Die Liebe des Ulanen 2: Napoleons letzte Liebe
2. Kapitel
Sein Aufenthalt in den beiden Schänken und die Belauschung der Marodeurs hatten doch mehr Zeit in Anspruch genommen, als von ihm beabsichtigt worden war. Der Tag neigte sich bereits seinem Ende zu, und als er wieder in die schmale, von hohen Bäumen eingefasste Waldstraße einritt, dämmerte es bereits in derselben. Er gab seinem Pferde die Sporen, um rascher vorwärts zu kommen.
Es war so unheimlich still im Walde, eine Stille, ganz geeignet, den Gedanken und Befürchtungen eines besorgten Gemütes Audienz zu geben. Er malte sich die Scene aus, wenn die von Vouziers zurückkehrende Geliebte von Vagabunden überfallen würde. Seine Einbildungskraft war dabei so lebhaft beschäftigt, dass er seine Pistole zog und das Pferd zu größerer Eile trieb.
Die Schatten der Nacht neigten sich tiefer und tiefer herab. Es war nun vollständig dunkel geworden, so dass er den Weg nicht mehr zu erkennen vermochte. Er verließ sich ganz auf das Pferd, dessen Huftritte auf dem weichen Boden des Waldweges fast gar kein Geräusch hervorbrachten. Da war es ihm, als ob sein immer vorauslauschendes Ohr das dumpfe Rollen vernommen hatte. Da vorn blitzte zu gleicher Zeit ein Schuss auf, dem mehrere andere folgten, so dass die Echos derselben vervielfältigt durch den Wald erdröhnten. Weibliche Stimmen riefen um Hilfe. Da spornte er sein Pferd zu größter Eile.
Jetzt tauchten vor ihm zwei dünne, schwache Lichter auf, sie kamen aus den beiden Laternen des überfallenen Wagens. Ein Gedanke kam ihm. Der Galopp seines Pferdes musste ihn den Vagabunden verraten. Er erhielt dann jedenfalls ihre Schüsse, ehe er in der Dunkelheit im Stande war, einen von ihnen zu erkennen und auf ihn zu schießen. Jetzt aber hatten sie sein Nahen jedenfalls noch nicht bemerkt.
Er hielt sein Pferd an, band es an den nächsten Baum und nahm die Pistolen des Barons aus den Satteltaschen, in denen sie stacken. Er steckte sie in die Außentaschen seines Rockes und nahm seine eigenen in die Hände. Dann eilte er vorwärts, indem er während des Laufens die Hähne aufzog.
Als er abstieg war er vielleicht zweihundert Schritte von dem Wagen entfernt. Er brauchte keine Minute, um diese Strecke zurückzulegen. Der weiche Boden dämpfte den Schall seiner Schritte. Als er nahe genug war, um die Scene zu erkennen, hielt er an und schlich sich im Dunkeln nun langsamer näher.
Er hörte die Stimme von Frau Richemonte, welche soeben versicherte: »Aber wir haben in Wahrheit kein Geld mehr bei uns!« »Vornehme Damen und kein Geld? Hahaha!«, rief eine rauhe Stimme. »Steigt aus! Wir werden Alles durchsuchen, Euch auch und Eure Kleider. Ist eine halbwegs hübsche unter Euch, so wird sie für Euch Alle bezahlen, wenn Ihr kein Geld habt.«
Frau Richemonte wurde herausgezogen. Dann leuchtete der Kerl mit der einen Wagenlaterne abermals in das Innere des Wagens hinein. »Alle Wetter!«, rief er. »Die ist hübsch, die ist reizend! Ein solches Püppchen haben wir noch nicht gefunden. Heraus, mein Schatz! Heraus!« Das eine Pferd lag erschossen am Boden; das andre stand schnaubend und zitternd daneben. Der Kutscher saß auf seinem Bocke und rührte sich nicht, und um den Wagen herum standen neun dunkle, martialische Gestalten, welche neugierig versuchten, in den Wagen zu blicken. »Ja, heraus mit ihr, wenn sie hübsch ist!«, rief Einer, sich näher drängend. »Das gibt endlich einmal ein Vergnügen, wie es Unsereinem willkommen ist.«
Er langte in den Wagen hinein, um Margot mit herauszuziehen. Sie stieß einen Ruf des Entsetzens aus und versuchte, sich zu wehren. »Das nützt Dir nichts, feines Liebchen!«, lachte der Eine. »Heraus musst Du, dann halten wir Hochzeit zwischen neun Bräutigams und einer Braut.« »Und ich gebe meinen Segen dazu, Ihr Halunken!« Mit diesen Worten Königsaus krachte auch sein erster Schuss; der zweite folgte augenblicklich. Die beiden Kerls, welche dem Wagenschlage am Nächsten standen, stürzten, zum Tode getroffen, zur Erde nieder. »Hugo, mein Hugo! Ist es möglich?«, jubelte Margot auf. Sie hatte die Stimme des Geliebten erkannt, obgleich es ihr unerklärlich sein musste, ihn grade hier gegenwärtig zu sehen. »Ja, ich bin es, Margot. Keine Angst weiter!«, antwortete er. Während dieser Worte schoss er zwei Andere nieder, ließ die abgeschossenen Pistolen fallen und zog die geladenen hervor. Die Vagabunden waren von seinem Erscheinen so sehr überrascht, dass sie im ersten Augenblicke ganz vergaßen, sich zur Wehr zu setzen. Jetzt aber bemerkten sie, dass sie nur einen einzelnen Gegner vor sich hatten. Da erhob Einer sein Gewehr zum Kolbenschlage und rief: »Hund, das sollst Du büßen. Deine Pistolen sind nun abgeschossen. Fahre zur Hölle!« »Fühle, ob sie abgeschossen sind!«, antwortete Königsau. Er hielt ihm, ehe der beabsichtigte Hieb herniedersausen konnte, den Lauf vor die Stirn und jagte ihm eine Kugel durch den Kopf. Da erscholl aus dem Wagen ein schriller Angstschrei: »Gott! Hugo, hinter Dir!«
Er drehte sich auf diesen Zuruf Margots blitzschnell um und hatte gerade noch Zeit, sich auf die Seite zu werfen. Einer der Kerls hatte von hinten auf ihn angelegt, um ihn zu erschießen. Der Schuss krachte, aber die Kugel verfehlte ihr eigentliches Ziel und fuhr einem seiner Kameraden in die Brust, welcher sich soeben auf den Leutnant hatte werfen wollen. »Esel!«, röchelte er noch zornig, ehe er zu Boden sank. Zu gleicher Zeit aber schoss Königsau auch den ungeschickten Schützen nieder.
Jetzt bekam auch der Kutscher Mut. Er sprang vom Bocke und fasste den Einen der beiden noch übrigen Marodeurs.
Dieser wehrte sich verzweifelt, konnte sich aber von dem stämmigen Knechte nicht losringen. »Ich werde Dir lehren, mir die Pferde zu erschießen!«, zürnte dieser. »Jetzt bist Du daran, Hundsfott.« Er riss ihn zur Erde nieder und kniete auf ihm.
Der Letzte suchte durch die Flucht zu entkommen, wurde aber noch zur rechten Zeit von der Kugel des Deutschen erreicht. Dieser trat nun rasch zum Kutscher, um diesem Beistand zu leisten. »Ist nicht nötig!«, meinte dieser jedoch. »Der Kerl ist tot. Ich habe ihm die Seele aus dem Leibe gequetscht.«
Königsau untersuchte den am Boden Liegenden und fand allerdings, dass er von dem Kutscher erwürgt worden war. »Ja, er ist tot. Es war der Letzte von den Neun. Wir sind fertig!«, sagte er.
»Ist es wahr, Hugo? Ist der Sieg vollständig?«, klang es aus dem Wagen heraus.
»Ja«, antwortete er, zum Schlage tretend.
»O, wie danke ich, wie danken wir Dir.«
Sie stieg, nein, sie flog heraus und in seine Arme. Ihre Lippen legten sich wieder und immer wieder auf seinen Mund, bis sie, sich besinnend, plötzlich fragte: »Aber Mama? Wo ist Mama? Sie musste aussteigen!« Es war Alles so schnell gegangen, und Königsau hatte seine Aufmerksamkeit so sehr auf die Feinde zu richten gehabt, dass er gar keine Zeit gefunden hatte, des Weiteren auf die Mutter der Geliebten zu achten. »Hier liegt sie!«, antwortete der Kutscher, mit der noch brennenden Wagenlaterne zu Boden leuchtend.
Die andre war dem Räuber entfallen, als ihn Königsaus Kugel traf. »Mein Gott, hier am Boden!«, rief Margot. »Sie ist doch nicht etwa von einer Kugel getroffen worden?«
Der Deutsche kniete nieder und untersuchte Madame Richemonte. »Sie ist nur ohnmächtig, meine Margot«, sagte er. »Es hat nichts zu bedeuten. Aber war nicht die Frau Baronin bei Euch?« »Ja. Dort im Wagen ist sie noch.«
Der Kutscher leuchtete hin, und so sah Königsau die Dame grad im Begriff, auszusteigen.
»Monsieur, wir haben Ihnen Vieles, vielleicht das Leben zu verdanken«, sagte sie. »Nehmen Sie einstweilen meine Hand, und sorgen Sie dann, dass wir diese Stelle verlassen können. Mir graut vor diesen Toten.« Erst jetzt beachtete Margot, welche bei ihrer Mutter kniete, die umherliegenden Leichen. »Gott, wie entsetzlich!«, rief sie schaudernd. »So Viele waren gegen uns?«
»Neun Mann«, antwortete Königsau.
»Und die Alle hast Du besiegen müssen, Du Einziger?« »Nicht Alle«, lächelte er. »Einen hat der Kutscher überwunden. Aber siehe, da erwacht Mama.«
Wirklich gab Frau Richemonte jetzt Lebenszeichen von sich. Nur die Angst um die Tochter, welche sie durch die bestialischen Menschen bedroht sah, hatte ihr das Bewusstsein geraubt. Jetzt erhob sie sich langsam in Margots Armen.
»Sind sie fort? Sind sie fort, diese Menschen?«, fragte sie ängstlich. »Sie sind nicht mehr zu fürchten«, antwortete Margot. »Hugo hat gesiegt.« »Hugo? Ah, ja, ich besinne mich; er war da. Wo ist er?« »Hier bin ich, Mama«, antwortete er. »Wollen Sie nicht versuchen, wieder in den Wagen zu steigen?«
»Ja, das will ich«, antwortete sie. »O, wie viel haben wir Ihnen zu danken, mein lieber Sohn. Sie erschienen uns wie ein Engel. Aber wie sind Sie an diesen Ort gekommen? Und gerade im Augenblicke der größten Gefahr?« »Ich kam über Sedan nach Roncourt, um Sie zu besuchen. Dort hörte ich von dem Herrn Baron, dass Sie nach Vouziers gefahren seien und des Nachts zurückkehren würden, ohne eine schützende Bedeckung bei sich zu haben. Ich hatte von der Unsicherheit dieser Gegend gehört und ließ mir darum sogleich ein Pferd geben, um Ihnen entgegen zu reiten.« »Welche Aufmerksamkeit, welche Courtoisie! Und welche Tapferkeit haben Sie hier bewiesen!«, sagte die Baronin. »Aber, meine liebe Margot, ich werde mich ganz gehörig mit Ihnen zanken müssen.« »Warum?«, fragte das schöne Mädchen.
»Ich bemerke jetzt, dass Herr von Königsau Ihnen näher steht, als Sie mich ahnen ließen. Sie hatten kein Vertrauen zu mir.« »Verzeihung, meine Liebe!«, sagte da an Margots Stelle ihre Mutter. »Ich allein trage die Schuld, dass Dir verschwiegen blieb, dass Margot die Verlobte des Herrn von Königsau ist. Ich bin überzeugt, dass Du meine Gründe billigen wirst, sobald ich sie Dir mitgeteilt habe.« »Ich zürne Dir nicht, denn ich werde Deine Gründe anerkennen müssen. Aber, Monsieur, wie werde ich Sie jetzt in Roncourt zu nennen haben? Sie sind natürlich zu mir eingeladen.«
»Ich werde Sie bis nach Hause begleiten, Madame«, antwortete Königsau. »Wenn Jemand nach mir fragt, so nennen Sie mich einfach – hm.« »Ah, ich habe einen Verwandten meines Namens in Marseille. Der sollen Sie sein.«
»Was ist er?«
»Seekapitän.«
»Der Marine?«
»Nein, des Handels.«
»Gut, ich akzeptiere. Aber, was ist das? Das Sattelpferd stürzt auch.« »Es muss auch eine Kugel erhalten haben«, meinte der Kutscher. »So wollen wir nachsehen.«
Als er nach dem Tiere leuchtete, fand er es am Verenden. Es hatte eine Wunde in der Brust. Das andere war längst tot. »Was ist da zu tun?«, fragte die Baronin ratlos. »Wir müssen ja fort!«
»Mein Pferd befindet sich in der Nähe«, meinte Königsau. »Wir schirren es ein, nachdem wir die beiden toten Tiere entfernt haben. Es wird uns nach Hause bringen, wenn auch langsam. Im Notfalle leihen wir uns in Le Chêne ein zweites. Wir sind ja gezwungen, dort einzukehren, um Anzeige zu machen.«
Er ging und brachte bald den Braunen herbei. Es machte sich bei der mangelhaften Beleuchtung schwer, die beiden getöteten Pferde aus dem Riemenzeuge zu bringen. Noch waren Königsau und der Kutscher damit beschäftigt, als sich das Rollen einiger herankommenden Wagen vernehmen ließ.
»Man kommt«, sagte der Kutscher. »Es kann hier Niemand vorüber; die Straße ist zu schmal. Diese Leute werden einige Minuten halten müssen.« Königsau ging den Wagen entgegen und rief dem Vordersten derselben ein lautes Halt zu. Er sah, dass es drei waren, und so weit die Dunkelheit es zuließ, bemerkte er, dass sie von Reitern eskortiert wurden. »Warum?«, fragte der vorderste Kutscher.
»Man ist hier überfallen worden. Es liegen Leichen und erschossene Pferde im Wege, welcher erst frei gemacht werden muss.« Da öffnete sich der Schlag des vordersten Wagens, und eine befehlende Stimme sagte: »Überfall? Hinanfahren, Jan Hoorn! Die Sache ansehen!« Margot hörte diese Worte. »Mein Gott«, sagte sie zu den beiden anderen Damen. »Jan Hoorn ist der berühmte Kutscher des Kaisers, und das war auch die Stimme Napoleons!«
Die Wagen kamen langsam herbei und hielten dann. Aus dem zweiten stieg eine hohe Gestalt, weicher aus dem dritten eine andere folgte. Er trat zu Königsau heran und sagte: »Monsieur, ich hoffe, dass wir nicht lange Zeit hier aufgehalten werden. Ich bin Marschall Ney, und da kommt Marschall Grouchy. Wer sind Sie?«
»Diese Damen sind Baronin de Sainte-Marie, deren Verwandter ich bin, und Madame und Mademoiselle Richemonte aus Paris. Die drei Damen wurden von neun Marodeurs überfallen, welche hier tot am Boden liegen. Die Pferde sind erschossen. Geben Sie uns nur eine Minute Zeit, so sollen Sie freie Bahn haben.«
»Marodeurs? Wirklich?«, fragte der Marschall. »Oder waren es wirkliche Banditen?«
»Professionierte Räuber pflegen anders aufzutreten. Genau aber weiß ich es nicht.«
»Die Kerls haben sich wohl gar nicht gewehrt?« »O doch, sie schossen nach mir.«
»Und alle sind tot?«
»Ja.«
»Wer hat sie getötet?«
»Einen der Kutscher, die Andern ich.«
Da ergriff Ney die Wagenlaterne, welche der Kutscher in der Hand hielt, und leuchtete Königsau in das Gesicht. Dabei war auch er selbst deutlich zu erkennen. Der Marschall war ein starker, doch nicht dicker, wohlgebauter, kräftiger Mann von schwarzbrauner, lebhafter Gesichtsfarbe, mit blitzenden Augen und einem befehlenden Äußeren. Er sah den jungen Mann scharf an und fragte: »So waren diese Leute bewaffnet?« »Ja. Sogar sehr gut.«
Da trat auch Grouchy herbei und sagte in dem Tone des Unglaubens: »Und Sie haben trotzdem acht von ihnen getötet?«
»Ja«, antwortete Königsau.
»Womit?«
»Ich hatte glücklicherweise vier Doppelpistolen bei mir.« »So waren Sie auf diesen Überfall, diesen Kampf vorbereitet?« »Ich ritt den Damen entgegen, weil ich gehört hatte, dass diese Gegend sehr unsicher sei. Ich traf sie an dem Augenblicke, in welchem sie überfallen wurden.«
Da öffnete sich der Schlag des ersten Wagens und der Insasse sprang heraus. Er war ein kleiner, nicht allzu schmächtiger Mann, trug ein kleines Hütchen auf dem Kopf, und einen grauen Überrock. Die Beine stacken in hohen Schaftstiefeln.
»Der Kaiser!«, sagte Marschall Ney.
Napoleon trat mit einigen raschen Schritten näher. »Umherleuchten!«, befahl er in seiner eigentümlichen scharfen, kurzen Weise. Der Marschall gab sich selbst die Mühe, den Platz zu beleuchten. Der Kaiser betrachtete jeden Einzelnen der Toten sehr genau. Es war von ihm bekannt, dass er trotz der vielen Hunderttausende, welche er befehligt hatte, einen Jeden kannte, den er einmal gesehen, oder dessen Namen er einmal gehört hatte.
»Marodeurs«, sagte er dann. »Kenne Einige; haben gedient, aber schlecht.« Dann trat er auf Königsau zu, welcher sich unwillkürlich eine stramme militärische Stellung gab, so wie man vor einem Vorgesetzten zu stehen pflegt.
»Wie heißen Sie?«, fragte er ihn.
»Sainte-Marie.«
»Offizier?«
»Nein.«
»Bloß Soldat?«
»Auch nicht. Seekapitän von der Handelsmarine.« »Ach schade! Sind ein Tapferer, ein Braver! Acht Mann getötet! In welcher Zeit?«
»In ungefähr einer Minute.«
»Fast unglaublich. Keine Lust zu dienen?«
»Ich glaube, Frankreich auch in meiner gegenwärtigen Stellung nützlich zu sein.«
»Richtig, wahr! Aber hätte Ihnen ein Schiff anvertraut. Brauche solche Leute. Marine Frankreichs befindet sich noch in Entwickelung. Die Damen!«
Königsau stellte die Damen vor, erst die Baronin, dann Frau Richemonte und zuletzt seine Geliebte, welche alle Drei sich tief vor Napoleon verneigten.
Er nickte ihnen in seiner kurzen Manier, aber freundlich zu; als sein Blick aber auf die schönen Züge des Mädchens fiel, griff er unwillkürlich an den Hut. Die seltene Zeichnung dieses reizenden Gesichtes fiel ihm auf. »Mademoiselle Richemonte?«, sagte er. »Welcher Name?« »Margot, Majestät«, antwortete sie.
Sie hatte eine so sonore, reine klangvolle Stimme, von einer eigentümlichen, zum Herzen sprechenden Tonfarbe. Man sah, dass er die Lippen leicht öffnete, wie als ob er die Deliciösität dieses Wohllautes nicht bloß mit dem Ohre, sondern auch mit dem Munde genießen wolle. »Margot?«, sagte er. »Die Deutschen würden ›Gretchen‹ sagen oder Margarethe; das heißt, glaube ich, die Perle. Mademoiselle ist sicherlich eine Perle, und man muss dem Kapitän Sainte-Marie sehr danken, dass er dieses Juwel so tapfer verteidigt hat. Wo wohnen Sie, Mademoiselle?«
»Ich bin mit Mama Gast bei der Frau Baronin auf dem Meierhofe Jeanette bei Roncourt, Sire«, antwortete Margot.
Ney bemerkte, welchen sichtlichen Wohlgefallen der Kaiser an dem Mädchen fand. Er ließ daher das Licht der Laterne, welche er noch immer in der Hand hielt, voll auf Margot fallen. Napoleons Auge ruhte mit Bewunderung auf ihrer herrlichen Gestalt; sein Auge leuchtete erregt. Er fragte: »Ah, Roncourt! Liegt der Meierhof nahe bei dem Orte?« »Nicht sehr fern.«
Er wandte sich rasch an Ney, um sich zu erkundigen: »Marschall, sagten Sie nicht, dass Drouet sein Hauptquartier nach Roncourt gelegt habe?« »Ja, Sire«, antwortete der Gefragte. »Sein Hauptquartier ist in Roncourt; sein Stab liegt dort; er selbst aber auf dem Meierhofe Jeanette.« »Also bei Ihnen, Baronin?«, fragte Napoleon rasch. »Ja, Majestät. Ich habe die Ehre, die Wirtin des Herrn Generals zu sein.« Da sah Napoleon zu Boden, warf nachher einen raschen Blick auf Margot und fragte: »Ist der Meierhof ein bedeutendes Gebäude?« »Man könnte ihn ein Schloss nennen, Sire.«
»Es sind zahlreiche Wohnungen da?«
»Gewiss. Der frühere Besitzer liebte gesellschaftliche Vergnügen; er sah sehr oft viele Gäste bei sich, und sein Haus reichte zu, sie alle aufzunehmen.«
»So kommt es Ihnen auf einen Gast mehr oder weniger nicht an?« »Gewiss nicht.«
»Selbst wenn ich es bin, der Sie um Gastfreundschaft ersucht?« Die Baronin erschrak. Sollte sie dies als Scherz oder Ernst nehmen? Zu scherzen beliebte der Kaiser jedenfalls nicht; die Situation war ja auch gar nicht danach angetan. Aber den berühmten Herrscher als Gast bei sich zu sehen, war – zwar eine der größten Auszeichnungen, welche es geben konnte – aber doch auch mit so sehr viel Opfer und Umständlichkeit verknüpft. Zudem bemerkte sie gar wohl, dass der eigentliche Grund von Napoleons Frage in Margots Schönheit zu suchen sei. Aber was sollte, was konnte sie antworten? Sie war gezwungen, ja zu sagen. Dennoch aber gab sie zunächst eine ausweichende Antwort. »Majestät«, sagte sie, »mein Haus ist zu einfach und gering, um geehrt zu werden, den Herrscher Frankreichs und Eroberer der halben Welt in seinen Räumen zu sehen.«
Da zog ein schneller, tiefer Schatten über Bonapartes Gesicht. Er antwortete: »Madame, man hat mich in letzter Zeit so wenig als Herrscher behandelt, dass ich nicht geneigt bin, große Ansprüche zu erheben. Ich bin Soldat und liebe die Einfachheit. Ich wollte heute nach Sedan; aber es ist bereits dunkel geworden. Sie selbst haben die Unsicherheit der Straßen erfahren; der Kaiser der Franzosen darf sich nicht der Gefahr aussetzen, von Wegelagerern getötet zu werden. Ich bitte also um ein Nachtlager auf dem Meierhofe Jeanette!«
Die Baronin verbeugte sich tief und antwortete zustimmend: »Alles, was ich besitze, steht zu Ihrer Verfügung, Sire!«
»Gut!«, sagte er. »So haben wir jetzt zu fragen, wie die Damen diesen Ort verlassen können?«
»Wir haben ein Pferd, welches sogleich eingespannt wird, Sire«, meinte die Baronin.
»Das ist ungenügend, Madame«, antwortete der Kaiser. »Sie sind, den Kutscher gar nicht mitgerechnet, vier Personen, drei Damen und ein Herr. Mit nur einem Pferde würden Sie sich weiteren Gefahren aussetzen. Kapitän Sainte-Marie kann die Direktion Ihres Wagens übernehmen; zwei Personen sind genug für das eine Pferd; die drei Damen aber werden bei uns Platz finden. In Le Chêne halten wir einen Augenblick an. Wie meinen Sie, Marschall?«
Es war klar, dass er Margot in seinem Wagen zu haben wünschte, und doch war es Pflicht der Höflichkeit für ihn, die Baronin, welche doch seine Wirtin sein sollte, bei sich einsteigen zu lassen. Darum richtete er die letztere Frage an Marschall Ney. Dieser verstand ihn sofort und antwortete: »Sire, ich stimme Ihnen vollständig bei. Man muss den Damen jede weitere Unannehmlichkeit ersparen. Ich ersuche die Frau Baronin de Sainte-Marie, bei mir gütigst Platz zu nehmen.«
Er sagte dies, indem er sich mit ausgezeichneter Höflichkeit vor der Baronin verbeugte. Marschall Grouchy war natürlich scharfsinnig genug, um zu bemerken, dass die Reihe jetzt an ihm sei. Er verneigte sich vor Frau Richemonte und bat: »Madame, darf ich Ihnen meinen Wagen zur Verfügung stellen? Geben Sie mir die Auszeichnung, Ihr Begleiter sein zu dürfen.«
Sie antwortete durch ein stummes Compliment. Da sagte Napoleon lachend: »Da sehen die Damen, dass der Feldherr wohl da ist, zu dirigiren; in der Eroberung aber kommen ihm seine Marschälle stets zuvor. Mademoiselle, für Sie hat man leider nur mich übrig gelassen. Wollen Sie sich mir anvertrauen?«
»Ich respektiere den Befehl des Kaisers«, antwortete sie. Ihr Auge ruhte bei diesen Worten auf Königsau. Sie hatte das Wohlgefallen bemerkt, mit welchem Napoleon sie betrachtete: sie wusste, dass sie aus diesem Grunde für ihn aufgehoben worden war. Am liebsten wäre sie mit dem Geliebten in der alten Karosse der Baronin gefahren, aber das war jetzt unmöglich. Darum sprach sie ihre letzten Worte als Zustimmung für den Kaiser und zugleich als Entschuldigung für sich, Königsau gegenüber. »Nun, so steigen wir ein, um aufzubrechen«, gebot der Kaiser. Die beiden Marschälle reichten ihren Damen den Arm, um sie zum Wagen zu geleiten, und der Kaiser tat dasselbe. Er hatte nicht allein in seinem Coupee gesessen. Nach ihm war ein Zweiter ausgestiegen, welcher am Wagen stehen geblieben war und jetzt mit einem tiefen Honneur den Schlag öffnete.
»General Gourgaud, der uns Gesellschaft leisten wird, Mademoiselle«, sagte Napoleon.
Gourgaud war Generaladjutant des Kaisers, derselbe berühmte Offizier, welcher ihm später drei lange, einsame Jahre auf St. Helena Gesellschaft leistete und noch später mit Walter Scott den literarischen Zweikampf wegen der Geschichte des großen Kaisers hatte. Er war gegenwärtig zweiunddreißig Jahre alt.
Erst jetzt war zu bemerken, dass die drei Wagen von zwölf Mann Eskorte begleitet wurden, welche aus Unteroffizieren eines Lancierregimentes der alten Garde bestanden. Die Damen stiegen ein, nachdem die Leichen und die alte Karosse zur Seite gebracht worden waren, und dann setzten sich die Wagen in Bewegung.
Da sie im raschen Trabe dahinfuhren, so erreichten sie Le Chêne sehr bald. Margot saß zur Linken des Kaisers, ihnen gegenüber der Generaladjutant. Da es dunkel war, so konnte von einer gegenwärtigen Gesichtsbeobachtung keine Rede sein; aber dennoch sorgte Napoleon, dass die Unterhaltung nicht stockte.
Es war eine jener Unterhaltungen, wie sie zwischen Herren und Damen, welche sich noch nicht kennen, eingeleitet zu werden pflegen, vorsichtig, sondierend, höflich, möglichst geistreich und amüsant. Bei Napoleon aber hatte jedes Wort, selbst das einfachste und scheinbar unbefangenste, eine erhöhte Bedeutung. Margot bemerkte, dass er die Absicht hatte, sie zu examinieren. Sie antwortete offen und bescheiden, und die Lebhaftigkeit, mit welcher er bei der Unterhaltung blieb, schien anzudeuten, dass er eine immer höhere Teilnahme für sie gewann.
So wurde Le Chêne erreicht, und man stieg aus. Der Wirt, gegen Königsau so bequem und unhöflich, schien ganz verwandelt zu sein, als er die Offiziere erblickte. Als er aber gar den Kaiser eintreten sah, knickte er vor Ehrerbietung fast zusammen. Er sah die goldstrotzenden Uniformen der Offiziere gar nicht mehr, sondern nur noch den einfachen Überrock Napoleons.
Dieser gab den Arm Margots frei und wendete sich an ihn: »Der Wirt?« »Der bin ich, mein Kaiser!«
»Den Maire sofort!«
Während der Wirt hinaussprang, um diesen Befehl zu vollziehen, wendete Napoleon sich wieder zu Margot zurück, um ihr den seidenen Überwurf abzunehmen, welchen sie trug. Auch die Marschälle nötigten ihre Damen, für kurze Zeit Platz zu nehmen.
Man muss wissen, in welcher Weise sich damals die Damen trugen. Ein faltenreiches Kleid bedeckte den Unterkörper, aber kurz genug, um die Füße sehen zu lassen. Die Taille war hoch gehalten, so dass sie den Busen hervortreten ließ, tief ausgeschnitten und mit nur ganz kurzen Ärmeln. So trug sich auch Margot.
Als der Kaiser den Überwurf in der Hand hielt, sah er das unvergleichliche Mädchen in aller ihrer entzückenden Schönheit vor sich stehen. Er hatte bereits draußen auf der Waldstraße beim spärlichen Scheine der Laterne bemerkt, dass er kein gewöhnliches Mädchen vor sich habe; jetzt aber, in der hell erleuchteten Stube, erkannte er im vollsten Umfange, dass er sich nicht geirrt habe.
Er fand im ersten Augenblicke kein Wort, um die während des Aussteigens unterbrochene Unterhaltung wieder zu beginnen. Seine Augen ruhten auf ihrem Gesichte, als wolle er jeden einzelnen ihrer Züge genau studieren; sie irrten herab auf ihre wundervolle Büste, auf ihre vollen, herrlich gerundeten Arme, auf das kleine Füßchen, welches sich unter dem Saume des Kleides hervorstahl. Er musste fühlen, dass sein Blick für das Mädchen peinlich sei; aber er war nicht der Mann, eine gewöhnliche Redensart, ein triviales Compliment hervorzubringen. Er bog sich nieder, nahm ihre Hand in die seinige und drückte sie an seine Lippen.
»Majestät!«, sagte sie ganz erschrocken, indem sie ihre Hände zurückzog. »Verzeihung, Mademoiselle«, sagte er. »Es war dies die Huldigung, welche der Untertan seiner Königin zu bringen hat.«
Sie erglühte vor Verlegenheit; glücklicherweise erlöste sie der eintretende Wirt von der Notwendigkeit, eine Antwort geben zu müssen. Der Kaiser gab Befehl, den Damen eine kleine Erfrischung zu reichen. Sie erhielten ein Gläschen Wein und einige Scheiben Honig, das Einzige, was hier anständiger Weise genossen werden konnte. Die beiden Marschälle unterhielten sich lebhaft mit ihren Damen, um dem Kaiser Muse zu geben, sich ganz dem schönen Mädchen zu widmen. Dies tat er denn auch, bis ein Mann erschien, welcher einen Tressenrock anhatte und eine gewaltige Perücke auf seinem Haupte trug. Er verbeugte sich so tief vor dem Kaiser, dass ihm die Perücke beinahe von dem Kopfe herabgefallen wäre; dieser Anblick bot eine geradezu lächerliche Situation. »Wer?«, fragte Napoleon kurz.
»Sire, ich habe die Ehre, der Maire dieses Ortes zu sein«, antwortete er. Der Mann blickte ganz erschrocken unter seiner Perücke hervor. »Schlechter Beamter!«, fuhr der Kaiser fort.
Die zornigen Augen Napoleons bohrten sich in das Gesicht des Maire ein, so dass dieser fast alle Fassung verlor.
»Ich weiß nicht, Sire«, stotterte er, »womit ich mir das Missfallen –« »Zorn, nicht Missfallen!«, rief der Kaiser. »Kennen Sie den Weg nach Vouziers?«
»Ja.«
»Gehen Sie ihn selbst?«
»Sehr oft.«
»Auch bei Nacht?«
»Nein.«
»Wann sonst?«
»Nur bei Tage.«
»Warum?«
»Weil man des Nachts nicht sicher ist.«
»Weshalb nicht sicher?«
»Es gibt eine Menge Marodeurs und ähnliche Subjecte im Walde.«
»Ah, gibt es die? Wirklich?«
»Ja, Sire.«
»Daher vermeiden Sie, des Abends durch den Wald zu gehen?« »Ja.«
»Das ist Alles, was Sie tun?«
Erst jetzt kam dem Beamten die Ahnung, weshalb er zu dem Kaiser beschieden sei.
»Ich konnte nichts Anderes tun, Sire; ich war machtlos«, antwortete er. »Pah! Sie mussten Truppen requirieren!«
»Ich habe es getan!«
»Nun?«
»Ich bekam keinen einzigen Soldaten.«
»Ah! Warum?«
»Der Kaiser war abwesend, und dieser König, welcher vorgab, Regent zu sein –« Der Mann zuckte bei diesen Worten die Achseln. Dies war die beste Entschuldigung, welche er vorbringen konnte. Sie tat auch sofort ihre Wirkung. Das Gesicht Napoleons klärte sich auf. Er machte eine abwehrende, verächtliche Handbewegung und sagte: »Ah, dieser König? Ja! Er gab Ihnen kein Militär?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Er habe keins, sagte man mir.«
Da wendete sich Napoleon lächelnd zu Ney und sagte: »Was meinen Sie dazu, Marschall?«
Ney zuckte die Achseln und antwortete: »Um Militär zu haben, muss man selbst Soldat sein!«
»Richtig! Dieser König ist ein guter Privatmann; ein Herrscher, ein Soldat, ein Feldherr wird er nie. Frankreich braucht einen Mann, wie ich es bin, sonst wachsen die Banden dem Volke über dem Kopfe zusammen. Ich war so kurze Zeit hinweg und werde doch Jahre lang zu tun haben, um wieder Ordnung zu schaffen.« Und sich wieder zu dem Maire wendend, sagte er: »Diese Damen sind vorhin überfallen worden –« »Mein Gott, ist's wahr«, rief der Mann erschrocken. Wenn Napoleon sich der Damen selbst annahm, so war der Fall doppelt bedenklich.
»Kennen Sie dieselben?«
»Die Frau Baronin de Sainte-Marie, Majestät!« »Gut! Wäre nicht ein tapferer Kavalier dazugekommen, so lebten sie wohl nicht mehr. Draußen liegen die Leichen der Kerls und zwei erschossene Pferde. Bringen Sie das in Ordnung. Wie viel Truppen sind nötig, um den Wald zu säubern?«
»Wenigstens eine Compagnie, Sire!«
»Sollen Sie haben, bereits morgen. Was werden Sie zunächst tun?« »Es wird nötig sein, ein Protokoll aufzunehmen, Sire.« »Haben Sie Papier?«
»Leider habe ich keines mit!«
»General Gourgaud, mein Schreibzeug!«
Der General holte Napoleons Reiseschreibzeug, nebst Papier aus dem Wagen herbei. Der Kaiser wendete sich an den Maire und sagte: »Setzen! Papier nehmen und schreiben! Werde das Protokoll selbst diktieren!« Dies geschah. Es war ganz so des Kaisers Art und Weise sich mit einer solchen Angelegenheit zu befassen. Er wollte damit seinen Untertanen zeigen, dass er ihren Beruf vollständig kenne, überblicke und verstehe. Darum hatten seine Beamten so großen Respekt vor ihm, und daher gab es in dem Apparate seiner Verwaltung so große Ordnung. Die Feder des Maire flog förmlich über das Papier. Es war ihm noch nie vorgekommen, dass ihm ein Kaiser diktiert hatte; darum lief ihm der Schweiß von der Stirn.
Endlich war er fertig. Der Kaiser nahm das Protokoll, las es durch und fügte noch den eigenhändigen Befehl in betreff der notwendigen Truppen in der Höhe einer ganzen Compagnie bei. Dann unterzeichnete er. »Fertig!«, sagte er. »Morgen kommen die Soldaten. Übermorgen muss der Wald gesäubert sein. Verstanden?«
»Ich gehorche mit Freuden, Sire!«, antwortete der Maire, indem er sein Sacktuch zog, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. »Aufbrechen also!«
Bei diesen Worten bot der Kaiser Margot ihren Überwurf wieder an, den er ihr eigenhändig um die vollen, weißen Schultern hängte. Seine Fingerspitzen berührten das warme, electrische Fleisch, und er brachte etwas länger zu, als es unbedingt notwendig gewesen wäre. Dann reichte er ihr den Arm, um sie zum Wagen zu führen, wo er ihr selbst half, einzusteigen.
Ney und Grouchy folgten mit ihren Damen; dann setzte sich der Zug unter der militärischen Bedeckung der zwölf alten Gardisten wieder in Bewegung.
Kurz nachdem Napoleon in die Gaststube getreten war, stand hinter dem Hause die dunkle Gestalt eines Mannes, welcher auf Jemand zu warten schien.
Er stampfte leise, aber ungeduldig mit den Füßen. Da öffnete sich die Hintertür des Hauses, und die Tochter Barchands schlich sich herbei. »Berrier, seid Ihr da?«, flüsterte sie.
»Ja«, antwortete er.
»Wartet Ihr bereits lange?«
»Länger als mir lieb ist.«
»Ah! Aber ich konnte nicht eher.«
»Was für Herrschaften sind es?«
»O, Berrier, Ihr werdet es gar nicht glauben –!« »Keine Einleitung! Ich habe keine Zeit. Sind es die Marschälle?« »Ja, zwei Marschälle.«
»Ney und Grouchy?«
»Ich kenne sie nicht. Es ist noch ein General dabei und dann noch Einer, den Ihr nicht erraten werdet.«
»Wer ist's?«
»Ratet!«
»Donnerwetter, ich habe Dir bereits gesagt, dass ich keine Zeit habe! Rede!«
»Der Kaiser selbst ist dabei.«
»Der Kaiser? Napoleon selbst?«, flüsterte der Mann. »Ja.«
»Weißt Du es genau?«
»Ja.«
»Aber, Du kennst ihn doch nicht!«
»O, ich habe sein Bild hundertmal gesehen; er gleicht demselben ganz genau.«
»Wie ist er gekleidet?«
»Er trägt hohe Stiefel, einen grauen Rock, weiße Weste und ein kleines Hütchen.«
»Hat er einen Bart?«
»Gar keinen. Ich habe ihn durch das Küchenfenster gesehen.« »Die Beschreibung stimmt; aber ein Irrtum ist doch noch möglich. Man sagte noch heut am Vormittage, dass der Kaiser sich in Paris befinde.« »Er ist es; mein Herr, der Wirt, kennt ihn ganz genau.« »Dann möchte ich es fast glauben.«
»Übrigens hat der Kaiser nach dem Maire geschickt.« »Weshalb?«
»Das weiß man nicht. Man wird es erst hören, wenn der Maire kommt.« »Das ist allerdings außerordentlich! Auf die Anwesenheit des Kaisers sind wir ja gar nicht vorbereitet. Was ist da zu machen!« »Ihr wolltet die Marschälle überfallen?«
»Ja.«
»Aber den Kaiser nicht?«
»Der Gedanke wäre ja ganz und gar verwegen und außerordentlich!« »Dummkopf!«
»Warum?«
»Der Kaiser zahlt ebenso gut ein Lösegeld wie die Anderen; er muss sogar doppelt so viel geben. Dann teilt Ihr, seid reich und könnt auseinandergehen.«
»Ah, das ist allerdings wahr! Aber wenn wir ihn erschießen!« »So schadet es auch nichts. Er hat jedenfalls so viel bei sich, dass Ihr genug habt.«
»Du magst Recht haben, obgleich es ein verfluchter Gedanke ist, den Kaiser zu überfallen. Übrigens brauchen wir ihn ja nicht zu beschädigen. Wir schießen auf die Pferde.«
»Zunächst auf die Soldaten.«
»Er hat Soldaten mit?«
»Ja, Reiter; acht oder zehn habe ich gesehen.« »Das wären ihrer noch nicht zu viele. Wir sind jetzt neunzehn Mann.« »Ist mein Vater dabei?«
»Er ist noch nicht zurück.«
»Auch Fabier nicht?«
»Nein.«
»Wo sie nur bleiben? Übrigens sind drei Damen bei dem Kaiser.« »Wer sind sie?«
»Ich weiß es nicht. Zwei saßen so, dass ich sie durch das Küchenfenster nicht sehen konnte, und die Dritte kannte ich nicht; sie war jung und sehr schön.«
»Das ist gut. Wenn Damen dabei sind, werden sich die Herren nicht verteidigen, um die Damen nicht in Gefahr zu bringen. Kennst Du die Baronin Sainte-Marie?«
»Ja.«
»Sie ist heute hier vorübergefahren, oder gar bei Euch eingekehrt?« »Ich hörte, dass sie am Morgen vorübergefahren sei; wenigstens ist es ihre Karosse und ihr Kutscher gewesen, welche man gesehen und erkannt hat.« »Ist sie wieder retour?«
»Man hat nichts gesehen oder gehört.«
»Das genügt. Wir wollen ihr nichts tun. Also weiter hast Du nichts zu sagen?«
»Ich weiß weiter nichts.«
»So will ich sofort zurück.«
»Werdet Ihr den Kaiser angreifen?«
»Noch weiß ich es nicht; ich werde erst mit den Anderen sprechen müssen.«
»Du wirst sie nicht zur rechten Zeit erreichen, denn der Kaiser und die Marschälle fahren, während Du den Weg zu Fuß zurückzulegen hast.« »Hältst Du mich für so dumm?«
»Dummköpfe seid Ihr doch Alle. Was könntet Ihr machen, wenn ich nicht hier im Gasthofe diente und Euch die gehörige Auskunft erteilte! Ein Pferd solltest Du haben!«
»Ich habe ja eins!«
»Ach! Von wem?«
»Denkst Du etwa, ich gehe zu Fuße den Marschällen entgegen, so dass sie unseren Hinterhalt eher erreichen als ich, der ich Nachricht bringen soll? Wir haben am Vormittage Einen aus dem Sattel geschossen, der eine ganz allerliebste Geldkatze bei sich hatte. Das Pferd haben wir eingefangen und für uns behalten.«
»So kamst Du hierher geritten?«
»Ja.«
»Wo steht das Pferd?«
»Vor dem Orte in der Waldecke.«
»So mache, dass Du fortkommst und mit den Anderen reden kannst, ehe die Herren erscheinen. Ehe sie kommen, müßt Ihr einig geworden sein.« »Das ist richtig. Horch! Jetzt kam Jemand.«
»Das wird der Maire gewesen sein, nach dem ja der Kaiser geschickt hat.« »Also Du bist überzeugt, dass es der Kaiser wirklich ist, kein Anderer?« »Er ist es; ich kann darauf schwören.«
»Nun, so will ich es glauben. Gute Nacht!«
»Ich hoffe, morgen zu hören, dass weder der Kaiser noch die Marschälle in Sedan angekommen sind. Sage meinem Vater, er soll mich besuchen. Gute Nacht!«
Sie ging wieder nach der Küche. Er schlüpfte fort, eilte durch den Ort und erreichte sehr bald die Waldecke, in welcher das Pferd stand. Er band es los, stieg auf und ritt rasch davon, der Richtung nach Roncourt zu. Dort am Kreuze an der Straße lagen seine Kameraden noch immer. Seit dem Nachmittage waren noch Mehrere zu ihnen gestoßen, so dass sie nun wirklich neunzehn Mann stark waren. Sie hörten den Huftritt seines Pferdes nahen. »Ein Reiter!«, flüsterte Einer. »Wer mag es sein?« »Jedenfalls Berrier«, meinte ein Anderer.
»Das werden wir sogleich hören.«
Er hatte Recht; denn als der Reiter näher kam, begann er das Lied zu pfeifen: Ma chérie est la belle Madeleine.
»Berrier?«, rief Einer.
»Ja, ich bin es!«, antwortete er.
»Wie steht es?«
»Gut, außerordentlich gut. Wartet ein Wenig; ich komme sogleich!« Er stieg ab, führte sein Pferd in den Wald und band es an einen Baum fest; und begab sich zu den Wartenden, von denen er mit Fragen bestürmt wurde. »Nicht Alle auf einmal!«, sagte er. »Hört, es steht uns ein außerordentlicher Fang bevor, vorausgesetzt, dass Ihr den richtigen Mut dazu habt.« »Mut?«, rief Einer. »Ich schieße Dich nieder, wenn Du denkst ich fürchte mich!«
»Ich auch, ich auch!«, erscholl es im Kreise.
»Gut, gut, schreit nicht so! Man kann nicht wissen, ob Jemand in der Nähe ist. Also hört, wen wir zu erwarten haben!«
»Die Marschälle doch?«, fragte ein Ungeduldiger. »Ja.«
»Alle Beide?«
»Ja, Ney und Grouchy. Die Nachricht, welche wir erhielten, war also eine ganz richtige. Die beiden Offiziere kommen von Caon nach Sedan. Aber sie kommen nicht allein. Zunächst ist noch ein General bei ihnen.« »Welcher?«
»Das konnte ich nicht erfahren. Ferner, und das ist die Hauptnachricht, welche ich Euch mitzuteilen habe, ist der Kaiser selbst bei ihnen.« »Der Kaiser?«, fragte es rundum.
»Ja. Es sind drei Wagen, in einem der Kaiser, im zweiten Ney und im dritten Grouchy. Der dritte General scheint beim Kaiser zu sitzen.« »So ist jedenfalls auch Bedeckung dabei!«
»Acht oder zehn Reiter von der alten Garde.«
»Pfui Teufel, da würden wir zu tun bekommen!« »Zu tun? Pah! Wir stecken hinter den Büschen, schießen die Wagenpferde und die Gardisten nieder. Dann haben wir die Offiziere und Damen noch ganz allein.«
»Damen? Ah!«
»Ja, es sind drei unbekannte Damen dabei.«
»Das ist gut! Die Herren werden sich ergeben müssen, um die Damen zu schonen.«
»Das habe ich auch gesagt. Was meint Ihr zu diesem Unternehmen?« Es entstand eine längere Pause.
Im ersten Augenblicke hatte der Gedanke, den großen Kaiser anzufallen, für Alle etwas Ungeheuerliches. Aber der Nimbus, welcher das Haupt Napoleons früher umschwebt und so oft beschützt hatte, hatte durch den Sieg der Verbündeten und die Niederlage in Rußland viel von seinem Glanze eingebüßt. Er war nicht mehr der Infallible, der Unsterbliche und Unbesiegbare.
Dieser Umstand machte sich auch hier geltend. Einer der Vagabunden fragte: »Wird er Geld bei sich haben?«
»Jedenfalls, und die Marschälle auch.«
»Und wenn sie auch kein Geld hätten«, meinte ein Anderer. »Denkt Euch, welch ein ungeheures Lösegeld wir erhalten könnten, wenn wir ihn fingen.« Da sagte der Alte, welcher sich schon heute am Nachmittag bemerkbar gemacht hatte: »Die Hauptsache ist noch eine ganz andere, denke ich.« »Was meinst Du? Sage es!«
»Gesetzt, wir fangen den Kaiser; wisst Ihr, wer Lösegeld bezahlen würde?« »Nun, doch er selbst.«
»Ja, erstens. Aber zweitens auch die Royalisten, und drittens die Feinde Frankreichs.«
»Lösegeld? Das glaube ich nicht.«
»Nun, ich mag mich da nicht richtig ausgedrückt haben. Ich meine, wenn plötzlich der Kaiser verschwindet, so würden die Bourbonen und Orleanisten, die Republikaner und auch die Russen, Preußen, Österreicher, Engländer und Holländer sicher sehr große Summen bezahlen, um sicher zu sein, dass er nicht wieder erscheint.«
»Ah, das ist wahr.«
»Man könnte sich mit einer einzigen Kugel, oder einem kleinen Messerstiche vielleicht eine Million verdienen.« »Donnerwetter!«
»Ja, das ist ganz sicher. Aber dazu gehört vor allen Dingen Zweierlei.« »Was?«
»Erstens ein sicherer Ort, welchen kein Anderer entdecken könnte, und zweitens die größte Treue und Verschwiegenheit von unserer Seite.« »O, an Beiden sollte es ganz gewiss nicht fehlen.« »Ich hoffe es. Aber wann werden die Wagen erscheinen?« Der Mann, welcher im Hofe des Wirtshauses zu Le Chêne gewesen war, antwortete: »Der Kaiser ließ den Maire kommen. Viel aber kann er mit so einem Manne nicht zu sprechen haben. Darum können die Wagen alle Augenblicke erscheinen.«
»So gilt es, einen raschen Entschluss zu fassen.« »Aber wo stecken wir ihn und die Marschälle hin?« »Donnerwetter, das wird sich später zeigen; das können wir beraten, sobald er sich in unsern Händen befindet. Jetzt vor allen Dingen müssen wir, ohne einen Augenblick Zeit zu verlieren, den Entschluss fassen, ob wir überhaupt zugreifen wollen oder nicht.«
»Natürlich! Ich bin dabei!«, sagte Einer.
»Ich auch«, meinte ein Anderer. »Man verdient hoffentlich bei diesem einen Geschäft gleich so viel, dass man sich zurückziehen und auf seinen Lorbeeren ruhen kann.«
»Das versteht sich ganz von selbst. Wir stimmen bei!« »Wir Alle!«, meinten auch die Andern.
»Gut«, sagte da der Alte. »So wird also der Kaiser mit den Marschällen gefangen.«
»Die Garden?«
»Werden erschossen!«
»Die Damen?«
»Donnerwetter, ja, sie werden uns jedenfalls ganz und gar beschwerlich fallen. Am Besten wird es sein, man erschießt sie auch.« »Aber erst, nachdem man sie ein Wenig an die Lippen gedrückt hat.« »Meinetwegen. Man muss ja auf jeden Fall erst sehen, wer sie sind. Vielleicht ist es möglich, auch mit ihnen ein hübsches Lösegeld zu erpressen. Aber ich denke, wir wenden bei diesem Fange alle mögliche Vorsicht an. Sind die Seile da?«
»Ja; da hinten liegen sie.«
»Wie viele?«
»Drei.«
»Das passt gerade. Für jeden Wagen eines. Wir ziehen sie in gehörigen Abständen über die Straße herüber. Drüben werden sie an einen Baum befestigt, hüben braucht nur ein Mann zu halten. Den ersten Wagen lassen wir bis ans dritte, den zweiten bis ans zweite und den letzten Wagen bis ans erste Seil gelangen. In diesem Augenblicke werden, sobald ich kommandiere, die drei Seile angezogen, die Wagenpferde stürzen darüber hinweg und die Gardereiter auch.«
»Ja, das muss klappen! Die Seile schnell her.« »Es wird sich dann Alles einige Augenblicke lange über und unter einander wälzen, für uns ist dies aber Zeit genug, die Reiter kalt zu machen und die Herrschaften fest zu nehmen. Alles Übrige wird sich dann finden. Vorwärts, Ihr Leute!«
Die Männer waren jetzt wie elektrisiert. Sie sprangen empor und trafen ihre Vorbereitungen. Dies nahm gar nicht lange Zeit in Anspruch; dann begab sich ein Jeder auf seinen Posten, und es herrschte tiefe Stille ringsumher. Napoleon ahnte nicht, welchem Schicksale, falls der Anschlag zum Gelingen kam, er entgegen gehe. Die drei Seile lagen quer über die Straße. Sie brauchten nur angezogen zu werden, so wurden durch sie die Pferde zum Stürzen gebracht. Dann war die Verwirrung, von welcher der Alte gesprochen hatte, allerdings fertig, und es trat die Wahrscheinlichkeit ein, dass die Bedeckung getötet wurde, so dass die Herren nur auf sich selbst angewiesen waren.
So verging fast eine Viertelstunde. Da hörte man von fern her ein Geräusch wie von rollenden Wagen. Da der Waldboden eine ziemliche Elastizität besaß, so war dieses Geräusch allerdings nicht so bedeutend, als wenn der Weg aus hartem Gestein bestanden hätte.
»Das sind Wagen!«, flüsterte der Alte, nach seiner Flinte greifend. »Werden sie es sein?«, fragte Einer neben ihm. »Lasst sehen!«
Er trat etwas aus dem Gebüsch hervor und blickte angestrengten Auges rechts die Straße hinab, wo sich paarweise Lichter näher bewegten. »Ja, sie sind es«, sagte er. »Drei Wagen mit Laternen daran. Das kommt bloß bei vornehmen Herrschaften vor. Sie fahren nicht sehr eng hinter einander. Nehmet die Seile etwas weiter, damit sie gerade vor die Pferde passen.«
Dies geschah.
Das Rollen wurde deutlicher. Man sah bereits den hellen Lichtschein, welchen die Laternen vor sich her auf die Straße warfen. Voran ritten zwei bärtige Lanciers; die andern Zehn ritten zu beiden Seiten der drei Wagen. Hinter den Zweien kamen die drei Wagen, erst der des Kaisers, dann der des Marschall Ney und zuletzt der des Marschall Grouchy. Die beiden Vorreiter und die vorderen Wagenpferde waren jetzt über die ersten beiden Seile hinweggekommen. Die Pferde des zweiten Wagens hatten das mittlere Seil hinter sich, so dass in diesem Augenblicke sich je eins der Seile vor sämtlichen Wagenpferden befand. Das war der erwartete Augenblick.
»Die Seile in die Höhe! Hurrah!«, rief der Alte. Die drei Männer zogen aus allen Kräften an. Sie wurden zwar einige Schritte mit fortgerissen; aber der Zweck war erreicht: die Wagenpferde stürzten. Sie verwickelten sich in die Seile und schlugen und stampften wütend um sich herum.
»Feuer auf die Reiter!«, rief der Alte.
Die Marodeurs waren an das nächtliche Dunkel gewöhnt. Ihre Augen erkannten des Abends einen Menschen ebenso gut wie am Tage. Auf das zuletzt gegebene Commando krachten eine Menge Schüsse aus dem Gebüsch heraus, und die Mehrzahl der Gardisten stürzte tot von den Pferden, welche seitwärts auf die Wagenpferde einsprangen und die Verwirrung nur noch vermehrten.
»Jetzt drauf!«, rief der Alte.
Er drehte das abgeschossene Gewehr um, sprang hinter dem Gesträuch hervor und schlug mit dem Kolben einen der unverletzten Gardisten, welcher von der andern Seite herüber gekommen war, vom Pferde. Die andern Strolche folgten ihm.
Bisher war den Vagabunden Alles geglückt. Sie hatten aber bei ihrem Rechenexembel einen Factor aus der Acht gelassen, nämlich den, dass sie es hier mit an den Kampf gewöhnten Helden, mit Soldaten in höchster Potenz zu tun hatten.
Als der erste Zuruf des Alten erscholl und der Wagen des Marschall Grouchy, weil die Pferde stürzten, ins Schwanken kam, stieß Frau Richemonte, welche an seiner Seite saß, einen Schrei des Entsetzens aus. »Mein Gott! Was ist das?«
»Pah! Zwei oder drei Wegelagerer!«, antwortete er. »Man wird ihnen die Ohren abschneiden, um sie ihnen ins Gesicht zu nageln.« Er stieß den Wagenschlag auf und sprang hinaus, den gezogenen Degen in der Rechten und die Pistole in der Linken. Doch dauerte es eine Minute, ehe es ihm, und das auch nur ungenügend, gelang, seine Augen dem Dunkel zu accomodieren.
Da auch Neys Pferde stürzten, erschrak die Baronin ebenso auf's Heftigste. »Wir fallen!«, rief sie. »Wo geraten wir hin?«
»Keine Sorge, Madame!«, antwortete der Marschall höchst kaltblütig. »Es gibt da draußen einige Leute, welche mit uns sprechen wollen.« Ein Griff auf die Klinke der WagenTür, ein Sprung, und er stand zu gleicher Zeit mit Grouchy draußen, mit dem rasch gezogenen Säbel und der Pistole bewaffnet; doch gelang es auch ihm nicht sogleich, das Dunkel mit dem Auge zu durchdringen.
Im Wagen Napoleons wurde kein Schrei ausgestoßen. Auf den ersten Ruf des Alten und den Sturz der Pferde stand der brave, Mutige Gourgaud bereits draußen.
»Was ist's General?«, fragte der Kaiser.
»Ein Banditenüberfall«, antwortete der Gefragte. »Ah, interessant! Welche Kühnheit, sich an mich zu wagen!«
Er wusste ganz genau, dass seine Leute ihn bis zum letzten Hauche und bis zum letzten Blutstropfen verteidigen würden. Er konnte eigentlich ganz ruhig sein; aber sein kriegerischer Sinn ließ ihm keine Ruhe. Er bog sich zum Schlage hinaus und fragte: »Sind es viele?« »Man sieht noch nichts; aber die Lanciers scheinen getötet zu sein.« »Dann ist es an uns!«
Der Kaiser griff an die linke Seite und zog den kleinen Degen, welchen er zu tragen pflegte. Dann wendete er sich an Margot: »Haben Sie Angst, Mademoiselle?«
»Nein, so lange ich neben meinem Kaiser bin«, antwortete sie ruhig. »Ich danke Ihnen! Sie haben in Wahrheit ganz und gar nichts zu fürchten.« Er schickte sich an, auch auszusteigen; der Generaladjutant aber bat: »Sire, ich bitte, Platz zu behalten! Soeben rücken die Kerls heran.« »So ist es meine Pflicht, meine Dame zu verteidigen. Allons!« Er schob den General zur Seite und sprang hinaus. Ney und Grouchy waren bereits engagiert. Sie hatten ihre Pistolen abgeschossen und verteidigten sich mit dem Säbel. Auch Gourgaud wurde angegriffen. Die Wagenpferde kämpften miteinander. Dem Einen und dem Andern gelang es, aufzuspringen. Sie trachteten, sich frei zu machen und rissen auf eine sehr bedenkliche Weise an den Wagen herum. Die Kutscher sprangen herab, um die Tiere zu beruhigen. Ihre lauten Zurufe, das Gewieher der Pferde, das Gebrüll der Marodeurs, die Schüsse, welche noch fielen, das Geklirr der Degen, das Gekrach der hin und her gerissenen Wagen bildete eine wüste, unheimliche Scene. Die Lanciers waren alle erlegt, und so stand Napoleon mit den drei hohen Offizieren den Räubern ganz allein entgegen. Nur Jan Hoorn, der treue Leibkutscher des Kaisers, hatte die Peitsche umgedreht und schlug die Angreifenden Mutig über die Köpfe hinein; doch sah er sich bald gezwungen, den aufgeregten Pferden seine ganze Aufmerksamkeit wieder zuzuwenden.
Die Offiziere verteidigten sich mit dem größten Mute und ganz ebenso großer Geschicklichkeit. Bald waren schon einige der Marodeurs verwundet, aber sie drangen mit desto größerer Wut auf die Viere ein. Napoleon selbst hatte Zwei gegen sich während der Generaladjutant ihn zu decken suchte, indem er Vier, welche ihn mit den Kolben niederschlagen wollten, von sich abwehrte. Seine Klinge zuckte, wie der Blitz mit Gedankenschnelligkeit, von einer feindlichen Waffe zur anderen. Es war zu sehen, dass die Herren trotz aller Tapferkeit gegen den rohen Angriff ermüden würden, wenn nicht eine glückliche Wendung eintrat. Da ertönte wieder die Stimme des Alten: »So ist's nichts! Nehmt ihnen die Deckung! Greift sie von hinten an! Kriecht unter den Wagen hindurch, aber lasst sie am Leben, wenigstens den Kaiser!«
Da rief Ney, der Bravste der Braven, wie Napoleon ihn oft genannt hatte: »Bei Gott, jetzt gilt's! Drauf, Grouchy!«
Der Wagen konnte, wenn die Feinde unter demselben hinweg krochen, ihm keine Deckung, keine Sicherheit mehr bieten; ja, die Nähe desselben musste ihm im Gegenteile nur gefährlich werden. Darum tat er einen gewaltigen Satz mitten unter die Feinde hinein und begann mit dem Degen sein berühmtes Rad zu schlagen. Sie wichen zunächst zurück, aber bald war er vollständig von ihnen umringt, die von allen Seiten auf ihn eindrangen. Ebenso erging es Grouchy, welcher seinem Beispiele gefolgt und vom Wagen weg mitten unter die Gegner hineingesprungen war. Es war eine Scene, keines Kaisers und keines Marschalls würdig, aber nichts desto weniger höchst gefährlich für die berühmten Helden des Schlachtfeldes. Trotz ihrer Tapferkeit musste der Kampf in kurzer Zeit das voraus zu sehende Ende finden.
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