Die Magie der Empathie

Anna Meyer · Kapitel 1 von 1 · Teil 1/10

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Die Magie der Empathie

Die Magie der Empathie

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 10 Teile geteilt.

Anna Meyer

 

 

Dieses Buch widme ich: Ibrahim Örs (Der am 01.04.2018 unerwartet

verstarb und ein total toller, liebenswerter Kumpel war!!!!!!!!!!!!!)

Die Magie der Empathie

Dieses Buch widme ich Ibrahim Örs, der am 01.04.2018 mit nur 33 Jahren unerwartet verstarb und ein unheimliich toller, liebenswerter Kumpel war!!!

 

Pauline Plath, die mir mit ihrer geistigen Energie mein Leben rettete!!!

 

Sonja Stecknitz, die am 31.01.2023 mit nur 56 Jahren an den Folgen der Coronaimpfung verstarb!!!

 

Elena Sant Gualda

 

Siggi Plath

 

Prolog

Seit ich einigermaßen klar und logisch denken kann, wundere ich mich über die Menschen. Ich wundere mich über ihr Tun, ihr Handeln, ihre Ängste und, wenn jemand mir seine Gedanken offen und ehrlich offenbarte, dann meistens auch noch über Diese. In der Vergangenheit glaubte ich, irgendetwas stimme nicht mit mir. Ich war der festen Überzeugung, ich käme mit meinem Leben als körperlich stark eingeschränkte Frau keineswegs zurecht. Dieses glaubte ich solange, bis ich mit 34 Jahren eine Freundin kennenlernte, die mich mit ihrer überaus tollen Art und ihren ebenso tollen Gedankengängen endlich eines Besseren belehrte. Von diesem Zeitpunkt an konnte ich mich so annehmen, wie ich war und wechselte meine Position. Ich ließ mich nicht mehr „beobachten“ und „beurteilen“, sondern beobachtete und beurteilte nun selbst und eigenständig. Durch meine bewusste, fleischlose Ernährung wurden meine Sinne und Gedanken schärfer und klarer. Ich bemerkte, dass Mama Natur die einzige, alleinige und wahre Göttin ist, die das LEBEN vollbrachte, darüber wachte und tiefen, ehrlichen Respekt dafür verdiente. Zudem schämte ich mich zutiefst, dass wir Menschen tatsächlich die grenzenlose Arroganz besaßen, ernsthaft zu glauben, wir seien das Absolute des Ganzen. Und schlußendlich fühlte ich mich auf dieser wunderschönen Erde wie eine Außerirdische. Hatte ich mich als Kind, Jugendliche und junge Erwachsene doch mit aller Kraft darum bemüht, zu den Menschen zu gehören, so bemühte ich mich im fortgeschrittenen Alter mit jeglicher Macht nicht zu ihnen zu gehören und aus der Menge deutlich hervorzuragen. Dieses Bewusstsein ließ mich letztendlich zu dem Entschluß kommen, diesen kleinen Fantasyroman zu schreiben, um den Menschen, die ganz ähnlich wie ich empfinden und fühlen, ein wenig Mut zu machen.

Ich hoffe, manche Menschen können sich nun tatsächlich etwas mit mir identifizieren. Und wenn ihr mögt, könnt ihr die verschiedenen Anführungszeichen dieses Buches ebenfalls als eine Art „kleine Besonderheit“ ansehen.

I

Mit wildem Herzklopfen erwachte ich aus meinem Traum und drehte mich von meiner linken Schlafseite aus auf den Rücken. Noch ein wenig verwirrt und mit kleinen Augen tastete ich mit meiner rechten Hand nach Momo, meiner weiß-grau-gestreiften Katze, die sich für gewöhnlich jeden Morgen tiefschlafend eng an mich kuschelte. Aber an diesem Morgen war Momo nicht da. Leise seufzte ich auf und blickte mich noch vom Schlaf benommen im Zimmer um. Sah die Wände, die noch nicht ganz fertig gestrichen waren. Nur die eine Wand, von der ich beschlossen hatte, sie in einem satten, sonnigen Gelb zu streichen, war schon fertig. Doch dafür, dass wir erst seit knapp drei Wochen in diesem Haus in den Niederlanden wohnten, hatten wir uns schon sehr wohnlich eingerichtet. Nur das Schlafzimmer war etwas vernachlässigt worden. Außer unserem gut zwei Meter breiten Bett, in dem schon meine Großeltern mütterlicherseits nächtigten, und unserem Kleiderschrank hatten wir noch nichts aufgebaut. Und unser Kleiderschrank stand glücklicherweise so günstig, dass ich mir morgens vom Bett aus meine Kleidungsstücke aussuchen konnte. Das Bett und der Kleiderschrank waren aus hellem Holz und hatten in der Tat schon einige Jährchen auf dem Buckel. Ja, ich liebte Holz. Und meine große Liebe für Holz kam vermutlich daher, weil ich in einem reinen Holzhaus aufgewachsen war. Unwillkürlich musste ich grinsen, als ich meine sechs Paar Schuhe überaus ordentlich neben der Schlafzimmertür stehen sah. Jonas, mein Mann, mit dem ich seit gut einer Woche verheiratet war, hatte sie gestern dort so hingestellt. Er meinte, das ließe unser Schlafzimmer zumindest etwas gemütlicher und wohnlicher wirken.

Weiter wanderten meine verschlafenen Blicke zu den Fotos, die teilweise schon an der komplett gestrichenen, gelben Wand hingen. Auf diesen Fotos waren überwiegend die Menschen zu sehen, die mich großgezogen und mein Leben lang begleitet hatten. Und bis zu meinem vierunddreißigsten Lebensjahr glaubte ich fest, sie seien meine leibliche Familie. Nun, aber man konnte durchaus sagen, dass ich diesen Menschen ähnlich sah. Meine Augen hatten um ein Haar genau denselben Braunton, wie die meines Vaters und meiner Schwestern. Und meine Nase hatte genau dieselbe Kartoffelform, wie die von meinem Vater. Auch waren meine Haare dunkel, genauso wie bei meinen vier Schwestern und meinem Vater. Nur meine Schwester Stefanie und meine Mutter waren blond und hatten tiefblaue Augen. Meine Schwester Stefanie war nur ein knappes Jahr älter als ich und meine absolute Lieblingsschwester.

Jetzt schon etwas munterer und ruhiger blickte ich aus dem Schlafzimmerfenster. Es war genial, dass jedes Fenster unseres Hauses bis zum Fußboden hinabreichte. Somit war es bei Tageslicht immer schön hell. Leicht blinzelte ich gen aufgehender Morgensonne, die ins Schlafzimmer schien. Und weil unsere Nachbarn einige Meter von uns entfernt wohnten und das Schlafzimmer nach hinten in den Garten hinaus lag, empfand ich es nicht für so eilig, Rollos an das Fenster anzubringen. Auch war es in den Niederlanden ohnehin eher unüblich, Gardinen oder Rollos an den Fenstern zu haben. Zudem liebte ich es, von meinem Bett aus ungehindert in den Nachthimmel gucken und bei wolkenlosem Himmel den Mond und die Sterne beobachten zu können.

Träumerisch blickte ich in unseren Garten hinaus. Er war nicht groß. Er war eher von der kleineren Sorte. Genauso wie unser ebenerdiges Haus, worin sich vier kleinere, aber gemütliche Zimmer, eine Wohnküche und ein Badezimmer befanden. Das größte Zimmer von unseren vier Zimmern hatte mein Mann sich als Behandlungsraum eingerichtet. Er arbeitete als Heilpraktiker und ließ seine Patienten momentan noch zu uns nach Hause kommen. Denn da wir erst seit kurzer Zeit in den Niederlanden lebten, war ihm noch keine rechte Zeit geblieben, sich eine separate Praxis zu suchen. Aber das würde er tun, sobald wir in unserer neuen Heimat ein wenig Fuß gefasst hatten.

Und zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich eine eigene Badewanne in meinem Zuhause. Zwar konnte ich in dieser Badewanne nur baden, wenn Jonas, mein toller Ehemann, zu Hause war, da er mich hineinheben musste, trotzdem freute ich mich bei jedem Besuch im Badezimmer, sie zu sehen. Zum Glück befand sich neben unserer Badewanne noch eine Dusche, die ich mit meinem Rollstuhl problemlos be- und unterfahren konnte, sodass ich auch ohne meinen Ehemann meiner Körperhygiene nachgehen konnte. Ja, unser Badezimmer war sehr geräumig und dadurch geradezu perfekt für mich im Rollstuhl. Doch mein absoluter Lieblingsraum in unserem Haus war unsere Wohnküche. Von ihr konnte man durch eine große Glasschiebetür nämlich direkt auf die Terrasse und in den Garten gelangen. Zwar war die Wohnküche ebenfalls noch nicht vollständig eingerichtet. Dafür stand im Wohnbereich vor der großen Glasfront aber schon ein schönes, flauschiges rötlichbraunes Sofa, in dem man versinken konnte. Der Fußboden war aus schönen, warmen Holz sowie auch in den üblichen Zimmern. Nur vor dem Sofa lag ein beige-rötlicher Teppich. Während den Mahlzeiten konnte man von unserem dunklen Holzesstisch aus die Vögel, Hasen und Eichhörnchen im Garten beobachten. Und zur Weihnachtszeit würde in diesem Wohnbereich unser Tannenbaum stehen.

Ich gähnte und erinnerte mich an meinen abscheulichen Traum zurück, aus dem ich vor wenigen Minuten aufgewacht war. Diesen Traum träumte ich nun schon fast jede Nacht. Auch schien es mir jedes Mal so, als ob ich ihn die ganzen Stunden hindurchträumte, die ich schlief. Und in Sekundenschnelle fiel mir ein, dass ich gestern Abend Jonas noch von meinem Leben als invalide Hexe erzählen wollte. Doch da ich plötzlich von einer starken Müdigkeit heimgesucht worden war, hatte ich meinem Mann nur ein knappes Viertel meiner Geschichte erzählt.

»Guten Morgen, meine kleine Zappelhexe«, wurde ich auf einmal noch von einer sehr verschlafenen Stimme liebevoll begrüßt, »hast du gut geschlafen?«

Noch immer ein wenig vom Schlaf benommen und von meinem Traum aufgewühlt, nickte ich zaghaft und sah Jonas etwas schüchtern an, der sich ausgiebig streckte.

»Hast du wieder diesen scheußlichen Traum gehabt, hm?«, erkundigte Jonas sich mitfühlend bei mir und zog mich zärtlich an sich.

»Ach, Brummelbär, vielleicht bin ich doch nicht für diese Lebensaufgabe geeignet, die mir meine leibliche Familie zugeteilte hat«, seufzte ich weinerlich. „Denn bis jetzt habe ich auf der Welt der Menschen nicht sehr viel zum Positiven verändern können. Und außerdem habe ich dich, statt Finn geheiratet. Ich meine, es hatte doch seinen Sinn, dass unsere Eltern uns einander versprachen! Und nicht umsonst träume ich in letzter Zeit immer und immer wieder von der geplatzten Hochzeit mit Finn und dem Dritten Weltkrieg auf dem Blauen Planeten. Vielleicht schicken meine Eltern und Schwestern mir aus Rache ständig diesen Traum.«

»Tja, wenn es dir urplötzlich eingefallen sein sollte, doch zu deinem eigentlichen Ehemann zu gehören, musst du dich von mir eben wieder scheiden lassen und zu ihm gehen.«

Die plötzliche Kälte, die in Jonas Stimme gefahren war und die abweisende Körperhaltung schmerzten mich so sehr, dass mir Tränen in die Augen traten.

»Nein, Brummelbär, das meine ich doch gar nicht«, brachte ich mühevoll über meine leicht zitternden Lippen. »Und du weißt genau, dass ich Finn nachher nicht mehr heiraten wollte und wie sehr mich diese Träume aufregen. Denn mein ganzes Leben lang habe ich zu verstehen bekommen, dass er der perfekte Ehemann für mich sei. Nun, anfangs fand ich dieses ja auch total schön. Aber als später immer häufiger über uns als das »perfekte« Ehepaar gesprochen wurde, fing ich allmählich an, eine leichte Abneigung gegenüber Finn zu entwickeln. Und das, obwohl er der Mensch war, der in allen Lebenslagen zu mir stand und mir am Vertrautesten war. Auch fing ich erst recht an, mich vor ihm zurückzuziehen, als unsere Hochzeit beschlossen war.«

Wie ein gescholtenes Kind versuchte ich, weiter unter Jonas´ warme Bettdecke zu kriechen und mich wieder an ihn zu kuscheln.

»Süße, du müsstest doch allmählich bemerkt haben, dass du bereits ein großes Teil zum Frieden und zur besseren Kommunikation unter den Menschen beigetragen hast. Und ich meine, viel mehr hat deine Familie nicht von dir verlangt, oder?«

Der etwas entspanntere Gesichtsausdruck und die veränderte Haltung meines Ehemannes machten mich unsagbar glücklich.

Nein, Jonas war eigentlich nicht der Mann, den ich mir als den Ehemann an meine Seite vorstellte. Zwar war er ein sympathischer und durchaus hübscher Mensch. Er hatte unheimlich viel Wissen. Auch war er extrem bescheiden. Dennoch stellte ich mir seit längerem die Frage, ob das hier alles mit rechten Dingen zuginge. Denn ich wusste absolut nicht, ob Jonas in mir die perfekte Gesprächspartnerin gefunden hatte, die er so dringend brauchte. Zwar war ich nicht gerade ein Dümmerchen, aber so wissend, wie er es war, war ich bei weitem nicht. Zudem fragte ich mich immer wieder, ob ich ihn richtig glücklich machte. Aber bis jetzt schien er glücklich mit mir zu sein. Jedenfalls gab er mir das Gefühl.

»Du vergisst nur, dass Michael Ende dieses ›große Teil‹, wie du es nennst, ebenfalls entdeckt und ein wunderschönes Buch darüber geschrieben hat. Der Unterschied war, dass das kleine Mädchen Momo in seinem Fantasyroman bemerkte, dass die Menschen um sie herum plötzlich immer weniger Zeit füreinander hatten und schließlich den "grauen Herren" auf die Schliche kam. Denn diese grauen Herren haben den Menschen die Zeit gestohlen, um selber existieren zu können. Auch wenn Momo durch intensives Zuhören hinter das Geheimnis der grauen Herren kam, das das ruhige, harmonische Zusammenleben der Menschen mit ihrem Zeitraub störten, so ähneln sich unsere beiden Entdeckungen doch ziemlich. Denn die Menschen können sich in der Tat nicht gut genug zuhören. Ebenso wie den Tieren und den Pflanzen. Alles muss immer schnell gehen. Und wenn wir einmal etwas auf dem Herzen haben und darüber sprechen möchten, müssen wir meist jemanden aufsuchen, den wir fürs Zuhören und für eine gute Idee bezahlen. Wir haben füreinander einfach keine Zeit mehr. In den meisten Gemeinschaften jedenfalls. Nur dort, wo die Menschen noch mit mehreren Generationen zusammenleben und füreinander da sind, kennt man den Beruf eines Psychologen oder eines Psychiaters zum größten Teil gar nicht. Diese Menschen geben sich gegenseitig soviel Halt, dass sie gar nicht erst aufgrund vor lauter Einsamkeit in Depressionen verfallen. Ja gut, es gibt natürlich Hirnschädigungen, die wirklich so drastisch sind und nur mit speziellen Medikamenten behandelt werden können. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Erkrankungen verschwinden, wenn diese Menschen vollste Geborgenheit durch Andere erfahren. Auch ist anzunehmen, dass wir etwas länger leben, wenn wir glücklich, zufrieden und sicher in der Mitte unserer Liebsten verweilen. Nur konnte Michael Ende diese Problematik nicht so deutlich benennen, weil er ja einen Roman für Kinder schrieb.“, gab ich etwas mürrisch von mir und verschränkte die Arme trotzig über meiner Brust.

„Nun, aber die meisten deiner Leute sind vollkommen zufrieden und sogar ein bisschen stolz auf dich. Was möchtest du denn noch mehr?«

»Ja, ich bin auch so dermaßen toll!«, gab ich in einem ironischen Ton zurück und klimperte mit meinen Augenlidern. »Ich habe nur eine recht gute Beobachtungsgabe, sowie sie manche Leute eben haben. Das ist alles!«

»Und deine gute Beobachtungsgabe sagt dir wohl auch, dass ich ein Brummelbär bin?!«

»Nun, manchmal bist du ganz schön brummelig. Und dieses hast du mir als Masseur auch zur Genüge gezeigt. Damals, als du mich aufgrund meiner Rückenschmerzen behandelt hast«, erklärte ich grinsend. »Während der Behandlungsstunden hast du mich manches Mal ganz schön ausgeschimpft. Besonders, als ich dir von der Fingeramputation erzählt habe, die ich bei mir durchführen lassen wollte.«

»Ja, das war auch eine ziemliche bescheuerte Theorie von dir, dass sich deine starke Spastik verringert, wenn du dir einen oder zwei Finger deiner beiden Hände amputieren lässt. Deine vorletzte Physiotherapeutin hatte dir mal erzählt, man könne aller Wahrscheinlichkeit nach das unkontrollierte Bewegungsmuster eines Menschen mit einer Spastik „unterbrechen“, wenn man ihm ein Gliedmaße abnimmt. Na, und das wolltest du ausprobieren. Vermutlich ist diese Theorie deiner ehemaligen Physiotherapeutin auch korrekt. Doch ausprobiert oder gar bewiesen ist sie nicht.“, erklärte mein Mann aufbrausend und klatschte wild gestikulierend in beide Hände.

Ich versuchte, mich ein wenig weiter aufzusetzen. Denn im Sitzen konnte ich wesentlich besser zu Atem kommen und somit sehr viel deutlicher sprechen. Als Jonas dieses bemerkte, zog er mich hoch, stopfte mir mein Kopfkissen und meine Bettdecke hinter den Rücken und deckte mich mit seiner Eigenen fürsorglich zu. Ja, es war erstaunlich, wie gut manche Menschen mich vom Sprachlichen her verstehen konnten. Denn aufgrund meiner starken spastischen Lähmung, die seit Geburt meinen ganzen Körper beherrschte, konnte ich mich nur undeutlich mitteilen. Ich sprach wie eine volltrunkene Person. Und einige Leute taten sich ziemlich schwer damit, mich genau zu verstehen. Zumeist lag dies daran, dass leider nicht wenige von meinen Gesprächspartnern eine gewisse Scheu verspürten, mich das Gesagte noch einmal oder auch mehrere Male hintereinander wiederholen zu lassen. Überwiegend empfanden sie, sie würden mich mit dem Wiederholen der Sätze überfordern oder gar nerven. Allerdings gab es Menschen, die mich beinahe von Beginn unserer Bekanntschaft an auf Anhieb recht klar und deutlich verstehen konnten. Auch Jonas gehörte zu den Menschen, die beinahe jedes einzelne Wort von mir verstanden. Jedoch waren wir uns auch schon recht vertraut. Und nicht selten geschah es, dass ich einen undeutlichen Ton von mir gab und er dennoch auf den Punkt genau wusste, was ich meinte. Zudem liebte ich es grenzenlos an ihm, dass er es nie müde wurde, mich kompliziertere Worte solange wiederholen zu lassen, bis er genau verstanden hatte, was ich erzählen wollte.

»Trotz alledem hätte man es einmal ausprobieren können, ob ein Mensch mit recht starker Spastik sich gezielter bewegen kann, wenn man ihm eine oder zwei Gliedmaßen abnimmt. Ich meine, die Ärzte operieren sogar in Gehirnen herum, um den Menschen mit spastischen Lähmungen ein etwas ruhigeres und „lebenswerteres“ Leben zu verschaffen. Und das finde ich persönlich total grausig. Denn bei diesen Operationen kann weitaus Schlimmeres passieren, als bei einer Fingeramputation. Ja, gut, wer unter seiner spastischen Lähmung ernsthaft zu leiden hat, sollte sich natürlich am Gehirn operieren lassen! Nichtsdestotrotz sollte man erst einmal versuchen, die Dinge anzunehmen, die das Leben für einen parat hält. Außerdem hätte ich diese Fingeramputation keineswegs in Betracht gezogen und mich für sie entschieden, wenn ich meine beiden Hände vollständig hätte einsetzen können. Aber da ich mit ihnen so gut wie nichts machen kann, wäre es nicht weiter aufgefallen, wenn ich an einer Hand einen oder zwei Finger weniger gehabt hätte. Ja, man hätte es natürlich gesehen. Doch das wäre aber auch schon alles gewesen.“, gab ich erklärend zurück, nachdem ich gut saß. „Allerdings habe ich mich dann doch für das Einritzen der Muskeln meines rechten Beines entschieden. Und seitdem mir die Muskeln operativ ein Stück weit angeritzt worden sind, die in meinem Bein am verspanntesten waren, bin ich körperlich tatsächlich etwas ruhiger.«

»Ja, diese Operation war eine etwas Andere, die man im Gegensatz zur Fingeramputation gut nachvollziehen kann. Denn bei ihr werden die spastischen Muskeln des Arms, des Beins oder des Fußes weitestgehend lahmgelegt. Nur, bei dieser OP wäre beinahe nicht alles glattgegangen. Und dann wärst du womöglich noch schwerer behindert gewesen, als du ohnehin schon bist. Die Ärzte haben dir aus Versehen ein kleines bisschen zu viel vom Narkosemittel gegeben. Und dies hätte dein kleiner, zierlicher Körper fast nicht verkraftet. Wenn man denn noch bedenkt, warum du diese Operation über dich ergehen lassen hast, sollte man dir eine gehörige Ohrfeige verpassen. Denn du wolltest gar nicht sooo unbedingt deine starke Spastik verringern, die dich im Grunde genommen in keiner Weise stört. Denn du hast deine Spastik bereits dein Leben lang und bist an sie gewöhnt, wie an deine braunen Augen. Nein, du wolltest nur, dass deine Mitmenschen es leichter mit deiner körperlichen Pflege haben. Weißt du, Zerlina, das ist ziemlich bescheuert: Auf der einen Seite regst du dich über die Leute auf, die sich wie Marionetten der Gesellschaft fügen. Du erzählst deinen Freunden, sie möchten ihr Leben so leben, wie sie es für richtig halten. Du sagst, dass sie darauf acht geben sollen, dass ihnen niemand ihr Leben aus den Händen nimmt und für sie weiterlebt. Aber auf der anderen Seite lässt du dir dein Leben ganz genauso aus den Händen nehmen, um es von deinen Mitmenschen weiterleben zu lassen. Und wenn du nur mutig genug gewesen wärst, dir dieses einzugestehen, hättest du dich nicht operieren lassen. Auch hättest du mehr auf mich und meine heilenden Hände vertrauen müssen. Du wärst deinen Leuten eine weitaus größere Hilfe, wenn du dich gegen diesen operativen Eingriff entschieden hättest. Du weißt, dass die Menschen sich generell in die Angelegenheiten von Anderen einmischen. Und dieses machen sie meistens leider nicht, um ihren Mitmenschen wirklich zu helfen und ihnen gut zu tun, sondern sie tun es, weil sie schlichtweg ihre Langeweile vertreiben möchten. Auch bei dir haben die Leute, mit denen du näheren Kontakt hattest, ihre Langeweile und ihr „ach so übergroßes Mitleid“ zu deinem Problem mit deiner Behinderung gemacht. Dabei hast du nie unter deiner starken Körperbehinderung gelitten und niemals davon geträumt, eine nicht behinderte Frau zu sein. Denn du bist nun einmal so schwer körperbehindert auf die Welt gekommen und kennst dein Leben aus diesem Grunde nicht anders! «

»Ja, ich weiß!«, murmelte ich. »Aber ich habe die Operation gut überstanden. Und die ewigen Schmerzen in meinem rechten Fuß sind fast verschwunden. Außerdem wusste ich damals doch noch gar nicht, ob meine Beobachtung mit deinen heilenden Händen stimmt und ob ich dir jemals näher kommen werde. Na, jetzt ist mein rechtes Bein weitestgehend lahmgelegt und bereitet mir keine Schwierigkeiten mehr. Ja, ich kann mir denken, was du jetzt wieder sagen möchtest. Wenn ich mich schon damals richtig ernährt hätte, wäre meine körperliche und meine seelische Verfassung eine wesentlich Bessere gewesen. Denn die einzelnen Nahrungsmittel erzählen uns ja ihre ganze und eigene Lebensgeschichte, die unser Körper mühselig verdauen und verarbeiten muss. Ganz besonders Tierisches sollte man nicht essen. Dieses macht nur traurig, krank, lässt einen verzweifeln und führt zu brutalen Wutausbrüchen, die wiederum in verheerende Kriege ausarten können. Und ich schäme mich auch wirklich wahnsinnig, fast dreißig Jahre lang etwas von unseren tierischen Vorfahren gegessen zu haben. Denn wie kann man sich für einen guten Menschen mit gesundem Vestand halten, wenn man vom Leichnamen eines völlig wehrlosen Lebewesen isst?! Ganz davon ab, fühle ich mich geradezu wie ein neuer Mensch, seitdem ich vegan lebe.

»Ganz genau! Zudem musst du dich fragen, welch wertvolles Können du durch diesen operativen Eingriff an deinem Bein verloren hast!«, kam plötzlich eine piepsige, sehr vorwurfsvolle Stimme unter dem Bett hervor und im nächsten Moment sprang meine kleine weiß-grau gestreifte Katzendame auf die Matratze.

»Momo, da bist du ja!«, rief ich aus und drückte sie freudig an mich.

»Ja, wo sollte ich bitteschön denn sonst sein, hm? Meine Tochter und ihr Vater hatten sich mal wieder gewaltig in der Wolle, wo ich kurz schlichten musste. Du weißt doch, die Beiden sind manches Mal wie Feuer und Wasser! Und ich muss dann immer zusehen, dass Kimmy nicht verbrennt und Hannes nicht ertrinkt. Schlimm, schlimm, schlimm.«

»Och, meine arme, kleine Momo«, schmunzelte ich und drückte ihr einen Kuss auf die winzig kleine Nase.

»Ja, mach' dich ruhig lustig über mich«, maulte Momo weiter, »wirst schon sehen, was du davon hast!«

"Und wo sind Hannes und Kimmy jetzt?"

"Kimmy liegt beleidigt unter dem Bett und Hannes hat sich verärgert auf die Fensterbank im Wohnzimmer hinter die ganzen Blumentöpfe verzogen und starrt hinaus in den Garten. Vielleicht ist er aber auch schon durch die Katzenklappe in der Terrassentür in den Garten entschwunden und streift mürrisch durch die umliegenden Wiesen und Felder. Zum Glück liegt unser Grundstück und unser Haus recht abseits, sodass es hier kaum viel befahrende Straßen gibt. Nur dieser Jäger, der hier durch den nahen Wald streift, macht mir ziemlichen Kummer. Hört ihr Kimmy beleidigt an ihrem kleinen Gummiball knabbern?"

"Ja, das kann man nicht überhören.", erwiderte ich leicht lächelnd. "Übrigens hat Jonas gestern mit dem Jäger gesprochen. Er wird also darauf acht geben, keinen pechschwarzen Kater und keine hellbraun-, schwarz-, weißgetigerte Katze zu erschießen. Na, und weil ihr drei es von München her so gewohnt seid, ständig in der Wohnung zu sein, geht ihr nicht allzu häufig nach draußen. Du zum Beispiel hast ein bisschen Angst, hinaus in die weite Welt zu gehen und möchtest lieber immer im Haus bleiben."

"Nun, mich reizt es nicht, den Mäusen und Kaninchen hinterher zu jagen. Denn die Mäuse erinnern mich einfach zu dolle an Moritz, deine oder unsere kleine Maus, die in München bei uns wohnte.", murmelte Momo zwischen den Zähnen hindurch.

»Och menno, wie lange werde ich denn brauchen, um Momo richtig zu verstehen?«, schimpfte Jonas leise vor sich hin. »Und selbst du fällst, wenn du mit ihr sprichst, in eine Art Singsang, den ich nicht gut verstehen kann. Manchmal verstehe ich noch nicht einmal das kleinste Wörtchen.«

»Tja, Brummelbär, das liegt daran, dass du ein Mensch bist, der vom Planeten Erde stammt. Wenn du einer von uns wärst, könntest du Momo ohne Weiteres verstehen.«, neckte ich Jonas und blickte in seine hellbraunen Augen.

Ja, Jonas war mit seinem etwas herb geschnittenen Gesichtszügen, seinem ständigen Dreitagebart, seiner überaus männlichen Stimme, seinen braunen Augen und seinen blondem, kurzem Haar, das schon leichte Geheimratsecken anzeigte, in der Tat ein hübscher Mann. Und obwohl er noch nicht einmal dreißig Jahre alt war, wuchsen die Geheimratsecken stetig. Eine irrsinnig schöne, farbliche Zusammenstellung; ziemlich hellblonde Haare und unheimlich warme, braune Augen. Anfangs irritierte es mich ein wenig, in Jonas' Augen zu blicken. Denn ich hatte ja ebenfalls braune Augen. Aber je länger ich mit Jonas zusammen war, desto weniger irritierte mich seine Augenfarbe. Finns Augen dagegen waren grün-blau, die zu seinem leicht rötlichen, etwas lockigen und ebenfalls recht kurzgeschnittenen Haar gut passten. Auch in der Körpergröße unterschieden mein Ex-Freund und mein jetziger Ehemann sich ziemlich. Finn war knapp an die zwei Meter groß, recht breitschultrig, muskulös und sportlich gewesen. Jonas dagegen war etwas über einen Meter achtzig groß, war für einen Mann recht schmal gebaut und hatte weniger Muskelmasse an Armen und Beinen. Dennoch fühlte ich mich bei ihm um einiges geborgener, sicherer und beschützter. Und dies, obwohl er gute dreizehn Jahre jünger war als Finn. Doch dass ich mich bei meinem jetzigen Ehemann sicherer und geborgener fühlte, kam wohl daher, weil er ein strengeres Auftreten hatte. Außerdem war Jonas um einiges selbstbewusster und in seinem Wesen viel gefestigter als Finn. Dabei war mein Ex-Freund ein herzensguter Mensch, der die Ruhe selbst war und von jedem gleich gemocht wurde, der ihn kennen lernte.

»Hm, dabei fällt mir ein, dass du gestern Abend damit begonnen hattest, mir deine ganze Geschichte als invalide Hexe zu erzählen.«, riss Jonas mich sanft aus meinen Gedanken.

»Ja, entschuldige bitte, dass ich dabei eingeschlafen bin. Und auch, wenn du den Anfang meiner Lebensgeschichte schon seit Längerem kennst, beginne ich am besten noch einmal ganz von vorne, oder?«

Mit einem bestimmten Nicken zeigte Jonas mir an, dass er damit einverstanden war.

II

Nachdem ich von der Toilette zurückkam, im Bett wieder gut saß, Jonas unsere Katzen versorgt und uns einen Früchtetee mit Honig gemacht hatte, nahm ich Momo in den Arm, holte tief Luft und begann mit meiner Geschichte:

»Die Lebewesen des blauen Planeten schrieben gerade das Jahr neunzehnhundertsiebzig. Es war in einer sehr heißen Juninacht, als ich recht unsanft im Garten meiner Eltern aufschlug. Denn mein leiblicher Vater, der mich auf diesen Planeten brachte und während den letzten Metern auf seinen Armen trug, kam nämlich leicht ins Stolpern, sodass es ihm nicht gelang, mich sonderlich sanft abzulegen. Sofort fing ich lauthals zu schreien an. Der Mann, von dem ich jahrelang glaubte, er sei mein leiblicher Vater, fand mich schließlich im Garten unter dem Wohnzimmerfenster. Vorsichtig lüftete er das Tuch, in dem ich eingewickelt war, und sah in mein kleines schrumpeliges Gesicht. Behutsam trug er mich ins Haus und zeigte mich seiner angetrauten Ehefrau, meiner Mutter.

»Wo hast du den kleinen Säugling denn gefunden, Wolfram?«, fragte sie ihren Mann höchst erstaunt und erschrocken. Vorsichtig beugte sie sich über mich, begutachtete zärtliich mein kleines Gesicht und legte ihren Zeigefinger in meine winzige Hand.

Mein Vater erzählte meiner Mutter, dass er mich schreien gehört und kurze Zeit später dann unter dem Wohnzimmerfenster entdeckt habe.

»Und was sollen wir mit diesem kleinen Bündel nun anfangen? Wir haben doch schon fünf Töchter.«, gab meine Mutter ein wenig hilflos von sich und schaute meinen Vater mit ihren blauen Augen äußerst fragend an.

»Erstmal behalten wir sie diese Nacht bei uns. Denn wir können sie ja schlecht wieder zurück in den Garten legen! Hm, ich vermute doch mal, dass es ein kleines Mädchen ist. Denn wir bekommen ja irgendwie nur Mädchen. Und sie ist doch bestimmt nicht älter als drei Tage, oder?«, fragte mein Vater etwas verlegen und strich meiner Mutter liebevoll eine blonde Strähne aus der Stirn.

„Nun, das kleine Bündel ist bestimmt nicht älter als drei Tage. Auch kannst du durchaus Recht haben, dass es ein Mädchen ist“, unterstütze meine Mutter die Vermutung ihres Mannes im sanften Tonfall und lächelte ihn schelmisch von der Seite an. Behutsam nahm sie mich aus seiinen Armen und ging mit mit mir im Wohnzimmer leicht wippend auf und ab.

„Jedoch blieb ich nicht nur diese eine Nacht im Hause meiner Familie. Denn da die Suche nach meinen leiblichen Eltern erfolglos blieb, entschieden diese Leute sich, die vor den Toren Münchens wohnten, mich mit ihren fünf leiblichen Töchtern großzuziehen und mir den Namen Zerlina zu geben.

Und trotzdem ich so unerwartet bei ihnen hineingepurzelt war, nahm meine Familie mich recht liebevoll auf. Zwar war meine Mutter von ihrer Art her ein wenig barsch und herrisch, aber ich mochte diese kleine, rundliche Frau mit ihren langen, festen, Locken, ihren großen blauen Augen und ihrer lustigen Stupsnase. Mein Vater hingegen war ein unheimlich sanftmütiger, ruhiger Mensch. Er war groß und breitschultrig gebaut, hatte eine durchtrainierte Figur und besaß auf seinem Kopf nur noch wenig Haar, das mit Mitte dreißig bereits ergraut und einmal von dunkler Farbe gewesen war. Vier von meinen fünf Schwestern hatten ebenfalls dunkle Haare, die ihnen beinahe bis zu den Hüften hinabreichten, und waren, genau wie mein Vater, von der Gestalt her hochgewachsen und schlank. Nur meine Lieblingsschwester kam von ihrem Aussehen nach meiner Mutter. Sie hatte ebenfalls dicke, blonde lockige Haare, recht helle blaue, große Augen, eine niedliche Stupsnase und war von ihrer Figur her eher etwas stämmig. Doch auch sie hatte dieselbe ruhige, völlig gelassene Art meines Vaters. Mit Stefanie, die von allen nur kurz und bündig Steff genannt wurde, tobte ich als Kind mit größter Freude durch unseren recht großen und baumbewachsenen Garten. Unser Familienholzhaus stand in der Mitte unseres Gartens. Dieses Haus hatte mein Vater mit tatkräftiger Unterstützung seiner Familie und Freunde eigenhändig gebaut. Um unser Grundstück herum lagen nur Wiesen, Felder und Wälder. Unsere nächsten Nachbarn wohnten etwa einen halben Kilometer von uns entfernt. Nur meine Großmutter väterlicherseits war unsere unmittelbare Nachbarin. Als meine Familie unser Haus in dem winzig kleinen Ort in der Nähe von München baute, wollte mein Vater seine Mutter nicht in der Großstadt alleine zurücklassen und bat sie, in das Haus direkt neben unserem Grundstück zu ziehen, das schon mehrere Jahre lang leer stand.

Ja, wir lebten recht ruhig und einsam.

Ganz besonders liebte ich es als kleines Mädchen, mit Steff in unserem Garten verstecken zu spielen und im Sommer und im frühen Herbst das reife Obst von unseren zahlreichen Obstbüschen und Obstbäumen zu naschen. Da ich mich aufgrund einer starken spastischen Lähmung nicht selbständig auf meinen Beinen halten konnte, krabbelte ich munter drauf los. Ich versteckte mich zwischen den vielen, sehr eng stehenden Tannen und Büschen. Steff konnte mein Versteck bei unserem Spiel so manches Mal gar nicht so ohne Weiteres ausfindig machen und musste richtig suchen. Meiner Schwester Steff fühlte ich mich unheimlich nahe und hatte in ihrer Gegenwart ein warmes, sicheres und gutes Gefühl. Leider fühlte ich mich bei meinen anderen Schwestern nicht so sehr geborgen und sicher. Welches der Grund dafür war, vermochte ich nicht zu sagen. Denn alle vier hatten die Art meines Vaters, die ich so sehr mochte. Allerdings waren meine vier ältesten Schwestern auch schon so gut wie erwachsen und von zu Hause ausgezogen, als ich in ihre Familie purzelte. Vielleicht lag es am großen Altersunterschied, dass wir nie so recht warm miteinander wurden.

Bereits als kleines Kind bemerkte ich, dass ich einige unschöne Dinge, die in naher Zukunft geschehen würden, ›voraussehen‹ konnte. Und jedes Mal, wenn irgendetwas Unschönes geschah, spürte ich es als Allererstes in meinem rechten Bein. Ich spürte kurz vor einem nicht so schönen Ereignis oder gar vor einer Katastrophe in meinem rechten Bein einen Schmerz, der mitunter unerträglich war. Aus diesem Grunde nannte ich mein rechtes Bein bald »mein kleines Zauberbeinchen«, auch wenn ich noch nicht wusste, eine leibhaftige Hexe zu sein. Zudem wurde ich vor einem unschönen Ereignis unheimlich unruhig und konnte nachts kein Auge zutun. Momo hat es vorhin bereits kurz angesprochen. Später war ich sogar so gut, dass ich die Ereignisse, die sehr bald geschehen würden, direkt benennen konnte. Von diesem Zeitpunkt an war ich den Menschen unheimlich. Denn ich war des Hellsehens mächtig. Aber seitdem man einige Muskeln meines rechten Fußes ein Stück anritzte, ist mein Empfinden für herannahende Katastrophen weitestgehend gestört. Dies bedeutet, dass ich körperlich zwar relativ ruhig und entspannt bin, jedoch kaum noch Gefahren wittern und dementsprechend handeln kann sowie es mir vor meiner Operation noch möglich war. Weil ich jedoch manches Mal schwach und noch immer meine, ein Mensch zu sein, der auf dem Planeten Erde zu Hause ist, denke ich, ich müsste mich in diese Gesellschaft restlos eingliedern und so aussehen, wie alle Anderen hier. Nun, als eine echte invalide Hexe müsste ich eigentlich sofort auf den Planeten der Hexen und Zauberer zurückgeholt werden. Denn ich kann die Menschen mit meiner jetzigen „kaputten“, feinen Antenne nicht mehr ausreichend schützen. Aber die Zauberwesen bei mir zu Hause haben zum Glück Nachsicht und erlauben mir, hier zu bleiben. Sie meinen, ich solle die Menschen eher vor sich selber als vor Gefahren von außerhalb schützen“, flüsterte ich schuldbewusst und drückte Momo noch etwas stärker an mich.

»Tja, selber schuld!«, holte Jonas noch einmal zu einem Tadel aus. Doch als er meine funkelnden Augen sah, verstummte er augenblicklich und hörte weiter bereitwillig zu, als ich gleich darauf wieder zu erzählen begann.

»Aber damals, als ich noch nichts von meinem Hexendasein wusste, ängstigte mich meine Gabe des ›Voraussehens‹ unheimlich“, erzählte ich. „Manchmal war es mir sogar so, als könne ich hören, was meine Gesprächspartner oder meine Spielgefährten gerade dachten. Oftmals waren es nur Fetzen ihrer Gedanken. Am häufigsten glaubte ich aber, Gedankenfetzen von Finn, meinem Freund, mit dem ich schon seit Kindertagen befreundet war, hören und verstehen zu können. Mehrmals fragte ich mich, ob es daran lag, weil wir eine so enge Bindung miteinander hatten. Denn auch er schien des Öfteren genau zu wissen, was oder woran ich gerade dachte. Jedoch sollte es Jahre dauern, ehe ich dieses Phänomen richtig´wahrnahm und erkannte.

Zudem plagten mich Alpträume, die mich in einigen Nächten meiner Kindheit heimsuchten. Ich träumte ständig von riesigen, gruselig aussehenden Gestalten mit sechseckigen Augen. Diese Gestalten kamen in den Nächten meiner Alpträume zu mir, rissen mich aus meinem warmen, kuscheligen Bett und flogen mit mir durch das offene Fenster. Wenn sie eine bestimmte Höhe erreicht hatten, ließen sie mich plötzlich fallen. Ich fiel fast jedes Mal durch die Wolken gen harter Erde. Und während die Riesen mit mir durch die manchmal unangenehm kalte Nachtluft flogen, flüsterten sie mir wütend zu, dass sie meine beruhigende Art, die ich ausstrahle, keineswegs mochten und sie für gefährlich hielten. Sie erzählten mir bei jedem Flug zu den dunklen und nassen Wolken, sie wollten das ganze Weltall für sich alleine haben. Es solle keinen anderen bewohnten Planeten geben, außer den Ihren. Aber mit meiner beruhigenden Art könnte ich es vielleicht schaffen, dass die Menschen und die Tiere harmonischer zusammenlebten und es am Ende vermutlich sogar aufgaben, sich gegenseitig auszurotten. Die grausigen Gestalten, die mich in ihren Fängen hielten, ängstigten sich anscheinend davor, die Lebewesen der einzelnen belebten Planeten könnten es aufgeben, Kriege gegeneinander zu führen und sich auszulöschen. Denn dies würde bedeuten, dass die Welten und das Leben auf ihnen für längere Zeit existierten. Während meiner Flüge mit den Riesen erfuhr ich, dass die Bewohner der einzelnen Planeten sich bemühten, ihre Welt vor dem Untergang zu bewahren. Natürlich konnte ich als kleines Mädchen noch nicht so recht begreifen, dass es weitere belebte Planeten im großen Weltall gab und sie alle von diesen grässlichen Geschöpfen bedroht wurden und gegen sie kämpfen mussten. Auch wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht, dass und wie man diese großen, Angst einflößenden Geschöpfe beruhigen und ihnen die Furcht nehmen konnte, die sie selbst vor den Bewohnern der Nachbarplaneten verspürten. Denn ich hatte in diesen Nächten, in denen ich als Vierjährige durch die Lüfte flog, keine Ahnung, dass ausgerechnet ich dazu auserkoren war, den Menschen der bläulich schimmernden Erde das große Miteinander nahe zu bringen, ihnen die Angst voreinander und dem Ungewissen zu nehmen. Damals war ich nur ein ganz normales, kleines Menschenkind, das mit seiner Familie zusammenlebte und eine ziemlich starke Körperbehinderung hatte.

Diese Riesen, die in ziemlich genauen Abständen zu mir kamen, waren circa drei Meter groß und hatten eine hellgrüne und vollkommen glatte Haut und rochen eigenartig modrig. Ihre Augen hatten die Form eines Sechsecks und waren im Verhältnis zu ihrer Kopfgröße, die so groß war wie eine große, dicke Melone, recht klein. Ihre Kleidung sah meist zerrissen aus.

Trotz ihrer Größe und ihres massigen Körpergewichts waren diese riesigen Geschöpfe doch so geschickt und beweglich, dass es ihnen gelang, sich durch den engen Spalt eines gekippten Fensters zu zwängen. Und weil meine Familie praktisch auf Wiesen und Feldern wohnte, schlief sie im Allgemeinen vom Frühling bis zum Herbst bei geöffneten Fenstern. So auch ich. Somit war es für diese Riesen, ein Leichtes, die nicht von dieser Welt zu kommen schienen und ebenfalls des Zauberns mächtig waren, nachts, wenn alles schlief, an mich heran zu kommen. Doch sobald sie in mein Zimmer gekommen waren, mussten sie das Fensterr natürlich komplett öffnen, um mit mir davon fliegen zu können.

Und während meines Falles durch die Wolken und die Luft, tauchte dann immer wie ausdem Nichts eine Art Engel mit freundlichem Gesicht, wachen, braunen Augen und einem schneeweisen Bart auf, fing mich mit seinen starken Armen auf und brachte mich behutsam und sicher nach Hause zurück. Wenn ich wieder in meinem warmen Bett lag, saß dieser Engel, der mich soeben vor meinem sicheren Tode gerettet hatte, noch eine Weile neben mir und sprach beruhigend auf mich ein. Seltsamerweise trocknete mein Schlafanzug oder mein Nachthemd immer so schnell, dass ich mich nach meinem Flug durch die nassen Wolken und die feuchte Nachtluft nie umziehen musste. Denn sobald der Engel mich in mein Bett legte, war ich schon wieder ganz trocken und warm. Komisch!, wunderte ich mich über dieses Phänomen. Aber wenn ich am nächsten Morgen aufwachte, glaubte ich ohnehin, meine Reise mit den Riesen durch die Wolken sei nur ein böser Traum gewesen und dass der freundliche Engel, der mich rettete, mein Nachtzeug im Nu wieder getrocknet hätte. Denn in den Träumen und Phantasien eines Kindes ist nun einmal nichts unmöglich. Dennoch fragte ich mich, warum gerade ich diese abscheulichen Träume haben und diese Todesängste ausstehen musste. Aber ich wagte nie, meiner Familie davon zu erzählen und ihr Fragen zu stellen.

Und so behielt ich all meine Fragen für mich und wunderte und ängstigte mich weiter.

Zwölf Jahre lang lebte ich bei meiner Familie. Dann beschloss mein Vater, mich in ein Internat in der Nähe von Frankfurt am Main zu geben. Er wollte mich angeblich vor meiner psychisch kranken Mutter schützen, die durch ein schreckliches Ereignis in iihrer Kindheit an Verfolgungswahn litt. Allerdings war mir zu diesem Zeitpunkt schon vollkommen bewusst, dass der wahre Grund ein ganz Anderer sein musste. Meine Mutter litt zwar stark an Verfolgungswahn. Dies entsprach der Wahrheit. Aber dieses Leiden war keinesfalls so schlimm, dass mein Vater uns Kinder, beziehungsweise Steff und mich, vor ihr in Sicherheit bringen musste.

Als ich mein sechsundvierzigstes Lebensjahr erreicht hatte, erzählte meine angeheiratete Tante miir, dass der Vater meiner Mutter ein überzeugter Nazi war und Adolf Hitler aktiv gedient hatte. Von diesem Zeitpunkt an konnte ich meine Mutter mit vollkommen anderen Augen betrachten und ihr grenzenloses Leiden verstehen. Auch ich litt unter diesem Wissen und schämte mich bis an mein Lebensende zutiefst für meine Großeltern. Von diesem Augenblick an, als ich von meinen Nazigroßeltern erfuhr, distanzierte ich mich komplett von den Menschen und entwickelte mich zum überzeugten, rundum glücklichen Einzelgänger. Bemühte iund quälte ich mich doch bereits von frühesten Kindessbeinen an, wie die Anderen zu sein. Nur leider hatte ich mir in all den Jahren von den Menschen hier schon sehr viel, zu viel, abgeguckt und angeeignet. Und dies machte mich dann und wann reichlich traurig und regelrecht wütend. Aber letztendlich ließ imch diiese Erkenntnis, anders zu sein und unter gar keinen Umständen dazugehören zu wollen, mein wahres Ich entdecken und tatsächlich zu einem zutiefst zufrieden Menschen werden.

Seltsamerweise kam Steff einige Tage, nachdem ich ins Internat gezogen war, auf eine weiterführende Schule, die siebzig Kilometer von unserem Zuhause entfernt lag. Von dieser Zeit an wohnte sie bei Bekannten meines Vaters und kam ebenfalls nur an den Wochenenden und in den Ferien zu unseren Eltern nach Hause. Ganz genauso wie ich.

Nachdem ich im Internat eingezogen war, hörten meine Alpträume plötzlich auf. Überglücklich und zufrieden schlief ich die Nächte ohne grausige Unterbrechungen durch. Und mit der Zeit war mir glasklar, dass mein Vater von meinen nächtlichen und unfreiwilligen Ausflügen etwas wissen musste. Denn er erkundigte sich auffallend oft nach meinem Wohlbefinden und meiner Nachtruhe. Und es schien ihn sehr zu erleichtern, wenn ich seine immer wiederkehrende Frage jedes Mal mit einem klaren, deutlichen ›Ja‹ und ›Mir geht es gut, Papa‹ beantwortete. Woher er von meinen Alpträumen und den Riesen wusste, konnte ich mir nicht erklären.

Bald, nachdem ich in diese Einrichtung eingezogen war, in der ausschließlich körperlich behinderte Schüler wohnten,, zum ersten Mal bewusst auf, dass ich ›anders‹ sein musste. Und dies nicht wegen meiner starken Körperbehinderung, mit der ich in diesem Internat in keiner Weise auffiel. Nein, irgendetwas hatte ich an mir, das meine Mitmenschen mächtig störte und ihnen auch ein wenig Angst zu machen schien. Gleichzeitig jedoch, und dies war das Merkwürdigste, hatte es den Anschein, als ob sich die Meisten meiner Mitmenschen bei mir sicher und verstanden fühlten. Denn jedes Mal, wenn sie mit mir zusammen waren, glaubte ich, dass beinahe jede Hemmung von ihnen abfiele und sie mir Sachen erzählen konnten, die sie sonst niemandem anvertrauten. Selbst meine Lehrer konnte ich mit meinem Blick und meiner ruhigen Ausstrahlung hypnotisieren, sodass sie mir bessere Noten gaben und ich einen besseren Schulabschluss schaffte. (Wofür ich mich übrigens äußerst schäme!!!!) Auch meine Schwestern plauderten manchmal munter drauflos, schienen sie sich ansonsten doch vor mir zu fürchten.

Acht Jahre lang blieb ich in diesem Internat nahe Frankfurt und fühlte mich dort ziemlich unglücklich. Ich war viel zu weit von meiner Familie entfernt, an der ich als kleines Mädchen unwahrscheinlich hing. Und selbst, wenn ich die entsetzlichen Träume nicht mehr hatte, so wäre ich doch viel lieber zu Hause gewesen. Das Internatsgebäude lag in einer Art Park mit vielen hohen, alten Bäumen und sehr vielen Grünflächen drumherum, auf denen im Sommer gegrillt und auf Wolldecken kräftig gefaulenzt wurde. Sogar ein Gehege mit Kaninchen, Meerschweinchen und Hamstern gab es auf dem Internatsgelände, die wir Schüler pflegen mussten. Die Tiere durften wir im Herbst und Winter in unseren Zimmer beherbergen, damit sie nicht erfroren. Im Internatsgebäude selber gab es sechs Etagen, auf denen es jeweils drei Wohngruppen gab. In diesen Wohngruppen wohnten bis zu zehn Schüler. Ich hasste es anfangs, mein doch recht kleines Zimmer mit noch einem Mädchen teilen zu müssen. Und auch, wenn das Zimmer zwanzig Quadratmeter groß war, so war es mit zwei kleinen Schreibtischen, zwei Einbaukleiderschränken und zwei Betten doch reichlich klein und eng. Aufgrund Platzmangels, musste mein Rollstuhl jede Nacht auf dem Flur stehen, damit Luisa, meine zu Fuß gehende Zimmerkameradin, nicht stolperte, wenn sie im Dunkeln und schlaftrunken zur Toilette tapste.

Allerdings musste ich im Nachhinein gestehen, dass es mein absolutes Glück war, das Zimmer mit Luisa, meiner gleichaltrigen Klassenkameradin, teilen zu müssen. Denn weil ich nicht mehr alleine im Zimmer schlief, hatten diese Riesen, von denen ich fest glaubte, sie wollten mich töten, keine Chance, so ohne Weiteres an mich heranzukommen. Und auch, wenn unser Zimmer mit einem Balkon ausgestattet war, über den in lauen Sommernächten unsere Mitschüler uns unbemerkt besuchten, die körperlich kaum eingeschränkt waren, so war es für die Riesen schwierig, zu mir zu gelangen. Zumal die Lehrer des Nachts abwechselnd Dienst taten und alle zwei Stunden Kontrollgänge durch die Zimmer machten. Auch träumte ich während meiner gesamten restlichen Schulzeit im Internat nur noch selten von den Riesen.

Mein zweites großes Glück war es, dass Luisa gar nicht körperlich behindert war und mich somit nachts vor diesen schrecklichen Ungeheuern ein wenig beschützen konnte. Allerdings teilten die Lehrer die Zimmer mit Absicht so ein, dass ein schwer körperbehinderter mit einem leicht körperbehinderten Schüler zusammen war. Denn dadurch konnten sich diese beiden Schüler etwas ergänzen und gegenseitig unterstützen. Und so vertrieb Luisa die Riesen einige Male. Allerdings erfuhr ich erst ein paar Wochen nach dem Ende unserer Schulzeit, dass die Riesen tatsächlich versuchten, mich nachts zwei, drei Mal aus meinem Zimmer zu rauben. Zum Glück glaubte meine Zimmergenossin jedes Mal, sie habe es nur geträumt, mich aus den Händen der seltsamen Riesen gerettet zu haben. Und so stellte sie mir niemals unangenehme Fragen. Nur als wir uns nach unserer Internatszeit schrieben, berichtete sie mir einmal kurz, ziemliche schreckliche Träume von seltsamen Riesen recht realistisch gehabt zu haben.

Zwar war Luisa körperlich eigentlich gar nicht beeinträchtigt, doch dafür war sie eine Waise, die aus den Kinderheimen fortlief, in denen sie immer wieder untergebracht wurde. Aus diesem Grunde kam sie schließlich zu uns ins Internat. Und bei uns fühlte sie sich so wohl, dass sie nicht mehr den Drang verspürte, wegzulaufen und ruhiger wurde. Warum das so war, vermochte sie nicht zu sagen. Luisa war ein unwahrscheinlich liebes, nettes, einfühlsames und hübsches Mädchen. Sie war bereits mit zwölf Jahren recht groß gewachsen und schlank, machte sehr viel Sport, war im Unterricht fleißig und hatte wache, aufmerksame grau-grüne Augen. Auch besaß sie ebenfalls eine sehr, sehr feine Antenne. Und höchstwahrscheinlich war ihre "feine Antenne" auch der ausschlaggebende Grund dafür, weshalb wir uns trotz meines anfänglichem Unmuts, mir mit ihr ein Zimmer teilen zu müssen, richtig schnell und gut anfreundeten.

Während ich älter wurde, begann ich meine Umwelt bewusster wahrzunehmen. Ich fing an, meine Mitmenschen genauer zu beobachten. Dabei fiel mir immer stärker auf, dass die Menschen in meinem nähreren Umkreis nicht herzhaft und ehrlich lachen konnten. Anfangs wunderte ich mich sehr darüber, da lachen doch etwas Wunderwunderschönes war. Erst recht, wenn es vom Herzen und von ganz, ganz tief unten heraufkam. Später, im Erwachsenenalter, ergriff mich ein Art Trauer und noch etwas später sogar eine Art Bitterkeit. Warum nur konnten die Menschen nicht herzhaft und ehrlich lachen? Ich konnte es nicht begreifen! Ich hörte von einigen Kulturkreisen, in denen das Lachen als etwas ganz Normales und auch als etwas sehr, sehr Schönes empfunden wurde. Nur meine engeren Kontakte trugen keine rechte Heiterkeit in sich. Aber auch wenn das Ernsthafte meiner Mitmenschen mit der Zeit auf mich überging, so versuchte ich trotz allem, mir meinen Humor und mein herzhaftes Lachen stets zu bewahren und zu lachen, wann immer es möglich und angebracht war. Aber leider verlernte auch ich nach vielen, vielen Jahren immer mehr mein fröhliches, ausgelassenes Lachen. Und dieses erschreckte mich zutiefst. Allerdings fiel nicht nur mir auf, dass es in meisten Gegenden der Gesellschaft recht humorlos zuging, sondern auch Finn. Denn mein langjähriger Freund liebte es ebenfalls, sich mitunter kringelig zu lachen. Und nachdem wir erfuhren, nicht von dem Planeten Erde zu stammen und mit zahlreichen anderen Hexen und Zauberern Bekanntschaft gemacht hatten, die alle ganz genau dasselbe empfanden, nannten wir die Menschen meist nur noch "Die Lebewesen ohne herzhaftes Lachen".

Irgendwann erfuhr ich aus Berichten, dass die christliche Gesellschaft das Lachen als teuflisch betrachtete. Jahrhunderte nach Christus war das herzhafte Lachen verboten. Allerdings hörte ich auch, dass das Lachen noch vor der Entwicklung des Menschen entstand. Somit hatten wir das Lachen, das aus tiefstem Herzen kam, also von den Tieren geerbt! (Wer auch sonst hätte soviel Fröhlichkeit und Herzlichkeit in unsere Welt bringen können...???!!!)

Die Bezeichnung ›Die Lebewesen ohne herzhaftes Lachen‹, die wir für euch erfanden, ist übrigens nicht böse gemeint! Wir haben für alle Bewohner, die wir auf belebten Planeten entdeckten, unsere eigenen und besonderen Spitznamen.

Des Weiteren fiel mir nicht nur auf, dass meine Mitmenschen keinen rechten Sinn für Humor und Fröhlichkeit hatten, sondern ich spürte zudem, dass die Meisten ziemlich unglücklich, traurig und einsam wirkten. Und mir schien es so, als würden die Leute mehr oder weniger nur nebeneinander herleben, statt miteinander zu leben. Somit wünschte ich mir, auf der Erde irgendetwas verändern zu können. Kurz dachte ich darüber nach, ein Buch über das Leben zu schreiben. Ich wollte meinen Mitmenschen vor Augen führen, dass der Mensch ein "Rudeltier" war und es brauchte und liebte, in einer Gemeinschaft zu leben. Auch fiel mir auf, dass selbst eine Familie meist nicht in der Lage war, für ihre Angehörigen zu sorgen und für sie da zu sein. Zumindest nicht in den wohlhabenden Ländern. Immer wieder wurden die Behinderten, Alten, körperlich oder seelisch Schwachen aus den Familien aussortiert, weggegeben und grob an den Rand der Gesellschaft gedrückt. Leider war mir bewusst, dass dieses Verhalten, die nicht ganz »Gesunden« aus der Mitte der Gesellschaft auszusortieren, in der Natur des Menschen lag. Auch Tiere taten dies. Sie taten dieses, um selber unbeschadet und unbeschwert über- und weiterleben zu können. Und wir Menschen waren ja nichts Anderes als hochentwickelte Tiere. Allerdings sortierten Tiere ihre schwachen und kranken Artgenossen nicht bewusst aus der Mitte ihrer Gesellschaft aus, sondern nur, weil ihr Instinkt ihnen dazu riet. Aber der Mensch konnte bewusst und logisch denken und wusste demnach genau, was er tat. Zumindest wussten die meisten Menschen, was sie taten und konnten es steuern. Immerhin war ja so Mancher felsenfest davon überzeugt, GOTTES Ebenbild zu sein. Er meinte, so rein und klug wie der Schöpfer zu sein. Aus diesem Grunde konnte man es den Menschen durchaus begreiflich machen, dass ihre behinderten, schwachen, kranken und alten Mitmenschen genauso ein Recht auf ein normales und erfülltes Leben hatten wie sie selbst. Wenn sie denn schon so dermaßen klug sein wollten wie ihr Schöpfer! Aber vor allen Dingen mussten wir versuchen, auf diesen Planeten mehr menschliche Wärme zu bringen. Das war mir im fortgeschrittenen Alter bewusst geworden.

Allerdings verwarf ich den Gedanken, ein Buch zu schreiben, recht schnell. Um etwas Längeres korrekt zu formulieren, konnte ich mich im Schriftlichen einfach nicht gut genug ausdrücken. Dennoch drängte es mich in jüngeren Jahren schon stetig danach, in dieser Welt irgendetwas zu verändern. Und zwar etwas Großes. Aber es sollten noch Jahre ins Land ziehen, ehe ich von meiner Lebensaufgabe erfuhr, die von mir verlangte, tatsächlich etwas zu verändern..“

 

III

„Dann kam der Herbst des Jahres zweitausendundeins, der in meinem Leben von Grund auf alles verändern sollte. Ich kann mich noch lebhaft zurückerinnern, dass dieser Tag, an dem wir uns zum ersten Mal begegneten, ein schon ziemlich kalt und stürmisch war.

Bereits nach dem allerersten Blick, mit dem ich dich damals neugierig musterte, wusste ich, dass du der Mensch warst, den ich mein Leben lang so verzweifelt gesucht hatte. Anfangs brachte mich diese ›Gewissheit‹ doch ziemlich durcheinander.

In einem sehr leisen und ruhigen Ton stelltest du dich an diesem Herbsttag bei mir vor und erzähltest, du seist der neue Masseur in der Massagepraxis, in der ich schon seit längerer Zeit Patientin war. Es war übrigens sehr amüsant, mit ansehen zu können, wie du das Plastik deines Kugelschreibers beinahe verbogen und zum Schmelzen gebracht hast.“, zwinkerte ich meinem Mann breit grinsend zu und schubste leicht gegen seinen Ellenbogen.

»An irgendetwas musste ich mich doch festhalten. Ich war aufgeregt, weil alles so neu für mich war. Denn ich hatte erst seit knappen drei Tagen bei Katja in der Praxis gearbeitet und noch nie eine so stark körperlich eingeschränkte Person wie dich behandelt. In der heutigen Zeit hätte ich direkt mein Handy aus der Hosentasche geholt, um damit wichtige Termine zu checken. Es ist schon komisch, dass ich mich nach Beendigung meines Studiums zum technischen Zeichner doch noch entschied, den Beruf des Masseurs zu erlernen. Aber plötzlich hat mich die Anatomie des Menschen so mächtig interessiert, dass ich beschloss, nicht nur am Computer zu sitzen. Ja, mich faszinierte es, wie man dem Menschen durch relativ einfache, äußerliche Einflüsse und banale Handgriffe von seinen Schmerzen befreien konnte, ohne ihm gleich irgendwelche hochdosierten Medikamente zu verabreichen. Daraufhin beschloss ich, erstmal mein Studium zu beenden, eine Zeit lang in meinem Beruf zu arbeiten und dann eine Ausbildung zum Masseur zu machen. Denn in meinem Beruf konnte ich immer noch arbeiten, beziehungsweise konnte ich mir als technischer Zeichner die Ausbildung zum Masseur finanzieren.“, warf Jonas in Erinnerung schwelgend an seiner Lippe kauend ein.

»Dafür habe ich ebenfalls aufgeregt und mühevoll bestätigt, dass ich unter permanent starken Nacken- und Rückenschmerzen leide sowie Katja es dir erzählt hatte. Denn jedes Mal, wenn ich fremden Menschen begegnete, wurde meine körperliche Anspannung so stark, dass ich sehr große Schwierigkeiten mit dem Sprechen hatte. Doch seltsamerweise wich meine Aufregung dieses Mal recht schnell aus meinem Körper, sodass ich dir innerhalb von nur vier Wochen ganze Geschichten erzählen konnte, die du gut verstandest. Anfangs wusste ich nicht, woran dies lag. Denn die Meisten taten sich schwer damit, mich richtig zu verstehen. Aber bald verstandest du jeden einzelnen Laut von mir. Selbst dann, wenn er noch so undeutlich war! Häufig habe ich mich gefragt, ob ich bei dir ruhiger war oder ob du Menschen, die einer Randgruppe zugeordnet waren, nur anders gegenübertratest. Vielleicht fühlte ich mich aus diesem Grunde in deiner Gegenwart so wohl und sicher.

„Tja, aus irgendeinem unbekannten Grunde fühlte ich mich vom allerersten Augenblick an von dir angezogen, was du vermutlich gespürt hast«, erklärte Jonas nahm mein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger und sah miir schmunselnd in die Augen.

»Sag' mal, wie kam es eigentlich dazu, dass ich doch deine Patientin geblieben bin? Denn normalerweise solltest du mich nur so lange behandeln, bis deine Kollegin aus dem Urlaub zurück war, oder?«, fiel es mir erst jetzt wieder so richtig auf.

»Ja, ja, das stimmt wohl. Aber weil ich dich als eine sympathische und eine interessante Patientin empfand, wollte ich dich gerne weiter behandeln. Ich wollte noch etwas mehr von dir erfahren. Denn auf irgendeine Art und Weise hast du mich fasziniert«, erklärte mein Mann mir an diesem Morgen mit leicht roten Wangen. »Außerdem habe ich mich, wenn ich nur in deine Augen schaute, auf die seltsamste Art und Weise sicher, geborgen und verstanden gefühlt. Zugleich bereitete mir dies aber auch ein ganz klein wenig Unbehagen, muss ich ehrlich gestehen. Ja, deine Augen schienen magisch zu sein. Doch als Hobbyzauberer wusste oder weiß ich, dass es Dinge auf dieser Welt gibt, die auf irgendeine Art magisch und nicht logisch zu erklären sind, sodass mir deine Augen in keiner Weise unbehaglich hätten sein müssen. Aber trotz meines Unbehagens für deine Person und deine Augen war mein Wunsch so groß, etwas mehr von dir zu erfahren, dass ich mich nicht groß ängstigen ließ und dich als Patientin behielt.“

„Aber höchstwahrscheinlich hast du ebenfalls etwas Magisches an dir, dass du mich so in deinen Bann zogst«, grinste ich meinen Mann breit an. »Denn eigentlich hatte ich geglaubt, bereits während meines zehnten Lebensjahres den Mann oder besser den Jungen, meines Lebens gefunden zu haben. Finn und ich waren von der vierten Klasse an gemeinsam zur Schule gegangen. Also als ich noch in München zur Schule ging und bevor ich ins Internat nach Frankfurt kam. Für uns beide stand bald fest, dass wir zusammengehören und auf ewig zusammenbleiben werden. Aus welchem Grund wir voneinander so sehr angezogen wurden, kann ich nicht sagen. Wir wussten nur, dass wir zusammengehören. Wir mochten uns so, wie wir waren. Auch kam er mit meiner starken Körperbehinderung super zurecht und schien sie in keiner Weise störend zu finden. Denn er selbst hatte nur ein leichtes Hohlkreuz, das ihn in seinem Tun aber nicht groß behinderte.“

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