Die Liebe des Ulanen 2: Napoleons letzte Liebe
14. Kapitel
Zum besseren Verständnisse des nun Folgenden ist ein kurzer Rückblick auf diejenigen Personen nötig, deren Erlebnisse gewiss das größte Interesse des freundlichen Lesers in Anspruch genommen haben. Der alte »Marschall Vorwärts« hatte nach der siegreichen Schlacht bei Waterloo Frankreich zum zweiten Male niedergeworfen. Paris war erobert und ein erneuter Frieden geschlossen worden. Dieser Frieden hatte Napoleon seinen Thron und – seine Freiheit gekostet: Er war nach der Insel St. Helena verbannt worden, von wo eine Rückkehr nicht so leicht zu bewerkstelligen war, als von dem so nahe gelegenen Elba. An diesem Niederringen der Cohorten des großen Corsen hatte Hugo von Königsau leider nicht mit Teil nehmen können. Er war von den Folgen der fürchterlichen Hiebwunde Monate lang an das Lager gefesselt worden. Lange, lange Zeit hatte er in völliger Bewusstlosigkeit gelegen. Diese war zunächst in einen apathischen, dann in einen traumhaften Zustand übergegangen, und erst später hatte es hier und da einen kurzen, lichten Augenblick gegeben, an welchem das Auge des Schwerkranken mit Bewusstsein an der Gestalt seiner Pflegerinnen gehangen hatte. Diese Pflegerinnen waren seine aus Berlin herbei geeilte Mutter, Frau Richemonte und ihre Tochter Margot, seine Geliebte. Er erkannte sie alle Drei. Er lernte, sich von Stunde zu Stunde besser und deutlicher auf Alles, was früher geschehen war, besinnen. Seine Erinnerung reichte bis zu seiner Ankunft auf dem einsamen Hofe, wo der brave Kutscher Florian seine Geliebte in Sicherheit gebracht hatte. Aber, eigentümlich im allerhöchsten Grade, weiter konnte er sich nicht besinnen, so sehr er seinen leidenden Kopf auch anstrengte. Und selbst als die Ärzte ihn für hergestellt erklärten, war in diesem Punkte sein Gedächtnis noch immer nicht geheilt.
Er wusste ganz genau, dass er nach dem Hofe gekommen war, um die Kriegskasse an einer andern, sicheren Stelle zu verbergen. Er hatte auch den Situationsplan bei sich, den er gezeichnet hatte, er wusste den Ort, an welchem die Kasse zuerst verborgen gewesen war, ganz genau; seine erste Excursion nach seiner Genesung führte ihn hinauf nach der Schlucht, wo er bei der dort vorgenommenen Nachgrabung auch die Leichen der beiden Mörder fand; er besaß sogar noch das über die Ermordung des Barons de Reillac abgefasste und von seinen Untergebenen unterzeichnete Protocoll -aber dennoch blieb es ihm vollständig unmöglich, sich auf das zu besinnen, was in der Zeit von ungefähr innerhalb zwölf Stunden vor seiner Verwundung geschehen war.
Er kannte die Namen Aller, welche bestimmt gewesen waren, ihn nach der Schlucht zu begleiten und ihm bei der Ausgrabung der Kasse behilflich zu sein. Er hielt genaueste Nachforschung und erfuhr, dass sie nie wieder zurückgekehrt seien. So sah er sich gezwungen, nach Berlin zu gehen, ohne in dieser wichtigen Angelegenheit Klarheit gewonnen zu haben. Auch Blücher kehrte nach dem Friedensschlusse nach der Hauptstadt Preußens zurück. Er wurde natürlich sofort von Königsau aufgesucht und Jener empfing denselben mit seiner herkömmlichen, freundlichen Derbheit. »Guten Morgen, mein Junge!«, meinte der Marschall. »Ich hörte, Du hättest einen solchen Schmiss über den Kopf erhalten, dass der Teufel an jedem Augenblicke bereit gewesen sei, Dich zu holen?« »Ja, es war ein verfluchter Schmiss, Exzellenz«, antwortete Hugo. »Der Teufel hat aber doch auf Dich verzichten müssen? Na, das ist gut, das freut mich! Quecken, Heederich, Sauerampfer und anderes Unkraut verliert sich nicht so leicht; das habe ich an mir selber hundertmal erfahren.« »Aber eine verdammte Geschichte war es doch, Durchlaucht!« »Hm! Ja! So ein Hieb wirft Einen aufs Bette. Da gibt's rotrussisches Seifenpflaster, Weiermüllers Universalpflaster, Schwarzburger Zugpflaster, gelben Zug, roten Theakel, Heinswalder Canaillenpflaster, Braußebeutel, Rhicinusöl, Brechmittel, Purganzen und lauter solches verfluchtes Zeug, was einen Kranken nur noch elender macht, anstatt ihm auf die Socken zu helfen. Ich kenne das, o, ich kenne das sehr genau. Mir aber dürfen diese Pflasterkasten nicht wieder an den Corpus. Wenn ich einmal meinen letzten Atem schnappe, so will ich ohne Medicin gen Himmel fahren.« »Mag sein, Exzellenz. Aber das ist es nicht, was mich am Meisten geärgert hat.«
»Nicht? Nun, was hat Dich denn sonst gewurmt?« »Zweierlei.«
»Lass es hören!«
»Erstens, dass ich nicht weiter mitmachen konnte.«
»Ja, das ist allerdings für einen jeden braven Kerl eine verflucht unangenehme Geschichte; aber man muss sich mit Lakritzensaft drein finden.«
»Das ist nicht so leicht, Exzellenz.«
»Aber man bringt es dennoch fertig.«
»Ja, wenn man sich über Verschiedenes hinwegzusetzen vermag.« Blücher klopfte seine Tonpfeife an der Ecke des Tisches aus, so dass die noch klimmende Asche auf den Teppich fiel und ihn versengte, blickte den Leutnant von der Seite forschend an und fragte: »Über Verschiedenes? Was wäre das wohl, he?«
»Nun«, antwortete Hugo etwas zögernd, »das versäumte Avancement zum Beispiel.«
Der Alte nickte bedächtig und wohlwollend. »Hm, ja, das ist allerdings wahr«, sagte er. »So etwas ist zum Ohrfeigen-Kriegen. Aber da kann man doch wohl ein wenig nachhelfen. Du hast uns ganz famose Dienste geleistet. Du hast uns hundertmal mehr genützt, als wenn Du Compattant geblieben wärst. Lass mich sorgen, mein Junge. Ein Wort, welches der alte Blücher sagt, wird schon noch gelten. Meinst Du nicht auch?« »Ich denke es«, antwortete Königsau lächelnd. »Na, also! Ich wollte es ihnen auch nicht geraten haben, eine Empfehlung von mir in den Winkel zu schmeißen. Ich bin in solchen Dingen ein ganz curioser Kauz. Aber, was ist denn nun das Andere, worüber Du Dich so ärgerst?«
»Die Kriegskasse, Exzellenz.«
»Die Kriegskasse? Alle Wetter, ja! Ich detachierte Dich doch mit einer kleinen Anzahl von Leuten, um diese alte Sparbüchse anderweit in Sicherheit zu bringen. Du kamst nicht wieder, und ich musste weiter, immer hinter diesem Bonnaparte her, um ihm zu zeigen, was deutsche Hiebe für Beulen machen. Dann hörte ich, dass Du verwundet worden seist. Wie ist es denn mit der Kasse geworden?«
»Ja, das weiß ich nicht, Exzellenz.«
»Nicht?«, fragte Blücher verwundert. »So bist Du verwundet worden, noch ehe Du zur Kriegskasse kamst?«
»Nein, später.«
»Aber, da musst Du doch wissen, ob Du sie gefunden hast!« »Jedenfalls habe ich sie gefunden.«
»Und anderswo vergraben?«
»Ich denke es.«
»Ich denke es? Alle Teufel, was ist das für ein dummes Wort! Hier kann es ja gar nichts zu denken geben!«
»Eigentlich nicht, Durchlaucht. Aber ich habe es leider vergessen.« »Vergessen? Das mit der Kriegskasse?«
»Ja.«
»Alles? Den ganzen Schwamm?«
»Ja.«
»Mensch! Kerl! Bist Du denn ein Kind, so etwas Wichtiges zu vergessen?« Königsau deutete an die blutrote Narbe, welche sich über den ganzen Kopf und noch über die Stirn bis auf die Nasenwurzel herab zog, und antwortete: »Ich kann nicht dafür, Exzellenz. Diese da ist schuld.« »Die Wunde?«
»Ja.«
»Heiliges Donnerwetter! Hat sie Dich um das Gedächtnis gebracht?« »Leider! Ich bin nicht im Stande, mich auf das zu besinnen, was in der Nacht vor meiner Verwundung geschehen ist.« »Du hast Dir keine Mühe gegeben, mein Junge!« »O doch, und welche Mühe! Ich habe ganze Tage und Nächte durchgedacht, gesonnen und gegrübelt. Die Erinnerung aber hat nicht kommen wollen.«
»Partout nicht?«
»Nein.«
»Das ist wunderbar! Es ist Dir da irgendein Rad im Kopfe ausgeschnappt, oder der Hieb hat Dir einen Teil des Gedächtniskastens lädiert. So etwas lässt sich nicht wieder flicken oder zusammenkleistern. Aber oben bist Du gewesen, wo die Kasse vergraben lag?«
»Ja.«
»Und die Leute mit Dir?«
»Jedenfalls.«
»Und die Kasse habt Ihr herausgenommen?«
»Ich denke es.«
»Wenn Du das nur gewiss wüsstest.«
»Ich denke, dass es so ist. Ich bin nach meiner Genesung oben gewesen und habe gefunden, dass die Kasse nicht mehr vorhanden war.«
»Es kann sie auch ein Anderer gefunden und gehoben haben.« »Hm, wahrscheinlich ist es nicht, obwohl aber doch möglich.« »Möglich doch? Wieso?«
»Ich traue diesem Kapitän Richemonte nicht.« »Ah, diesem Kerl! War er denn oben?«
Königsau machte ein etwas verlegenes Gesicht, zuckte die Achsel und antwortete: »Höchst wahrscheinlich.«
»Wieder höchst wahrscheinlich! Donnerwetter! Junge, ich bin mit Dir ganz und gar nicht zufrieden! Was tue ich mit einer Wahrscheinlichkeit? Gewissheit will ich haben.«
»Nun, vielleicht kann ich auch diese geben. Es ist nämlich fast für sicher anzunehmen, dass ich es gewesen bin, der die Kasse exhumiert hat, denn ich habe einen Situationsplan gezeichnet und später bei mir gefunden, welcher jedenfalls den Ort anzeigen soll, an welchem ich das Geld wieder versteckt habe.«
»Ah! Hast Du ihn noch?«
»Ja.«
»Her damit.«
»Hier ist er.«
Blücher nahm das Papier und betrachtete es genau. »Der Plan ist gut und deutlich. Hier Fichten, dort Birken und drüben einige Kiefern. Hier ein Kreuz – jedenfalls die Stelle, wo Ihr die Kasse wieder eingegraben habt. Das muss doch zu finden sein.«
»Ich habe vergebens gesucht.«
»Ah, Du hast gesucht?«
»Ja, Tage lang.«
»Aber den Ort nicht gefunden?«
»Nein.«
»Die Fichten, Birken und Kiefern auch nicht, mein Junge?« »Nein. Ich kann mich absolut nicht besinnen, in welcher Richtung wir uns damals von der Schlucht aus gehalten haben.« »Das ist eine verdammte, ganz und gar miserable Geschichte. Das ist eine Geschichte, bei welcher einem sogar die Pfeife ausgehen kann.« Er legte die Pfeife fort, welche er sich vorher neu gestopft und angebrannt hatte. Mit dem Plane in der Hand, ging er nachdenklich in dem Zimmer auf und ab. Dann warf er ihn auf den Tisch und sagte: »Na, Du kannst jedenfalls nicht dafür. Der verfluchte Hieb hat Dein Gehirn bankerott gemacht; da ist nichts daran zu ändern. Aber wo sind die Anderen, welche dabei waren? Sie müssen sich doch besinnen können!« »Ich habe nach ihnen geforscht. Es lebt Keiner mehr.« »Hols der Teufel! Sie sind in den späteren Kämpfen gefallen?« »Nein, sondern wohl noch während jenes Tages. Das Haus, von welchem unsere Excursion ausging, wurde von Franzosen überfallen, wobei ich meinen Hieb erhielt. Preußische Husaren kamen zu Hilfe und fanden später in der Richtung nach den Bergen zu gerad so viele erschossene Männer, als ich bei mir gehabt hatte.«
»Fand man nichts bei ihnen, was einen Anhalt hätte geben können, wer sie gewesen sind?«
»Nein. Sie waren vollständig ausgeplündert.«
»Das ist fatal! Na, wir haben wenigstens einen Trost dabei, nämlich den, dass wir die Kasse auch dann nicht bekommen würden, falls Du es ganz genau wüsstest, wo sie verborgen liegt.«
»Nicht? Ich würde es in diesem Falle für nicht schwer halten, sie zu holen, Exzellenz.«
»Diebstahl, mein Junge! Sie liegt auf französischem Grund und Boden. Aber meintest Du nicht, dass dieser Kapitän Richemonte mit Euch oben in den Bergen gewesen sei?«
»Ja.«
»Woraus schließt Du das?«
»Weil ich hier ein Document habe, nach welchem er da oben den Baron de Reillac ermordet hat. Ich selbst bin Zeuge gewesen. Hier nun steht klar und deutlich, dass wir die Leiche Reillacs gefunden haben, und dass Richemonte bei ihr stand. Auch sind die Gegenstände verzeichnet, welche er bei sich trug, die aber Reillac gehörten.«
»Ihr habt sie ihm doch abgenommen?«
»Das versteht sich.«
»Wo sind sie?«
»Ich habe sie später in meinem Besitze gefunden und habe sie noch.« »Aber wie es scheint, ist Euch Richemonte selbst entkommen?« »Entweder ist er uns entkommen, oder wir haben ihn freiwillig gehen lassen, Exzellenz.«
»Das Letztere wäre eine unendliche Dummheit von Euch gewesen.« »Entschuldigung, Exzellenz! Ich möchte es doch nicht so bezeichnen!« »Nicht? Warum nicht, he?«
»Es gilt, zu bedenken, dass wir uns in Feindes Land befanden.« »Ach so! Hm! Ja! Ihr wart gleichsam Spione; wenigstens befandet Ihr Euch heimlich mitten unter einer feindlichen Bevölkerung. Da war es allerdings nicht geraten, den Kerl zu arretieren.«
»Vielleicht könnte man ihn noch jetzt beim Schopfe nehmen. « »Noch jetzt? Ah, ja! Das ist wahr; würde man Reillacs Leiche finden?« »Jedenfalls.«
»Hm! Der Gedanke ist nicht schlecht. Beweise hätten wir auch, nämlich das, was Du gesehen hast, Eure Unterschriften und dann die Gegenstände, welche Reillac gehörten und die Ihr ihm abgenommen habt.« »O, es gibt noch mehr Beweise, Exzellenz.«
»Welche?«
»Margot hat einen Brief von ihm erhalten, in welchem er ihr mitteilt –« Blücher machte eine schnelle Bewegung und unterbrach ihn: »Margot! Ah, Donnerwetter! An dieses alte Mädel habe ich gar nicht gedacht! Wie dumm von mir! Wo steckt sie denn eigentlich?«
»Hier in Berlin bei meiner Mutter.«
»So! Die muss ich besuchen, und das sehr bald, mein Junge.« Königsau räusperte sich ein wenig und sagte dann: »Es war jetzt meine Absicht, Ew. Exzellenz zu einem solchen Besuche ganz gehorsamst einzuladen.«
»Wirklich? Gibt es vielleicht eine besondere Bewandtnis dabei?« »Allerdings, Durchlaucht.«
»Welche?«
»Hochzeit.«
»Hochzeit? Kreuzmillionensternhagel! Du willst heiraten, Alter?« »Ja.«
»Die Margot?«
»Natürlich!«
»Wann denn?«
»Übermorgen ist die Trauung.«
»Schon übermorgen? Da schlage doch das Wetter drein! Wie kann ich bis dahin mit dem Hochzeitsgeschenk fertig werden! Bis übermorgen kriege ich ja weiter nichts zu haben als höchstens eine Kohlenschaufel, einen Kinderkorb und einen Strauß von Aurikeln und Lindenblüten! Kerl, warum habe ich das denn nicht eher erfahren?«
»Exzellenz sind ja so eben erst in Berlin angekommen.« »Das ist wahr! Aber höre, hast Du bereits einen Brautführer?« »Ja.«
»Wer ist es?«
»Leutnant von Wilmersdorf.«
»Der Wilmersdorf?«, fragte der Marschall. »Wirklich der?« »Ja, Durchlaucht.«
»Donnerwetter! Warum denn diesen Kerl?«
»Er ist ein guter Freund von mir.«
»Unsinn! Freund hin, Freund her! Es gibt noch andere Leute, die Deine und Margots Freunde sind. Nicht jeder Freund hat das Zeug, ein tüchtiger Brautführer zu sein. Hast Du Dir den Wilmersdorf denn einmal ganz genau angesehen, he?«
»Sehr oft«, antwortete Hugo unter einem ahnungsvollen Lächeln. »Diese dünnen krummen Beine!«
»Hm! Nicht sehr schlimm.«
»Stumpelnase.«
»Ein Wenig!«
»Drei Haare im Schnurrbart!«
»Vielleicht doch einige mehr, Exzellenz!«
»Unsinn! Da siehe mich einmal dagegen an! Hier, guck her!« Er drehte sich einige Male um seine eigene Achse und fuhr dann fort: »Habe ich etwa dünne Beine?«
»Nein, Exzellenz«, antwortete Königsau.
»Oder sind sie krumm?«
»Nicht im Mindesten!«
»Ist meine Nase stumpelig?«
»O nein.«
»Oder fehlt es meinem Barte an Melissengeist?« »Exzellenz haben allerdings kein solches Frühbeetmittel nötig. « »Na also. Oder ist dieser Leutnant von Wilmersdorf etwa ein honnetterer Kerl als ich?«
»Das glaube ich nicht.«
»Du glaubst es nicht? Ah, Du glaubst es bloß nicht. Sieh doch einmal an! Kerl, mache mir keine dummen Witze, sonst heirate ich Dir die Margot vor der Nase weg! Ich sage Dir: Wäre ich fünfzehn Jahre jünger, so müsste sie meine Frau werden. Da ich aber nun einmal das Pech habe, so ein alter Methusalem zu sein, so will ich wenigstens das Vergnügen haben, ihr Brautführer zu sein. Verstanden?«
»Zu Befehl, Exzellenz!«
»Zu Befehl? Lauf zum Kuckuck mit Deinem Befehl! Diese Geschichte soll nicht durch einen Armeebefehl erzwungen werden. Liegt Dir nichts daran, so tue den Schnabel auf.«
»O, Durchlaucht, es gereicht mir ja nicht bloß zur größten Ehre, sondern es gewährt uns auch das innigste Glück, Ihren Wunsch zu erfüllen!« »Na also! Endlich nimmt der Mensch drei Zoll Verstand an. Nun führe ich die Margot bis in die Ehe, und dieser Leutnant von Wilmersdorf mag Hunde führen bis Bautzen. Aber sagtest Du nicht, dass dieser Richemonte an Margot geschrieben hätte?«
»Ja, bereits dreimal.«
»Ah. Wie kann sie sich mit diesem Kerl in Briefwechsel stellen!« »Das fällt ihr gar nicht ein.«
»Aber sie hat ihm doch geantwortet?«
»Nein.«
»Wo befindet er sich jetzt?«
»Für zwei Wochen in Straßburg.«
»Habt Ihr seine Adresse?«
»Ja. Er erwartet dort unsere Antwort.«
»Das ist gut. Da wissen wir, wo der Herr Urian zu finden ist. Was schreibt er denn?«
»Margot soll mich verlassen und zu ihm kommen.« »Der Kerl ist verrückt! Das Mädel wird Dich eben aufgeben!« »O, er gibt einen sehr gewichtigen Überredungsgrund an.« »Da bin ich doch neugierig.«
»Margot ist arm; er aber will, sobald sie mich verlässt und zu ihm kommt, sie zu einer reichen, ja zu einer steinreichen Erbin machen.« »Sapperlot! Welcher Krösus ist denn gestorben?« »Reillac. «
Blücher fuhr erstaunt zurück.
»Reillac?«, fragte er in einem unendlich gedehnten Tone. »Ja.«
»Natürlich ist er tot! Aber, er ist es, den sie beerben soll?« »Er und kein Anderer.«
»Da sollen doch gleich tausend Bomben platzen! Wie geht das zu?« »Wissen Euer Exzellenz, dass Baron Reillac sehr, sehr reich war?« »Ja. Aber er war reich, weil er ein großer Schuft war. Er machte den Gurgelabschneider und sammelte sich als Armeelieferant Millionen, während die armen Soldaten hungern mussten und in Lumpen gingen.« »Erinnern sich Exzellenz auch noch meiner früheren Mitteilung, dass Napoleon Margot gesehen hatte?«
»Ja, er hatte ein Auge auf sie geworfen, oder auch wohl alle beide.« »Nun, es ist im Plane gewesen, dass Reillac sie heiraten solle.« »Der? Dem sollte ein heiliges Wetter auf den Leib fahren, aber kein solches Prachtmädel, wie die Margot ist. Aber hätte der Kaiser denn dazu seine Einwilligung gegeben?«
»Natürlich! Von diesem ist ja der Plan ausgegangen. Margot sollte als Baronin de Reillac am kaiserlichen Hofe Zutritt erhalten.« »Ah, damit Napoleon Gelegenheit erhalte, sie zuweilen beim Kopfe zu nehmen? Das mag er sich vergehen lassen! Jetzt mag er auf St. Helena Käse reiben, aber an solche Sachen mag er ja nicht denken.« »Richemonte hat die Hand dabei im Spiele gehabt. Er schreibt, dass Reillac gestorben sei, ohne einen nahen Erben zu hinterlassen.« »Was geht das Margot an?«
»Er schreibt ferner, dass er die schriftliche Einwilligung des Kaisers zur Verheiratung Margots mit Reillac in den Händen habe.« »Ah. Das galt damals als vollzogene Verlobung!« »Auch jetzt noch?«
»Hm. Kommt auf Umstände an. Ich bin kein Advocat oder Rechtswurm.« »Ferner hat Reillac ein Testament hinterlassen.« »Doch? Also gibt es einen Erben.«
»Ja.«
»Wer ist es?«
»Eben Margot.«
»Heiliges Pech! Margot? Inwiefern denn?«
»Reillac hat seine Verlobung oder die kaiserliche Einwilligung dadurch erkauft, dass er für den Fall seines Todes Margot als unumschränkte Erbin seiner sämtlichen Hinterlassenschaft einsetzte.« »Welch ein Glück für Euch, oder welch eine Schande für Euch.« »Kein Glück, sondern eine Schande, wenn Margot akzeptierte.« »Richtig, mein Junge. Du bist ein tüchtiger Kerl und hast Ehre im Leibe. Aber wo befindet sich das Testament?«
»Richemonte hat es.«
»Wird es echt sein?«
»Es müsste geprüft werden.«
»Dem Kerl ist Alles zuzutrauen. Aber ein Esel ist er doch, ein großer Esel.« »Inwiefern, Exzellenz?«
»Er will mit diesem Testamente Margot zu sich locken?« »Ja, wie ich bereits sagte.«
»Wenn sie ihm aber nicht folgt –?«
»So soll sie keinen Genuss davon haben.«
»Unsinn. Es wäre leicht, ihm das Testament abzunehmen. Dazu sind die Behörden da, und eben darum ist er ein großer Esel, mein Junge.« »O, Durchlaucht, er würde das Testament versteckt halten und sagen, dass er die Unwahrheit gesagt habe, er würde behaupten, dass die Erfindung von dem Testamente nur eine Lockung gewesen sei.« »Das ist allerdings richtig. Was sagt Margot dazu?« »Sie will natürlich nichts von ihm wissen.«
»Und von der Erbschaft?«
»Auch nichts.«
»Brav. Ihr habt zwar Beide kein Vermögen, aber ich will schon für ein rasches Avancement sorgen, und dann leidet Ihr ja keine Not.« Die Züge Königsaus verdüsterten sich.
»O, Exzellenz«, sagte er, »mit dem Avancement wird es vorüber sein.« »Vorüber?«, fragte Blücher. »Warum?«
Königsau deutete zum zweiten Male nach der Narbe und antwortete: »Hier liegt der Grund.«
»Donnerwetter! Ist so eine ehrenvolle Narbe etwa ein Schandfleck?« »Ganz und gar nicht.«
»So brauchst Du Dich doch auch nicht wegen ihr zu schämen, fort zu dienen.«
»Zu schämen? Ganz und gar nicht, Durchlaucht!« »Nun, und dennoch soll sie der Grund sein, dass es mit dem Avancement vorüber ist? Das begreife, wer da will, ich aber nicht. Königsau lächelte trübe, beinahe bitter. »Haben Exzellenz nicht vorhin selbst gesagt, dass in meinem Kopfe irgendein Rad zersprungen sei?«, fragte er.
Blücher ahnte, was da kommen werde, darum antwortete er rasch: »Papperlapapp. Das war ja nur im Spaße gesagt.« »Ich weiß das, und dennoch ist es bitterer Ernst.« »Unsinn.«
»Mein Gedächtnis hat gelitten –«
»Meinetwegen.«
»Es ist nicht mehr zuverlässig.«
»Doch bloß in dem einen vorhin erwähnten Punkte.« »Bisher, ja. Aber es kann mich in jedem Augenblicke bei jedem Punkte, der vielleicht von größter dienstlicher Wichtigkeit ist, ebenso verlassen.« »Donner und Doria. Wer sagt das?«
»Die Ärzte.«
»Welche Ärzte?«
»Die mich behandelten und die, als Sachverständige, jetzt über meine Zukunft zu entscheiden haben.«
Blücher blickte ihn mit einem ganz eigentümlichen Ausdrucke an. »Sachverständige?«, fragte er. »Zukunft? Entscheiden?« »Ja.«
»Ich verstehe das nicht.«
»Ich wollte es auch nicht verstehen, sah mich aber bald dazu gezwungen. Ich werde meinen Abschied fordern müssen.« »Abschied? Kerl, ist Er verrückt?«, rief der Marschall. »O, man hat es mir bereits angedeutet.«
Da trat Blücher an das Fenster, blickte ein Weilchen stumm hinaus und drehte, als er seiner Gefühle Herr geworden war, sich wieder um. Seine Wangen waren rot geworden, und seine Augen schimmerten feucht, als er in scheinbar ruhigem, aber aufrichtig herzlichem Tone sagte: »Also Dir hat man angedeutet, dass Du Deinen Abschied fordern sollst?« »Ja.«
»So einem jungen, talent- und hoffnungsvollen Offizier. Was hast Du zu tun beschlossen?«
»Zu gehorchen.«
»Auch wenn ich Dir abrate?«
»Auch dann!«
»Millionendonnerwetter! Kerl, warum auch dann?« »Weil ich den Abschied erhalte, wenn ich ihn nicht fordere.« »Da werde ich mich doch in der Länge und der Breite dazwischen legen.« »Ich bin Exzellenz außerordentlich verbunden! Aber, darf ich aufrichtig reden?«
»Rede nur gerade so, wie Dir's vom Maule kommt!« »Ihre Intervention würde allerdings mächtig genug sein, mich zu halten; aber ich würde denn doch den Verhältnissen und den nächsten Vorgesetzten gegenüber zu kämpfen haben.«
»Diese vorgesetzten Hallunken sollte der Teufel holen!« »Das geht nicht so schnell. Es würde da Scherereien geben, die –« »Ja, ja«, fiel Blücher schnell ein. »Ich weiß, was Du meinst. Es gibt so kleine, ganz kleine Teufeleien, die in fürchterlicher Menge und Schärfe kommen und gegen welche ich Dich nicht schützen könnte. Ich kann Dir da allerdings nicht Unrecht geben, armer Kerl!«
»Und wie nun, wenn die Ärzte wirklich Recht haben?« »Mit dem Rade im Kopfe?«
»Nicht in dieser Bedeutung, Exzellenz. Meine Denk- und Urteilskraft hat nicht im Mindesten gelitten; wie aber, wenn dies nur so scheint? Meine Wunde verursacht mir mancherlei Schmerzen und Beschwerden. Wenn ich gerecht und unparteiisch denke, so muss ich die Möglichkeit zugeben, dass eine so bedeutende Hirnverletzung noch schwerere, unvorhergesehene Folgen nach sich ziehen kann.«
»Mensch, Du bist ein Schwarzseher!«
»Ich bemühe mich nur, keine Eventualität unberechnet zu lassen.« »Mag sein! Aber schade, jammerschade ist es doch! Also Du bist wirklich gewillt, um Deinen Abschied einzukommen?« »Fest gewillt.«
»Na, meinetwegen! Tue es! Aber wenn denn?« »So bald als tunlich.«
»Unsinn! Hat Dein Kopf etwa so gelitten, dass Du über einem solchen Gesuche drei Vierteljahre zubringen wirst?«
»Nicht ganz«, antwortete Königsau lächelnd.
»So schreibe es heute!«
»Exzellenz, ich erlaube mir die Meinung, dass –« »Unsinn! Maul halten! Wer hat hier eine Meinung zu haben, Er oder ich?«, donnerte da der Alte los. »Mache Er die Sache kurz. Hat Er während Seines Krankenlagers das Schreiben verlernt?«
»Nein«, antwortete Königsau kurz.
»Gut! Dort sieht Er Dinte, Papier und Gänsewische. Reiße Er sich eine Feder heraus. Das Messer, sie zu schneiden, liegt auch dort. Dann setze Er sich hin, und fertige Er sein Gesuch. Ich werde mir inzwischen eine andere Pfeife anbrennen. Also gehe Er los! Aber so kurz wie möglich.« Königsau gehorchte. Er setzte sich. Auf dem Tische lag ein ganzer Federwisch, der Flügel einer Gans, wie man sie zum Ausfegen und Abstäuben damals in Gebrauch hatte. Er riss sich eine Feder heraus, schnitt sie, da sie nicht gezogen war, mühsam zurecht, und schickte sich an, zu schreiben.
»Halt!«, meinte da der Marschall. »Wie denkt es sich besser nach, mit Pfeife oder ohne Pfeife?«
»Mit!«, antwortete Königsau.
»So stopfe Dir eine, ehe Du die Klexerei beginnst. Da, greif zu!« Der Leutnant musste gehorchen. Er stopfte sich eine holländische Tönerne, setzte sie in Brand und begann dann.
»Halt!«, rief der Alte abermals. »An wen adressierst Du das Gesuch?« »Vorgeschriebener Weise an das Regimentscommando.« »Unsinn! Dich geht diese vorgeschriebene Weise ganz und gar nichts mehr an. Man will Dich los sein, und man soll den Willen haben. Aber mit diesen Kerls sollst Du nun auch nicht mehr schriftlich verkehren.« »An wen meinen Exzellenz sonst, dass ich adressieren soll?« »Wie? Was? Das leuchtet Dir nicht ein?«
»Nein.«
»Da schlage doch das Wetter drein! Muss ich Dich denn geradezu mit der Nase hineindrücken? Du adressierst Dein Abschiedsgesuch an mich alten Hallunken; das ist das Gescheiteste, was Du tun kannst.« »Mit Übergehung sämtlicher anderer Competenzen?«
»Jawohl, anders nicht.«
»Ganz, wie Exzellenz befehlen!«
»Ja, das befehle ich. Und nun fange endlich einmal an. Drücke aber vorher den Tabak nieder, sonst fällt er Dir aus der Pfeife auf das Papier herunter.« Königsau schrieb. Er gab sich trotz der Eile die möglichste Mühe; als zehn Minuten vergangen waren, legte er die Feder weg. »Fertig?«, fragte Blücher.
»Ja.«
»Vorlesen!«
Königsau erhob sich vom Stuhle, nahm den Bogen empor und begann: »An seine fürstliche Durchlaucht, Herrn Feldmar –« »Halt!«, donnerte da Blücher. »Das ist die Überschrift?« »Ja.«
»Die Adresse?«
»Ja.«
»Meine Adresse?«
»Allerdings.«
»Kerl, Dich soll der Teufel reiten! Wenn so ein vorgesetzter Kerl von Dir an mich schreibt, so verlange ich allerdings, dass er Alles, Alles bringt, nämlich den Fürsten, den Gebhardt Leberecht, den Marschall, die Exzellenz, den alten Blücher, die Durchlaucht, die Hoheit und das Euer Gnaden. Wehe ihm, wenn er ein Jota weglassen wollte. Aber wenn Du, der Zurückgesetzte von diesen Vorgesetzten, mir schreibst, so ist das überflüssig. Ich will diesen Kerls beweisen, dass ich Etwas auf Dich halte. Wie viele Zeilen hat denn Dein Gesuch?«
»Zweiundfünfzig.«
»Mein Gott, zweiundfünfzig! Ist denn solch ein Quirlquatsch nötig? Setze Dich hin, und nimm einen anderen Bogen. Ich werde Dir diktieren.« Königsau gehorchte.
Blücher steckte die Pfeife ordentlich in Brand, lief nachdenklich im Zimmer auf und ab und fragte nach einer Weile: »Kann's losgehen?« »Ja.«
»Gut, also jetzt! Was haben wir heute für Einen?« »Den Dreiundzwanzigsten.«
»Ah, ja, übermorgen ist ja Weihnachten. Also gerade zu Weihnachten lässt Du Dich trauen? Das freut mich, und das passt mir. Hast Du die Feder auch gehörig eingetunkt?«
»Ja.«
»So schreibe! Berlin den dreiundzwanzigsten December 1816. An meinen Freund und Gönner Gebhardt Leberecht von Blücher. – Fertig?« »Ja.«
»Also weiter! Lieber Freund und Kampfgenosse! Ich habe einen gottserbärmlichen Schmiss über den Kopf bekommen. Ich soll deshalb den Abschied nehmen. Ich tue es hiermit. Gib mir ihn! Von Dir ist er mir lieber, als von Anderen; denn Du weißt, dass ich meine Pflicht getan habe. Dein treuer Hugo von Königsau, Leutnant.«
»Fertig?«, fragte er eine Minute nach dem letzten Worte. »Ja«, antwortete Hugo.
»Na, weißt Du nun, wie ein Abschiedsgesuch gemacht wird?« »Exzellenz, die Worte wollten mir nicht aus der Feder.« »Warum nicht?«
»Dieser Scherz ist mir allerdings ein erfreulicher Beweis Ihres –« »Unsinn!«, unterbrach ihn Blücher. »Es ist kein Spaß, sondern mein Ernst. Zeig mal her! Hast Du Streusand drauf?«
»Noch nicht.«
»Schütt Tabaksasche drauf! Die löscht viel besser als Sand.« Dies wurde getan, und dann nahm Blücher den Bogen her, um ihn zu lesen. »Hast wirklich keine üble Hand«, meinte er. »Deines ist besser zu lesen als meines. Rate, wer das zu lesen bekommt.«
»Ich habe keine Ahnung, Exzellenz.«
»Keine Ahnung? Dummkopf, wer anders als der König!« Königsau hatte sich das gedacht, aber er erschrak dennoch. »Exzellenz!«, meinte er zögernd. »Es scheint mir, als ob in diesem Falle das Gesuch denn doch eine veränderte Fassung erhalten müsste.« »Eine andere Fassung? Wie meinst Du das? Den Bogen zusammengebrochen? Das versteht sich ja ganz und gar von selber. Es kommt sogar ein Couvert darüber.«
»Ich meine, dass der Inhalt durch veränderte Worte ausgedrückt werden müsse.«
Blüchers Brauen zogen sich zusammen. »Die Worte verändert?«, fragte er. »Ja, so einigermaßen.«
»Mensch, Kerl, Junge, Königsau, was fällt Dir ein! Denkst Du etwa, dass ich kein Gesuch entwerfen kann?«
Hugo erschrak. »Exzellenz«, beeilte er sich, zu antworten, »ich bin vollständig überzeugt –«
»Oder, dass ich nicht diktieren kann?«, unterbrach ihn Blücher. »Dieses Gesuch ist ein stylistisches Meisterwerk, und der König bekommt es zu lesen. Damit pasta und punktum. Aber nun weiter. Wie steht es mit diesem Richemonte? Wollen wir ihn abfangen?«
»Ich weiß nicht, ob dies möglich ist.«
»Warum nicht? Du weißt ja seinen Aufenthalt.« »Aber Straßburg gehört zu Frankreich.«
»Das ist egal. Wie heißt in Frankreich der oberste Ankläger?« »Generalprocurator.«
»Nun gut. An diesen Generalprocurator schreibe ich. Ihm schicke ich die Anklage. Und dann will ich sehen, ob man es wagen wird, einen Antrag des alten Blücher unbeachtet zu lassen. Was hattet Ihr diesem Richemonte an der Leiche seines Opfers abgenommen?«
»Reillacs Börse und Brieftasche.«
»Ist es erwiesen, dass Beides diesem gehörte?« »Sein Wappen und Namenszug befindet sich darauf.« »Das ist hinreichend. Ihr habt die Leiche begraben?« »Ja.«
»Könntest Du die Stelle heute noch finden?«
»Ganz gewiss.«
»Es wäre ja möglich, dass man Deine Gegenwart forderte. Hast Du die Ermordung direkt gesehen?«
»Nein.«
»Das ist dumm. Nun kann er leugnen.«
»O, doch nicht. Ich sah ihn mit Reillac beisammen. Nach einer Entfernung von kaum fünf Minuten kehrte ich zurück. Richemonte war fort, Reillac aber lag erstochen am Boden. Er war noch warm. Es fehlten ihm die Gegenstände, welche wir dann bei Richemonte fanden.« »Das ist allerdings genug. Wie mag das Testament in die Hände des Kapitäns gekommen sein?«
»Vielleicht ist es gefälscht. Ist es jedoch wirklich echt, so kann es für Reillac ja irgendeinen Grund gegeben haben, es den Händen Richemontes anzuvertrauen.«
»Das ist wahr«, meinte Blücher. »Richemonte hat kein Vermögen?« »Nein, aber desto mehr Schulden, wie Exzellenz ja bereits wissen.« »Dann muss es allerdings verteufelt fatal für ihn sein, in diesem Testament ein riesiges Vermögen in der Hand zu halten, von welchem er nicht einen Heller erhalten wird.«
»Deshalb will er Margot zu sich locken.«
»Ja, er würde die Erbschaft für sie erheben und dann schleunigst durchbringen. Das soll ihm nicht gelingen. Na, übermorgen bin ich bei Euch, da besprechen wir Alles, und dann wird gehandelt. Jetzt kannst Du Dich von dannen trollen, mein Junge. Grüße mir die Margot und auch die anderen beiden Frauen! Das Abschiedsgesuch wird besorgt, Adieu!« »Adieu, Exzellenz!«
Er ging. War er durch seine kaum überwundenen Leiden in eine trübe Stimmung versetzt und dann durch den Wink, seinen Abschied zu nehmen, verbittert worden, so hatte ihn jetzt die Unterredung mit dem alten Haudegen förmlich erquickt und wieder aufgerichtet. Er kehrte mit frischem Mute zu den Seinigen zurück.
Zwar war es wahr, dass er keinen Reichtum besaß. Das kleine Gut, welches er sein Eigentum nannte, brachte nicht mehr ein, als er zur notwendigen Befriedigung bescheidenster Lebensansprüche bedurfte; aber wenn er die Augen seiner Margot so glücklich und vertrauensfreudig auf sich gerichtet sah, so war es ihm, als ob es niemals einen Tag geben werde, an welchem er mit seinem Schicksale hadern könne.
»Hat er Dich freundlich empfangen?«, fragte sie, als er sich neben ihr niedergelassen hatte.
»Er hat mir wahrhaftig die alte Zuneigung und Güte bewahrt«, antwortete er. »Lass Dir nur erzählen, meine Margot.«
Er berichtete, und sie freute sich, als sie seine Augen nach so langer Zeit wieder vor Freude und Vergnügen leuchten sah. Und als er geendet hatte, meinte sie im Tone innigster Überzeugung: »Blücher ist nicht der Mann, Etwas fallen zu lassen, was er einmal ergriffen hat. Glaube mir, dass er bemüht sein wird, Dich für die Untätigkeit zu entschädigen, in welche man Dich zwingen will.«
Und sie hatte Recht.
Der Weihnachtstag kam heran, und Hugo erhielt das kostbarste Geschenk, welches ihm jemals an diesem Tage geworden war: ein Weib, wie es schöner, lieber und besser kein Mensch besitzen konnte. Wie entzückend war Margot in ihrem einfach weißen Brautkleide! Sie glich einem überirdischen Wesen und wurde durch keine Brillanten, durch keine künstlichen Raffinements, sondern nur durch die eigenen Reize, die eigene Lieblichkeit geschmückt.
Die Gäste waren schon alle versammelt, als der Marschall erschien. Er hatte seinen beiden Lieblingen zu Ehren seine beste Hof-, Parade- und Galauniform angelegt. So alt er war, als er eintrat, schien ein Hauch erhöhter Jugend und gesteigerten Wohlbefindens durch die Versammlung zu wehen. Das ist stets der Fall, wenn ein Charakter naht, welchem die Stimme der Natur mehr gilt als die störenden Ansprüche einer berechnenden und künstlich emporgeschraubten Welt.
»Guten Tag alle mitsammen!«, rief er heiter, indem er sich umblickte. »Donnerwetter, ist das ein Weihnachten! Da bringt das Christkind Braut und Bräutigam. Ich wollte, ich könnte es auch noch einmal so gut haben. Langt zu, Ihr Jüngeren! Wo ist denn dieser Mosiöh, der Herr Leutnant von Wilmersdorf?«
»Hier, Exzellenz«, meldete sich der Genannte, indem er vortrat und die Fersen klirrend zusammenschlug.
Blücher betrachtete ihn vom Kopfe bis zu den Füßen herab und sagte dann: »Also Er ist der Urian, der mir die Brautführerschaft wegschnappen wollte? Mit ihm sollen doch gleich drei Schock Schulpferde durchbrennen!« Der Leutnant wurde einigermaßen verlegen, fasste sich aber und sagte: »Mit Verlaub, Exzellenz, ich hatte keine Ahnung davon, dass ich mit meinem Oberfeldherrn rivalisierte. Ich trete feierlichst zurück.« »Er muss auch! Ob er das feierlich tut oder nicht, das kommt ganz und gar auf Seinen Geschmack an. Na, Scherz muss sein! Damit Sie aber sehen, Leutnant, dass ich Sie nicht ganz berauben will, so sollen Sie wenigstens jetzt Gelegenheit erhalten, den Brautführer zu machen. Wo befindet sich Fräulein Margot?«
»Im Nebenzimmer.«
»Eigentlich hätte ich sie aufzusuchen; aber um Ihnen die besagte Gelegenheit zu geben, so gehen Sie einmal und bringen Sie sie mir herbeigebracht!«
Der Leutnant entfernte sich eilig, um diesem Gebote Folge zu leisten. Unterdessen unternahm Blücher es, Königsau und die Anderen zu begrüßen. Als dann aber Margot eintrat, machte er eine Miene größter Überraschung.
»Millionendonnerundhagel!«, rief er. »Ist das wirklich unsere Margot?« Und Recht hatte er. Ein wahrhaft reines und braves Mädchen macht als Braut den Eindruck, als ob sie eine ganz Andere sei. Er ließ sie nicht völlig herankommen, sondern er schritt in einer Haltung und mit einer Courtoisie auf sie zu, als ob sie die Prinzessin eines königlichen Hauses sei. Er zog ihre Hand galant an seine Lippen, blickte ihr liebevoll in die Augen, als ob er ihr Vater und sie seine Tochter sei und sagte dann mit sichtlicher Rührung: »Fräulein, wissen Sie, dass der alte Blücher nicht mehr lange leben wird? Wenn ich es mir auch nicht merken lasse, aber ich bin überzeugt, dass dieser armselige Klapperbein doch so langsam seine Hand nach mir ausstreckt. Es ist mir nicht viel Vergnügen mehr beschert, und so sage ich Ihnen aufrichtig, dass die Freude, welche ich gegenwärtig empfinde, wohl die beste und reinste sein wird, die ich noch genieße.«
Diese Worte des alten Helden machten einen eigentümlichen, tiefen Eindruck, den er aber bald durch einige seiner jovialen, derben Scherzworte wieder zu verwischen trachtete. Es gelang ihm dies auch recht gut. Es hatte sich ganz von selbst herumgesprochen, dass Blücher sich ausgebeten habe, bei Königsaus Hochzeit der Führer der Braut zu sein. Daher kam es, dass in der Kirche ein so dicht gedrängtes Publikum vorhanden war, als ob Gottesdienst gehalten werde. Die anwesenden jungen Männer beneideten den Leutnant um die schöne Französin, welche er sich als Kriegsraub mitgebracht hatte, und alle Damen gönnten dem schönen, hoch gewachsenen und mit einer solchen Narbe geschmückten Manne das Glück, welches er sich erobert hatte. Und sie Alle, ohne Ausnahme, freuten sich darüber, dass Blücher um eines einfachen und armen Leutnants willen die stolzen Regeln der hohen Gesellschaft verletzt hatte und nur seinem Herzen gefolgt war.
Als die Trauung vorüber war und die beiden Glücklichen den Segen des Priesters empfangen hatten, nahm Blücher Königsau bei der Hand und sagte: »Junge, nun ist sie Deine Frau. Halte sie wert wie den größten Edelstein, den es auf der Erde gibt. Tue mir das zu Gefallen!« Und Margot drückte er einen leisen Kuss auf die Stirn, bevor er ihre Hand ergriff und ihr sagte: »Mein Kind, er ist ein tüchtiger Kerl. Mache es ihm leicht, wenn das Leben ihm verweigert, was er verdient hat. Der warme Blick einer Frau macht alles Unrecht und alle Kränkung gut!«
Er hatte ganz unwillkürlich, so wie es in seiner Gewohnheit lag, so laut gesprochen, dass man es durch die ganze Kirche hörte. Seine einfachen schlichten Worte brachten eine tiefe Rührung hervor, tiefer als die Rede des Geistlichen es vermocht hatte. Es gab unter ihnen allen kein Paar, dem ein solcher Mann eine solche Traurede gehalten hatte. Aber dann später, als die Festgäste beim Mahle saßen, floss mancher Witz aus dem Munde des Alten, welcher noch das Herz und Gemüt eines Kindes und den Mut und die Lebenslust eines Jünglings besaß. Hier und da war auch ein Wort zu hören, welches nicht ganz im Einklange mit der Subordination stand; er aber überhörte das.
Endlich stand er auf und sagte: »Kinder, wir haben heute schon die ganze Zahl von Toasten gebracht, welche an einem solchen Tage notwendig sind. Was ich jetzt bringen will, ist kein Toast, sondern eine Bitte. Komme her, Königsau, mein Junge, schenke mir noch einmal ein! So! Und nun hört, Ihr Leute, der alte Blücher ist heut zu Tage ein berühmter Mann, woraus er sich aber den Teufel macht. Man wird von ihm reden und erzählen. Die Scriblifexers werden Geschichten von ihm erzählen, allerhand Wahres und Falsches; ja in den Schulen wird es Weltgeschichtsbücher geben, in denen auch sein Name steht; aber was bringt das ihm für einen Nutzen? Keinen. Er weiß doch, dass Alles, was er mit dem Säbel mit Hilfe Gottes und seiner Soldaten zu Stande gebracht hat, durch die Federfuchser wieder verdorben wird. Nach jedem Delirium tritt eine Abspannung ein, und einem Jahre der Begeisterung pflegt ein Jahr der Reaction zu folgen. So wird es auch hier sein. Was wir mit Blut errungen haben, wird für Tinte wieder futsch gehen. Man wird nicht halten, was man versprochen hat. Aber ich sage Euch, dass der liebe Gott doch weiß, was er will. Das Blut eines Volkes ist ein kostbarer und fruchtbarer Samen, welcher sicher, wenn auch früher oder später Früchte bringen muss. So wird auch einst die Zeit kommen, in der Deutschlands große Ernte beginnt. Ich erlebe es nicht, Ihr aber könnt es wohl noch wachsen und reifen sehen. Wenn dann an dem Baume unserer Taten die Früchte hängen, welche uns leider für dieses Mal von den Diplomatenwürmern und Politikermaden abgefressen werden, dann denkt an Euern alten Blücher. Und solltet Ihr es nicht erleben, so sagt es Euern Kindeskindern, dass sie dann, wenn der Deutsche wieder dreingehauen hat und es kein solches Ungeziefer mehr gibt, das Glas zur Hand nehmen und es leeren auf das Andenken des alten Marschalls Vorwärts, der am Liebsten den ganzen Wiener Congress ebenso zusammengehauen hätte wie die Frauenzimmer jenseits des Rheins! Es ist das letzte Glas, welches Ihr in diesem Leben mit dem Gebhardt Leberecht trinkt!« Die Wirkung dieser Worte und der Eindruck, welchen sie hervorbrachten, lässt sich gar nicht beschreiben. Die Versammlung war auf das Tiefste ergriffen. Der Alte hatte seiner Erbitterung hier einmal Luft gemacht; er hatte dann gesprochen wie ein Prophet des alten Testaments, welcher dem Volke Gottes den Vorhang der Zukunft öffnet, und endlich war sein letzter Wunsch für sie ein Vermächtnis geworden, welches sie, Kinder und Kindeskinder zu vererben hatten. Es war ein Augenblick, so feierlich wie bei solchen Gelegenheiten selten einer. Die Gläser wurden still und wortlos geleert, als ob man sich scheue, die Heiligkeit dieses Momentes zu entweihen.
Blücher aber war es selbst, welcher es unternahm, die vorige fröhliche Stimmung wieder hervorzurufen. Er sagte nämlich, auf eine Seitentafel zeigend, auf welcher man die Hochzeitsgeschenke geordnet hatte: »Aber jetzt schaut einmal dorthin, Kinder! Was werdet Ihr sagen? Ihr werdet meinen, der alte Isegrimm könne wohl Reden halten, aber die Hauptsache habe er vergessen. Da irrt Ihr Euch jedoch. So Etwas lasse ich mir nicht nachsagen. Ich bin kein reicher Kerl, und Ihr wisst, Spiel und Wein haben mich immer ein Heidengeld gekostet. Wenn unser König nicht ein Einsehen gehabt hätte, so wäre ich oftmals bankerott gewesen. Große Gaben kann ich nicht bringen, ein Schuft gibt mehr als er hat; aber Etwas bringe ich doch. Da, Margot, nehmen Sie es hin, und geben Sie es Ihrem jungen Manne, wenn ich jetzt ausgerissen sein werde.« Er zog aus der Tasche seines Waffenrockes ein großes Couvert, welches er Margot überreichte. Sie nahm es zögernd entgegen und öffnete bereits die Lippen, um einen Dank und Sonstiges auszusprechen; er aber ließ sie gar nicht zu Worte kommen, sondern fiel ihr schnell ein: »Halt! Still, kleines Plappermäulchen! Ich mag nichts hören! Ich will nur verraten, dass der König herzlich gelacht hat, als er ein gewisses Abschiedsgesuch gelesen hatte. Und die gute Stimmung, in welcher sich die Majestät in Folge dessen befand, hat Euer alter Freund kluger Weise benutzt, um von einem gewissen Leutnant Königsau zu erzählen. Das ist Alles, was Ihr zu wissen braucht. Und nun lebt wohl! Seid so glücklich, wie ich es Euch wünsche, und tut mir den kleinen Gefallen, mich nicht allzurasch zu vergessen!« Er schob seinen Stuhl zur Seite und war, ehe sie es sich versahen oder es zu hindern vermochten, zur Tür hinaus. Hugo eilte ihm zwar nach, aber der Alte entging ihm mit fast jugendlicher Schnelligkeit. Nicht weit vom Hause hielt ein Wagen, in welchen er stieg, um schnell davon zu kommen. Hugo merkte, dass der alte Haudegen sich diesen Wagen zur bestimmten Zeit bestellt haben müsse.
Als er wieder zu seinen Hochzeitsgästen zurückkehrte, fand er diese voller Wissbegier, was das Couvert wohl enthalten werde. Ihnen zu Gefallen und weil er selbst auch eine gleich große Neugierde empfand, öffnete er es. Es enthielt zwei königliche Schreiben. Er las das erste durch und reichte es dann Margot hin. »Mein Abschied«, sagte er unter einem eigentümlichen Lächeln.
In diesem Lächeln war eine gewisse Freude nicht zu verkennen, obgleich sich in demselben auch der Schmerz um eine verlorene Lebensstellung, welche er mit Begeisterung auszufüllen bestrebt gewesen war, aussprach. Sie blickte ihm mit einer gewissen Besorgnis in die Augen. »Lies nur, liebes Herz!«, nickte er ihr aufmunternd zu. Sie tat es. Als sie fertig war, sagte sie mit unverkennbarer Genugtuung: »Allerdings Dein Abschied, mein Lieber, aber in den allergnädigsten Ausdrücken.«
»Und mit einer Art von Avancement«, fügte er hinzu. »Als Rittmeister, also Hauptmann, mit der Erlaubnis, die Uniform zu tragen. Das ist selbst in der Entsagung eine Freude.« Alle Anwesenden beglückwünschten ihn mit aufrichtigem Herzen. »Und nun das Andere!«, bat Frau Richemonte. Königsau öffnete auch das zweite Schreiben. Als er es rasch überflogen hatte, erheiterte sich sein Gesicht zusehends.
»Da, liebe Margot«, sagte er. »Das haben wir unserm guten, alten Marschall zu verdanken.«
Sie griff nach dem Papiere und las die Zeilen.
»Ist das möglich?«, fragte sie, auf das Freudigste überrascht. »Was? Was?«, ertönte es rund im Kreise.
»Ein Geschenk«, antwortete sie. »Ein königliches Geschenk, wie wir es uns gar nicht träumen lassen konnten.«
»Wohl gar eine Dotation?«
»So etwas Ähnliches. Seine Majestät macht für im Kriege geleistete wichtige Dienste meinen Hugo zum Besitzer des Gutes Breitenheim.« Das machte Aufsehen. Man fragte nach diesen wichtigen Diensten, und Königsau erzählte, wie er Napoleon und seine Marschälle belauscht habe und dadurch in den Stand gesetzt worden sei, Blücher und Wellington über die Absichten und Pläne des Kaisers auf das Genaueste zu unterrichten. Und dann fügte er hinzu: »Das ist ein Geschenk, welches alle Sorgen von uns fern hält, liebe Margot. Wir müssen um eine Audienz nachsuchen, um uns bei dem Könige persönlich zu bedanken. So viel habe ich nicht verdient. Wir haben das, wie bereits gesagt, nur Blüchern zu verdanken. Ich hätte höchstens an ein Avancement gedacht. Aber weißt Du, was dieses Geschenk besonders wertvoll für uns macht?« »Nun, mein Lieber?«
»Das ist der Umstand, dass Breitenheim mit meinem Gute zusammengrenzt. Ich glaube, Beide, der König sowohl, wie der Marschall, haben das mit in Rücksicht genommen. Mein Abschied machte mich trauriger, als ich es Euch merken ließ. Nun aber bin ich versöhnt. Ich habe jetzt ein neues Feld, ein Gebiet, auf welchem ich mit Segen für mich und andere wirken kann.«
Die Zukunft zeigte, dass dies ein wahres Wort gewesen sei. Die Audienz wurde bereits an einem der nächsten Tage erlangt. Natürlich begab sich das junge Ehepaar auch zu Blücher, um ihm Dank zu sagen. Bei dieser Gelegenheit wurde von der Anzeige gegen Kapitän Richemonte gesprochen. Blücher hatte diesen Gegenstand bereits auf der Hochzeit zur Sprache bringen wollen, dies aber wegen der Anwesenheit der Gäste unterlassen. »Soll ich ihn gerichtlich verfolgen lassen?«, fragte er. »Er hat es zehnfach verdient«, antwortete Königsau. »Aber Sie, Frau von Königsau? Er ist Ihr Bruder.« Margot zögerte eine Weile; dann antwortete sie: »Wird es hart erscheinen, wenn ich ihn verdamme?«
»Nicht im Geringsten. Wie aber denkt Ihre Frau Mutter?« »Gerade so wie ich. Er ist der böse Geist unseres Lebens gewesen, und wir haben ihn noch heute zu fürchten. Er ist uns ja nur Stiefbruder und Stiefsohn. Ich bin überzeugt, dass er Gelegenheit suchen wird, unser Glück nicht nur zu stören, sondern sogar zu vernichten.« »Gut, so wollen wir ihn unschädlich machen. Ich werde noch heute zu dem französischen Gesandten fahren, um ihm den Fall vorzustellen.« Er tat dies auch, und der Gesandte versprach ihm, das Gehörte schleunigst weiter zu verfolgen.
Doch kam es anders, als sowohl Blücher wie auch Königsau es sich gedacht hatten.
Der Letztere erhielt eine Vorladung vor Gericht, wo er seine Aussagen zu Protocoll zu geben und Börse nebst Brieftasche, sowie auch das damals in der Schlucht abgefasste Schriftstück zu deponieren hatte. »Wo befindet sich Richemonte?«, fragte er.
»In Straßburg in Gewahrsam«, lautete die Antwort. »Ist dieses Gewahrsam sicher?«
»Jedenfalls. Man pflegt wenigstens bei uns einen Mörder nicht so leicht einzuschließen.«
»In diesem Falle aber kommt die Anzeige vom Auslande, und die Deutschen werden von den Franzosen gehasst.« »Sie mögen Recht haben, obgleich ich das in meiner amtlichen Stellung allerdings nicht zuzugeben habe. Wünschen Sie, dass ich eine darauf bezügliche Bemerkung anfüge?«
»Sehr! Ich bitte, die Straßburger Behörde darauf aufmerksam zu machen, dass Richemonte ein höchst gefährlicher und auch unternehmender Mann sei, dem eine gewaltsame Flucht sehr wohl zuzutrauen ist.« »Ich werde das tun, obgleich ich nicht glaube, dass er zu fliehen so sehr nötig hat.«
»Ah, Sie meinen, dass man ihn von selbst entlassen werde?« »Hm! Ich kann nur sagen, dass bei den Herren Franzosen Alles möglich ist, sobald es nur gilt, uns zu zeigen, wie gern sie uns zu Diensten sind.« Es zeigte sich allerdings im Verlaufe der nächsten Monate, dass der Beamte ganz richtig vermutet hatte. Königsau hörte, dass Richemonte unter Bedeckung nach Sedan und von da in die Berge geführt worden sei. Hugo hatte mit Sicherheit erwartet, das man ihn dazu rufen werde; allein dies geschah nicht. Man schrieb dem Berliner Gerichte, dass die Angaben des Anklägers vollständig hinreichend seien, den Ort zu finden, an welchem der Baron de Reillac eingescharrt worden sei.
Kurze Zeit später wurde Königsau zur Amtsstelle zitiert. Es wurde ihm da mitgeteilt, dass Richemonte keineswegs getan habe, als ob er in der Schlucht unbekannt sei. Er hatte ganz im Gegenteile selbst und aus freien Stücken den Ort angegeben, an welchem er vor der Leiche Reillacs gestanden hatte. Und nun kam die Pointe, welche Hugo nicht wenig in Bestürzung brachte. Richemonte hatte nämlich den Spieß umgedreht und ausgesagt, der deutsche Leutnant und Spion sei es gewesen, welcher den Baron ermordet und beraubt habe; er trage mit allem Nachdrucke darauf an, diesen fest zu nehmen, um ihm den Prozeß zu machen. Was sollte Hugo antworten? Er war zur Zeit des Mordes wirklich dort gewesen; er hatte sich im Besitze der geraubten Sachen befunden, und er war es gewesen, der Reillac begraben hatte. Von den Soldaten, welche dabei gewesen sein sollten, war keiner beizubringen. Seine Aussage klang wie eine Fabel. Sollte er die Kriegskasse in Erwähnung bringen? Zum Glücke hatte er Margot und ihre Mutter, welche seinen Aussagen beitraten. Auch der Kutscher Florian, welcher ihm nach Deutschland gefolgt war und jetzt in seinem Dienste stand, trat als Zeuge für ihn auf. Dennoch aber wären Ungelegenheiten für ihn gar nicht zu vermeiden gewesen, wenn nicht Blücher ein gewichtiges Wort gesprochen hätte, in dessen Folge Königsau keine Unannehmlichkeiten zu erleiden hatte. Daraufhin erklärte die französische Behörde Folgendes: Es sind zwei Verdächtige da, ein Deutscher und ein Franzose. Beide klagen einander an. Der Deutsche ist der bei weitem Graviertere. Trotzdem sieht seine Behörde sich nicht veranlasst, gegen ihn einzuschreiten, und so nehme die französische Behörde ganz einfach an, dass der Fall nicht aufzuklären sei. Die Hinterlassenschaft Reillacs fiel sehr entfernten Verwandten von ihm zu, und Richemonte wurde auf freien Fuß gesetzt. Man hatte bei ihm nicht eine Spur von Reillacs Testament und auch nicht die kaiserliche Erlaubnis zur Verlobung Margots mit dem Barone gefunden. Er hatte, als seine an Margot gerichteten drei Briefe ihm vorgelegt worden waren, wirklich ausgesagt, dass er dieses Märchen erfunden habe, um seine Schwester zu retten; sie habe nicht die Frau des Mörders seines Freundes werden sollen.
Gerade um diese Zeit stand Hugo und Margot eine Überraschung bevor. Der junge Baron de Sainte-Marie besuchte sie in Berlin. Bertha Marmont, welche heimlich seine Frau geworden war, befand sich bei ihm. Sie hatte ihm ein Söhnchen geschenkt, zu welchem die Beiden und Frau Richemonte Pate standen. Dass er eine Meßalliance eingegangen sei, und zwar so ganz und gar gegen den Willen seiner Mutter, konnten die Paten nicht ändern. Sie bemerkten zu ihrer Beruhigung, dass er nicht mittellos sei, und schlossen hieraus, dass er von seiner Mutter freiwillig mit dem Nötigen bedacht worden sei.
Da Königsau für nötig hielt, auf seinen Gütern anwesend zu sein, verließ er Berlin. Auf diese Weise entging es ihm, wie unglücklich noch einige Zeit der Baron mit Bertha lebte. Später erhielt er von diesem einen Brief, in welchem er ihm anzeigte, dass Bertha mit dem früheren Kapitän Richemonte durchgegangen sei und dass er das Paar schleunigst verfolge. So war Richemonte doch in der Nähe gewesen, wohl um Rache zu nehmen. Nur das Zusammentreffen mit Bertha hatte ihn davon abgehalten. Eine geraume Zeit später schrieb die Baronin de Sainte-Marie an Frau Richemonte, dass sie ihren Sohn nun auch moralisch verloren habe. Sie hatte in Erfahrung gebracht, dass in Marseille seine arme Frau von ihm ermordet worden sei.
Seit jener Zeit blieb Kapitän Richemonte ebenso wie der Baron de Sainte-Marie spurlos verschwunden. Der Erstere hatte übrigens, meist in Folge davon, dass er wegen Verdacht des Mordes in Untersuchung gesessen hatte, übrigens aber auch aus anderen Gründen, aus der Armee treten müssen. Dass die beiden Genannten sich drüben in Afrika befanden, der Eine als Marabut und der Andere als Spion der Invasion, konnte Niemand ahnen. Nur der freundliche Leser hat es erfahren.
OceanofPDF.com