Frau Richemonte. Sie erteilte ihnen einen scherzenden Klang, welcher ihn erkälten sollte. Sie hatte mit scharfem Auge erkannt, dass er im Begriffe stehe, die schönste Liebeserklärung vom Stapel zu lassen. Er aber bemerkte oder beachtete ihre Absicht nicht im Geringsten; denn er fuhr fort: »O bitte, liebe Tante, ich meine das anders, ganz anders! Nicht so allgemein, nicht so bloß verwandtschaftlich. Ich habe vielmehr erkannt, dass mein Herz, mein ganzes Leben unserer Margot gehört.« »Cousin!«, sagte da Margot erschrocken.
»Ja«, antwortete er. »Ich hoffe, dass Du es mir glauben wirst. Ich fühle, dass ich ohne Dich nicht leben kann.«
Er machte Anstalt, vor dem Bette niederzuknien, blieb aber doch stehen, als er eine Armbewegung Margots sah, in welcher sich Schreck ausdrückte. »Du scherzt«, sagte sie.
»Scherzen? O, ich bitte Dich im Gegenteile, es so ernst wie möglich zu nehmen.«
Sie blickte ihm in das hübsche, jugendliche Gesicht, und über das ihrige glitt ein leises Lächeln, als sie ihm sagte: »Du dauerst mich da sehr, lieber Cousin.«
»Warum?«, fragte er befremdet.
»Weil Du sterben musst.«
»Sterben? Ich? Inwiefern?«, fragte er erblassend. »Hältst Du mich für krank?«
»Das nicht. Aber sagtest Du denn nicht soeben, dass Du ohne mich nicht leben kannst?«
»Allerdings.«
»Nun, also wirst Du sterben müssen.«
Er blickte sie starr an, trat einen Schritt zurück und fragte: »Wie? Verstehe ich Dich recht?«
»Wie hast Du mich verstanden?«
»Ich verstehe Dich dahin, dass Du mich nicht liebst.« »O, ich liebe Dich freilich; Du bist ja mein Cousin.« Er machte eine Gebärde des Unwillens und antwortete: »So meine ich es nicht.«
»Wie denn?«
»Nicht als Cousin sollen Sie mich lieben, sondern anders, ganz anders. Ich will von Ihnen als Bräutigam, als Mann geliebt sein.« Ihr Lächeln wurde noch schalkhafter als vorher. »So werden Sie doch sterben müssen«, sagte sie im Tone des Bedauerns. »Ah!«, seufzte er.
»Ja, ohne Gnade und Barmherzigkeit.«
»Das soll heißen, ich kann Ihr Bräutigam nicht sein?« Da schlug er ganz überrascht die Hände zusammen und rief: »Mein Himmel, da falle ich ja wie aus den Wolken!«
»Bitte, tun Sie sich dabei keinen Schaden.«
»Wollen Sie meiner spotten?«, fragte er sehr ernsthaft. »Nein, lieber Cousin. Aber wie es scheint, haben Sie es für eine ganz und gar ausgemachte Sache gehalten, dass Sie mein Bräutigam werden?« »Allerdings«, antwortete er rasch.
»Das überrascht mich sehr.«
»Warum?«
»Sie hätten sich vorher informieren sollen, ob Sie da auf kein Hindernis stoßen.«
»Welch ein Hindernis sollte denn da möglich sein?« »O, das größte, welches es geben kann: ein Bräutigam.« Es war beinahe belustigend anzusehen, wie er jetzt vor Erstaunen den Mund öffnete. »Das wäre allerdings ein ganz bedeutendes Hindernis!«, sagte er verblüfft.
»Welches Sie natürlich gelten lassen.«
»Nun, haben Sie denn einen Bräutigam, Margot?« »Bereits längst!«
»Donnerwetter! Dem Kerl drehe ich den Hals – ah, verzeihen Sie! Aber ich glaube wirklich, dass Sie nur ein wenig Scherz treiben!« Jetzt schüttelte sie sehr ernst ihr schönes Köpfchen und sagte: »Nehmen Sie es nicht übel, lieber Cousin. Sie sind da ein wenig zu unvorsichtig vorgegangen. Sie sind Baron, wohlhabend und von leidlich angenehmem Äußeren; die Damen sind Ihnen daher stets freundlich entgegen gekommen, und das hat in Ihnen die Ansicht hervorgebracht, dass Sieg und Gegenliebe bei Ihnen ganz selbstverständlich sei. Darum ist es Ihnen auch gar nicht eingefallen, zu fragen, ob Ihnen jemals ein Nein geantwortet werden könne. Ich bedauere Sie, aber ich bin überzeugt, dass Sie nicht unglücklich sein werden.«
»Unglücklich? Ich bin es im höchsten Grade!«, versicherte er rasch. »In diesem Augenblicke?«, lächelte sie.
»O, ganz gewiss, auch für immer.«
»Nein, dazu ist Ihr Gemüt zu elastisch.«
»Gemüt? Elastisch? Cousine, ich versichere Ihnen, dass ich in diesem Augenblicke gar kein Gemüt mehr habe. Mein Herz ist total gebrochen.« Da ließ sie, trotzdem sie krank war, ein helles, silbernes Lachen hören. »Dieses arme Herz«, scherzte sie im Tone des Bedauerns. »Ich hoffe jedoch, dass es zu reparieren sein wird.«
Da trat er einen Schritt zurück und fragte mit finsterem Stirnrunzeln: »Machen Sie sich etwa über mich lustig?«
Jetzt legte ihm Frau Richemonte beruhigend die Hand auf den Arm. »Bitte, nehmen Sie diese Angelegenheit nicht so sehr tragisch«, bat sie ihn. »Aber sie ist ganz und gar nicht komisch«, antwortete er. »Bei einem gebrochenen Herzen von Reparatur zu sprechen, das ist, gelinde ausgedrückt, gefühllos.«
»Nicht ganz, lieber Cousin.«
»Oder gar malitiös!«
»Das noch weniger. Margot wird sich nicht irren, wenn sie annimmt, dass die Constitution Ihres Herzens eine stärkere sei, als Sie selbst denken und glauben.«
»Das muss sich erst finden. Also Margot hat wirklich einen Bräutigam?« »Ja.«
»Seit wann?«
»Seit geraumer Zeit bereits.«
»Also schon in Paris?«
»Ja.«
»Das beruhigt mich einigermaßen. Hätte Sie hier einen Anderen außer mich lieben gelernt, so würde dies die größte Ehrenkränkung für mich sein. Da sie jedoch ihr Herz verschenkt hat, ehe sie mich kennen lernte, so bin ich ja gar nicht beleidigt worden. Zu beklagen ist es aber auf jeden Fall; denn wir wären sehr glücklich miteinander gewesen.«
Die letzten Worte des Barons wurden mit einer solchen Überzeugung gesprochen, dass selbst Frau Richemonte nicht ganz ernsthaft bleiben konnte.
»Ich bin überzeugt davon«, sagte sie unter einem nicht ganz zu verbergenden Zucken ihrer Mundwinkel.
»Ja gewiss! Aber wer ist denn eigentlich dieser Bräutigam?« Die beiden Damen blickten sich an. Es kam ihnen zu gleicher Zeit der Gedanke, dass es jetzt wohl nicht ganz geraten sei, diese Frage zu beantworten. So gutmütig und leicht getröstet der Baron auch war, er befand sich doch unter dem ersten Einflusse einer zurückgewiesenen Werbung und konnte dies seinem Nebenbuhler entgelten lassen. Königsau konnte dadurch in Gefahr kommen. »Erlauben Sie, dies jetzt noch als Geheimnis zu behandeln«, bat darum die Mutter. »Warum?«
»Familienrücksichten –!«
»Ah! Gut! Aber sagen Sie wenigstens, was er ist!« »Offizier!«
»Das dachte ich mir! Franzose?«
»Nein; er ist ein Deutscher.«
»Das lasse ich eher gelten. Ich danke für die Auskunft. Weiß Mama bereits davon?«
»Ja.«
»Das ist ja kaum zu glauben. Ich habe bisher geglaubt, es sei ein Wunsch von ihr, Margot und mich vereint zu sehen.«
»Hat sie diesen Wunsch ausgesprochen?«
»Deutlich ausgesprochen nicht, aber sehr verständlich angedeutet.« »So will ich Ihnen gestehen, dass Ihre Mama erst heute von der Verlobung meiner Tochter gehört hat.«
»Was sagte sie dazu?«
»Sie gratulierte.«
Er kratzte sich leise hinter den Ohren und fragte: »Da meinen Sie wohl, dass ich auch gratulieren soll?«
Margot antwortete unter einem leisen Lachen: »Natürlich. Ich erwarte dies ganz bestimmt von Ihnen!«
Er machte ein halb ärgerliches und halb komisches Gesicht und antwortete: »Das scheint mir denn doch zu viel verlangt.« »Wohl nicht. Sie sind ja mein Cousin!«
»Ja, aber der Cousin, der soeben einen Korb erhalten hat. Na, ich will nicht ganz und gar unhöflich sein. Ich gratuliere Ihnen also, liebe Margot.« »Ich danke!«
Er hatte ihr die Hand geboten, und sie nahm dieselbe an. Sie hielt sie jetzt fest und fragte: »Sind Sie mir bös, lieber Baron?« »Nein, obgleich ich eigentlich sollte! Doch jetzt muss ich Sie verlassen. Die hohen Herrschaften werden meiner bedürfen.« »Was tut der Kaiser?«
»Als ich ihn vorhin verließ, hatte er sich soeben vom Souper zurückgezogen. Er hat sehr wenig gegessen und beorderte die Marschälle für später zu sich.«
Er ging.
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