Die Liebe des Ulanen 2: Napoleons letzte Liebe
5. Kapitel
Draußen im anderen Zimmer saß Bertha Marmont. Ihr Auge richtete sich mit einem fragend besorgten Blick auf ihn. Er blieb bei ihr stehen, betrachtete sie einen Augenblick lang und fragte dann: »Warum siehst Du so ernsthaft aus, Mädchen?«
Sie erhob sich und antwortete: »Darf eine Krankenpflegerin lustig sein, Herr Baron?«
»Warum nicht, wenn die Kranke selbst lustig ist.« »Ah, ist Mademoiselle lustig gewesen?«
»Sehr!«
Ihr Auge verdunkelte sich. Wer lustig ist, der muss sich glücklich fühlen, und glücklich fühlt man sich zumeist, wenn man liebt und wieder Liebe findet. Dies war der schnelle Gang ihrer Gedanken. Darum sagte sie: »Ich beneide Mademoiselle!«
»Warum?«
»Sie ist so glücklich, vergnügt sein zu können.« »Kannst Du denn nicht auch vergnügt sein?«, fragte er sie. Er legte ihr bei diesen Worten die Spitzen seiner Finger unter das weiche, mit einem allerliebsten Grübchen versehene Kinn; sie aber trat aus dem Bereiche seiner Hand zurück.
»Worüber sollte ich mich glücklich fühlen!«, sagte sie. »O, über denselben Gegenstand, worüber sich meine schöne Cousine glücklich fühlt!«
Sie blickte ihn fragend an.
»Errätst Du diesen Gegenstand nicht?«, fuhr er fort. »Nein, Herr Baron.«
»Nun, welch größeres Glück gibt es denn für eine Dame, als einen Bräutigam?«
Man sah es ihr an, dass sie erschrak.
»Mademoiselle hat einen Bräutigam?«, fragte sie. »Ja«, antwortete er.
»Darf ich fragen, wer dies ist?«
»Schelm Du!«, antwortete er. »Du glaubst wohl gar, dass ich es bin?«
»Ist das so unmöglich?«
»Ja. Ich kann es nicht sein, da ein Anderer es ist.« Da holte sie lang und tief Atem.
»Sie sind es wirklich, wirklich nicht?«, fragte sie stockend. »Nein, liebe Bertha, ich bin es wirklich nicht, ganz gewiss nicht.« Da rötete sich ihr schönes Gesichtchen lieblich, und sie fragte: »Darf ich Ihnen sagen, dass ich Ihnen dies kaum glaube?« »Warum glaubst Du es nicht, kleiner Schelm?« »Mademoiselle ist so schön.«
»Ja, eben darum hat sie so leicht einen Bräutigam gefunden.« »Und eben darum werden Sie dieser Bräutigam sein.« »Ich? Nein. Ich möchte sie nicht, wahrhaftig nicht.« »Warum, Herr Baron?«
»Sie ist zwar schön, aber sie hat ein hartes Herz.« »So ist sie hartherzig gegen Sie gewesen?«
»Ich habe ihr keine Veranlassung dazu gegeben. Übrigens sage ich zwar, dass ich sie für schön halte; aber die Schönste ist sie noch lange nicht. Ich kenne Eine, welche mir noch tausendmal besser gefällt.« Sie schwieg, obgleich sie errötete. Darum fuhr er fort: »Nun, Bertha, Du fragst nicht, wer das ist?«
»Ich darf mir eine solche Frage ja gar nicht erlauben, Herr Baron.« »Warum nicht? Gerade Du hast das meiste Recht, diese Frage auszusprechen, denn Du bist Diejenige, welche ich meine!« Er versuchte, den Arm um sie zu legen. Sie entwand sich ihm und flüsterte: »Es ist nicht recht von Ihnen, eines armen Mädchens zu spotten.« »Spotten? Wo denkst Du hin! Du bist mir in Wahrheit tausendmal lieber als diese Cousine. Du bist zehnmal hübscher, und ich bin überzeugt, dass Du nicht ein so hartes, gefühlloses Herz besitzt wie sie. Habe ich da Recht oder Unrecht?«
Er legte abermals den Arm um sie. Sie wollte sich auch dieses Mal ihm entwinden, aber er hielt sie so fest, dass es ihr nicht gelang. »Herr Baron, lassen Sie mich«, bat sie leise aber dringend. »Man wird uns hören.«
»Nein«, flüsterte er, sie fester an sich drückend. »Ich werde diesen schönen Mund so leise küssen, dass man es gar nicht zu hören vermag.« »O nein, nein! Das darf nicht sein«, bat sie, sich gegen ihn wehrend.
»Warum nicht?«
»Sie sind Baron!«
»Nun gut, so wirst Du meine Baronin werden.« »Ich, das arme Schenkmädchen?«
»Ja. Du und keine Andere.«
Er nahm jetzt ihr Köpfchen so fest an sich, dass ihr ein fernerer Widerstand zur Unmöglichkeit wurde. Seine Lippen legten sich auf ihren Mund und küssten denselben ein, zwei, drei und noch mehrere Male. Er war so in diesen süßen Genuss vertieft, dass er gar nicht bemerkte, wie die Tür geöffnet wurde.
»Bon appetit«, klang es da hinter ihnen. Sie fuhren erschrocken auseinander.
»Der Kaiser!«, rief Bertha im tiefsten Schreck. Im nächsten Augenblicke war sie aus dem Zimmer entflohen. Der junge Baron stand vor Napoleon, verlegen wie ein Schulknabe. »Sie haben einen guten Geschmack, Baron«, sagte der Kaiser unter jenem sarkastischen Lächeln, welches bei ihm eine solche Schärfe besaß. »Darf ich hoffen, dass Sie mir die Unterbrechung verzeihen?« »Majestät –!«, stotterte der Gefragte.
»Ich hatte allerdings keineswegs die Absicht, Sie zu stören. Ich wollte mich nach dem Befinden unserer schönen Blessierten erkundigen und fand den Weg nach hier. Wo ist Demoiselle Richemonte zu treffen?« »Im Nebenzimmer, Majestät.«
»Ist sie allein?«
»Nein; ihre Mutter ist bei ihr.«
»Sie haben sie gesprochen?«
»Ja; soeben, Sire.«
»So ist der Zutritt nicht untersagt?«
»Die Damen werden glücklich sein, Majestät bei sich zu sehen.« »Melden Sie mich!«
Der Kaiser hatte in seiner kurzen, gebieterischen Weise gesprochen. Der Baron gehorchte schleunigst. Er trat an die Tür und riss dieselbe auf. »Seine Majestät!«, rief er hinein.
Die beiden Frauen fühlten sich im höchsten Grade erschrocken, als sie Napoleon bei sich eintreten sahen.
Er konnte wirklich herzgewinnend sein, wenn er wollte. Er verbeugte sich leicht und sagte im höflichsten Tone: »Pardon, Mesdames! Die Sorge um Mademoiselle lässt mich vielleicht eine Unhöflichkeit begehen; aber ich hörte, dass der Zutritt gestattet sei.«
Frau Richemonte verbeugte sich tief und stumm, und Margot versuchte, sich respektvoll ein wenig emporzurichten.
Des Kaisers Augen ruhten forschend auf ihr. In seinem Blicke glänzte ein Etwas, was Margot tief erröten ließ. »Der Arzt war bei Ihnen?«, fragte er. Bei diesen Worten zog er sich einen Stuhl ganz in die Nähe des Bettes und nahm darauf Platz. Die Mutter gab für die Tochter die Antwort. »Er hat uns erst vor kurzer Zeit verlassen, Majestät.« »Darf ich Sie um seinen Bescheid bitten?«
»Er versicherte, es sei keine direkte Gefahr vorhanden, warnte aber vor jeder Aufregung.«
»Ich habe ganz denselben Bericht von ihm erhalten.« Er ließ sein Auge abermals langsam und forschend über Margot und deren Mutter gleiten. Es war, als ob er beurteilen wolle, welches Entgegenkommen er hier finden werde. Dann fuhr er, die Beine über einander legend, fort: »Mademoiselle ist an meiner Seite verwundet worden. Die Dankbarkeit eines Kaisers wird dadurch herausgefordert. Darf ich einige Fragen aussprechen?«
Frau Richemonte verbeugte sich schweigend.
Der Kaiser fragte: »Monsieur Richemonte, lebt er noch?« »Nein.«
»So sind Sie Wittfrau, und Mademoiselle ist eine Waise?« »Leider, Majestät.«
»Es ist Pflicht der Herrscher, sich der Witwen und Waisen anzunehmen. Haben Sie Besitzungen oder Vermögen?«
»Wir sind arm, Majestät.«
»Sie sind im Gegenteile sehr reich, Madame. Im Besitze einer schönen, liebenswürdigen Tochter ist man niemals arm. Ist Mademoiselle verlobt?« »Ja, Majestät.«
Seine Brauen zogen sich leicht zusammen. »Mit wem?« Ihm, dem gewaltigen Kaiser, war es höchst gleichgültig, ob seine Fragen peinlich berührten oder nicht. Es war ja überhaupt eine Gnade von ihm, mit Jemand zu sprechen.
»Mit einem Offizier«, antwortete die Mutter.
»Ah!«, sagte er. »Mit einem jungen Offizier?« »Ja, Sire.«
»So hat er keine Charge. Warum sorgen Sie nicht in vorteilhafter Weise für die Zukunft Ihrer Tochter? Mademoiselle ist schön, ist geistreich. Sie wird sehr leicht eine höhere Connaissance anknüpfen. Haben Sie nicht Lust, bei Hofe zu erscheinen, Mademoiselle?«
Diese Frage war direkt an Margot gerichtet. Er erwartete natürlich, dass sie sehr schnell und überglücklich ja sagen werde; aber sie antwortete: »Majestät, mein Wunsch ist nur, glücklich zu sein.« »Das werden Sie in jenen Kreisen werden.«
»Ich wage, dies zu bezweifeln, Sire.«
»Ah, warum?«
Sein Blick, welchen er jetzt auf sie richtete, war fast stechend zu nennen. »Ich ziehe ein bescheidenes Glück einem glänzenden vor«, antwortete sie. »Man kann den höheren Kreisen angehören ohne allzusehr hervorzutreten. Auch dort wird die echte Bescheidenheit anerkannt und belohnt. Sie haben für mich gelitten; ich fühle die Verpflichtung, für Sie zu sorgen. Sie werden die Frau eines hohen Offiziers werden und ein Schmuck der Gesellschaft sein.«
»Majestät, meine Mutter hatte bereits die Ehre zu sagen, dass ich verlobt bin.«
»Pah! Mit einem niedrigen Offizier.«
»Ich hoffe, dass er sich eine Zukunft erringen werde.« »Ah, Sie lieben ihn?«
»Von ganzem Herzen.«
Er heftete seinen Blick nach der Ecke des Zimmers und sagte erst nach einer Weile: »Das ist schwärmerisch. Wohl! Ich werde ihn kennen lernen und nach Verdienst belohnen. Wie ist sein Name?« Da zuckte es wie eine innige Genugtuung über das bleiche Gesicht Margots. »Majestät werden nichts für ihn tun können«, sagte sie einfach. Das war Napoleon noch nicht vorgekommen. Er, der allmächtige Kaiser könne nichts für einen obscuren Offizier tun, er, der aus Bürgerssöhnen Marschälle, Fürsten und Herzöge gemacht hatte! Er fragte im sehr scharfen Tone: »Warum nicht, Mademoiselle?«
»Er dient nicht im Heere«, antwortete sie.
»So aber in der Marine?«
»Er ist auch nicht eigentlich Marineoffizier, sondern Kapitän der Handelsflotte.«
Da zuckte der Kaiser zusammen.
»Meint Mademoiselle etwa jenen Kapitän de Sainte-Marie?« »Allerdings, Sire.«
»Er wird nicht Ihr Mann werden.«
Diese Worte waren in einem Tone gesprochen, gegen den es voraussichtlich keinen Widerspruch gab; Margot aber antwortete ruhig: »Womit wollen Majestät diese Behauptung begründen?«
»Ich verbiete es!«, sagte er kurz.
Da stemmte sie den schönen Kopf in die Hand und blickte ihn von der Seite an. Es war ihr gar nicht zu Mute, als ob sie mit einem Kaiser spreche. »Majestät werden da eine sehr ungehorsame Untertanin finden«, sagte sie. »Und Mademoiselle werden einen sehr strengen Kaiser kennen lernen. Ich habe bereits über Ihre Zukunft bestimmt; Sie haben nicht zu appelieren. Wo befindet sich jetzt dieser Kapitän?«
»Majestät hatten ihn ja in Dero Gefolge.«
»Er wurde entfernt. Man wird nach ihm suchen.« Es war zu sehen, dass der Kaiser eifersüchtig war. Diesem Kapitän gönnte er das schöne Mädchen nicht.
Er stand auf und sagte im strengen Tone: »Bis morgen wird Mademoiselle sich entscheiden, ob sie eine gehorsame Untertanin sein will oder nicht. Nur in ersterem Falle ist Hoffnung vorhanden, dass die Ungnade, welche der Kapitän so verdienter Maßen auf sich geladen hat, wieder von ihm genommen werde.«
»Majestät, diese Ungnade wird ihn nicht drücken«, antwortete das mutige Mädchen.
»Mademoiselle ist sehr kühn!«, rief der Kaiser zornig. »Ich sage die Wahrheit. Mein Verlobter befindet sich bereits in Sicherheit. Er wird Gelegenheit haben, jenseits von Frankreichs Grenzen vom heutigen Abend zu berichten und von dort aus seine Braut zu reclamieren.« Der Kaiser stand sprachlos vor Erstaunen.
In dieser Weise hatte noch kein Mensch zu ihm gesprochen. Endlich fand er Worte: »Mademoiselle scheint die Absicht zu haben, in ein Kloster zu gehen«, sagte er.
»Majestät«, sagte sie, »ich hoffe, dass eine jede Untertanin Frankreichs das Recht besitzt, ihre Selbstbestimmung zu behaupten. Ich erteile das Recht, für mich zu sorgen, nur meinem Bräutigam.«
Er warf ihr einen vernichtenden Blick zu.
»Pah!«, sagte er. »Sie sind sehr schön, aber – außerordentlich dumm.« Nach diesen Worten verließ er das Zimmer, ohne Mutter oder Tochter nochmals anzusehen. Sein Gesicht hatte jenen starren marmornen Ausdruck angenommen, der ihm eigentümlich war, sobald er einen festen, unerschütterlichen Entschluss gefasst hatte.
»Welch ein Unglück!«, sagte Frau Richemonte. »Wir sind verloren!« »Nein, wir haben gewonnen!«, antwortete Margot. »Da täuschest Du Dich sehr.«
»Im Gegenteile, ich habe vollkommen Recht.« »Wieso?«
»Der Kaiser kann ein arm und niedrig geborenes, niemals aber ein dummes Mädchen lieben. Wenn er die Absicht hatte, mich in seine Nähe zu ziehen, so hat er diese Absicht jetzt ganz sicher aufgegeben.« »Das gebe Gott, sonst sind wir wirklich verloren.« »Für uns ist mir nicht bange, aber desto mehr für Hugo.« »Wieso?«
»Gegen ihn wird sich der Grimm des Kaisers richten.« »Ich denke, er befindet sich in Sicherheit.«
»Jetzt wohl nicht mehr. Bitte, Mama, benachrichtige sofort die Baronin von dem Vorgefallenen, damit sie ihre Maßregeln trifft.« Die Mutter entfernte sich, um diesem Wunsche der Tochter zu willfahren. Königsau lag oben auf dem Dache vor dem Ventilator. Er hatte die ganze Scene mit angesehen und angehört. Jetzt, nachdem der Kaiser gegangen war, verschloss er das Loch und forschte unter den übrigen Ventilatoren. Er hatte den richtigen sehr bald gefunden. Er konnte ganz genau das Zimmer Napoleons überblicken, in welches dieser Letztere soeben eingetreten sein musste.
»Die Baronin!«, hörte er den Kaiser sagen.
Der Diener, welchem dieser Befehl gegolten hatte, entfernte sich schleunigst.
»Ah, jetzt fragt er nach mir!«, dachte Königsau.
Der Kaiser saß finster sinnend in seinem Sessel. Als die Baronin eintrat, fuhr er mit dem Kopfe empor, sah sie scharf an und fragte: »Sie sind eine brave Französin?«
»Ja, hoffe ich, Majestät!«, antwortete sie.
Sie wusste noch nicht, weshalb der Kaiser sie hatte rufen lassen. »Sie werden jetzt Gelegenheit haben, mir dies zu beweisen«, sagte der Letztere. »Seit wann ist Ihr Verwandter, der Seekapitän, der Verlobte von Mademoiselle Richemonte?«
Sie erschrak. Also er hatte dies erfahren! Von wem? Hier galt es, sehr vorsichtig zu antworten, um keinen Fehler zu begehen. »Seit einigen Monaten«, sagte sie.
»Wo lernte er sie kennen?«
»In Paris.«
»Ist er reich?«
»Ja«, antwortete sie getrost.
»Seit wann befindet er sich hier bei Ihnen?«
»Seit kurzen Tagen.«
»Wo ist er in diesem Augenblick zu treffen?«
»Das weiß ich nicht, Majestät.«
»Ich hoffe, dass Sie es dennoch wissen.«
Er schien sie jetzt mit seinen Augen durchbohren zu wollen. Sie hielt diesen Blick ruhig und standhaft aus und antwortete mit fester Stimme: »Sire, ich sagte die Wahrheit.«
»Sie haben auch keine Ahnung?«
»Ich ahne nur, dass er sich schleunigst über die Grenze geflüchtet, um den Folgen, welche das Missfallen Ew. Majestät nach sich ziehen könnte, zu entgehen.«
»Hier auf dem Meierhofe befindet er sich nicht?« »Nein, sonst wüsste ich es.«
»Das ist gut für Sie; denn ich werde den Hof augenblicklich durchsuchen lassen. Haben Sie mir also vielleicht eine Bemerkung zu machen?« »Nein, Sire.«
»So können Sie sich entfernen.«
Sie ging. Kaum hatte sie das Zimmer verlassen, so ergriff der Kaiser die Glocke.
»General Drouet«, befahl er dem Diener, welcher auf dieses Zeichen eingetreten war und sich eiligst entfernte, um den Befehl auszuführen. Drouet ließ kaum zwei Minuten auf sich warten. »Sie entsinnen sich des Kapitäns, von welchem bei Tafel die Rede war?«, fragte Napoleon.
»Sehr wohl, Sire.«
»Ich wünsche, ihn zu fassen. Lassen Sie sofort den ganzen Hof genau nach ihm durchsuchen. Findet er sich nicht, so sind berittene Piquets auszusenden, um ihn zu ergreifen. Er kann sich noch nicht weit entfernt haben.«
Er machte die Bewegung der Entlassung; als Drouet dennoch stehen blieb, fragte er: »Was noch?«
»Nachrichten vom Feinde, Majestät.«
»Ah!«, rief der Kaiser, rasch aufspringend. »Von welchem Feinde? Von den Engländern oder den Preußen?«
»Von beiden, Sire.«
»Wer brachte sie?«
»Kapitän Richemonte, mein bester Eclaireur.« »Richemonte? Ah, ist er vielleicht mit Frau Richemonte verwandt, welche sich hier auf dem Hofe als Gast befindet?«
»Möglich; ich weiß es nicht.«
»Wo befindet sich der Kapitän?«
»In meinem Arbeitscabinet.«
»Er soll augenblicklich zu mir kommen. Nachdem Sie meinen vorigen Befehl ausgeführt haben, bringen Sie Ney und Grouchy zu mir.« Der General entfernte sich eiligst, und nach ganz kurzer Zeit meldete der Diener den Kapitän Richemonte, welcher auch sogleich eintrat. Napoleon betrachtete ihn mit scharfem Auge, konnte aber eine Ähnlichkeit zwischen ihm und Margot nicht entdecken.
Er fragte: »Wo sind Sie geboren, Kapitän?«
»In Paris, Sire«, antwortete der Gefragte.
»Wo lebten Sie zuletzt?«
»Eben daselbst.«
»Sie standen im Dienst?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Ich wollte nur meinem Kaiser dienen, nicht aber dem Könige, welchen uns die Feinde aufzwangen.«
»Das ist brav, Kapitän. Man wird solche Treue zu belohnen wissen. Haben Sie Verwandte?«
Der Kapitän horchte bei dieser Frage auf. Hatte sie einen näheren Zweck? »Ja«, antwortete er.
»Wen?«
»Mutter und Schwester.«
»Ah! Wie heißt diese Schwester?«
»Margot, Sire.«
Napoleon nickte sehr schnell mit dem Kopfe.
»Aber Sie sehen dieser Schwester nicht ähnlich!«, sagte er. »Es sind Stiefmutter und Stiefschwester, Majestät.« »Ah! Wo befinden sie sich?«
»Hier auf dem Meierhofe.«
Er konnte keine andere Antwort geben, denn er sagte sich, dass der Kaiser seine Schwester gerade heute und hier gesehen haben müsse. »Sie kamen heute, um Drouet Bericht zu erstatten?« »So ist es, Sire.«
»Woher?«
»Von Lüttich, Namur und Brüssel.«
»Wann sind Sie angekommen?«
»Vor einer Viertelstunde.«
»Haben Sie Ihre Mutter und Schwester gesprochen, Kapitän?« »Nein, Sire.«
»Warum nicht?«
»Ich hätte keine Zeit dazu gehabt, spreche aber mit diesen Verwandten überhaupt nicht.«
Das war dem Kaiser auffällig. »Sind Sie mit ihnen zerfallen?«, fragte er. »Ja.«
»Warum?«
»Sie sind der Sache des Vaterlandes untreu geworden, Sire. Ich muss mich ihrer schämen, darum habe ich sie verstoßen.« »Untreu geworden?«, fragte Napoleon rasch. »Wie meinen Sie das?« »Die Schwester hat sich mit einem preußischen Offizier verlobt.«
Da erhob sich Napoleon rasch vom Stuhle und sagte: »Das ist ein Irrtum, Kapitän. Sie sind falsch berichtet worden.«
»Sire, ich sage die Wahrheit«, behauptete Richemonte. »Ihre Schwester ist mit einem Seekapitän aus Marseille verlobt.« »Davon weiß ich nichts.«
»Dieser Seemann heißt Sainte-Marie und ist ein Verwandter der Besitzerin dieses Meierhofes.«
»Auch dies ist mir vollständig unbekannt, Majestät.« »Wohl nur deshalb, weil Sie mit den beiden Frauen nicht verkehren.« »Es ist nur erst kurze Zeit, dass ich mich von ihnen trennte; außerdem habe ich sie auch hier nicht aus meiner Beobachtung gelassen.« »Merkwürdig! Wie heißt jener deutsche Offizier?« »Hugo von Königsau.«
»Welchen Grad besitzt er?«
»Leutnant bei den Ziethenhusaren.«
»Kennen Sie ihn persönlich?«
»Ja. Er ist übrigens ein besonderer Schützling des Feldmarschall Blücher.« »Beschreiben Sie ihn mir genau.«
»Er ist hoch und stark gebaut, wenn auch nicht zu lang, hat blondes Haar, einen starken, leicht gekräuselten Schnurrbart von derselben Farbe, blaue Augen, sehr gute Zähne, und ein kleines, rotes Mal auf der rechten Wange.« Da trat Napoleon zwei Schritte auf den Sprecher zu: »Sie malten da wirklich diesen Leutnant ab?«, fragte er rasch und dringlich. »Ja, Majestät.«
»Sie wissen genau, dass Sie nicht irren?«
»Ganz genau.«
»Ah, so hat man es gewagt, mich zu betrügen, zu belügen und zu hintergehen! Dieser sogenannte Seekapitän ist kein Anderer als jener Husarenleutnant, jener Liebling des Feldmarschall Blücher. Er kam nach hier, um zu spionieren. Man muss Alles tun, um ihn zu fangen. Dann wird man ihn aufhängen. Warten Sie draußen im Vorzimmer. Ich muss sofort zu Drouet. Ich komme gleich wieder.«
Königsau hatte diese Unterredung von Wort zu Wort belauscht. Er erschrak. Diese Sache konnte gefährliche Dimensionen annehmen. Er musste die Freunde sofort warnen. Daher eilte er nach der geheimen Treppe und stieg hinab, um sich zu Margot zu begeben.
Als die Baronin den Kaiser verlassen hatte, begab sie sich sofort zu ihren Verwandten, um ihnen mitzuteilen, dass Napoleon nach dem vermeintlichen Seekapitän suchen lassen werde. Sie begegnete Frau Richemonte, welche ja im Begriffe gestanden hatte, sie aufzusuchen, unter der Tür und veranlasste sie, wieder mit einzutreten. »Erschrecken Sie nicht, liebe Margot«, sagte sie. »Ich komme soeben vom Kaiser.«
»Das bedeutet ein Unglück«, sagte Frau Richemonte. »Es sieht größer aus, als es ist. Der Kaiser lässt das Haus nach dem sogenannten Seekapitän durchsuchen.«
»Mein Gott! Wird man ihn finden?«
»Wohl schwerlich.«
»Wo ist er versteckt?«
»Ganz in Ihrer Nähe«, sagte die Baronin lächelnd. »Unmöglich. Wo wäre das?«
»Hier!«
Diese Antwort wurde aber nicht von der Baronin, sondern von Königsau ausgesprochen, welcher durch die hintere Tür trat. »Hugo!«, rief Margot. »Neben mir bist Du?«
»Ja. Aber um Gotteswillen, wir Alle befinden uns in einer fürchterlichen Gefahr.«
»Wir wissen bereits davon. Die Frau Baronin wollte Dir davon mitteilen.« »O, es bedarf dieser Mitteilung nicht, denn ich weiß bereits Alles. Ich weiß sogar mehr als die Frau Baronin ahnt.«
»Haben Sie gelauscht?«, fragte diese.
»Ja. Kapitän Richemonte ist da.«
»Albin hier?«, fragten Mutter und Tochter zu gleicher Zeit. »Ja«, meinte er.
»Mein Gott, so sind wir verraten. Wie hat er unseren Aufenthalt erfahren?« »Durch einen Commis des Hauses, von welchem Mama ihre Gelder bezieht.«
»Ah, daran hatten wir nicht gedacht; diese Möglichkeit wurde von uns übersehen. Aber ist es nicht möglich, dass Du Dich geirrt hast?«, fragte Margot.
»Nein. Er war soeben bei Napoleon; er befindet sich noch im Vorzimmer desselben. Er hat dem Kaiser gesagt, dass Dein Verlobter nicht ein Seekapitän, sondern ein preußischer Husarenleutnant ist.«
»So sind wir verloren.«
»Noch nicht. Er hat dem Kaiser sogar mein Signalement gegeben und sogar das kleine Mal hier an der Wange nicht vergessen; aber dennoch kann man Euch nichts tun. Ihr dürft nur behaupten, dass die Verlobung mit mir aufgehoben wurde, und dass ich durch Kapitän von Sainte-Marie ersetzt wurde.«
»Das ist die einzige Rettung«, stimmte die Baronin bei. »Meine Leute sind mir alle treu. Ich werde sie sofort instruieren lassen, auf etwaiges Befragen auszusagen, dass Kapitän de Sainte-Marie hier auf Besuch gewesen sei.« »Dann muss er aber mein vollständiges Signalement besitzen«, meinte Königsau.
»Natürlich. Es wird der Dienerschaft mitgeteilt. Wo ist der Kaiser?« »Er eilte zu Drouet, jedenfalls um die Haussuchung zu beschleunigen.« »Gott, wenn man Dich entdeckt«, klagte Margot. »Man wird ihn nicht finden«, tröstete die Baronin. »Ich befürchte doch, dass man mich finden wird«, meinte Königsau. »Wieso?«
»Man wird wohl auch dieses Zimmer durchsuchen und also diese Tür sehen, durch welche man in mein Zimmer gelangt. Dort wird man die Treppe und den Ausgang nach dem Dache entdecken. Dann bin ich verloren.«
»So weit kommt es nicht«, bestritt die Baronin. »Man wird nicht wagen, diese Krankenstube zu betreten.«
»Warum nicht? Der Kaiser war bereits da, ohne Rücksicht zu nehmen. Man wird mich ja am Ersten bei meiner Braut vermuten und suchen.« »Nun, so ist auch dann noch nichts verloren. Begeben Sie sich nach Ihrem Zimmer, und klingeln Sie Florian. Sie brauchen ihm nur zu sagen, dass er die Treppe fortnehmen solle. Dann sind Sie geborgen. Aber schnell! Ich höre unten laufen. Man beginnt die Durchsuchung bereits, wie es scheint.« Königsau ging in seine Stube und klingelte.
Bald erschien Florian. »Was befehlen Sie?«, fragte er. »Sie sollen die Treppe da fortnehmen«, antwortete Königsau. »Sapperlot! Warum?«
»Napoleon hat erfahren, dass ich nicht der Seekapitän Sainte-Marie, sondern ein preußischer Husar bin. Er lässt aussuchen.« »Sie meinen, dass man auch hierher kommen wird?«
»Ich vermute es.«
»Gut. Dann nehmen wir die Treppe weg.«
»Geht dies so leicht?«
»Ja. Ich brauche nur zwei Schrauben aufzudrehen.« »Wo kommt die Treppe hin?«
»Hinunter in den Stall, unter den Dünger.«
»Wird man den Ausgang nach dem Dache nicht trotzdem entdecken?« »Nein. Haben Sie noch nicht bemerkt, dass die Eisenplatte genau dieselbe Farbe wie die Decke Ihres Zimmers hat?«
»Ich habe nicht so genau aufgemerkt. Übrigens ist es ja ganz dunkel hier. Wir wollen schnell ans Werk gehen. Es ist keine Zeit zu verlieren.« »So steigen Sie hinauf.«
»Ah! Ich bleibe auf dem Dache?«
»Ja. Sie steigen hinaus und schließen die Platte von draußen zu. Sie müssen freilich auf dem Dache bleiben, bis die Gefahr beseitigt ist. Ich werde überdies, so bald es mir möglich ist, kommen, um Sie zu benachrichtigen.« Unterdessen hatte Kapitän Richemonte im Vorzimmer gewartet. Als der Kaiser zurückkehrte, musste er mit diesem wieder eintreten. »Man beginnt soeben die Haussuchung«, sagte Napoleon. »Er wird uns nicht entgehen, wenn er sich noch hier befindet. Würden Sie ihn erkennen?«
»Sofort.«
»Und ihn recognoscieren können?«
»Ja. Übrigens befindet sich ein Zweiter hier, der ihn ebenso genau kennt wie ich.«
»Wer ist dies?«
»Der Baron de Reillac.«
»Hier auf Jeanette?«
»Nein, sondern in Sedan.«
»So könnte man ihn kommen lassen. Wie ist übrigens dieser Königsau mit Ihrer Schwester bekannt geworden?«
»Majestät, ich weiß dies nicht.«
»Wer hat die Einwilligung zur Verlobung gegeben?« »Meine Stiefmutter.«
»Trotzdem er ein Deutscher ist?«
»Sie selbst ist auch eine Deutsche.«
»Ah, man hat also doppelt vorsichtig zu sein! Gab es denn keinen Franzosen, welchem es hätte gelingen können, das Herz Ihrer Schwester zu erobern?«
Der Kapitän sah ein, dass der Kaiser ein persönliches Interresse für Margot hege. Er konnte dies zu seinem Vorteile ausnutzen; es gab ihm ferner Gelegenheit, sich an Königsau, seinem Todfeinde, zu rächen. Er antwortete: »Dieser Husarenleutnant machte mir einen meiner besten Pläne zu Schanden.«
»Ah, Sie hatten einen Plan? Welchen?«
»Schon mein Vater bestimmte auf seinem Sterbebette, dass Margot die Gemahlin seines und meines besten Freundes, nämlich des Barons Reillac, werden solle –«
»Des Baron Reillac? Sie meinen meinen Lieferanten?« »Ja, Sire.«
»Er erhielt aber die Zuneigung Ihrer Schwester nicht?« »Leider nein.«
Über die ehernen Züge des Kaisers glitt ein Lächeln, welches man teils erfreut und teils schadenfroh nennen konnte. Er blickte eine Zeit lang sinnend vor sich hin und sagte dann: »Der Baron hat dieses Project fallen lassen?«
»Nein. Mutter und Schwester ergriffen die Flucht; der Baron half mir, ihre Spuren zu entdecken, und ist jetzt so wenig wie vorher gesinnt, seinen Absichten zu entsagen.«
»Man muss zugeben, dass er einen sehr guten Geschmack besitzt. Ihre Schwester ist ganz geeignet, den feinsten Salon zu schmücken. Ich war bereit, ihr den Weg zu ebnen; sie aber hat verzichtet, dies zu akzeptieren.« Jetzt wusste der Kapitän ganz genau, dass der Kaiser in Margot verliebt sei. Er sagte im Tone des tiefsten Erschreckens: »Himmel, das ist ja gar nicht möglich! Eine solche Gnade zurückzuweisen! Wenn Majestät mich mit diesem Arrangement betrauen wollten, so bin ich überzeugt, den sträflichen Eigenwillen der Schwester zu besiegen.«
»Sie würden auf einen sehr energischen Widerstand stoßen.« »Mit der Vollmacht von meinem Kaiser in der Hand, würde ich diesen Widerstand nicht fürchten.«
»Sie würden ihn nicht bloß bei der Tochter, sondern auch bei der Mutter finden.«
»Die Mutter ist verständig und lebenserfahren genug, um einzusehen, welch einen unverdienten Schatz die Huld des Kaisers bildet.« »So muss man sich die Angelegenheit überlegen. Vorher aber wollen wir sehen, ob es uns gelingt, diesen Leutnant Königsau zu ergreifen. Dieser Baron Reillac ist kein Jüngling mehr, wie es scheint?« »Er ist ungefähr fünfzig, Sire.«
»So ist seine Liebe keine rein leidenschaftliche?« »Er glüht wie ein Milchbart.«
»Ah, das will einem so bejahrten Manne nicht wohl anstehen. Ich meinte, er begehre die Hand Ihrer Schwester nur, um mit ihr zu glänzen, um die Traditionen seines Hauses in schöne Aufbewahrung zu geben.« Bei den Worten »Traditionen seines Hauses« lächelte Napoleon überlegen. Er hatte Reillac ja erst den Adel verliehen. Von solchen Traditionen konnte also keine Rede sein.
»Vielleicht ist die glühende Überregung nur vorübergehend, Sire.« »Man müsste dies hoffen. Der Baron hätte also Ihre Zustimmung?« »Ich habe sie ihm bereits gegeben.«
»Sie werden ihn sehen und sprechen?«
»Ja.«
»Wann?«
»Morgen, wenn ich nach Sedan komme.«
»Nun wohl, so will ich diese Angelegenheit Ihrer Hand anvertrauen und sehen, ob Sie sich so geschickt erweisen, wie ich es erwarte.« Der Kapitän verbeugte sich so tief wie möglich. »Sire«, sagte er, »mein Leben gehört meinem Kaiser.« »Ich bin überzeugt davon.« Und nach einer Pause fuhr er fort: »Sie wissen, Kapitän, dass es Dinge und Arrangements gibt, über welche man nicht spricht –«
Richemonte verbeugte sich stumm.
»Welche man ordnet, ohne sich vorher Instruktion zu holen –« Eine zweite Verbeugung war des Kapitäns Antwort. »Eine solche Angelegenheit ist die gegenwärtige. Ich gebe Ihnen nur zu überlegen, dass ich als Kaiser Vormund aller Waisen bin.« »Eins der schönsten Vorrechte der Krone, Sire.« »Dass Ihre Schwester eine Waise ist.«
»Leider eine etwas selbstständige Waise.«
Der Kaiser beachtete diese Bemerkung nicht, sondern fuhr ruhig fort: »Dass ich meine Vormundschaft nicht mit Gewalt zur Geltung bringen möchte. Eine Dame darf die möglichsten Rücksichten erfordern –« »Bis zu einer gewissen Grenze, Majestät.«
»Ich sehe, Sie verstehen mich. Diese Grenze dürfte nur im Notfalle überschritten werden, und dann zwar in einer Weise, welche nicht von sich reden macht. Ich muss das ganz allein Ihrer Klugheit überlassen.« »Ich hoffe, die richtige Weise zu treffen, Sire.« »Gut. So beauftrage ich Sie, dem Baron Reillac mitzuteilen, dass ich geneigt bin, ihn als den Verlobten Ihrer Schwester zu betrachten.« »Er wird diese freudige Nachricht morgen empfangen.« »Ich verbiete ihm aber, sich der Dame zu nähern, bevor ich ihm meine Erlaubnis dazu erteile. Verstanden?«
»Er wird gehorchen, obgleich ihm die Erfüllung dieses Befehles nicht leicht werden kann.«
»Sie haben darüber zu wachen, dass dieser Punkt streng respektiert wird.« »Majestät, ich muss mir doch erlauben, eine solche Verantwortlichkeit von mir zu weisen.«
»Warum?«
»Weil ich der Schwester fern stehe und andere Pflichten –« »Pah«, unterbrach ihn der Kaiser. »Sie werden der Schwester nahe gestellt werden, und die Erfüllung Ihrer anderen Pflichten wird man anderen Händen anvertrauen.«
»Dann soll es meine Aufgabe sein, darüber zu wachen, dass die Intention Ew. Majestät genau befolgt werde.«
»Ich erwarte das. Das Hauptquartier wird in kurzer Zeit den Meierhof Jeanette verlassen, doch werde ich eine Etappe auf dem Platze lassen.« Der Kapitän errötete vor Freude. Er ahnte, was kommen werde. »Das Kommando derselben werden Sie überkommen«, fuhr der Kaiser fort. »Ich werde General Drouet das Nötige mitteilen. Außer den Instruktionen, welche Sie von ihm erhalten, haben Sie mir täglich briefliche Nachricht von dem Befinden Ihrer Schwester in das Quartier zu senden. Sollte sich etwas Ungewöhnliches ereignen, so benachrichtigen Sie mich sofort per Estafette.«
»Majestät, ich fühle mich glücklich, mit diesen Aufträgen beehrt zu werden, muss aber bemerken, dass ich über meine Befugnisse eine, wenn auch nur ganz kleine Andeutung notwendig habe.«
»Diese Andeutung ist kurz. Sie lautet: Ihre Schwester und Ihre Mutter sind Ihre Gefangenen, natürlich nicht officiell, sondern geheim. Die beiden anderen Damen dürfen den Meierhof ohne meine Erlaubnis nicht verlassen.«
So weit war die Instruktion gegeben, da wurde Drouet gemeldet. Der General trat gleich unmittelbar hinter dem meldenden Diener ein. Napoleon wendete sich ihm zu: »Gefangen?«, fragte er.
»Leider noch nicht, Sire«, lautete die Antwort. »Ich glaubte, annehmen zu dürfen, dass Ihr Kommen mich zu der Überzeugung berechtigte, dass Sie den Gesuchten bereits gefunden haben.« »Man hat bisher noch keine Spur entdeckt.«
»So hat man vielleicht schlecht gesucht.«
»Man hat bisher unterlassen, die Zimmer der Damen zu untersuchen.« »Welche Damen meinen Sie?«
»Die Baronin und die Damen Richemonte.«
»Man suche auch bei ihnen.«
»Wird auf die Verwundung von Mademoiselle Margot nicht einige Rücksicht zu nehmen sein?«
Napoleon blickte vor sich nieder, dann antwortete er: »Die einzige Schonung, welche ich gewähren kann, ist diejenige, dass nicht fremde Leute, sondern ihr Bruder bei ihr suchen soll.« Das war eine Rache an Margot für ihre Zurückweisung. Der Kaiser fuhr fort: »Kapitän, Sie werden sich sofort nach den Gemächern Ihrer Verwandten begeben und dort die genaueste Nachsuchung halten.« Der Kapitän verbeugte sich und sagte: »Ich erlaube mir, zu bemerken, dass unser Suchen trotz allem Eifer und aller Sorgfalt vielleicht vergebens sein kann und der Deutsche sich trotzdem hier versteckt aufhält. Dieser alte Meierhof hat Schlupfwinkel. Um ganz sicher zu gehen, müsste man sich mit Jemandem verständigen, welcher das Haus genau kennt.« »Es wird sich Keiner finden, der sich dazu hergibt, die Herrschaft zu verraten«, sagte Drouet.
»Ich kenne Einen«, bemerkte Richemonte.
»Wer wäre das?«
»Der alte Kutscher Florian.«
»Grad dieser scheint seiner Herrschaft sehr ergeben zu sein.«
»Dies scheint nur so, mein General. Ich habe Beweise, dass er mir ergebener ist, als der Baronin oder dem Baron de Sainte-Marie.« »Dieser Baron scheint ein etwas leichtsinniger Patron zu sein?«, fragte Napoleon.
»Er ist nicht als sehr charactervoll bekannt«, antwortete der Kapitän. »Solche Leute sind schwach und lassen sich leicht erschrecken. Man wird ein Wenig ernst auftreten und den Baron so damit erschrecken, dass er die Wahrheit eingesteht. Ich habe soeben den Kapitän Richemonte zum Etappenkommandanten von Jeanette ernannt. Er wird sich jetzt zu der Baronin und ihrem Sohne, ebenso zu den Damen Richemonte begeben und ihnen ankündigen, dass sie seine Gefangenen sind.« »Diese strenge Maßregel –«, wollte der General bemerken. »Ist sehr begründet«, fiel Napoleon schnell ein. »Man nimmt einen preußischen Spion hier auf; man verbirgt ihn; das ist Landesverrat, in Kriegszeiten doppelt strafbar. Das Gesetz bedroht dieses Verbrechen mit dem augenblicklichen Tode. Man lasse sofort den Kutscher kommen, von dem Sie gesprochen haben.«
Diese Worte waren an Richemonte gerichtet. Er meldete dem Diener den Befehl, Florian sofort zur Stelle zu bringen, was augenblicklich befolgt wurde.
Als Florian eintrat, geschah es augenscheinlich mit jener Scheu, welche ein niedrig stehender Mann gewöhnlich vor hochgestellten Personen hegt. Er verstand es, seine Rolle zu spielen.
»Sie sind der Kutscher der Baronin?«, fragte ihn der Kaiser. »Zu dienen, Majestät«, antwortete er, sichtbar ängstlich. »Dienen Sie ihr bereits schon lange Zeit?«
»Schon viele Jahre.«
»Sind Sie mit ihr zufrieden?«
»Hm«, brummte der Gefragte verlegen.
Florian drehte seine Mütze verlegen hin und her und antwortete endlich: »Es bleibt Manches zu wünschen übrig.«
»Man hat einen besseren Dienst für Sie, wenn Sie sich desselben würdig zeigen.«
Da hellte sich das Gesicht des Kutschers freudig auf. »O, ich habe schon längst fort gewollt«, sagte er.
»Gut, so seien Sie einmal aufrichtig, wenn Sie sich nicht unglücklich machen wollen.«
»Der Baronin und meines Dienstes wegen mache ich mich nicht unglücklich.«
»Sagen Sie, ob Sie einen Deutschen kennen, welcher Husarenoffizier ist und heimlich hier auf dem Meierhofe verkehrt.« »Nein, ich kenne keinen, Sire.«
»Sie reden da die Wahrheit?«
»Ja.«
»Vielleicht ist dieser Mensch unter einem anderen Namen hier gewesen?« »Das würde mir aufgefallen sein. Es haben nur stets Bekannte hier verkehrt.«
»So kennen Sie wohl einen Bekannten, oder Verwandten der Baronin, welcher Seekapitän ist?«
»Ja, den kenne ich.«
»Er ist hier auf Besuch?«
»Er war hier. Es ist der Herr, welcher heute die Marodeurs so gut bediente.« »War er schon längere Zeit hier?«
»Einige Tage.«
»War er viel mit Mademoiselle Margot zusammen?« Florian blickte dumm verlegen vor sich nieder. »Hm. Ja«, antwortete er mit breitem Lachen.
»Warum lachen Sie?«
»Na, sie waren ja Liebesleute.«
»War dies allgemein bekannt?«
»Man sah es ja. Sie schnäbelten wie die Tauben.« »Wo ist er jetzt?«
»Fort! Futsch!«
»Man bezweifelt das. Er soll hier versteckt sein?« »Versteckt? Das fällt ihm gar nicht ein. Ich weiß das viel besser, Sire.« »So. Inwiefern wissen Sie das besser?«
»Weil er es mir gesagt hat.«
»Ah, endlich eine Spur. Was hat er gesagt?«
»Dass er entflieht.«
»Aber er hat die Flucht doch nicht sofort ergriffen?« »Sofort.«
»Das ist kaum glaublich.«
»O, er sagte es mir selbst. Ich war, als wir an der Waldschänke standen, etwas bei Seite getreten, und da kam er zu mir. Er sagte, dass er fliehen müsse, weil – weil –«
Der Kutscher steckte in ganz schauderhafter Verlegenheit. »Fahren Sie fort«, sagte der Kaiser. »Ich befehle Ihnen, die volle Wahrheit zu sagen. Weshalb musste er fliehen? Was gab er an?« Florian antwortete sehr befangen und schamhaft: »Er sagte, er müsse fort, weil – weil – er, weil der Kaiser die Margot für sich haben wolle und sich deshalb mit ihm gezankt habe.«
»Pah!«, sagte Napoleon verächtlich und mit unbeschreiblichem Stolze. »Ja, so sagte er«, fuhr Florian fort. »Er meinte, wenn er sich hier noch einmal sehen lasse, so sei er verloren. Er wolle aber seine Liebste und die Baronin nicht in Verlegenheit bringen; darum ergreife er auf der Stelle die Flucht.«
»Wohin?«
»Ich solle der gnädigen Frau sagen, dass er zunächst nach Luxemburg und dann nach Cöln gehe. Er verließ mich in der Richtung nach Donzy zu.« »Sie sagen die Wahrheit?«, fragte der Kaiser streng. »Ja. Warum sollte ich lügen?«
»Weiter sagte er nichts?«
»O ja.«
»Was?«
»Dass er wiederkommen werde.«
»Wann?«
»Dann, wenn – wenn – ich kann das nicht sagen, Majestät.« »Warum nicht?«
»Sie werden sich ärgern.«
»Ich befehle Ihnen dennoch, es zu sagen.«
»Nun, er sagte, er werde wiederkommen, wenn – wenn – sobald der Kaiser die richtigen Keile von den Alliierten erhalten habe.« Über das Angesicht Napoleons ging ein schnelles, eigentümliches und undefinierbares Mienenspiel. Er bezwang sich aber und fragte weiter: »Das ist Alles, was Sie von ihm wissen und was er sagte?« »Noch nicht Alles.«
»Was noch?«
»Noch Zweierlei. Er sagte, ich solle den Damen und dem Baron tausend Grüße bringen, Mademoiselle Margot aber tausend Küsse von ihm geben.« Drouet lächelte belustigt; der Kaiser aber fragte, ernst bleibend: »Und das Zweite?«
»Ich soll gut aufpassen und ihm später Alles genau sagen.« »Aufpassen? Worauf?«
»Ob der Kaiser viel bei Margot sei, und ob er sie oft küsse.« »Mensch, Sie sind bei Gott höchst aufrichtig!«, rief Napoleon. »Ja, das bin ich!«, sagte der Kutscher sehr stolz. Er schien den ärgerlichen Ausruf des Kaisers für ein Lob zu nehmen. »Sie sind also überzeugt, dass er wirklich fort ist?«, examinierte Napoleon weiter.
»Ja. Ich habe ihn ja gehen sehen.«
»Er kann Sie auch getäuscht haben.«
»Mich?«, fragte Florian ganz erstaunt. »Der wäre mir der Kerl dazu. An mich kommt da nicht gleich Einer heran.«
»Das sieht man Ihnen an«, meinte Napoleon ironisch. »Dennoch aber ist es möglich, dass er nicht nach Donzy gegangen ist, sondern sich heimlich hier verborgen hält. Gibt es hier nicht Orte, die man als Versteck benutzen kann?«
»O, viele.«
»Wo?«
»Der Taubenschlag zum Beispiel.«
»Unsinn!«
»Ferner die Milchkammer. Da stecke ich manchmal selber.« »Gut, gut!«, rief Napoleon, nach der Tür winkend. »Sie können gehen!« Florian schickte sich an, das Zimmer zu verlassen, drehte sich aber an der Tür noch einmal um und fragte: »Aber die neue Stelle, Majestät? Bitte, ja nicht vergessen!« Damit verschwand er.
Der Kaiser wendete sich mit mitleidigem Achselzucken an Kapitän Richemonte: »Sie haben uns da einen sehr schlauen Diplomaten empfohlen. Er ist ebenso borniert, wie aufrichtig, und ich bin überzeugt, dass er uns die Wahrheit gesagt hat.«
Hätte der Kaiser geahnt, dass durch den Ventilator in der Zimmerdecke derjenige herabblickte und Alles hörte, den man so gern fangen wollte, so hätte er wohl ganz anders gesprochen. Er fuhr fort: »Dennoch ist es sehr leicht möglich, dass der Gesuchte sich hier aufhält. Das Geheimnis, welches ihn umhüllt, muss schleunigst aufgeklärt werden. Man muss erfahren, ob jener Seekapitän und der Husarenleutnant dieselbe Person sind, oder nicht. Ich lege diesen Auftrag in Ihre Hand, Kapitän. Gehen Sie.« »Ich bin nicht in Uniform, General«, wendete sich Richemonte an Drouet. »Darf ich zu meiner Legitimation mich eines Piquets bedienen?« »Nehmen Sie so viele Mann, als Sie brauchen.« Der Kapitän ging. Es jubelte ihm das Herz in der Brust. Er sah sich mit einem Male als Meister der ganzen Situation. Mutter und Schwester waren in seine Hand gegeben. Wurde Margot die Maitresse des Kaisers, so war sein Glück gemacht.
Zu gleicher Zeit hatte Napoleon ihm eine Waffe gegen den Baron Reillac in die Hand gegeben. Dieser sollte sie nicht berühren dürfen; er musste ihn, den Kapitän, von jetzt an mit Schonung behandeln, da dieser jetzt sichtlich unter dem unmittelbaren Schutze Napoleons stand. Richemonte stieg daher in einer höchst selbstbewussten Haltung zur Wache hinab, wo er sich einige Mann aussuchte, welche ihm zu folgen hatten. Zunächst begab er sich, nachdem er Erkundigungen über den Aufenthalt der einzelnen Personen eingezogen hatte, in das Parterrezimmer zu dem Baron. »Kennen Sie mich, Baron?«, fragte er diesen.
»Nein«, antwortete dieser, ganz erstaunt darüber, einen Menschen so ungeniert bei sich eintreten zu sehen.
»Ich bin Kapitän Richemonte, der Sohn und Bruder der beiden Damen, welche sich als Ihre Gäste gegenwärtig hier befinden.« Er hatte gehofft, den Baron sehr überrascht zu sehen. Dieser aber war von seiner Anwesenheit bereits unterrichtet, und sagte einfach: »So! Was wünschen Sie?«
»Der Kaiser sendet mich. Sie sind mein Gefangener.« Auch hierauf war der Baron vorbereitet.
»Ihr Gefangener?«, fragte er. »Darf ich nach dem Grunde fragen?« »Sie sind des Landesverrates verdächtig. Sie beherbergen einen Spion bei sich.«
Der Baron zuckte geringschätzend die Achsel und meinte: »Suchen Sie ihn hier?«
»Er wird sich schon finden, wenn auch nicht hier in Ihrem Zimmer, aber doch sicher irgendwo. Es ist am Besten, Sie legen ein offenes Geständnis ab.«
»Habe ich auch Ihre Beleidigungen mit anzuhören?«, fragte der Baron scharf.
»Gut. Ich verlasse Sie einstweilen, um auch die Baronin festzunehmen. Ich bemerke Ihnen jedoch, dass ich vor Ihrer Tür ein Piquet zurücklasse. Der Mann hat Auftrag, auf Sie zu schießen, sobald Sie den Versuch machen sollten, Ihr Zimmer zu verlassen.«
»Ich habe keine Veranlassung, zu fliehen. Gehen Sie.« Richemonte fühlte, dass es ihm ganz und gar nicht gelungen sei, dem jungen Manne zu imponieren. Dies brachte ihn zu dem Vorsatze, sich auf alle Fälle Respekt zu verschaffen.
Er begab sich zur Baronin und trat bei derselben in einer Haltung ein, welche sofort zu erkennen gab, dass er in einer feindseligen Absicht komme. Sie war von seinem Kommen bereits unterrichtet, tat aber so, als ob sie nichts davon wisse. Er hatte es vorgezogen, unangemeldet einzutreten.
Sie blickte ihn daher befremdet an und sagte: »Mein Herr, Sie scheinen irre gegangen zu sein. Sie suchen jedenfalls irgendeinen meiner Domestiken.« Er lächelte überlegen und antwortete: »Sie selbst sind es, welche irrt, nicht aber ich bin es. Sie sind die Baronin de Sainte-Marie?« »Ja.«
»Nun, zu Ihnen will ich. Sie sehen also, dass ich nicht irre gegangen bin.« »So beklage ich es, dass Sie sich nicht zuvor an meinen Diener gewendet haben. Ich pflege nur solche Personen zu empfangen, welche die mir gebührende Höflichkeit und Rücksicht besitzen, sich bei mir anmelden zu lassen. Die gegenwärtige Audienz ist also zu Ende, noch bevor sie begonnen hat.«
Sie drehte sich um und stand im Begriff, in das Nebenzimmer zu gehen. »Halt!«, rief er ihr da zu. »Sie bleiben!«
Dieser Ton war so gebieterisch, dass sie erstaunt stehen blieb, ihm den stolzesten ihrer Blicke zuwarf und dann sagte: »Was fällt Ihnen ein? Sie sprechen mit der Gebieterin dieses Hauses!«
»Sie waren das bis jetzt; von diesem Augenblicke an aber sind Sie es nicht mehr!«
»Ah!« Diese eine Silbe durchlief die Stufenleiter aller der Baronin zur Verfügung stehenden Töne, vom tiefsten bis zum höchsten hinauf. Es drückte sich in dieser Tonfolge das verachtungsvolle Staunen aus. »Ja«, fuhr er fort. »Tun Sie noch so stolz; Ihre Herrschaft hier ist doch zu Ende.«
»Wer sind Sie?«, fragte sie kalt und streng.
»Jedenfalls ist ihnen mein Name nicht unbekannt. Ich bin der Kapitän der kaiserlichen Garde; mein Name ist Richemonte.« »Richemonte?«, sagte sie kopfschüttelnd. »Ich kenne Sie nicht.« »So beeile ich mich, Ihrem Gedächtnisse zu Hilfe zu kommen, Madame. Es befinden sich als Ihre Gäste zwei Damen bei Ihnen, welche auch Richemonte heißen?«
»Allerdings.«
»Nun, ich bin der Sohn der Einen und der Bruder der Anderen.« Die Baronin simulirte die Miene des Nachdenkens und antwortete: »Ich besinne mich allerdings, von Frau Richemonte gehört zu haben, dass sie einen Stiefsohn besitze; doch ist das Verhältnis zwischen ihr und ihm nicht ein solches, dass mir seine Gegenwart lieb sein könnte, zumal wenn er sich den Zutritt auf eine Art und Weise erzwingt, welche allen Regeln der gesellschaftlichen Ordnung entgegen ist.«
»Und doch werden Sie sich meine Gegenwart gefallen lassen müssen«, sagte er mit Nachdruck. »Sie können nicht das Mindeste dagegen tun.« »Sie wollen doch nicht etwa sagen, dass mir mein Hausrecht nicht zustehe?«
»Ja, gerade dies will ich sagen. Ich komme nämlich in amtlicher Eigenschaft zu Ihnen.«
»Ah! Haben Sie vielleicht den Grad eines Kapitäns mit demjenigen eines Dorfbüttels vertauscht? Ihr Auftreten lässt dies allerdings vermuten.« Das war ihm denn doch zu viel. Er fletschte die Zähne; aber er bezwang sich in der Hoffnung eines endlichen Triumphes doch noch und antwortete: »Ich stehe als der Bevollmächtigte des Kaisers vor Ihnen und ersuche Sie dringend, sich derjenigen Höflichkeit zu befleißigen, welche ich als solcher zu fordern habe. Das Gegenteil könnte sehr zu Ihrem Schaden ausfallen.« »Als Bevollmächtigter des Kaisers? Wo ist Ihre Vollmacht?« »Ich habe ganz und gar nicht nötig, Ihnen ein schriftliches Document vorzuzeigen. Meine Vollmacht steht vor der Tür.« Er öffnete die Tür und ließ die Soldaten sehen, welche draußen standen.
»Das genügt allerdings«, erklärte die Baronin. »Nur bin ich sehr begierig, zu erfahren, welchem Umstande ich es zu verdanken habe, dass Seine Majestät mich mit Ehrenposten auszeichnet.«
»Wenn Sie diese Leute für Ehrenposten halten, so befinden Sie sich in einem ganz bedeutenden Irrtum. Es sind vielmehr Sicherheitswächter, welche die Aufgabe haben, die Flucht meiner Gefangenen zu verhindern.« »Soll das etwa heißen, dass ich Ihre Gefangene bin?« »Ja.«
»Sie setzen mich da in das größte Erstaunen. Ich ersuche Sie natürlich, mir die Gründe dieses Verhaltens anzugeben.«
»Der Grund ist ein sehr ernster. Er heißt Landesverrat.« »Sie scherzen! Welches Land sollte ich verraten haben?« »Frankreich!«
»Frankreich? Sie fabulieren!«
Sie begleitete diese Worte mit einem lustigen, sorglosen Lachen. Er aber zog die Brauen finster zusammen und antwortete: »Lachen Sie nicht! Sie beherbergen heimlich einen Feind des Vaterlandes. Das ist natürlich Landesverrat und wird mit dem Tode bestraft.« »Einen Feind des Vaterlandes? Wer sollte dies sein?«, fragte sie erstaunt. »Es ist ein gewisser Königsau, preußischer Husaren-Leutnant.« »Ich wiederhole, dass Sie fabulieren.«
»Pah! Dieses Fabulieren kann Ihnen sehr leicht den Kopf kosten! Wo haben Sie den Menschen versteckt?«
»Ihre Frage ist eine mehr als zudringliche!«
»Wenn Sie keine Antwort geben, werde ich suchen müssen.« »Suchen Sie!«
»Wohlan, zeigen Sie mir Ihre Gemächer!«
»Sie dürfen nicht erwarten, dass ich die Führerin eines Kapitän Richemonte mache. Sehen Sie selbst.«
»Nehmen Sie sich in Acht, dass Sie ihr Verhalten nicht zu beklagen haben! Ich bin den Ton nicht gewöhnt, welchen Sie jetzt gegen mich anschlagen. Ich werde suchen.«
»Aber nichts finden.«
»Wollen Sie uns wirklich glauben machen, dass der sogenannte Retter des Kaisers ein Seemann und Ihr Verwandter sei?«
»Was Sie glauben oder bezweifeln, ist mir vollständig gleichgültig. Mein Cousin hat allerdings den Kaiser gerettet. Welcher Dank ihm dafür wird, das ist nicht meine, sondern des Kaisers Sache.« Richemonte öffnete sich nun selbst die Zimmer, welche die Baronin bewohnte und durchsuchte dieselben sehr genau; aber er fand natürlich den Gesuchten nicht. »Man konnte sich allerdings denken, dass eine ältere Dame nicht so glücklich ist, einen Husarenleutnant bei sich verstecken zu dürfen«, sagte er mit giftigem Hohne. »Ich hoffe, ihn bei einer jüngeren zu finden.«
Die Baronin zuckte die Achsel, ohne ihm ein Wort zu entgegnen. »Mein Besuch bei Ihnen ist beendet«, fuhr er fort. »Das ist mir sehr lieb!«, fiel sie ihm in das Wort. »Wir sind trotzdem noch nicht miteinander fertig«, fuhr er im Tone der Überlegenheit fort. »Ich habe Ihnen zu sagen, dass Sie meine Gefangene sind.«
»Im Auftrage des Kaisers?«
»Allerdings.«
»Ich finde eine solche Vergeltung der Gastfreundschaft keineswegs kaiserlich!«
»Die Schuld liegt an Ihnen. Ich verbiete Ihnen, Ihr Zimmer zu verlassen. Ich lasse einen Posten zurück, welcher den strengen Befehl hat, auf Sie zu schießen, sobald es Ihnen beikommen sollte, meinem Gebote entgegen zu handeln.«
»Ich muss mich fügen, behalte mir aber das Recht der Beschwerde vor und hoffe, dass Sie mich jetzt verlassen.«
»Mit größtem Vergnügen, Madame. Eine Hochverräterin ist ja durchaus keine passende Gesellschaft für einen anständigen Offizier.« Er ging und gab einem der Soldaten den Befehl, die Baronin zu bewachen. Mit den übrigen Leuten begab er sich nach den Zimmern, welche Frau Richemonte und Margot angewiesen worden waren. Auch dort wurde er bereits erwartet.
Florian, der treue Kutscher, hatte, sobald er vom Kaiser entlassen worden war, sofort durch seinen Stall hindurch das Zimmer Königsaus aufgesucht. Nach Wegnahme der sehr leicht zu entfernenden Treppenleiter, welche auf das Dach zu dem Deutschen führte, schaffte er dieselbe in den Garten, wo ihr Zweck nicht erraten werden konnte, selbst wenn sie gefunden werden sollte. Sodann machte er sich an die unteren Stufen, welche aus dem Verschlage des Stalles nach oben führten. Er entfernte auch sie und schaffte allerlei Dünger und Streu dorthin, wo sie sich befunden hatten. »So«, brummte er vergnügt; »wenn es dem Kerl einfällt, da oben nachzusuchen, so mag er sehen, wie es riecht, wenn man die Nase in Dinge steckt, die Einem nichts angehen.«
Dann verschloss er den Verschlag und stellte sich auf die Lauer. Richemonte fand das Zimmer seiner Stiefmutter leer. Sie saß bei Margot, als er dort eintrat.
»Guten Abend, Mama«, grüßte er höhnisch. »Eine ganz außerordentliche Überraschung. Nicht wahr?«
Er hatte allerdings erwartet, sie ganz und gar betroffen zu sehen, und darum wunderte er sich, in den Gesichtern der beiden Damen nur den Ausdruck verächtlicher Abneigung lesen zu können. »Was willst Du?«, fragte Frau Richemonte.
»Zunächst allerdings nur Euch«, antwortete er. »Ich habe, seit ich Euch vermisste, so außerordentliche Sehnsucht nach Euch gehabt, dass meine Freude, Euch endlich wiederzufinden, eine umso größere ist. Wie geht es Euch?«
Margot lag noch im Bette. Sie drehte sich hinum, ohne ihm zu antworten. Sie nahm sich vor, kein Wort mit ihm zu sprechen. »Treibe keine Comödie!«, sagte ihre Mutter zu ihm. »Ich wiederhole meine Frage: Was willst Du?«
»Euch sehen und begrüßen natürlich, wiederhole auch ich.« Bei diesen Worten nahm er auf einem Stuhle Platz, und zwar mit einer Miene, als ob er mit den Damen auf dem freundschaftlichsten Fuße stehe. »Du siehst uns, was nun weiter?«, fragte die Mutter. »Ich möchte vor allen Dingen wissen, warum Ihr Paris verlassen habt?« »Sehr einfach, weil es uns dort nicht mehr behagte.« »Das ist mir neu! Ich dachte im Gegenteile, dass Ihr Euch in der Hauptstadt außerordentlich wohl befändet. Es gab dort so liebe und angenehme Unterhaltung.«
»Rechnest Du Mordanfälle und Menschenräuberei zu den Arten, sich angenehm zu unterhalten?«
»Gewiss!«, lachte er. »Übrigens weiß ich nicht, wovon Du sprichst und was Du meinst. Wie steht es mit der berühmten Verlobung mit jenem Leutnant von Königsau?«
»Das ist Margots Sache.«
»Allerdings, denn sie ist ja mit ihm durchgebrannt!« »Schweig, Unverschämter! Du selbst weißt am Besten, was uns fortgetrieben hat.«
»Die Liebe, Mama, die Liebe!«, lachte er. »Und ebenso ist es die Liebe, welche mich heute zu Euch führt, nämlich die Kindes- und Geschwisterliebe.«
Das Gesicht seiner Mutter rötete sich vor Zorn. »Entweihe die heiligsten Gefühle des Menschenherzens nicht dadurch, dass Du von ihnen sprichst!«, rief sie. »Wann hätte Dein Herz je Liebe gefühlt?« »Jetzt zum Beispiel, liebe Mama«, antwortete er. »Die Liebe zu Euch treibt mich, Euch aufzusuchen. Ich habe Euch vor einer großen Gefahr zu warnen und auf ein noch größeres Glück hinzuweisen.« »Wenn Du es bist, der dieses sagt, so ist die Gefahr ein Glück für uns und das Glück eine Gefahr.«
»Du täuschest Dich vollständig, liebe Mama. Ich komme nicht in meinem Interesse, sondern als Unterhändler des Kaisers zu Euch.« »Seine Majestät hat nicht nötig, einen Unterhändler zu senden.« »Ah! Der persönliche Besuch wäre Euch wohl also angenehmer?« »Jeder Besuch ist uns angenehmer als der Deinige. Aber die Angelegenheit, in welcher Du zu kommen scheinst, ist bereits erledigt.« »Wieso?«
»Deine Frage ist zudringlich, behalte sie für Dich! Wir haben uns von Dir getrennt. Wir interessieren uns ferner nicht mehr für Deine Angelegenheiten, und so erwarten wir ganz entschieden, dass Du Dir auch die unserigen vollständig gleichgültig sein lässt.« »Das ist sehr deutlich gesprochen, leider nur nicht den Verhältnissen angemessen, welche zu berücksichtigen Ihr auf alle Fälle gezwungen seid.« »Von welchen Verhältnissen sprichst Du?«
»Erstens davon, dass der Wille eines Kaisers zu berücksichtigen ist.« »Und zweitens?«
»Zweitens, dass ich seit einer halben Stunde Etappencommandant des Meierhofes Jeanette bin.«
»Ah! Wer hat Dich dazu gemacht?«
»Der Kaiser selbst«, antwortete der Gefragte in stolzem Tone.
»So denke ja nicht, dass dies eine Belohnung Deiner Verdienste ist. Der Kaiser braucht ein Werkzeug, und Du wirst es sein, jedoch vergeblich. Wir werden Deinen Plänen hier ganz denselben Widerstand entgegensetzen wie in Paris.«
»Gut! Ihr sprecht von meinen Plänen. Als ein Mann habe ich den Mut, Euch einzugestehen, dass ich Pläne habe, und zwar Pläne mit Margot. Sie ist meine Schwester, und ich darf von ihr fordern, dass sie ihr Möglichstes tut, mich avancieren zu machen. Der Kaiser widmet ihr eine mehr als gewöhnliche Teilnahme, und diese Teilnahme soll sowohl zu ihrem, als auch zu meinem Glücke ausgenutzt werden. Leistet sie diesem Plane Widerstand, so muss sie es sich gefallen lassen, wenn ich meine brüderliche Gewalt in Anwendung bringe. Und das würde ich ganz sicher tun!« »Es ist Dir zuzutrauen, doch fürchten wir Dich nicht.« »Nicht?«, fragte er höhnisch. »O, meine Gewalt ist größer und bedeutender, als Ihr vielleicht meint.«
»Du überschätzest Dich! Der Kaiser selbst muss Margot schützen.« »Allerdings. Er hat sie und Dich ja bereits meinem Schutze empfohlen.« »Wir verzichten auf diesen Schutz.«
»Ich möchte wissen, wie Ihr das anfangen wollt! Hofft Ihr vielleicht auf die Hilfe Eures Königsau? Pah! Er ein Leutnant, und Napoleon, der mächtige Kaiser der französischen Nation!«
»Noch ist sein Thron nicht wieder befestigt.«
»Hofft Ihr etwa darauf, dass er geschlagen wird? Ich gebe Euch mein Wort, dass dieser tölpelhafte Marschall ›Vorwärts‹ nicht zum zweiten Male nach Paris kommt. Der Feldzug ist bereits im Beginn. Die Feinde Frankreichs werden von uns niedergemäht werden wie Gras. Übrigens wird Königsau gar nicht gegen uns kämpfen. Er wird als Spion von uns aufgehängt werden, noch ehe der erste Schuss gefallen ist.« »Versuche, ob Du aus dieser Drohung Wahrheit machen kannst!« »Ich stehe soeben im Begriff, es zu tun. Wo habt Ihr ihn versteckt?« »Wen?«
»Königsau, Margots Seladon.«
»Ah, Du vermutest ihn hier auf dem Meierhofe? Lächerlich!« »Ihr wollt mir doch nicht etwa glauben machen, dass Eure List der meinen überlegen ist?«
»Glaube, was Du willst!«
»Wohl! Ich glaube, dass jener Kapitän aus Marseille niemand anderes ist als Königsau. Er ist hier versteckt und ich werde ihn finden.« »Suche ihn!«
»Das werde ich allerdings tun. Ich mache Euch aber darauf aufmerksam, dass es besser für Euch ist, wenn Ihr ihn mir freiwillig überliefert.« »Das würden wir nicht tun, selbst wenn er bei uns versteckt wäre.« »So erkläre ich Euch, dass Ihr bis auf Weiteres meine Gefangenen seid und ohne meine ausdrückliche Erlaubnis Eure Zimmer nicht verlassen dürft.« »Wir lachen darüber!«
»Lacht immerhin! Um Euch zu zeigen, dass ich keinen Scherz mache, werde ich einen Posten vor der Tür lassen. Er hat den Befehl, auf Euch zu schießen, sobald Ihr den Austritt erzwingen wollt.« Da trat seine Mutter auf ihn zu und fragte flammenden Auges: »Dies ist Dein Ernst?«
»Mein völliger«, antwortete er kalt.
»Du willst uns, Deine nächsten Verwandten, in Banden schlagen?« »Ihr zwingt mich ja dazu!«
»So mag der Himmel Dich dafür strafen! Wir sagen uns von Dir los; wir erklären Dich für den herzlosesten Bösewicht auf der Erde und werden Gott bitten, Dich unschädlich zu machen.«
»Das klingt sehr dramatisch, liebe Mama. Das ist ein ganz hübscher Theatercoup. Nur schade, dass wir uns nicht auf der Bühne befinden. Euer Gott wird mir wohl nicht sehr gefährlich werden. Ich handle für den Kaiser, und dieser ist's, der die Macht in den Händen hat.« »Gottloser Lästerer! Die Strafe wird Dich sicherlich ereilen!« »Ich werde das ruhig abwarten. Zunächst aber werde ich mich hier bei Euch ein wenig umschauen.«
Er untersuchte die beiden Zimmer sehr genau, doch ohne eine Spur von Königsau zu finden. Da bemerkte er die Tür, welche nach dem Zimmer ging, in welches der Leutnant von dem Kutscher gebracht worden war. »Wohin führt diese Tür?«, fragte er.
»Ich weiß es nicht«, antwortete die Mutter.
»Das willst Du mich glauben machen? Ihr wollt nicht wissen, was hinter diesem Eingange versteckt ist?«
»Er war von der anderen Seite verschlossen.«
»Ah, ein Eckzimmer, allem Anscheine nach, und von Innen verschlossen! Ich vermute, auf der richtigen Fährte zu sein. Man wird öffnen müssen.« Er klopfte an, aber es ertönte keine Antwort.
»Wer ist da drüben?«, fragte er laut.
Es antwortete jetzt ebenso Niemand wie vorhin. »Nun, so wollen wir sehen, wie fest dieses Schloss sein wird.« Er drückte auf die Klinke. Sie gab nach, und die Tür öffnete sich. »Ah, also doch nicht verschlossen! Du hast mich belogen, Mutter! Das kommt mir verdächtig vor. Ich werde da drüben genau nachforschen.« Er rief einen der Soldaten zu sich und nahm die Lampe. Als sie in den Nebenraum traten, bemerkten sie zwar die wenigen Möbel, es aber befand sich Niemand da. Die Dachöffnung war so gut verschlossen, dass sie nicht entdeckt wurde.
»Leer!«, sagte er. »Aber da ist noch eine Tür. Wohin führt sie?« Er gab dem Soldaten die Laterne und öffnete.
»Das ist ein Stroh- oder Heuboden«, meinte Richemonte. »Wir befinden uns über dem Stalle. Hier gibt es ein Versteck.« Er ließ sich leuchten und suchte. Er fand die schmale Treppe, welche abwärts nach Florians Stallverschlag führte.
»Hier geht es hinunter. Hier ist er hinab. Rasch, ihm nach!« Während der Soldat mit der Lampe hinter ihm herschritt, stieg er so rasch wie möglich die Stufen hinab. Eine – zwei – drei – vier – da waren sie plötzlich alle. Florian hatte ja die untersten Stufen weggenommen. Richemonte wollte fest auftreten, trat aber in die Luft und verlor das Gleichgewicht und den festen Halt. »Tausend Donner!«, rief er. Es gelang ihm nicht, einen festen Gegenstand zu erfassen. Er schoss hinab und stürzte auf eine weiche, zähe Masse, welche einen sehr üblen Geruch ausströmte.
»Alle Wetter, wo bin ich da?«, rief er. »Leuchte einmal herab!« Der Soldat kniete nieder und hielt die Lampe so weit wie möglich herunter. Es ließ sich nicht viel erkennen, dennoch aber rief Richemonte: »Es fehlt der niedere Teil der Treppe, und ich bin in die Dunge gestürzt. Binde die Lampe an den Säbelriemen und lass sie mir herab. Ich fühle keinen Ausgang hier.«
Der Soldat gehorchte, und als der Verunglückte nun die Lampe hatte, bemerkte er die Tür, welche aus dem Verschlage nach dem Stalle führte. »Jetzt werde ich frei«, rief er nach oben. »Gehe zu Deinen Kameraden zurück, und warte, bis ich Dich abhole.«
Der gute Florian Rupprechtsberger hatte bisher in seinem Stalle versteckt gelegen. Ein großer Hund befand sich bei ihm. Als dieser zuerst das Geräusch und sodann die fremde Stimme hörte, stieß er ein leises, drohendes Knurren aus. »Still!«, sagte der Kutscher leise zu ihm. »Du verdirbst sonst Dir und mir den Spaß.«
Jetzt öffnete Richemonte die Tür, welche zu dem Verschlage führte, und trat in den Stall. Er bemerkte weder den Knecht noch den Hund, da diese Beiden versteckt in der Ecke lagen.
»Jetzt fass ihn, und wirf ihn recht hübsch ins Weiche!«, flüsterte der Kutscher.
Da fuhr der Hund, ohne einen Laut von sich zu geben, auf den Kapitän los und warf ihn nieder. Der Überfallene stieß einen lauten Schrei aus; wagte aber nicht, denselben zu wiederholen, da er die Zähne des Hundes an der Kehle fühlte. Er ahnte, dass das Tier bei der geringsten Bewegung oder beim ersten Laute zubeißen werde.
Als Florian sich überzeugt hatte, dass der Franzose sich in so guten Händen befinde, und dass die Laterne ausgelöscht sei, ohne Etwas anzubrennen, schlich er sich geräuschlos aus seiner Ecke hervor, öffnete die Tür, welche nach dem Garten führte und verließ durch dieselbe den Stall, ohne von Richemonte bemerkt worden zu sein. Von dem Garten aus konnte er leicht den Hof erreichen, ohne dass Jemand geahnt hätte, dass er sich vorher im Stalle befunden hatte.
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