Die Liebe des Ulanen 2: Napoleons letzte Liebe

12. Kapitel

 

Am anderen Morgen, als die Schläfer sich noch nicht längst erhoben hatten, ritten drei Männer in das Zeltdorf ein. Sie sahen ungeheuer staubig aus und hatten ganz das Aussehen von Leuten, welche eine große Reise hinter sich haben. Sie sprangen vor dem Zelte des Scheiks vom Pferde. Dieser trat hinter dem Vorhänge hervor.

Als er sie betrachtete, legte sich seine Stirn in Falten. »Wer seid Ihr?«, fragte er.

»Wir sind Tuareks«, antwortete einer der Männer in stolzem Tone. Die Tuareks sind ein vielstämmiges Wüstenvolk, dunkler gezeichnet als die Mauren und als unverbesserliche Räuber bekannt. »Was wollt Ihr bei den Zelten der Beni Hassan?«, fuhr der Scheik fort. »Bist Du Scheik Menalek?«

»Ich bin es.«

»Wir suchen zwei Männer, welche unter dem Schutze Deines Stammes wohnen.«

»Wer sind sie?«

»Es ist Vater und Sohn. Sie stammen aus dem Osten und kamen in diese Gegend, um einer Blutrache zu gehorchen.«

»Wie heißen sie?«

»Malek Omar und Ben Ali.«

»Ich kenne sie.«

»Wo befinden sie sich?«

»Sie sind fortgeritten, ohne mir zu sagen, welches ihr Ziel ist.« »Werden sie wieder kommen?«

»Sie sagten es.«

»Wann?«

»Ich weiß es nicht.«

»Sie haben uns gesagt, dass sie uns hier erwarten werden. Wirst Du uns erlauben, bis zu ihrer Rückkehr das Salz und Brot Deines Stammes zu essen?«

Es dauerte eine Weile, ehe er sagte: »Ich erlaube es, wenn Ihr Freunde dieser Männer seid.«

»Wir sind ihre Freunde.«

»Sie sind unsere Gäste, und die Freunde meiner Gäste sind auch meine Freunde. Tretet bei mir ein, um Salz und Brot zu essen und Euch bei mir auszuruhen; denn ich sehe, dass Ihr einen weiten Weg zurückgelegt habt.« »Wir sind mehrere Tage und Nächte geritten, um Deinen Gästen eine sehr wichtige Botschaft zu überbringen.«

Sie ließen ihre Pferde frei stehen und folgten dem Scheik in sein Zelt. Sie hatten dasselbe aber noch nicht lange betreten, so langten zwei andere Reiter an, welche von Norden herbei geritten kamen. Es war Richemonte mit seinem Cousin.

Auch sie hielten vor dem Zelte des Scheiks, und dieser trat aus demselben hervor, um sie zu empfangen. Er sagte ihnen, dass drei Tuareks angekommen seien, um ihnen eine wichtige Botschaft zu bringen. »Wo sind sie?«, fragte Richemonte.

»In meinem Zelte.«

»Lass ihren Führer hervortreten! Wir werden mit ihm sprechen.« Die beiden verkappten Franzosen stiegen von den Pferden. Der Tuarek, welcher vorhin den Sprecher gemacht hatte, kam herbei und wurde von ihnen durch die Zeltreihe hinaus in das Freie geführt, wo man reden konnte, ohne sich der Gefahr auszusetzen, belauscht zu werden. Sie trafen dabei auf Saadi. Er war mit Liama zu den Herden gegangen, um diese zu besichtigen. Das Mädchen war dort bei ihrem Lieblingskamele zurückgeblieben. Er betrachtete im Vorübergehen die fünf Männer, und dabei begegneten seine Augen denen Richemontes. Über Beider Angesicht zuckte es wie ein plötzliches Erkennen, doch setzten sie ihren Weg ruhig in entgegengesetzter Richtung fort. Der Scheik stand noch vor dem Zelte, als Saadi dort ankam.

»Wer waren diese Leute?«, fragte der Letztere. »Zwei Araber aus dem Osten, welche meine Gäste sind«, antwortete der Gefragte, »und Einer von den drei Tuareks, welche jetzt kamen, um sie aufzusuchen.«

»Wie heißt der Gast mit dem grauen Barte?«

»Malek Omar.«

Sofort erinnerte sich Saadi des gestrigen Gespräches mit der Geliebten. Der jüngere der beiden Gäste war also Ben Ali, welcher Liama liebte. »Ich kenne ihn«, sagte er.

»Du kennst ihn?«, fragte Menalek erstaunt. »Du warst ja nie in den östlichen Oasen. Wo hast Du ihn gesehen?«

»In Algier.«

»Du irrst. Er ist nie in Algier gewesen.«

»Ich irre nicht. Es ist Malek Omar, der Fruchthändler.« »Mein Sohn, Dein Auge wird Dich täuschen.« »Mein Auge betrügt mich nicht. Ich sah diesen Mann einige Male in das Haus des Generalgouverneurs gehen. Glaubst Du, dass man dieses Gesicht verkennen kann?«

»Nie!«, antwortete der Scheik nachdenklich.

»Haben diese beiden Männer die Sprache des Ostens?« »Ich habe sehr viele Dialecte gehört, aber der ihrige ist mir unbekannt. Sie müssen aus einer Oase oder aus einem Lande stammen, wo ich noch nicht gewesen bin.«

»Reden sie vielleicht die Sprache unseres Volkes so, wie von den Franken gesprochen wird?«

Über das Gesicht des Scheiks ging ein rasches, eigentümliches Zucken. »Allah ist groß! Du hast richtig geraten, Saadi!« »Sie sind wegen einer Blutrache da?«

»Ja.«

»Denke über sie nach, o Scheik! Ich war dort, wo die Franken wohnen und habe erfahren, dass ihr Herz falsch ist. Diese Männer kommen von Osten und sagen nicht, wo ihre Heimat ist. Sie haben eine Blutrache und sprechen nicht davon. Sie verkehren mit Tuareks, welche Räuber und Mörder sind. Sie sprechen wie die Franken. Der Vater heißt Malek Omar, und der Sohn nennt sich Ben Ali. Müsste er nicht Ben Malek Omar heißen, wenn er wirklich der Sohn des Anderen wäre? Ich habe diesen Fruchthändler in Algier gesehen, und er hat Dir gesagt, dass er noch nie dort gewesen sei? An diesen Männern klebt die Lüge. Ich sage Dir, dass sie nicht das sind, wofür sie sich ausgeben.«

»Du hast Recht, mein Sohn«, meinte der Scheik, indem sein Auge finster die Richtung suchte, in welcher die drei Männer verschwunden waren. »Aber warum belügen sie mich? Wer sollen sie sein?« Saadi blickte nachdenklich vor sich hin und fragte: »Hast Du von dem Manne gehört, welcher das Auge der Franzosen genannt wird?« »Ja. Er ist der Spion der Franken.«

»Keiner kennt ihn!«

»Keiner!«

»Ich denke an ihn, indem ich an diesen Fruchthändler Malek Omar denke.« Es sah fast aus, als ob der Scheik erschrecken wollte. »Allah il Allah!«, rief er. »Mein Sohn, Deine Gedanken sind schlimm.« »Vielleicht aber treffen sie das Richtige!«

»Du meinst, er ist es?«

»Es ist möglich, dass er es ist, obgleich ich es ihm nicht beweisen kann.« »Er ist mein Gast; aber dennoch müsste er sterben, wenn er es wäre.« »Vielleicht entdecken wir es, aber nicht sofort. Lass uns ihn prüfen.« »Wie?«

»Ich werde ihm sagen, dass ich ihn in Algier gesehen habe.« »Das soll eine Prüfung sein?«

»Ja. Wenn er gerechte Sache hat, wird er zugeben, dass er dort gewesen ist; leugnet er es aber, so ist sein Herz voller Trug gegen uns.« »Aber wir haben dann doch noch keine Gewissheit.« »Nein; aber wir wissen wenigstens, dass wir ihm nicht trauen dürfen.« »Deine Sprache ist die Sprache der Vorsicht und Weisheit. Bleibe bei mir; denn Du sollst gegenwärtig sein, wenn diese Männer mit mir zu sprechen verlangen. Warst Du längere Zeit in Algier?«

»Mehrere Monate.«

»Hast Du die Sprache der Franken gehört?«

»Ja.«

»Hast Du Etwas von ihr behalten?«

»Ich kenne viele ihrer Worte und auch mehrere Fragen.« »Sprich einige solche Worte zu diesen beiden Männern, und zwar dann, wenn sie es nicht erwarten. Vielleicht werden sie überrascht und gefangen, indem sie Dir darauf antworten.«

»Dein Rat ist klug, o Scheik. Ich werde ihn befolgen.« Während dieses Gespräches hatten die Drei, von denen die Rede war, das Zeltdorf verlassen und den Eingang der Schlucht erreicht, wo gestern der Löwe getötet worden war. Der Cadaver desselben war aus Ehrfurcht vor dem Herrn des Donners in den Sand vergraben worden; darum fanden sie keine Spur desselben. Sie setzten sich an dem Rande der Schlucht nieder, so dass sie sicher waren, jeden Nähernden sofort zu bemerken. Sie hatten bis jetzt kein Wort gesprochen; nun aber begann Richemonte: »Seit wann befindet Ihr Euch in diesem Lager?«

»Wenige Augenblicke«, antwortete der Tuarek. »Welche Botschaft bringt Ihr?«

»Die, welche Du verlangtest.«

»So habt Ihr den Reisenden gesehen, welcher von Timbuktu kommt?« »Wir haben ihn gesehen, denn wir sind zwei Tagereisen weit mit seiner Karawane geritten.«

»Habt Ihr Etwas erfahren?«

»Alles!«

»So erzähle.«

»Wir stießen zwei Tage vor Insalah zu dieser Karawane und wurden friedlich aufgenommen. Der Herr des Zuges stammt aus einem ferneren Lande des Nordens. Er ist ein Nemtse.«

Nemtse heißt Deutscher.

»Habt Ihr seinen Namen erfahren können?«

»Ja. Es ist ein Name, wie ihn nur ein Barbar, ein Ungläubiger tragen kann. Ich habe meine Zunge lange Zeit vergeblich gezwungen, ihn auszusprechen. Er lautet ohngefähr wie Ko-ni-kau.« »Königsau?«, fragte Richemonte.

»Deine Zunge ist gelenkiger als die meinige, denn ganz so, wie Du ihn aussprichst, ist dieser Name.«

»Hatte er viele Leute bei sich?«

»Er hatte einen Führer und einen Obersten der Kameltreiber nebst fünfzehn Treibern. Und zum Schutze seiner Waren begleiteten ihn dreißig Krieger vom Stamme der Ibn Batta.«

»Was trugen seine Kamele?«

»Viele trugen trockene Pflanzen, ausgestopfte Tiere und Bücher, auch Flaschen, in denen allerlei Gewürm sich befand. Mehrere Kamele aber waren mit kostbaren Waren beladen, welche die Franken brauchen, die Tuareks aber nicht.«

»Wann wird diese Karawane nach Tuggurt kommen?« »Erst wenn zwei Wochen vergangen sind.«

»Könnt Ihr sie dort beobachten?«

»Was bietest Du uns dafür?«

»Was verlangt Ihr?«

»Ich werde mich mit meinen Gefährten besprechen.« »Tue dies. Ihr werdet uns in zwei Wochen hier in diesem Zeltlager finden, um uns zu sagen, wenn die Karawane von Tuggurt aufbricht.« »So dürfen wir uns nicht ausruhen; denn wir müssen ihr bis Rhadames entgegenreiten. Werden wir hier frische Pferde bekommen?« »Ihr könnt die Eurigen umtauschen; ich werde Euch dabei behilflich sein. Jetzt aber kannst Du in das Zelt des Scheiks zurückkehren, denn Du bedarfst der Ruhe, und ich habe mit meinem Sohne zu sprechen.« Der Tuarek befolgte diese Weisung, und die beiden Zurückbleibenden begannen, sich in französischer Sprache zu unterhalten. »Weißt Du, dass ich vorhin tüchtig erschrocken bin«, sagte Richemonte. »Worüber?«, fragte der Cousin.

»Hast Du den jungen Kerl gesehen, welcher uns begegnete?« »Ja.«

»Ich kenne ihn, und ich befürchte, dass er auch mich erkannt hat.« »Ah! Woher kennst Du ihn?«

»Von Algier aus. Er war der Begleiter des englischen Consuls gewesen und hat mich einige Male gesehen, als ich zum Gouverneur ging.« »Das ist verteufelt unangenehm.«

»Ganz und gar.«

»Aber gefährlich doch noch nicht.«

»Das bezweifle ich. Wenn der Mensch nun davon spricht, dass er mich in Algier gesehen hat?«

»Nun, was tut das? Du gibst einfach zu, dass Du dort gewesen bist.« »Was soll ich dort gewollt haben?«

»Die Blutrache! Können wir nicht Den, welchen wir töten wollen, in Algier gesucht haben?«

»Das wäre allerdings möglich; aber Du vergisst, dass ich zu Scheik Menalek bereits gesagt habe, dass ich Algier noch gar nicht kenne.« »Verdammt!«

»Ja. Es bleibt mir nichts übrig, als Alles abzuleugnen.« »Das wird unter diesen Umständen allerdings das Beste sein. Doch glaube ich nicht, dass wir Misstrauen erwecken. Wer weiß, ob der Kerl sich Dein Gesicht gemerkt hat.«

»Er hat es sich gemerkt, und ich bin ihm aufgefallen; das habe ich sogleich gesehen, als er uns begegnete; ich sah es ihm an den Augen an.«

»Nun, so hat er sich einfach geirrt. Menschen sehen sich ja ähnlich. Aber, da fällt mir ein, dass, wenn wir ja Misstrauen erwecken, der Scheik sich sehr hüten wird, mit uns im Bunde die Karawane zu überfallen.« »Das wäre allerdings ein dicker Strich durch unsere Rechnung.« »Was täten wir in diesem Falle?«

»Wir müssten uns auf die Tuareks verlassen. Sie könnten eine Anzahl der Ihrigen anwerben. Ich glaube, dass sie dazu bereit sein würden.« »Aber diese Räuber würden Alles nehmen und uns nichts lassen.« »Das befürchte ich nicht. Vieles von Dem, was der Deutsche mit sich führt, wird vollständig unbrauchbar für sie sein. Gehen wir zum Scheik, um mit ihm zu sprechen und Gewissheit zu erhalten, ob ich erkannt worden bin.« Sie machten sich auf, um diesen Vorschlag auszuführen. Indem sie langsam wieder den Zelten entgegenschritten, bemerkte der Cousin Liama, welche bei einem wunderschönen Kamelfüllen stand und dasselbe zärtlich streichelte. »Siehst Du dort die Tochter des Scheiks?«, fragte er. »Ja, sie ist's«, antwortete Richemonte.

»Ich muss hin.«

»Halt, jetzt nicht.«

Diese letzten Worte kamen zu spät. Der Andere hatte sich bereits mit raschen Schritten entfernt. Richemonte setzte seinen Weg fort, indem er eine zornige Verwünschung über den Verliebten in den Bart brummte. Dieser näherte sich dem schönen Mädchen, indem seine Augen mit Gier auf ihren reizenden Formen ruhten.

»Sallam aaleikum – Friede sei mit Dir!«, grüßte er sie. »Aaleikum sallam«, antwortete sie, indem sie sich zu ihm umdrehte. Aber als sie ihn erkannte, war es keineswegs ein freundlicher oder gar aufmunternder Blick, welcher auf ihn fiel.

»Die Tochter der Beni Hassan ist heute so schön wie immer«, sagte er. »Und der Mann aus dem Osten schmeichelt wie immer«, antwortete sie. »Es ist die Wahrheit, welche ich sage.«

»Es ist nicht nötig, dass Du es sagst.«

»Warum nicht? Ist es Dir nicht lieb, schön zu sein?« »Allah gibt die Schönheit, und er nimmt sie. Sie gehört ihm, aber nicht uns.«

»Du hast Recht. Aber so lange man sie besitzt, soll man sich ihrer freuen. Oder weißt Du nicht, welches Glück die Schönheit bringt?«

»Welches?«, fragte sie im gleichgültigsten Tone. »Schönheit bringt Liebe.«

»Liebe, nur durch Schönheit erweckt, mag ich nicht.« »Warum nicht?«

»Die Liebe hat nur dann Wert, wenn sie die Tochter der Herzensgüte ist.« »Auch jetzt hast Du Recht. Aber sage, ob Dein Herz gut ist?« »Wer kann sein eigenes Herz erkennen? Wer darf von sich selbst sagen, dass er gut sei? Nur Allah sieht in die Verborgenheit.« »Du sprichst so weise wie ein Marabut. Wenn man auch nicht den Wert seiner Seele erkennt, so kann man doch die Gefühle seines Herzens kennen. Sage mir, Liama, ob Dein Herz noch frei ist.«

»Frei? Kann das Herz ein Sclave sein?«

»Ja, ein Sclave der Liebe.«

»Dann würde ich die Liebe hassen, denn nur ein Tyrann besitzt Sclaven.« »Und dennoch ist die Liebe ein Tyrann. Sie beherrscht das Herz, in welchem sie wohnt, vollständig. Auch mein Herz ist ihr Sclave.« »Ich bedaure Dich«, sagte sie kalt.

»Ja, bedaure mich, aber erlöse mich auch.«

Er trat ihr einen Schritt näher und erhob den Arm, als ob er denselben um sie legen wollte. Sie aber wich zurück und sagte: »Ich verstehe Dich nicht. Wie könnte ich Dich erlösen!«

»Indem Du meine Liebe erhörst. Ja, Liama, ich muss Dir sagen, dass ich Dich liebe, dass ich an Dich denke bei Tage und bei Nacht, dass ich ohne Dich nicht glücklich werden kann. Sage mir, ob Du mich wieder liebst.« Seine Augen leuchteten in der Glut der Leidenschaft. Er hatte diese Worte fast zischend zwischen den Lippen hervorgestoßen. »Nein«, antwortete sie kalt.

»Nicht?« fragte er. »Warum nicht?«

»Ich weiß es nicht. Allah allein gibt Liebe.«

Er biss sich auf die Lippe. Das hatte er nicht erwartet. Er, ein Franzose, ein Angehöriger der großen Nation, sollte bei diesem Arabermädchen keine Liebe finden? Das hatte er gar nicht für möglich gehalten. »Bin ich Dir zu hässlich?«, fragte er.

»Nein«, antwortete sie lächelnd.

»Zu alt?«

»Nein.«

»Zu arm?«

»Ich weiß ja gar nicht, wie viel Du besitzt.«

»Oder liebst Du bereits einen andern?«

Da richtete sich ihre Gestalt stolz empor. »Wie darfst Du wagen, der Tochter des Scheik Menalek diese Frage vorzulegen«, sagte sie. »Bin ich Deine Dienerin, dass ich Dir antworten muss?« Sie war in ihrem Stolze, in ihrem Zorne doppelt schön. Sein Auge verschlang sie fast. Seine Leidenschaft ließ sein Herz so heftig klopfen, als ob er durch einen Dauerlauf Atemlos geworden sei. »Nein, antworten musst Du mir nicht«, sagte er, »sondern ich bitte Dich nur, mir eine Antwort zu geben.«

»Du hast keine Erlaubnis zu dieser Bitte.«

»Ah, Du liebst«, zischte er.

»Was geht es Dich an?«

»Viel, sehr viel. Ich habe Dir gesagt, dass ich Dich liebe. Jeder meiner Atemzüge gehört Dir; alle meine Gedanken sind Dein Eigentum. Du sollst und Du musst mich lieben; Du musst mein Weib werden. Ich werde um Dich kämpfen, und ich sage Dir, dass ich Dich besitzen werde.« Ehe sie Zeit fand, auszuweichen, hatte er ihre beiden Hände ergriffen. »Lass mich!«, sagte sie.

»Nein, ich lasse Dich nicht! Meine Liebe gibt mir ein Recht auf Dich.« Sie versuchte, ihre Hände zu befreien, aber es gelang ihr nicht. »Ich befehle Dir, fortzugehen!«, sagte sie in gebieterischem Tone. »Fortgehen? O nein, nein, und tausendmal nein!«, antwortete er, indem er sich bestrebte, sie an sich zu ziehen.

Er vergaß, wo er war; er vergaß, dass man ihn hier auf der offenen Ebene beobachten konnte, ja, dass man ihn sehen musste. Die Leidenschaft machte ihn blind, so dass er nicht einmal die beiden Männer bemerkte, welche hinter seinem Rücken rasch herbei geschritten kamen. Sie aber hatte dieselben gar wohl bemerkt, nur entging ihm das freudige Aufleuchten ihrer Augen.

»Soll ich um Hilfe rufen?«, fragte sie.

»Rufe!«, antwortete er. »Es wird Dir nichts nützen, denn ich werde noch in dieser Stunde bei Deinem Vater um Dich anhalten.« Da erklang es hinter ihm laut und in französischer Sprache: »Was tust Du da?«

Er drehte sich rasch um. Er bemerkte Saadi, welcher in kurzer Entfernung hinter ihm stand und antwortete schnell und zornig in derselben Sprache: »Was geht es Dich an?«

Saadi war nämlich mit dem Scheik noch im Gespräche begriffen gewesen, als der Tuarek von der Schlucht zurückkehrte. Kurze Zeit später sahen sie auch die beiden Anderen daherkommen. Sie bemerkten, dass der Jüngere seitwärts abbog und nach der Gegend eilte, in welcher sich Liama befand. »Er geht zu ihr!«, sagte Saadi, indem sich seine Brauen zusammenzogen. »Zu Liama?«, fragte der Scheik.

»Ja.«

»Was will er dort?«

»Hat Liama es Dir nicht gesagt?«

»Nein.«

»Dass er ihr nachgeht, dass er ihr Schritt auf Schritt folgt?« »Nein. Hat sie es Dir gesagt?«

»Ja.«

»Er mag sich hüten! Er ist ein Fremdling, den ich gastlich aufgenommen habe. Verletzt er das Gastrecht, indem er mein Kind beleidigt, so wird mein Dolch sein Herz finden. Und ist er gar ein Franzose, so –« Er hielt inne; aber seine Miene sagte deutlich, was er auszusprechen zögerte.

»Sieh, er spricht mit ihr! Komm!«, sagte Saadi. Er fasste den Scheik bei der Hand und zog ihn mit sich fort. Sie schritten schnell zwischen einigen Zelten hindurch und gelangten in das Freie. Die dort weidenden Tiere boten ihnen Deckung genug, unbemerkt in die Nähe des bedrängten Mädchens zu kommen.

Ein starkes Lastkamel stand da, welches an den spärlichen Halmen naschte. »Verstecke Dich hinter das Tier«, sagte Saadi. »Warum?«

»Ich werde ihn in der Sprache der Franzosen anreden. Vielleicht antwortet er mir in derselben; er würde dies aber nicht tun, wenn er Dich sofort mit bemerkte. Der Sand wird unsere Schritte dämpfen.« Der Scheik nickte und huschte mit einer Behendigkeit, welche man dem ernsten, gravitätischen Muselmann gar nicht zugetraut hätte, vorwärts, bis ihn der Leib des Kameles verbarg.

Saadi schlich sich ebenso behende heran und rief die bereits erwähnten Worte: »Was tust Du da?«

»Was geht es Dich an?«, antwortete der Andere ebenso französisch, indem er sich herumdrehte und, zornig über die Störung, den Beduinen anblickte. »Mehr als Du denkst.«

»Mille tonnerre, wie meinst Du das?« Da trat der Scheik hinter dem Kamele hervor und sagte: »Allah ist groß! Du redest die Sprache der Franzosen?«

Der Spion merkte jetzt erst, welch einen Fehler er begangen hatte; aber er fasste sich augenblicklich und antwortete, indem er auf Saadi deutete: »Dieser doch auch.«

»Von ihm wusste ich es, von Dir aber nicht. Was tust Du hier?« Erst jetzt ließ der Franzose die Hände des Mädchens los. »Ich spreche mit Liama, Deiner Tochter«, antwortete er. »Aber Du sprichst so mit ihr, dass sie um Hilfe rufen wollte!« Die Hand des Scheiks hatte sich unwillkürlich an den Griff des Dolches gelegt.

»Ich habe ihr nichts Böses getan«, meinte der Franzose. »Sie hat mit Dir gerungen.«

»Das tut ein jedes Mädchen im ersten Augenblicke, wenn man mit ihr von Liebe spricht. Scheik Menalek, ich bitte Dich, mit nach Deinem Zelte zu kommen, denn ich habe notwendig mit Dir zu sprechen.« »Worüber?«

»Über Liama.«

»Hier steht sie, und hier stehe ich. Rede! Wir brauchen nicht erst nach dem Zelte zu gehen, denn wir können Deine Worte hier ebenso deutlich verstehen.«

Das kam dem Franzosen unerwartet. Auch war die Miene des Scheiks keineswegs so, dass sie ihm hätte Mut machen können. Bei einer Unterredung im Zelte hätte er auf den Beistand Richemontes rechnen können, während er hier allein war. Darum sagte er, auf Saadi deutend: »Aber dieser hier?«

»Er darf Alles hören«, antwortete der Scheik. »Sprich! Ich höre.« Dagegen gab es nun keine weiteren Einwendungen. Darum begann er zögernd: »Ich – ich – ich liebe Deine Töchter.« Der Scheik nickte ernst, ohne eine Antwort zu geben.

»Ich hoffe, dass Du mir dies nicht verbietest.« »Ich kann es nicht verbieten.«

»Ich bitte Dich, sie mir zum Weibe zu geben.« Der Scheik warf mit einem stolzen Lächeln den Kopf zurück und sagte: »Du sprichst mit sehr kurzen Worten. Ich bin Menalek, der Scheik der Beni Hassan. Die Herden, welche Du hier siehst, sind mein Eigentum. Wer aber bist Du, und wo weiden Deine Herden?«

Diese Fragen brachten den Franzosen in Verlegenheit. Er konnte ohne in Gegenwart Richemontes keine Auskunft erteilen; darum antwortete er: »Ich bin reich!«

»Beweise es!«

»Sprich mit meinem Vater!«

»Ich kenne ihn nicht.«

»Er wird Dir sagen, wer wir sind und was wir besitzen.« »Wird er mir das in der Sprache der Franzosen sagen?«, fragte der Scheik boshaft.

»Er versteht sie nicht; er ist ein Beduine gerade wie Du.« »Aber Du verstehst sie.«

»Nur einige Worte, welche ich zufällig gehört habe.« »Hast Du Liama gesagt, dass Du wünschest, sie zum Weibe zu haben?« »Ja.«

»Was hat sie Dir geantwortet?«

Der Franzose zögerte mit der Antwort. Er fühlte sich höchst verlegen. »Liebt sie Dich?«

»Ich weiß es nicht.«

»Du lügst! Du weißt, dass sie Dich nicht liebt; sie muss es Dir gesagt haben, denn sie hat ihr Herz bereits einem Anderen geschenkt.« Der Franzose fuhr empor. »Wem?«, fragte er rasch. Der Scheik deutete auf Saadi und antwortete: »Hier steht er, den sie liebt und dem ich sie versprochen habe. Du kommst zu spät. Lass Dich nicht wieder bei Liama sehen. Er hat gestern den Herrn des Donners getötet, und würde auch Dich töten, wenn er noch einmal sehen müsste, dass Du diejenige berührst, welche sein Eigentum ist. Hast Du mir noch Etwas zu sagen?«

Der Franzose war bleich geworden. Die Eifersucht wühlte tief in seinem Innern. Aber aus diesem leichenblassen Angesichte schoss sein Auge einen Blick glühendsten Hasses auf seinen bevorzugten Nebenbuhler. »Wer ist Dieser?«, fragte er.

»Es ist Saadi, ein Angehöriger der Beni Hassan.« »Gut! Du fragst, ob ich Dir noch Etwas zu sagen habe? Nein, jetzt nicht, Scheik, aber jedenfalls später.«

Er drehte sich um und ging den Zelten zu.

»Allah sei uns gnädig! Er wird sich rächen!«, sagte Liama, als er sich bis auf Hörweite entfernt hatte.

»Rächen? Dieser?«, fragte der Scheik verächtlich. »Wir fürchten ihn nicht. Wie will er sich rächen, da er uns braucht, um die Karawane der Franzosen zu überfallen. Er hat uns nötig, nicht aber wir ihn. Komm, Saadi, mein Sohn. Lass uns nach dem Zelte gehen, um weiter zu hören, was dieser Vater und dieser Sohn mit den Tuareks gesprochen haben.« Indem sie neben einander herschritten, fragte er seinen Begleiter nach den französischen Worten, welche dieser vorhin ausgesprochen hatte. Saadi gab ihm eine Übersetzung derselben. »Kann es möglich sein, dass er nur wenige Worte versteht?«, fragte der Scheik.

»Nein. Was er gesprochen hat, kann nur Einer sagen, der mehr als nur einige wenige Worte gehört hat.«

»So glaubst Du, dass er ein Franzose ist?«

»Ich glaube es. Er redet unsere Sprache gerade so, wie ich es in Algier gehört habe, wenn die Offiziere der Franzosen arabisch sprachen.« »So wollen wir vorsichtig sein. Wenn er ein Spion ist, so will er uns veranlassen, eine französische Karawane zu überfallen nur zu seinem Vorteile und zu unserm Schaden. Er würde den Raub an sich nehmen; wir aber würden die Rache des Gouverneurs auf uns laden und auf unsern Weideplätzen überfallen und getötet werden.« Als die Beiden in das Zelt traten, hatte der Cousin sich soeben neben Richemonte niedergelassen, ohne Zeit gefunden zu haben, Diesem das jetzt Erlebte mitzuteilen. Sie griffen, ohne sich Etwas merken zu lassen, zu ihren Pfeifen, während die Frau des Scheiks beschäftigt war, den Gästen ein Morgenmahl vorzulegen.

Dasselbe wurde verzehrt, ohne dass der Scheik und Saadi an demselben Teil nahmen. Dies war eigentlich ein sicheres und deutliches Zeichen, dass diese Beiden jetzt gewillt waren, die Gastlichkeit nicht in vollem Umfange in Anwendung zu bringen. Richemonte merkte dies gar wohl. Er fragte: »Warum nimmst Du nicht von dieser Speise?« »Ich pflege nicht, des Morgens zu essen«, antwortete der Scheik. »Aber doch habe ich Dich des Morgens essen sehen.« »Nur selten«, entgegnete Menalek kurz.

Als das Mahl beendet war und ein Jeder sich die fettigen Finger am Burnus abgewischt hatte, brachte Richemonte das Hauptthema zur Sprache. »Ich hörte, dass Du in Blutrache mit den Ibn Batta lebst?«, fragte er. »So ist es«, antwortete der Scheik. »Sie haben zwei Beni Hassan getötet.« »Nun wirst Du jeden Ibn Batta töten, der in Deine Hände fällt?« »Ja, ich werde ihn töten.«

»Wirst Du mir dankbar sein, wenn ich Dir Deine Feinde in die Hand liefere?«

»Ich werde es Dir danken.«

»Nun, so will ich Dir sagen, dass dies bald geschehen wird.« »Wann?«

»Wenn zwei Wochen vergangen sind.«

»Wo?«

»Auf dem Wege von hier nach Tuggurt. Es wird da die Karawane der Franzosen ankommen, welche von Timbuktu unterwegs ist.« »Was gehen mich die Franzosen an.«

»Es sind dreißig Krieger der Ibn Batta bei ihnen.« »Ich werde ihnen nichts zu Leid tun«, sagte der Scheik kalt. »Diese will ich nicht.«

Richemonte erstaunte. »Warum gerade diese nicht?« »Weil sie jetzt Diener der Franzosen sind.«

»Sie sind dennoch Deine Blutsfeinde.«

»Aber die Franzosen würden sie an mir rächen.« Richemonte wusste jetzt wirklich nicht, woran er mit dem Scheik war. »Fürchtest Du die Franzosen?«, fragte er.

»Ich fürchte sie nicht.«

»Du hassest sie?«

»Ja, aber ich will trotzdem in Frieden mit ihnen leben.« »Wie kommt es, dass Du Deine Ansichten so schnell änderst, Scheik Menalek?«

»Ich ändere sie nicht. Meine Ansicht ist stets gewesen, niemals das zu tun, was mir und den Meinen Schaden bringt.«

»Schaden? Ah, ich sage Dir, dass Du großen Vorteil haben würdest!« »Welchen Vorteil meinst Du?«

»Die Karawane ist sehr bedeutend.«

»Meinetwegen mag sie so lang sein, wie die Wüste breit ist.« »Sämtliche Kamele, Pferde und Waffen würden in Eure Hände fallen. Nur das Übrige würde ich für mich nehmen.«

»Nur?«, fragte der Scheik mit ironischer Betonung. »Ja, nur; denn das Alles ist nicht so viel wert als die Beute, welche Ihr machen würdet.«

»Ich mag kein Kamel, kein Pferd und keine Waffe der Franzosen. Ich weiß, dass Du nur Scherz mit mir treibst.«

»Scherz? Wie kommt Dir dieser Gedanke?«

»Wie kannst Du ernstlich meinen, dass ich eine französische Karawane überfallen soll, da Du doch ein Freund der Franzosen bist.« »Ich?«, fragte Richemonte erstaunt. »Wer hat Dir das gesagt?« »Ich vermute es.«

»Weshalb?«

»Weil Du mit den Franzosen verkehrst«,

»Allah behüte Deinen Verstand. Wo soll ich mit ihnen verkehren?« »In der Stadt Algier.«

»Dort? Ich bin ja niemals dort gewesen.«

»Und doch hat man Dich dort gesehen.«

»Wer behauptet das?«

»Ich, denn hier Saadi, der Mann meiner Tochter, hat Dich dort gesehen.« Richemonte spielte den Überraschten. Er sah Saadi erstaunt an und fragte: »Du? Du willst mich in Algier gesehen haben?« »Ja«, antwortete Dieser ruhig.

»So zürne Deinen Augen, denn sie haben Dich belogen.« »Meine Augen haben mir noch niemals die Unwahrheit gesagt. Ich habe Dich gesehen.«

»Wo?«

»Du gingst zum Generalgouverneur. Ich weiß auch Deinen Namen.« »Allah schütze Dich! Natürlich weißt Du meinen Namen. Jedermann hier im Lager kennt ihn. Man wird ihn Dir gesagt haben. Ich heiße Malek Omar.«

»Ja, Malek Omar, der Fruchthändler, der Fakihadschi.« »Ich verstehe Dich nicht. Ich kenne keinen Fakihadschi. Ich bin niemals Fruchthändler gewesen.«

Der Scheik machte eine Gebärde der Ungeduld und fragte ihn: »Du hast von dem gehört, welchen wir das Auge der Franzosen nennen?« »Ja.«

»Du hast ihn auch gesehen?«

»Nie.«

»O doch!«

»Allah il Allah! Wo soll ich diesen Geheimnisvollen Mann gesehen haben?«

»Überall, wo Du nur bist. Du brauchst nur in einen Spiegel oder in ein Wasser zu sehen, so erblickst Du ihn.«

Der Scheik hatte die Absicht, ihn zu überrumpeln, aber es gelang ihm nicht. Richemonte besaß genug Geistesgegenwart, ruhig zu bleiben. »Ich verstehe Dich nicht«, sagte er. »Du sprichst in Rätseln, welche ich nicht zu lösen vermag. Ich bitte Dich, deutlicher zu reden.« »Nun, so will ich deutlicher sprechen. Du selbst bist das Auge der Franzosen.«

Bei dieser direkten Anklage spielte Richemonte den Erstaunten so vortrefflich, dass er jeden anderen getäuscht hätte. »Bist Du toll, Scheik Menalek!«, rief er. »Willst Du mich beleidigen! Willst Du die Sünde auf Dich laden, einen treuen Anhänger des Propheten einen französischen Spion zu nennen! Kennst Du mich nicht besser?« »Ich kenne Dich nicht! Du hast mir nie gesagt, wo Deine Zelte stehen.« Richemonte fühlte, dass er, um den Verdacht, dessen Ursache er nicht begriff, zu zerstreuen, jetzt den Namen irgendeines Ortes nennen müsse. »Meine Heimat ist Sella im Norden der Harudschberge«, sagte er. »Auch Ben Ali stammt dorther?«

»Ja; er ist ja mein Sohn.«

»Wohnen dort Franzosen?«

»Nein.«

»Bist Du jemals mit Franzosen zusammengekommen?« »Niemals. Ich schwöre es bei Allah und dem Propheten.« »Aber dennoch sprichst Du ihre Sprache.«

Richemonte glaubte, der Scheik wolle nur auf den Busch schlagen. Er antwortete: »Wie kommst Du auf diesen Gedanken? Ich verstehe kein Wort davon.«

»Auch Ben Ali, Dein Sohn nicht?«

»Auch er nicht.«

Er war so sehr bemüht, sich zu rechtfertigen, dass er die verstohlenen Winke, welche ihm sein Cousin gab, gar nicht bemerkte, oder beachtete. »Und er ist auch nie mit Franzosen zusammengekommen?« »Niemals, grad so wie ich.«

»Allah il Allah! Du bist ein Ungläubiger, ein Giaur!«, rief da der Scheik. »Ich? Ein Giaur?«, entgegnete Richemonte mit erhobener Stimme. »Zügele Deine Zunge, Scheik Menalek. Wäre ich nicht Dein Gast, so würde ich Dir die Klinge meines Messers zwischen die Rippen stoßen.« »Und dennoch bist Du ein Giaur.«

»Beweise es!«

»Du schwörst bei Allah und dem Propheten und redest doch die Unwahrheit. Das tut nur ein Giaur, der nicht an Allah glaubt und den Propheten schändet.«

»Dein Vorwurf trifft mich nicht. Wie kannst Du sagen, dass ich die Unwahrheit spreche? Sage mir eine einzige Lüge, welche Du von mir gehört hast!«

»Du sagst, Dein Sohn verstehe nicht die Sprache der Franzosen.« »Das ist die Wahrheit.«

»Nein, sondern das ist eine Lüge, denn ich selbst habe ihn mit diesen meinen Ohren französisch sprechen gehört.«

Erst jetzt warf Richemonte einen beobachtenden Blick auf seinen Cousin. Er sah, dass dieser leise mit den Augenliedern zwinkerte und ahnte sogleich, dass irgendeine Unvorsichtigkeit vorgefallen sei. »Du selbst? Wo?«, fragte er.

»Draußen vor den Zelten, als ich ihn mit meiner Tochter überraschte.« »Hat er fremde Worte gebraucht, so ist es nicht französisch, sondern eine andere Sprache gewesen. Er versteht die Sprache der Türken.« »Diese war es nicht. Hier Saadi hat es auch gehört. Er versteht das Französische und hat mit Deinem Sohne in dieser Sprache gesprochen.« »Er lügt.«

Die Angst Richemontes trieb diese Worte in einem zornigen Tone heraus. Kaum aber waren sie ausgesprochen, so riss Saadi sein Messer aus dem Gürtel und sprang auf, um sich auf den Sprecher zu werfen. Aber der Scheik fasste ihn noch zur rechten Zeit, hielt ihn fest und sagte: »Halt! Ich befehle Dir, Dein Messer einzustecken! Dieser Mann wohnt unter meinem Zelte und hat mein Brot gegessen. Noch steht er jetzt unter meinem Schutze.« Und sich wieder zu Richemonte wendend, fügte er hinzu: »Du sagst, Deine Heimat sei Sella, im Norden der Harudschberge. Sprichst Du die Sprache dieser Gegend?«

»Ja«, war Richemonte gezwungen, zu antworten. »Nein. Ich kenne Sella. Ich war dort und auch in Fugha, als ich meine erste Pilgerreise machte. Ich kenne jenen Dialect. Du redest unsere Sprache, wie sie von den Franken gesprochen wird. An Dir ist Alles Lüge. Dieser Mann ist Dein Sohn gar nicht!«

»Beweise es.«

»Er müsste Deinen Namen tragen und Ben Malek Omar heißen.« »Ich habe ihn nach seinem Großvater genannt, welcher Ali hieß.« »Das ist nicht wahr, denn dann wäre sein Name Ben Malek Omar Ibn Ali. Du verrätst Dich selbst; Du kennst unsere Sitte nicht. Dieser, von dem Du sagst, dass er Dein Sohn sei, hat das Gastrecht verletzt, indem er Liama, meine Tochter, beleidigte. Sie hat mit ihm ringen müssen. Das tut kein wahrer Anbeter des Propheten, kein echter Sohn eines Beduinen. Ihr seid Spione der Franzosen und kommt, um mich zu einer Tat zu verleiten, welche großes Unheil über mich und meinen Stamm bringen würde. Ich bin Euer Gastfreund nicht mehr. Jetzt ist Euer Leben noch nicht in Gefahr. Verlasst augenblicklich mein Zelt! Befindet Ihr Euch in einer Stunde noch in der Nähe meines Lagers, so werde ich Euch ohne Gnade töten lassen.« Er hatte sich von seinem Sitze erhoben und sprach diese Worte in einem so gebieterischen Tone, dass die beiden Franzosen auch von ihren Matten auffuhren.

»Redest Du wirklich im Ernst?«, fragte Richemonte. Es kam das Alles vollständig unerwartet über ihn; er konnte das Verhalten des Scheiks nicht recht begreifen; aber sein Schnurrbart zog sich in die Höhe, und seine Zähne zeigten jenes raubtierartige Fletschen, welches bei ihm stets ein Zeichen einer gefährlichen Seelenerregung war. »Es ist mein Ernst«, antwortete der Scheik.

»Weißt Du, welchen Schimpf Du uns antust?« »Ja. Es ist eine todeswürdige Schande.«

»Nun gut. Wir gehen! Du wirfst einen unaustilgbaren Fleck auf die Gastfreundschaft der Beni Hassan; Du entehrst und beschimpfest Die, denen Du Schutz und Freundschaft zugesagt hast. Die Folgen werden über Dich kommen.«

»Ich verachte Deine Drohung.«

»Und was sagst Du zu diesen drei Kriegern der Tuarek?« »Sie sind Eure Brüder und Spione. Sie mögen auch gehen.« Da standen auch die Tuareks von ihren Plätzen auf. Derjenige von ihnen, welcher den Sprecher gemacht hatte, fragte den Scheik: »Auch uns weisest Du aus Deinem Zelte fort?«

»Ja. Kämt Ihr zu mir und nicht zu diesen Spionen, so würde ich Euch willkommen heißen. Nun aber habt Ihr gleiches Schicksal mit ihnen.« Der dunkelhäutige Mann blickte dem Scheik drohend in das Gesicht. »Weißt Du, dass dies schlimmer ist als Mord?«, fragte er. »Ich weiß es«, antwortete der Gefragte ruhig.

»So bist Du der Todfeind aller Tuareks, und Dein Stamm soll von der Erde verschwinden bis auf den letzten Mann. Die Hölle wird Euch verschlingen mit allen Euren Söhnen, Töchtern und Kindeskindern.« Jetzt verließen die fünf Ausgewiesenen das Zelt und bestiegen ihre Pferde. »Wohin?«, fragte der Cousin Richemontes leise. »Zunächst nach Osten, um diese Kerls nicht merken zu lassen, in welcher Richtung wir uns entfernen.«

Ihre Pferde hatten sich noch lange nicht erholt, stoben aber im raschesten Galopp um die Schlucht herum und dann nach Sonnenaufgang zu, immer längs des Wadi Itel dahin. Erst nach mehreren Stunden, als man fast das Ufer des Schott (See) Melrir erreicht hatte, hielt Richemonte sein Pferd an und stieg ab. Die Anderen taten dasselbe. »Jetzt wollen wir sprechen«, sagte er. »Komm.«

Sein Verwandter folgte ihm abseits, während die Tuareks sich scheinbar gleichgültig in den von der Sonne heißgeglühten Sand lagerten. »Was soll das heißen? Wie kam das Alles?«, fragte Richemonte. »Ich verstehe und begreife es nicht. Hast Du französisch gesprochen?« »Leider, ja«, gestand der Gefragte.

»Esel! Welch ein ungeheurer Schnitzer. Wie konntest Du Dich so vergessen!«

»Dir wäre es ebenso passiert.«

»Wie kam es?«

»Ich sprach mit Liama –«

»Das war der Anfang des Unsinns. Ich rief Dich zurück; aber Du hörtest mich nicht. Hast Du ihr eine Erklärung gemacht?« »Ja.«

»Was antwortete sie?«

Der Gefragte stieß einen grimmigen Fluch aus und antwortete: »Sie – ah, sie mag mich nicht.«

»Ich dachte es. Was gab sie für einen Grund an?« »Einen sehr triftigen: Sie ist bereits versprochen.« »Alle Teufel! Mit wem?«

»Mit diesem Saadi, den der Teufel herbeigeführt haben muss.« »Und der verraten hat, dass er mich in Algier gesehen hat.« »Und der es auch war, welcher mich zum Französischreden brachte.« »Ah! Wie kam das?«

»O, der Kerl hat es schlau angefangen. Ich stand gerade im Begriff, das Mädchen zu umarmen; da rief es in französischer Sprache hinter mir: ›Was machst Du da!‹ Und unwillkürlich gab ich eine französische Antwort.« »Das war der dümmste Streich Deines Lebens.« Richemonte ließ nun eine ganze Flut ärgerlicher Ausdrücke über ihn los. Der Andere ließ dieselbe ruhig über sich ergehen, bis sie zu Ende war. »Und was nun?«, fragte der frühere Gardekapitän. »Rache!«

»Natürlich. Aber wie?«

»Ich entführe das Mädchen.«

»Lass von diesem Geschöpfe! Was willst Du mit ihr anfangen?« »Sie wird meine Frau.«

»Unsinn.«

»Und gerade erst recht. Ich muss sie haben, und ich will sie haben. Dieser Saadi aber soll nicht nur sie, sondern auch das Leben lassen.« »Das versteht sich ganz von selbst. Übrigens will ich Dir das Mädchen gönnen, denn sie ist wirklich einzig schön, und Du bist verliebt. Verliebte aber bleiben so lange unzurechnungsfähig, bis man sie dadurch heilt, dass man ihnen den Willen lässt. Aber sie zu Deiner Frau zu machen, das wäre Wahnsinn.«

»Streiten wir uns nicht; das wird sich Alles finden!«, sagte der Andere hartnäckig.

»Jawohl! Jetzt gilt es vor allen Dingen, keine Zeit zu verlieren. Wir müssen einen Plan haben, uns zu rächen.«

»Und zugleich, die Reichtümer des Deutschen an uns zu bringen.« »Natürlich! Ich denke, zu Beiden werden sich die Tuareks gebrauchen lassen.«

»Inwiefern?«

»Sie mögen den Deutschen überfallen.«

»Denkst Du, sie dazu zu bringen?«

»Ja.«

»Das wäre der eine Teil. Und der Andere, die Rache?« »Hängt eng mit dem Vorigen zusammen. Die Tuareks überfallen den Deutschen, wir aber schieben die Schuld auf die Beni Hassan.« »Donner und Doria! Das geht.«

»Natürlich geht es. Es ist sehr leicht. Cavaignac wird gezwungen sein, sie zu züchtigen. Wir Beide machen die Führer. Dabei bitte ich mir den alten Hallunken, den Scheik, und diesen Saadi aus, und Du kannst die Bedingung machen, dass Dir Liama überlassen wird.«

»Sie ist mir auf diese Weise sicher!«, rief der Cousin triumphierend. »Sprechen wir mit den Tuareks.«

»Geduld! Ehe es zu dieser Katastrophe kommt, haben wir zwei Wochen Zeit, da erst dann der Deutsche kommt. Das lässt uns Gelegenheit, den Auftrag zu lösen, welchen mir der Gouverneur übergeben hat.« »Du meinst in Beziehung auf den Marabut?«

»Ja. Wir suchen ihn auf.«

»Wie weit ist es hin zu ihm?«

»Mit unsern müden Pferden werden wir sicherlich fünf Tage brauchen.« »Fünf hin und zurück, macht zehn. Da können wir vier Tage bleiben.« »Vielleicht ist es in kürzerer Zeit abgetan. Es kommt darauf an, ob das Glück uns begünstigt oder nicht. Ruhe Dich jetzt aus. Ich werde mit den Tuareks verhandeln; dann trennen wir uns von ihnen.« Während er sich zu den schwarzen Söhnen der Wüste begab, legte sein Verwandter sich in den Sand, um die letzt erlebten Stunden nochmals an sich vorübergehen zu lassen.

In seinem Innern glühte, kochte und tobte es von Liebe, Hass und Rachgier. Er liebte die schöne Maurin mit einer Glut, welche nahe daran war, Ihn unzurechnungsfähig zu machen. Der Wunsch, sie zu besitzen, war in ihm fast zur Manie geworden. Vielleicht war sein Körper nicht kräftig genug, dem Sonnenbrände der Wüste zu trotzen. Sein Gehirn war nicht widerstandsfähig, und so hatte diese Liebe so in ihm Platz gewonnen, so dass alle seine Gedanken nur auf sie gerichtet waren. Natürlich dachte er, im Gegenteile davon, nur mit dem wildesten Hass an Den, welcher ihm die Geliebte weggenommen hatte. Es dünkte ihm eine Seligkeit, diesen Menschen zu töten, und er nahm es sich vor, dies bei der ersten Gelegenheit zu tun. So lag er da im tiefen Sande, unbekümmert um die Unterredung der Andern. Er gab nur seinen Leidenschaften und Begierden Audienz, bis ihn ein Ruf Richemontes aus seinen wilden Gedanken schreckte: »Auf! Wir sind fertig!«

Als er sich erhob, sah er die Tuareks zu Pferde sitzen. »Sallam!«, riefen sie ihm kurz zu.

»Sallam!«, antwortete er instinctmäßig.

Dann stoben sie auf ihren Rossen davon, dem Süden entgegen. »Brechen auch wir gleich auf?«, fragte er.

»Natürlich!«, antwortete Richemonte.

»Bist Du mit ihnen einig geworden?«

»Vollständig.«

Dieses Wort wurde mit einem tiefen Seufzer gesprochen, welcher deutlich verriet, dass der Sprecher seine Absichten vollständig erreicht habe. »Was hast Du mit ihnen ausgemacht?«

»Sie reiten der Karawane bis zum Brunnen Ben Abbu entgegen und ziehen unterwegs so viele Tuareks an sich, als notwendig sind, die Männer der Karawane zu überfallen und zu töten. Dann begleiten sie dieselbe, natürlich unbemerkt über Rhadames und Tuggurt bis auf das Gebiet der Beni Hassan, wo der Überfall stattfindet.«

»Wir sind dabei?«

»Natürlich.«

»Was erhalten wir?«

»Sechs Kamelladungen, welche wir uns auswählen können.« »Ist das nicht zu wenig?«

»Ah! Zu viel! Wir nehmen natürlich die Ladungen, welche am kostbarsten sind. Das Übrige gehört den Tuareks. Außerdem beanspruchen sie die Waffen und Tiere. Hauptsache aber war ihnen die Rache an dem Beni Hassan.«

»Wird der Gouverneur glauben, dass diese die Räuber gewesen sind?« »Dafür lass mich sorgen! Jetzt steige auf! Unser Weg ist weit, und es ist sehr leicht möglich, dass wir verfolgt werden.« Einige Minuten später ritten sie davon, dem Norden zu, gerade entgegengesetzt der Richtung, in welcher die Tuareks diesen Platz verlassen hatten.

Da wo die Höhen des Auresgebirges im Westen des Wadi el Arab sich nach Südosten allmählig zur Ebene niedersenken, sind sie von tiefen, steilen Einschnitten und Schluchten zerrissen, welche das Gebirge nur sehr schwer zugänglich machen. In diesen Schluchten haust der Löwe und der schwarze Panther; das Geschrei der Hyänen und Schakale erschallt des Nachts, und nur selten trifft man einen Menschen, welcher es wagt, in die tiefe und gefährliche Einsamkeit dieser Gegend einzudringen. Ein einziger Ort war hiervon ausgenommen.

Stieg man im Tale des Wadi Mahana empor, so gelangte man an einen mit außerordentlich starkem Baumwuchse bedeckten Vorberg, welcher wie ein riesenhafter Altan aus der Masse des Gebirges trat. Der ihn bedeckende Wald gab ihm ein düsteres Aussehen. Aber von diesem Dunkel stach ein glänzend weißer Punkt ab, welchen man oben fast auf der Spitze des Berges bemerken konnte. Es war dies ein weiß getünchtes Bauwerk, klein und unscheinbar, aber doch berühmt im Umkreise von vielen, vielen Meilen. Dort oben hauste der fromme Marabut Hadschi Omanah, zu dessen Wohnung Tausende pilgerten, um dort ihr Gebet zu verrichten und dann mit dem Bewusstsein heimzukehren, eine Allah wohlgefällige Handlung getan zu haben.

Früher hatte man den Marabut gesehen, wenn er aus seiner weiß getünchten Hütte trat, um mit erhobenen Händen die Gläubigen zu segnen. Jetzt aber geschah dies nicht mehr. An seiner Stelle erschien sein Sohn an der Tür und brachte den Betenden den Segen seines Vaters, welcher die Wohnung nicht mehr verließ.

Woher der Marabut stammte und wie er ursprünglich geheißen hatte, das wusste Niemand. Er nannte sich Hadschi Omanah und sein Sohn wurde in Folge dessen Ben Hadschi Omanah geheißen, das ist Sohn des Mekkapilgers Omanah.

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