Die Magie der Empathie
Die Magie der Empathie
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 10 Teile geteilt.
Einen Moment später schaute ein Zauberer, der kleinwüchsig war und eine ziemlich spitze Nase hatte, auf seine Halskettenuhr und rief erstaunt aus, dass es schon beinahe halb drei Uhr morgens sei. Erstaunt, wie schnell die Zeit vergangen war, räumten wir den Festsaal auf.
"Nun, dieser Saal hier wird sonst von den Menschen genutzt.", erklärte Antonia mir. "Aus diesem Grunde muss alles so wieder hergerichtet werden, wie wir es vorfinden. Vor vierzehn Jahren hat sich jemand von uns am helllichten Tage, als hier gerade eine Feier der Menschen stattgefunden hat, in einem günstigen Augenblick unter die Gesellschaft gemischt, den Schlüssel für die Eingangstür kurz entwendet und ihn nachmachen lassen. Denn ansonsten könnten wir diesen Saal nicht nutzen. Und da dieses Haus, das noch einen Raum besitzt, in dem die Skier und Weiteres der Menschen aufbewahrt werden, so schön weit oben auf dem Brocken steht, ist es geradezu perfekt für uns und unsere Feste. Denn nachts kommt im Allgemeinen kein Mensch hier hoch."
Müde geworden hörte ich Antonia zu und dachte an den Rückflug, an dessen Ende mein kuscheliges, warmes Bett auf mich wartete.
Nachdem alles Verräterische von unserer Zusammenkunft weggeräumt war, ging es hinaus in die noch immer sternenklare Nacht. Ziemlich erschöpft ließ ich mich von Emma und Antonia zurück in die Sitzschale auf dem Besenstiel setzen und angurten.
"Tschüss, mach's gut“, verabschiedete sich Antonia und drückte mir hastig und scheu einen Kuss auf die Wange. Mit leichtem Kribbeln im Magen spürte ich, wie Emma sogleich danach ihren Besen in die Luft schweben ließ. Genießerisch blickte ich noch einmal zurück auf das Gebäude und den Landeplatz, auf dem nun ein lustiges Durcheinander herrschte. Weiter blickte ich auf die hohen Tannen und ins Tal, das jetzt etwas dunkler dalag, als einige Stunden zuvor.
Während des Rückfluges genoss ich die frische Luft, die mich wieder etwas wacher machte. Dennoch war ich glücklich, als ich unter uns das Haus sah, in dem sich meine Wohnung befand. Gekonnt flog Großmutter durch mein offenes Zimmerfenster. Nachdem wir weich und sicher zwischen den beiden Stühlen gelandet waren, brachte Emma mich eiligst ins Bett. Sogar Moritz und Momo schliefen schon tief und fest. Durchgefroren kuschelte ich mich zu meiner Katze in meine warme Bettdecke, wünschte Emma einen guten Heimflug. Dann schaute ich noch einmal auf meine schöne, große und schon ziemlich alte Uhr gegenüber von meinem Bett und bemerkte müde, dass ich nur noch gute vier Stunden Schlaf bekommen konnte.
Doch bevor ich komplett in den Tiefschlaf hinüberglitt, fragte ich mich noch, aus welchem Grunde Antonia mir so vertraut erschienen war. Auch war es mir so vorgekommen, als hätte sie dasselbe bei mir empfunden. Doch dann tauchte ich endgültig in den Tiefschlaf ab und träumte von den ganzen Hexen und Zauberern, die ich in dieser Nacht kennengelernt hatte. Und natürlich träumte ich von meinem allerersten Flug auf einem Besen.
In den beiden Nächten, die nun folgten, besuchte Emma mich nicht. Somit konnte ich mich also ein wenig von meinem ersten Flug zum Brocken ausruhen. Immer wieder dachte ich während dieser Tage an mein Zusammentreffen mit den anderen Hexen und Zauberern. Ganz besonders wanderten meine Erinnerungen aber zu Antonia zurück. Natürlich versuchte ich, Moritz über sie auszufragen. Jedoch schwieg er sich überdieses Thema gründlich aus.
VIII
Und eines Nachts lag dann der umgebaute Besen endlich quer über meinem Bett.
›Dein Vater hat für dich sogar einen nigelnagelneuen Besen gekauft!‹, informierte Emma mich und strich mit der Hand leicht bewundernd und auch ein wenig stolz über den Stiel. ›Zuerst wollte er ja alles selbst bauen, aber dann hat er den hier zum Freundschaftspreis erwerben können. Er meinte, dieser wäre genau geeignet für einen Umbau und hat ihn kurzerhand gekauft. Zum Glück ist dein leiblicher Vater mit dem Mann, der diesen Laden für Flugbesen führt, gut befreundet. Aus diesem Grunde war es nicht schwer, einen besonders guten Besen, der normalerweise höllisch teuer ist, um einiges günstiger zu bekommen. Nur umgebaut hat ihn Wolfram selbst.‹
Noch mit kleinen, verschlafenen Augen betrachtete ich den Besen, der auf meiner Bettdecke lag und ein ziemliches Gewicht hatte. Er sah wirklich wunderschön aus. Unwillkürlich musste ich in diesem Augenblick an einen jungen Zauberern denken, dessen Geschichte ich vor einiger Zeit las. Auch dieser junge Zauberer flog auf solch einem noblen Besen.
›Haben diese Besen bei euch, oder besser gesagt bei uns, Namen?‹, erkundigte ich mich neugierig und rieb mir dabei die Augen.
›Nein, nicht so direkt‹, erwiderte Emma.
›Dieser hier wurde im Jahre neunzehnhundertvierundneunzig gebaut und ist der fünfte, der in diesem Jahr fertig gestellt wurde. Von daher bezeichnen wir ihn als den '94/5er.‹
›Aha!‹, gab ich zurück und betrachtete meinen Besen weiter mit immer größer werdenden Augen. Eine Sitzschale war fest auf den Stiel gebaut worden. Ganz genauso wie bei Emma. Diese Sitzschale ähnelte so exakt meiner gewohnten und nicht gerade gesunden Körperhaltung, dass ich ernsthaft glaubte, mein Vater hätte heimlich einen Gipsabdruck von meinem Körper gemacht. An dieser Sitzschale waren vier Gurte angebracht, die mich während meiner Flüge an Bauch und Schultern halten sollten.
›So, mein Mädchen, nun helfe ich dir in deine warmen Sachen und werde dich dann auf deinen Besen setzen.‹, teilte Oma mir mit. "Wie es sich anfühlt, auf einem Besen zu sitzen und damit durch die Lüfte zu fliegen, weißt du ja bereits."
Zaghaft nickte ich und spürte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich. ›Ja, schon. Aber ich kann doch gar nicht das Gleichgewicht halten.‹, gab ich protestierend und zugleich klagend von mir. „Als wir neulich zum Brocken geflogen sind, hast du hinter mir gesessen und den Besen gelenkt.“
Als der Besen vor mir lag, bekam ich es wirklich mit der Angst zu tun.
›Nun mach' mal hier keine Panik!‹, drang die Stimme meiner Großmutter energisch vom Flur aus in mein Schlafzimmer, als sie nach festeren, wärmeren Schuhen für mich suchte. ›Denn, wie ich dir bereits erklärt habe, führst du während des Fliegens ebenfalls die Gedankenzauberei durch. Und dies bedeutet, dass es vollkommen egal ist, wie schief oder zappelig du auf deinem Besen sitzt. Denn du steuerst und regierst ihn ganz allein mit deinen Gedanken. Du brauchst dich also nur an einen schönen Augenblick in deinem Leben zu erinnern oder ihn dir auszudenken, in dem du richtig glücklich warst oder der dir richtig Freude machen würde , und schon wirst du dich sicher in die Lüfte erheben und schweben. Aber du solltest auch daran denken, dass dein Besen fliegen soll und wohin. Und wenn du linksherum fliegen möchtest, musst du den Besen mit deinen Gedanken auch linksherum lenken.‹
Ängstlich blickte ich zuerst meinen Besen, dann Emma an. ›Und du meinst, ich kann fliegen, wenn ich nur ans Fliegen denke?"
›Ja, logisch! Denn das tun alle Hexen und Zauberer. Nur während des Fluges steuern diejenigen, die körperlich etwas weniger eingeschränkt sind, ihren Besen ein wenig mehr mit ihrem Gleichgewicht, ihren Beinen und Armen‹, antwortete Großmutter und kehrte vom Flur mit festeren Schuhen wieder in mein Schlafzimmer zurück.
›Aha, und das funktioniert wirklich, ja?‹, entgegnete ich mit heftigem Kribbeln im Bauch und schaute Großmutter dabei zu, wie sie sich meine Kleidung ordentlich zurechtlegte. Geschickt, genau wie beim ersten Mal, zog mich die alte Dame, die mich zu ihrer Lebzeit selten gepflegt hatte, auch dieses Mal an.
„Ja, ja, klar.“, beantwortete Emma knapp meine Frage.
Nachdem ich komplett angekleidet war, holte Emma mich langsam, aber wieder mal sehr gekonnt aus dem Bett und setzte mich auf meinen Besen. Auch dieses Mal hatte sie ihn über zwei Stühle gelegt, sodass ich gut aufsteigen konnte. Nachdem ich mich richtig in meine Sitzschale gesetzt hatte und festgeschnallt war, konnte ich behaupten, dass ich richtig schön bequem saß. Ja, ich saß in meiner eigenen Sitzschale viel, viel besser, als vor wenigen Tagen in Emmas.
›Alles klar, Zerlina? Dann werde ich dir jetzt deine Knoblauchmilch reichen. Ich denke, es wird das Beste sein, wenn wir zuerst nur über München umherfliegen. Ich bleibe mit meinem Besen immer in deiner unmittelbaren Nähe. Du brauchst also keine Angst zu haben!‹, erklärte Oma mit Nachdruck.
Etwas enttäuscht sah ich durch das offene Fenster hinaus. Denn allzu gerne wäre ich in dieser Nacht schon nach Frankfurt geflogen und hätte durch die Fenster meiner Freunde geschaut.
›In drei, vier Wochen, Zerlina, wenn du etwas sicherer mit deinem Besen umgehen kannst, fliegen wir zu deinem Finn‹, versprach meine Großmutter. ›Es ist immerhin ein weiter Weg. Selbst, wenn wir fliegen.‹
Ich sah zu, wie Emma wieder ihre Brille mit den etwas stärkeren Gläsern absetzte und ihre Flugbrille aufsetze.
›So, und nun auf, auf, meine Gute. Wir haben nicht die ganze Nacht Zeit. Der Knoblauch und der schwarze Pfeffer müssten mittlerweile schon durch deinen kleinen, zierlichen Körper bis zu deinem Gehirn gewandert sein. Denk an eine Situation in deinem Leben, in der du überglücklich warst!‹, erklärte sie, als sie schließlich meinte, ich sei zum Fliegen bereit.
Natürlich dachte ich in diesem Moment an die erste Begegnung mit Wolfram nach seinem eigentlichen Tode. Zugleich bemerkte ich, wie mein Besen sich von den Stühlen erhob und mit mir im Zimmer umherflog. Zum Glück fiel mir noch rechtzeitig ein, meinem Besen gedanklich zu befehlen, er möchte doch bitte zum Fenster hinausfliegen.
Die kalte Nachtluft wehte mir ins Gesicht und brachte meine Augen zum Tränen. Denn diesmal konnte ich meine Augen natürlich nicht schließen sowie ich es bei meinem ersten Flug mit Oma auf ihrem Besen getan hatte. Wie mithilfe einer leisen Stimme, die mir ins Ohr flüsterte, was ich denken sollte, lenkte ich meinen Besen sicher über die Münchener Hochhäuser hinweg. Es war ein großes Glück für mich, dass ich in der zwölften Etage wohnte, denn somit musste ich meine Flughöhe nur wenig verändern und konnte mich gut auf alles Andere konzentrieren. Nur ein einziges Mal kam ich etwas ins Trudeln und hing mit meinem Besen kopfüber in der Luft.
›Tja, das Fliegen verlangt strenge Konzentration!‹, schrie meine Lehrerin mir zu, als ich wieder mit dem Kopf nach oben durch die Nacht flog.
Nach fast zwei Stunden Übungsflug sicher, aber völlig durchgefroren in meinem Bett liegend, überkam mich ein erhabenes und stolzes Gefühl sowie ich es noch nie erlebt hatte.
›Das hast du klasse gemacht!‹, lobte mich plötzlich eine Stimme. Erschrocken hob ich meinen Kopf vom Kopfkissen und lauschte ins duunkle Zimmer hinein. Denn ich wusste absolut nicht, woher diese Stimme kam und wem sie gehörte.
›Oma?‹, fragte ich mit unsicherer und leiser Stimme.
›So ein Quatsch, Zerlina‹, vernahm ich auf einmal die Stimme meines Mausmannes. ›Du weißt doch, dass Emma schon wieder zu ihrem Grab unterwegs ist. Es war die Stimme von Wolfram, die dich gelobt hat. Er war es übrigens auch, der dir bei deinem ersten Flugversuch die Dinge, an die du denken solltest, ins Ohr flüsterte.‹
›Aha‹, gab ich urplötzlich vollkommen matt von mir und fiel Sekunden später schon in einen tiefen, festen Schlaf, ohne noch weiter über Moritz Information nachzudenken.
In den nächsten Tagen und Wochen unternahm ich mit Großmutter zusammen noch zahlreiche Nachtflüge. Dabei gelang es mir erstaunlicherweise recht gut, meinen Besen so zu fliegen, wie ich es tatsächlich wollte und musste. Und schon bald konnte ich mich für einige Augenblicke aus Großmutters Beobachtungsfeld bewegen. Jedes Mal, wenn ich auf dem Besen saß, hatte ich das Gefühl, als ob ich mit ihm verschmelzte. Ja, ich hatte das Gefühl, als sei mein 94/5er während meiner Flüge durch die Nacht ein Teil meines Körpers. Und auch bei diesen Flügen spürte ich, dass Wolfram immerr ganz nah' bei mir war und seine schützende Hand über mich hielt.
Dann kam endlich die Nacht, in der Emma mir mitteilte, ich würde meinen Besen nun so sicher lenken, dass wir nach Frankfurt fliegen konnten. Freudig erregt trank ich diesmal meine so genannte gepfefferte Knoblauchmilch bis auf den letzten Tropfen aus, ohne dabei viel würgen und husten zu müssen. Dann ließ ich mir von meiner Großmutter schnell beim Ankleiden helfen.
Ich konnte es kaum erwarten, bis die Knoblauchmilch mit dem schwarzen Pfeffer ihre Wirkung tat und wir endlich losfliegen konnten. Zuerst wusste ich nicht so recht, in welche Richtung ich fliegen musste. Doch zum Glück schien meine Großmutter zu wissen, wo es nach Frankfurt ging. Gute anderthalb Stunden flogen wir, ehe ich die ersten Lichter der Stadt sah, in der ich so lange Zeit zu Hause war. Ein leichtes Kribbeln zeigte mir an, an welcher Stelle meines Körpers sich mein Magen befand. Vom Flugwind etwas außer Atem erkundigte Emma sich, ob ich die genaue Richtung zu den Häusern meiner engsten Freundinnen kenne. Eifrig nickte ich. Aber im nächsten Moment wurde mir bewusst, dass die Stadt etwas anders aussah, wenn man sich auf der Erde befand.Trotzdem gelang es mir, meine Großmutter zielsicher zu den Häusern von zwei meiner engsten Freundinnen zu führen. Mit vor Freude glühenden Wangen schaute ich durch ihr Schlafzimmerfenster. Da lagen sie in ihre warmen Bettdecken eingewickelt.
Zum Glück hatte ich in den vergangenen drei Wochen gelernt, meinen Besen einige Minuten lang auf einem Fleck stehend schweben zu lassen, sodass ich in aller Ruhe durch die Fenster im zweiten und fünften Stock schauen konnte.
›Komm', Zerlina, wir müssen zurück. Es wird bald Tag.‹, sprach Großmutter leise und legte mir ihre zittrige Hand auf die rechte Schulter.
Schweigend, aber glücklich wandte ich mein Gesicht von der Fensterscheibe ab und nickte. Eines Nachts im Januar des Jahres zweitausendunddrei erklärte meine Großmutter mir dann, ich sei nun so weit, dass ich mit meiner Lebensaufgabe beginnen könne. Sie fragte mich, ob ich mit den Religionen der einzelnen Länder und Kulturen vertraut sei. Ich erklärte, dass ich etwas über Christen, Juden und Moslems wisse. Die Religion der Juden sei laut der Menschen die älteste der Welt. Allerdings waren die Naturreligionen natürlich viel, viel älter. Doch über die hörte man leider nicht so häufig etwas. Zumindest lernt man in der Schule nicht gerade viel über sie. Mir war lediglich bekannt, dass es in den Naturreligionen ziemlich viele verschiedene Götter gab. Und diese Götter tauchten mitten zwischen den Menschen in Form von seltenen Baumarten oder besonderen Steinen auf. Nur leider war meine Schulbildung nicht gerade die Allerbeste. Und dafür schämte ich mich auch wirklich zutiefst! Aus diesem Grunde wusste ich nur wenig über die Naturreligion.
"Die Juden werden seit ewigen Zeiten verfolgt, gehasst, gequält und gefoltert. Denn von den anderen Religionen wird angenommen, in denen man an Jesus Christus glaubt, sie seien das erwählte Volk, das mit dem Ewigen ein Bündnis geschlossen hat. Dabei weiß ich nicht, ob die Juden selber auch überzeugt sind, das auserwählte Volk zu sein und ob sie stolz darauf sind Aber der Meinung der Menschen nach, die an Jesus Christus glauben, hatten sie ihn zudem noch umgebracht."
›Das war für den Anfang gar nicht mal so schlecht‹, lobte Emma mich. ›Und über welche Religion weißt du noch etwas?‹
›Hm, ein wenig über den Buddhismus‹, antwortete ich. ›Buddha war der Sohn eines indischen Königs und wuchs der Geschichte nach in einem kleinen Kästchen bis zu einem gewissen Grad in der Gestalt eines kleinen, weißen Elefanten heran. Dieses Kästchen war mit wertvollen Steinen besetzt. Er ging nach einiger Zeit in die rechte Seite seiner Mutter ein, aus der er auch geboren wurde. Bei seiner Geburt verkündete er lautstark, er sei das Beste und der Älteste der Welt und dass dieses Leben sein Allerletztes sei, in das er soeben hineingeboren wurde. Nach diesem Leben würde er in die ewige Erlösung gehen. Als er später einmal das Schloss, in dem er aufwuchs, verließ, begegnete er auf den Straßen der Stadt vier unterschiedlichen Gestalten. Nämlich: einem Alten, einem Kranken, einem Toten und einem lustigen Mönch. Aus diesen vier Gestalten begründete Buddha seine Religion. Seiner Ansicht nach war alles im Leben eines Lebewesens Leiden, weil alles vergeht. Und bis zum heutigen Tag diskutieren die Gläubigen, ob Buddha ein normaler Mensch und Gelehrter, der den Buddhismus schlichtweg erfand, oder ein Gott war. Was er allerdings mit den Mittelweg finden meint, will mir nicht ganz klar werden. Ich kann mir aber vorstellen, dass man in seinem Leben alles in einem gewissen Maße tun muss und nichts übertreiben sollte, um es bei seiner Wiedergeburt angenehm zu haben. Ich persönlich glaube ja auch, dass man niemals komplett verschwindet und in die ewige Erlösung geht, sondern man in Abständen von Millionen von Jahren immer wieder geboren wird und auf irgendeinem Planeten landet. Und weil das Leben eines Lebewesens bis ins kleinste Detail vorgeschrieben ist, wird das Leben an sich nie langweilig. Das Leben verläuft logischerweise immer anders. Außerdem kann man sich an sein voriges Leben kaum mehr zurückerinnern, sodass einem alles erst mal neu und aufregend erscheint. Und jeder wird für seine „Sünden“ in seinem nächsten Leben „bestraft“. Auch hat Buddha mit seiner Theorie schon recht, dass alles im Leben Leiden ist. Denn das Schöne vergeht, ganz genau wie das Schreckliche. Allerdings sind die unschönen oder die schrecklichen Dinge im Leben ebenso wichtig wie die Schönen.‹
›Ja, das stimmt. Selbst, wenn es sich ein bisschen erschreckend und vielleicht etwas sinnlos anhört. Denn niemand möchte ja traurig oder gar verzweifelt sein. Jedoch wachsen die Lebewesen an den unschönen Dingen des Lebens und werden stärker. Meistens jedenfalls!‹, sagte Emma nach wenigen Augenblicken nachdenklich. “›Und du meinst auch, das alles, was wir in unserem jetzigen Leben an Leid, Freude und aus unserem Blödsinnmachen erfahren, im nächsten Leben genau ins Gegenteil gewendet wird?‹
›Ja, so ungefähr‹, entgegnete ich und kraulte Momo am Hals, die laut schnurrend auf dem Rücken neben mir auf dem Bett lag.
Und wieder fiel mir auf, dass das ganze Leben nur mit Drohungen und Strafen durchzogen war, mit denen versucht wurde, aus jedem einen Vorzeigemenschen zu machen. Vielleicht war es gerade dies, woran der Mensch zerbrach und aus ihm einen so genannten Rowdy machte. Wahrscheinlich konnte er diesem Druck einfach keinen Widerstand leisten. Ich fragte mich, ob der Druck, der zum Beispiel von jeder Religion ausging, uns nicht eher schadete als half. Auch war es fraglich, ob der Mensch von seinem Glauben zu den guten Taten nur gezwungen wurde. Ja, es war schon richtig, dass es im Grunde genommen egal war, durch welche Lebensphilosophie der Mensch zu einem angenehmen Wesen gemacht wurde. Denn die Hauptsache war, dass er für die Anderen eine kleine Bereicherung wurde. Dennoch fragte ich mich, ob die Kirche und der Glaube aus einem nicht eine oberflächliche Person machte, die zwar im Idealfall tausend gute Dinge tat, die aber nicht vollständig aus dem eigenen Herzen kamen. Machte der Glaube jeden nicht nur oberflächlich?
Nun, wie oberflächlich und auch grausam Menschen mit Glauben an einen Gott sein konnten, musste ich als Kundin eines streng christlichen Pflegedienstes erfahren. Denn da ich mit dem Pflegedienst, bei dem ich in München zuallererst Kundin war, nach einiger Zeit einige Probleme bekam, wechselte ich zu einem anderen Pflegedienst. Dieser Pflegedienst war streng dem christlichen Glauben zugetan. Dies bedeutete, dass beinahe jeder Mitarbeiter chris6tlich war. Einschließlich meiner Assistenten, die mich bei diesem Pflegedienst ebenfalls vierundzwanzig Stunden täglich in meinem Alltag tatkräftig unterstützten. Und auch, wenn Bayern im Allgemeinen ziemlich gläubig war, so war meine Familie es nicht. Von daher hatte ich also nicht allzu häufig mit gläubigen Menschen engen Kontakt. Zu Beginn begegnete man mir bei diesem christlichen Pflegedienst äußerst freundlich und hilfsbereit. Doch nach etwa vier Monaten bekam ich die wahre Art dieser gläubigen Menschen deutlich zu spüren. Am deutlichsten bekam ich die wahre, ehrliche Art der Christen bei meinem farbigen, noch sehr jungen Assistenten zu spüren. Dieser junge Mann war halb Afrikaner und halb Deutscher. Er war der Sohn eines afrikanischen, christlichen Pastors. Allerdings benahm er keineswegs so! Er behandelte mich mitunter im wahrsten Sinnes des Wortes wie ein Stück Dreck. Wenn er mir beim An- und Auskleiden behilflich sein musste, riss er manches Mal so kräftig an mir herum, dass mir meine Arme und Beine wehtaten. Auch war es unglaublich anstrengend und schwierig für mich, ihn um Erledigungen zu bitten, bei denen ich vollständige Unterstützung benötigte. Denn alles, was der "gute" Junge bei mir tun wollte, war, seine komplette Schicht in meinem Schlafzimmer vor dem Fernseher zu sitzen und sein Geld bei dieser Tätigkeit zu verdienen. Auch meine kleine, süße Momo quälte er aufs Äußerste. Aber er war angeblich sooo gläubig, fromm, gut und rein. Jeden Sonntag ging er in die Kirche und betete. Ich könnte mich jetzt noch im vollsten Strahl übergeben, wenn ich daran zurückdenke! Aber
höchstwahrscheinlich machte ihn der Gedanke, dass dieser so genannte "Gott" jeden seiner Handgriffe und Taten genauestens überwachte und sah, einfach nervös, sodass er bis in die kleinste Ecke seines Körpers aggressiv wurde. Denn dieser Gedanke hätte mich ebenfalls wahnsinnig gemacht und zu einem aggressiven Menschen werden lassen.
Allerdings weiß man vom Hören und Sagen, dass zum Beispiel die Christen in den Himmel kommen, sobald sie als Säuglinge oder Kleinkinder getauft sind. Und dabei ist es dann vollkommen egal, wie sie sich zu Lebzeiten auf Erden benahmen. Der Taufschein war sozusagen der "Freifahrtschein" direkt ins göttliche Paradies. Somit hätte es meinem farbigen Assistenten höchstwahrscheinlich gar nicht viel ausgemacht, wenn er vom Pflegedienst aus gekündigt worden wäre. Denn da er vermutlich getauft war, hatte er die absolute Gewissheit, nach seinem Lebensende zu Jesus zu kommen. Egal, wie er sich zu Lebzeiten benommen hat. Dennoch ängstigen sich viele Menschen vor der Strafe Gottes und taten aus lauter Furcht eine dumme oder grausame Tat nach der Anderen. Dabei realisierten diese Menschen scheinbar keinesfalls, dass ihr Gott durch die Geburt seines Sohnes selber menschlich geworden und somit nicht mehr allmächtig, durch und durch gut und vollkommen rein beziehungsweise fehlerlos war. Mit seinem Menschwerden hatte Gott den Menschen gezeigt, dass sie keineswegs perfekt sein müssen und durchaus Fehler machen dürfen, ohne nach ihrem Ableben gleich in die Hölle zu kommen. Aber scheinbar fürchteten sich die Menschen vor "ihrem Vater" und seinen womöglichen Strafen trotz alledem so sehr, dass sie geradezu wie Espenlaub vor ihm zitterten.
"Nun, das sind halt wir Menschen. Wir sind eben ein bisschen naiv.“, dachte mein Mann laut, während ich beim Erzählen eine kleine Pause machte, um einen Schluck Tee zu trinken. "Aber überhaupt ist man mit dir bei diesem christlichen Pflegedienst äußerst merkwürdig umgegangen. Denn du hast mir mal erzählt, wie du erbittert darum kämpfen musstest, in deinem eigenen Leben und in deiner eigenen Wohnung für ernst genommen zu werden und das zu tun, was du wolltest. Und das, obwohl der Pflegedienst doch ganz genau erkennen konnte, dass du in deinem Leben alles ziemlich gut im Griff hatest. Dir traute man noch nicht einmal zu, recht genau zu wissen, wann du ausreichend Nahrung und Flüssigkeit zu dir genommen hattest. Und dabei hattest du längst das dreißigste Lebensjahr erreicht und warst demnach der Jugendlichkeit schon etliche Jahre entwachsen. Aus diesem Grunde fühltest du dich immer wie ein kleines, dummes Mädchen, das keinesfalls in der Lage war, sich weitgehend selbständig durchs Leben zu bringen.Und deine eine persönliche Assistentin wollte sogar deine gesetzliche Betreuerin werden. Dabei konntest du jedoch gut erkennen, dass sie mit ihrem eigenen Leben mächtig überfordert war.
Allerdings muss wohl jeder Mensch, der im Rollstuhl sitzt und nicht deutlich genug sprechen kann, ganz, ganz hart darum kämpfen, von seinen nicht behinderten Mitmenschen hundertprozentig für ernst genommen zu werden.
Und dann war da noch deine eine Assistentin, bei der du immer so ein bisschen das Gefühl hattest, sie würde dir nichts gönnen, nicht wahr?", erkundigte sich Jonas mit sehr ernster Miene bei mir.
Meine Hände über den Bauch überkreuzt und gedankenverloren schaute ich durchs Fenster in unseren Garten und nickte.
"Ja, ich glaube, diese gute Frau gönnte mir nicht wirklich etwas Gutes in meinem Leben. Nun ja, wenn man an die Bibel glaubt, ist man der Ansicht, der gehandicapte Mensch müsse bis in die kleinste Faser seines Körpers tiefste Dankbarkeit empfinden und zeigen, überhaupt leben zu dürfen. Demnach ist es von einem Menschen, der eine Behinderung hat, also höchst empörend und unverschämt, wenn er an das Leben und seine Mitmenschen irgendwelche Ansprüche stellt und ein ganz normales Leben führen möchte.
Und dabei hat diese Assistentin so freundlich und unschuldig ausgesehen. Nun gut, die Klügste von der Welt war sie nicht gerade. Eher gesagt war sie ziemlich einfältig. Aber trotz alledem hatte sie etwas ganz Süßes, Liebes und Zerbrechliches an sich. Denn sie war von ihrer Körpergröße her auch recht klein und zierlich. Sie war bestimmt nicht größer als einen Meter fünfundfünfzig. Also ungefähr sieben Zentimeter kleiner als ich. Ja, alles an ihr war klein und zierlich. Ihr Gesicht, ihre Hände und so weiter. Und dann ihre piepsige Stimme, über die sich die meisten Leute immer köstlich amüsiert haben. Dabei empfand ich persönlich ihre Stimme gar nicht als so sehr piepsig. Sie hatte aber ein äußerst deutlich sprechendes Gesicht und ebenso deutlich sprechende Augen. Und aus ihrem Gesicht und ihren Augen konnte ich klar und deutlich erkennen, wenn sie etwas Gesagtes ehrlich meinte oder nicht. Auf der anderen Seite jedoch hat sie mich ständig bemitleidet, dass ich so stark körperbehindert bin und im Rollstuhl sitze. Wie auch meine ganzen anderen Assistenten. Das hat alles nicht ganz zusammengepasst.
"Nun, vielleicht musste deine Assistentin als gute, strenggläubige Christen das tun. Dich wegen deiner starken Körperbehinderung bemitleiden und dich "wohlbehüten", meine ich. Damit sie vor ihrem Gott als ein guter Mensch dasteht und eine weitere Chance hat, ins Paradies zu kommen. Zudem halten manche Menschen es für durchaus möglich, dass Behinderungen sowie einige Krankheiten vom Teufel kommen. Also teuflisch sind! Und dieses wird nicht nur in Afrika oder sonst wo geglaubt.", warf Jonas nun überlegend und zugleich ein wenig sarkastisch in meine Erzählung ein. „Oder aber sie mochte dich aus dem Grunde nicht so gerne, weil du nun einmal ein ziemlich schwieriges Leben hast. Also dein Leben erschien zumindest ihr so schwierig und anstrengend. Nun, und aus den christlichen Geschichten weiß man, dass Gott nur diejenigen während ihres Lebens so hart bestraft, die er am liebsten hat. Somit musste deine strenggläubige, persönliche Assistentin also davon ausgehen, dass Gott dich um einiges lieber hat als sie und du später im Paradies einen sehr viel besseren Platz bekommst.
"Ja, das kann gut möglich sein, dass es der reine Neid war, der an ihr nagte!“, schmunzelte ich sarkastisch und ließ meinen Kopf zurück an Jonas weiche Bettdecke sinken. „Denn auch meine anderen gläubigen Assistenten konnten oder wollten es mir allesamt nicht glauben, dass ich mit meinem Leben als stark körperbehinderte Frau durchaus glücklich und zufrieden war und bin. Dabei bin ich, wie meine Freundin Luisa es damals während unserer Schulzeit hundertprozentig richtig und genau formuliert hat, mit meinem Rollstuhl so sehr verwachsen, dass er wie ein lebendes Bein oder ein lebendiger Arm von mir ist. Und es würde wirklich alles in mir zusammenbrechen, wenn ich urplötzlich nicht mehr die stark körperbehinderte Frau im Rollstuhl wäre, die ich mein ganzes Leben lang war. Ich wüsste nicht, wie ich mich in meinem nicht behinderten Leben zurechtfinden sollte. Dieses hast du vorhin ja auch schon ganz richtig gesagt. Klar, meine strenggläubigen Assistenten waren allesamt neidisch auf mich!!! Dabei bin ich gar nicht getauft und bekomme aus diesem Grunde keinen Platz im himmlischen Paradies.“, kicherte ich. „In dieser Situation ist mir auch zum allerersten Mal ganz bewusst aufgefallen, dass uns die Probleme und Schwierigkeiten, die wir Menschen mit geistiger- und körperlicher Behinderung angeblich mit uns und unserer Umgebung haben, ausschließlich von unseren nicht behinderten Mitmenschen eingeredet werden. Wenn man uns wegen unserer Behinderung nicht ständig bemitleiden und wie ein rohes Ei behandeln würde, würde es unter den Menschen selber keine so deutlichen und großen Unterschiede geben, und wir könnten näher zusammenrücken. Klar, manche Menschen mit einem Handicap bemitleidete auch ich. Aber an manchen Dingen kann man nun einmal nichts ändern. Selbst mit dem größten Mitleid nicht!
Und immer, wenn mein farbiger, junger Assistent mich so sehr quälte, dass ich nur weinen konnte, musste ich an dich denken. Denn du mit deiner entspannten, ruhigen und bescheidenen Art tatest jedem Menschen nur gut. Ganz egal, ob er männlich oder weiblich war. Du bist in der Tat das reinste Balsam für geschundene Seelen! Komischerweise sehnte ich mich in diesen Augenblicken, in denen mein farbiger Assistent mich so schlimm behandelte, nicht so sehr nach Finn, obwohl er mir wesentlich näher stand als du. Aber in all den Jahren, in denen Finn und ich ein Paar waren, fühlte ich mich nie richtig beschützt von ihm. Und dabei war er vom Körperlichen her groß und kräftig gebaut. Auch schaffte er es, dass mein junger Assistent später mein Assistenzteam tatsächlich verlassen musste.“
Vollkommen müde geworden von der Erinnerung an meinen jungen, aus Afrika stammenden Ex-Assistenten und meinen ehemaligen Pflegedienst ließ ich mich von Jonas noch einmal zur Toilette begleiten.
Nun, und obwohl diese Zeit recht grausam für mich war, die ich bei diesem christlichen Pflegedienst als Kundin verbrachte, so war ich dennoch überaus glücklich und zufrieden, sie durchlebt zu haben. Denn jedes Geschehen im Leben hat nun mal seinen festen Grund! Man kann und darf nicht nur die „sonnigen Zeiten“ genießen, sondern man muss auch die Schattenseiten“ des Lebens durchleben. Aber das ist eine etwas andere Geschichte...
Nein, die Christen konnte und kann ich wirklich keineswegs ernst nehmen. Auch erschreckten mich die ganzen Opferrituale der Christen aufs Äußerste. So zum Beispiel war ein Vater in der biblischen Geschichte bereit gewesen, seinen eigenen Sohn für seinen Gott zu töten. Aus diesem Grunde fragte ich mich also immer wieder, was dies für Menschen waren. Und mich schockierte es zutiefst, dass sie tatsächlich meinten, durch und durch gute und reine Menschen zu sein.
IX
Zum Glück hatte ich mich hier in den Niederlanden dazu entschlossen, keine Kundin eines Pflegedienstes zu werden, sondern das Geld von der Krankenkasse direkt auf mein Konto überweisen zu lassen, um mir meine eigenen Pflegekräfte suchen zu können. Und dies gefiel mir außerordentlich gut!
Ein wenig frischer und munterer erzählte ich meine Lebensgeschichte nach der kleinen Unterbrechung entspannt weiter.
›Empfindest du dein Leben eigentlich als Strafe?‹, erkundigte sich Oma an diesem Abend, an dem wir uns über die verschiedensten Religionen unterhielten, plötzlich bei mir und riss mich aus meinen Überlegungen heraus, ob der strenge, intensive Glaube an einen Gott die Menschen oberflächlich machte.
›Nein, keinesfalls!‹, antwortete ich prompt. ›Ich liebe mein Leben bis ins kleinste Detail. Ich bin jeden Tag wieder aufs Neue dankbar, dass ich lebe und auf dieser Erde sein darf. Nur manchmal macht es mich schon traurig, von meinen Schwestern sowenig geliebt zu werden. Von ihnen bekomme ich nämlich immer noch deutlich den Neid zu spüren, als kleines Kind alles bekommen zu haben. Dabei waren unsere Eltern damals nur etwas überfordert und wollten mir, als stark körperbehinderten Menschen, alles erdenklich Gute zukommen lassen. Jedoch lastet die Eifersucht meiner vier Schwestern bis zum heutigen Tage unsagbar schwer auf meiner Seele und stimmt mich in einigen Augenblicken unnsabar traurig. Denn ich wollte ihnen wirklich nie irgendetwas wegnehmen! Und trotz der Gewissheit, dass sie nicht meine leibliche Familie sind, werde ich unter der Eifersucht meiner Schwestern wohl immer leiden. Als ich vor längerer Zeit vom Buddhismus erfuhr, fragte ich mich, ob ich vielleicht in meinem vorherigen Leben meiner Familie ebenso wenig Zuneigung entgegengebracht habe, sodass ich in meinem jetzigen Leben dieses unschöne Gefühl am eigenen Leibe spüren muss. Wahrscheinlich ist auch aus diesem Grunde gerade Wolframs Familie für mich ausgesucht worden. Wenn ich allerdings sehe, was für schreckliche Schicksale andere Menschen haben, schäme ich mich über meine eigene Unzufriedenheit und Trauer und muss mich dazu anhalten, mit meinem doch glimpflichen Schicksal zufrieden zu sein. Nun, ich sollte wirklich über jedes, einzelne Glas Wasser dankbar sein, das ich trinken darf. Nein, ich habe wahrlich ein wunderschönes Leben!“
Als ich äußerte, das Gefühl zu haben, von Wolframs Familie nicht richtig geliebt zu werden, blickte Emma mich zwar etwas seltsam von der Seite an, aber sagen tat sie nichts.
„Nun, wenn ich in den Nachrichten denn außerdem höre, wie sich manche Menschen wegen ihrer Religion, ihrer Hautfarbe oder ihrer Unterschiedlichkeit die Köpfe einschlagen und sich gegenseitig umbringen, kommen mir Zweifel, ob die Menschen überhaupt etwas empfinden oder gar mitfühlen können.‹, plauderte ich weiter.
„Tja, überall gibt es Auseinandersetzungen und Kriege, wo Lebewesen eng beieinander wohnen, die sich bewusst sind, entweder in der Mehrzahl oder klüger zu sein als die Anderen. Wir Hexen und Zauberern tyrannisieren und terrorisieren uns ganz genauso wie die Menschen hier auf dem Planeten Erde. Und dabei können wir doch auch denken.‹, flüsterte Emma betrübt und schaute mich niedergeschlagen an.
›Ja, ja, ich weiß, unser ganzes Verhalten stammt noch aus der Urzeit. Egal, auf welchem bewohnten Planeten man auch ist. Denn alles hat seinen Anfang und seine Vorgeschichte‹, seufzte ich ebenfalls etwas betrübt.
"Das ist wohl wahr‹, stimmte Emma mir mit Nachdruck zu und legte ihren Arm um meine Schulter. ›Sag' mal, in welches Land dieser Erde würdest du am liebsten reisen, um dort etwas zu verändern?‹, wechselte Großmutter plötzlich abrupt das Thema und ließ keine Frage zu meinem soeben angeschnittenen Thema mehr zu.
›Oh, da gibt es viele Länder und Kontinente, auf denen man dringend etwas tun müsste.‹, gab ich bereitwillig zur Antwort und rückte auf meiner Matratze wieder weiter zurück. ›So wie im Sudan in Afrika zum Beispiel. Denn dort werden immer noch Menschen, die einem Naturstamm angehören, einen helleren oder dunkleren Farbton als die übliche Bevölkerung haben und ihr Leben anders leben, von den Arabern überfallen und als Sklaven gehalten und verkauft. Die Araber möchten das Land allein besitzen. Erst kürzlich habe ich die Autobiografie von Mende Nazer gelesen und war schockiert. Diese junge Frau, die dem Stamm der Nuba angehört, ist mit zwölf Jahren von den Milizen des Landes entführt und einem Sklavenhändler ausgehändigt worden, der in London lebte.Wirklich, Oma, das musst du dir mal vorstellen. In England wird Sklaverei betrieben‹
› Ja, ich weiß. Und du meinst, daran sollte man als Allererstes etwas ändern?‹
›Na, es gibt so Vieles, das man auf diesem Planeten dringend ändern müsste. Aber als Allererstes sollte man versuchen, die Angst und das Umformen aus den Menschen herauszubekommen. Denn ich glaube, das ist es, was hier das Negative hineinbringt. Und wer sich vor irgendetwas fürchtet, ist in seinem Tun und in seinem Denken stark eingeschränkt. Man ist nicht mehr man selbst. Vielleicht kommen daher die große Verzweiflung sowie die große Wut und der große Hass. Die Menschen zerbrechen unter dem großen Druck und unter der großen Angst und werden im wahrsten Sinne des Wortes zu Ungeheuern. Die Gewalttaten und Kriege sind doch nichts Weiter als ein einziger Verzweiflungsakt der völlig Verängstigten, die dem Ganzen entrinnen möchten. Bei den unnützen, grausigen und traurigen Religionskriegen kann man es ja deutlich sehen.‹, versuchte ich Emma zu erklären. „Vielleicht sollten sich alle Menschen endlich eingestehen, dass sie unter dem blauen Himmel alle gleich sind und dasselbe Wissen von Gott, den Religionen, das Leben und den Tod haben. Vor allen Dingen sollte den strenggläubigen Menschen bewusst gemacht werden, dass man für seinen Gott auf keinen Fall töten soll oder muss. Weder einen Menschen noch ein Tier! Denn dann würde es unter den Lebewesen nicht so viel Elend, Wut, Neid, Missgunst, Missverständnisse und Kränkungen geben. Könnten die Bewohner der einzelnen belebten Planeten nicht sehr viel besser miteinander zurechtkommen, wenn alle sich eingestehen, eine gewisse Furcht vor dem Ungewissen zu verspüren? Denn niemand weiß genau, wo alles einmal endet und ob es irgendwann wieder einen Anfang gibt. Und vielleicht kehrt dann auch die unverdorbene, naive Fröhlichkeit zurück.‹
Aber als ich Großmutters hilflosen Gesichtsausdruck sah, sagte ich schnell: ›Doch zumBeispiel sollte man den Leuten vermitteln, dass Diktatoren absolut nicht gut für ihr freies und ungezwunges Leben sind. Ich meine, soviel weiß ich über die Diktatoren und ihr Tun nicht. Trotzdem weiß ich, dass sie alle in einen Wahn gerieten und geraten. Wie zum Beispiel Adolf Hitler oder Mao Zidong und ihre Anhänger. Solche Menschen müsste man auf die bessere Seite bringen. Und es erschreckt mich, wie viel Aggression in diesen Menschen steckt, welche sie auf Kosten Anderer freien Lauf lassen. Und beinahe immer sind es die grenzenlose Trauer und die grenzenlose Unzufriedenheit der Einzelnen, die zum Krieg führen. Dennoch steckt in uns allen leider eine gewisse „natürliche“ Freude am Kriegführen und am Töten, die wir von unseren tierischen Vorfahren erbten. Aber überwiegend möchten wir dadurch nur unseren eigenen Frust und unsere eigene Trauer verringern. Wir Menschen sind im Grunde genommen einfach nur vollkommen einsam und wollen die Aufmerksamkeit des Anderen!“
›Das stimmt.“, gähnte Emma.
›Aber am liebsten würde ich tatsächlich als Erstes nach Afrika fliegen wollen‹, antwortete ich auf Emmas schon fast vergessene Frage nun endlich. „Zum Beispiel in den Sudan. Dort, wo Mende Nazar herkommt. Ich weiß auch nicht, warum, aber Afrika fasziniert mich‹, erklärte ich ein wenig nachdenklich.
(Nun, aber nachdem ich mich zwei Jahre lang von meinem Assistenten aus Ghana pflegen lassen musste, war mein Interesse an Afrika um ein Vielfaches gedämpft.)
›Na, wenn du so unbedingt nach Afrika möchtest, versuche ich dieses zu organisieren. Denn es ist nämlich sowieso vorgesehen, dass du auf einige Kontinente dieser Welt reist, um dort zu gucken, wie man helfend eingreifen kann. Aber als Erstes gehen wir etwas schlafen, okay? Denn wir haben uns so verquatscht, dass es schon bald Tag wird. Ich muss in mein Grab zurück.‹
›W-was soll ich tun???", erkundigte ich mich fassungslos und mit vor Aufregung hochrotem Gesicht bei Emma. "Oh, nein, nein, das kann ich ganz gewiss nicht. Ich bin bestimmt nicht dazu in der Lage, große Verbesserungsvorschläge für die einzelne Kontinente zu machen!", protestierte ich lauthals weiter.
"Nun beruhige dich erst mal und schlafe ein paar Nächte darüber, ja?", sprach Emma beruhigend auf mich ein und nahm mich für Sekunden fast liebevoll in den Arm. „Jetzt helfe ich dir richtig in dein Bett, in Ordnung?"
Bereitwillig und in grauen Gedanken versunken, ließ ich mich von meiner Großmutter bequem hinlegen. Doch plötzlich hielt ich in meinen Bewegungen abrupt inne und fragte höchst unerwartet und verwundert: ›Wieso siehst du eigentlich noch so komplett und menschlich aus? Denn du bist vor gut zehn Jahren doch verbrannt worden. Und wohin fliegst du tatsächlich, wenn du dich von mir verabschiedest, he? Du willst mir doch nicht allen Ernstes erzählen, dass du wieder zu Staub wirst, sobald du den Friedhof erreichst und vor deinem Grab stehst. Wohin gehen wir Hexen und Zauberer, wenn uns das Zeitliche segnet? Und von was ernährt ihr euch eigentlich?“
›Ach, Zerlina, frag' mir am frühen Morgen doch keine Löcher in den Bauch! Du wirst alles erfahren, wenn du hier auf Erden alles zufriedenstellend erledigt hast‹, antwortete Emma kurz. "Denn es würde für dich viel zu viel werden, wenn du jetzt schon alles von uns Hexen und Zauberern erfährst." Mit diesen Worten deckte Emma mich warm zu und verabschiedete sich.
Tage und Nächte lang konnte ich mit heftigen Bauchkribbeln nur daran denken, auf die verschiedene Kontinente reisen zu müssen, um dort zu gucken, was möglich war, um die Menschen einander näher rücken zu lassen. Immer wenn Oma des Abends kam, versuchte sie mich zu beruhigen und mir die Furcht vor dem Versagen zu nehmen. Aber auch, wenn ich ihr von meinen ganzen Ängsten erzählte, so blieb sie konsequent und ließ sich keineswegs überreden. Ich musste meine allererste Reise antreten. Und zwar auf den afrikanischen Kontinent und in den Sudan. Und die Mutter meines Vaters persönlich begleitete mich.
Schneller, als ich es je für möglich gehalten hatte, flog ich gemeinsam mit meiner Großmutter Emma in den Sudan. Nun, ich musste immer wieder bemerken, dass, wenn Oma sich etwas vorgenommen hatte, sie es dann auch so bald wie möglich in die Tat umsetzte. Mit wild vor Aufregung klopfendem Herzen hörte ich ihr zu, als sie mir von ihren Vorbereitungen erzählte.
›Nun, ich dachte mir, dass du bestimmt nicht lange auf diese Reise warten möchtest. Von daher werden wir in den nächsten vier Tagen aufbrechen‹, erklärte Emma mir an einem Abend, schon bald, nachdem ich ihr von meinem Wunsch erzählt hatte, einmal in den Sudan zu reisen, und sie mir offenbarte, zu den einzelnen Kontinenten reisen zu müssen. Ängstlich nickte ich.
"Und wie bekommen wir meinen Rollstuhl mit?", fragte ich verwirrt. "Denn den können wir ja schlecht hinten auf meinen Besen schnallen.“
"Ach, Du kleines Dümmerchen", neckte Oma mich lächelnd, "Wir zaubern dir im Sudan einfach einen Rollstuhl sowie wir uns auch unsere Anziehsachen herbeizaubern. Ich meine, der Rollstuhl, den du auf unserer Reise haben wirst, ist nicht so komfortabel wie deiner hier. Denn dazu müsste ich mir jedes einzelnen Teil genau einprägen. Und dafür habe ic keine Zeit mehr. Denn, wenn man nicht mehr richtig lebendig ist, braucht man doch eine ganze Zeit, um etwas auswendig zu lernen. Na ja, und Wolfram habe ich von unserer Reise noch nicht so direkt etwas gesagt. Denn er macht sich sonst so viele Sorgen um dich. Einige Stunden vor unserem Abflug werde ich ihm aber dann von unserer Reise in den Sudan erzählen,, damit er sich nicht fragt, wo ich solange abgeblieben bin und sich womöglich noch auf die Suche nach mir macht.", plauderte Emma munter.
Und so machten Emma und ich uns Mitte Mai des Jahres zweitausendunddrei auf den Weg in den Sudan.
Vor meinem Besenflug nach Afrika war ich unendlich nervös. Denn ich konnte mir rein gar nicht vorstellen, was mich während dieses Fluges erwartete.
Hinzu kam, dass ich meinen persönlichen Assistenten, erklären musste, aus welchem Grunde ich für circa einen Monat nicht zu Hause sein würde. Tagelang grübelte ich darüber nach, welche Geschichte ich erzählen konnte. Denn wenn ich ihnen erzählt hätte, dass ich für vier Wochen zu meiner Mutter oder meinen Schwestern fahre, hätten sie es früher oder später herausbekommen, dass es nicht stimmte. Ich besuchte meine Familie nur relativ selten und blieb dort nicht länger als einen Nachmittag. Doch wie durch ein Wunder lernte ich bei einem Englischkurs eine kleine Hexe kennen. Mit dieser kleinen und sympathischen Hexe, deren Haare ihr ständig struppig vom Kopf abstanden, freundete ich mich schnell an. Lustigerweise hatte auch sie die Lebensaufgabe, auf diesen Planeten etwas mehr menschliche Wärme zu bringen. Als ich ihr von meiner Reise in den Sudan und meiner Not erzählte, eine glaubhafte Geschichte für mein ziemlich langes Fernbleiben von zu Hause erfinden zu müssen, lud sie mich kurzerhand und offiziell einen Monat lang zu sich ein. Erleichtert, doch noch eine relativ glaubwürdige Geschichte erzählen zu können, konnte ich nun beruhigt mit Emma aufbrechen. Zum Glück hatte diese kleine Hexe mit Namen Ellie nur ein verkürztes Bein, sodass sie mich ohne größere Schwierigkeiten hätte versorgen können. Und auch, wenn Ellie nicht mich versorgte, so versorgte sie einen Monat lang doch gewissenhaft meine drei Tiere in meiner Wohnung, die sie angeblich ebenfalls mit zu sich einlud.
Zwar war es ein wunderschöner Kontinent mit wunderwunderschönen Ländern. Aber da meine Großmutter mich nur in die ärmeren Teile des Sudans führte, waren es doch keine so schöne vier Wochen für mich. Denn ich sah viele arme und extrem stark hungernde Menschen. Immer wieder schämte ich mich dafür, dass ich an einigen Tagen mit irgendeiner Situation unzufrieden war, mit der ich eigentlich hätte vollkommen zufrieden sein können.
Aus diesem Land kam also Mende, die Buchautorin. Neugierig schaute ich mich um. Überall erblickte ich lachende, freundliche Gesichter. An fast jeder Hütte wurden jedem Fremden etwas zu trinken oder zu essen angeboten. Großmutter erklärte mir, dass ein Fremder hier immer herzlich willkommen sei und reichlich bewirtet wurde. Dabei dachten die Menschen nicht daran, dass am Ende des Tages schon wieder der Hunger vor der Tür stehen könnte. Alles Essbare wurde geteilt. Ganz egal, was danach geschehen mochte. Auch wohnten wir in einem Haus einer sudanesischen Familie, die natürlich ebenfalls vom Planeten der Hexen und Zauberer kamen. Emma hatte vor unserer Reise Kontakt zu diesen Leuten aufgenommen. Dieses Haus der gastfreundlichen Familie war teils aus Lehm, teils aus Holz gebaut. Es war zum Glück komplett ebenerdig, stand aber an einem recht steilen Hang. Am Fuße dieses Hanges floss ein Fluss mit wenig Wasser. Weiter oben und hinter dem Haus erhob sich ein recht dichter Wald, der während der heißesten Tageszeit wenigstens etwas kühlen Schatten spendete. Die Einrichtung des Hauses war spärlich, aber gemütlich. Alle Möbelstücke waren aus Holz selbst gezimmert. Da die Zimmer recht klein waren, war es schwierig, mit meinem gezauberten Rollstuhl zurechtzukommen. Aber es war ein Glück, dass in den einzelnen Zimmern nur wenige Möbel standen.
"Ja, die Enkelin unserer Nachbarn sitzt ebenfalls im Rollstuhl", erklärte uns unser Gastgeber und Herr des Hauses in sehr gebrochenem Deutsch, "dadurch ist ihr Haus etwas geräumiger als Unseres. Aber weil dort eben schon jemand im Rollstuhl wohnt, wäre es recht eng geworden. Aus diesem Grunde haben wir denn beschlossen, dass ihr für diesen Monat bei uns wohnt. Auch sind unsere Nachbarn Bewohner des blauen Planeten.“, zwinkerte uns unser Gastgeber lächelnd zu. Dankbar erklärten Großmutter und ich unserer Gastfamilie, dass alles in bester Ordnung sei.
Nur in den Nächten wusste ich nach einigen Stunden nicht mehr, wie ich mich hinlegen sollte. Denn im schon sehr durchgelegenen Gästebett tat mir mein Rücken so weh, dass mir manchmal Tränen in die Augen traten. Aber ich mochte diese Familie nicht vor den Kopf stoßen und in ein Hotel gehen. Und da Emma mir einen nicht sehr bequemen Rollstuhl herbeigezaubert hatte, wurden meine Rückenschmerzen von Tag zu Tag schlimmer. Zum Glück tat Emma sich trotz ihrer eigentlich nicht mehr Lebendigkeit mit meiner körperlichen Pflege nicht allzu schwer, sodass ich dabei kaum weitere Schmerzen fühlte. Und im Gegensatz zu mir, schlief Emma in ihrem ebenso durchgelegenen Gästebett wie ein Murmeltier. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie als nicht mehr lebendiger Mensch keine direkten, körperlichen Schmerzen empfinden konnte. Leider bekam ich es nie mit, ob sie des Nachts zu Staub zerfiel. Aber jedes Mal, wenn ich zu ihrem Bett hinüberlukte, sah es so aus, als ob sie wie ein normaler und kompletter Mensch daliegen würde.
Und auch jetzt konnte ich keinen Verwesungsgeruch bei meiner Oma wahrnehmen.
Immer wieder zeigten Kinder neugierig auf meinen Rollstuhl. Denn ihre Mitmenschen, die so schwer behindert waren, dass sie nicht laufen konnten, wurden zumeist getragen, hockten auf selbst gezimmerten Rollbrettern oder aber sie saßen in uralten Rollstühlen, die sie aus reicheren Ländern als Spende erhalten hatten.
Endlose Ebenen bestimmten das Landschaftsbild in den meisten Teilen des Sudans. Fast nirgendwo gab es eine befestigte Straße. Lastwagen mit ein paar Bänken darin waren die am meisten verbreiteten Transportmittel.
Die mangelnde Infrastruktur war eines der Hauptprobleme in diesem nordostafrikanischen Land; Dürre und Verwüstungen ein Anderes. Der Norden und der Süden Afrikas grenzen im Sudan aneinander. Somit herrschte in diesem Land ein sehr buntes Treiben aus sechs ethnischen Gruppen.
Der Stamm der Nuba lebt in den Nubabergen im Zentrum des Sudans. In einer Region an der Südgrenze der Wüste und dem nördlichen Rand des Gebiets, dessen Böden ihre Fruchtbarkeit den regelmäßigen Überschwemmungen des Nils verdankten.
Anfangs war es für Emma etwas schwierig, mich tagtäglich in meinem klapprigen Rollstuhl die sehr hohen Hügel hinauf zu schieben. Doch dann kam uns der glorreiche Einfall, mich einfach auf meinen Besen zu setzen und die Berge hinauf und hinunter fliegen zu lassen. Von da ab an war es leichter, mit den Bergen fertig zu werden, zumal es dort nur Sandwege gab. Natürlich durfte ich nur im Schutz der Dunkelheit meinen Spezialbesen besteigen. Es durfte ja niemand bemerken, wer ich war. Denn auch, wenn es auf diesem Kontinent zahlreiche Hexen und Zauberer gab, durften wir uns den Menschen auch hier nicht zu erkennen geben. Jedenfalls nicht offiziell und fliegend auf einem Besen! Zwar hatten wir häufigen Kontakt mit den Menschen, aber weil wir uns vom Äußeren her nicht von ihnen unterscheiden, fiel es niemandem auf, dass wir Außerirdische waren.
Weiter erfuhr ich aus Erzählungen der Bewohner, dass der Sudan unter anderem Baumwolllieferant der Textilindustrie Großbritanniens war und sich somit finanziell größtenteils selbst versorgen konnte.
Nein, so viel Armut hatte ich in meinem bisherigen Leben noch nicht gesehen. Es war zum laut Weinen, wenn man daran dachte, wie reich einige Menschen dieser Welt waren und sie sich kaufen konnten, was ihr Herz immer begehrte. Erst vor einigen Wochen hatte ich in einer Zeitschrift gelesen, welchen absoluten Humbug sich Prominente neben ihrer dicken Villa, ihrem Swimmingpool im riesig großen Garten, ihren Pferden, ihren Luxusyachten und Weiteres kauften. Sie wussten einfach nicht, wohin mit dem Geld. Ich fragte mich, ob diese Leute mal etwas für die Ärmeren dieser Gesellschaft spendeten. Ja, einige prominente Leute gaben regelmäßig etwas oder arrangierten sich anderweitig, das war mir durchaus bekannt. Aber vermutlich taten dies nur Wenige.
Auch musste ich an die vielen Mädchen und Frauen in Afrika denken, die beschnitten wurden und ihr ganzes Leben stark darunter litten. Auch erschreckte mich die Tatsache, dass es für die Menschen der ärmeren Länder Afrikas noch nicht einmal die Möglichkeit zu lernen gab. Eltern brachten ihren Kindern das Nötigste selber bei. Das Geld fehlte in den ärmeren Teilen der Länder dieses Kontinents an allen Ecken und Enden. Und dies alles nur, weil es Menschen auf diesem Planeten gab, denen es zu gut ging und sie nicht mehr wussten, welche Dummheit sie als Nächstes anstellen sollten und mit der Natur vollkommen unachtsam umgingen.
Trotz des schwachsinnigen Glaubens, behinderte Menschen und deren Familien seien von einer Art Fluch heimgesucht, lebten die meisten von ihnen in der Mitte ihrer Lieben. Dieses fand ich persönlich unheimlich schön. Jedoch wurden diejenigen, die nicht bei ihren Familien leben konnten, in Heime untergebracht und verkümmerten dort regelrecht. Es trieb mir die Tränen in die Augen, wenn ich sah, wie die behinderten Menschen in den Heimen Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr in ihren Betten verbringen mussten, weil es keine Fortbewegungsmittel für sie gab. Ich schämte mich zutiefst, wenn ich während dieser Tage darüber nachdachte, wie ich immer unzufrieden war, wenn in der betreuten Wohngruppe irgendwas nicht gleich geklappt hatte und ich auf etwas warten musste. Vor allem bekam ich regelmäßig Krankengymnastik und Massage, die man den behinderten Menschen aus ärmeren Familien dieses Kontinents nicht anbieten konnte. Denn für Therapien war ebenfalls kein Geld vorhanden. In den größeren Städten des Landes ging es den Menschen zwar etwas besser, aber die Armut war dort noch deutlich zu spüren. Beschämt und mit hängendem Kopf flog ich nachts durch die Lüfte und dachte ständig an diese armen, behinderten und kranken Menschen, die verwahrlost in ihren Betten lagen und niemals an die frische Luft und in den warmen Sonnenschein kamen. Leider konnte ich nicht sehr viel mehr tun, als meine lauwarme Milch mit der Knoblauchknolle und dem schwarzen Pfeffer zu trinken und mir gedanklich auszumalen, wie angenehm es wäre, wenn jetzt kühler, nasser Regen auf meine verschwitzte Haut niederprasseln würde. Ich stellte mir den Duft vom Regen gena vor und ließ es regnen.
Auch zauberte ich einige Rollstühle herbei. Nur die Menge, die ich herbeizauberte, reichte natürlich nicht einmal für ein Viertel der Menschen im Sudan aus, die auf einen Rollstuhl angewiesen waren. Es war mir gar nicht möglich, auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen einzugehen. Und das betrübte mich sehr. Hinzu kam, dass ich beim Herzaubern der Rollstühle noch nicht ganz so geschickt war. Denn bei einigen fehlte ein Rad, sodass sie ständig umfielen. Oder es fehlte eine Sitzfläche, sodass derjenige, der darin saß, auf den harten, kalten Stangen sitzen musste.
›Tja, das genaue Vorstellen von Rollstühlen scheint nicht gerade deine Stärke zu sein‹, neckte meine Großmutter mich. ›Und dabei hast du tagtäglich einen unter deinem Hintern.‹
Verlegen blickte ich zu Boden. Eiligst bemühte ich mich, diese Missgeschicke wieder gutzumachen. Ich versuchte Rollstühle herbeizuschaffen, bei denen alles Wichtige vorhanden war. Die Sudanesen jedoch empfanden die Rollstühle als etwas ganz Besonderes. Die Meisten von ihnen saßen zum allerersten Mal in ihrem Leben in einem solchen komfortablen Stuhl mit Rädern, mit dem sie sich selbstständig fortbewegen konnten. Ja, sie veranstalteten manchmal sogar richtige Wettfahrten.
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Und im Sudan geschah es dann, dass ich jemandem mit sechseckigen Augen bewusst begegnete. Gerade als ich mit Emma einen Abendspaziergang unternahm. Vollkommen unerwartet tauchte die riesige Kreatur aus dem Nichts auf. Und nun sah ich diese Gestalt aus meinen Kindheitsträumen zum ersten Mal ganz bewusst. Denn damals, als ich in meinem Schlafzimmer in München von einem Riesen überfallen wurde, erlebte ich das ganze Geschehen mehr oder weniger nur wie durch einen Schleier. Und noch jetzt erschien mir der Überfall in meinem Schlafzimmer wie ein Alptraum, zumal in dieser Nacht auch dieser ältere Herr erschienen war und mich bis aufs Blut verteidigt und beschützt hatte. Doch diese Begegnung mit diesem riesigen Geschöpf hier im Sudan war definitiv kein Traum. Plötzlich stand es mitten auf dem Weg. Großmutter und ich waren gerade im Gespräch vertieft.
Vor lauter Schreck konnte ich mich in den ersten Momenten nicht bewegen. Denn hier hatte ich am wenigsten damit gerechnet, einem Bewohner des gelben Planeten zu begegnen. Und jetzt erst kam mir der Gedanke, dass wir, Großmutter und ich, von großem Glück sagen konnten, nicht schon während unseres Fluges in den Sudan angegriffen worden zu sein. Denn auf unserem Besen waren wir leicht anzugreifen und zu vernichten gewesen. Jedenfalls ich, weil ich auf meinem Besen noch nicht so sicher war.
Ängstlich und irritiert blickte ich zu Großmutter hoch. Hastig fragte ich mich, wie ich sie vor diesem Riesen schützen konnte. Denn in in diesem Augenblick war ich mir keinesfalls bewusst, dass Emma ja gar nicht mehr verletzt geschweige denn getötet werden konnte. Zitternd ergriff ich ihre schrumpelige, kühle Hand und versicherte ihr mit stummen Blicken, dass ich sie beschützen werde.
Natürlich wusste ich instinktiv, was dieses Geschöpf von Emma und mir wollte oder besser gesagt von mir! Kaum standen wir uns gegenüber, stieß der Riese einige für mich zunächst unverständliche Laute aus, die aber ganze Sätze zu sein schienen. Und im allernächsten Moment konnte ich mich mit Emma gerade noch rechtzeitig mitsamt meinem klapperigen Rollstuhl zur Seite ziehen, bevor wir von einem überaus scharfen Gegenstand getroffen werden konnten. Nun war mir auf einen Schlag klar, mit vollster Absicht vernichtet werden zu wollen. Bisher hatte ich es nicht für ernst genommen, als meine Großmutter und die anderen Hexen und Zauberer von diesen Geschöpfen erzählten. Auch wenn ich an meine Träume in meiner frühesten Kindheit und an den Überfall in meinem Schlafzimmer zurückdachte. Denn noch immer fühlte ich mich wie in einem Traum. Ja, irgendwie konnte ich es nicht sooo recht glauben, ein richtiges Zauberwesen zu sein, das man für kein Märchen erfunden hatte. Aber nun musste ich der Realität wirklich ins Auge sehen und aufpassen, von diesem riesigen Geschöpf nicht ins Jenseits befördert zu werden. Unwillkürlich spürte ich, wie meine Wange brannte, denn ich lag immer noch mitsamt meinem Rollstuhl auf der Seite und auf der steinigen Erde. Ich betete zu Wolfram, dass Emma sich nichts gebrochen hatte. Und mit großer Freude bemerkte ich, dass es mir nach einigen Besinnungsmomenten gelang, mich wieder auf die Räder zu stellen und Emma gleich mit hochzuziehen. Zum Glück war ich in der Gedankenzauberei inzwischen so gut, dass ich nicht nur Gegenstände oder Lebewesen in etwas Anderes verzaubern und anschließend wieder in ihre ursprüngliche Form und Gestalt zurückzaubern konnte, sondern konnte auch schon, Dinge wieder an ihren Platz zurückzaubern. Oder ich konnte, und darauf war ich ganz besonders stolz, meinen Rollstuhl allein durch meine Gedanken zum Fahren bewegen. Na, und da ich mit meinem Rollstuhl nur nachts durch die Gegend fahren durfte, damit meine Assistenten und die anderen Leute auf der Straße nicht bemerkten, womit ich lenkte, geschah es manchmal, dass ich im Dunkeln einen Stein oder einen Bordstein übersah und umfiel. Anfangs war ich völlig hilflos und brauchte Großmutters Hilfe, die mich stets begleitete. Doch nach und nach gelang es mir, mich mit meinen bloßen Gedanken wieder aufzustellen. Und es grenzte schon ein wenig an ein kleines Wunder, dass ich mir beim Umkippen mit meinem Rollstuhl nichts weiter als ein paar harmlose Kratzer holte.