Die Magie der Empathie

Anna Meyer · Kapitel 1 von 1 · Teil 9/10

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Die Magie der Empathie

Die Magie der Empathie

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 10 Teile geteilt.

Seine Mitriesen schienen damit einverstanden zu sein. Denn innerhalb der nächsten Augenblicke waren die Riesen tatsächlich verschwunden.

„Zerlina, was war das, um Himmelswillen? Aus welchem Fantasiefilm sind die denn entsprungen? Na, aber wie gut, dass sehr große Leute meistens nur sehr wenig Hirn haben.‹, prustete Finn plötzlich los und warf sich auf den Rücken ins völlig nasse Gras.

Geschafft und sprachlos blickte ich Finn eine Weile an. Und obwohl das Gras vom Regen immer noch ziemlich nass war, machte Finn keinerlei Anstalten, endlich aufzustehen.

›Tja, mein Lieber, wie ein kleiner Schisser versteckst du dich hinter meinem Rollstuhl.‹, bluffte ich meinen Freund ungehalten an, nachdem ich meine Stimme wieder gefunden hatte. ›Du schaffst es einfach nicht, dich mit deiner wahren Identität zu identifizieren und vertraut zu machen. Du bekommst es noch nicht einmal hin, mich zu beschützen.‹

›Wieso? Ich habe die Riesen doch auf die Idee gebracht, dich am Leben zu lassen, damit du auf ihrer Erde Streitereien schlichten kannst. Auch habe ich ihnen mit dem großen, unbekannten Wesen einen reichlichen Schrecken eingejagt.Selbst wenn sie dich niemals im Leben angefasst oder gar verletzt hätten. Aus welchem Grund dennn auch? Und überhaupt wollt ihr Frauen doch immer die Gleichberechtigung haben. Aber wenn wir Männer euch dann den Vortritt lassen, ist es auch nicht recht. Meine Güte noch mal, was sollen wir denn eigentlich machen, um es den Damen angenehm zu gestalten, he?‹, erklärte Finn jetzt ein wenig gereizt.

›Nun, euch zumindest nicht wie die letzten Feiglinge benehmen!‹, herrschte ich Finn weiter an.

„Aber jetzt sag' schon, wo kamen diese Verrückten her? Vor denen konnte man wirklich ein bisschen Angst bekommen. Seltsamerweise hatten sie sehr große Ähnlichkeit mit den riesigen Geschöpfen, von denen ich als Kind und Jugendlicher manchmal träumte und die mich in letzter Zeit in meinen Träumen auch wieder häufiger heimsuchten. Dennoch waren das keine Außerirdischen! Jetzt erzähl' schon, waren wir etwa bei so 'ner bekloppten Fernsehshow dabei und sind heimlich gefilmt worden? Au, und ich habe mich noch nicht einmal rasiert.“, nörgelte Finn gespielt und strich sich mit der linken Hand übers Kinn.

„Weder noch!“, gab ich jetzt leicht matt zurück und ließ mich schlapp in meinen Rollstuhlsitz zurücksinken.

„Es waren definitiv die Riesen des gelben Planeten, von denen du als Kind manchmal geträumt hast und die dich in letzter Zeit wieder häufiger besuchten. Da kannst du dich drehen und wenden wie du willst. Du musst der Tatsache jetzt endgültig ins Gesicht sehen. Wir sind Außerirdische, beherrschen das Zaubern eigentlich perfekt sollen unter den Menschen eine Gemeinschaft bilden und werden von den Bewohnern des gelben Planeten verfolgt. Also, wir haben noch einiges vor uns, Finn! Die Planeten brauchen uns. Und gerade so einem Angsthasen wie dir soll ich in möglichst kürzester Zeit nahebringen, dass er ein waschechter Zauberer ist, von einem anderen Planeten kommt und es eines Tages an ihm liegt, dass es in fünfhundert Jahren noch Leben in unserem Weltall gibt?! Das bekomme ich doch niemals hin, verdammt noch mal. Was ist bloß los mit dir? Wieso hast du dich so verändert? Du warst doch mal so mutig, für alles offen und wolltest die Welt verändern. Wo ist dieser mutige Mensch jetzt hin? Mann, von uns hängt das Leben im Weltall ab. Du kommst vom Planeten der Hexen und Zauberer, bist der Sohn des Königs aus dem Land der vierzehn silbernen Seen und sollst irgendwann den Thron besteigen und dieses Land regieren.‹

›Ach, Zerlina, das hört sich alles nach einem wunderschönen, romantischen Märchen an, oder?! Ich kann mir nun einmal partout nicht vorstellen, in ein paar Jahren auf einen Planeten zurückzukehren, auf dem ich vor knapp sechsunddreißig Jahren angeblich geboren wurde. Das ist vollkommener Quatsch! Ich bin ein ganz normaler Mensch und von Beruf Bürokaufmann und werde demnächst nebenbei mein Studium zum Sozialpädagogen beenden. Von politischen Dingen habe ich überhaupt keine Ahnung. Ja gut, ich weiß ungefähr, was die hohen Herren, die in der Politik sitzen, tun müssen oder besser gesagt tun müssten, damit es den Menschen besser geht. Aber wenn ich daran denke, diese Dinge irgendwann selbst in der Hand zu haben, wird mir flau im Magen. Das kann ich, kleiner Mann, doch gar nicht. Ich habe nun mal von Politik nur das nötigste Wissen. Außerdem halte ich es für totalen Schwachsinn, nicht von dieser Welt zu kommen. Ja, ich kann ziemlich gut zaubern. Das ist Fakt. Doch vielleicht war mein Ur-ur-großvater ja so was Ähnliches wie ein David Copperfield oder so ähnlich. Es gibt viele gute Zauberer, sodass es nicht weiter verwunderlich ist, von Dingen zu hören, die nur schwer oder gar nicht zu erklären sind.‹

Finn hatte ruhig zu mir gesprochen, wie es seine Art war. Er verlor beinahe nie die Beherrschung oder geriet gar in Wut.

›Und wie erklärst du es dir bitte schön, woher die Dinge, mit denen sie uns beworfen haben? Oder dass manche Menschen durch die Luft fliegen können. Bist du nicht auch schon mal auf einem Besen irgendwohin geflogen?‹

›Nein, das bin ich nicht! Du weißt genau, dass ich wegen meiner Höhenangst nur unter Protest in ein Flugzeug steige. Und es gibt durchaus Dinge, die man sich nicht erklären kann sowie ich es eben schon gesagt habe. Aber es ist unmöglich, dass man weite Strecken auf einem Besen zurücklegen kann. Ein ganz kurzes Stückchen vielleicht. Von einem kleinen Berg hinunter, etwa wie beim Skispringen. Aber Strecken von mehreren Kilometern sind völlig unmöglich!‹

›Tja, aber in Afrika habe ich die Anderen allein mit meinen Gedanken herbeigerufen. Wie erklärst du dir das? Denn im Sudan habe ich die anderen Hexen und Zauberer zur Hilfe geholt, obwohl ich mit Emma ganz alleine spazieren gegangen bin. Das habe ich dir doch erzählt, oder? Auch habe ich die Strecke von Deutschland bis in den Sudan auf meinem Besen zurückgelegt.«

»Tz, solch einen gottverdammten Blödsinn möchtest du mir nicht allen Ernstes erzählen?! Ich meine, mit diesem Teil, das in deinem Schlafzimmer gut versteckt hinter dem langen Vorhang am Fenster steht und dessen Stiel manchmal von deinen Katzen als Kratzbaum benutzt wird, kannst du doch unmöglich auch nur einen einzigen Meter weit fliegen. Ich habe gedacht, mit diesem Besen mit der Sitzschale oben drauf, dessen Machart wirklich sehr gelungen aussieht, gehst du zum Karneval oder Ähnliches. Sag bloß, du möchtest mir jetzt glaubhaft machen, dass du auf diesem Ding von München bis in den Sudan geflogen bist, ohne Schutz um dich herum?!, erkundigte Finn sich beinahe fassungslos bei mir und schnitt eine lächelnde Grimasse. ›Wenn ja, bringe ich dich gleich, sofort in die Psychiatrie. Denn dann stimmt irgendetwas mit dir und deiner Psyche nicht. Ja gut, ich glaube manchmal auch an Dinge, die nicht hundertprozentig logisch zu erklären sind. Aber fliegende Besen, Teppiche oder UFOs halte ich für etwas, das sich die Menschen für ihre Romane, Filme oder Märchen ausgedacht haben.«

Da Finn mich nun mit einem ernsten Gesichtsausdruck ansah, der mich zweifeln ließ, ob er mich nicht tatsächlich schnurstracks in eine Psychiatrie bringen würde, wagte ich nicht mehr, weiter zu sprechen und ihm noch Weiteres aus meinem Leben als echte Hexe auf einem fliegenden Besen zu erzählen.

›Ach ja, und zu deiner Frage, was ich wohl meine, wie du damals im Sudan die anderen Hexen und Zauberer herbeigerufen hast, so muss ich dich daran erinnern, dass Gedankenübertragung die älteste Sache der Welt ist‹, erklärte Finn nun leicht genervt. ›Und nur weil Menschen, die etwas Unerklärliches können, heutzutage nicht mehr sofort gehängt oder auf einem Scheiterhaufen verbrannt werden, dürfen sie ihren Mitmenschen ihr Können offenbaren. In manchen Ländern der Erde zumindest. Nein, von Gedankenübertragung erzählte man sich wirklich schon im tiefsten Mittelalter. Nur dass man zu diesem Zeitpunkt die Menschen noch hinrichtete, weil es halt mit verbotener Zauberei zu tun hatten. Ich habe neulich in einem historischen Roman von einem Jungen gelesen, der sich gedanklich mit Pferden unterhalten konnte. Und höchstwahrscheinlich gibt es Menschen, die einen so ein feines Gespür haben, dass sie es wahrnehmen, wenn ihnen gedanklich etwas erzählt wird oder sie gedanklich gerufen werden. Wir beide können es ja auch spüren, wenn jemand von uns krank ist und den Anderen dringend braucht. Und gerade du, meine kleine Zapplerin, hast eine ganz besonders feine Antenne. Das hat sogar schon Kira bemerken müssen, die sonst nicht an übernatürliche Dinge glaubt. Und eben hat es auch so ausgesehen, als ob du dich mit diesen seltsamen Typen gedanklich unterhalten hättest. Nur ist es dir nicht gelungen, Hilfe zu holen. Ganz logisch, oder? Auch möchte ich es noch einmal betonen; ich habe niemals behauptet, ein ganz klein wenig anders als die übrigen Menschen zu sein. Denn sonst würde ich meine so genannten Lebensaufgabe doch überhaupt nicht ernst nehmen und mich ihrer annehmen. Denn ich bin ja ebenfalls ein wenig buddhistisch angehaucht und glaube, dass jedes Lebewesen in seinem Leben eine bestimmte Aufgabe zu erledigen hat. Ganz egal, welches Lebewesen es ist! Nur kann ich es einfach nicht glauben, von einem ganz anderen Planeten zu kommen und der Sohn eines Königs zu sein. Das ist ehrlich völliger Humbug! Dennoch halte ich es für möglich, dass mir vor einigen Monaten mein längst verstorbener Großvater im Traum erschienen ist. Denn ich glaube durchaus, dass die Geister Verstorbener noch auf dieser Welt wandeln.

›Na gut, aber wo denkst du, kommen unsere Gegner her, wenn es deiner Meinung nach keine andere bewohnte Erde im Weltall gibt? Denn kein Mensch hat diese Riesen bisher hier sehen können. Und ähneln tun sie uns auch in keiner Weise. Somit vermute ich, dass nur wir Hexen und Zauberer sie in Erinnerung behalten können.‹

„Ach, Mensch, Zerlina, das waren eben doch nur saumäßig gute Schauspieler, die für eine Aufführung geprobt haben oder so 'n Quatsch. Sie wollten einfach nur mal testen, ob sie wirklich sooo furchteinflößend sind, wie sie denken oder hoffen. Na ja, und dass sie den Gruselgestalten aus meinen Kinderträumen ähneln, ist purer Zufall. Wir träumen ja alle mal schlecht und gruseln uns. Selbst im Erwachsenenalter‹, bekam ich knapp und noch ein wenig gereizter zur Antwort.

›Hast du Angst zu versagen?! Denkst du, du schaffst es nicht, eine größere Verantwortung zu übernehmen. Aber als Bürokaufmann und Sozialpädagoge musst du schließlich auch Verantwortung übernehmen.‹, hakte ich nach kurzem Schweigen nach. Und plötzlich fiel mir wieder auf, was ich bei Finn so sehr vermisste und eigentlich nie bei ihm gefunden hatte. Er konnte mich einfach nicht beschützen und hatte es auch noch zu keiner anderen Zeit gekonnt. Aber bei dir, Jonas Müller, hatte ich mich hingegen immer sicher, beschützt und richtig geborgen gefühlt. Woher dieses Gefühl kam, wusste ich nicht. Denn du musstest mich noch keinmal richtig beschützen. Wahrscheinlich lag es allein an deinem streng wirkenden Gesicht«, unterbrach ich plötzlich meine Erzählung und sah meinen Mann fragend und nachdenklich an. Ein nicht wissendes Achselzucken meines Mannes war die einzige Reaktion auf mein Gesagtes. Und nach einigen Augenblicken erzählte ich weiter .

›Und würdest du an unsere kleine Welt glauben, wenn du sie sehen würdest?‹, fragte ich Finn plötzlich.

Mein Freund riss einen nassen Grashalm aus und steckte ihn sich gedankenverloren zwischen die Zähne und zog seine Beine an.

›Hm, tja, hat nicht jeder Angst davor, irgendwann einmal zu versagen? Ein einfacher Bürokaufmann oder ein einfacher Sozialpädagoge hat nun einmal nicht solche mächtige Verantwortung wie ein König. Und, ja, wenn ich unseren Heimatplaneten mit eigenen Augen sehe, würde ich glauben, dass es ihn gibt. Dann müsste ich ja notgedrungen an ihn glauben. Dennoch würde ich es noch immer nicht so ohne Weiteres hinnehmen, ein Königssohn zu sein. Sag mal, warst du schon mal bei den Zauberwesen zu Hause? Oder warum bist du dir so sicher, dass es diese Welt gibt?‹

Doch da ich erschöpft und müde war, verschwieg ich, dass ich immer noch in einigen Nächten Besuch von meiner längst verstorbenen Großmutter bekam und ich mich vorhin mit den Riesen wirklich gedanklich unterhalten hatte. Auch verschwieg ich, dass seine jüngste Schwester schon einige Male bei ihren leiblichen Eltern war. Stattdessen sagte ich, dass ich schon mein Leben lang gespürt hatte, eine Außerirdische zu sein. Woraufhin Finn mir mit einem Lächeln sagte, auch er habe es immer spüren können, ein ganz besonderes Wesen zu sein. Und plötzlich waren mir zwei recht gute Ideen gekommen, die ich unbedingt mit Janica besprechen musste.

 

XVIII

Schon während unseres Kampfes mit den Riesen hatte ich gespürt, wie sehr mir mein Rücken wehtat. Und in den kommenden Wochen konnte ich mich an manchen Tagen kaum bewegen. Seltsamerweise war mir diese Art von Rückenschmerzen neu. Zwar war ich aufgrund des vielen Sitzens im Lendenwirbelbereich eigentlich ständig verspannt, aber diese Schmerzen waren im Allgemeinen gut auszuhalten. Doch diese Muskelverspannungen waren jetzt kaum mehr zu ertragen. Ängstlich dachte ich daran, mich bald gar nicht mehr bewegen zu können. Ich lief von Arzt zu Arzt, aber niemand konnte mir so recht helfen oder auch nur eine genauere Diagnose stellen. Einige Ärzte verschrieben mir spastikhemmenden Medikamente, die ich aber nicht einnahm. Und schließlich schlugen sie mir vor, die am stärksten verspannten Muskeln meines Fußes und rechten Beines operativ ein Stück weit einzuritzen, damit die Spannung in den einzelnen Muskeln ein bisschen nachließe. So auch im Rücken. Auf diesen Vorschlag hatte ich schon lange gewartet!

›Und das so kurz vor meiner Hochzeit!‹, weinte ich mich bei Kira aus. „Hätten die Ärzte nicht schon viel früher auf diese Operationsmöglichkeit kommen können?“

›Nun mach' mal keine Panik! Es wird schon alles gut!‹, tröstete meine beste Freundin mich. ›Du weißt doch, wie stark du immer auf Stress reagierst. Sag' mal, warum möchte Finn dich denn eigentlich so plötzlich heiraten? Ich meine, es wird zwar langsam Zeit für euch, aber ein bisschen komisch finde ich es trotzdem. Hm, schwanger bist du aber nicht, oder? Das würde dann nämlich auch deine starken Rückenschmerzen erklären.‹

Mit einem herzhaften Lachen und noch mit Tränen in den Augen erklärte ich Kira, dass ich definitiv nicht schwanger sei und meine Rückenschmerzen wohl eher vom ganzen Stress beziehungsweise von meiner Spastik kämen. Warum Finn mich so plötzlich heiraten wollte, verschwieg ich ihr allerdings.

›Du, Zerlina, möchtest du wegen deiner starken Rückenschmerzen und deiner bevorstehenden Operation nicht lieber noch einmal Jonas, deinen ehemaligen Masseur, sprechen?‹, fragte mich eine meiner Assistentinnen eines Morgens beim Frühstück, als ich gerade wieder von einer Voruntersuchung für meine OP zurückkam und ein Marmeladenbrot aß. ›Denn der Jonas scheint ja richtig viel Ahnung zu haben. Auch sagtest du einmal, du glaubst, dass er heilende Hände habe. Denn er braucht sie nur auf deinen Rücken zu legen, um deine Schmerzen weniger werden zu lassen‹, fügte meine Assistentin nach kurzem Schweigen zu ihrem Vorschlag erklärend hinzu und nahm, die Ellenbogen auf meinem massiven Holztisch gestützt, einen Schluck aus ihrer Teetasse.

›Ja, das schon. Allerdings müssten meine Schmerzen, wenn Jonas tatsächlich heilende Hände hätte, denn nicht vollkommen und fortwährend verschwinden? Jedoch kann es auch sein, dass bei meiner starken Spastik gar nicht möglich ist, meine Schmerzen für immer verschwinden zu lassen. Meine Muskeln stehen ja permanent unter großer Anspannung und verkrampfen sich ständig neu. Ach, ich weiß es doch auch nicht. Aber ich glaube, momentan ist Jonas völlig mit seinen bevorstehenden Prüfungen zum Heilpraktiker beschäftigt und hat für mich, als zusätzliche Patientin, gar keine Zeit‹, sagte ich und schnappte sogleich nervös nach meinem Strohhalm in meinem Teebecher, damit dieser mich am Weitersprechen hinderte. ›Zudem ist der Weg von München nach Frankfurt so weit.‹, setzte ich hinzu, nachdem ich genug getrunken hatte.

›Oh, dein ehemaliger Masseur macht eine Ausbildung zum Heilpraktiker?‹, fragte meine junge Assistentin neugierig, während sie Momo auf ihren Schoß nahm.

›Hm, das hat mir zumindest neulich einer meiner früheren Mitbewohner aus der Wohngruppe erzählt. Er hat mit dieser Ausbildung auch erst angefangen, nachdem ich aus Frankfurt weggezogen bin. Denn wie es scheint, läuft die Massagepraxis von Katja, seiner Chefin, wohl nicht mehr sooo gut. Na, und dieses ist ja nun auch kein größeres Wunder, da ja in diesem Bereich heftig gekürzt wird. Zu wenigen Leuten wird noch Massage verschrieben. Und aus diesem Grunde wissen die Praxen heutzutage manchmal gar nicht mehr so recht, wie sie sich über Wasser halten sollen. Erst recht nicht, wenn es sich um so eine Kleine handelt wie bei Katja. Aber dass ihre Praxis jetzt so sang– und klanglos untergeht, hat sie wirklich nicht verdient. Sie hat dafür wie eine Blöde gearbeitet. Am Anfang stand sie an manchen Tagen doch glatt geschlagene sechzehn Stunden lang in ihrer Praxis, um sie zum Laufen zu bringen.“

„Tja, und wenn man sich dann auch noch in einer Stadt selbstständig macht, in der es recht viele Massagepraxen gibt, ist man sowieso nicht gut dran. Auf jeden Fall wäre es wohl nicht so unbedingt gut, wenn ich Jonas so kurz vor seiner Prüfung noch einmal aufsuche. Und ich habe ja nun ebenfalls eine Menge um die Ohren, so dass mir ein Aufenthalt von drei, vier Tagen wirklich zu viel werden würde‹, teilte ich meiner Assistentin aus dem Fenster blickend in einem etwas gehetzten Tonfall mit.

Zu meinem bloßen Erstaunen und Entsetzen warf mir meine junge Assistentin in diesem Moment einen fragenden und zugleich mitfühlenden Blick zu, der mich schließen ließ, dass auch sie in der Lage war, in die Herzen anderer Menschen zu sehen und somit recht genau zu wissen schien, wie es um mich stand. Doch als meine Schmerzen so stark wurden, dass ich mich nachts nicht einmal mehr von einer auf die andere Seite drehen konnte, ließ ich es zu, dass eine von meinen Assistentinnen zum Telefonhörer griff, dich anrief und einen Termin für mich ausmachte. Wenn ich mit dir vor meiner Hochzeit keinen so engen Kontakt mehr gehabt hätte, wäre ich jetzt vermutlich mit Finn verheiratet.“, erklärte ich nun fast flüsternd und blickte gedankenverloren auf Momo hinab, die noch immer in meinem Arm döste.

Die kommenden Tage waren ein Auf und Ab. Denn einerseits freute ich mich, wegen einer so unauffälligen und zugleich notwendigen Sache wieder mit dir in Kontakt zu treten, aber andererseits verspürte ich auch ein wenig Angst in mir. Aus welchem Grunde und wovor konnte ich allerdings nicht genau sagen. Denn ich glaubte, dir in der Zwischenzeit nur noch als einfache Patientin gegenübertreten zu können. Ich war ja schließlich eine fast verheiratete und sehr glückliche Frau. Ich hatte einen überaus tollen Mann, der zwar nicht gerade der Mutigste war, aber der mich wirklich auf Händen durchs Leben tragen und alles Erdenkliche für mich tun würde. Und je näher mein Behandlungstermin rückte, desto weniger war ich mir sicher, dass ich bei deinem lebendigen Anblick so kühl bleiben würde, wie beim Anblick deines Fotos. Und drei Wochen vor meiner Hochzeit fuhr ich dann tatsächlich für zwei Tage nach Frankfurt. Finn, der natürlich von meinen starken Rückenschmerzen wusste, fand nichts Beunruhigendes bei diesem Gedanken. Er hoffte nur, dass es mir bald wieder besser ginge.«

»Tja, und ich kann mich noch ganz genau erinnern, wie ich dich dann das allererste Mal wiedergesehen habe. Ja gut, ich meine, ich hatte dich zwar schon zwischendurch einige Male gesehen, aber dies waren immer nur wenige Minuten gewesen, wenn du in Frankfurt Freunde besuchtest.«, schaltete sich mein Mann streckend in meine Erzählung ein. »Mein Gott, man konnte dir deine starken Rückenschmerzen buchstäblich ansehen. Ich hatte dich noch nie so zusammen gekrümmt im Rollstuhl sitzen sehen. Ein bisschen geschockt nahm ich deine Behandlung auf. Mir war schon nach den ersten Minuten klar, dass ich dich niemals in nur zwei Behandlungsstunden von deinen großen Schmerzen befreien konnte. Auch wenn dir deine Hausärztin zweimal eine ganze, statt zweimal nur eine halbe Stunde Behandlung aufgeschrieben hatte. Wie es eigentlich der Normalfall war. Trotzdem konnte ich in diesen insgesamt hundertzwanzig Minuten nicht sehr viel ausrichten.«

»Nein, du sagtest stattdessen, nachdem du mich auf deine Behandlungsbank gelegt hattest, dass ich mindestens noch drei, vier weitere Male zu dir kommen müsse. Für wesentlich effektiver würdest du es jedoch halten, wenn ich von jetzt an so häufig wie nur möglich zu dir zur Behandlung kommen würde. Höchst verzweifelt, aber gleichzeitig auch höchst erfreut hörte ich diese Worte. Denn bereits beim allerersten Blick in deine braunen Augen fühlte ich wieder diese seltsame Vertrautheit. Auch fühlte ich, wie sehr ich dich noch mochte. Leicht erbost über mich selbst teilte ich dir plötzlich mit, dass ich in drei Wochen Finn heiraten würde. Ach, wie gerne hätte ich dir in diesem Moment alles erzählt. Ich meine, von meinem Hexendasein, von den Riesen mit den sechseckigen Augen, von Finn, der nicht glauben wollte, von einem anderen Planeten zu kommen und in naher Zukunft ein Land regieren zu müssen, und davon, dass mit Finns Weggang auch ich diese Erde für immer verlassen musste. Aber da ich genau wusste, was du von dieser Sache halten und du mich für völlig verrückt halten würdest, hielt ich lieber meinen Mund und beobachtete weiter, was du alles versuchtest, um mir meine Schmerzen zu nehmen.«

»Nun, ich glaube, auf die Nachricht von deiner bevorstehenden Hochzeit habe ich aber auch nicht viel anders reagiert, als wohl auf all die anderen Sachen, von denen du mir am liebsten erzählt hättest, oder?«, erkundigte sich mein Mann jetzt etwas verlegen bei mir und grinste ebenso verlegen.

»Nö, das kann man nicht gerade sagen!«, antwortete ich knapp. »Ziemlich ungehalten hast du sogar reagiert. Und jeden Augenblick habe ich damit gerechnet, dass du mich fragst, was ich mit diesem Typen denn möchte. Und dieses, obwohl du Finn ja noch nie gesehen hattest.«

»Das nennt man dann wohl pure Eifersucht«, piepste Momo jetzt auch mal wiede dazwischen und lachte leise vor sich hin.

»In den kommenden Nächten konnte ich kaum ein Auge zutun. Und dieses nicht, weil mich meine Rückenschmerzen daran hinderten, sondern weil ich mir immer wieder vorstellte, wie es wäre, dich anstatt Finn zu heiraten. Zutiefst beschämt kroch ich weit unter meine Bettdecke und hätte das Atmen am liebsten eingestellt. Auf einmal musste ich daran denken, nie mehr Rückenschmerzen leiden zu müssen. Denn bereits nach der allerersten Behandlungsstunde, die ich bei dir wahrgenommen hatte, waren meine Rückenschmerzen so weit zurückgegangen, dass ich mich nachts im Bett wieder ohne größere Schwierigkeiten drehen konnte. Völlig erstaunt erzählte ich es Kira, sobald ich nach München zurückgekehrt war.

›Tja, vielleicht hat der Mann so etwas Ähnliches wie heilende Hände?‹, dachte meine Freundin laut und strich sich mit dem Zeigefinger über ihre Nasenspitze.

Mit einem bestimmten Nicken bestätigte ich die Vermutung und erklärte ihr, dass es tatsächlich Menschen mit heilenden Händen gab, und du höchstwahrscheinlich dazugehörtest. Mit weit aufgerissenen Augen erkundigte sich meine Freundin bei mir, ob ich an solch eine Sache glaubte. Ich erzählte ihr, dass es dieses Phänomen durchaus gab.

›Ja, nee, Zerlina, ist schon klar! Womöglich gehört Jonas Müller nachher noch zu den Zauberern‹, vermutete sie und musste plötzlich herzhaft loslachen.

Ach, es gibt mehr Hexen und Zauberer, als du es dir erträumen kannst, dachte ich und blickte meine Freundin sanftmütig von der Seite an.

›Warum kann ich Jonas nicht heiraten?‹, fragte ich mich gedanklich immer häufiger und wäre dabei vor Scham am liebsten im Erdboden versunken. Auch musste ich zu meinem bloßen Entsetzen feststellen, dass ich es nach den beiden Behandlungen bei dir immer mehr hasste, von meinen männlichen Assistenten gepflegt zu werden. Eigentlich empfand ich dieses immer schon als sehr, sehr unangenehm und ekelhaft, aber nachdem ich nur zweimal wieder bei dir war und in deine faszinierenden braunen Augen geblickt hatte, wurde ich nahezu hysterisch, wenn mich ein anderer Mann anfasste. Selbst dann, wenn es nur wegen des Pflegens war. Etwas beschämt fiel mir auf, dass ich diese starken Empfindungen in den vergangenen Jahren nicht so in diesem Maße hatte. Obwohl ich seit langem in einer festen Liebesbeziehung mit einem wirklich tollen Mann stand. Aber höchstwahrscheinlich gehörte Finn schon viel zu lange zu meinem Leben dazu, als dass ich ihm gegenüber noch irgendwelche Scham und ein schlechtes Gewissen hätte empfinden können. Und vielleicht hatte er auch schon längst den Part meines Bruders, statt den meines zukünftigen Ehemannes eingenommen. Komisch, kam es mir plötzlich wieder in den Sinn, dass es den nicht behinderten Menschen ausreicht, nur bei der körperlichen Liebe mit ihrem Partner engen Kontakt zu haben. Ich glaube, ich würde vor Sehnsucht nach meinem Partner sterben. Bereits unzählige Male stellte ich mir, als eine nicht behinderte Frau mit einem Mann in einer Liebesbeziehung zu stehen. Seltsamerweise empfand ich bei dieser Vorstellung nur eine Art Trauer und Enttäuschung. Das innige Verhältnis und das daraus automatisch hervorgehende maßlose Vertrauen in der Beziehung mit Finn hatte mich so glücklich gemacht, dass ich mir irgendeine andere Form von Beziehung rein gar nicht vorstellen konnte und wollte! Ja, ich empfand regelrechtes Mitleid mit meinen nicht behinderten Mitmenschen. Denn sie erfuhren niemals, wie schön es war, von ihren Partnern geduscht, gebadet, an- und ausgekleidet und auf Toilette gesetzt zu werden. Jedenfalls nicht in solcher Form, wie ich es erfuhr. Auch Finn hatte mir erklärt, wie sehr ihn diese absolute Vertrautheit unserer Beziehung glücklich machte. Und allein aus diesem Grunde genoss ich es in vollen Zügen, so stark körperbehindert zu sein! Und das meine ich auch wirklich so, wie ich es hier jetzt sage!!!

»Obwohl ich nach den ersten Behandlungen bei dir beinahe schmerzfrei war, entschloss ich mich dennoch, die Operation an meinem rechten Bein vornehmen zu lassen. Zwei Wochen vor meiner Hochzeit wurde ich dann operiert. Nun, um ganz ehrlich zu sein, war diese OP das schönste Hochzeitsgeschenk, das ich überhaupt bekommen konnte. Das glaubte ich zumindest die ersten paar Wochen. Doch als ich schließlich bemerkte, die gefährlichen Dinge, die in naher Zukunft geschehen würden, nicht mehr spüren zu können, fragte ich mich immer wieder, warum ich dieser Operation zugestimmt hatte.

Nach gut fünf Tagen entließ man mich aus dem Münchener Orthopädiekrankenhaus. Von dem Zwischenfall, um ein Haar in der Narkose geblieben zu sein, erfuhr ich erst etwas später.

Nun rückte der Tag von Finns und meiner Hochzeit unaufhaltsam in Sicht. Dabei versuchte ich das Gefühl tiefer, endloser Leere tapfer und noch immer ein wenig schlapp zu ignorieren und niederzukämpfen. Zwischendurch war ich schon wieder dreimal bei dir in Behandlung gewesen. Denn auch gegen meine anfangs sehr starken Narbenschmerzen konntest du etwas tun. Ich weiß noch, wie du bei der ersten Behandlung nach meiner Operation wie ein Rohrspatz geschimpft hast. Du sagtest immer wieder, dass ich diesen Eingriff nicht hätte machen lassen dürfen, weil ich bald jegliches Gefühl für mein Bein verliere. Aber abgesehen von meiner noch nicht so lang zurückliegenden Operation, ging es mir auch sonst nicht sonderlich gut. Ich fühlte mich von Tag zu Tag schlapper und müder.

Und obwohl ich nicht so recht daran glauben konnte, allein an dem sicheren Untergang der bewohnten Planeten etwas tun zu können, machte ich mir noch immer tonnenschwere Vorwürfe, nicht alles perfekt im Griff zu haben. Und der Gedanke, dass in nicht allzu ferner Zukunft kein Leben mehr im Weltall existieren würde, machte mir so zu schaffen, dass ich kaum noch etwas essen konnte. Irgendwie musste man es den Menschen doch begreiflich machen können, dass man ganz friedlich zusammenleben konnte. Wenn man es denn wirklich wollte! Aber jemand, der einmal irgendetwas Böses getan hatte, blieb auf ewig böse und wurde aus der Gesellschaft aus- und weggeschlossen. Zumindest war es in den meisten Fällen so. Gar niemand versuchte, sich diesem bösen Menschen zu nähern, um mit ihm ein vernünftiges und tief gehendes Gespräch zu führen und ihm sein Mitgefühl und Verständnis entgegenzubringen. Stattdessen wurde er allein gelassen und von seinen Mitmenschen entfernt, ohne dass man auch nur das kleinste bisschen von ihm erfahren hatte. Oder man versuchte eben, einen vollkommen anderen Menschen aus ihm zu machen. Einen perfekten Menschen. Das Ebenbild der perfekten Menschen! Ja, es entsprach schon der ganzen und durchaus vollen Wahrheit, dass es äußerst schwierig und beinahe unvorstellbar war, beispielsweise mit einem Mörder oder einem brutalen Vergewaltiger ein mitfühlendes Gespräch zu führen und ihm ein gewisses Verständnis entgegenzubringen. Jedoch sollte man versuchen, soviel Mensch zu sein und von seinem klaren und logischen Verstand Gebrauch zu machen, um zumindest daran zu denken. Denn niemand, aber auch wirklich niemand, ist von Grund auf böse, psychisch angeknackst oder ein mutwilliger Störenfried! Vor einiger Zeit hörte ich von einem Mann, der mit einem mehrfachen Vergewaltiger befreundet war und der absolut nicht wusste, ob er jeglichen Kontakt zu seinem langjährigen Freund abbrechen oder die Freundschaft zu ihm aufrechterhalten sollte. Ich hoffe, dieser Mann hat den Kontakt zu seinem Freund gehalten, der so sehr um Zuneigung, Aufmerksamkeit und Wärme bettelte. Denn diese Menschen, die so etwas Schreckliches und Grausames tun, brauchen die Aufmerksamkeit, Zuneigung und Wärme ihrer Familie und ihrer Freunde sehr, sehr viel dringender, als wir es alle wahrhaben möchten! Ja, das ist ein äußerst heikler Themenbereich, den man nicht gerne thematisieren möchte. Dennoch sollte man es tun!!!

„Ob ich es meinen eigenen Leuten wohl deutlich genug klargemacht habe, was unter den Menschen so sehr fehlt?“, fragte ich Momo eines Abends. Es war der Abend, an dem ich mir am Tage zuvor mit einer anderen Hexe mein Brautkleid ausgesucht und gekauft hatte. Nur noch sieben Tage waren es jetzt bis zu Finns und meiner Hochzeit

„Ja, ich glaub' schon! Denn alle versuchen ja nun, mehr Wärme und Nähe unter die Menschen zu bringen und sie zur Umsicht zu bewegen. Ansonsten schreibe eine Art Buch, sodass jeder von diesen Dingen lesen kann, Zerlina!“, nuschelte Momo, kuschelte sich eng an mich und schlief ein.

›Was ist denn jetzt überhaupt mit Jonas, deinem Masseur?“. plauderte Elena eines Tages völlig unerwartet und ohne jegliche Vorwarnung munter drauf los, als wir gerade in ihrem schön verwilderten Gartenbeim Erdbeerenputzen saßen.

Etwas verdutzt und ziemlich erschrocken blickte ich zu meiner Freundin hinüber. Doch dann riss ich mich zusammen und sagte möglichst leicht: „Was soll schon mit ihm sein? Er ist immer noch dabei, seine Ausbildung zum Heilpraktiker zu machen und fleißig für seine Prüfungen zu lernen.“ Mit gesenktem Blick weiter zu, wie meine Freundin Erdbeeren zerschnitt.

›Bist du sicher, dass bei dir alles in Ordnung ist?‹, erkundigte sich Elena sorgenvoll bei mir. ›Momo meint nämlich etwas ganz Anderes, und sie hat sich noch nie getäuscht. Erst recht nicht, wenn es um dich ging. Du bist nun mal ihr allerliebstes Frauchen. Möchtest du mir nicht endlich sagen, wie es tatsächlich um dich steht, bevor es zu spät ist?‹

›Als ob das an meiner jetzigen Situation noch groß etwas verändern könnte‹, gab ich erschöpft von mir und schloss für einen Augenblick meine brennenden Augen. ›Außerdem hat Momo nur ein einziges Frauchen, du Pappnase!Und ich bin mir wirklich sicher, Finn heiraten zu wollen. Nein, meine liebste Ellie, ich opfere mich keinesfalls!‹

›Na, dann is' ja gut. Allerdings weißt du, dass das härteste Stück Arbeit noch auf dich wartet?! Denn du hast es noch immer nicht geschafft, Finn davon zu überzeugen, von einem anderen Planeten zu kommen und ein Königssohn zu sein, der das Schicksal der rund sechs belebten Planeten, die wir bis hierhin entdeckt haben, in der Hand hält. Wenn du für die ganzen Lebewesen, die im Weltall leben, noch etwas Gutes tun möchtest, solltest du dich wirklich ein wenig sputen und mit Finn sprechen, liebe Zerlina! Denn es hängt so wahnsinnig viel davon ab. Denk' doch nur mal an die ganzen Streitereien auf den Planeten. Allerdings scheinen deine und Finns Eltern anzunehmen, dass du es schaffst, Finn rechtzeitig zu überzeugen."

Ich nickte kurz und spürte, wie mir das Herz bleischwer wurde und die übergroßen Schuldgefühle wieder an mir zu nagen begannen.

 

XIX

Nachdem mein persönlicher Assistent mich an diesem Abend ins Bett gelegt hatte und ich still im Dunkeln meines Zimmers lag, grübelte ich noch lange über das Gespräch mit Elena nach. Und die großen Gewissensbisse lagen mir so sehr auf der Seele, dass ich mich nach einiger Zeit vor Rückenschmerzen wieder nicht bewegen konnte. Aber die einzige Person, der ich mich ohne Weiteres anvertrauen konnte, war Momo. Doch alles, was dieses kleine, süße Biest tat, war, sobald ich tief und fest schlief, zu Elena zu laufen, die nur wenige Häuserblocks von mir entfernt wohnte, und ihr alles brühwarm zu erzählen. Dass Momo nachts manchmal unterwegs war, bemerkte ich nie. Ich wunderte mich immer nur, dass ihre Öhrchen so kalt waren, wenn sie morgens zu mir zum Kuscheln ins Bett gesprungen kam.«

»Was hätte ich bitte schön denn sonst tun sollen, hm?«, erkundigte sich Momo nun ein wenig erregt bei mir und knabberte nervös an ihren Krallen. »Ich habe Elena ja auch nicht alles erzählt, sondern nur, dass ich glaube, du seist noch nicht bereit, Finn zu heiraten. Dass Jonas dahintersteckt, hat sie selbst herausgefunden.«

»Ja, ja, Momo, ich weiß! Ellie hat schon verdammt lange gewusst, was ich für Jonas empfinde. Sie konnte es ja in meinen Augen sehen. Drei Tage vor meiner Hochzeit hatte ich dann meinen vorerst letzten Behandlungstermin bei dir«, begann ich, mich in mein Kopfkissen kuschelnd, wieder zu erzählen und streichelte Momo sanft ihre weiße Pfote.

»Ich weiß nicht, was mir an diesem Tag in den Sinn kam, dich zu meiner Hochzeit einzuladen. Aber ich fühlte, dass ich mich freuen würde, wenn du in irgendeiner Ecke der Kirche sitzen würdest. Denn da Finn Mitglied in der evangelischen Kirche war, durften wir in einer Kirche heiraten. Zwar konnte ich mit der Kirche an sich absolut nichts anfangen, dennoch fand ich die Bauten unheimlich schön, ich wurde in ihnen irgendwie immer an das Mittelalter erinnert, und wünschte mir aus diesem Grunde, einmal in einer Kirche zu heiraten. Ich schaute in deine hellbraunen Augen und fragte dich dann, ob du zu meiner Hochzeit kommen möchtest. Und zu meiner großen Freude und zugleich zu meinem bloßen Entsetzen antwortetest du mir, dass du dich sehr geehrt fühlst und gerne kommst. Nein, dass du zusagst, hätte ich nie und nimmer für möglich gehalten. Du wolltest sowieso für einige Tage in den Süden Deutschlands fahren, um dort ein wenig Urlaub zu machen. So erklärtest du zumindest. Einmal ganz alleine und nur für dich sein, danach sehntest du dich schon länger. Und Finn und ich heirateten natürlich in München. Auch wenn Finn noch nicht ganz wieder in München wohnte und viele Freunde, die er in der Uni kennen gelernt hatte, für unsere Hochzeit extra weit reisen mussten. Aber wir fanden es wichtig, dass unsere Familien bei der großen Feier dabei sein konnten. Aus diesem Grunde musstest du auf deiner Reise eben einen Abstecher in die bayerische Landeshauptstadt machen.«

»Ja, irgendwie fühlte ich, dass ich dich an diesem Tag um keinen Preis allein lassen dürfe«, meldete Jonas sich jetzt leise zu Wort und streichelte zärtlich meine Hand, die er in seiner hielt. »Warum ich dieses Gefühl hatte, weiß ich bis heute nicht. Es war wohl eine Eingabe. Vielleicht war des Nachts auch jemand bei mir gewesen und hat mir zugeflüstert, dass ich unbedingt bei deiner Hochzeit dabei sein müsse. Ich meine, bei deinen Leuten weiß man ja nie so genau...«

»Stimmt!«, gab ich lächelnd zurück. »In der letzten Nacht, in der ich eine unverheiratete Frau war, trafen wir uns noch einmal auf dem Brocken, um so was Ähnliches wie einen Junggesellenabschied zu feiern. Nur mit dem Unterschied, dass zu dieser Feier Finn und ausschließlich Hexen und Zauberer zusammenkamen, die ich in Deutschland kennen gelernt hatte. Natürlich kamen nicht alle Hexen und Zauberer. Dennoch waren zu meiner großen Freude all diejenigen gekommen, die ich gerne auf dieser Feier haben wollte. Nur auf Antonia wartete ich vergebens. Und das fand ich wirklich sehr, sehr schade. Denn wie gerne hätte ich diese überaus tolle Person heute getroffen. Seltsamerweise hatte ich Antonia nur bei meinem allerersten Besuch auf dem Brocken gesehen. Danach sah ich sie nie wieder. Und auch auf meine Fragen hin, wer sie denn sei, bekam ich von den Anderen niemals eine direkte Antwort. Allerdings entging es mir ihre Nervosität nicht, wenn ich nach Antonia fragte. Hm, komisch, wunderte ich mich im Stillen. Trotz meiner Müdigkeit, die mich während des Junggesellenabschiedes penetrant heimsuchte und meine Augen brennen ließ, verlebte ich nette Stunden. In dieser Nacht war es auch das erste Mal, dass Finn und ich gemeinsam auf einem Fest unserer Leute waren. Allerdings sah ich ihm sein Unbehagen an. Und um ihn vor unangenehmen Fragen oder gar Tadeln zu schützen, schlug ich ein lustiges Detektivspiel vor, bei dem alle begeistert mitmachten und gar nicht mehr daran dachten, Finn zu tadeln

Lange, lange spielten wir miteinander und vergaßen darüber die Zeit. Und plötzlich klatschte Janica aufgeregt in die Hände und rief, dass es in gut drei Stunden hell werden würde. Eiligst räumten wir auf und machten uns auf den Heimweg.

›Danke, Zerlina!‹, flüsterte Finn mir noch schnell zu, bevor er zu einem Freund ging, der ganz in der Nähe des Brockens wohnte und mit dem er am nächsten Tag zurück nach München fahren wollte. Zum Glück war dieser Freund ebenfalls zu unserer Hochzeit eingeladen. Auch glaubte Finn, dass auch ich bei einer Freundin im Harz übernachte und am kommenden Morgen in aller Frühe und in Windeseile mit dem Auto zurückfuhr.

Es war eine wunderschöne, alte Kirche, in der unsere Trauung stattfinden sollte. Sie war bestimmt an die zweihundert Jahre alt und stand am Standrand von München neben einem genauso alten Friedhof, auf dem Wolfram und Emma beerdigt lagen. Dieser Friedhof war teilweise vollkommen zugewachsen, wirkte dennoch keinesfalls verwahrlost. Und weil gerade hier auf diesem urigen Friedhof mein Vater und meine Großmutter beerdigt lagen, hatte ich mir gewünscht, in dieser Kirche zu heiraten. Als wir endlich aus dem Auto stiegen, das sich Ellie extra von einer Freundin für diesen Anlass geliehen hatte, fühlte ich mich eigenartig leer. Eigentlich hätten wir nur nachts heiraten können. Aber weil Finn und ich Freunde, Bekannte und natürlich unsere Familien zu unserer Hochzeit einladen wollten, die zu den Menschen gehörten, hatten wir uns entschieden, am Tage zu heiraten. Die letzten beiden Nächte hatte ich kaum geschlafen. Mit aller Kraft hatte ich versucht, meine Gefühle und Gedanken zu verdrängen, um Momo und auch sonst niemand Anderen wissen zu lassen, wie durcheinander ich doch war. Nun machten sich diese beiden fast durchwachten Nächte richtig bemerkbar.

Als ich all die schick gekleideten Menschen auf dem Kirchhof stehen sah, wurde mir erst richtig bewusst, dass ich in knapp einer Stunde verheiratet sein würde. Um mich herum standen meine Mutter und meine fünf Schwestern. Meine Schwester Steff zupfte nervös am Oberteil meines Kleides herum, um es noch mal zu ordnen. Meine Mutter schnatterte aufgeregt wie eine Ente auf mich ein und gab mir Tipps für eine gut funktionierende Ehe. Meine anderen Schwestern standen eher anteilnahmslos und etwas abseits vom Trubel. Ich war die Zweite, die von meinen fünf Schwestern heiratete. Und auch Kira plapperte vollkommen aufgeregt auf mich ein.

Völlig gedankenverloren und das Geplapper weitgehend ausblendend blickte ich zur mächtigen Kirche hinauf. Glücklicherweise erhielten wir die Erlaubnis, uns von einem Freund von Finn trauen zu lassen. Zwar hatte er er vor kurzem sein Theologiestudium abgeschlossen, aber zu guter Letzt bemerkte er doch, dass er dafür nicht so recht geschaffen war. Und so strebte dieser Freund von Finn nun ebenfalls das Studium zum Sozialpädagogen an.

Ein wenig schüchtern hielt ich nach dir Ausschau. Aber nirgends warst du zu entdecken. Wo und wann ich auf Finn treffen sollte, interessierte mich auf einmal herzlich wenig. Ich wollte dich nur noch einmal sehen. Und dann wollte ich, dass diese ganze Sache möglichst schnell vorbei war. Morgen um diese Zeit würde ich mit meinem angetrauten Ehemann in einem Flugzeug in unsere zweiwöchigen Flitterwochen nach Spanien fliegen. Und danach würde ich weiterhin versuchen, den Menschen nahezubringen, dass sie eine große Gemeinschaft waren. Zudem würde ich meine ganze Überzeugungskraft zusammenraffen, um Finn klarzumachen, dass es den Planeten der Hexen und Zauberer tatsächlich gab und er ein Königssohn war. Und in einigen Jahren würde ich dann wahrscheinlich auf immer und ewig bei meiner leiblichen Familie leben können.

Nach einiger Zeit bewegten wir uns alle langsam auf die Kirche zu. Der kurze, ziemlich schmale Weg bis zu Kirche bestand aus Sand und Kies. Zum Glück war es mir dennoch möglich, mit meinem Rollstuhl gut voranzukommen. Steff und Kira schoben mich gemeinsam. Jeder hielt einen Schiebegriff umfasst. Recht schnell fing ich an, in der Kirche in meinem dünnen Kleidchen zu frieren. Ich konnte es nicht verhindern, dass meine Zähne vor Kälte aufeinander schlugen. Sorgenvoll betrachtete Elena mich und legte mir kurzerhand ihr dünnes Jäckchen über die Schultern. Und Steff hielt meine Hände in ihren, um mich noch mehr zu wärmen.

›Das ist die Aufregung, dass dir so kalt ist‹, erklärte Ellie mehr sich selbst als mir.

Die Zeit, die wir auf Finn warten mussten, kam mir wie eine Ewigkeit vor. Wahrscheinlich steckt er im Stau, vermutete ich gedanklich und musste grinsen. Denn mein Leben lang hatte ich auf Finn warten müssen. Zu unseren Verabredungen kam er stets eine gute halbe Stunde zu spät. Und nun kam er zu seiner eigenen Hochzeit doch glatt auch noch zu spät. Immer wieder suchte ich mit den Blicken nach dir. Ich wollte wenigstens noch einmal ganz für mich allein Abschied von dir nehmen. Aber nirgends konnte ich dich entdecken. Dann wurde die Kirchentür aufgerissen und Finn stürmte hinein. Sich wieder und wieder für seine Verspätung entschuldigend ergriff er die Schiebegriffe meines Rollstuhls und schob mich den Gang hinunter, während die Orgel flotte Musik zu spielen begann. Alle standen auf und klatschten.

Eigentlich wird die Braut ja von ihrem Vater geführt, dachte ich schmerzvoll . An welchen von meinen beiden Vätern ich in diesem Augenblick dachte, wusste ich selbst nicht so recht. Für einen kurzen Augenblick musste ich wieder lächeln, da ich es einfach für zu komisch hielt, zwei Väter zu haben, von dem sich einer auch noch auf einem ganz anderen Planeten befand.

›So, sind jetzt wirklich alle da? Können wir mit der Trauung endlich beginnen?‹,fragte der Kumpel und demnächst auch Kollege von Finn leicht grinsend.

Als Antwort bekam er von Finn und mir ein eifriges Nicken. Hoffnungsvoll blickte ich noch einmal hinter mich und erblickte dich tatsächlich an der Wand stehend. Für einen kurzen Moment konnte ich direkt in deine Augen blicken. Und es lag etwas ganz Seltsames in ihnen, das ich nicht richtig zu deuten vermochte. Mein Gott, wie ich diesen Menschen bloß mag, schoss es mir ganz plötzlich und so unerwartet durch den Kopf, dass ich vor lauter Schreck um ein Haar laut aufgeschrien hätte.

Das Letzte, das ich wie durch einen dicken Schleier mitbekam, war, dass Finn meine Hand in seine nahm und lächelnd zu mir hinunterblickte. Ich hörte noch, wie Finns Kumpel zu erzählen anfing, als mir plötzlich ganz komisch wurde und ich durch einen dunklen Tunnel fuhr, an dessen Ende ein helles, gemütliches Licht erschien. Zuerst dachte ich, ich wäre gestorben. Denn viele Sterbende fuhren gehen durch einen dunklen Tunnel, an dessen Ende sie ein helles, Hoffnung erweckendes Licht sahen. Jedenfalls hatte ich es schon mehrfach in Büchern, Zeitungsberichten gelesen oder in Fernsehberichten gehört. Aber wie durch ein Wunder fand ich mich im nächsten Augenblick an einem reich gedeckten Küchentisch wieder. Verwundert sah ich mich um und merkte, dass ich mich zwischen einer ganzen Schar von Menschen befand, die gerade über einen Witz lachte, den der ältere Herr mir gegenüber erzählt hatte.

›Zerlina, möchtest du noch etwas essen? Vom Gemüse mit der leckeren Soße vielleicht? Keine Sorge, in meinem gekochten Essen ist auch garantiert kein Fleisch oder sonstiges Tierisches!‹, informierte mich die junge Frau, die neben mir auf einem weich gepolsterten Stuhl kniete und mir das Essen reichte.

Komischerweise wusste ich sofort, wo ich mich befand und wer diese Leute waren. Auch fühlte ich mich bei ihnen auf Anhieb sicher und geborgen. Ich ließ meinen Blick von Einem zum Anderen wandern. Ja, ich konnte genau erkennen, dass es sich bei diesen Leuten um meine eigene, leibliche Familie handelte. Zuerst betrachtete ich meine elf Schwestern. Sie waren alle schlank und recht hochgewachsen, hatten große, leuchtende Augen, recht fein geschnittene Gesichtszüge und lange Haare. Es war sehr amüsant zu bemerken, dass sechs von ihnen blond und die anderen Sechs dunkelhaarig waren. Zwischen ihnen saßen teilweise meine Nichten und Neffen, die ihren Nachwuchs wiederum um sich geschart hatten. Anfangs hatte ich ein wenig Schwierigkeiten, recht auszumachen, welche von ihnen meine jüngeren Schwestern waren. Aber nach einigen Augenblicken wurde ich mir sicher, meine Schwestern genau zu erkennen.

Dann schaute ich zum allerersten Mal in meinem Leben auf meine leiblichen Eltern. Mein Vater hatte ein freundliches und liebes Gesicht, aus dem zwei ebenso freundliche und liebe Augen hervorsahen. Und obwohl er schon gute achtzig Jahre alt war, hatte er noch kein einziges graues Haar und wirkte auch sonst jung und frisch. Meine Mutter hatte rehbraune Augen, ebenso feine Gesichtszüge wie meine Schwestern und strahlte, ganz genau wie mein Vater, etwas vollkommen Liebes und Freundliches aus. Sie sah trotz ihres hohen Alters richtig jugendlich aus.

Nach einiger Zeit schaute meine Mutter mich an und lächelte. ›Na, meine Tochter, wie gefällt es dir denn so auf der Erde der Menschen? Wir haben schon viel Positives über dein Wirken dort gehört. Emma, die wir extra dafür ausgesucht haben, um dich in dein richtiges Hexendasein und in deine Lebensaufgabe einzuweisen, muss uns nämlich in regelmäßigen Abständen Bericht über dein Vorankommen erstatten. Wir glaubten, es wäre für dich zu viel, wenn du vom Leben als Hexe, deiner dir auferlegten Lebensaufgabe erfährst und dann auch noch von einer dir völlig unbekannten Person alles lernen musst. Allerdings durfte dir diese Person auch wiederum nicht allzu vertraut sein, weil sie dann vermutlich nicht streng genug gewesen wäre. Zudem hättest du dich womöglich zu sehr auf sie und ihr Können verlassen. Und somit schickten wir dir deine Großmutter Emma, die recht zufrieden mit dir ist. Ja, wir sind stolz auf dich. Das kann man nicht anders sagen. Und du wirst mit deiner Entdeckung genau das auf die Planeten zurückbringen, was im Laufe der Jahrtausende beinahe gänzlich abhandengekommen ist. Mach' nur so weiter! Hm, aber neulich, als Janica ihrer leiblichen Familie mal wieder einen Besuch abstattete, hat sie den Verdacht geäußert, dass du dich von Finn nicht mehr genug beschützt fühlst. Sie hat sogar erzählt, dass sie glaubt, ein anderer Mann sei in dein Leben getreten. Stimmt das?‹

Etwas unruhig rutschte ich in meinem Rollstuhl hin und her.

›Dir ist hoffentlich bewusst, meine liebe Tochter, dass du dafür Sorge trägst, dass Finn Schwelm irgendwann einmal hierhin zurückkehren und König unseres Nachbarlandes wird?! Und wenn er es jemandem am ehesten glaubt, der zu sein, der er ist, dann dir. Denn ihr beide habt so ein vertrautes Verhältnis zueinander wie nur wenige Paare.‹

›Mensch, Waltraud‹, schaltete sich plötzlich mein Vater ein, ›wenn Zerlina nun einfach keine Kraft mehr hat, diesem Sturkopf klarzumachen, ein so mächtiger Mann zu sein, ist es doch nur ganz klar zu verstehen, oder?! Sie hat in ihrem Leben schon so viel geleistet, dass ich meine, sie hat sich redlich eine Verschnaufpause verdient. Und vielleicht gibt es noch jemand Anderen, der Finn von seiner Wichtigkeit überzeugen kann. Wie wäre es denn, wenn der junge Mann eines Nachts, wenn auf der Erdhälfte der blauen Kugel, auf der Zerlina und er wohnen, beinahe alles schläft, einmal hierhin gebracht wird? Denn er hat ja gesagt, er würde es ohne Weiteres glauben, dass unsere kleine Welt existiert, wenn er sie mit eigenen Augen sähe. Das hat Zerlina wenigstens ihrer kleinen Momo erzählt, die das Janica erzählte.‹

›Ach, nee, auf einmal spielst du hier den verständnisvollen Papa, oder wie?! Wer, mein lieber Willibald, hat denn gesagt, es wäre eine reine Schande für unsere Familie und zugleich die reinste Katastrophe für unser Nachbarland, wenn unsere Tochter ihre zweite große Aufgabe nicht erledigt bekommt?‹, fragte meine Mutter und sah meinen Vater ein wenig erbost von der Seite an.

›Ja, du hast irgendwo schon Recht, Liebes. Aber meinst du nicht, dass unsere Tochter schon genug für Andere und für uns getan hat? Ich meine, sie bemüht sich jetzt darum, ein großes und wichtiges Teil auf den blauen Planeten zurückzubringen, und vielleicht sogar auf die übrigen Planeten.‹

›Tja, fragt sich nur, ob die anderen Hexen und Zauberer das den Menschen auch so mühelos nahelegen können wie sie. Du weißt genau, dass sie dies alles nur mit ihrer verständnisvollen, ruhigen und fröhlichen Art erreicht‹, sprach meine Mutter weiter auf meinen Vater ein und füllte sich noch etwas Gemüse auf ihren Teller.

›Ja, Waltraud, aber du weißt auch, dass sie den Anderen genau erklärt hat, wie sie es anstellen müssen, um mehr Wärme und Nähe auf die Welten zu bringen. Und ich meine, Verständnis und Warmherzigkeit kann wirklich jeder zeigen und dem Anderen entgegenbringen. Ganz egal, wer er ist. Er muss sich nur dem Anderen öffnen, sich für ihn interessieren und ihm helfen wollen. In diesem Punkt hat unsere Tochter Recht. Auch sollte er sich gut in die Lage des Anderen hineinversetzen können, damit er weiß, was und wie sein Gegenüber empfindet. Von daher wäre es zum Positiven, wenn unsere Tochter auf der blauen Erde bliebe. Wenigstens vorerst noch. Und außerdem haben wir es doch so eingerichtet, dass Zerlina diesen Jonas irgendwann kennen lernt, damit sie von ihren starken Rückenschmerzen befreit wird.“

„Wir wollten nur, dass Jonas Müller sie von ihren Rückenschmerzen befreit. Mehr war nicht geplant. Und wir glaubten, dass Moritz, ihr verstorbener Cousin, den wir ihr nachschickten, uns wieder mal irgendwelchen Blödsinn erzählt, um uns in Angst und Schrecken zu versetzen. Denn daran fand er ja schon immer seinen Spaß. Aus diesem Grunnd sind wir jetzt irgendwie selber Schuld. Und dieser Jonas scheint Zerlina wirklich zu mögen.", zischte meine Mutter gefährlich leise zwischen den Zähnen hervor.

„Wenn wir allerdings ehrlich sein wollen, war es Wolfram’s Idee, unsere Tochter mit diesem Jonas Müller bekannt zu machen. Er hatte halt von seinen heilenden Händen gehört. Wir können also nicht wirklich etwas, dass die Beiden sich kennen gelernt haben.“, antwortete mein Vater, leckte seinen Löffel ab und legte ihn auf seinen leeren Teller.

"Aber vielleicht hast du Recht, wenn du sagst, die anderen Hexen und Zauberer könnten die Art von Zerlina nicht so exakt übernehmen und sie an die einzelnen Planetenbewohner weitergeben. Allerdings würden Zerlina und Finn auch noch fünf bis zehn Jahre bei den Bewohnern der blauen Erde bleiben. Sie würde ja nicht gleich nächste Woche zu uns zurückkehren. Und vielleicht reicht diese Zeit aus, um den anderen Hexen und Zauberern zu erklären, wie sie die Menschen näher aneinander rücken lassen können.‹, überlegte meine Mutter plötzlich ganz ruhig geworden und blickte etwas geistesabwesend vor sich hin.

›Ja, du weißt, dass es unserer Tochter nicht gut geht, wenn sie Druck auf ihren Schultern spürt und glaubt, keine Zeit mehr zu haben. Genau dieses ist übrigens das Zweite, das sie auf dem Planeten Erde und bei den Menschen entdeckt hat. Die Menschen verspüren große Angst, nicht mehr genügend Zeit für wichtige Dinge zu haben.‹, erklärte mein Vater bestimmt weiter.

›Nun, bist du dir überhaupt im Klaren, dass ihr, meine liebe Tochter, wenn du Finn nicht zu uns zurückbringst, wirklich auf ewig auf der Erde bleiben müsst? Du würdest uns niemals wieder sehen‹ Plötzlich wirkte meine Mutter hilflos und traurig.

Ich spürte, wie vor Erschöpfung die Tränen in mir hochstiegen und wie meine Schwester, die neben mir saß und die ganze Zeit über schwieg, liebevoll den Arm um mich legte, mich sanft an sich drückte und flüsternd und beruhigend auf mich einsprach. Und auf einmal erkannte ich in meiner jüngeren Schwester, die die drittälteste von uns zwölf Schwestern war, Antonia. Darum hatte ich mich damals, als ich das allererste Mal beim Treffen auf dem Brocken dabei war, in Antonias Gegenwart so geborgen gefühlt. Ich hatte damals allen Anscheinen nach gespürt, dass wir leibliche Schwestern waren. Und aus diesem Grunde waren die Hexen und Zauberer vielleicht hinterher jedes Mal nervös geworden und sind meinen Fragen ausgewichen, wenn ich mich bei ihnen nach Antonia erkundigte. Doch auf einmal verwandelte sich die gemütliche Wohnküche mit der großen, tickenden Standuhr, den schönen Holzwänden und dem warmen Licht. Ich spürte, wie es kälter wurde und ich zu zittern anfing.

›Nein, ich möchte nicht wieder weg von euch‹, stöhnte ich leise auf, als sich unsere Wohnküche und meine Familie vor meinen Augen langsam aufzulösen begann, ›ich möchte jetzt zu Hause bleiben!‹

›Es wird alles gut werden, mein Kind!‹, hörte ich noch die Stimme meines Vaters sagen. Und erst in diesem Moment erkannte ich, dass mein leiblicher Vater der gute Engel war, der mich schon so häufig aus den Händen der Riesen gerettet hatte.

›Bitte wein' doch nicht‹, sagte meine Schwester und wiegte mich in ihren Armen sanft hin und her.

Verzweifelt versuchte ich, mich an meiner Schwester Antonia festzuklammern. Ich fühlte ihre warme, weiche Wange an meiner. Aber plötzlich spürte ich, wie die Haut dieser Wange etwas rauer wurde und einen leichten Dreitagesbart bekam. Und auch die Stimme meiner Schwester wurde auf einmal ein wenig tiefer.

 

XX

›Zerlina, komm', wach' bitte auf!‹, bettelte eine vertraute Männerstimme leise. Jemand schien mich ebenfalls in seinen Armen zu halten, als ich aus dem dunklen Tunnel wieder ins reale Leben auftauchte. Auch saß ich nicht mehr in meinem Rollstuhl in der Kirche vor dem Altar, wie vor meinem Besuch bei meiner leiblichen Familie, sondern lag halbwegs ausgestreckt auf einer Kirchenbank und irgendjemand streichelte liebevoll mein Gesicht. Dabei sagte sagte er in einigen Abständen leise meinen Namen. Langsam und mühsam öffnete ich meine Augen und glaubte im Nebel meiner nachhallenden Ohnmacht die Umrisse eines mir vertrauten Menschen zu erkennen. Leise stöhnte ich auf und versuchte, mich zu bewegen.

›Bleib‹ ganz ruhig liegen, Zerlina. Du bist ohnmächtig geworden.‹

Dann spürte ich, wie ich etwas aufgesetzt und mit meinem Gesicht sanft gegen eine Schulter gedrückt wurde, die mir Halt gab. Eine Träne rollte mir über die Wange. Und auf einmal konnte ich das heftige Schluchzen nicht mehr unterdrücken, das ich so lange Zeit mit aller Kraft zurückgehalten hatte.

›Es ist schon in Ordnung, Zerlina!‹, sagte der Mann leise und wiegte mich sanft in seinen Armen.

Finn! Jetzt erkannte ich den Mann endlich, in dessen Armen ich lag. Aber wie konnte dies sein. Stand ich vor wenigen Augenblicken mit ihm nicht noch vor dem Altar und wurde getraut? Was war passiert? Und war ich zwischendurch tatsächlich bei meiner leiblichen Familie auf dem Planeten der Hexen und Zauberer gewesen? Aber wie konnte das alles sein? Sicherlich träume ich dies alles nur und wachte jeden Moment in meinem Bett neben meiner kleinen, süßen und treuen Momo auf, dachte ich weiter. Allmählich kehrte Ruhe in meinen Körper ein, der Nebel vor meinen Augen verschwand und ich konnte wieder klar sehen.

Weiter: Teil 10 von 10