Die Magie der Empathie
Die Magie der Empathie
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 10 Teile geteilt.
Vorsichtig strich ich über Momos Nase und fuhr in meiner Geschichte fort.
„Eines Tages, als Finn mich wieder mal besuchen kam, erzählte ich ihm von der Nacht, in der mir mein verstorbener Vater erschienen war und ich von meinem Hexenleben und meiner Lebensaufgabe erfuhr«, berichtete ich Jonas weiter, nachdem sich meine kleine Katzendame wieder gemütlich hingelegt hatte.
»Ich wohnte damals circa drei, vier Wochen in München. Ein wenig verlegen und ängstlich blickte ich Finn damals an. Denn ich wusste nicht, wie er auf diese Geschichte reagieren und ob er mich verhöhnen oder gar gleich in der Psychiatrie abliefern würde. Aus diesem Grunde hatte ich mir so lange Zeit mit dem Erzählen gelassen. Vollkommen baff hörte Finn mir zu. Und nach etwas längerem Zögern berichtete er schließlich, ihm sei sein Großvater, der vor dreizehn Jahren gestorben war, ebenfalls erschienen. Und zwar vier Nächte zuvor. Sein Großvater hatte ihm mitgeteilt, dass er kein Mensch der blauen Erde sei, sondern ein echtes Zauberwesen ist und vom Planeten der Hexen und Zauberer komme. Weiter erfuhr Finn, dass sich sein Heimatplanet draußen im weiten Weltall befinde, er wahre Zauberkräfte besitze und diese Welt hier vor ihrem Untergang schützen müsse, indem er den Bewohnern nahelegte, etwas umsichtiger, vorsichtiger und liebevoller mit ihrer Umwelt umzugehen.
Nach dem nächtlichen Besuch seines schon längst verstorbenen Großvaters glaubte Finn ernsthaft, er wäre völlig von Sinnen. Ihn erfasste blanke Panik. Er überlegte sogar, nach dieser Nacht ins Krankenhaus zu gehen und sich dort einweisen zu lassen. Aber er war sich dessen bewusst, dass die Behandlungsmethoden keinesfalls angenehm sein würden. Außerdem war dieser Besuch seines Großßvaters so real gewesen, dass Finn nicht glauben konnte, es sei ein Hirngespinst gewesen. Somit bewahrte er erst einmal Ruhe und versuchte, diese seltsame Geschichte als etwas Wahres anzunehmen. Außerdem konnte er es einfach nicht als reine Fantasie der Menschen abtun, dass die Geister Verstorbener weiter auf der Erde wandelten. Unzählige Male unterhielten wir uns darüber. Und als auch er sehr bald Dinge zustande brachte, die er sich gemeinsam mit seiner sehr viel jüngeren Schwester aus Fantasiefilmen und Fantasiebüchern abguckte und die er sich selbst nicht hundertprozentig logisch erklären konnte, glaubte er schließlich, ein wahrer Zauberer zu sein. Dabei schien es so, als ob seine kleine Schwester mit großem Eifer bei der Sache war und sich über jeden einzelnen Fortschritt ihres älteren Bruders unglaublich freute. Allerdings konnte Finn es absolut nicht glauben, von einem anderen Planeten zu kommen. Das war schierer Unsinn. Der Weg bis zum blauen Planeten wäre viel zu weit gewesen. Man konnte außerhalb der Erde doch keinesfalls zu Atem kommen, starb als „Eiszapfen“ und verbrannte gleichzeitig.
Einige Stunden, nachdem Finn und ich uns gegenseitig von unsren Erlebnissen erzählt hatten, wurde ich zum ersten Mal von einem Riesen des gelben Planeten angegriffen. Das heißt, ich bekam es diesmal bewusst mit. Trotz seiner Schwere und Größe war der Bewohner des gelben Planeten still und leise durch mein halb geöffnetes Fenster im Wohnzimmer geschlüpft. Denn da es in diesem Sommer besonders heiße Nächte gab, konnte ich nicht bei geschlossenem Fenster schlafen. Plötzlich stand diese Furcht einflößende Kreatur vor meinem Bett. Noch schlafend bemerkte ich nicht, wie dieses hässliche Wesen auftauchte, mir das Kopfkissen unter dem Kopf wegzog und es mit einer wütenden Heftigkeit auf das Gesicht drückte. Als ich aufwachte und spürte, nicht mehr atmen zu können, zappelte ich wie wild und versuchte, das Kissen vom Gesicht zu bekommen. Doch nach einigen Versuchen, bei denen ich mein ganzes Bett zerwühlte, musste ich einsehen, dass ich gegen dieses starke Wesen keine Chance hatte, das mich zu ersticken versuchte. Ich hatte mich schon fast damit abgefunden, dass meine allerletzten Sekunden begonnen hatten, da mir langsam meine Sinne schwanden, als das Kissen wie durch ein Wunder ruckartig von meinem Gesicht gezogen wurde. Schnaufend schnappte ich nach Luft. Wie durch einen Schleier sah ich, wie sich zwei Gestalten auf meinem Schlafzimmerboden balgten. Die eine Gestalt gehörte dem Riesen, das erkannte ich, aber wer die Zweite war, konnte ich absolut nicht ausmachen. Komisch, dachte ich, der Riese dort sieht tatsächlich so aus, als würde er eine Karnevalsbrille tragen. Unwillkürlich musste ich leicht grinsen.
Heftig und mit unsagbarer Wut schlugen die Beiden auf dem Boden aufeinander ein. Kleinere Teile meiner Möbel flogen um. Ängstlich blickte ich zu Moritz' Käfig hinüber und betete zu Wolfram, er möge auf meiner Kommode festen Halt finden. Doch plötzlich passierte etwas höchst Merkwürdiges. Als der Riese die zweite Person gerade mit vollster Brutalität auf meinen Teppich drückte, blickte er zu mir hinüber. Mit noch sehr trübem Blick schaute ich ihm direkt in seine Augen. Und auf einmal spürte ich, wie ich meinen Mund auftat und mit leiser, beruhigender Stimme auf dieses eigenartige Wesen einsprach. In den ersten Sekunden war ich mir in keiner Weise bewusst, dass diese ruhige Stimme mir selbst gehörte. Doch dann bemerkte ich, dass ich versuchte, dieses Geschöpf am Boden zu besänftigen und es dazu zu bringen, von seinem Gegner abzulassen. Ganz allmählich kam in diese erbitterte Auseinandersetzung etwas Ruhe. Und nach weiteren Augenblicken ließ der Riese ganz plötzlich von der kleineren Person ab. Während dieser ganzen Zeit hatte ich dem Riesen in seine merkwürdigen, sechseckigen Augen geblickt und beruhigend auf ihn eingesprochen. Genauer gesagt, summte ich nur ruhig vor mich hin. Und dies passierte völlig automatisch. Ich konnte es kaum fassen, geschweige denn erklären. Es war absurd. Aber ich hatte den Versuch unternommen, das furchterregende Geschöpf zu beruhigen. Und aus irgendeinem Grunde war es mir nach einigen Momenten tatsächlich gelungen. Nachdem der Riese sich meiner Ruhe nicht länger entziehen konnte, stolperte er, die Hände abwechselnd vor Augen und Ohren haltend, zum Fenster hin und verschwand. Schwer atmend und am ganzen Körper zitternd lag ich in meinem Bett und wusste nicht, was soeben geschehen war. Warum hatte der Kampf so abrupt geendet? Hatte ich das bewirkt? Und wenn ja, wodurch? Man gab mir zwar immer mal wieder zu verstehen, ich könne schlecht gelaunten Menschen besser stimmen. Auch sagte man mir, man fühle sich so verstanden, wenn man mir seine Probleme erzählte. Aber dass ich den Riesen dazu gebracht hatte, sich zu beruhigen, ihn womöglich am Töten hinderte, also umsichtig zu werden und von der kleineren Gestalt abzulassen, hielt ich für unmöglich. Geistesabwesend sah ich zu, wie sich die zweite, kleinere Gestalt langsam aufrappelte, sich kurz an die Wand lehnte, um wieder zu Atem zu kommen, und dann zu mir herüber kam. Und erst jetzt erkannte ich mit bassem Erstaunen, dass diese Person kein allzu junger Mann mehr war, braune Augen und dunkles Haar hatte, das schon ergraute. Zärtlich strich er über meine Haare und sprach beruhigend auf mich ein, bis mir die Augen zufielen und ich einschlief. Doch bevor ich in einen tiefen Schlaf abtauchte, erinnerte ich mich, dass dieser kleine, freundlich aussehende Mann niemand anderes war, als der Engel, der mir als kleines Mädchen in einigen Nächten das Leben gerettet hatte.
Noch lange Zeit dachte ich über das Geschehene in jener Nacht nach. Ich versuchte, mir selbst zu erklären, wer diese beiden Gestalten waren, die bei mir so unerwartet auftauchten. Ich versuchte, mir darüber klarzuwerden, warum die große Gestalt mich töten wollte und warum sie auf einmal so ruhig geworden und verschwunden war. Und wer war die kleinere Gestalt? War sie wirklich ein oder gar mein ganz persönlicher Schutzengel? Doch auf all diese Fragen fand ich keine vernünftigen und glaubwürdigen Antworten. Und schließlich glaubte ich, dies alles wieder einmal nur geträumt zu haben sowie ich es schon als Kind getan hatte«, erzählte ich Jonas und barg mein Gesicht etwas geschwächt in den Händen.
VI
Als ich knapp zwei Monate in München wohnte, wurde ich eines Nachts von Emma, Wolframs Mutter, recht unsanft geweckt, berichtete ich nach einer kleinen Pause weiter. Diesmal hockte meine Großmutter auf meinem Fernseher. Denn in meinem Schlafzimmer gab es noch keine andere Sitzgelegenheit. Außer meinem Bett natürlich.mein Fernseher stand ganz in der Nähe des Fensters. Nur im Winter schlief ich bei geschlossenem Fenster. Während dieser Zeit kam Emma dann durch die Wände geschwebt.“
›Du musst dir mal einen vernünftigen und bequemen Sessel anschaffen!‹, knurrte Emma mich unfreundlich an und begutachtete interessiert meine zahlreichen Fotos meiner Freunde an den Wänden. Von den gegenüberstehenden Hochhäusern strahlte genügend Licht in mein Zimmer, sodass meine Großmutter alles ziemlich genau erkennen konnte.
Mit kleinen, verschlafenen Augen blickte ich sie an und flüsterte: ›Ach, Oma, lass' mich doch schlafen. Ich bin sooo müde.‹,
›Nein, nein, Zerlina, nun erhältst du deine allererste Unterrichtsstunde im Zaubern‹, kam es barsch von meinem Fernseher herüber. ›Als Erstes beginnen wir damit, einen Gegenstand in einen Anderen zu verwandeln. Schon etwas munterer kam mir plötzlich ein genialer Einfall.
›Oma, wenn ich jetzt schon mal zaubern lerne, könnte ich mir meine neuen Möbel doch zaubern, oder? Denn ich brauche im Wohnzimmer nämlich noch eine neue Couch.‹
›Tz, tz, tz, das sieht dir mal wieder ähnlich. Du denkst, somit etwas Geld sparen zu können. Nein, meine liebe Enkeltochter! Wir verzaubern nur einen Gegenstand, den du hier in deinem mickrigen, kleinen Schlafzimmer schon hast‹, zischte die Mutter meines Vaters durch ihre wenigen und etwas gelblichen Zähne. Daraufhin griff sie unter ihren dunklen Baumwollumhang und holte einen Zauberstab hervor.
›Au, den typischen Zauberstab gibt es also tatsächlich‹, staunte ich beim Anblick dieses länglichen, schwarzen Holzstabs, setze mich im Bett ein wenig auf und knipste die kleine Nachttischlampe an, die neben Moritz Käfig stand.
›Ja, ganz recht. Warum sollte es ihn denn nicht geben?‹, fragte Emma amüsiert. ›Wir fangen am besten mit dem kleinen Kissen auf deiner Nachbarmatratze an, das dein tollkühnes Mäuschen bereits angefressen hat.‹
›Ähm, ich muss doch sehr bitten!‹, kam es vorwurfsvoll aus Moritz' Käfig.
Großmutter streifte Moritz' Käfig mit einem flüchtigen Blick und legte das kleine Kissen auf den Fußboden. Dann klopfte sie dreimal kurz darauf und gab ebenfalls dreimal zischende, kurze Töne von sich und fixierte das Kissen mit ihren braunen Augen. Eine kleine, aber sehr helle Flamme züngelte plötzlich kurz aus der Spitze des Zauberstabs hervor. Und einen knappen Moment später stand ein schöner und winzig kleiner Baum an der Stelle, an der vor wenigen Sekunden noch mein Kissen lag. Bewundernd schaute ich den kleinen Baum an.
›Der ist wunderschön, Großmutter!‹ Mit halb offenem Mund bestaunte ich das Bäumcheen.
›Tja, ich kann zumindest zaubern‹, antwortete sie und verwandelte das kleine Bäumchen in Sekundenschnelle wieder zurück in mein Kissen. ›So, Enkeltochter, nun bist du an der Reihe.‹ Behutsam half Emma mir, mich richtig auf die Bettkante zzu setzen.
Als sie gerade dabei war, mir den Zauberstab hinzureichen, hielt sie plötzlich inne und meinte, sich mit der flachen Hand gegen die Stirn schlagend: ›Ach, du kannst ja keinen Zauberstab halten, geschweige denn zischende Laute von dir geben. Denn dir ist es ja noch nicht einmal möglich, beim Essen das Besteck selbstständig zu halten und musst von daher von einer anderen Person das Essen angereicht bekommen. Auch korrekt sprechen kannst du nicht. Aus diesem Grunde dürfte es mit den zischenden Lauten recht schwierig werden. Oh, Zerlina, verzeihe mir bitte meine Gedankenlosigkeit, ja?"
Lächelnd und mit ein wenig erhobenen Händen gab ich Emma zu verstehen, dass dieses mich in keiner Weise störte.
Einige Sekunden stand sie überlegend vor meinem Bett.
›Tja, am besten ist es wohl für dich, wenn du das so genannte ›Gedankenzaubern‹ erlernst. Hat Moritz dir schon erzählt, dass wir Hexen und Zauberer sowieso des Gedankenlesens mächtig sind? Das heißt, wenn wir eng miteinander verwandt oder eine richtig enge Bindung zu unserem Partner oder einer andren Person haben, und uns für zehn bis fünfzehn Sekunden lang direkt in die Augen sehen, können wir die Gedanken unseres Gegenübers lesen. Darum weiß Moritz auch häufig, was in deinem Köpfchen vor sich geht. Denn ihr beiden seid euch sehr vertraut. Allerdings muss man ein wenig bereit sein, seine eigenen Gedanken lesen zu lassen. Denn wenn man dies nicht möchte, muss man seinem Gegenüber mit seinem eigenen Blick nur ein bisschen ausweichen, und schon ist man in der Lage, seine Gedanken ganz und gar für sich zu behalten. Zudem ist es möglich, jemanden zur Hilfe zu rufen, wenn man sich in arger Not befindet. Wenn man allerdings langsam in die Jahre kommt und die Gehirntätigkeite und die Augen allmählich nachlassen, ist es einem kaum noch möglich, die Gedanken seines Gegenübers zu lesen. Tja, es ist schrecklich, wenn im Alter alles weniger wird. Das ist bei uns nicht anders, als bei den Menschen. Ich glaube, bei jedem Lebewesen wird es im fortgeschrittenen Alter mit allem weniger. Zudem bin ich nur noch nachts lebendig, um dich in das Leben einer invaliden Hexen einzuführen. Somit bin ich eh des Gedankenlesens nicht mehr mächtig. Denn Gedankenlesen ist nämlich nur den lebendigen Hexen und Zauberern beschieden«, erklärte Großmutter ein wenig niedergeschlagen. „Nun, und beim Gedankenzaubern musst du an eine Situation in deinem Leben denken, in der du richtig glücklich warst. Außerdem musst du davor einen Becher lauwarme Milch mit einer klein geraspelten Knoblauchzehe und schwarzem Pfeffer in einem Zug leertrinken. Diesen schwarzen Pfeffer und die Knoblauchzehen werde ich dir in den nächsten Nächten aus meinem Grab mitbringen. Denn unser Knoblauch und unser schwarze Pfeffer sind gut für das Gehirn und helfen dir dabei, dir einen Gegenstand oder später eine Situation ganz genau vorzustellen, den oder die du herbeischaffen möchtest. Den schwarzen Pfeffer und den Knoblauch haben wir übrigens selbst gezüchtet. Er wird bei uns ausschließlich für die Gedankenzauberei benutzt. Es ist also kein herkömmlicher Pfeffer und wird nie bei der Zubereitung von Speisen verwendet.‹
›Pah, Oma, was verlangst du von mir?‹, entfuhr es mir angewidert. ›Das ist ja ekelhaft!‹
›Möchtest du zaubern lernen oder nicht?‹, rief die Mutter meines Vaters etwas erregt und pikste mir mit ihrem spitzen Finger in die Wange. ›Da musst du schon einige Dinge auf dich nehmen, die eventuell nicht sooo angenehm sind. Denk' an deine Lebensaufgabe, an deine leibliche Familie und an deinen Finn.‹
›Bist du eigentlich sicher, dass Finn und ich wirklich zusammenpassen?‹, entfuhr es mir auf einmal unüberlegt. Gleichzeitig fiel mir auf, dass in meiner Stimme eine ganze Portion Skepsis mitschwang, die kaum zu überhören war. Schnell biss ich mir auf die Lippe. Doch bevor Emma sich über meine unbedachte Äußerung wundern konnte, fragte ich schnell: ›Und überhaupt, warum muss ich bereit sein, den Menschen gewissenhaft zu helfen und sie davor zu schützen, sich gegenseitig auszurotten, ehe ich Finn Schwelm heiraten darf? Wieso kann ich nicht nur einfach so seine Ehefrau werden? Denn wir gehören doch sowieso zusammen und sollen heiraten. Ich meine, wir verbringen schon fast unser komplettes Leben zusammen, sodass es diese Sache nun wirklich ein bisschen seltsam wirken lässt!‹
›Warte doch erstmal ab‹, riet Emma mir mit geheimnisvollem Blick, ›ich kann dir diese Frage noch nicht beantworten. Betrachte deine Lebensaufgabe als eine Art Prüfung, bei der du dein Können zeigen musst und an deren Ende ein ganz besonderer Lohn auf dich wartet.‹
›Ja, ja, das habe ich schon begriffen, dass es sich bei meiner Lebensaufgabe um eine Art Prüfung mit anschließendem Lohn handelt. Papa hat es bei seinem Besuch bereits erwähnt. Also Wolfram, meine ich", erwiderte ich ein wenig lächelnd.›Aber, was mir nicht recht in den Kopf will, ist, dass ich erst zeigen muss, den Menschen wirklich helfen und sie vor ihrer gegenseitigen Ausrottung schützen zu wollen, ehe ich Finn heirate.‹
›Ich habe dir doch eben gesagt, du musst etwas Geduld haben, bevor du die volle Wahrheit erfährst‹, sagte Großmutter.
Irgendetwas ist an dieser ganzen Geschichte doch faul, dachte ich und fragte Großmutter laut und ein wenig stotternd vor Aufregung: ›Papa, also Wolfram, kann ebenfalls zaubern? Denn sonst hätte er mir ja nicht noch einmal im Ganzem erscheinen können. Aber wie ist dies möglich? Ich meine, doch nur ich stamme von einem anderen Planeten und bin dadurch kein normales Lebewesen dieser Erde.‹
›Nun, Zerlina, es gibt Menschen, die tatsächlich zaubern können. Du weißt, dass man zum Beispiel den Sinti und Roma nachsagt, sie seien ein wenig unheimlich, nicht wahr? Nun, dies liegt daran, dass dieses Volk mitunter etwas zustande bringt, was die Wissenschaftler mit ihren Formeln nicht so ohne Weiteres erklären können. Und weil die anderen Menschen nicht in der Lage sind, diese Dinge logisch zu erfassen, sind die Sinti und Roma ihnen rätselhaft oder gar unheimlich. Dabei bringen sie diese Dinge ganz einfach durch Zauberei zustande. Diese Art von Zauberei, die manchma in irgendwelchen Fantasyromanen oder Fantasyfilmen beschrieben werden, gibt es auf dem Planeten der Menschen nicht. Die Menschen meinen, diese Art von Zauber existiert nur in ihrer Fantasie, um das Leben schöner oder erträglicher zu machen. Meistens sind sie doch nur eifersüchtig und neidisch auf die Sinti und Roma. Denn wie gerne würden sie es ihnen gleichtun. Im Mittelalter sind Leute, die etwas Außergewöhnliches tun konnten, auf dem Scheiterhaufen geendet. Jedoch reichte es manches Mal schon aus, wenn eine Frau ein braunes und ein blaues Auge hatte oder ein grünes Kleid trug. Denn die Farbe Grün galt als die Farbe des Teufels. Noch viel schlimmer aber war es, wenn eine Frau durch die richtige Mischung von Kräutern Kranke wieder gesund machte oder eine junge, hübsche Witwe lange, rote Haare hatte. Denn wenn eine noch recht junge Frau, die so aussah, ihren Mann aus irgendeinem Grunde verloren hatte, glaubten die anderen verheirateten Frauen, sie habe ihren Ehemann mit einem geheimen Zauberspruch absichtlich getötet, uu in aller Ruhe mit den anderen Männern anbändeln zu können.
›Ja, ich las es schon zur Genüge in historischen Romanen‹, antwortete ich und gähnte herzhaft. Bereits etwas schläfrig, ließ ich mich zurück in mein großes, weiches Kopfkissen fallen und ließ mich von Emma leicht mit meiner Bettdecke zudecken.
›Aber auch heute noch werden Frauen, die mit einer Glaskugel oder Tarotkarten ihren Mitmenschen ihre Zukunft voraussagen, als Hexen bezeichnet. Und in anderen Ländern und auf anderen Kontinenten werden diese Frauen noch immer verfolgt, gefoltert und getötet‹, belehrte Großmutter mich weiter.
Wieder nickte ich wohl wissend und wartete gespannt darauf, dass Emma weitererzählte.
›Na, und mein Vater war ja ein umherziehender Zigeuner, der zu den Sinti und Roma in Ungarn gehörte. Bei ihrem allerersten Zusammentreffen wurde meine Mutter sofort schwanger. Sie war ein junges, naives Bauernmädchen von etwa achtzehn Jahren. Sie mistete gerade den Pferde- und Kuhstall aus, als sie an einem schönen, sonnigen Nachmittag an der Unruhe der Pferde bemerkte, dass jemand auf der Koppel war. Als meine Mutter hinausschaute, erblickte sie einen Mann in etwa ihrem Alter, der eins ihrer Pferde mit einem Seil einzufangen versuchte. Sofort ließ sie Schaufel und Besen fallen und lief hinaus auf die Pferdeweide. Auf Anhieb fand meine Mutter diesen jungen Mann attraktiv, der kurze Zeit später vor ihr stand und pechschwarze Augen und Haare hatte. Sie verliebte sich in der allerersten Sekunde in meinen Vater. In der kommenden Stunde ihres Zusammenseins wurde ich gezeugt und nach weiteren neun Monaten geboren. Nachdem meine Eltern mich gezeugt hatten, verschwand mein Vater aus dem Leben meiner Mutter genauso plötzlich, wie er aufgetaucht war. Sie sah ihn niemals wieder! Meine Mutter brachte mich bei entfernten Verwandten ihrer Familie zur Welt. Denn es galt in dieser Zeit als eine schreckliche Schande, ein Kind ohne Vater zu bekommen und aufzuziehen. Sofort nach der Geburt wurde ich von meiner Mutter getrennt und in ein Heim gegeben. Und so kommt es, dass dein Vater des Zaubers mächtig ist und du ausgerechnet bei uns gelandet bist.‹,
"Und wie sind wir Hexen und Zauberer letztendlich auf die Idee gekommen, auf unsere bewohnten Nachbarplaneten helfend einzugreifen?", fiel es mir auf einmal wieder ein.
"Nun, wir sind immer mal wieder außerhalb unserer kleinen Erde spazieren geflogen. Denn wir konnten es nicht für möglich halten, die einzige bewohnte Erde zu sein. Nur vom blauen Planeten wussten wir. Und auf einigen Planeten, die uns bewohnt erschienen, sind wir dann gelandet und haben uns dort umgesehen. Manchmal war es für uns etwas schwierig, durch die jeweiligen Schutzschichten der Planeten zu kommen. Denn jeder Planet, der bewohnt ist, hat ja eine Schutzschicht. Außerdem mussten wir uns manchmal in ganz andere Kreaturen verwandeln, damit wir auf den Planeten nicht als Außerirdische identifiziert und gejagt wurden. Und während wir eine Zeit lang bei den anderen Planetenbewohnern wohnten, fiel uns auf, dass es zwischen ihnen nicht selten zu Missverständnissen kam, die sie daran hinderten, in Harmonie und Frieden zu leben. Deshalb beschlossen wir, auf diesen Erden diese Streitereien zu schlichten, um die Bewohner und ihre Natur somit länger am Leben zu halten. Wir begannen mit unseren Reisen zu unseren Nachbarplaneten vor rund zweihundert Jahren.", beendete meine Großmutter ihre kleine Geschichte.
›Aha‹, brachte ich noch mühsam hervor, bevor mir die Augen zufielen und ich eingekuschelt in meinem Bett einschlief.
In der nächsten Nacht kam die Mutter meines Vaters wieder. Diesmal hockte sie auf Moritz' Käfig. ›Hm, auch nicht sehr viel bequemer hier!‹, maulte sie mich an.
Zu meinem großen Entsetzen hielt sie eine große Tasse mit einem Deckel in ihren zittrigen Händen. ›So, Zerlina, heute bist du mit Zaubern dran. Trink' deine gepfefferte Knoblauchmilch bis zum allerletzten Tropfen aus und denk' an einen Gegenstand, den du unbedingt herbeizaubern möchtest. Du musst dir diesen Gegenstand aber bis ins kleinste Detail vorstellen und vor allem auch genau riechen können! Du musst dieses Getränk übrigens nur solange zu dir nehmen, bis dir die bloße Vorstellungskraft automatisch kommt. Denn wenn du erst einmal hundertprozentig verinnerlicht hast, eine wahrhaftige Hexe zu sein, bist du in der Lage, dir in Sekundenschnelle eine bestimmte Situation oder einen bestimmten Gegenstand vorzustellen und zu zaubern.‹
Mit Würgen und Husten brachte ich dieses doch nicht gerade wohlschmeckende Getränk hinunter, das Großmutter mir gemixt hatte. Als der Becher endlich leer war, befahl sie mir, an einen Gegenstand zu denken, den ich mir herbeisehnte. Ungeschickt, wie ich nun einmal war, dachte ich zuerst an deinen Ring, den du am Ringfinger deiner linken Hand trugst. Doch da ich ihn mir nicht mehr so genau vorstellen und vor allem nicht nicht genau seinen Geruch vorstellen konnte, dachte ich an deine schwarze Lederhosen, die du immer beim Motorradfahren anhattest. Ja, und wie genau ich mir eine dieser Hosen vorstellen und deren Leder riechen konnte. Denn manchmal geschah es, dass ich dich nach Feierabend zufällig beim Einkaufen traf, wo du dann natürlich nicht mehr deine Arbeitssachen trugst. Aber als eine deiner Lederhosen an diesem Abend mit einem leisen Knall und Zischen plötzlich auf meiner Bettdecke landete und ich sie anfassen konnte, glaubte ich sogar, deinen mir vertrauten und angenehmen Körpergeruch riechen zu können«, führte ich meine Erzählung weiter.
Energisch und zugleich zärtlich drückte mein frischgebackener Ehemann mich jetzt an sich und küsste mich auf die Stirn. Unfähig, etwas zu sagen. Ebenfalls vollkommen gerührt sah ich zu ihm auf und erzählte meine Geschichte eiligst weiter.
›So, Zerlina, das war gar nicht schlecht!‹, sagte Großmutter in einem beinahe lobenden Tonfall. Sie glaubte ernsthaft, Finns Lederhhose würde auf meiner Bettdecke liegen. Natürlich hatte die alte Dame keineswegs eine Ahnung, dass man diese Art von Lederhosen fast ausschließlich beim Motorradfahren anzog. Aus diesem Grunde stellte sie mir keine unangenehmen Fragen. Denn mein langjähriger Freund fuhr ja kein Motorrad.
›Nun musst du für eine halbe Minute lang an den Ort denken, an den diese Hose deiner Meinung nach zurück soll, um sie wieder verschwinden zu lassen‹, teilte Großmutter mir weiter mit. ›Aber auch diesen Ort musst du dir ganz genau vorstellen!‹
›Ja, aber ich war doch noch nie in seinem Schlafzimmer!‹, erklärte ich etwas zu schnell und zu verlegen.
›Ach, nicht? Komisch! Denn Finn und du seid doch schon seit einer Ewigkeit miteinander befreundet. Aber du warst schon mal in seiner Wohnung, oder?«
Langsam und verzweifelt nach einer plausiblen Erklärung suchend schüttelte ich den Kopf. Völlig erstaunt sah Großmutter mich an.
»Wie ist denn dies möglich?, erkundigte sie sich nach einigen Augenblicken.
Ich fühlte, wie mir heiß und kalt wurde. Doch nach einigen Momenten, die viel zu lange dauerten, stammelte ich, dass Finn erst kürzlich umgezogen sei und dieses erst, nachdem ich Frankfurt verlassen hatte. Zu meinem großen Glück war mein Freund in den vergangenen zwei Jahren in der Tat recht häufig umgezogen. Nun, Finn liebte das Umziehen und das Neue, genauso wie ich. Allerdings zog er jedes Mal auch in die seltsamsten Wohnungen ein, deren Wände entweder dick verschimmelt waren oder undichten Fenster und Türen hatten, sodass er nach kürzester Zeit tatsächlich wieder umziehen musste.
»Ach so. Aber du warst doch schon am Haus, oder? Könntest du dir dann wenigstens den Garten oder Ähnliches vorstellen?“, fragte Emma ein wenig verwundert. Zaghaft nickte ich.
»Na, das ist ja wenigstens etwas. Dann musst du diese Hose eben in seinem Garten landen lassen! Den Garten kannst du dir wohl vorstellen, oder? Denn gewiss ist er nicht groß und kompliziert. Denn kein Garten, der vor einem Mehrfamilienhaus mitten in der Stadt liegt, ist wirklich groß und extravagant.‹
›Ja, ja, ich stand schon zweimal vor Finns Haus‹, als ich in Frankfurt Freunde besuchte" versicherte ich noch zaghafter. ›Aber den Garten davor habe ich mir irgendwie nie so genau angeguckt‹, gab ich etwas gehetzt und verzweifelt zur Antwort.
Mit leisen, schlurfenden Schritten ging Großmutter in mein Wohnzimmer hinüber und kehrte nach einigen Augenblicken mit der Fotografie von deinem Haus und Garten zu mir zurück, in dem Glauben, es sei das Haus, in dem Finn eine Einzimmerwohnung bewohnte.
›Ich hänge es später wieder an die Wand!‹, erklärte die alte Dame mit einem Lächeln auf dem Gesicht.
›Nun schau’ dir dieses Bild für eine kurze Zeit genau an. Den Rest des Gartens müsstest du dir aus dem Gedächtnis vorstellen.‹, sprach Großmutter ahnungslos weiter und hielt mir das Foto direkt vors Gesicht.
Verlegen drehte ich meinen Kopf zur Seite und starrte für einige Sekunden die Wand an.
›Komm‹, Zerlina, nun mach' mal ein bisschen zu. Ich bin ziemlich geschafft und möchte zurück in mein kleines, gemütliches Grab. Dein Vater wird auch nicht gerade begeistert sein, wenn ich erst kurz vor Morgengrauen von dir zurückkehre. Er wird nämlich immer wach, wenn ich komme. Aber das passiert eben, wenn man im Grab recht eng nebeneinander liegt«, setzte Emma leise seufzend zu ihrer kleinen Weisheit hinzu. ›Und vergiss nicht, dir den Geruch dieses Gartens auch genau vorzustellen! Zum Glück riechen die meisten Gärten gleich.‹, lachte Emma vergnügt.
Mit großer Anstrengung betrachtete ich die Fotografie. Nach einigen Sekunden schloss ich meine Augen und sah das Haus und den Garten von dir im warmen, hellen Sonnenschein deutlich vor mir liegen und roch das frisch gemähte Gras. Soeben fuhr ich im Geiste mit meinem Rollstuhl durch die große Pforte, als ich spürte, wie deine Lederhose mit einem leisen Knall und Zischen wieder von meiner Bettdecke verschwand. Ich öffnete die Augen und guckte verwirrt im Zimmer umher. Die Hose war tatsächlich verschwunden. Wie aus dem Nichts unendlich müde geworden,, drehte ich mich auf die Seite und fiel in Sekundenschnelle in einen tiefen, traumlosen Schlaf, aus dem ich erst am nächsten Morgen wieder erwachte.
›Es ist zu dumm, dass ich keine Gedanken mehr lesen kann.«, murmelte Emma auf dem Weg zu meinem Fenster leise vor sich hin. „Ach, es ist wirklich nichts, wenn man alt wird und nicht mehr zu den lebenden Zauberern und Hexen gehört. Alles Notwendige, das uns die Natur mitgibt, lässt nach. Ob Zerlina eben tatsächlich an ihren Finn gedacht hat? Denn irgendwie kommen mir Zweifel. Ich weiß nicht, wieso, aber irgendetwas sagt mir, dass hier alles nicht so seine Richtigkeit hat. Zudem frage ich mich, wann sie wohl soweit sein mag, die Gedanken einer anderen Hexe oder eines anderen Zauberers zu lesen. Allerdings kann sie das Gedankenlesen schon ein bisschen. Denn dies hat sie schon einige Male bei sich und Finn festgestellt. Das hat sie neulich beiläufig erwähnt. Na ja, die Zeit wird alles schon mit sich bringen.«Ein wenig erschöpft stieg Emma aus dem halb offen stehenden Fenster und flog auf ihrem Besen lautlos davon.
Mein kleiner Mausmann saß nach dem Abflug meiner Großmutter an diesem Abend noch einige Zeit gedankenverloren in seinem Käfig. „Tja, die gute, alte Emma kann keinen einzigen Gedanken von ihrem Gegenüber mehr lesen«, murmelte Moritz vor sich hin. „Und das ist auch gut so! Denn so wird sie von Zerlina versehentlich nie etwas von Jonas erfahren. Leider ist Zerlina schon viel zu lange bei den Menschen, als dass sie mit einer anderen Hexe oder einem anderen Zauberer gedanklich kommunizieren könnte.“
Etwas müde geworden ließ mein kleiner Mausmann sich plötzlich auf seinen kleinen Rücken fallen. So blieb er, alle Viere von sich gestreckt, eine ganze Weile liegen.
Von dieser Nacht an, in der ich deine Lederhose zum allerersten Mal mit meiner bloßen Vorstellungskraft herbeigeschafft hatte, zauberte ich eine große Menge an Gegenständen herbei und ließ sie wieder verschwinden. Auch Dinge verwandeln lernte ich recht schnell. Natürlich passierten mir hierbei schreckliche Missgeschicke. So zum Beispiel verwandelte ich Moritz Käfig einmal in eine alte, stinkende Toilette, in der sich noch gammeliges Wasser befand. Da mein kleiner, süßer Mausmann nicht sonderlich gut schwimmen konnte, gluckerte er immer wieder ins übelriechende Wasser.
Zu diesem Missgeschick kam auch noch, dass er sehr geruchsempfindlich war. Es dauerte geschlagene drei Tage, bis Moritz wieder mit mir sprach. So wütend war er auf mich. Oder ein anderes Mal, als ich meine Stoffmaus in eine lebendige Mausdame verwandeln wollte, wurde aus ihr ein knallbunter Papagei. Wild und aufgeregt flatterte er in meinem Wohnzimmer umher und holte Bücher aus den Regalen und schaffte es beinahe, dass meine Pflanzen kaum noch ein Blatt oder eine Blüte hatten. Meine kleine Momo, die gerade ein Teenager wurde, jagte vergnügt hinter dem ziemlich großen Vogel hinterher und schmiss sämtliche kleine Kissen vom Sofa herunter. Noch Tage später fanden meine Assisstenten und ich in den Zimmerecken ausgerissene Buchseiten, verwelkte Pflanzenblätter oder Pflanzenblüten. Verwundert wurde ich von ihnen gefragt, ob ich des Nachts in meiner Wohnung eine wilde Einweihungsfeier veranstaltet hätte.
„Na, mit meiner Mausdame hat es nicht geklappt.“, maulte Moritz mich ungehalten an und blickte mit traurigen Augen zu mir auf.
„Das tut mir auch wahnsinnig leid, Süßer! Aber ich bin nun einmal noch in der Übungsphase. Mit dem perfekten Zaubern dauert es noch ein Weilchen. Doch das nächste Mal zaubere ich dir eine kleine Mausdame. Das verspreche ich!“, entgegnete ich geknickt und ließ Moritz von meinem Schoß aus auf meinen Arm klettern.
„Oh, cool, dann habe ich ja jemanden, den ich vielleicht mal jagen kann und darf.“, schnurrte Momo gemütlich auf meinem Bett liegend plötzlich dazwischen.
„Ach, halt' die Klappe, Momo!“, knurrte Moritz etwas gelangweilt und knabberte zärtlich an meinem Ohrläppchen herum.
„Ja, du hast ganz Recht, wenn Zerlina noch weitere Papageien zaubert, jage ich viel lieber denen hinterher. Vögel zu jagen bringt nämlich viel mehr Spaß, weil sie eben so lustig mit ihren Flügeln flattern. Dies habe ich zumindest neulich mal im Fernsehen gesehen. Außerdem fliegen sie auch mal hoch, sodass ich dann richtig hinterhertoben kann.“, lachte mein kleines Katzenmädchen fröhlich auf dem Rücken liegend und alle vier Pfötchen in die Höhe gestreckt.
Als Großmutter schließlich der Meinung war, ich beherrsche das Her-, Wegzaubern und Verwandeln perfekt, erzählte sie mir eines Abends, sie wolle mir in den kommenden Wochen beibringen, wie man auf einem Besen reitet.
›Aber mir ist es aufgrund meinerr starken Körperbehinderung doch gar nicht möglich, mein Gleichgewicht zu halten‹, meldete ich mich zaghaft zu Wort, ›ich falle vom Besen herunter, Oma!‹
›Nun, mit der Gedankenzauberei kannst selbst du einen Besen fliegen. Warte mal ab.“, lachte Emma und tätschelte mein Knie. „Auch baut Wolfram gerade einen Besen so um, dass du problemlos darauf sitzen und mit ihm fliegen kannst. Wir müssen nur so lange warten, bis Wolfram mit diesem Besen fertig ist. Allerdings dürfen wir nur in den fortgeschrittenen Abendstunden mit unseren Besen fliegen. Denn die Menschen sollen uns nicht erkennen. Zum Glück passiert tagsüber in weiterer Entfernung kaum etwas, wo wir ganz schnell einschreiten müssen. Jeder, der seinen Mitmenschen nicht so wohlgesonnen ist und den Drang verspürt, sie zu triezen, wartet im Allgemeinen die schützende Dunkelheit ab. Und weil Hexen und Zauberer auch im Dunkeln tadellos klar und deutlich sehen können, macht es für sie keinen Unterschied, ob sie am Tage oder in der Nacht auf ihrem Besen durch die Lüfte reiten. Auch treffen wir im Normalfall auf keine Flugzeuge. Zudem fliegen wir nur selten in einer größeren Gruppe. Nun, und wenn wir in der Luft alleine unterwegs sind, können wir uns im Notfall schnell und geschickt als Vogel tarnen, sodass uns die Menschen nicht erkennen können. Doch auf unserem Berg, dem Brocken im Harz, dürfen wir ausgelassen umherfliegen. Dort kann uns niemand sehen. Jedenfalls des Nachts nicht. Zweimal im Jahr feiern wir dort ein Frühjahrs- und ein Winterfest. Nun, und da wir jedes Mal spät abends und zu einer Jahreszeit feiern, in der es ziemlich kalt ist, laufen wir im eigentlich keine Gefahr, von einem Menschen gesehen zu werden.‹
›Na, das hört sich ja aufregend an‹, rief ich aus und lachte.
VII
In den ersten Tagen nach den Nächten, in denen Großmutter zu mir kam, um mir das Zaubern beizubringen, war ich recht müde und geschafft. Kira, meine beste Freundin, die noch immer in München und ganz in meiner Nähe wohnte, gab sich alle Mühe, aus mir herauszubekommen, was mich so sehr schaffte. Aber ich grinste sie jedes Mal nur fröhlich an und schwieg. Auch meine ganzen Assistenten strengten sich sehr an, um zu erfahren, wieso ich tagsüber so müde war, mich häufig hinlegte und immer gleich tief und fest einschlief. Ihnen erzählte ich, dass ich aufgrund meiner starken Spastik recht viel Ruhe brauche, was für sie auch durchaus logisch klang.
Während ich darauf wartete, dass Wolfram meinen zukünftigen Besen so hergerichtet hatte, dass ich darauf sitzen konnte, wurde ich von Großmutter eines Nachts mit auf den Brocken genommen, dem gut- und altbekannten Hexenberg im Harz, und mit zahlreichen anderen invaliden Hexen und Zauberern bekannt gemacht. Erschrocken blickte ich Emma an, als diese mir völlig unerwartet von ihrem Vorhaben berichtete.
"Aber ich habe doch noch gar nicht meinen umgebauten Besen!", brachte ich etwas verblüfft hervor. Doch Emma verkündete gut gelaunt, dass sie aufgrund ihrer bereits ziemlich wackeligen Gestalt ebenfalls einen Besen mit Sitzschale hatte. Na, und da meine Großmutter und ich etwa gleich groß waren, konnte ich in ihrer Sitzschale recht gut Halt finden. Mit nicht viiel Anstrengung schaffte meine Großmutter es, mich auf ihrem Besen mit zum Brocken zu nehmen. Auch diesen Besen hatte Wolfram eigenständig umgebaut, sodass seine Mutter problemlos und sicher fliegen konnte.
„Dein Vater von dieser Erde hat eine Menge guter Ideen, von denen er viele handwerklich Wirklichkeit werden ließ. Und auch jetzt ist er im Handwerklichen immer noch sehr begabt.", erklärte meine Großmutter und zeigte mir stolz ihren umgebauten Besen.
„Kommt Finn auch zu diesem Winterfest?“, erkundigte ich mich leise und drückte Momo im Nachthemd auf der Bettkante sitzend und etwas verkrampft noch einmal an mich.
„Nein, ich denke nicht!, gab Emma kurz erklärend zurück.
„Na, er muss auch ungeheuerlich viel für sein Studium tun und kann von daher nie sehr spät schlafen gehen.“, antwortete ich und spürte, wie ich mich darüber gefreut hätte, Finn heute Abend auf dem Brocken zu sehen.
"Nun, Enkeltochter, helfe ich dir beim Ankleiden und setze dich in meine Sitzschale und versuche, dich darin so gut es geht festzugurten. Einverstanden?"
Ein wenig irritiert nickte ich.
"Und wo sitzt du während des Fluges?", fragte ich leise und ängstlich.
"Na, natürlich hinter dir!", kam es immer noch fröhlich über die Lippen meiner Großmutter,. „Keine Angst, Zerlina, bis vor einem Vierteljahr konnte ich noch ganz ohne Sitzschale auf meinem Besen sitzen. Es ist für mich also noch nicht so unmöglich, ohne Sitzschale zu fliegen.", versuchte sie mich zu beruhigen, als sie die ein wenig Angst in meinem Blick sah. "Kannst du in unserem Festsaal eigentlich auf einem normalen Stuhl sitzen? Denn deinen Rollstuhl können wir natürlich nicht mitnehmen."
Mit Nachdruck nickte ich.
Geschickt, sowie ich es meiner Oma keineswegs zugetraut hätte, half sie mir beim Ankleiden, das ich ebenfalls nicht selbständig tun konnte. Sobald ich warm genug angezogen war, schafften wir es mit vereinten Kräften, mich in die Sitzschale auf ihrem Besen zu setzen, der mit seinem Stiel über zwei Stühle lag, damit er in der richtigen Lage für mich zum Aufsteigen war. Es war beim Einsteigen in Großmutters Sitzschale zum großen Vorteil, dass ich ein wenig auf meinen Beinen stehen konnte, sodass Emma mich nicht zu heben brauchte.
"Wolfram hat mir extra starke Gurte mitgegeben, damit ich Dich fest genug anschnallen kann.", erklärte Emma munter. Sobald ich auf Großmutters Besen bequem saß, gurtete sie mich gut an. "Ist es für dich so in Ordnung?", fragte sie mich, nachdem sie den letzten von vier Gurten, die alle aussahen, als hätte Papa sie aus Kinderautositzen entfernt, zuschnappen ließ und ihr Werk begutachtete. Noch einmal testete sie, ob auch alle Gurte bei mir festsaßen, dann fragte sie vergnügt: "Bist du bereit für deinen ersten Flug auf einem ganz gewöhnlichen Hexenbesen?"
Zaghaft nickte ich und war überglücklich, soeben noch einmal auf der Toilette gewesen zu sein...!
Leicht grinsend sah ich zu, wie meine Großmutter ihre normale Brille mit den etwas stärkeren Gläsern gegen ihre sogenannte Flugbrille austauschte, die sie unter ihrem Umhang und aus einem knallgelben Etui hervorholte. Denn mit ihrer alltäglichen Brille konnte sie zwar feine Dinge begutachten, aber die genaue Flugrichtungen aus größere Höhe bestimmen, konnte sie mit ihr nicht. An den vielen Schrammen und Kratzern konnte ich erkennen, dass diese Flugbrille schon ziemlich alt sein musste. Später erfuhr ich dann, dass die Hexen und Zauberer, die eine Brille benötigten, sie wie ihren Augapfel hüteten. Denn da es auf unserem Planeten nicht allzu viele Menschen gab, die den Beruf des Optikers inne hatten, mussten sie auf eine Brille ziemlich lange warten. Aus diesem Grunde war es auch nicht weiter verwunderlich, dass ein Jeder versuchte, seine Augen gesund zu halten und seine Brille zu hegen und zu pflegen und so lange bei sich zu behalten, wie es nur irgendwie möglich war.
Wie durch einen Schleier nahm ich es in den nächsten Sekunden wahr, wie Emma mein Zimmerfenster ganz öffnete, sich hinter mir auf ihren Besen setzte, einige Sekunden lang nur ganz ruhig dasaß, sich der Besen dann sachte hob und einfach mit uns durchs offene Fenster in die Nacht hinausflog. Hui, wehte der Nachtwind mir um die Ohren. Trotz meiner dicken Kleidung fing ich in der Luft in Sekundenschnelle zu frieren an. In den ersten Augenblicken kniff ich meine Augen fest zusammen und wagte nicht, sie zu öffnen. Zwar war ich als kleines Mädchen schon des Öfteren mit meiner Familie in einem Flugzeug in den Urlaub geflogen, aber innerhalb eines Flugzeugs war man eben vor Wind, Wetter und Flugtieren geschützt. Auf einem Besen jedoch nicht!
Ganz langsam öffnete ich nach wenigen Momenten meine Augen. Zuerst sah ich nur Dunkles vor mir. Dann traute ich mich, ein wenig nach unten zu blicken. Unter mir sah ich ein wahres Lichtermeer der Großstadt München. Trotz meiner schrecklichen Angst, in den kommenden Sekunden abzustürzen, musste ich mir eingestehen, dass dieses Lichtermeer wunderschön aussah. Als ich spürte, dass Emma ihren Besen gut unter Kontrolle hatte und vollkommen sicher flog, entspannte ich mich und begann, den Flug durch die Nacht zu genießen. Als wir München hinter uns gelassen hatten und kaum noch Lichter von unten zu uns hinauf schienen, konnte ich die Sterne über uns ganz klar sehen. Es war ein Glück, dass es in dieser Nacht kaum Wolken am Himmel gab. Von Kind auf an faszinierten mich die Sterne und der Mond zutiefst.
Nach etwa einer Stunde Flug konnte ich in geringer Entfernung das Gebirge des Harzes erkennen. Vorsichtig blickte ich fast direkt unter mich und sah ein kleines Tal mit vereinzelnden Häusern, deren Fenster erleuchtet waren. Und nach weiteren zehn Minuten Flug merkte ich, wie meine Großmutter ihren Besen zu landen begann. Wir hatten den Brocken erreicht. Wieder kniff ich meine Augen fest zusammen und hoffte, dass meine Blase sich nicht automatisch leerte. Nur nach wenigen gefühlten Sekunden, nachdem ich bemerkte, dass die Mutter meines Vaters ihren Besen zu landen begann, schwebten wir auch schon geringe Meter über dem Boden eines Platzes. Auf diesem Platz stand ein längliches, flaches Gebäude. Umgeben von vielen, hohen Tannen, standen mehrere Besen ordentlich in Halterungen nebeneinander. Diese „Besenständer“ erinnerten an die gut bekannten Fahrradständer der Menschen.
"Nur gut, dass es für die Hexen und Zauberer mit stärkerer Körperbehinderung Vorrichtungen gibt, in denen sie ihren Besen hineinfliegen können, um leichter auf- und abzusteigen. Nur muss man gut und genau fliegen beziehungsweise landen können, um direkt in diese Vorrichtung zu kommen.", klärte Großmutter mich mit einer vom Wind etwas heiseren Stimme auf.
Diese Vorrichtung, von der es auf diesem Platz circa vierzig Stück gab, bestand aus zwei in die Erde eingelassenen Eisenstangen, die waagerecht in einem Abstand von ungefähr zwei Metern zueinander standen. Auf diesen Eisenstangen legten die vorderen und die hinteren Enden der Besen auf, sodass man sie nach dem Landen mit seinen Händen und Füßen nicht abfangen und halten musste. Beeindruckt sah ich zu, wie Großmutter ihren Besen exakt auf diesen beiden Eisenstangen landete.
Sobald wir glücklich und wohlbehalten in unserem Besenständer gelandet waren, kamen zwei Hexen aus dem Festsaal. Sie kamen gerade so, als hätten sie Großmutter und mich in der Dunkelheit ankommen sehen. Freudig wurden wir von den beiden jungen Frauen begrüßt.
"Hey, Zerlina, schön, dich endlich kennenzulernen!", begrüßte mich die etwas größere Hexe der beiden. „Dürfen wir dich beim Hineingehen in unseren Festsaal unterstützen?"
Freudig nickte ich und schwang, nachdem die beiden jungen Frauen meine Gurte gelöst hatten, mein eines Bein über den Besenstiel. Während wir über den Lande- und Vorplatz in den Festsaal gingen, beäugte ich verstohlen die beiden jungen Hexen. Und da sie mich untergehakt hatten, denn auf meinen Beinen konnte ich ja ein Stück gehen, war es mir möglich, sie aus nächster Nähe zu betrachten. Im Mondschein sahen sie wie gewöhnliche Menschenfrauen aus. Die junge Frau, die meinen linken Unterarm untergehakt hatte, trug ihre schwarzen Haare kurz, hatte grau-blaue, fröhliche Augen und einen kleinen, schmalen Mund. Sie trug mittelgroße, runde Ohrringe und am rechten Handgelenk zwei schmale Armreifen. Weiter trug sie einen dunklen Baumwollrock, der ihr bis zu den Waden reichte, und höhere Stiefel mit flachen Absätzen. Ulkigerweise hatte sie, genauso wie die junge Hexe zu meiner rechten Seite, einen schwarzen Umhang um ihre Schultern, den ich bisher nur aus den Vampirfilmen der Menschen und seit einigen Wochen nun auch von Emma her kannte. Und in den kommenden Minuten sollte ich erfahren, dass jede Hexe und jeder Zauberer solch einen Umhang besaß.
Die andere junge Frau, die meinen rechten Arm untergehakt hatte, war um die dreißig Jahre alt. Sie war circa einen Kopf größer als ich und trug ihre dunkelbraunen, langen, lockigen Haare zu einem dicken, geflochtenen Zopf. Was mir im ersten Moment unserer Begegnung sofort auffiel, war, dass sie eine volle Unterlippe hatte. Auch hatte sie ein recht stark abgerundetes Kinn und eng anliegende Ohren, die man im hellen Mondlicht und bei ihrem geflochtenen Zopf gut erkennen konnte.
Nachdem wir den Vorraum des Festsaals betreten hatten und im hellen Licht standen, konnte ich sehen, dass sie tiefbraune Augen hatte. Sogleich wurde ich im Festsaal auf einen wunderschönen geschnitzten Holzstuhl gesetzt. Er hatte glücklicherweise eine hohe Rückenlehne und sehr hohe Armlehnen, sodass ich guten Halt auf ihm finden konnte. Nachdem die junge Hexe, die zu meiner rechten Seite gegangen war und mir vom Äußeren her ein wenig ähnelte, sich ihren Umhang ausgezogen hatte, half sie mir aus meiner dicken Winterjacke. Ich schämte mich ein bisschen für meine Winterjacke. Denn es war noch nicht einmal Mitte Oktober und demnach noch recht warm. Wenn man allerdings das Fliegen auf dem Besen nicht gewöhnt war, fror man in der Luft schnell und stark. Ob es im Hochsommer wohl anders ist?, fragte ich mich gedanklich.
Fürsorglich kümmerte sich die Hexe, die mir vom Äußeren her ein wenig ähnelte und Antonia hieß, den ganzen Abend um mich. Dabei entging es mir keineswegs, dass sie dabei ein wenig nervös und aufgeregt war. Sehr interessiert erkundigte sie sich nach allem, was mit mir und meinem Leben zu tun hatte. Doch seltsamerweise fühlte ich mich in ihrer Gegenwart auf Anhieb wohl, sicher und geborgen. Woher dieses kam, wusste ich nicht. Aber Antonia schien mir vertraut zu sein. Es fühlte sich an, als ob wir uns schon seit einer Ewigkeit kennen würden.
Während des ganzen Abends hielt Emma sich dezent im Hintergrund und schaute nur ab und zu nach mir. Ansonsten saß sie bei einem älteren Ehepaar am Tisch und plauderte bei einem Glas Leitungswasser munter mit ihm.
Hm, komisch dachte ich plötzlich, es scheint hier offensichtlich niemanden zu stören oder etwa gar anzuekeln, dass eine Person, die schon mehrere Jahre lang tot ist, unter ihnen weilt. Ein wenig schmunzelnd sah ich mich zwischen den Anwesenden um und fragte mich, ob noch weitere "Tote" hier umherwandelten.
Zwischen Antonias Fragen musterte ich den Festsaal der Hexen und Zauberer neugierig. Der ganze Saal war ausschließlich mit Kerzen erhellt, was warm und gemütlich wirkte. Dieser Saal diente den Hexen und Zauberern allerdings nicht nur zum Feiern, sondern wurde er auch als eine Art Besprechungszimmer genutzt.
Im Eingangsbereich und Vorraum, dort wo es zu den Garderoben und den Toiletten ging, brannten keine Kerzen, sondern elektrisches Licht. Damit man wohl genug sah und nicht stolperte, vermutete ich. Die eine durchgehende Wand, die es hier im Saal gab und die nur durch zwei Ausgangstüren unterbrochen wurde, war in einem warmen Dunkelrot gestrichen. Die gegenüberliegende Wand war eine reine Fensterrfront. Am Tage musste es hier schön hell sein.
Nach und nach lernte ich die Hexen und Zauberer kennen, die heute Abend hierher gekommen waren. Und alle hatten sie dieselbe Lebensaufgabe wie Finn und ich. Im Laufe des Abends ließ ich mir von ihnen erklären, wie ich es fertigbringen konnte, den Menschen nahe zu bringen, sich einander zu achten, zu tolerieren, zu respektieren, aufeinander zuzugehen und mehr Verständnis füreinander zu haben. Kurz gesagt ließ ich mir erklären, wie wir es schaffen wollten, unter den Menschen und ihrer Natur mehr Gemeinschaft herzustellen. Zwar war dies nicht einfach zu begreifen, aber die Anderen beantworteten mir zum Glück all meine Fragen geduldig. Auch erfuhr ich, dass die anderen Hexen und Zauberer für diese Lebensaufgabe ausgesucht wurden, weil sie besonders feinfühlig waren und sich gut in die Lage der „Randgruppenmenschen“ hineinversetzen konnten. Ganz genauso wie ich.
"Du musst den Menschen verdeutlichen, dass es einen Zusammenhalt unter ihnen gibt und sie unter dem blauen Himmel alle gleich sind. Die meisten Glaubensgemeinschaften predigen zwar, dass jeder Mensch vor dem Schöpfer der Erde gleich ist, aber wenn man ihnen genauer zuhört und einige Theorien hinterfragt, kann man in den kleinen, kurzen Nebensätzen deutlich das Gegenteil und die Diskriminierung heraushören.", regte Johanna sich auf und schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn.
Johanna war eine junge Hexe, die eine halbseitige spastische Lähmung hatte und mit einem Mann ohne größeres Handicap verheiratet war, mit dem sie drei kleine Mädchen hatte. Anfangs wunderte ich mich, dass diese Ehe von den Anderen so als selbstverständlich hingenommen wurde. Doch nachdem ich wusste, eine Hexe zu sein, musste ich bemerken, dass sich die Hexen und Zauberer vermischten, ganz egal, wie sie waren. Keine Hexe und kein Zauberer war hier minderwertiger oder höhergestellter als der Andere. Jede Beziehung war normal.
Tja, ob ich das den Menschen begreiflich machen kann? Vielleicht können sie sich besser aufeinander einlassen und zusammenleben, wenn ihnen die Angst vor dem Ungewissen genommen wird., schoss es mir wieder einmal durch den Kopf.
Zwar war mir klar, dass kein Mensch das Etwas, von dem wir vielleicht kamen und zu dem wir nach unserem Leben wieder gingen und das wir alle fürchteten, jemals korrekt benennen konnte, dennoch sollte man zumindest versuchen, gemeinsam eine Erklärung zu finden und sich Mut zusprechen. Doch dieses konnte man nur, in dem man sich darüber bewusst war, dass niemand mehr über das Leben und den Tod wusste als der Andere.
Auch mussten die Prediger der verschiedensten Religionen sich dazu durchringen, ihren Glaubensgemeinden zu vermitteln, dass sie alle an dasselbe große Wesen glaubten, von dem sie mehr oder weniger vermuteten, dass es draußen im großen, weiten Weltall herumsegelte, die Planeten erschuf und alles fest in seinen Händen hielt. Ihnen musste verdeutlicht werden, dass dieses große und mächtige Wesen immer nur einen anderen Namen trug. Sicherlich würde es schwierig werden, dies den Menschen nahe zu bringen. Aber vielleicht könnten die Menschen dann wie eine große Gemeinschaft leben und mussten sich nicht mehr bekriegen. Gewiss konnte man weitaus ruhiger, friedlicher und harmonischer ohne den Glauben an dieses große, unbekannte Wesen zusammenleben. Allerdings sollte man den Glauben seiner Mitmenschen tolerieren und respektieren. Denn jeder Mensch hatte irgendetwas, an dem er sich in schlechten oder traurigen Zeiten festhielt. Und sei es, dass der Mensch an die endgültige Erlösung nach dem Tode glaubte und sie genauso fürchtete oder erleichternd fand wie jemand, der an ein Leben nach dem Tode glaubte. Die bewohnten Planeten unseres Universums sind voller Glauben. Selbst diejenigen, die stets steif und fest behaupteten, sie würden an nichts und niemanden und nur an das glauben, was sie mit eigenen Augen sahen, hatten ihren Glauben. Schon mehrmals hörte ich von Menschen, die ihr Leben lang an keinen Gott oder Ähnliches glaubten und glücklich damit waren. Sobald es allerdings auf den Rest ihres Lebens zuging, begannen sie häufig, an etwas Übersinnliches oder manchmal sogar an ein Leben nach dem Tode zu glauben. Vielleicht ist es die Angst, für seine Taten im Leben irgendwann einmal zur Rechenschaft gezogen zu werden, die einen Atheisten darauf hoffen ließ, am Ende des Lebens einfach zu sterben und ins ewige Nichts tauchen zu können. Denn es gab im Leben immer Momente, in denen sich ein Mensch fragte, warum er lebte und warum er gerade das Leben lebte, in das er hineingeboren worden war. Sei es, dass er gerade eine sehr schwierige oder eine sehr schöne Lebensphase durchlebte. Die wohl größte Angst und Frage des Menschen war doch nach dem Warum und nach dem Wohin. Denn aus welchem Grunde begannen Menschen, die sonst an nichts glaubten, ausgerechnet kurz vor ihrem Lebensende urplötzlich zu glauben an?
Allerdings haben die Wissenschaftler eine ganz plausible Erklärung auf diese Frage!
„Und wenn man den Menschen die Furcht vor diesem großen, unbekannten Wesen im Weltall oder die große und endgültige Erlösung nimmt, sollte auf der Erde mehr Ruhe und mehr Frieden einkehren. Vielleicht geschieht es dann ganz von selbst, dass sich die Menschen nicht mehr diskriminieren.“, entfuhr es mir nachdenklich und fragend zugleich. „Auch sollten wir die Größeren, Mächtigeren dazu anhalten, sich nicht für das einzige, wahre Vorbild für jedermann zu halten. Sicherlich gibt es kluge Köpfe, denen es durchaus zuzutrauen ist, eine Gemeinschaft anzuleiten und die es verdienen, an deren Spitze zu stehen. Dennoch sollten diese Menschen es akzeptieren, wenn es jemanden gibt, der anderer Meinung ist oder eine andere Lebenseinstellung hat. Aber ob dies so ohne Weiteres gelingen kann, bezweifele ich ein wenig. Denn mir ist bewusst, dass der Mensch jemanden braucht, an dem er sich orientieren und dem er vertrauensvoll folgen kann, sowie sich die Tiere an einem Leittier orientieren und seinen Anweisungen vertrauensvoll folgen. Aber wollte der Mensch nicht immer so unwahrscheinlich klug sein und die Situationen immer überaus gut im Griff haben? Sträubte er sich nicht geradezu dagegen, ein Tier zu sein? Tja, dann konnte man sich über die vielen tierischen Instinkte, die im Menschen steckten, doch nur wundern, oder?!
›Nun, diese Bedenken hatte wohl jeder von uns, die anderen Welten nicht vor dem Schlimmsten bewahren zu können‹, bemerkte jetzt eine andere invalide Hexe, die blind war und einen hübschen, bunten Flickenrock trug, auf die Äußerung meiner Bedenken hin und holte mich wieder zurück in die vollständige Gegenwart. ›Aber auf diesen Gedanken mit der Angst vor dem völligen Ungewissen und dem Umformen durch die Menschen, die meinen, eine besondere Lebenssituation gut überblicken und meistern zu können, sind erst ziemlich wenige von uns gekommen. Nichtsdestotrotz sollten wir auf jeden Fall prüfen, ob die große Unruhe und die großen Missverständnisse unter den Lebewesen der einzelnen Planeten wirklich von ihrem Unwissen herrührt.«, stimmte die Hexe mit einem weichen Gesichtsausdruck zu.
›Allerdings sind es nicht nur die großen Personen, die ihre Mitmenschen nach ihrem eigenen Selbst formen wollen, sondern auch die etwas kleineren Personen. Dieses müsstest du doch schon einige Male am eigenen Leibe erfahren haben, oder, Zerlina?‹, meldete sich Johanna wieder zu Wort und warf ihre blonden, langen Haare über die Schulter.
Eifrig nickte ich und erinnerte mich deutlich an meine Internatszeit zurück.
›Aber zu deiner anderen Überlegung und Frage muss ich dir noch sagen, dass es einem als Hexe oder Zauberer ziemlich leicht fällt, seine Lebensaufgabe anzunehmen. Man muss sich bloß erst mal damit abfinden, kein Lebewesen des jeweiligen Planeten zu sein und nur helfend eingreifen zu müssen. Denn man distanziert sich seltsamerweise recht schnell von den jeweiligen Lebewesen. So hochnäsig es jetzt auch klingen mag! Doch nichtsdestotrotz sind wir ebenfalls nur Lebewesen mit zahlreichen Fehlern und Macken. Dieses dürfen wir beim helfenden Eingreifen keineswegs vergessen. Und unsere Aufgabe ist es nicht, die Bewohner zu perfekten Maschinen zu machen, sondern wir sollen lediglich dafür sorgen, dass die Bewohner auf unseren bewohnten Nachbarplaneten etwas friedlicher miteinander leben und sich näher kommen. Wir wollen erreichen, dass die Bewohner sich bewusst werden, aus derselben Zusammensetzung zu bestehen und sich nicht gegenseitig auslöschen zu müssen. Jedoch sollten sie sich nicht umeinander kümmern, um ihre Langeweile zu vertreiben oder ihre Neugierde zu stillen. Die klar denkenden Lebewesen sollten füreinander sorgen, weil ihnen etwas Großes aneinander liegt und sie wieder glücklicher miteinander werden wollen. aUnser größter Wunsch ist es, die Magie der Empathie wieder zurück zu den Lebewesen zu bringen. Dennoch müssen wir uns stets daran erinnern, von unserem eigenen Planeten zu kommen. Und um das große Miteinander zu erreichen, sollten wir möglichst einfühlsam und offen sein. Aber diese Einfühlsamkeit aufzubringen, ist ziemlich schwierig“, sprach die blinde Hexe im bunten Flickenrock weiter und brachte mich von meinen mir soeben gekommenen Fragen ab. ›Aber wie du schon ganz richtig bemerkt hast, Zerlina, haben wir es alle seit Kleinkindalter an gespürt, kein Lebewesen dieser Weltkugel zu sein. Von daher ist es also nicht weiter verwunderlich, dass man es so schnell fest in seinem Herzen verankert, eine waschechte Hexe oder ein waschechter Zauberer zu sein. Dabei weiß ich allerdings immer noch nicht so recht, ob dies hilfreich oder eher hinderlich ist. Denn es kann auf der Seite des Menschen und auf Unserer nämlich zu Missverständnissen kommen, wenn sie spüren, nicht von derselben Welt zu kommen, und dann zu Rivalen werden. Doch zum Glück passiert dies nur sehr, sehr selten. Und zu Not können wir die anderen Lebewesen ja vergessend machen‹, grinste sie auf einmal spitzbübisch.