Die Liebe des Ulanen 2: Napoleons letzte Liebe
16. Kapitel
Nach diesen Ereignissen waren volle zwei Jahre vergangen, da kamen drüben im Süden von Algerien drei Reiter das Wadi (Tal) Guelb herabgeritten. Anstatt auf Pferden, saßen sie auf hochbeinigen Dromedaren, schienen aber sehr gut beritten zu sein, denn ihre Tiere gehörten zu jener grauhaarigen Race, welche Bischarihnkamele genannt werden. Zwei davon waren Europäer, Herr und Diener allem Anscheine nach. Der Dritte war ein Beduine, welcher ihnen als Führer diente. Er sprach mit ihnen jenes Gemisch von Arabisch, Französisch und Italienisch, welches an der Nordküste Afrikas gebräuchlich ist.
Es war noch am Morgen; aber die Sonne lag doch bereits brennend auf dem Sande und den Felsen der Wüste. Darum war es kein Wunder, wenn der Europäer sich nach einem Orte umsah, an welchem ein wenig Schatten zu finden sei, um in demselben während der heißen Mittagszeit einige Kühlung zu finden.
»Gibt es in der Nähe keinen Ruheort?«, fragte er den Führer. »Nein, Herr. Erst am Ziele, am Ende des Wadi finden wir Felsen und Mimosen, welche uns Schatten bieten.«
»Wie weit ist es bis dahin?«
»Zur Zeit des Mittags sind wir dort.«
»Und dort soll der Löwe sein?«
»Ja, dort ist der Herr des Erdbebens, welcher fast sämtliche Rinder des Stammes gefressen hat.«
»So lass die Tiere ausgreifen, dass wir den Ort baldigst erreichen. Der Führer zog eine einfache Holzpfeife hervor, um auf derselben, die nur drei Töne hatte, eine monotone Melodie zu pfeifen. Bei diesen Klängen stutzten die Kamele die Ohren und verdoppelten ihre Schritte. So ging es ohne Aufenthalt immer nach Osten. Die Sonne stieg höher und höher, und endlich, als sie den Zenith erreicht hatte, war auch das Versprechen des Führers erfüllt. Das Tal trat enger zusammen, zu seinen beiden Seiten stiegen hohe Felsen empor, und stachelige Mimosen bildeten kleine Wälder, in welchen es allerdings nicht ungefährlich war, Zuflucht vor dem Sonnenbrande zu suchen.
»Allah sei Dank!«, rief da der Führer. »Seht Ihr die Zelte?« »Wo?«
»Da links im Tale. Dorthin haben sich die Söhne der Wüste vor dem Löwen zurückgezogen. Reiten wir hin.«
»Werden wir willkommen sein?«
»Ja. Wir werden Salz, Brot und Datteln bekommen, denn diese Beduinen sind keine Tuareks, denen nicht zu trauen ist.« An der einen Seite des Wadi standen fünf einsame Zelte, vor denen einige Kamele und Pferde angebunden waren. Eine kleine Anzahl von Schafen weideten in der Nähe.
Als sich die Fremdlinge näherten, wurden die Zelte geöffnet, und die männlichen Bewohner traten hervor. Sie brachten Salz und Brot zum Zeichen des Willkommens und teilten auch ihre wenigen Datteln mit ihnen. Der Bey el urdi (Herr des Lagers) winkte den Führer abseits und fragte: »Wer sind die Fremdlinge, welche Du uns gebracht hast?« »Es sind zwei Franken«, lautete die Antwort.
»Ich liebe die Franken nicht. Wann reiten sie wieder ab?« »Wenn sie den Herrn des Erdbebens geschossen haben.« »Den Löwen? Allah 'l Allah! Sie wollen den Löwen schießen?« »Ja. Wir hörten, dass er hier in der Nähe sei.«
»Er hat sein Lager oben im Nebentale, welches Du von hier erblickst. Aber sie sind ja nur zu Zweien!«
»Und dennoch wollen Sie den Löwen schießen.« »Allah hat ihnen den Verstand genommen. Wir sind zu Sechzig ausgeritten, um ihn zu töten; er aber hat vier Männer von uns getötet und viele verwundet, ohne dass wir ihn bestrafen konnten.« »Hast Du noch nicht gehört, dass oft nur ein einziger Franke ausgeht, um den Löwen zu schießen?«
»Allah ist groß. Die Franken sind böse Geister, die sich nicht zu fürchten brauchen.«
Als der Führer zu seinem Gebieter zurückgekehrt war, teilte er ihm mit, was er erfahren hatte. Der Herr blickte nach dem Seitentale hinüber und schätzte die Entfernung mit dem Blicke ab.
»Wir bleiben hier, um beim Morgengrauen unser Heil zu versuchen. Endlich, endlich einmal ein Löwe. Ich hoffe, dass ich Wort halten kann!« Beide hatten ein echt militärisches Aussehen und sprachen jetzt reines Französisch miteinander. Der Diener antwortete: »Auch ich wünsche, dass wir einmal so ein Tier zu Gesicht bekommen. Es ist doch ein eigener Wunsch von einer Braut, die Haut und die Reißzähne eines Löwen zu besitzen. Dies Beides zu holen, ist gefährlich.« »Fürchtest Du Dich?«
»Nein. Ein Löwe ist doch nur eine etwas größere Katze.« »Hm. Eine etwas sehr große Katze sogar. Es geht mir gerade wie Dir, ich habe auch noch keinen wirklich wilden gesehen. Vielleicht wäre es gut, wenn wir während des Mittags die Gegend einmal recognoscierten.« »Das Seitental, wo das Vieh stecken soll?«
»Ja. Natürlich zu Fuße. Wir hätten nur eine halbe Stunde bis hinüber.« »Ich stehe zu Befehl, Herr Hauptmann.«
Einige Zeit später brachen sie auf, gerade so, als ob sie einen Gang auf Hasen oder Hühner unternehmen wollten.
Die Beduinen sahen ihrem Beginnen mit Kopfschütteln zu; es war ihnen ein wahnsinniges Wagestück.
Die Beiden wanderten über die Breite des Haupttales hinüber und schritten dann das weit engere Nebental empor. Es war mit Mimosen und Therebinthen bestanden und mit wirrem Fels und Geröll angefüllt. In diesem Tale sollte, wie sie bereits gestern erfahren hatten, ein männlicher Löwe sein Lager haben. Sie hofften, seine Fährte zu finden und so den Ort zu entdecken, wo sie ihn morgen bei Tagesgrauen aufsuchen wollten. Es ist wahr, dass der Löwe sich nur selten zur hellen Mittagszeit zeigt. Indessen, durch irgendeinen Umstand aus seiner Ruhe aufgescheucht, kann er doch einmal zum Vorschein kommen, und dann ist es gefährlich, ihm zu begegnen. Er rächt sich für die ärgerliche Störung. Indem sie so zwischen Busch und Felsen emporstiegen, blieb der Diener plötzlich halten und fasste den Herrn am Arme. »Um Gotteswillen, was ist das?«, fragte er, empor nach der Talwand deutend. Der Hauptmann folgte mit dem Blicke der angedeuteten Richtung und zuckte zusammen, ob vor Überraschung oder Schreck, das war schwer zu unterscheiden.
»Tausend Donner! Ein Löwe!«, flüsterte er. »Ja, das ist ein echter, richtiger Löwe und nicht so einer, wie man in der Menagerie findet. Was tun wir? Wagen wir es?«
Seitwärts vor ihnen und zwar etwas über ihnen kam ein riesiges Tier talabwärts geschritten, langsam und majestätisch im Bewusstsein seiner Riesenkraft. Noch zwei Minuten, so musste der Löwe die Beiden sehen. Der Diener war ein wagehalsiger Patron. Er antwortete: »Der Kerl ist gerade noch einmal so groß als ich mir ihn vorgestellt habe; aber geschossen wird er. Wer weiß, ob wir ihn morgen so vor die Büchse bekommen. Wohin schießt man ihn?«
»In das Herz. Nur im Notfalle zielt man in das Auge.« »Gut. Ducken wir uns hier hinter die Büsche nieder. Da sieht er uns nicht. Jeder hat zwei Kugeln; das gibt vier und wird genügen.« Gesagt, getan! Sie knieten hinter den Büschen nieder und legten die Gewehre an. Das Tier befand sich jetzt wohl dreißig Schritt vor ihnen und zwanzig Fuß höher als sie.
»Schieß Du zuerst«, befahl der Hauptmann. »Ich bleibe zur Sicherheit in Reserve.«
Er tat recht daran, wie sich sofort zeigte. Der Diener zielte und drückte ab. Der Schuss krachte, allein der Löwe blieb unversehrt. Die zweite Kugel traf ihn in den Leib, ohne ihn tödlich zu verletzen. Jetzt aber hatte er auch die Stelle bemerkt, von welcher aus er angegriffen worden war. Er stieß ein tiefes, fürchterliches Brüllen aus und kam herbeigesprungen. Dazu genügten ihm fünf Sprünge. »Um Gotteswillen, wir sind verloren!«, schrie der Diener und warf sich zu Boden. Vorher so verwegen, war es jetzt mit seinem Mute vorüber. Der Hauptmann blieb unbeweglich knien. Als der Löwe im Sprunge sich in der Luft befand, drückte er zum ersten Male ab, und gleich darauf folgte auch die zweite Kugel. Das gewaltige Tier machte mitten im Sprunge eine Wendung seitwärts und stürzte zur Erde nieder. Ein kurzes, dumpfes Brüllen und Röcheln, ein krampfhaftes Schlagen und Zucken der Pranken; dann war es tot.
»Gott sei tausend Dank. Das waren zwei Meisterschüsse!«, meinte der Diener. »Ich glaubte bereits, mein Ende sei gekommen.« Der Hauptmann sagte gar nichts. Er trat an das Tier heran und betrachtete es. Dann strich er sich den Angstschweiß von der Stirn und meinte: »Zum ersten und zum letzten Male! Es waren nur drei Sekunden; aber ich bin während ihrer Dauer fünfmal gestorben. Was werden die Araber sagen! Jetzt das Fell herunter und die Reißzähne heraus.«
Besonders die letztere Arbeit war eine außerordentlich schwierige. Sie nahm einige Stunden in Anspruch. Eben waren die Beiden fertig und schickten sich an, aufzubrechen, als sie Pferdegetrappel vernahmen. Sie lauschten und sahen bald, dass zwei Reiter sich näherten, welche das Tal herunterkamen. Die Löwenjäger par Improvisation konnten nicht gesehen werden, da sie ebenso wie der Cadaver des erlegten Tieres hinter dem Busche versteckt lagen.
Die Reiter kamen rasch näher und hielten gerade vor dem Busche an. Der Ältere von ihnen trug einen langen, grauen Bart. Beide schienen Beduinen zu sein; aber der Graubärtige sagte im reinsten Französisch zu seinem Gefährten, welcher noch ziemlich jung zu sein schien: »Dort geht das Wadi zu Ende. Wir müssen vorsichtig sein. Reite vor, und recognosciere, ob es dort Leben gibt.«
Der Jüngere gehorchte. Als er nach kurzer Zeit zurückkehrte, meldete er: »Fünf Zelte im Wadi Guelb.«
»Viele Leute dabei?«
»Nein.«
»Wir dürfen uns dennoch nicht sehen lassen. Wenn der Handstreich gelingt, wird er großes Aufsehen erregen, und man wird sich nach jedem einzelnen Passanten erkundigen, um die Täter zu entdecken.« »Wo hat dieser Deutsche sein letztes Nachtlager gehalten?« »Wir werden gegen Abend im Osten des Brunnens Saadis auf ihn stoßen. So meldeten gestern die Kundschafter. Wir Beide entfernen uns so schnell wie möglich mit unserm Anteile. Die Beni Hassan aber wird man als Täter festnehmen und bestrafen.«
»Wie reiten wir jetzt?«
»Schnell zurück und dann einen Bogen nach Osten hinüber. Wir müssen wirklich eilen, sonst entkommt uns dieser Königsau mit seinen ganzen Schätzen doch vielleicht noch.«
Sie wendeten ihre Tiere und eilten zurück. Es war niemand Anderes als Kapitän Richemonte und sein Verwandter.
Die beiden Lauscher blickten einander erschrocken an. »Was war das, Herr Hauptmann?«, fragte der Diener. »Überfallen wollen diese Kerls Jemand, wenn ich recht gehört habe?« Der Gefragte war aufgesprungen und hatte sein Gewehr ergriffen. »Herrgott«, sagte er; »mein Freund Königsau soll überfallen und ausgeraubt werden. Dieser gefährliche Löwe hat uns doch noch Glück gebracht. Auf auf! In vollstem Laufe nach den Zelten zurück! Wir müssen diesen Menschen zuvorkommen.«
Der Diener hatte gar keine Zeit zu weiteren Erkundigungen und Fragen. Sie rafften das Fell des Löwen empor und eilten trotz der glühenden Hitze im hastigsten Laufe das Tal hinab und den Zelten zu. Als sie dort ankamen, wollten die Araber gar nicht glauben, dass sie einen Löwen erlegt hätten, und als sie es dennoch glauben mussten, sollte ein großes Freudengeschrei erhoben werden; aber der Hauptmann machte dem ein rasches Ende, indem er sich an seinen Führer wendete.
»Kennst Du den Brunnen Saadis?«, fragte er.
»Ja, Herr«, lautete die Antwort.
»Wie weit ist es bis dorthin?«
»Es ist der fünfte Teil einer Tagereise.«
»Wir müssen sofort aufbrechen.«
»Herr, das halten meine Tiere nicht aus.«
»Ich zahle Dir, was Du verlangst.«
»Ist es notwendig?«
»Ja. Es hängen vielleicht Menschenleben von unserer Eile ab.« »Gibst Du sechzig Münzen, welche Ihr Franken nennt?« »Ja, Du sollst sechzig Franks erhalten.«
»So werde ich sogleich satteln.«
Eine Viertelstunde später flogen sie auf ihren flüchtigen Kamelen weiter. Die Tiere hatten sich nicht einmal ausgeruht; aber es hätte sie doch kein frisches Pferd einzuholen vermocht.
Wüste und immer wieder nur Wüste war zu sehen, bis endlich kurz vor Einbruch des Abends sich am Horizonte einige Palmen zeigten. »Was ist das?«, fragte der Hauptmann.
»Es ist der Brunnen Saadis, zu dem Du willst«, berichtete der Führer. Der Brunnen Saadis ist keine hervorragende Tränkestelle. Höchstens zwei Dutzend Palmen wachsen um eine Quelle herum, welche langsam aus dem Sande steigt, um ebenso schnell wieder in demselben zu verschwinden. Als die drei Reiter sich näherten, bemerkten sie, dass die Quelle bereits besetzt sei. Es waren wohl an die zwanzig Reit- und Lastkamele zu sehen, bei denen sich aber nur fünf Männer befanden. Diese erhoben sich beim Anblicke der sich Nähernden. Der Hauptmann sprang vom Kamele und betrachtete sich die Leute Einen nach dem Andern. Ehe er aber noch den Richtigen erkannt hatte, rief dieser schon, und zwar in deutscher Sprache: »Kunz! Goldberg! Ist das eine Menschenmöglichkeit?« Der Genannte betrachtete sich den Sprecher und antwortete: »Gebhardt! Königsau! Mohr! Neger! Mumie! Welcher Teufel soll denn Dich wieder erkennen? Du bist ja schwärzer als der Teufel!« »Welch eine Überraschung! Welch ein Wunder! Wie kommst denn Du in die Sahara?«
»Davon später. Zunächst kam ich, Dich zu retten.« »Zu retten? Wovor?«
»Vor einem Überfall.«
»Alle Teufel. Wer will mich überfallen?«
»Zwei Franzosen mit Hilfe der Beni Hassan.«
»Wer sind die Franzosen?«
»Ich kenne sie nicht.«
»Und wo soll der Überfall stattfinden?«
»Im Osten von hier, heute vor Anbruch der Nacht.« »Ah, welch ein Glück, dass ich zurückgeblieben bin.« »Ja, persönlich bist Du wohl gerettet; aber Deine Sachen?« »Befinden sich auf diesen Tieren. Ah, ich wusste, dass die Kunde von meiner Ladung wie ein Feuer vor mir herlaufen werde. Ich ließ daher stets die Kaffila voranziehen und folgte selbst eine halbe Tagereise später. Diesem Umstande habe ich also auch heute meine Rettung zu verdanken.« »Aber die Kaffila ist verloren?«
»Jedenfalls. Ich werde sofort einen Boten auf einem Eilkamele nachsenden, um sie zu warnen, falls noch Zeit dazu ist.«
»Und wenn es zu spät ist?«
»So kann ich nichts ändern. Dreißig Krieger der Ibn Batta haben mich begleitet. Sind sie niedergemacht worden, so haben sie doch nur den Lohn für ihre früheren Taten erhalten. Diese Kerls sind alle Mörder und Räuber. Diese Dreißig sollten meine Beschützer sein und wurden dafür bezahlt, dennoch aber haben sie mich Tag und Nacht bestohlen, so dass ich nur froh sein kann, sie los geworden zu sein. Aber nun sage um Gotteswillen, wie Du nach der Sahara kommst?«
»Als Löwenjäger. Siehst Du dort das Fell?«
»Ah, Du hast einen erlegt?«
»Ja. Bist Du auch so glücklich gewesen?«
»Öfters, mein Freund. Aber fast kann ich mir denken, weshalb Du den Löwenjäger spielst.«
»Nun, weshalb?«
»Du hast Urlaub?«
»Ja.«
»Deine Hedwig und die liebe Schwiegermama wollen, dass auch Du berühmt werden sollst, und so hast Du Deinen Urlaub zu einem Pirschgange auf Löwen verwendet. Nicht?«
»Genau erraten! Ich soll wenigstens ein Löwenfell und zwei Löwenzähne und sodann sichere Nachricht von Dir bringen. »Du wirst mich selbst bringen. Was macht Ida?« »Die sanfte? Sie sehnt sich zu Tode nach Dir, während meine ›unbezähmbare‹ mich unter die Löwen jagt. Bin übrigens Hauptmann geworden!«
»Und ich Mohr, wie ich es Dir prophezeit habe. Gratuliere bestens.« »Danke!«
Den Gegenstand ihrer höchst belebten Unterhaltung bildete natürlich das halbe Wunder, sich am fernen Wüstenbrunnen zu treffen, der Eine als der Retter des Andern. Dann musste der Hauptmann von Goldberg, der spätere General, von der fernen Heimat berichten, und endlich erzählte Königsau von seinen abenteuerlichen Erlebnissen auf der wunderbaren Reise nach Timbuktu.
So wurde es Nacht. Die Sterne stiegen höher und höher. Erst um Mitternacht kehrte der ausgesendete Bote zurück. »Hast Du sie eingeholt?«, fragte Königsau.
»Ja«, antwortete er einsilbig.
»Und sie gewarnt?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Sie hörten mich nicht. Sie waren tot!«
Diese Botschaft erregte zunächst Schreck, dann aber auch Freude über die ebenso glückliche wie wunderbare Rettung der Hauptperson und der Hauptschätze der Karawane. Dreißig Ibn Batta-Krieger und zahlreiche Handelsleute, welche sich der Karawane angeschlossen gehabt hatten, waren getötet und ausgeraubt worden. Es war ein Fall, der, so nahe an der Grenze der Civilisation passiert, jedenfalls eine exemplarische Bestrafung zu erwarten hatte.
»Was aber wirst Du nun tun?«, fragte Goldberg den Freund. »Ich verändere meine Route!«, antwortete dieser. »Wohin?«
»Ich gehe grad nach Nord. Es bleibt mir nichts Anderes übrig.« »Und ich gehe mit Dir. Die Stämme, an denen wir vorüberkommen, sind den Europäern freundlich gesinnt. Wann brechen wir auf?« »Sofort. Ich warte nicht bis zum Morgen.«
»Warum nicht?«
»Die Räuber, welche die Karawane überfallen haben, möchten bemerkt haben, dass ich zurückgeblieben bin, und mir einen Besuch abstatten. Sicher ist sicher. Ich habe diese Kerls kennen gelernt.« Es wurde gepackt, und dann setzte sich der kleine Trupp in Bewegung. Eine Zeit lang von dem Glanze der Sterne bestrahlt, verschwand er jedoch bald im Dunkel des nördlichen Horizontes.
Königsau war um keine Viertelstunde zu früh aufgebrochen. Denn gerade diese Zeit später kamen die Tuarek, welche die Karawane überfallen hatten, nach dem Brunnen, um nach ihm zu suchen.
Sie mussten zu ihrem Ärger mit leeren Händen abziehen. Kurze Zeit später bewegte sich ein langer, langer Zug französischer Chasseurs d'Afrique von den Bergen herab, welche das Gebiet der feindlichen Beni Hassan im Norden begrenzen. An der Spitze diese Zuges ritten zu beiden Seiten des Commandeurs die beiden Verräter Richemonte und sein Cousin. Beide gaben dem Offizier den besten Rat, die Beni Hassan mit einem Schlage zu vernichten.
»Glaubt Ihr, dass man uns Widerstand leisten wird?«, fragte er sie. »Wenig oder gar nicht. Diese Kerls sind viel zu feig. Sie haben nur Mut zu nächtlichen Räubereien und Überfällen.«
»Und sie sind die Täter wirklich gewesen?«
»Sicher! Man wird die Effecten der Ermordeten noch bei ihnen finden.« »Wie viele sind gefallen?«
»Dreißig Krieger der Ibn Batta, ein Führer, fünfzehn Treiber, der Oberste der Kamelbesitzer und der deutsche Offizier mit mehreren Leuten.«
Er wusste am Besten, dass dies Letztere eine Lüge sei. Er selbst hatte einige der erbeuteten Kamele nebst ihren Lasten bis in der Nähe des Lagers der Beni Hassan getrieben und sie dort stehen gelassen. Er war überzeugt, dass man sich ihrer bemächtigt hatte. Das gab Beweis genug, dass die Beni Hassan die Raubmörder gewesen seien.
Es wurde so eingerichtet, dass die Truppen das Lager mitten in der Nacht erreichten. Es wurde umzingelt, und als die unschuldigen Araber des Morgens aus ihren Zelten traten, sahen sie sich von allen Seiten von einer von Waffen starrenden Mauer umgeben.
Der Scheik Menalek sandte sofort einen Boten zu dem Anführer. Dieser Letztere ließ auf Anraten Richemontes zunächst die Dschemma, die Versammlung der Ältesten des Stammes, zu sich kommen, um sich ihrer zu versichern. Man versteht darunter nicht etwa ausnahmelos die an Jahren Ältesten. Es sind auch junge Männer mit dabei, gewöhnlich Verwandte des Scheik. So kam es, dass sich auch Saadi, der Schwiegersohn des Scheiks Menalek, dabei befand. Sie wurden in Fesseln gelegt und dann einem Verhöre unterworfen.
»Ihr habt eine Karawane der Ibn Batta überfallen«, war die wiederholte Behauptung, welche man ihnen entgegenschleuderte. »Nein; wir sind unschuldig«, war ihre stehende, bestimmte Antwort. »Man wird suchen und finden!«, drohte endlich der Commandeur. »Ja, man wird allerdings finden«, antwortete Menalek. »Wir fanden des Morgens vier beladene Kamele neben unseren Zelten und haben sie zu uns genommen. Und dann fanden wir auf unserem Gebiete die Leichen der Beraubten. Wir begruben sie nach den Regeln des heiligen Koran, nahmen ihnen aber vorher weg, was ihnen nichts mehr nützen konnte. Das Alles werdet Ihr finden.«
Das wurde natürlich nur für Ausflucht gehalten. Man holte mehr und mehr Männer aus dem Lager, bis endlich die ganze männliche Bevölkerung in Banden lag. Jetzt wurde das Urteil gefällt. Es lautete kurz und bestimmt auf Tod durch die Kugel.
Die Kunde davon rief ein geradezu unbeschreibliches Jammergeschrei unter den Weibern und Kindern des Lagers hervor. Sie wollten bitten und flehen; sie wollten sich den unmenschlichen Richtern weinend zu Füßen werfen; aber das Lager war mit Posten umstellt worden, so dass Niemand es verlassen konnte.
Bereits zu Mittag, als die Sonne am höchsten stand, sollte die Vollstreckung des Todesurteiles beginnen. Um diese Zeit schritt der Cousin Richemontes durch die Postenkette in das Lager. Überall tönte ihm Jammergeschrei und Wehklagen entgegen; er hörte nicht darauf.
Beim Zelte des Scheikes trat er ein. Das Weib desselben und Liama lagen weinend am Boden. Sie sprangen empor, als sie ihn erblickten. »Sallam aaleikum!«, grüßte er.
»Wie, Du bringst den Gruß des Friedens«, rief das arme Weib, »und draußen harrt der Tod unserer Männer und Söhne!« »Es wird Keiner entgehen; nur Euch allein bringe ich Frieden. Ist Liama bereits das Weib Saadis geworden?«
»Ja«, antwortete ihre Mutter.
Liama sah als Frau noch schöner denn als Mädchen. Vor Jammer hatte sie die gewohnte Sorgfalt für ihr Äußeres außer der Acht gelassen; ihr Gewand hatte sich verschoben, so dass das Auge des fast unsinnig verliebten Schurken genug Punkte fand, an denen sich seine Glut verdoppeln konnte. »Der Scheik muss sterben und auch Saadi!«, sagte er. »O Allah, gibt es keine Rettung für sie?«, rief Liama. »Keine.«
Da näherte sie sich ihm und sagte, indem sie die Hände faltete: »Du bist ein Freund der Franken. Unsere Männer sind unschuldig. Du vermagst viel. Vielleicht könntest Du sie retten.«
»Es ist mir nur erlaubt, zwei zu retten.«
»Wen, wen?«, fragten die beiden Frauen schnell. »Ich darf sie mir auswählen.«
»O, so rette den Scheik, meinen Mann!«, rief die Mutter. »Und rette Saadi, welcher schuldlos ist!«, rief die Tochter. »Welchen Dank erhalte ich?«, fragte er.
»Fordere Alles, was Du begehrst!«, sagte die Mutter. »Werde ich es erhalten?«
»Ja.«
»Nun wohl! Ich habe Liama zum Weibe begehrt, und man hat sie mir verwehrt. Wenn sie einwilligt, mein Weib zu werden und mit mir zu ziehen, so sollen der Scheik und Saadi gerettet werden.« Liama erbleichte.
Ihre Mutter erschrak nicht so sehr. Einen andern Schwiegersohn zu haben, das war nicht so schlimm als der Tod ihres Mannes. »Wirst Du Wort halten?«, fragte sie.
»Ja«, antwortete er.
»Schwöre es mir!«
»Ich schwöre es bei dem Barte des Propheten!« Liama aber rang die Hände und rief: »Er mag schwören, ich gehe doch nicht mit ihm!«
»Willst Du die Mörderin Deines Vaters sein!«, klagte ihre Mutter. »Ich kann nicht! Ich liebe ihn nicht. Ich gehöre zu Saadi!« »Nein; er gibt Dich frei, um Dich zu retten«, antwortete er. »Beweise es!«, rief die Mutter.
»Auch der Scheik befiehlt Euch, zu tun, was ich verlange, damit er sein Leben nicht verliere.«
»Beweise es!«
»Hier!«, sagte er.
Er zog aus der Tasche ein Stück beschriebenes Pergament hervor, welches in französischer Sprache und arabischer Schrift beschrieben war. »Hier ist das Document, welches unser Commandant und der Scheik und Saadi unterschrieben haben. Kennt Ihr das Siegel des Scheiks?« »Ja«, antworteten Beide.
»So seht her und lest diese Schrift!«
Die Mutter konnte nicht lesen; aber Liama buchstabierte den Befehl ihres Vaters und ihres Mannes zusammen. Beide geboten ihr, augenblicklich mit dem Überbringer dieses Schreibens zu gehen, um Mann und Vater zu retten und so ein Allah wohlgefälliges Werk zu tun.
»Kennt Ihr auch die Hamaïls des Scheiks und Saadis?«, fragte er weiter. »Ja«, antworteten sie.
Unter Hamaïl verstehet man ein Exemplar des in Mekka geschriebenen Koran, welches sich die Pilger dort kaufen und dann während der ganzen Lebenszeit am Halse tragen. Nur in der alleräußersten Not gibt der Moslem dieses Hamaïl von sich.
»Hier sind sie beide!«
Bei diesen Worten reichte er ihnen die zwei Koranexemplare hin, die sie sofort erkannten. Das war mehr als genug Beweis für sie. »Ich glaube Dir!«, sagte die Mutter.
Sie ahnte nicht, dass das Schreiben gefälscht sei, und dass der unmenschliche Schurke den beiden Gefangenen Siegel und Hamaïl mit Gewalt entrissen hatte. Liama hatte sich schluchzend auf den Boden geworfen.
»O Allah, o Allah!«, rief sie. »Sie gebieten es mir; aber ich kann dennoch nicht! O Allah, Allah, was soll ich tun!«
»Gehorchst Du nicht, so müssen sie sterben«, antwortete er kalt. »Meine Tochter, gedenke Deiner Pflicht!«, mahnte die Mutter ängstlich. »Ja«, meinte der verkappte Franzose. »Ich werde vor das Zelt treten, um Euch eine kleine Weile allein zu lassen. Beredet Euch, und tut dann, was Ihr beschlossen habt. Aber zögert nicht lange; die Zeit ist kostbar.« Er trat hinaus. Im ganzen Zeltdorfe ertönte ein lautes Wehklagen, und doch hörte er noch deutlicher das verzweifelte Jammern Liamas im Innern des Zeltes. Harte Worte der Mutter ließen sich dazwischen hören. Da plötzlich krachte draußen vor dem Lager eine Gewehrsalve. Ein einziger aber vielstimmiger, schriller Angstschrei ertönte durch das Lager.
Er trat in das Zelt, dessen Tür das Weib des Scheikes soeben aufreißen wollte. Liama stand totenbleich inmitten des Raumes. »Wer hat geschossen? Was hat man getan?«, fragte die Mutter. »Man hat die ersten fünf Mann erschossen«, antwortete er. »O Allah! ist der Scheik dabei?«
»Noch nicht; aber in zwei Minuten werden wieder fünf Mann fallen, und der Scheik und Saadi werden dabei sein.«
»Liama geht mit!«, rief die Mutter in höchster Angst. »Ist es wahr?«, fragte er die schöne, junge Maurin. »Ja«, hauchte sie, mehr tot als lebendig.
»So ziehe Dich zur Reise an. Ich werde unterdessen das Zeichen geben, dass man die Beiden verschonen soll!«
Einige Zeit später öffnete sich der Cordon, welchen die Chasseurs bildeten. Man ließ zwei Pferde und ein Kamel passieren. Auf den Ersteren saßen Richemonte und sein Cumpan, und das Letztere trug eine Atuscha, in welcher ein wunderbar schönes Weib unter heißen Tränen vor Leid und Weh zu sterben meinte. Es war Liama, die spätere Bewohnerin des schwarzen Turmes in der Nähe von Schloss Ortry.
Auch von den beiden Löwenzähnen, welche Kunz von Goldberg dem »Herrn des Erdbebens« ausgebrochen hatte, ist der freundliche Leser dem einen bereits begegnet. Fritz, der Diener des verkleideten Doctor Müller, trug ihn an seinem Halse.
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Karl May