Die Magie der Empathie

Anna Meyer · Kapitel 1 von 1 · Teil 6/10

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Die Magie der Empathie

Die Magie der Empathie

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 10 Teile geteilt.

Die Nachtluft des Aprils war recht kühl und trieb mir auf dem Flug zum Treffpunkt wieder mal Tränen in die Augen.

›Na, da seid ihr ja!‹, rief uns eine mir sehr vertraute Männerstimme entgegen, als wir im ausgemachten Waldstück außerhalb der Stadt landeten. Und Bruchteile von Sekunden später wurde ich von zwei starken Armen aus meinem Spezialsitz gehoben und auf einen dicken Baumstumpf gesetzt.

›Papa!‹, rief ich erfreut aus. ›Was machst du denn hier?‹

›Nun, ich muss mein kleines Töchterchen vor seiner großen Reise noch einmal sehen‹, antwortete mein Wolfram.

Nach einer geschlagenen Dreiviertelstunde saß ich wieder auf meinem Spezialbesen und ließ mir den kühlen Nachtwind um die Nase wehen. In Gedanken rief ich mir noch einmal die besorgten Fragen und guten Ratschläge ins Gedächtnis, mit denen Papa mir während der vergangenen Dreiviertelstunde in den Ohren gelegen hatte.

Mein Vater war zwar erst ein einziges Mal in seinem Leben in China gewesen, dennoch konnte er mir eine ganze Menge über dieses Land erzählen. Ich dagegen war noch nie in die östlichen Länder gereist. Ich wusste nur, dass China in den fünfziger, sechziger Jahren und teilweise auch noch bis Mitte der siebziger Jahre sehr unter dem Kommunismus und der Regierung Maos gelitten hatte. Ich wusste, dass Japan und China zum damaligen Zeitpunkt einen heftigen Krieg gegeneinander führten. Jedoch bin ich nie so recht schlau daraus geworden, warum diese beiden Länder sich so sehr bekämpften. Aus diesem Grunde freute ich mich auch noch, in dieses Land zu reisen.

Wir flogen, bis es hell wurde. Dann suchten wir uns in einem Wald ein geschütztes Plätzchen zum Schlafen. Und auch, wenn es auf dem Waldboden nicht gerade bequem und gemütlich war, so konnten wir dennoch neue Kraft tanken. Sobald der Morgen dämmerte, aßen wir im dichten Wald unsere Nüsse und Trockenfrüchte, die wir mitgenommen hatten, tranken Wasser aus glasklaren Quellen, legten uns schlafen und bestiegen am Abend in der Dunkelheit wieder unsere Besen. Erst nach drei Tagen erreichten wir endlich unser Ziel. Und schon beim Fliegen bemerkte ich, dass China am Ostrand des asiatischen Kontinents lag.

Schließlich kamen Elena und ich müde und erschöpft von unserem langen Flug in unserer Unterkunft an, die mein Vater telefonisch für uns in Peking reserviert hatte. Den ganzen nächsten Tag und die halbe nächste Nacht schlief ich durch. An unserem Anreisemorgen erkannte ich fast schon schlafend, dass man aus den riesigen Fenstern unseres Hotelzimmers einen richtig tollen Blick über die Stadt hatte. Als wir endlich ausgeschlafen hatten, stürzten meine Freundin und ich uns in das Nachtleben von Peking.

Hell erleuchtete Straßen, bunte Lichter in den Fenstern der Geschäfte, Restaurants und Bars und lachende Menschen beeindruckten mich in dieser Nacht.

Und auch hier traf ich die kommenden Tage auf zahlreiche invalide Hexen und Zauberer, die dieselbe Lebensaufgabe hatten wie Ellie und ich. Mit ihnen unterhielten wir uns angeregt über die Geschehnisse dieser Welt. Größtenteils taten wir dies auf Englisch. Manchmal sprachen Ellie und ich auch ein ganz kleines bisschen Chinesisch. Das oberflächliche Chinesisch hatten wir von einer gemeinsamen Freundin gelernt, die Chinesin war. Während unseren Zusammentreffen und Gesprächen, mochte ich gar nicht daran denken, dass vielleicht einmal der Augenblick kommen würde, in dem ich einem oder sogar gleich mehreren Bewohnern des gelben Planeten mutterseelenallein gegenüberstand und mein Leben und das von Millionen anderen Menschen verteidigen musste.

In den folgenden drei Wochen sollte ich erfahren, dass China mit über einer Milliarde Bewohnern der bevölkerungsreichste Staat der Erde ist. Viele, die China besuchten, waren von den Menschenmassen beeindruckt und sogleich schockiert. Ich erfuhr von der altmodischen Denkweise der älteren Leute, die sich bis heute gehalten hatte. Man erzählte mir viel über den heftigen Krieg zwischen China und Japan, den Kuomintangs, die Russen und die Kommunisten und Pu Yang, den letzten kindlichen Kaiser. Und natürlich hörte ich eine Menge über Mao Zedong, dessen Diktatur und deren Folgen. Die Sache mit Maos Regierung erinnerte mich sehr an Hitler. Denn auch Hitler verlor nach einiger Zeit die vollständige Kontrolle über sich und rutschte in die Wahn seiner Idee, von einem großen und "sauberen" Deutschland. Dass die Idee eines solch kleinen Mannes einen Weltkrieg auslöste, war für mich immer noch unvorstellbar. Allerdings gab es genügend Anhänger, die mit vollster Überzeugung hinter ihm standen und seine Taten bejubelten. Bei Mao hatte sich der Wahnsinn wenigstens weitestgehend auf zwei Länder begrenzt.

Aber dass damals in China fast nie aus Liebe, sondern nur wegen des Geldes und wegen der guten Versorgung geheiratet wurde, beschäftigte mich. Die Eltern eines jungen Mädchens suchten einen jungen Mann aus, von dem sie sicher sein konnten, dass er ihre Tochter und sie selbst gut versorgen konnte. Auch die Geschichte mit den Konkubinen, den offiziellen Geliebten reicher Männer, erschütterte mich.Und nicht selten entstanden aus diesen Beziehungen Kinder. Häufig geschah es, dass die Konkubinen nach dem Tode des Mannes von dessen rechtmäßiger Ehefrau zur Prostitution gezwungen wurden und ihr Kind für immer an sie abgeben mussten. Denn sobald der Mann gestorben war, hatte die rechtmäßige Ehefrau die volle Macht über die Konkubinen.

Und wieder einmal musste ich aus den Erzählungen erkennen, dass die Bewohner dieses Planeten ein bisschen seltsam waren. Bei meinen zahlreichen Interviews wurde ich nochmals auf diese unbändige Angst und auch auf die Mutlosigkeit aufmerksam, die in den Menschen steckte.

›Und diesen Lebewesen sollen wir nun Umsicht ins Hirn zaubern? Na, ob wir das in unserem dafür doch recht kurzen Hexenleben wohl schaffen?‹, gab ich sehr skeptisch von mir, als ich abends erschöpft und müde auf meinem Bett lag und meiner Freundin dabei zuschaute, wie sie ihren Besen entstaubte.

Unser Hotelzimmer war zwar gemütlich, aber irgendwie auch seltsam eingerichtet. Nein, ich fand es eher lustig. Denn die Wände waren giftgrün, die Bettgestelle feuerrot und die Bettwäsche strahlend weiß. Keine Bilder hingen an der Wand. Dafür standen auf den beiden Nachttischen und auf dem runden Kaffeetisch direkt vor dem riesigen Fenster ebenso farbenfrohe Blumen wie das Zimmer selbst.

›Zudem es ist auch bestimmt nicht im Sinne des Erfinders dieses Planeten, dass über die Menschen absolute Klugheit und Zuversicht herrscht und sie alles glasklar durchschauen. Er wird sich bestimmt schon irgendetwas dabei gedacht haben, dass es immer wieder zu sehr heftigen Streitereien, die man Kriege nennt, zwischen den Menschen kommt und sie sonstige Dummheiten begehen. Und dieser Planet funktioniert insgesamt so gut durchdacht, dass man ehrlich meinen könnte, jemand hätte sich vor Milliarden von Jahren hingesetzt, als er gerade extreme Langeweile hatte, und die Welt erschaffen. Und es wird ebenfalls nicht ohne Grund sein, dass in regelmäßigen Abständen von zehn, fünfzehn Jahren eine Naturkatastrophe ins Land bricht, die manchmal grausig viele Menschen und Tiere in den Tod reißt.‹

›Na, wir sollen auch nicht gleich die komplette Welt erretten, sowie man es Jesus nachsagt‹, erinnerte meine Freundin mich. ›Unsere Aufgabe ist es lediglich, den Lebewesen dieses Planeten zu zeigen, dass es keine Menschen gibt, die völlig aus der Art schlagen, so wie sie es immer meinen. Wir sollen versuchen, sie einander näher zu bringen. Wir sollen ihnen bewusst machen, dass sie eine Gemeinschaft sind und ein Jeder von ihnen aus Fleisch und Blut besteht und sie einander brauchen.Der komische Typ, der angeblich den lieben Gott zum Vater hatte, von einer Jungfrau geboren wurde und dem man nachsagt, er sei der Schöpfer in Person gewesen und habe die Welt errettet, hieß doch Jesus, oder? Ich kann mir die Figuren der einzelnen Religionen immer so schlecht merken.‹

›Ja, ja, der hieß Jesus‹, antwortete ich matt, rieb mir die Augen und kuschelte mich noch etwas weiter in mein Kopfkissen. ›Aber diese Lebensaufgabe können wir in unserem dafür recht kurzen Hexenleben unmöglich korrekt beenden.‹

Wie gerne hätte ich in diesem Augenblick dich, meinen kleinen, süßen Moritz und meine kleine Goldmomo bei mir gehabt. ›Außerdem komme ich jeden Tag immer mehr zu der Erkenntnis, dass es die pure Angst ist, die hier den meisten Schaden anrichtet‹, stieß ich weiter matt hervor. „Denn hast du schon einmal beobachtet, dass das Leben eines Lebenswesen nur mit Furcht durchzogen ist? Als Kind verspürt man eine gewisse Angst vor seinen Eltern und seinen Lehrern. Man ängstigt sich vor den Klassenarbeiten, vor schlechten Noten und vor den Abschlussprüfungen. Später verspürt man eine gewisse Angst vor dem Job, vor der eventuellen Entlassung, vor dem Leben an sich und schließlich vor dem Tod. Man weiß nicht, was nach dem Tode kommt und ob man für seine Taten, die man zu Lebzeiten begangen hat, belohnt oder bestraft wird oder ob gar nichts mehr kommt. Na, und einige Leute haben nicht so ein starkes Nervenkostüm und tun alles Andere, als sich einigermaßen „gut zu benehmen", und drehen durch. Ich glaube, wir müssen den Menschen vermitteln, dass sie nicht böse sind. Ganz egal, was sie auch immer tun. Und dass sie nach ihrem Tode nicht bestraft werden und nicht bis in alle Ewigkeit in der Hölle schmoren. Jedes Lebewesen tut in seinem Leben mal etwas Gutes. Aber es ist unmöglich, immer nur Gutes zu tun. Und es ist ebenso unmöglich, immer nur Schlechtes zu tun. Somit wird sich alles Gute und alles Schlechte nach dem Tode weitestgehend die Waage halten.

›Nun, schon möglich, dass die Angst, die Ungewissheit vor dem Morgen und das ›Sich-niemandem-richtig-anvertrauen-Können‹ die größte Ursachen für die Unruhe auf den Planeten sind?‹, antwortete Elena und stellte ihren Besen zurück hinter die Zimmertür.

»Na ja, wir müssen den Menschen halt ganz deutlich aufzeigen, dass sie sich diese Erdkugel teilen, sie bewohnen und bewirtschaften. Ihnen muss so gut es geht vermittelt werden, dass sie zusammen auf der Welt sind, um sich nicht zu bekriegen, sondern um miteinander zu leben und sich gegenseitig Kraft und Halt zu geben.“, entgegnete ich.

›Ja, ja, das ist schon klar.«, überlegte Elena weiter. ›Nun, und es ist auch gar nicht wichtig, dass es die Hexen und Zauberer aus dieser Generation schaffen, diese bewohnte Welt ein ganz klein wenig mehr zum Zusammenhalt zu bewegen. Aber wir können für unsere nächste Generation schon ein wenig vorarbeiten. Überhaupt du, meine liebe Zerlina!‹, erklärte meine Freundin plötzlich weiter und kehrte somit wieder zu ihrer eigentlichen und tröstenden Antwort auf meine laut gedachte Bemerkung mit der Wärme und dem Halt dieser großen Gemeinschaft zurück.

›Wie meinst du das denn jetzt?‹, fragte ich nun etwas geschockt und aufgeregt. Immer noch träge stütze ich mich auf dem Rücken liegend auf meine Ellenbogen.

›Nun, du scheinst überzeugt zu sein, das gefunden zu haben, was auf den belebten Welten den Zusammenhalt stört. Aber was ich dir eigentlich sagen oder besser gesagt dich fragen wollte, ist, ob du dich nie gefragt hast, wieso gerade ausgerechnet du die Auserwählte bist, die mit Finn Schwelm auf eine recht unkomplizierte Art und Weise zusammen sein darf?“

„Na, als ich noch nicht wusste, ein echtes Zauberwesen zu sein, habe ich mich schon gewundert, dass kaum ein negatives Wort über uns gesprochen wurde.“, gab ich zu. „Denn Finn zählt mit seinem Hohlkreuz ja eigentlich nicht so offiziell zu den körperlich behinderten Menschen. Und normalerweise trennen die Menschen ja hübsch alles. Ausländer wohnen in den Städten meistens in Ausländervierteln. Und Behinderte, Kranke, Kinder und Alte werden ebenfalls aus der Gesellschaft aussortiert. Darum haben es die Erdbewohner auch so schwer, sich zu vermischen und sich zu einer Einheit zusammenzutun. Denn es ist aus der Sicht der Gesellschaft dieses Planeten eher nicht schön, wenn beispielsweise eine behinderte Frau einen nicht behinderten Mann liebt und mit ihm glücklich verheiratet ist. Oder wenn ein alter Mensch mitten unter jüngeren Leuten lebt. Nun, bei uns Hexen und Zauberern scheint es normal zu sein, dass wir uns untereinander vermischen, nicht? Das habe ich schon damals auf dem Brocken bemerkt." Gemütlich schlug ich mein linkes Bein über das Rechte und stütze mich weiterhin auf meine Unterarme.

›Ja, genau. Aber ich meine jetzt, seitdem du über dein Hexenleben Bescheid weißt, hast du dich da noch nie gefragt,warum die Menschen Finns und deine Beziehung so als selbstverständlich hinnehmen?‹

Leicht überlegend blickte ich vor mich hin. Dann nickte ich und erzählte, dass es mich aufgrund der merkwürdigen Ansichten und Meinungen der Menschen schon gewundert hatte, dass über Finns und meine Liebesbeziehung sowenig gesprochen wurde. Ganz besonders sowenig Negatives. Aber da Finn und ich überall als Paar hingekommen waren, hatte ich geglaubt, dass es damit zusammenhänge. Denn Leute, die als Paar irgendwo hinkommen, werden immer leichter zusammen akzeptiert und für ernst genommen, als wenn sie erst im Nachhinein zusammen kamen. Warum dies so war, wusste ich nicht. Doch nun begann ich mich zum allerersten Mal in meinem Leben über dieses „Phänomen“, mit Finn ohne viel negative Kommentare zusammen sein zu dürfen, errnsthaft zu wundern. Ich erkundigte mich bei Elena sogleich, ob sie eine Idee hätte.

Etwas verlegen wurde ich von meiner Freundin angeschaut.

›Nun, Zerlina, manchmal dürfen wir Zauberwesen den anderen Lebewesen doch etwas anhexen‹, gestand Elena mit gesenktem Kopf. ›Dies funktioniert ja schon allein unter den Menschen selbst. Deshalb können die Leute mitunter auch sagen, dass irgendjemand verflucht oder verhext ist. Finns und deine Eltern haben damals einen besonders guten und starken Zauber angewandt, der nur für ganz besondere Anlässe benutzt wird. Sie wollten einfach, dass ihr euch mit dem Gerede der Menschen nicht auch noch beschäftigen müsst.‹

›Emma hat mir also etwas verschwiegen, damit ich nicht auf dumme Gedanken komme, oder wie?‹, lachte ich plötzlich auf. ›Vermutlich hat sie geahnt, dass ich doch eine schnell schaltende Schülerin bin, die in relativ kurzer Zeit das Zaubern und die Zaubersprüche erlernt und dann vielleicht einen verbotenen Zauberspruch benutzt, um es sich leichter zu machen.‹

›Tja, sie kennt eben deine Eltern. Und der Apfel fällt bekanntlich nicht weit vom Stamm‹, lachte Elena nun auch. "Und da du recht schnell lernst, glaubte Emma, wenn du davon erfährst, würdest du Moritz ausfragen. Denn er ist ja nun einmal auch ein Zauberwesen unseres Planeten. Und in seinem vorherigen Leben war er ein richtig guter Zauberer."

"Ja, davon hat mein kleiner Mausmann schon mehrmals erzählt.", lächelte ich kurz.

Genau in diesem Augenblick klopfte ein kleiner, chinesischer Zauberer an unsere Zimmertür und fragte uns, ob wir nicht Lust hätten, heute Abend bei ihm und seiner Familie zu essen.

In den kommenden Tagen nahm ich mir vor, Elena nach unserer Heimkehr nochmals über den wahren Grund für Finns und mein doch so recht unkompliziertes und ruhiges Zusammensein auszufragen. Oder besser gesagt, wollte ich sie fragen, warum die Auswahl gerade auf mich gefallen war, die Partnerin von Finn Schwelm zu werden. Denn weil wir bei unserer Unterhaltung in unserem kunterbunten Hotelzimmer vom Chinesischen Zauberer gestört wurden, hatte ich Ellie nicht weiter über Finn und mich ausfragen können.

Nachdem ich einen alten Mann und eine alte Frau in Peking besuchte und noch eine Vieles über das frühere und heutige China erfahren hatte, gönnte ich mir eine kleine Verschnaufpause. Ich besuchte mit meiner Freundin die weltbekannte Chinesisch Mauer, die sich quer durch Nordchina schlängelt und im 3. Jahrhundert von dem ersten großen Kaiser dieses Landes zum Schutz vor feindlichen Stämmen gebaut wurde. Sie war das einzige von Menschenhand errichtete Bauwerk, das aus dem Weltall aus der richtigen Position deutlich zu erkennen ist. Bei diesen Unternehmungen war es sehr zum Vorteil, dass Ellie trotz ihrer ziemlich kleinen Größe stark und kräftig war und wir somit auch die nicht gerade rollstuhlgerechten Gegenden Chinas besichtigen konnten. Denn auch hier hatte ic mir einen ziemlich klapprigen Rollstuhl gezaubert. Und wenn wir tatsächlich einmal irgendwo stecken blieben, kam seltsamerweise meist wie aus dem Nichts jemand Kräftiges herbeigeeilt und half uns.

Und auch hier begegnete ich einem von unserem Bekannten vom gelben Planeten. Er lauerte mir dieses Mal ebenfalls in einem Waldstück auf. Wahrscheinlich versuchte er immer, in einem Wald über mich herzufallen, weil er dort keine allzu große Gefahr lief, durch irgendjemanden gestört zu werden. Außer natürlich von meiner Begleitung. Aber im Großen und Ganzen konnte sie ihm nicht gerade gefährlich werden, da auch sie ein sehr viel schwächeres Zauberwesen war als er. Allerdings war diese Auseinandersetzung bei Weitem nicht so voller Aggression und Gewalt wie die Letzte. Seltsamerweise gelang es mir bei dieser Auseinandersetzung erstaunlich schnell, den Riesen zu besänftigen und ihm gedanklich zu erklären, dass er und seine Mitriesen uns nicht unsympathisch waren sowie sie es vermutlich glaubten. Freudig und ein wenig erstaunt nahm ich wahr, wie sich der Riese von meinen Worten schnell beruhigen ließ. Selbstverständlich hegten die Bewohner des gelben Planeten noch immer arge Zweifel gegen uns. Dies konnte ich aus den „Worten“ des Riesen zweifelsohne entnehmen. Auch konnte ich es heraushören, dass er meinte, ich könne ihm und seinen Mitriesen ja viel versprechen. Dieses meinten ganz besonders die vier Vordermänner, die es auf dem gelben Planeten gab. Warum auch heute keinVordermann aufgetaucht war, wunderte mich. Aber höchstwahrscheinlich schämten sie sich zu sehr, dass sie mich noch immer nicht beiseite geschafft hatten. Schließlich hörte der Riese auf, mit irgendwelchen schweren Gegenständen um sich zu werfen und hockte nach einiger Zeit ganz ruhig da und schaute sich den Platz etwas genauer an, auf dem er gelandet war, und hörte mir zu. Noch erstaunter war ich, als er sich ohne Weiteres zurückzog.

Na, sehr viel kämpfen musste ich ja nicht gerade, dachte ich etwas beschämt. War dieses wirklich wieder mal durch meine Ruhe und mein Verständnis geschehen? Seitdem ich glaubte, das wirklich Fehlende zwischen den Menschen entdeckt zu haben, achtete ich genau darauf, jedem Einzelnen mit viel Respekt, viel Ruhe und viel Verständnis zu begegnen. So auch den Riesen. War mein Verhalten tatsächlich der Grund, weshalb das Zusammentreffen mit dem Riesen diesmal so gewaltfrei und friedlich vonstattengegangen war? Komisch, dachte ich nach der Begegnung mit dem Riesen, dass sie mich niemals mehr bei mir zu Hause überfallen. Aber vielleicht beschützten Moritz und Momo mich so gut, dass diese Riesen es gar nicht mehr wagen, nachts zu mir nach Hause zu kommen. Bei diesem Gedanken musste ich herzhaft lachen. Denn ich wusste genau, wie sehr meine kleine Momo wütend wurde, wenn sie bemerkte, dass mir in irgendeiner Art und Weise Unrecht geschah.

Zwischen meinen Erholungspausen unterhielt ich mich immer wieder mit einigen Leuten. Hörte ihnen zu, stellte Fragen und versuchte, ihnen zu vermitteln, dass jeder Mensch unter dem Himmel gleich sei. Die meiste Zeit jedoch hörte ich den Leuten ganz einfach nur zu und warf dann und wann mal einen kleinen Vorschlag ins Gespräch. Und abermals spürte ich, wie die Menschen ruhiger wurden und plötzlich und wie von selbst über die Dinge sprachen, die zwischen ihnen beinahe komplett verschwunden zu sein schienen und dringend wieder hergestellt werden mussten.

Bei diesen Gesprächen oder besser gesagt bei diesem Zuhören fühlte ich mich wie Momo aus dem Kinderroman von Michael Ende. Ich fand dieses Mädchen schlichtweg einzigartig und bewunderte es sehr für seine Gabe, die Menschen durch intensives Zuhören auf die richtigen Lösungen ihrer Probleme zu bringen. Somit schämte ich mich ein wenig, als ich bemerkte, diese Fähigkeit ebenfalls zu besitzen. Ich glaubte, jemandem sein Können zu stehlen und nichts Eigenes zustande zu bringen. (Selbst wenn Momo womöglich nur eine Phantasiefigur war ...)

›Höchstwahrscheinlich gab es Momo tatsächlich und war keine Phantasiefigur‹, überlegte Finn, als er mich für ein paar Tage in China besuchte.

Wir saßen gerade gemütlich in meinem Hotelzimmer und unterhielten uns über meine Reise, als ich ihm kleinlaut von der Gabe berichtete, die ich an mir festgestellt zu haben glaubte.

›Na, dass du eine gute Zuhörerin bist, weißt du ja schon lange. Und manchmal ist es halt so, dass man beim Erzählen eines Problems selbst auf die Lösung kommt. Ich meine, so jung bist du nun auch nicht mehr, als dass du dieses Phänomen nicht schon selbst einmal erlebt hättest, oder?‹ Leicht legte Finn seinen Kopf schief und blickte mich mit lächelnden Augen an.

Stumm nickte ich und wünschte mir, mit dir über diese ganze Sache sprechen zu können. Und dies, obwohl Finn keineswegs Dummes von sich gegeben oder mich gar verulkt hatte. Jedoch hatte ich mich bei dir immer mehr verstanden und ernst genommener gefühlt. Woran das lag, konnte ich nicht sagen.

Aber auch, wenn ich eine gute Zuhörerin zu sein schien, gab es natürlich Menschen, die mir nichts erzählten und sich unwohl in meiner Gegenwart fühlten.

Dann, nach langem Durchfragen und zahlreichen Versuchen, mit einem etwas höheren Herrn des Landes über die Lage der Menschen hier zu sprechen, gelang es mir, mich fünf Tage vor unserer Abreise nach Deutschland mit einem etwas älteren Herrn zu treffen. Fast ein wenig schwindelig vor Glück über meinen Erfolg, saßen meine Freundin und ich an einem sonnigen Tag im hellen und modernen Büro dieses Politikers. Staunend und fragend blickte er mich an. Dennoch wirkte er über meine ständig zappelnden Arme und Beine, meine andauernd verkrampften Hände und über mein Grimassen ziehendes Gesicht keineswegs verängstigt. Aufgeregt versuchte ich, diesem Herrn auf Englisch meine brennenden Fragen zu stellen. Dabei übersetzte Elena ein wenig.

Auf die Frage hin, wie er Menschen denn begegne, sah er mich etwas staunend an und überlegte einige Sekunden. Darüber habe er sich noch nie Gedanken gemacht, antwortete er. Dennoch, so denke er, begegne er jedem Menschen auf gleicher Ebene. Tja, nur hörte ich diese Aussage von jedem Menschen. Trotz alledem gab es zwischen den Menschen ständige Auseinandersetzungen, Streitereien und Kriege. Sie kamen mit ihrer Unterschiedlichkeit einfach nicht zurecht.

Da es mich ganz besonders interessierte, wie es um die invaliden, kranken und Alten Menschen in China bestellt war, hatte ich versucht, zu dem Politiker zu gelangen, der sich speziell für die Bedürfnisse dieser Menschen einsetzte.

Das Büro dieses Mannes war genauso modern eingerichtet, wie das Büro seines Kollegen gestern. Nur hingen hier dunkelblaue Vorhänge vor den Fenstern und in den beiden Regale hinter dem großen Holzschreibtisch standen noch mehr Bücher. Mir fiel auf, dass der Schreibtisch etwas erhöht auf Klötzen stand.

Als der Politiker endlich erschien, bemerkte ich, dass auch er eine recht starke körperliche Behinderung hatte und im Rollstuhl saß.

Gemeinsam mit ihm sah ich mir Alten- und Pflegeheime und sogar Krankenhäuser an. Und auch hier in China lebten die pflegebedürftigen Menschen, solange es irgendwie ging, in der Mitte ihrer Familien. Und diejenigen, denen es nicht möglich war, bei ihrer Familie zu leben, kamen in ein Heim.

›Wissen Sie, mit siebzehn Jahren hatte ich einen schweren Motorradunfall und bin seitdem querschnittsgelähmt‹, fing er auf einmal zu erzählen an, als wir gerade aus einem Pflegeheim für behinderte Menschen hinausgingen. ›Und meine Mutter ist starke Spastikerin, genauso wie Sie. Von klein auf habe ich also mitbekommen, wie schwierig es für meine Mutter aufgrund ihrer starken Körperbehinderung ist. Denn China ist nun einmal nicht Deutschland oder die Niederlande. Auch für meinen Vater war es nicht leicht, da er nicht behindert ist. Oftmals wurde er von den Anderen belächelt und für nicht soooo ernst genommen.

Ob er wegen seiner Eltern in die in diese besondere Politikrichtung gegangen sei, fragte ich ihn.

›Zum größten Teil schon‹, bekam ich daraufhin zur Antwort.

Tja, dieser Planet schien keineswegs eine Gemeinschaft zu bilden, wie man es von ganz weit oben vermutete, erkannte ich wieder einmal traurig. Von Kontinent zu Kontinent gab es heftige Unterschiede zwischen den Menschen. Nicht einmal ein Land bildete halbwegs eine Gemeinschaft, sowie ich es von Deutschland her wusste. Im Norden wohnten andere Leute als im tiefsten Süden Deutschlands. Und die Hamburger mochten die Bayern nicht und umgekehrt. Ich meine, auch dieses Verhalten ist durchaus logisch zu erklären. Denn wer aus einer Gruppe heraus eine Andere diskriminiert, stärkt den eigenen Zusammenhalt. Dieses musste man einfach so sehen. Aber auch hier konnte man ganz klar an die Intelligenz der klar denkenden Lebewesen appellieren. Denn schließlich wollten die weiterentwickelten Lebewesen immer so klug und tolerant sein. Jedenfalls hier auf dieser Erde!

Und wir, vom Planeten der Hexen und Zauberer, sollten dies nun ändern und die Menschen näher zusammenführen., dachte ich.Verzweifelt schaute ich den jungen Chinesen an, der mich anlächelte, gerade so, als ob er meine Gedanken gelesen hatte.

›Ja, ja, die menschlichen Lebewesen sind schon merkwürdig‹, seufzte Hu.

›Nun, und wie kann man um Himmels willen diese Leute dazu bringen, eine einzige Gemeinschaft zu bilden?‹

›Man kann den Menschen keine Umsicht beibringen. Das ist schier unmöglich!‹, erwiderte Hu erstaunt. ›Sie können die Welt nicht ändern. Sie können nur sich selbst ändern.

›Aber wenn ich es nicht schaffe, die Menschen näher einander rücken zu lassen, werde ich meinen Finn niemals heiraten und nach Hause zurückkehren können‹, platzte es plötzlich unbedacht aus mir heraus.

›Wie bitte?!‹, fragte Hu völlig verwundert und ein wenig erschrocken.

Ebenfalls geschockt über meine Unvorsichtigkeit blickte ich zu Boden und wäre am allerliebsten darin versunken.

›Wie meinen Sie das?‹, versuchte Hu noch Weiteres von mir zu erfahren.

›Ach, meine Eltern haben mir versprochen, dass sie mir meine Hochzeit bezahlen, wenn ich meine Chinareise gut und erfolgreich hinter mich bringe und einen ausführlichen Bericht das menschliche Verhalten zu schreiben. Mein Vater ist nämlich Verhaltensforscher, müssen Sie wissen‹, stotterte ich und spürte, wie mir der Schweiß meinen Oberkörper hinunter rann.

›Na, Sie müssen ja erfolgreiche Eltern mit viel Geld haben, wenn sie Ihnen bei gut geleisteter Hilfe und Arbeit die Finanzierung Ihrer Hochzeit versprochen haben‹, gab Hu völlig verblüfft zurück.

Vollkommen dümmlich lächelte und nickte ich.

 

XIII

In dieser Nacht kam meine Großmutter zu uns. Plötzlich stand sie vor meinem Bett, kniff mir unsanft in die Wange und zischte mir zu, ich solle mich ja in Acht nehmen und nicht noch einmal so unvorsichtig sein.

›Ach, Oma, glaubst du denn im Ernst, Hu hätte es mir abgenommen, wenn ich ihm vertrauensvoll erzählt hätte, ich sei eine Außerirdische, die eine ganz bestimmte Lebensaufgabe zu erledigen hat?‹, erkundigte ich mich noch sehr vom Schlaf benommen, aber gleichzeitig auch höchst amüsiert bei Emma. ›Wer glaubt heutzutage noch an wahre Hexen und Zauberer?‹

›Ach, seit Harry Potter, dem jungen Zauberer aus dem beliebten Fantasyroman, wieder eine ganze Menge‹, piepste es plötzlich unter dem Umhang meiner Großmutter hervor.

›Momo!‹, rief ich hoch erfreut und auf einmal putzmunter aus. Und schon im

nächsten Moment hockte mein kleines, dickes Katzenmädchen mitten auf meiner Bettdecke und leckte freudig mein Gesicht ab. Überglücklich umarmte ich Momo, kuschelte mein Gesicht in ihr samtweiches Fell und liebkoste sie mit kleinen, hektischen Küssen.

›Lass mich noch ein wenig leben, ja?!‹, bettelte sie.

›Oh, entschuldige bitte‹, sagte ich und lockerte umgehend meine Umarmung. "Wie seid ihr denn so schnell hier nach Peking gekommen? Außerdem ist es für Momo viel, viel zu kalt und zugig in der Luft. Sie holt sich doch eine dicke, fette Erkältung." Besorgt prüfte ich mit den Händen, ob Momo sich wirklich normal warm anfühlte.

"Na, wir haben uns reichlich Zeit gelassen.", gab Großmutter zurück. „Wir sind seit sechs Nächten unterwegs und haben zwischendurch viele, viele Pausen eingelegt. Außerdem hatte ich deine Momo dicht an meinem Körper und unter meinem dicken Umhang gehabt, sodass ihr gar nicht kalt werden und sie keinen Zug bekommen konnte. Ja, sie wollte unbedingt mit zu dir. Möchtest du mit nach Hause kommen?‹

›Ja, sehr gerne!‹, rief ich prompt aus, warf meine dünne Bettdecke zur Seite und sprang meiner Großmutter mit Momo im Arm fast entgegen.

›Moment, Zerlina, eine alte Frau ist doch kein D-Zug. Was möchtest du denn anziehen? Denn der Weg ist weit und die Luft kühl.“, rief Emma etwas erschrocken aus und zerrte einige Kleidungsstücke aus dem Schrank.

In Windeseile packten wir unsere Sachen zusammen, bezahlten bei der Nachtbesetzung der Rezeption unserer Unterkunft die Rechnung und flogen anschließend der Heimat entgegen.

Völlig erschöpft rollte ich mich drei Tage später in meinem eigenen, weichen, gemütlichen Bett zusammen und sank sogleich auch in einen tiefen, traumerfüllten Schlaf. Zwar mussten wir Tagsüber mehrstündige Pausen einlegen, aber richtig schlafen konnten wir wieder nicht.

›Na, sehr viel hast du in China ja nicht ausrichten können!‹, tadelte meine Großmutter mich wieder ein bisschen, als sie mich drei Nächte später besuchen kam. Noch immer vollkommen erschöpft und müde blickte ich Emma in ihre großen, dunklen Augen.

›Och, Oma, selbst, wenn jede Hexe und jeder Zauberer tausend Jahre alt werden würde, könnten wir die Lebewesen sämtlicher belebten Welten nicht so vereinen, wie wir es gerne möchten und uns zur Aufgabe gemacht haben‹, brachte ich erschöpft über meine Lippen. ›Ich meine, es wäre auch ein bisschen langweilig, wenn sich alle Lebewesen gut verstehen würden, oder? Man kann die Lebewesen nicht von Grund auf ändern, das ist schier unmöglich!‹, gähnte ich weiter. ›Sicherlich könnten wir uns mit jedem einzelnen Menschen dieser Welt unterhalten, ihm genau zuhören und darauf hoffen, er selbst möge darauf kommen, dass das Miteinander am meisten fehlt. Aber dann wären wir wahrscheinlich in zehntausend Jahren noch kein bisschen weiter. Denn jeden Tag werden Menschen geboren und Andere sterben, sodass wir wieder von vorne anfangen müssten. Auch sterben wir einmal, sodass wir Buch darüber führen müssten, welchen Menschen wir überzeugt haben, bei welchen wir Schwierigkeiten hatten und welche uns noch fehlen. Und hast du nicht selbst gesagt, dass wir nicht in allzu großer Zahl auf diesem Planeten vorhanden sind?‹

Mutlos und verzweifelt ließ ich mich auf meine Matratze zurückfallen, drehte mich auf die Seite und starrte die Wand an. ›Und überhaupt habe ich das Gefühl, als ob jeder von mir etwas Bestimmtes oder gar etwas Besonderes erwartet. Ellie meinte neulich, es liege ganz besonders an meiner Person, alles für unsere nächste Generation vorzubereiten und dass ich es bis jetzt alles sehr gut hinbekommen hätte. Was meint Elena damit, Oma?‹, fragte ich auf einmal etwas ängstlich und drehte mich wieder auf den Rücken.

Denn ich konnte mir noch immer nicht so recht erklären, was ich so gut gemacht hatte. Denn jeder konnte doch Zuversicht, Umsicht, Ruhe, Mitgefühl und Ausgeglichenheit ausstrahlen und vermitteln. Zudem verspürte ich Angst,

irgendwann an der Schwere meiner Lebensaufgabe zu zerbrechen und sie nicht zu Ende bringen zu können. Und wenn ich meine Lebensaufgabe tatsächlich nicht komplett erledigte, was würde dann geschehen? Konnte ich den anderen

Hexen und Zauberern genügend erzählen? Ja, die Meisten glaubten zwar, das wirklich Fehlende auf dieser Welt entdeckt zu haben, aber ob wir alle mit unserer Beobachtung richtig lagen oder ob es noch etwas Anderes gab, das viel dringender hergestellt werden musste, konnte niemand sagen.

›Nun, du trägst einfach die Ruhe in dir.‹, antwortete Emma und streichelte mir plötzlich sanft über die Wange. ›Und das spüren die Menschen. Ja gut, ich meine, einige Leute kannst du natürlich nicht beruhigen. Das ist logisch. Aber meistens sind es Menschen, die in ihrem Leben schon zu viel Negatives durchlebt haben, sodass sie sich nicht beruhigen lassen können. Oder du kannst nicht beruhigend auf sie einwirken, weil sie etwas Persönliches gegen dich haben. Denn auch ich hatte zu Anfang meine Schwierigkeiten mit dir, was du sicherlich bemerkt hast. Doch schließlich habe ich gespürt, was in dir steckt und es zu mögen begonnen. Ich habe gesehen, dass du Menschen auf irgendeine Art sanft beruhigen kannst. Und mit der Ruhe, die ganz tief aus dem Herzen kommt, kann man eine ganze Menge bewirken, Zerlina. Das hast du damals ja selber bei deiner ersten bewussten Begegnung mit den Bewohnern des gelben Planeten erleben können. Und dies trotz deiner ständig ausfahrenden Bewegungen. Ja, irgendwie scheinst du die Ruhe in Person zu sein und kannst die Menschen allein durch deine Augen etwas fröhlicher stimmen. Die Meisten jedenfalls! Und du musst versuchen, es bewusster zu tun. Denn ich habe den Eindruck, als ob du noch gar nicht weißt, wie viel Positives in dir steckt.‹

›Puh, Großmutter, bei deinem Gerede wird mir ehrlich ein wenig schwindelig‹, gab ich matt von mir und wischte mir über die Augen. ›Alles, was mir bis hierhin richtig klar geworden ist, ist, dass die Menschen jemanden brauchen, dem sie sich vollkommen anvertrauen können. Und höchstwahrscheinlich spüren sie bei uns, dass sie dies tun können. Denn jeder von uns Hexen und Zaubern kann auf eine ganz besondere Art genial zuhören. Jedenfalls kann man das an den Reaktionen der Menschen schließen. Aus diesem Grunde bin ich also nicht die Einzige von uns, die des guten Zuhörens mächtig ist.

Ich bin doch nur eine stinknormale, kleine Zappelhexe. Aber wenn ich tatsächlich so viel positive Ausstrahlung habe und mit ihr so viel Positives bewirken kann, möchte ich mich doch gerne mal mit Papst Johannes Paul II unterhalten. Denn nur allzu gerne würde ich herausfinden, ob meine angeblichen Kräfte bei diesem großen Mann ebenfalls wirken‹, den Rest von meinem Gesagten warf ich so plötzlich energisch in den Raum hinein, dass Emma auf dem Rand meines Bettes ein wenig zusammenzuckte und mich erstaunt ansah. ›Und ich möchte mich mit dem Papst auch noch deswegen gerne einmal unterhalten, um zu sehen, was gegen die Verhütungsart spricht. Die katholische Kirche meint ja immer, sie wäre so gut und rein. Aber dabei macht sie einen gottverdammten Blödsinn nach dem Anderen. Sie hat die Juden verfolgt, hat sie aufs Äußerste gequält, nur weil sie angeblich Jesus kreuzigten.

Natürlich hegten nicht nur die Katholiken eine Wut gegen die Juden, sondern auch die Protestanten. Außerdem fallen die Katholiken mit ihrem „Vertreter Gottes durch den Papst auf Erden“ recht stark auf. Das finde ich jedenfalls! Und durch das Verbot von Verhütungsmitteln verurteilt die katholische Kirche Unmengen von armen Menschen zum Sterben. Aber auch hier muss ich einräumen, dass die katholische Kirche nicht die Einzige ist, die Verhütungsmittel verbietet. Ach, ich weiß über die einzelnen Religionen so dermaßen wenig«, seufzte ich plötzlich tieftraurig und betrübt. ›Ich weiß nur von den erbitterten Kriegen zwischen den Religionen, von denen man in der Schule lernt. Aber zugegeben finde ich das Schönste bei den Katholiken, dass sie den Sex erst nach der Eheschließung predigen. Denn somit besteht die Chance, dass zumindest manche Kinder noch aus reiner Liebe und Zuneigung gezeugt werden. Denn bei anderen Paaren geht es meiner Meinung nach manchmal viel, viel zu schnell, dass sie ein Kind bekommen. Wenn sie lange genug miteinander liiert sind und sich gut kennen, ist es natürlich etwas Anderes. Aber ich meine, heutzutage werden so viele Kinder geboren, deren Eltern sich erst ein paar Tage kennen. Na, und ob diese Kinder dann auch wirklich aus reiner Liebe gezeugt wurden, wage ich zu bezweifeln. Wenn man mit der körperlichen Liebe jedoch bis nach der Hochzeit wartet, hat man schon etwas Zeit gehabt, sich näher kennen zu lernen. Denn für gewöhnlich heiratet man ja nicht direkt, nachdem man sich kennengelernt hat. Außer natürlich, wenn es sich um eine Zwangsehe handelt!‹

›Du hörst dich etwas hilflos und auch ein kleines bisschen ärgerlich an.‹, sagte Emma mit einem verwunderten Blick auf mich, „Da du jedoch eine zähe und willensstarke Person bist, wirst du alles schon meistern.‹

›Großmutter, was redest du denn da?‹, fragte ich mit erschrockenen Augen. ›Kann mir endlich mal einer sagen, was die Geheimtuerei zu bedeuten hat und warum gerade ich für diese Aufgabe auserwählt wurde, wenn ich so wenig Ahnung vom Geschehen auf der Welt habe? Ich glaube kaum, die Menschen vor sich selbst retten und „nach getaner Arbeit“ auf den Planeten der Hexen und Zauberer zurückkehren zu können. Plötzlich musste ich herzhaft lachen, da ich mir die ganzen Hexen und Zauberer unseres Planeten vorstellte, wie sie mit ihren langen, gebogenen Nasen, ihren, wilden Blicken, ihren Zauberstäben und ihren langen Umhängen herumliefen und andauernd irgendwelche Dinge her- und wegzauberten.

›Tja, man kann nie wissen, was noch alles geschieht‹, entgegnete meine Großmutter, erhob sich schnell von meinem Bett und machte sich für den Heimflug fertig. ›vielleicht bekommst du irgendwann ja doch die Chance, auf unsere kleine Welt zu kommen und deine leibliche Familie kennen zu lernen?«

Und als sie schon fast auf die Fensterbank im Wohnzimmer gestiegen war, drehte sie sich noch einmal in Richtung meines Schlafzimmers um und flüsterte durch offene Schlafzimmertür: ›Deine Eltern und ich haben es schon immer gewusst, dass du für diese Aufgabe genau die Richtige bist und in Finns Familie gehörst! Und da macht es nicht sehr viel aus, dass du dich in den einzelnen Religionen und in der Politik nicht ganz so gut auskennst.‹

Doch ehe ich noch irgendeinen Ton von mir geben konnte, war Emma schon in der Dunkelheit der Nacht verschwunden.

Na, wenn Oma meint, es ist in Ordnung, dass ich so wenig Ahnung von allem habe und es mehr auf meinen Ehrgeiz ankommt, ist dies beruhigend für mich, dachte ich, während ich in meinem Bett lag und die kleinen, hellen Lampen der Lichterkette an der Schlafzimmerdecke zählte.. Und, ja, es wäre schon aufregend und spannend für mich, irgendwann einmal den Planeten zu sehen, auf dem ich ursprünglich leben sollte. Aber höchstwahrscheinlich müsste ich dann den Rest meines Lebens dort verbringen. Und ob ich das möchte, weiß ich nicht. Denn ich bin mein ganzes Leben hier auf der blau schimmernden Erdkugel. Auf der anderen Seite wären bei uns meine leiblichen Eltern, die mich vielleicht lieb hätten, überlegte ich weiter. Ob ich wohl auch Geschwister habe? Bei diesen Überlegungen sank ich langsam in einen tiefen und friedlichen Schlaf.

Anfang August des Jahres zweitausendunddrei spürte ich, dass Moritz sehr bald von mir gehen würde. Mit dicken Kullertränen in meinen Augen beobachtete ich, wie mein kleiner, süßer Mausmann von Tag zu Tag schwächer wurde.

›Ich möchte nicht, dass du mich verlässt, Süßer!‹, schluchzte ich und hielt Moritz jeden Tag liebevoll in meinem Schoß, auf dem er jedes Mal sofort tief und fest einschlief. Doch nichts kann ewig existieren. Und so wurde ich am Morgen des neunzehnten August von Moritz' bereits sehr zittriger Stimme geweckt.

›Zerlina, meine Zeit ist gekommen. Ich muss gehen! Die drei Jahre, die ich bei dir sein durfte, waren wunderschön. Deine Fürsorge war einfach rührend. Du hast an alles gedacht, was eine kleine Maus glücklich und zufrieden macht. Und den Kletterkäfig, den du mit deiner einen Mitbewohnerin in der Wohngruppe für mich zusammengebastelt hast, damit ich mehr umherklettern kann, fand ich total klasse! Doch von nun an wird Momo dich weiter begleiten und dir deine Fragen beantworten. Trauere nicht um mich und beerdige mich unter einem schönen, großen Baum, ja? Wir sehen uns sehr bald wieder. Ich muss mir nur einen jungen und gesunden Körper suchen, in dem meine Seele weiterexistieren kann.‹

Bei diesen letzten Worten sah ich die Seele meines kleinen Mausmännchens emporsteigen und aus dem gekippten Schlafzimmerfenster davonfliegen.

›Na, der hat ja vielleicht Humor!‹, gab meine kleine Katzendame teils empört, teils aber auch mächtig stolz von sich. ›Ich bin doch fast noch ein Kind. Woher soll ich die Antworten auf die Fragen wissen, die dir im Kopf herumschwirren? Denn in meinem vorherigen Leben bin ich im Alter von nur zehn Tagen gestorben, sodass ich keine allzu großen "Weisheiten" habe.‹

Trotz meiner tiefen Trauer musste ich grinsen. ›Ich weiß es nicht, Momo, antwortete ich mit flüsternder Stimme und nahm mein kleines Katzenmädchen fest in meine Arme. Mitfühlend und zärtlich leckte Momo mir die Tränen von den Wangen und kuschelte sich eng an mich.

Ich suchte für Moritz den schönsten Platz aus, den ich im Park in der Nähe meiner Wohnung finden konnte. Auch war er, so wie Moritz es sich gewünscht hatte, unter einem großen, schattigen Baum. Fest in dicke, weiche Watte eingepackt, legte ich ihn in die kühle, dunkle Kuhle, die meine Assistentin mit einer kleinen Schaufel für ihn gegraben hatte. Und wieder fragte ich mich, als die dunkle Erde auf den kleinen, reglosen Körper in der Watte rieselte, ob es vielleicht sein könnte, dass nach dem Leben mit allem Schluss war. Aber was für einen Sinn hätten dann unsere Geburt und unser ganzes Dasein? Und warum ging es manchen Menschen während ihres Seins so gut und Anderen wiederum so schlecht? Ganz abgesehen von denjenigen, die in irgendeinem schrecklichen Krieg verwickelt waren oder in einem armen Land lebten. Wie kam es zum Beispiel, dass manche Menschen mit unheilbaren Krankheiten, ewigen und starken Schmerzen oder anderen unschönen Schicksalsschlägen gestraft waren? h

Langsam, aber sicher neigte sich der Sommer des Jahres zweitausendunddrei seinem Ende zu. Inzwischen lebte ich gute fünfzehn Monate lang in München und fühlte mich glücklich und vollkommen zufrieden. Das Einzige, wonach ich mich sehnte, waren der Himmel, die leichten Hügel, die frischen, grünen Wiesen und die Bäume. Denn am Stadtrand von Frankfurt, wo ich lange lebte, konnte ich all dies sehen. Nun, und da ich meine gesamte Kindheit auf einem Dorf zwischen vielen kleinen Bauernhöfen verbracht hatte, war es für mich ungewohnt und manchmal auch etwas nervig, jetzt an einer viel befahrenen Straße zu wohnen.Allerdings war es mitten in der Stadt doch ein ganz klein wenig einfacher, eine behindertengerechte Wohnung zu finden und zu bewohnen.

In den endlos langen Herbst- und Winternächten, die nun kamen, ging mir meine fixe Idee, mich einmal mit dem Papst zu treffen, nicht mehr aus dem Kopf. Während ich Nacht für Nacht in meinem Bett lag und über die Ungerechtigkeit in der Welt nachdachte, sagte ich mir, dass das Elend in der Welt schon dadurch um einiges eingegrenzt werden könne, wenn der Papst den Menschen in den armen Teilen der Erde erlauben würde, Verhütungsmittel zu benutzen. Denn das größte Elend, das neben der Umweltzerstörung, den ganzen und immer wiederkehrenden Kriegen und den Seuchen auf Erden herrschte, war nun einmal die Armut. Und sie wäre zu verringern, wenn man es zuließe, dass die Bevölkerungszahl stetig etwas zurückginge.

Außerdem wunderte es mich immer mehr, dass die Menschen, denen es auf dieser Welt gut ging und die gläubig waren, es zuließen, dass ihre Mitmenschen so sehr litten und am Ende manchmal eines qualvollen Todes starben. Allerdings musste ich mir auch hier wieder eingestehen, dass der Mensch ganz einfach vom Tier abstammte. Aber hatte er nicht gelernt, seinen ausgereiften Verstand besser zu gebrauchen?

Und wieder bemerkte ich, dass es mit der angeblichen Intelligenz des Menschen nicht sonderlich gut bestellt war. Ich erkannte mit purem Entsetzen immer mehr, dass ich zu diesen nicht gerade umsichtigen und toleranten Lebewesen keineswegs gehören wollte. Allerdings musste ich einsehen, dass ich jetzt vermutlich ganz genauso sein würde, wenn ich körperlich uneingeschränkt geboren worden wäre und keine ständige Hilfe von Anderen in Anspruch nehmen müsste. Dummerweise konnte ich als stark invalide Außerirdische dies leider nicht so genau nachvollziehen und herausfinden. Überlegend kuschelte ich mich in meine warme, weiche Bettwäsche und sah aus dem Fenster auf die erleuchtete Stadt.

›Das ist zwar eine etwas utopische, aber eine ziemlich geniale Idee, sich mit dem Papst zu treffen.‹, erklärte eine andere invalide Hexe mir, als ich ihr auf einem kleinen Zusammentreffen der Hexen und Zauberer auf dem Brocken von meinem mich fesselnden Einfall vorschwärmte.

Johanna hatte ich bei einer meiner ersten Zusammentreffen mit den anderen invaliden Hexen und Zauberer kennen gelernt.

›Tja, aber Elena hat mir vor einiger Zeit erzählt, dass ihr es schon einmal versucht habt, mit dem Papst und mit anderen hohen Kirchenherren zu diskutieren, es jedoch nicht so erfolgreich war. Waren dort nicht auch Politiker dabei gewesen?‹

›Ja, ja, das stimmt schon. Aber man könnte es noch einmal auf einen Versuch ankommen lassen. Vielleicht bekommst du es ja hin, den Papst gedanklich in eine etwas andere Richtung zu lenken. Denn du hast schon so Manches bewirken können. Selbst in China. Und es ist schon eine ganze Weile her, wo wir versucht haben, mit ihm zu sprechen. Vielleicht ist er inzwischen für dieses Thema etwas zugänglicher geworden. Denn manche Menschen werden im Alter ein wenig zugänglicher und aufgeschlossener.‹

Verwundert blickte ich Johanna an.

›Wie um Himmels willen meinst du das denn jetzt, dass ich in China soviel Erfolg hatte?‹, fragte ich. ›Oma hat mir in einem leicht tadelnden Ton mitgeteilt, ich hätte so gut wie noch nichts bewirkt‹, erklärte ich mit etwas weinerlicher Stimme weiter.

›Tja, Emma sagt immer viel, wenn der Tag lang ist. Dabei soll sie es doch erst mal besser machen. Weißt du eigentlich, dass die Urgroßmutter deines leiblichen Vaters dieselbe Aufgabe wie du hatte? Und sie hat ihre Lebensaufgabe ebenfalls nicht perfekt erledigen können. Von daher brauchst du dir also keine Gedanken oder gar Vorwürfe zu machen. Außerdem hat Ellie dir vor einiger Zeit deutlich zu verstehen gegeben, dass du deine Sache ganz gut machst, oder? Und ich glaube, wir alle haben dich bereits kräftig gelobt. Also kannst du dir allmählich ruhig mal ein bisschen Selbstbewusstsein aneignen.

Hm ..., und- es hat vor einiger Zeit in einigen Zeitungen dieser Welt gestanden, dass etwas sehr Merkwürdiges und Geisterhaftes in einigen Ländern umgeht. Im Sudan zum Beispiel soll dieses Phänomen zuallererst aufgetaucht sein. Denn dort soll sich so einiges zum Positiven geändert haben. Die Sudanesen in den Armenvierteln seien auf einmal viel selbstbewusster geworden und hatten mehr zum Leben gehabt und Medikamente für die Kranken. Auch hatte ein Vater einer schwerbehinderten Tochter über Nacht plötzlich so viel Geld zusammen gespart, dass er mit ihr zur Physiotherapie und Sprachtherapie in die große Stadt gehen konnte. Selbst zu Ärzten und in Krankenhäuser konnten die Menschen auf einmal gehen. Seltsamerweise fanden sie in einer Ecke ihrer Hütten eine größere Summe Geld. Woher dieser mysteriöse Reichtum gekommen war und wer ihn zu verantworten hat, weiß niemand.«

Freudig bemerkte ich, dass das Geld, das ich den ärmeren Sudanesen gezaubert hatte, tatsächlich direkt für die Dinge verwendet worden war, die am allermeisten gebraucht wurden. In diesem Moment durchfuhr meinen Körper eine Welle der grenzenlosen Erleichterung und der maßlosen Freude. Denn es hätte genauso gut passieren können, dass die Sudanesen das Geld für unwichtigere Dinge ausgeben. Doch dieser Einfall kam mir jetzt erst, als ich von Johanna erfuhr, dass dieses Geld von den armen Menschen im Sudan gefunden und genau für die Zwecke verwendet worden war, für die ich es tatsächlich gezaubert hatte. Nun, manchmal war ich wirklich noch ein bisschen blauäugig und unvorsichtig.

„Und auch in China denken und handeln die Menschen in ihrem Alltag und ihrem Leben urplötzlich ein kleines bisschen anders. Sie versuchen, mehr aufeinander zuzugehen und mehr für die Umwelt und ihre nächste Generation zu tun. Man kann in der Tat behaupten, die Menschen in einigen Teilen der Erde haben sich ein wenig verändert. Sie haben eine gewisse Stärke bekommen. Sag mal, du warst doch in diesen beiden Ländern, in denen sich die meisten Veränderungen getan haben, oder?‹, erkundigte sich meine Gesprächspartnerin plötzlich bei mir und trank einen Schluck von ihrem Tee.

Mit einem zaghaften Nicken antwortete ich.

›Na siehst du. Selbst die Urgroßmutter deines leiblichen Vaters hat nicht soviel schaffen können. Was machst du dir eigentlich für düstere Gedanken und lässt dir graue Haare wachsen, hm? Selbst Finn, der Sohn der angesehensten Familien aus dem Land der dreizehn Feuer speienden Vulkane, hat mit seinen fünfunddreißig Jahren noch gar nicht so richtig daran gedacht, mit seiner Lebensaufgabe anzufangen.‹

›WAS?! Meinst du etwa Finn Schwelm?‹, fragte ich fassungslos und verschluckte mich um ein Haar an meinem Kirsch-Bananen-Saft, von dem ich soeben mit einem Strohhalm getrunken hatte.

›Ja, genau den meine ich! Wieso, wusstest du es noch nicht, dass der Mann, den du einmal heiraten wirst, der Sohn eines recht angesehenen Mannes des zweiten großen Landes unseres Planeten ist?‹, fragte Johanna leicht irritiert.

›Nein, das habe ich in der Tat nicht gewusst‹, gab ich geschockt zu. »Ich wusste nur von seiner Aufgabe, die er hier zu erledigen hat und er es nicht glauben will, kein herkömmlicher Mensch zu sein.«

›Hm, komisch!‹, meinte Johanna stirnrunzelnd und sich mit dem Zeigefinger über die Augenbraue streifend, ›Denn du musst es ihm nämlich erst noch erzählen, dass er aus einer Königsfamilie kommt und später einmal den Thron besteigen wird. Beziehungsweise hoffen wir, dass du uns dabei behilflich sein wirst. Hinzu kommt, dass er, wenn er König ist, die lebenswichtige Aufgabe hat, aus den ganzen Neugeborenen unseres Planeten auszuwählen, welches von ihnen hinaus geschickt wird. Denn solange Finn nichts von seiner zweiten, großen Lebensaufgabe und von deren Ernst und Wichtigkeit weiß, kann er nicht auf unseren Planeten zurückkehren und die Regierung seines Landes übernehmen. Wir haben also noch ein ganzes Stück Arbeit vor uns. Und wenn du uns keine Unterstützung gibst und es nicht schaffst, ihn von seiner Wichtigkeit zu überzeugen, wird aus seinem Land niemand mehr auf irgendeinen anderen Planeten geschickt werden können. Jedenfalls für eine gewisse Zeit nicht. Denn nur die Allerhöchsten von uns dürfen auswählen, welcher Zauberer und welche Hexe als Nächstes auf einen anderen Planeten geschickt wird.‹

Nun gelangte der Saft, von dem ich während Johannas kleiner Geschichte immer wieder genippt hatte, endgültig in meine Luftröhre, sodass ich mich verschluckte und heftig husten musste. ›Warum in aller Welt hat sein Großvater ihm nichts von seiner zweiten Lebensaufgabe erzählt, als er bei ihm war?‹, kam es mir jetzt ein wenig ungehalten über die Lippen, als ich mich ausgehustet hatte. „Er möchte es doch noch nicht einmal wahrhaben, von einem anderen Planeten zu kommen. Dieses sollte er zuallererst verinnerlicht haben, bevor man ihm erzählt, ein Königssohn zu sein!“

›Ja, das ist richtig!‹, erklärte Johanna mir mit einem leicht verzweifelten Gesichtsausdruck. ›Sein Großvater hat es natürlich versucht, ihm diese beiden Tatsachen nahezubringen. Aber dein Freund hat den alten Mann nur schallend ausgelacht. Aus diesem Grunde hoffen wir also, dass du ihm dieses klarmachen kannst. Mensch, Zerlina, unsere ganze Existenz hängt davon ab. Es wäre eine Katastrophe, wenn ihr beiden nicht auf unseren Planeten zurückkehren könntet. Und was denkst du wohl, warum dein zukünftiger Ehemann entweder gar nicht mit auf unsere Feste oder aber erst viel später kommt? Denn Finn erscheint ja immer erst auf unseren Festen, wenn kaum noch jemand da ist. Er kommt deswegen immer erst viel später oder überhaupt nicht, weil er Angst hat, von uns getadelt zu werden. Hast du dich ehrlich noch nie gefragt, warum du immer allein auf unseren Festen bist? Finn geht uns aus dem Weg. Nur mit seiner jüngsten Schwester hat er regen Kontakt. Allerdings weiß ich nicht, ob er weiß, dass auch sie eine richtige Hexe ist und das Privileg hat, zwischen zwei Welten zu wandeln. Aber sie ist die meiste Zeit auf dem Planeten der Menschen. Nur hin und wieder wird sie von ihren Eltern gerufen, um ihnen Bericht zu erstatten, wie ihr großer Bruder sich auf der Erde so macht. Hat er dir schon einmal etwas von seiner kleinsten Schwester erzählt?‹

Nachdenklich nickte ich und sagte dann laut: ›Ja, ja, er hat mir schon oft von seiner Kleinen, wie er sie nennt, erzählt. Und er hängt sehr an ihr und ist mächtig stolz auf sie. Komischerweise habe ich Janica nur dreimal zu Gesicht bekommen.

›Nun, und Janica gilt genau genommen als Finns Stiefschwester. Denn zu unserem riesigen Glück hat der Mann, in dessen Familie Finn damals landete, sich nach einigen Jahren noch mal eine sehr, sehr viel jüngere Frau genommen, die gut und gerne seine Tochter sein könnte. Manche Männer der blauen Erde sind doch wirklich ein wenig seltsam. Na, egal! Auf jeden Fall ist Janica vor gut achtzehn Jahren in den Garten von Finns Vater und Stiefmutter gefallen. Zum Glück hatte der Vater mit seiner neuen Frau ebenfalls ein Haus mit einem kleinen Garten. Denn sonst hätten wir die arme, kleine Janica womöglich auf dem betonharten Balkon landen lassen oder durch den engen, schmutzigen Schornstein zwängen müssen. Und schon als kleines Kind hat man Finns kleine Schwester nachts, während sie schlief und träumte, in regelmäßigen Abständen auf unsere Erde zurückgeholt, damit sie sich daran gewöhnt, zwischen zwei Welten zu wandeln. Denn, wenn sie als kleines Mädchen ihren Eltern erzählte, sie sei des Nachts auf einem anderen Planeten mit lauter Hexen und Zauberern gewesen, so glaubten die Eltern natürlich, sie habe dies alles nur geträumt. Tja, und als sie älter wurde, so mit vierzehn Jahren circa, haben wir sie in das Hexenleben eingeweiht. Ihre Eltern wollten einfach jemanden haben, der auf Finn ein wenig Acht gibt und ihnen in gewissen Abständen von ihm erzählt. Tja, und wir können vom riesigen Glück sprechen, dass sie mit ihren noch sehr jungen Jahren ihre wahre Identität und Lebensaufgabe so ohne Weiteres hingenommen und akzeptiert hat. Außerdem behalten uns die Ehepaare Gott sei Dank immer bei sich, zu denen wir gegeben werden. Doch aller Wahrscheinlichkeit nach liegt dies daran, dass unsere leiblichen Eltern überwiegend Paare aussuchen, die kein eigenes Kind bekommen können, sie sich aus diesem Grunde so sehnlichst eines wünschen und nicht groß nach dem woher des Kindes fragen.‹

›Na, aber meine Eltern hatten schon fünf Töchter‹, meldete ich mich zu Wort.

›Ja, das liegt daran, dass Wolfram von den Sinti und Roma abstammt und wir Hexen und Zauberer eine ganz bestimmte Verbundenheit mit ihm verspürten. Zwar haben die Sinti und Roma mit uns nicht sonderlich viel gemeinsam, aber sie sind meist ein bisschen aufgeschlossener als andere Menschen. Auch sind die Sinti und Roma uns sehr sympathisch und sind ebenfalls des Zauberns mächtig. Wir mögen einfach ihre Art, ihr doch meist bescheidenes Verhalten und ihren Lebensstil. Aber das hat dir Emma schon erklärt, oder?‹

Immer noch fassungslos und verwirrt blickte ich meine Freundin an und nickte mit dem Kopf. ›Ach, und ihr meint, ich soll meinem Freund mal eben noch so auf die Schnelle erzählen, dass er ein Königssohn ist und es in seinen Händen liegt, dass es weiterhin belebte Planeten gibt, ja?! Verstehe ich es richtig? Sag' mal, bin ich hier denn das Mädchen für alles, oder wie? Was wird denn noch alles von mir verlangt?‹, entfuhr es mir plötzlich ungehalten und verzweifelt.

 

XIV

Tagelang tobte ich und wusste nicht, ob ich es nur geträumt oder ob Johanna mir tatsächlich erzählt hatte, dass Finn, mein zukünftiger Ehemann, ein Königssohn war, dies aber ebenfalls nicht glauben konnte oder wollte. Und stimmte es wirklich, dass ich ihm erzählen sollte, einmal eine sehr hohe Verantwortung zu tragen? Allerdings konnte ich es mir absolut nicht vorstellen, dass Finn es mir glauben würde.

All dies ließ mir keine Ruhe mehr. Ich konnte nicht fassen, dass das meist Entscheidende an mir lag. Doch dann fiel mir plötzlich ein, es war für niemanden von uns zu erwarten, dass Finn sich der Aufgabe und der Identität eines Außerirdischen verweigerte. Also war meine zusätzliche Aufgabe überhaupt nicht geplant. Und diese Erkenntnis stimmte mich dann wieder ein wenig milder.

Als am übernächsten Abend Emma zu mir kam, versuchte ich, aus ihr herauszulocken, ob es tatsächlich meine zweite Aufgabe war, Finn verständlich zu machen, wer er war und was er bewältigen musste. Zu meinem Ärger schwieg sie jedoch die erste Viertelstunde wie ein Grab. Nur mit größter Mühe bekam ich nach und nach etwas aus ihr heraus. Höchst mürrisch, aber genau beantwortete ich zuerst ihre Frage, ob ich mich nun wirklich mit Johannes Paul II treffen wolle.

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