Die Magie der Empathie

Anna Meyer · Kapitel 1 von 1 · Teil 7/10

PDF-Seiten

Die Magie der Empathie

Die Magie der Empathie

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 10 Teile geteilt.

›Jaha, ich habe gesagt, dass ich mich gerne mit dem Papst treffen möchte. Das habe ich dir doch schon einige Male erzählt‹, giftete ich Emma an und setzte mich in meinem Bett auf. ›Stimmt es, dass Finn nichts von seiner zweiten, großen Lebensaufgabe weiß?‹ Erstaunt und verwirrt bemerkte ich, wie die Mutter meines Vaters bei dieser Frage unruhig und nervös wurde. Neugierig blickte ich sie an. ›Was ist los, Großmutter? Möchtest du etwas trinken?‹, fragte ich mit gespielter Ahnungslosigkeit weiter.

›Nein, nein, danke, ich trinke später in meinem Grab etwas. Wer hat dir erzählt, dass Finn es noch nicht genau weiß, einmal ein ganzes Land regieren zu müssen?, stotterte Emma weiter.

›Nun, Johanna, die ich auch schon bei einem meiner ersten Treffen mit den anderen invaliden Hexen und Zauberern auf dem Brocken kennen gelernt habe. Weißt du, Johanna ist die Hexe, die drei kleine, süße Töchter hat.‹

›Ja, ja, ich weiß, wer sie ist‹, warf Emma mit leicht erhobenen Händen schnell ein. ›Trefft ihr euch manchmal?“.

›Ab und zu bei den Zusammenkünften auf dem Brocken. Und in einer Woche bin ich bei ihr zu Hause eingeladen. Wieso? Ist das nicht erlaubt?‹, erkundigte ich mich espielt neugierig bei meiner Großmutter.

›Doch, doch, durchaus! Nur ist die gute Johanna eine kleine Quasselstrippe, die alles ausplaudert, was sie nicht ausplaudern sollte. Ja, also gut, irgendwann hättest du es sowieso erfahren. Mein Gott, ja, dein Freund glaubt nicht daran, einmal eine solch große Verantwortung tragen zu müssen. Seine Familie ist eine Königsfamilie und wohnt in einem Haus, das einem Schloss gleicht. Sie leben in einem wunderwunderschönen Land auf unserem Planeten, das mit dem Neuseeland dieser Erde zu vergleichen ist. Nun ist der Junge aber so sehr davon überzeugt als Zauberer ein ganz normaler Mensch zu sein und denkt nicht im geringsten daran, sich seiner auferlegten Lebensaufgabe mit Ehrgeiz zu widmen und sich auf seine Zukunft vorzubereiten. Und es ist ihm redlich anzusehen, dass er alles nur als ein reines Märchen abtut. In seinem Studium zum Sozialpädagogen ist er so fleißig und schreibt in den Klausuren eine Eins nach der Anderen. Wahrscheinlich ist es doch ein großer Fehler von uns, unsere Kinder so bald nach ihrer Geburt auf einen anderen Planeten zu schicken. Doch die Regierung unserer beiden Länder ist der Meinung, dass es das Beste sei. Nur, was dabei herauskommen kann, wird immer wieder sichtbar. Denn es passiert ständig, dass Hexen und Zauberer meinen, sie würden dorthin gehören, wo sie aufgewachsen sind. Und eigentlich ist das ja auch vollkommen logisch, oder?!‹

›Ja, das finde ich auch logisch‹, pflichtete ich meiner Großmutter ehrlich bei. ›Denn ich selbst habe noch bis vor Kurzem geglaubt, ein Mensch dieser Erde zu sein und aus Fleisch und Blut zu bestehen.“ Mit leichter Mühe unterdrückte ich ein Auflachen.

›Jeder Mensch und jedes Tier besteht aus Fleisch und Blut, du Pappnase‹, entgegnete Emma und kicherte leise vor sich hin. ›Nein, jetzt noch einmal ganz im Ernst, Zerlina. Wünschst du dir immer noch, mit Johannes Paul II zu sprechen?‹

›Ach Mensch, Großmutter! Diese Antwort habe ich dir vor etwa fünf Minuten doch klar und deutlich beantwortet. Werden wir etwa so langsam vergesslich, hm?‹, erkundigte ich mich in einem neckenden Ton bei Emma und pikste ihr in die Seite, sodass sie ein wenig zusammenzuckte. ›Außerdem weißt du doch, dass ich das, was ich mir einmal in den Kopf gesetzt habe, auch in die Tat umzusetzen versuche. Nur weiß ich leider nicht, ob alles so klappt, wie ich es mir vorstelle.‹

›Tja, das weiß man nie so genau.‹, kommentierte meine Großmutter nachdenklich und rückte sich auf meiner Bettkante noch etwas gemütlicher hin.

›Gibt es auf unserem Planeten wirklich nur zwei Länder?‹

›Ja. Unser Planet ist viel, viel kleiner als der blaue Planet.‹

›Gibt es bei uns ebenfalls Tag und Nacht, Frühling, Sommer, Herbst und Winter?‹, fragte ich mit großen, neugierigen Augen.

›Ja, ja, das gibt es bei uns auch. Und weil unsere Welt so klein ist und von der Sonne während des Jahres ebenfalls recht gleichmäßig umrundet wird, haben wir in beiden Ländern deutlich spürbare vier Jahreszeiten. Wir ähneln außer unserer Größe dieser Welt hier sehr. Und in den zwei Ländern, leben mehrere verschiedene Stämme, die verschiedene Sprachen sprechen. Es gibt verschiedene Tier- und Pflanzenarten. Auch haben wir nur einen Mond und eine Sonne. Und ganz genauso wie hier gehen wir Tätigkeiten nach, die wir als junger Mensch in den extra dafür eingerichteten Institutionen erlernen. Vorausgesetzt natürlich, wir bleiben als Säugling auf unserem Planeten. Das Land, in dem du geboren worden bist, heißt übrigens das Land der dreizehn Feuer speienden Vulkane. Es ist ein recht schönes Land mit viel, viel Natur und Flüssen, Seen und ist ungefähr mit Schweden zu vergleichen.‹

›Heißt das Land, aus dem ich komme, ehrlich "Das Land der dreizehn Feuer speienden Vulkane"? Das ist ja witzig‹, grinste ich, nachdem meine Oma genickt hatte. ›Gibt es dort wirklich dreizehn Vulkane, die Feuer speien?«

Wieder nickte meine Großmutter und fügte noch erklärend hinzu: »Aber meist ist das Lava das sie speien, nur sowenig, dass ihre Vulkanausbrüche für die Bewohner dieses Landes vollkommen harmlos und ungefährlich sind.«

›Und wie sind meine Eltern und Geschwister so? Ich habe doch Geschwister, oder?‹, versuchte ich mit klopfenden Herzen von Emma zu erfahren.

Inzwischen hockte auch ich auf der Bettkante und kraulte Momo, die vor mir dösend auf dem Teppich lag, mit meinen nackten Zehen hinter den Ohren.

›Hm, deine Familie ist sehr, sehr groß, Zerlina. Insgesamt seid ihr zwölf Kinder. Alles Mädchen! Die meisten von deinen Schwestern sind auf unserem Planeten und in ihrem Heimatland wohnen geblieben. Nur drei sind ins Nachbarland ausgewandert. Deine Eltern sind noch relativ jung. Etwa achtzig Jahre alt, was für unsere Verhältnisse wirklich noch jung ist. Ihr Mädchen seid wie die Orgelpfeifen zur Welt gekommen. In den ersten elf Jahren ihrer Ehe ist jedes Jahr ein Kind geboren. Nur zwischen deinen beiden kleinsten Schwestern sind zweieinhalb Jahre Unterschied‹, berichtete Emma ruhig. ›Ihr seid eine angesehene Familie in eurem Land. Dein Vater ist ein tüchtiger und guter Mann, der sich für sein Land mächtig engagiert. Er hat für die Bewohner aus seinem Land schon viel Gutes erreicht.‹

›Ist er so was Ähnliches wie ein König?‹, fragte ich leise und sah meine Großmutter etwas ängstlich an. Denn ich konnte mir rein gar nicht vorstellen, eine Königstochter zu sein. Jahre lang hatte ich unter ganz schlichten Umständen gelebt, die ich auch als sehr angenehm empfand.

›Er ist der stellvertretender König, wenn man es so nennen kann‹, bekam ich knapp zur Antwort. ›Der regierende König ist schon seit etlichen Jahren schwer krank und wird sein Amt nicht mehr allzu lange ausführen können. Und weil deine Ur-Ur-Urgroßeltern aus einer Königsfamilie stammen und der jetzige König keine Nachkommen oder andere jüngere Verwandte hat, suchte man kurzerhand deinen Vater als Nachfolgekönig aus. Und ich glaube, er wird dieses Amt gut bekleiden.‹

›Und mein Vater ist tatsächlich schon an die achtzig Jahre alt?‹

In dieser Stunde, in der ich mit Emma in meinem Zimmer auf meinem Bett gemütlich bei Kerzenschein saß, erfuhr ich, dass meine leibliche Mutter mich mit knappen fünfzig Jahren bekommen hatte. Ich war die älteste Tochter. Mein Vater war zum Zeitpunkt meiner Geburt schon etwas über fünfzig Jahre alt. Weiter erfuhr ich, dass ich inzwischen mehrfache Tante war und meine Eltern bereits eine ganze Reihe von Enkeln hatten. Ich erfuhr, dass ich mich bei meiner Geburt tatsächlich an der Nabelschnur aufgehängt hatte und deshalb eine starke Spastikerin geworden war, die keine Minute lang still sitzen oder still liegen konnte. Emma erzählte, dass die Ärzte den Zauberspruch schlichtweg vergessen hatten, mit dem sie bei mir eine Spastik hätten verhindern können, als meine Mutter schon etliche Stunden in den Wehen lag und ich nicht das Licht der Welt erblicken konnte. Sie waren so aufgeregt, als sie erkannten, die Ehefrau des nachfolgenden Königs vor sich zu haben. Denn bereits mit fünfzig Jahren stand für meinen Vater fest, dass er im fortgeschrittenen Alter einmal König seines Landes werde. Und so standen die Ärzte einfach nur um meine Mutter herum und grübelten angestrengt, wie dieser Zauberspruch noch ginge, den sie bei heiklen Geburten schon so häufig benutzt hatten. Na, und als mein Vater endlich im Krankenhaus anlangte, war ich bereits seit dreiundvierzig Minuten auf der Welt und hatte das Schlimmste seit guten drei Minuten überstanden. Denn beinahe eine Dreiviertelstunde lang kämpfte ich tapfer und mit großem Erfolg um mein Leben. Das hatte Wolfram mir auch immer erzählt. Und obwohl meinen Eltern klar war, dass ich mein Leben lang schwer körperbehindert sein würde, schickten sie mich auf einen anderen Planeten. Sie meinten, auch wenn ich eine starke Spastik hätte, so müsste ich die Tätigkeiten einer richtigen Hexe trotzdem nachgehen. Denn ich war nun einmal die Erstgeborene des zukünftigen Königs. Und so geschah es, dass ich drei Tage nach meiner Geburt in den Garten der Menschen fiel, von denen ich Jahre lang glaubte, sie wären meine leibliche Familie.

›Nun, und weil bei dem anderen Königspaar im Nachbarland, mit dem meine Eltern eng befreundet waren, gerade ein Junge geboren geworden war, versprach man Finn und mich einander, stimmt's?‹, fragte ich plötzlich dazwischen. »Und wie heißt das Land, aus dem Finn und seine Familie kommt?«

»Euer Nachbarland heißt das Land der vierzehn silbernen Seen. Und, ja, es entspricht der Wahrheit, Zerlina, dass es gut passte, dass bei dem auch zukünftigen Königspaar des Landes mit den vierzehn silbernen Seen, mit dem deine Eltern tatsächlich sehr eng befreundet sind, zu gleicher Zeit ein kleiner Junge geboren wurde. Doch nichtsdestotrotz musst du zuerst zeigen, dass du den Menschen auf diesem Planeten wirklich helfen möchtest, bevor du Finn heiraten und mit ihm zu uns nach Hause zurückkehrst. Allerdings ist es nicht wichtig, dass speziell deine Generation es schafft, auf diese Welt mehr Zusammenhalt und Gemeinsamkeit zu bringen. Es kommt vielmehr darauf an, dass irgendjemand etwas schafft, das die anderen Hexen und Zauberer weiterführen. Das hat Elena dir neulich ja auch schon erklärt. Und du bist nahe dran, es zu schaffen, Zerlina. Du hast diese Gabe, dich in die Lage deiner Mitmenschen hineinzuversetzen und ehrlich mit ihnen zu fühlen! Schon als du im Leib deiner Mutter warst, bemerkte sie, das du eine besondere Energie in dir trägst. Denn auf einmal verstand deine Mutter ihre Mitmenschen sehr viel besser, wurde in ihrem Wesen sanfter und lebensfroher. Dein Vater spürte sofort, dass es an dem Kind lag, das sie in sich trug. Na, und somit stand für die Beiden fest, dass du auf den blauen Planeten geschickt werden solltest.‹

›Aber nicht nur für diese Lebensaufgabe war ich wie gemacht, sondern auch für den Sohn des zukünftigen, befreundeten Königspaares!‹, gab ich trocken von mir.

„Ich vermute, Finn ist nicht unzufrieden mit dir, oder?‹, gab Großmutter plötzlich fragend von sich. ›Oder hat er sich irgendwann schon einmal über eure Beziehung beklagt?‹

Ein plötzlicher Lachanfall schüttelte meinen kleinen und zierlichen Körper. Und als ich mich wieder beruhigt hatte, erklärte ich Emma, dass ich noch nie zuvor einen so guten Witz gehört hätte. ›Guck mich doch bitte mal an, Oma! Ich bin eine kleine, nicht gerade hübsche Zappelhexe, die obendrein nicht sonderlich viel über das Leben der Menschen und die Dinge auf dieser Erde weiß. Warum sollte sich so ein Mann, wie Finn einer ist, gerade mich über alles lieben, mich zur Ehefrau haben und mit mir sein komplettes Leben verbringen wollen?‹

›Du weißt ganz genau, dass du nicht dumm bist. Stell dich nicht ständig in den Schatten. Man hat dir eben nicht den Schulunterricht zukommen lassen, den du nötig gehabt hättest. Das stimmt! Doch weil deine Mutter hier auf diesem Planeten immer mehr mit ihrer psychischen Krankheit zu tun bekam, musste Wolfram dich vor ihr schützen und in Sicherheit bringen. Denn er hatte deinen leiblichen Eltern versprochen, gut auf dich aufzupassen. Aus diesem Grunde schickte er dich in dieses Internat, in dem du nicht den rechten Schulunterricht erhieltest. Aber trotzdem ist aus dir ja etwas geworden!‹, stellte meine Emma fest und sah mich mit glänzenden Augen an.

›Tja, fragt sich nur, was!‹, antwortete ich kurz. ›Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass Finn mich unbedingt heiraten möchte, auch wenn er noch nicht so recht weiß, wer er wirklich ist.Vielleicht lernt er in naher Zukunft eine andere Frau kennen und möchte lieber mit ihr in den Bund der Ehe eintreten. Denn seitdem er zehn Jahre alt ist, hat er mich an den Hacken. Vielleicht fragt er sich manchmal, wie eine Beziehung mit einer Frau ist, der er ihr nicht das Essen reichen, sie nicht auf Toilette begleiten, sie nicht duschen sowie an- und ausziehen muss. Ist der Junge eigentlich schon einmal gefragt worden, wie es ihm mit mir geht?‹

›Ich glaube nicht. Falls du ihn nicht selbst gefragt hast. Wie du weißt, werden Königskinder bei der Wahl ihrer Lebenspartner nicht nach ihren Wünschen gefragt. Ihr Lebenspartner wird bei ihrer Geburt für sie ausgesucht Und es gibt da auch kein Entrinnen. Wenn bei den Königspaaren zu gleicher Zeit ein Junge und ein Mädchen geboren wird, versteht es sich ganz von selbst, dass sie heiraten und ihr komplettes Leben lang miteinander verbringen. Wieso kommst du eigentlich darauf, Finn könnte dich satthaben? Hat er schon einmal irgendetwas in diese Richtung gesagt? Oder fragst du dich manchmal, wie es mit einem anderen Mann wäre?‹, fragte Großmutter so plötzlich in den Raum hinein, dass ich vor lauter Schreck um ein Haar vom Bett gesprungen wäre.

›N ... nein!‹, kam es mir stotternd über die Lippen, ›Aber in dieser Gesellschaft werden wir Behinderten häufig als eine Last angesehen. Nun, und weil Finn und ich uns seit Säuglingsalter bei den Menschen befinden, müsste er mich ebenfalls allmählich als Last empfinden. Erst recht, weil er so ein netter und gutaussehender Mann ist.‹ Ich brach in kalten Schweiß aus.

›Das hat sicherlich mit dem Zauberspruch zu tun, den eure Eltern getan haben, als sie euch auf diesen Planeten schickten und von dem Elena dir in China erzählte. Elena hat mir neulich gebeichtet, dir vom Zauberspruch erzählt zu haben.“, gab Emma ettwas mürrisch und tadelnd von sich. „Puh, ich dachte gerade schon, du hättest einen anderen Mann im Kopf. Moritz hat Momo damals nämlich erzählt, dass du nachher gar nicht mehr richtig nach München ziehen wolltest, weil du dann so weit weg von Finn wärst. Nacht für Nacht hättest du grübelnd in deinem Bett gelegen und keinen Schlaf finden können. Auch kannst du es seit geraumer Zeit nicht mehr ertragen, von einem männlichen Assistenten angefasst zu werden. Du hast nur noch deinen zukünftigen Ehemann vor Augen und möchtest ausschließlich von ihm berührt werden. Das trifft doch zu oder hat Moritz Momo da etwa etwas Falsches erzählt? Und habe ich dir überhaupt schon gesagt, dass ich deine starke Abneigung anderen männlichen Personen gegenüber sehr sympathisch finde? Denn das zeigt, dass du Finn ehrliche Liebe und ehrlichen Respekt entgegenbringst.‹

Momo, du kleine Quasselstrippe, dachte ich und tätschelte ihr Köpfchen. Entspannt schnurrend lag sie neben mir auf dem Bett und lächelte mich vergnügt an. Nun, zumindest hast du Großmutter mein kleines Geheimnis verschwiegen, sagte ich gedanklich zu ihr. Ja, es war in der Tat ein riesengroßes Glück, dass Emma keine Gedanken mehr lesen konnte. Denn sonst sähe die ganze Geschichte recht schlecht für mich aus. Ein wenig errötend und mit gesprochenen Worten erklärte ich der Mutter meines Vaters, dass ich Finn in der Tat sehr liebte. Nur wusste ich nicht, dass mir noch eine weitere große Aufgabe bevorstehe, die mich ein wenig erschreckt hatten. Ich wollte mich mit voller Kraft und Energie doch für die Menschen einsetzen. Stattdessen musste ich mich nun zusätzlich noch auf Finn konzentrieren und darauf hoffen, dass er mir so ohne Weiteres glaubte.

›Nun gut, wenn du dich momentan nicht in der Lage fühlst, dich um zweite große Lebensaufgabe zu kümmern, dann denk' mal darüber nach, wie du es schaffst, nach Rom zu einem der mächtigsten Männer dieser Welt zu kommen und wen du dorthin mitnehmen möchtest. Denn Elena ist selbst so sehr mit ihrer eigenen Lebensaufgabe beschäftigt, dass sie sich um nichts Anderes kümmern kann.‹

„Tz, tz, tz, da kennst du Ellie aber schlecht! Und überhaupt habe ich ja noch andere Freundinnen außer Elena‹, knurrte ich Großmutter weiter an und legte mich wieder unter meine Bettdecke zurück.

Als ich schon fest glaubte, Emma schwebe fröhlich in der kühlen Luft ihrem Grab entgegen, stand sie urplötzlich wieder vor meinem Bett und sah mich mit funkelnden Augen an. Und ihr Erscheinen vor meinem Bett und ihr kleiner Wutausbruch kamen so unerwartet und plötzlich, dass mir vor Schreck fast das Herz stehen blieb.Denn vor etwa zehn Minuten hatte sie sich noch verständnisvoll gezeigt, als ich ihr sagte, ich wäre mit meiner zweiten Lebensaufgabe reichlich überfordert.

›Dir ist doch klar, dass es nicht so weitergehen kann?! Du musst uns helfen und deinem zukünftigen Ehemann in der nächster Zeit deutlich machen, dass er für das Weiterexistieren der belebten Planeten verantwortlich ist. Ich bitte dich, Zerlina, es wenigstens einmal zu versuchen. Ja, wir wissen alle, dass du langsam müde und geschafft bist. Aber wenn du deine Aufgaben gewissenhaft erledigst, wartet als Belohnung nicht nur die Vermählung mit Finn auf dich, sondern du kannst zu deiner leiblichen Familie zurückkehren. Du könntest auf immer und ewig bei ihr leben.‹ Die zweite Hälfte ihrer kleinen Standpauke kam ihr gar nicht mehr böse über die Lippen, sondern eher verzweifelt und hilflos. Auch bei mir setzten immer mehr und immer stärker die Verzweiflung und die Panik ein. Auf der einen Seite fand ich es zwar genial, dass die Invaliden bei uns genauso ihren Beitrag zum Weiterexistieren der Nachbarplaneten leisten mussten, wie alle Anderen auch, auf der anderen Seite aber hätte ich es als ausreichend empfunden, wenn meine Leute mir nur die Aufgabe gegeben hätten, mich um das Leben auf dem blauen Planeten zu kümmern. Allerdings konnten es meine leiblichen Eltern tatsächlich nicht voraussehen, dass Finn von seiner wahren Existenz nichts wissen wollte. Und auf einmal war ich so erschöpft und verzweifelt, dass ich Emma mitten ins Gesicht schrie: ›Wenn Finn Schwelm tatsächlich mein Ehemann werden soll, wird er sein komplettes Leben lang auf mich warten müssen. Von daher ist es also egal, wie lange ich dazu brauchen werde, ihm klarzumachen, dass er der Sohn des Königs aus dem Land der dreizehn Feuer speienden Vulkane und verantwortlich dafür ist, dass die Lebewesen auf unseren Nachbarplaneten nicht aussterben. Aber wie es mir unter diesem Zeitdruck geht, interessiert scheinbar niemanden. Ihr habt es ja noch nicht einmal für nötig gehalten, mir frühzeitig von meiner zweiten großen Aufgabe zu erzählen.‹

›Ja, das war nicht gerade fair, Zerlina. Da bist du ganz im Rechten!‹, pflichtete Emma mir auf einmal ehrlich und völlig unerwartet bei. ›Aber deine Eltern ahnten nun einmal nicht, dass Finn von seinem Dasein als Königssohn absolut nichts wissen möchte. Deine zweite Aufgabe war demnach also in keiner weise geplant. Das musst du uns bitte glauben, ja?!“

In den Stunden nach dem Gespräch mit Emma war ich vollkommen durcheinander. Nicht genug damit, dass Finn ein mächtiger Zauberer war, der es nicht glauben konnte, ein Außerirdischer zu sein. Und nicht genug damit, dass er ein Königssohn war, der einmal ein Land regieren sollte. Nein, nun erfuhr ich außerdem, diesem Mann erst noch begreiflich machen zu müssen, dass er eine sehr hohe Verantwortung trug, die man für kurze Zeit auch mir übertragen hatte. Was sollte um Himmels Willen dieses Ganze? Und vor allem, was passierte, wenn es mir nicht gelingen sollte, Finn davon zu überzeugen? Könnte dann wirklich für längere Zeit niemand mehr aus seinem Land irgendwohin geschickt werden, wo unsere Hilfe benötigt wurde? Gewiss träumte ich diese Sache nur. Und jeden Moment würde ich aufwachen und wieder die ganz normale behinderte Frau sein, von der ich jahrelang fest glaubte, sie zu sein.

Aber ich sollte für den Rest meines Lebens nicht aus diesem Traum erwachen!

›Wusstest du etwa auch schon, dass Herr Schwelm es nicht für möglich hält, der Sohn eines Königs zu sein und dass es meine zusätzliche Aufgabe ist, es ihm glaubhaft zu machen? Ich meine, er muss doch erst verinnerlicht haben, überhaupt ein Außerirdischer zu sein. Dies allein ist schon recht schwierig. Und nun soll ich ihm außerdem noch glaubwürdig machen, der Sohn eines Königs mit einer sehr hohen Verantwortung zu sein?!‹

›Ja.‹, kam es kleinlaut von meiner Freundin Elena. Wir beiden saßen gerade zusammen in meinem Wohnzimmer und guckten uns die Fotos an, die wir in China gemacht hatten. Mein halber Wohnzimmerteppich war voller Fotos. ›Aber mir war es strengstens verboten, es dir zu verraten. Außerdem konnte keiner ahnen, dass es so kommen würde. Wir haben gedacht, wenn Finn glaubt, ein echter Zauberer zu sein, würde er es mit dem Königssohn und seinem Heimatplaneten als wahr hinnehmen. Seine Familie hat einfach auf dich gehofft, als klar wurde, dass ihr Sohn das alles als einen blöden Witz abtut. Sie hätten mich gelyncht, wenn ich dir gegenüber in dieser Sache den Mund aufgemacht hätte.‹

›Aber ich bin doch hierher geschickt worden, um eine ganz andere Sache zu erledigen.«, warf ich in den Raum hinein.

›Ja, ja, du hast Recht. In allererster Linie bist du natürlich auf die Welt geschickt worden, um helfend einzugreifen. Aber eure Eltern haben nun einmal ausgemacht, dass Finn und du miteinander verheiratet werdet. Somit hoffen sie auf deine Überzeugungskünste. Und es ist ein wahres Glück für euch, dass ihr euch tatsächlich mögt und freiwillig ein Paar seid. Normalerweise mögen sich die zwei Menschen, die von ihren Eltern versprochen wurden, nicht so sonderlich. Sie heiraten und leben nur zusammen, weil es von ihnen verlangt wird. Und Finn und du liebt euch doch, oder?‹, erkundigte sich Elena auffallend vorsichtig bei mir und schaute mich mit großen, fragenden Augen an. »Jedenfalls sieht es ganz danach aus, wenn ihr zusammen seid.‹

›Hm, das weiß ich nicht so recht! Jedenfalls habe ich keine Ahnung, ob diese Art von Zuneigung, die ich Finn entgegenbringe, aufrichtige und ehrliche Liebe ist, die zum Heiraten genügt‹, murmelte ich so leise, wie es nur ging. Trotzdem schaute meine Freundin mich gespielt irritiert an.

›Was hast du da eben gesagt? Hab' ich das richtig verstanden?‹

Unwillkürlich musste ich grinsen. Denn für gewöhnlich musste mein Gesprächspartner bei einer Unterhaltung mit mir immer x-mal nachfragen, was ich gesagt hatte. Doch wenn ich nur vor mich hinmurmeln wollte und nicht unbedingt danach strebte, klar und deutlich verstanden zu werden, klappte es komischerweise jedes Mal auf Anhieb. Das war wirklich ein kleines Phänomen!

Äußerst verlegen und zugleich etwas ärgerlich auf mich selbst, schaute ich zu Boden und hoffte, er möge sich auftun, sodass ich darin verschwinden könnte. Allerdings war mir klar bewusst, dass Ellie genauestens Bescheid wusste. Denn sie war ja eine junge, lebendige Hexe, die des Gedankenlesens mächtig war. Aber mir schien es, als ob sie meine Offenbarung klar und deutlich hören wollte.

›Ach, zum Kuckuck, höchstwahrscheinlich erwartet ihr auch noch von uns, dass wir zusammen Kinder bekommen. Mann, ihr seid ja noch schlimmer als die Menschen‹, brach es aus mir heraus. Aufgebracht warf ich ein Foto in Richtung Heizung.

›Na, Zerlina, nun mach' aber mal einen Punkt. Wir kommen immerhin noch von unserer eigenen Welt! Und wie ich dir schon einmal zu erklären versucht habe, hat jede Gruppe der Lebewesen ihre eigenen Gesetze und Rituale, die sie für richtig und normal halten. Zum Beispiel pikieren wir uns darüber, dass in einigen Ländern dieser Welt ein Mann drei bis fünf Frauen gleichzeitig hat. Wir sagen, es ist widerlich oder gar ein bisschen pervers. Aber es ist nun einmal Sitte dieses Landes sowie es für einige Menschen ganz normal ist, nur mit einem einzigen Partner zusammen zu sein. Dennoch sagen diejenigen, für die es nicht der Normalität entspricht, dass es abscheulich ist. Aber in einigen Ländern dieser Welt ist es zum Beispiel auch völlig legitim, alte und todkranke Menschen auf ihren Wunsch hin beim Sterben zu unterstützen. Jede Gruppe der Lebewesen, sei es der Mensch, das Tier oder die Pflanze, hat ihre ganz eigene Lebensform. Und diese hält sie für ganz normal und richtig, Zerlina. Und weißt du, was mich bei den klar denkenden Lebewesen mächtig stört? Dass jede Gruppe und auch ein paar einzelne Menschen denken, sie hätten die perfekte Lebensform gefunden und müssten alle anderen von ihr überzeugen. Nur leider ist dieses Verhalten vollkommen normal und natürlich zu erklären. Und, versuchen wir nicht gerade auch, andere Lebewesen etwas von uns zu vermitteln, von dem wir meinen, dass sie damit friedlicher und glücklicher leben können, hm?‹, fragte Ellie mich in einem energischen Tonfall und sah mir direkt in die Augen.

›Da hast du etwas vollkommen Wahres gesagt. Und weil ich eben nun einmal auf diesem Planeten und mitten in Deutschland aufgewachsen bin, drängt es mich irgendwie auch danach, mich wie ein normaler Mensch fühlen und leben. So blöde es sich gerade auch anhört. Von daher weiß ich nicht so recht, ob ich Finn Schwelm jemals zu meinem angetrauten Ehemann nehmen möchte. Ach, ich weiß doch auch nicht, was mit mir los ist. Es bricht alles so plötzlich auf mich ein. Jahrelang war ich der festen Überzeugung, ein normaler Erdbewohner zu sein, und dann muss ich in nur anderthalb Jahren erfahren, eine Außerirdische zu sein, die hier helfend eingreifen soll, und zudem noch zwei so kniffelige Aufgaben erledigen muss. Ja, ich weiß, die Zeit drängt und es hängt viel von Finns und meinem Tun ab. Aber ...‹

Ich konnte diesen Satz nicht mehr zu Ende sprechen. Denn plötzlich brach ich in heftiges Schluchzen aus. Sofort kam Elena herbeigeeilt, schloss mich in ihre Arme und wiegte mich beruhigend hin und her.

›Also gibt es da doch jemand Anderes in deinem Leben?! Und zwar Jonas Müller. Stimmt 's?! Aber du wirst schon alles ins rechte Lot bringen, Zerlina. Davon bin ich fest überzeugt. Du bist stark.‹

Plötzlich vergaß ich für einige Sekunden lang meine Tränen und meine Verzweiflung und schaute Elena verdutzt an.

›Tja, Gedankenlesen ist manchmal eine wirklich feine Sache. Außerdem habe ich ebenfalls eine gute Beobachtungsgabe, meine liebe Zerlina! Und da ich dich nun schon eine ganze Weile kenne und gut leiden kann, sind mir hin und wieder doch so einige Kleinigkeiten aufgefallen. Wie zum Beispiel, dass du jedes Mal glücklich aussiehst, wenn du diese eine ganz spezielle Fotografie neben deinem Bett zufällig mit den Blicken streifst. Lange Zeit habe ich nicht gewusst, wer dieser Mann auf diesem Foto ist, bis Momo es mir eines Tages verraten hat. Denn alles kann man in den Gedanken einer anderen Hexe oder eines anderen Zauberers nun auch nicht lesen.Auch tust du deiner kleinen Katzendame so leid, dass sie irgendwann weder ein noch aus wusste und sich kurzerhand an mich wandte. Denn deine kleine Momo ist ziemlich besorgt um dich. Außerdem hat sie sich mit Moritz kurz vor seinem Tod noch einmal unterhalten.‹

Mit übergroßen Augen starrte ich meine Freundin an.

›Momo, diese kleine, zuckersüße Zimtzicke, plaudert wirklich alles fröhlich aus.‹, schimpfte ich leise vor mich hin, suchte sogleich mit den Blicken nach ihr und sagte dann etwas lauter: ›Nun, selbst selbst wenn Jonas ein netter Typ ist und ich ihn in der Tat mag, so empfinde ich dennoch nicht mehr als nur Sympathie für ihn! Ach, Mensch, Ellie, ich mag Jonas. Er ist schon etwas Besonderes. Allerdings ist er nur mein ehemaliger Masseur, der auch noch gute zehn Jahre jünger ist als ich. Zudem bin ich nun einmal für Finn bestimmt und werde ihn aus diesem Grunde auch heiraten, mit ihm auf unseren Planeten zurückkehren und das Leben im Weltall retten. Möge da kommen, was will!‹

›Du bist ehrlich eine mutige, zielstrebige und starke Person. Ich hoffe nur, dass du dich über deiner Lebensaufgabe nicht selbst vergisst!‹, seufzte Elena.

›Dies ist nun mal mein Leben und mein Schicksal, dem ich nicht entrinnen kann. Die Welten müssen weiterleben. Und dafür tragen wir alle die Verantwortung‹

›Nun, das stimmt wohl‹, murmelte Ellie und blickte gedankenverloren aus dem Fenster. ›Die Sache ist nur die, Zerlina, dass ich dich so ungern traurig sehe!‹

Da mir meine Stimme versagte, antwortete ich nur mit einem leichten Nicken.

›Allerdings weiß ich partout nicht, wie ich es Finn beibringen soll, ein Königssohn zu sein, der auf einer komplett anderen Erde zu Hause ist. Das Einzige, wo ich ein bisschen aufatmen kann, ist, dass ihr anscheinend nicht von uns erwartet, Kinder zu bekommen, oder?‹, kam es mir plötzlich doch wieder mit Ton ein wenig ängstlich über die Lippen.

›Nein, nein, das wird von niemandem verlangt. Das wäre ja auch ein bisschen dreist. Darum können die Königspaare, die keine Kinder haben, aus dem normalen Volk auswählen, wer ihre Nachfolger werden oder wer sie in einem Krankheitsfall vertreten soll. Somit könnt ihr jemanden auswählen, der eurer Meinung nach fähig ist, für das Weiterleben im Weltall zu sorgen. Dein Vater ist von seinem Freund, dem König vom Land mit den dreizehn Feuer speienden Vulkanen, ja auch ausgewählt worden. Ja gut, ich meine, ihr stammt zwar von einer Familie ab, die in Monarchkreisen verkehrt hat, doch das ist schon lange her.‹

›Tja, ich weiß nicht, ob ich Kinder haben möchte. Denn dann hätte Finn ja noch mehr Arbeit‹.

„Nun, bei uns auf dem Planeten gibt es ebenfalls ambulante Pflegedienste, die invaliden Hexen und Zauberern persönliche Assistenten zur Verfügung stellen. Aus diesem Grunde müsste Finn sich nicht immer selber um euren Nachwuchs kümmern. Außerdem wäre es schön, wenn es in Zukunft jemanden gäbe, der deine ruhige, fröhliche und positive Ausstrahlung hat und die Lebewesen auf die gleiche Art beruhigen und zur Umsicht führt. Auch wäre es zum großen Vorteil für uns, wenn es auf unserer kleinen Erde ein bisschen mehr Nachwuchs gebe. Bei uns ist es nämlich ein wirkliches Problem, genügend junge Hexen und Zauberer zu haben, die wir ausschicken können. Na, Zerlina, wie wär’s…?“, zwinkerte mir meine Freundin aufmunternd zu.

Leicht lächend und höchst interessiert hörte ich Ellie zu. Dann hatten wir ja genau das gegenteilige Problem zu dem der Lebewesen hier auf der blauen Kugel. Denn hier vermehrte man sich beinahe explosionsartig.

›Aber wie mache ich Finn nur klar, dass er seine Lebensaufgabe exakt erledigen muss?“, fragte ich nach einigen Minuten wieder seufzend. „Ich habe schon jede Möglichkeit in Erwägung gezogen, glaube ich. Auch daran, einen Dritten Weltkrieg ausbrechen zu lassen, damit er miterlebt, wie schlimm es ist, wenn vielleicht hunderte von Menschen vernichtet werden. Denn weniger Menschen hätte ich leider nicht sterben lassen können, um ihm zu zeigen, wie grausam eine so genannte Untergangstimmung ist. Aber dann ist mir eingefallen, dass er schon häufiger in Ländern war, in denen gerade ein grausiger Krieg wütete. Au menno, Ellie, wie bewerkstellige ich das alles nur?‹

Doch außer einem Achselzucken konnte ich meiner Freundin nichts entlocken.

 

XV

Dann kam die Nacht, in der mir Großmutter unterbreitete, ich könne demnächst zum Papst reisen. Zuerst glaubte ich, Großmutter wollte sich einen Scherz mit mir erlauben. Aber an ihrem ernsten Gesichtsausdruck konnte ich dann doch erkennen, dass es wahr sein musste. Mit großen Augen sah ich Großmutter an, als sie klar und deutlich sagte, dass es stimmte. Und obwohl ich den Papst so unbedingt treffen wollte, so spürte ich nun doch, wie ich vor Aufregung zu schwitzen begann. Leider bekam ich nie heraus, wie Emma für mich eine Audienz beim Papst organisiert hatte. Jedes Mal, wenn ich sie danach fragte, hob sie immer nur ihre Schultern an und machte ein recht geheimnisvolles Gesicht. Aber eine Antwort bekam ich nie!

Nachdem ich erfahren hatte, tatsächlich zum Papst zu reisen, brachte ich die kommenden Wochen damit zu, mir fieberhaft zu überlegen, wen ich auf meine Reise nach Rom mitnehmen könne. Bei diesen Überlegungen gelang es mir wenigstens, mich ein kleines bisschen von meiner zweiten und schwierigen Aufgabe abzulenken. Leider wollte mir niemand einfallen, der mich auf dieser Reise begleiten konnte.

Da der Winter mittlerweile fortgeschritten war und ein eisiger Wind um die Ecken der Häuser und über das offene Land wehte, fand auf dem Brocken wieder einmal ein Winterfest statt. Die Winterfeste konnte man übrigens mit dem Weihnachtsfest der Menschen vergleichen. Die Veranstaltungen, die für und von Hexen und Zauberern geplant und organisiert wurden, waren immer schön und gemütlich. Sie liefen bei uns ganz anders ab als bei den Lebewesen ohne herzhaftes Lachen. Nicht nur, dass sie aufgrund des geringen Alkoholkonsums viel ruhiger und friedlicher waren, nein, sie waren auch lustiger und ausgeglichener. Immer wieder musste ich feststellen, dass wir tatsächlich sehr viel öfter lachten als die meisten Menschen.

Schon eine Woche vor dem Winterfest der Hexen und Zauberer lag ich abends aufgeregt und mit wildem Herzklopfen in meinem Bett und fragte mich, ob meine leibliche Familie nun endlich einmal kämen. Würde ich nun meine Eltern und meine elf Geschwister kennen lernen? Würde ich erfahren, woher ich kam und zu wem ich gehörte? Denn je älter ich wurde, desto größer wurde meine Sehnsucht nach meiner leiblichen Familie und ihrer Wärme. Aber da meine Eltern noch niemals hier waren, würden sie auch gewiss nicht zu diesem Fest kommen.

Mit all diesen Fragen und dem vielsagenden Kribbeln im Bauch konnte ich kaum Schlaf finden. Hinzu kam, dass ich Ende Juli diesen Jahres von einer Freundin einen kleinen, nachtschwarzen Kater namens Hannes geschenkt bekommen hatte. Dieser schwängerte Momo drei Monate, nachdem er bei uns eingezogen war. Und nun war meine kleine Momo also hochschwanger und konnte sich kaum bewegen. Selbst essen, was sie sonst so gerne tat, mochte sie nicht mehr. Ängstlich hockte ich tagsüber vor ihrer Decke und beobachtete, wie sie erschöpft und schwer atmend auf der Seite lag und vor sich hindämmerte.

›Was hast du nur mit meiner Momo gemacht?‹, fuhr ich Hannes schroff an, als ich bemerkte, wie schwer meine kleine Momo an ihren Babys zu tragen hatte.

›Tz, tz, tz, das sieht dir mal wieder ganz ähnlich, liebe Zerlina. Ständig bei mir den elenden Sündenbock suchen. Ich habe mit deiner ach so süßen Momo gar nichts gemacht. Sie war es, die recht viele Nachkommen von uns beiden haben wollte. Aber ihr Frauen seid so: Erst bettelt ihr uns Männer an, euch zu schwängern, und sobald wir es dann getan haben, bekommen wir die Schuld, wenn ihr euch während der Schwangerschaft nicht wohlfühlt. Es ist immer dasselbe!‹, maulte mein kleiner Kater mich ungehalten an. Zur Strafe richtete er in der ersten Zeit nach diesem kleinen Streit kaum noch das Wort an mich. Und auch mit Momo sprach er nur selten.

›Er ist eben nicht so redselig wie ich‹, versuchte sie ihren Mann ein wenig zu verteidigen.

Und vier Tage vor unserem Winterfest gebar Momo dann sechs Junge, von denen fünf überlebten und allesamt zuckersüß waren. Es ist nur allzu gut zu verstehen, dass Momo traurig war, als ich ihre Babys im Alter von zwölf Wochen weggeben musste. Denn in meiner Wohnung war es mit acht Katzen doch ein wenig zu eng. Kimmy, ihre eine Tochter, ließ ich ihr. Ich konnte es einfach nicht übers Herz bringen, alle Kinderchen wegzugeben.

Dann war der Abend gekommen, an dem das Winterfest stattfand. Zwei Stunden vor Mitternacht erschien meine Großmutter und holte mich ab.Nur kam sie diesmal nicht allein, sondern in Begleitung von Janica, Finns kleiner Schwester. Als Großmutter schon dabei war, meine Bettdecke zur Seite zu geschlagen, hielt sie plötzlich in ihrem Tun inne, räusperte sich leicht verlegen und sagte: ›Ach bitte, entschuldige, Zerlina, dass wir dich jetzt so überfallen. Aber Janica wollte dich unbedingt vor dem großen Trubel des Winterfestes sehen und auch gucken, wie du jetzt in deiner eigenen Wohnung so lebst. Und weil ich mir dachte, dass es dir gewiss nichts ausmacht, habe ich sie einfach mitgebracht.‹

›Nö, nö, dein Besuch stört mich in keiner Weise. Ganz im Gegenteil! Ich freue mich immer, wenn jemand zu mir kommt. Ich habe ja auch schon lange nichts mehr von dir gehört. Dein großer Bruder erzählt oft von dir.‹, erklärte ich Janica mit einem vergnügten Lächeln.

›Das ist schön, dass dir mein „kleiner Überfall“ nichts ausmacht!‹, entgegnete Finns jüngste Schwester, zog ihre dicke Flugjacke aus und hängte sie schwungvoll über die Sofalehne im Wohnzimmer.

›So, ihr beiden, ihr könnt gleich auf unserem Feste noch weiterplaudern‹,

unterbrach uns Emma. ›Ich ziehe Zerlina eben fertig an und dann fliegen wir los, okay? Janica, du kannst dir inzwischen die fünf kleinen Babys von Momo angucken.‹

Und im nächsten Moment hörte ich Janica in meinem Wohnzimmer ausrufen: ›Oh mein Gott, sind die süüüß!‹

Die Nachtluft war schneidend kalt. Schön, dass es gleich auf dem Winterfest etwas Warmes zu trinken gibt, freute ich mich. Zusammengekauert hockte ich auf meinem Besen und war sehr dankbar für meine Sitzschale, die meinen immer schmerzenden und verkrampften Rücken kuschelig warm hielt. Gut gemacht, Papa, lobte ich gedanklich meinen Vater.

Hoffnungsvoll sah ich mich in dem großen Saal um, der festlich geschmückt war und in dem sich bereits viele Hexen und Zauberer aufhielten, ob ich meine Schwestern und Eltern irgendwo entdecken konnte. Doch all die Leute, die um mich waren, kannte ich schon. Auch Antonia, die sich damals bei meinem ersten Winterfest so rührend um mich kümmerte, war heute nicht da. Und Finn glänzte eh wieder mal durch Abwesenheit.

›Nein, da deine Familie auf unserer Erde lebt, besucht sie die Feste auf den anderen Planeten nicht‹, erklärte Janica mir plötzlich und hielt mir eine Tasse mit heißem Kakao aus Sojamilch hin. Dankbar trank ich einen Schluck.

›Nun, darauf hätte ich auch selbst kommen können!‹, tadelte ich mich und schüttelte ärgerlich meinen Kopf. ›Können sie eigentlich zwischen zwei Welten wandeln?‹

›Ja, da sie die zukünftige Königsfamilie ist, hat auch sie das Privileg, auf zwei Welten leben zu können. Aber nur dein Vater macht von diesem Privileg Gebrauch. Deine Mutter und deine Schwestern waren, glaube ich, noch nie auf einer anderen Erde.«, bekam ich von Janica zur Antwort.

Diese Nacht wurde wieder mal wunderschön. Es gab viele Aufführungen, leckeres Essen und lauter nette Leute zum Unterhalten. Und immer mehr hatte ich das wunderschöne Gefühl, endlich angekommen zu sein!

›Hm, Zerlina, darf ich dich mal etwas fragen?‹, erkundigte sich meine zukünftige Schwägerin etwas zaghaft bei mir, als sie mal wieder bei mir eintraf.

›Na, klar! Was möchtest du wissen?‹

›Ähm, ja, man hat mir vor einiger Zeit erzählt, dass du vorhast, dich mit dem Papst zu treffen. Was versprichst du dir davon?‹

›Na, er kann ja schon recht aktiv mithelfen, das Elend auf Erden zu stoppen! Denn wenn die katholische Kirche den Menschen erlauben würde, Kondome zu benutzen, würde es zumindest nicht mehr so viele Aidskranke und –tote geben. Familien würden nicht mehr so brutal auseinandergerissen. Und den Leuten wäre es möglich, selbst zu entscheiden, wie viele Kinder sie bekommen und ernähren können. Auch den Behinderten in Afrika und in anderen armen Ländern dieser Welt geht es wirklich schlecht. Denn es fehlt das Geld, um diese Menschen richtig zu betreuen und zu fördern. Vor einigen Monaten war ich im Sudan und konnte es mit eigenen Augen sehen‹, erzählte ich Finns kleiner Schwester aufgebracht.

›Hm, da ist wohl etwas Wahres dran‹, entgegnete Janica nachdenklich.‹

›Ja. Und Großmutter hat schon ein Treffen mit dem Papst für mich organisiert‹, erzählte ich Janica mit vor Aufregung leichtem Herzklopfen.

Plötzlich stand meine Großmutter hinter uns. ›Ähm, ich wollte nur sehen, ob du irgendetwas brauchst‹, teilte Großmutter mir leicht nervös mit und verschwand gleich wieder, nachdem sie mitbekommen hatte, was ich meiner zukünftigen Schwägerin soeben erzählte.

Ich erfuhr tatsächlich nie, wie es Emma gelungen war, für mich ein Gespräch mit dem Papst zu organisieren. Überhaupt wusste ich über die wirklichen Zauberkünste meiner Großmutter leider nur sehr wenig. Mir war lediglich bekannt, dass sie Dinge verwandeln sowie gewünschte oder einige ersehnte Lebenssituationen herbeizaubern konnte und dass sie mir eine äußerst gute Lehrerin war. Na, und nun wusste ich auch noch, dass sie den Papst und/oder seinen Terminkalender verzaubern konnte.

An diesem Abend lachte ich viel mit den Anderen und führte eine angeregte Unterhaltung mit Janica. Dabei überlegten wir, ob der Papst vielleicht doch eine ganz andere Einstellung zur Religion, zum Bevölkerungszuwachs und zur Verhütung hatte, wie wir es bisher immer glaubten.

›Wir können es alle irgendwie nicht so ganz für möglich halten, dass Johannes Paul II. seine Ansicht geändert hat. Ich meine, Papst ist doch schließlich gleich Papst und kann und wird seine Meinung in diesen Dingen niemals ändern. Doch nichtsdestotrotz finde auch ich, wir sollten es ruhig noch einmal auf ein Gespräch drauf ankommen lassen. Wer weiß, wie der gute Johannes Paul jetzt eingestellt ist? Vielleicht ist er inzwischen wirklich einsichtiger geworden. Jedenfalls würde ich dich auch begleiten wollen, wenn du magst. Ich muss nämlich noch einige Pluspunkte bei meinem Brüderchen sammeln. Wir haben uns vor einer Woche mächtig gestritten. Tja, und nun ist das Verhältnis zwischen uns recht abgekühlt. Er ärgert mich andauernd mit meiner kleinen, süßen Ratte. Er meint, wenn ich sie ständig an erste Stelle setze, werde ich nie einen Mann finden. Und da er immer und immer wieder davon anfängt, kann ich es langsam nicht mehr lustig finden. Dabei hatte ich schon sehr lange einen Freund. Nur weil er dir seit rund fünfundzwanzig Jahren treu ist, denkt er, er wäre ganz, ganz toll. Na ja, vielleicht bin ich auch nur zu empfindlich‹, überlegte Janica und verzog ihr noch junges Gesicht leicht grübelnd.

›Ich glaube, Finn hat das nur aus Spaß gesagt. Du weißt nicht, wie oft er mich veralbert. Und unter Geschwistern ist es nun mal so üblich, dass man sich mitunter ganz schön streitet, fetzt und neckt‹, versuchte ich Janica ein wenig zu trösten und streichelte flüchtig ihre Schulter.

›Hm, du hast Recht. Und eigentlich ist Finn auch ein unheimlich lieber, netter Kerl. Nur dass er manches Mal so einen Schwachsinn von sich geben muss, regt mich auf. Aber auf der anderen Seite tut er dann wieder so, als ob er mein Vater wäre. Doch das liegt wohl am großen Altersunterschied.‹

Leicht grinsend nickte ich.

›Bist du mit Finn eigentlich rundum glücklich? Oder fragst du dich an einigen Tagen auch mal, wie es wohl mit einem anderen Mann wäre? Denn ihr beiden kennt euch schon von Kindesbeinen an. Sehnt man sich da nicht, sich noch einmal ganz neu zu verlieben? In einen Mann seiner eigenen Wahl zum Beispiel?‹

›Nun, danach habe ich mich noch gar nicht gefragt‹, log ich und spürte sogleich, wie mir ganz heiß wurde. Höchst peinlich berührt versuchte ich, der kleinen Schwester meines Freundes jeglichen Augenkontakt mit mir zu verweigern.. ›Ich bin mit deinem Bruder wirklich total glücklich. Und da wir bis vor kurzem nicht wussten, dass wir einander versprochen sind, ist es für uns auch so, als ob wir uns ganz zufällig getroffen und ineinander verliebt hätten. Nein, ich habe mich in der Tat noch nie gefragt, wie es wäre, wenn ich mich von Finn trennen und ohne ihn leben müsste. Unsere Eltern haben es schon gut gemacht, als sie uns füreinander bestimmten!‹ Etwas zu hastig nahm ich noch einen Schluck von meinem heißen Kakao und spürte ärgerlich, wie mir die Stimme zu versagen drohte. Denn in diesem Augenblick sah ich plötzlich meinen wahren Traummann vor meinem geistigen Auge. Ja, mir war sogar so, als könne ich dich riechen. Mit angsterfülltem Herzen blickte ich zu Janica hinüber. Denn ich befürchtete, sie habe den Bruch in meiner Stimme wahrgenommen und wartete mit geschlossenen Augen auf ihre nächste Frage. Außerdem fühlte ich, dass auch sie genau Bescheid wusste. Doch dann unterhielten Janica und ich uns den Rest der Nacht nur noch über meine Reise nach Rom und schmiedeten Pläne, wie ich es am besten anstellen könnte, mit dem Papst genau über die missliche Lage in der Welt zu sprechen, die uns am meisten am Herzen lag. Denn die Schwester meines zukünftigen Ehemannes war tatsächlich bereit, mich in den Vatikan zu begleiten. Einerseits war ich unendlich erleichtert, so schnell jemanden gefunden zu haben, der mich begleiten wollte, aber auf der anderen Seite wurde mir bei dem Gedanken ein wenig mulmig, dass ausgerechnet Finns Schwester mit mir flog. Ich erzählte Janica, dass der Papst mich am neunundzwanzigsten Januar zweitausendundvier erwartete. Zum Glück war diese Reise noch acht Wochen hin. Denn ich wollte meine kleine Momo mit ihrer großen Kinderschar jetzt auf gar keinen Fall allein lassen. Zumal ich auch spürte, wie sehr sie mich jetzt brauchte. Jede Nacht lag sie eng an mich gekuschelt und sprang meist noch nicht einmal vom Bett herunter, wenn sie ihre Notdurft verrichten musste, sondern sie pieselte in vollem Strahl auf die Matratze, nur um ja nicht von mir wegzumüssen. Nun, Momo und ich hatten ja schon von Anfang an eine ziemlich enge Bindung zueinander. Aber seit sie eine junge Mama geworden war, war die Bindung noch sehr viel enger und vertrauter.

Das Jahr zweitausendundvier fing also wieder mit Sachenzusammensuchen an. Erschöpft hockte ich an so manchen Abenden zwischen Dingen, bei denen ich es für nötig hielt, sie mitzunehmen und die ich mir nicht so ohne Weiteres zaubern konnte. Schnell lieh ich mir noch von einer Bekannten die christliche Bibel aus und las einige Textstellen flüchtig durch, um wenigstens ein kleines bisschen Wissen von dieser Geschichte zu haben. Zwischendurch kam immer wieder Kimmy, die kleine Tochter von Momo, zu mir gelaufen und erkundigte sich neugierig, was dort draußen jenseits der großen Fensterscheiben wäre. Daraufhin erklärte ich ihr, was Bäume, Wälder, Felder, Blumen, Pflanzen, Gras, Berge und Täler waren. ›Und was deine kleine, süße Mama da neulich vollständig ausgebuddelt hat, war eine Palme in einem großen Blumentopf gewesen.‹, kam es mir trockener über die Lippen, als ich es beabsichtigt hatte.

›Tja, meine liebe Zerlina, wenn du mich nicht ständig verlassen und mir ein bisschen mehr Aufmerksamkeit schenken würdest, würde ich auch ganz lieb und brav sein!‹, gab Momo teils etwas ärgerlich, teils mit einem fast nicht zu bemerkenden Kichern in der Stimme von sich.

›Ach, Momo, nun bleib' mal fair! Denn du weißt ganz genau, dass ich so viel reisen muss, um meine Lebensaufgabe verstehen und erledigen zu können. Ich wäre auch lieber häufiger bei dir. Erst recht jetzt, wo du deine kleine, süße Kimmy hast, die gerade eben erst alles entdeckt. Aber die Pflicht ruft.‹

›Ja, ja, das stimmt.‹, stimmte mir Momo mit einem mürrischen Gesichtsausdruck zu, ›Aber trotzdem wundert es mich, dass ihr Menschen, oder ihr, die den Menschen ähnelt, meint, ihr könntet von heute auf morgen das Leben und Treiben auf einem Planeten vollkommen verändern. Denn du hast selbst gesagt, dass Einzelne viel zu sehr von Anderen zurechtgebogen werden und ihre eigenen Meinungen über Bord werfen.‹

›Wie meinst du das denn jetzt?‹, fragte ich eine Socke fallend lassend entgeistert. ›Soll das etwa heißen, wir steigern uns da in etwas hinein, das niemals möglich ist, es Wirklichkeit werden zu lassen? Dann hätten und könnten die Menschen bei den Kriegen, die hier schon seit Beginn der Menschheit wüten und die es immer wieder zu schlichten gilt, seelenruhig sagen können, dass es zwecklos ist, sich dort einzumischen und sie auflösen zu wollen, da sie doch nichts verändern können. Was ist das für ein Blödsinn, Momo? Ach ja, ich weiß jetzt, was du meinst.‹, erklärte ich mit einem erleichterten Lächeln nach kurzem Nachdenken. ›Aber manchmal muss man von seiner etwas festgefahrenen Meinung eben abweichen, um für etwas Neues und vielleicht Sanfteres und Besseres offen zu sein. Nein, was ich immer ein wenig kritisiere, ist, dass die meisten Menschen häufig blind und taub einer anderen Meinung folgen. Das ärgert mich. Na, und da wir den Menschen nun einmal nichts anhexen dürfen, müssen wir mit ihnen Gespräche führen und versuchen, sie auf diese Weise richtig nachdenken und sich über ihre eigenen Probleme bewusst werden zu lassen, bevor sie der Ansicht von jemand Anderem folgen. Verstehst du das, Momo?‹

›Du hast ja Recht. Vielleicht bin ich wirklich nur ein wenig sauer, dass du mich so häufig allein lässt‹, murmelte meine kleine Katzendame und kuschelte sich schnurrend in meinen Arme.

 

XVI

In einer eisigen Nacht der letzten Woche des Januars flogen Janica und ich dann gen Rom. Nur dieses Mal flogen wir in einem normalen, warmen Flugzeug. Das Risiko war schlichtweg zu groß, dass der Vatikan unsere wahre Identität bemerkte, wenn wir unseren Besen reisten.

Wir kamen in der Wohnung einer Nonne unter, die etwas außerhalb des Vatikans wohnte. Die Wohnung war hell, gemütlich und sah wie eine ganz normale 3-Zimmerwohnung aus. Seltsamerweise hatte ich sie mir ein wenig anders vorgestellt. Es hing lediglich ein Kreuz mit Jesus im Wohnzimmer. Zum Glück war die Wohnung der Nonne recht geräumig und mit einem Fahrstuhl gut zu erreichen. Und da Janica und ich diesmal in einem komfortablen Flugzeug gereist waren, hatte ich meinen eigentlichen Rollstuhl mitnehmen können. Ich bin mit dem Leben einer Nonne oder eines Mönchs überhaupt nicht vertraut, entschuldigte ich mich gedanklich bei der Nonne. Ich dachte, dass in der Wohnung einer christlichen Nonne oder eines christlichen Mönchs viel mehr Bilder von Jesus, Maria und Joseph und Kreuze hängen und man im einzelnen Möbelstück ihren strengen Glauben wiedererkennt.

In den ersten Stunden unseres Vatikanbesuchs erfuhren wir von den Bewohnern, dass hier etwa tausend Menschen lebten. Davon etwa dreitausend Angestellte. Neugierig schauten Janica und ich uns im kleinsten Staat der Welt um. Wir besichtigten den Radiosender, der wie ein ganz normaler Radiosender gestaltet war. Nur wurde hier fast ausschließlich kirchliche Musik gespielt und die Beiträge und Nachrichten ähnelten den Predigten des Papstes und denen der anderen Kirchenmänner. Auch die Druckerei, in der die vatikanische Tageszeitung Osservatore Romano gedruckt wurde, war mit üblichen Druckereien zu vergleichen. Dieser Stadtstaat war überwiegend auf Spenden, den Erlös aus der Münzprägerei und aus dem Briefmarkendruck sowie auf die Einnahmen aus Handels- und Gewerbemonopolen angewiesen. Da der Vatikan eine Währungsunion mit Italien hat, wird hier ebenfalls mit dem Euro gezahlt, auch wenn es im Vatikan eine eigene Währung gibt. Der Vatikanstaat hat demnach einen ganz eigenen Euro. Selbst eine eigene Fahne hatte dieser winzige Staat. Fast jeden Tag gingen wir an den Fluss Tiber, der als Hauptfluss des Vatikans betrachtet wird. Man erzählte uns weiter, dass der Name dieses kleinen Staates von dem am rechten Ufer gelegenen Hügel Vaticano stammte.

In diesen drei Wochen bekam ich zwar einen guten Einblick in das Leben der Katholiken, aber als ich zwei Tage vor meiner Abreise in das Empfangszimmer des Papstes geleitet wurde, war ich doch etwas enttäuscht. Denn ich wusste immer noch recht wenig über das Tun dieser Menschen. Ich wusste lediglich, dass diese Menschen ständig in die Kirche gingen, beteten, einmal wöchentlich ihre Sünden beichteten, versuchten, so viel Gutes zu tun, wie ihnen nur möglich war und an einen Gott in Menschengestalt glaubten, der ein junges Mädchen von nur vierzehn Jahren schwängerte. Dieses junge Mädchen stammte unmittelbar vom großen Gott ab. Es wurde von Gott auserwählt, um seinen Sohn, den angeblichen Erretter dieses Planeten, der er selbst war, schicken zu können. Beim längeren Nachdenken über die Geschichte fiel mir zum allerersten Mal auf, dass, falls es stimmte, dass Gott durch seine eigene Tochter seinen Sohn auf die Welt schickte und ihn von ihr gebären ließ, es eine Art Inzest war. Dieser Gedanke war sehr abstoßend für mich und vergrößerte meine Abneigung gegen die Christen um ein Vielfaches! Allerdings könnte es bei dem christlichen Glauben ja auch so gemeint sein, dass Maria nur eine Tochter unter vielen war. Denn die Menschen waren nun einmal "die Kinder Gottes". So sagten sie es wenigstens. Jedoch hätte Gott trotz alledem auf irgendeine Art und Weise Inzest betrieben, wenn jeder Mensch tatsächlich von ihm persönlich abstammte. Nun, es blieb dann aber noch die Frage, wie es sich mit der "Inzesttheorie" verhielt, wenn Gott Jesus selber war...

Auch war mir die hohe Abneigung der Christen gegenüber Menschen zuwider, die homosexuell waren. Und diese Abneigung stammte überwiegend daher, weil sich diese Menschen nicht so ohne Weiteres fortpflanzen konnten sowie Gott es vorgab. Immer wieder verheimlichten homosexuelle Menschen ihre „Neigung“, aus reiner Angst, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Und manchmal mussten sie auch um ihr blankes Leben bangen. Nun, ich musste mich für meine Mitmenschen, die an Jesus Christus glaubten, wirklich in Grund und Boden schämen!!!

Jesus erblickte in der Stadt Bethlehem in Palästina in einem Stall zwischen Ochsen und Kühen das Licht der Welt. Es herrschte große Freude, als die Heiligen Drei Könige aus dem Morgenland die Geburt von Jesu Christus verbreiteten. Denn mit seinem Erscheinen befreite Jesus die Menschen von all ihren Sünden und den daraus hervorgehenden Qualen und ebnete ihnen den Weg ins ewige, göttliche Paradies. Und viele Menschen glaubten oder hofften, dass mit der Geburt dieses Mannes der absolute Frieden auf diese Erdkugel einkehren und niemals wieder etwas Böses geschehen würde und sie auf ewige Zeit von dem Bösen erlöst seien. Doch die Unruhe zwischen den Menschen fing mit der Geburt von Jesus erst richtig an. Denn diejenigen, die nicht glaubten, dass dieser Mann mit den langen Haaren, dem Rauschebart, der Art Kutte und den Sandalen an den Füßen der Sohn Gottes war und ihre Späße mit ihm oder über ihn trieben, wurden verfolgt. Ja, sogar mehr als zweitausend Jahre nach seiner angeblichen Geburt führte man seinetwegen immer noch Krieg, mordete und folterte seine Mitmenschen zu Tode.

Weiter erfuhr ich, dass Jesus im Alter von dreiunddreißig Jahren von den Römern gekreuzigt wurde, da er sich als der wahre König der Juden bezeichnete. Die Juden meinten jedoch, Jesus wäre ein Prophet und ein elender Lügner, der nicht zu ihnen gehöre und ihr Oberhaupt sei, und stimmten deshalb seiner Hinrichtung zu. Seine Kreuzigung und Beerdigung fand in Jerusalem statt. Am dritten Tag nach seinem qualvollen Tod am Kreuz stand Jesus wieder von den Toten auf und bewies somit, dass er das direkte Kind Gottes war. Denn welcher normale Mensch, der auf herkömmliche Art und Weise gezeugt und geboren worden war, konnte aus seinem Grab wieder auferstehen und lebendig sein? Die Christen, die in Israel beheimatet waren, hatten eine heftige Auseinandersetzung mit den Palästinensern. Denn diejenigen, die an Jesus Christus glaubten und ihn verehrten, verspürten aufgrund seines Grabes eine heftige Eifersucht auf die Christen in Palästina. Und dieses schürte den ewig andauernden Streit dieser beiden Länder. Denn da in Jerusalem nun einmal das Grab von Jesus, der Felsendom bzw. die Al-Aqsa-Moschee, eine der heiligsten Stätten der Moslems, und die Klagemauer der Juden war, kam diese Stadt niemals richtig zur Ruhe. Der gläubige Mensch ertrug es einfach nicht, dass sein Gott, an den er glaubte und den er anbetete, nicht der einzige und wahre Gott sein sollte. Nun, die Menschen konnten nicht friedlich zusammenleben. Und es war auch gar nicht machbar und im Sinne des Weltalls. Denn wenn alle Lebewesen, die es auf einigen Planeten gab, immerwährend harmonisch und glücklich miteinander lebten und umgingen, würde es womöglich viel zu wenige Streitereien, Kriege und dementsprechend viel zu wenig Tote geben. So grausam es sich auch anhören mag! Aber vielleicht würde sich auf der Welt auch alles ganz von selbst ausgleichen. Das Leben und der Tod. Allerdings kann es niemand von uns wissen, wenn wir nicht einmal ausprobiert haben, friedlich und harmonisch zusammenzuleben!

Weiter: Teil 8 von 10