Die Magie der Empathie
Die Magie der Empathie
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 10 Teile geteilt.
Enttäuscht und aufgeregt saß ich nun, zwei Tage vor Beendigung meiner Reise, im Empfangszimmer des Papstes und wartete angespannt auf ihn. Janica und ich hatten uns darauf geeinigt, dass ich alleine zu diesem Treffen gehe. Wenn ich fertig war oder Hilfe benötigte, sollte ich sie mit meinem Handy einfach anklingeln.
Nach einer knappen halben Stunde etwa, nachdem ich ins ziemlich dunkel wirkende Zimmer mit den hohen, bis unter die Decke mit Büchern vollgestopften Regalen gebracht worden war, öffnete sich die Tür und Papst Johannes Paul II stand im Raum. Er sah genauso aus, wie man ihn aus dem Fernsehen her kannte. Mit seinem weiten Gewand und der kleinen, runden und weißen Kopfbedeckung.
›Einen wunderschönen Tag wünsche ich Ihnen, junge Frau!‹, kam der Papst freundlich und im gebrochenem Deutsch grüßend ins Zimmer und ließ sich in dem bequemen Stuhl mit der hohen Rücken-und Armlehnen mir gegenüber nieder. Für Sekunden vergaß ich völlig, weswegen ich eigentlich hier war. Denn zum allerersten Mal in meinem Leben stand ich einem so mächtigen Menschen persönlich gegenüber.
›Was kann ich für Sie tun?‹, erkundigte sich der Papst ebenfalls mit ziemlich erstauntem Gesichtsausdruck bei mir und riss mich aus meiner Faszination. Während er mir diese Frage stellte, schaute auch er etwas scheu auf meine andauernd zuckenden Arme und Beine.
‹Nun, ich bin gekommen, um mit Ihnen über die große Armut in der Welt zu sprechen‹, kam es mir etwas hilflos über die Lippen. Gleichzeitig fiel mir auf, wie erleichtert und froh ich doch war, dass der Papst recht gut deutsch konnte.
›Ja, das haben schon viele versucht und auch mehr oder weniger getan‹, erwiderte Papst Johannes Paul II immer noch leicht lächelnd und scheu. ›Aber wie man weiß, bin auch ich nur ein klitzekleines Licht auf dieser großen, weiten Welt. Von daher ist es mir also keinesfalls möglich, diesen Planeten gänzlich vom Schlechten und von der Armut zu befreien. Richtig und korrekt handeln kann und wird nur der Herr allein.‹
›Na, aber Sie sind doch mit einer der mächtigsten Menschen und könnten somit in den armen Gegenden der Länder zum Beispiel Verhütungsmittel erlauben. Die Katholiken verbieten doch so streng das Benutzen von Kondomen. Und wenn nicht mehr so viele Menschen geboren werden, wäre das Elend auf dieser Welt schon um einiges eingedämmt. Es ist doch ganz klar zu verstehen, dass die Qual nicht mehr so groß wäre, wenn es weniger Menschen gäbe. Und vielleicht würden dadurch diese grausigen Krankheiten, wie Aids, Seuchen und so weiter, dann auch weniger werden. Erzählen Sie den Menschen, die Ihrer Glaubensrichtung angehören und in den weniger gut entwickelten Ländern leben, einfach, dass sie beim Geschlechtsverkehr verhüten dürfen. Gott ist doch angeblich so sehr darauf bedacht, dass es seiner Herde gut geht und es ihr an nichts fehlt. Warum sollte er bitte schön etwas dagegen haben, wenn die gesamte Bevölkerungszahl etwas abnimmt und es gesündere Menschen gibt, die länger leben?‹, erkundigte ich mich mit einem naiven Gesichtsausdruck beim Papst.
›Kennen Sie die Bibel, junge Frau?‹, kam es nun streng fragend von meinem Gegenüber.
Verlegen schüttelte ich zaghaft mit dem Kopf und umfasste nervös die Armlehnen meines Rollstuhls. ›Jedenfalls nicht so gut, wie ich sie kennen müsste, um Ihnen einen Besuch abzustatten.‹, fügte ich nach wenigen Augenblicken ergänzend hinzu, als ich den vielsagenden Blick des Papstes auf mir ruhen spürte. Denn ich konnte noch nicht einmal die Zehn Gebote auswendig. Ich war weder zur Kommunion und Firmung und demnach auch nicht zum Konfirmandenunterricht gegangen. Ich hatte also nur sehr flüchtiges Wissen, was in der Bibel alles geschrieben stand. Zwar hatte ich mir vor dieser Reise extra die Bibel ausgeliehen, doch allzu viel Zeit, um darin zu lesen, war nicht mehr gewesen.
›Aha! Das habe ich mir schon fast gedacht. Denn solche dummen Ideen können nur von jemandem kommen, der die Bibel, die Worte Gottes und unsere Religion nicht korrekt kennt. Wir leben nur danach, was Gott uns durch die Bibel empfiehlt und sagt. Und es ist nun mal der Wille des Herrn, dass sich die Menschen mehren, um auf seinem Erschaffenen zu leben und es weiterzuführen. Zudem steht in der Bibel geschrieben, dass ein Mann und eine Frau nur dann Geschlechtsverkehr miteinander haben sollen, wenn sie sicher sind, ein Kind zeugen zu wollen.‹
›Aber in der Bibel steht doch zum Beispiel auch gar nicht, dass Gott einen Stellvertreter braucht oder dass man keine Kondome benutzen darf, selbst wenn man nur dann Geschlechtsverkehr haben soll, wenn man ein Kind zeugen möchte.‹, warf ich ein und schämte mich zutiefst, die Bibel sowenig zu kennen und von diesem Teil mit dem „Nur-Sex-zu-haben-wenn-ein-Mensch-dabei-gezeugt-werden-Soll“ nur aus Erzählungen gehört zu haben.
›Nun, wie Sie wissen, ist die Bibel in vielen Sprachen übersetzt worden. Außerdem ist sie unglaublich alt und es gibt das neue und das alte Testament. Somit sind im Laufe der vielen Jahre und während den ganzen Übersetzungen einige Einzelheiten, die einmal in der Bibel standen, verloren gegangen. Und wir Strenggläubigen werden uns ja nichts aus den Fingern gesogen haben, oder? Also werden diese Dinge in der Bibel gestanden haben.‹, erklärte der Papst mit ernster Miene.
›Ja, das stimmt wohl! Ich hörte zum Beispiel, dass Jesus die Menschen gebeten hat, keine Tiere in Geangenschaft zu halten, sie zu quälen und zu essen. Er sagte uns, gut, höchst respektvoll und vorsichtig mit ihnen umzugehen. Kurz gesagt sollen wir nicht unbedacht und aus Habgier töten!!! Weder Tiere, Pflanzen noch Menschen. Alerdings verdrehten die einzelnen Übersetzer der Bibel so manchen Satz zu ihrem ganz eigenen Nutzen. Na, dem Schöpfer dieses Planeten liegt, glaube ich, schon etwas daran, dass sein Werk nicht wieder zerstört wird, nicht wahr?‹, lenkte ich schnell ein, um den Papst nicht gänzlich zu verärgern.
„Und das ist ganz natürlich. Niemand möchte, dass sein Werk wieder in der Versenkung verschwindet. Außer ein Koch oder ein Bäcker. Aber der Schöpfer möchte bestimmt keinesfalls, dass seine Erde überbevölkert wird und es den Lebewesen darauf schlecht geht. Oder sehe ich dies falsch? Ich denk', die Gläubigen und die Heiligen seien immer so gut und so fromm! Und warum in Gottes Namen lasst ihr es zu, dass sich die Menschen in der Dritten Welt und anderswo wie die Kaninchen vermehren und sie nicht genug zu essen und zu trinken haben?‹, begann ich mich nun ernsthaft aufzuregen. „Und die behinderten Menschen in den ärmeren Teilen der sowieso schon unterentwickelten Länder können nicht ausreichend gefördert werden, um später einmal ein weitgehend selbstständiges Leben zu führen. Das Geld reicht für nichts in den ärmsten Teilen dieser Länder aus. Noch nicht einmal für eine vernünftige, schulische Ausbildung. Auch bin ich der festen Ansicht, dass die Kirche und der Glaube an sich den meisten Menschen nur Angst macht und ungeheuren Druck auf sie ausübt, anstatt ihnen Kraft zu geben und sie in schwierigen Lebenssituationen zu trösten. Sein Leben lang soll man gut und fromm sein. Man darf keine Fehler machen, weil sonst das große, unbekannte Wesen im Weltall zornig wird und einem entweder in diesem Leben oder im Nächsten bestraft. Vielleicht wäre es ganz vorteilhaft, den Menschen besser über seine Religion aufzuklären und ihm zu vermitteln, dass der Schöpfer ihm immer wieder eine Chance gibt. Ganz egal, was er in seinem Leben bisher getan hat. Denn aus lauter Furcht vor ihrem Gott tun die Menschen meistens viele dumme Dinge sowie ich es aus eigener Erfahrung weiß. Mir werden hier die Menschen mit ihrer Religion und ihrem Glauben viel zu sehr alleine gelassen. Auch bin ich der festen Überzeugung, dass die Menschen überhaupt viel, viel zu wenig miteinander sprechen. Allerdings führen die meisten Menschen dieser Welt auch ein viel zu schnelles Dasein und haben aus diesem Grund gar keine Zeit zum Reden und zum Zuhören.‹
›Nun bleiben Sie mal ganz ruhig, junge Frau, und regen Sie sich nicht auf!‹, versuchte der Papst mich zu beruhigen. ›Wie Sie sicherlich schon erfahren haben, ist unser Herr Jesus genau wie Buddha der Meinung, dass, wer es in diesem Leben schwer hat, nach seinem Ableben von seinem jetzigen Leiden erlöst und es in seinem nächsten Leben wesentlich besser haben wird. Von daher kann ich Ihnen also versichern, dass sich alles zum Guten wenden wird. Zudem weiß jeder Gläubige genau, dass ihn sein Gott in all seinen Lebenssituationen liebt, ihm verzeiht und immer für ihn da ist. Denn in der Bibel steht klar und deutlich geschrieben, dass der Herr jedes Schäfchen irgendwann heim holt.‹
›Na, Sie machen es sich ganz schön einfach!‹, entfuhr es mir. ›In der Bibel steht aber auch, dass man von ganzem Herzen seine Sünden bereuen muss, um es nach seinem Tode angenehm zu haben. Und ich glaube, gerade das irritiert die meisten Menschen und macht ihnen Angst. Ich möchte hier jetzt keinesfalls nur der Kirche, der Religion oder dem Schöpfer die alleinige Schuld an der Angst, der Unsicherheit, dem Frust und der Unzufriedenheit der Menschen geben, denn das wäre nicht fair und nicht rechtens von mir. Dennoch meine ich, dass diese vier Dinge hauptsächlich von den gesamten Religionen ausgehen. Na, und wenn man den Leuten etwas mehr über ihre Religion erzählen oder nur versuchen würde, ihre argen Bedenken zu verkleinern, wäre man vielleicht ein winzig kleines Stückchen dem (Welt) Frieden näher. Vielleicht sollte man sich als Pastor, Priester oder auch als Papst tatsächlich mehr auf die Bevölkerung einlassen und mit ihr das einfache Gespräch suchen. Denn nicht allzu selten glauben die Geistlichen, sie würden über ihren Mitmenschen stehen. Und nicht selten werden sie von ihren Mitmenschen auch als stellvertretende Götter angesehen, was manche Menschen recht stark irritiert und sie vielleicht sehr erschreckt. Ich glaube wirklich, die Päpstin Johanna wäre mit diesen Dingen vollkommen anders umgegangen.‹
Sofort biss ich mir nach dieser Bemerkung erschrocken auf die Lippe. Denn das hätte ich jetzt keinesfalls sagen dürfen.
Mit versteinertem Gesichtsausdruck blickte Papst Johannes Paul II mich an und ließ sich zurück in seinen Sessel sinken.
›Sie kennen die Worte Gottes zwar kaum, aber dafür scheinen Sie mit der Geschichte der Johanna sehr vertraut zu sein. Na, dieses Buch ist auch ein so genannter Weltbestseller gewesen. Eine Schande für die katholische Kirche! Und ich kann mir denken, dass Sie die Legende von Päpstin Johanna mehrmals durchgelesen haben, weil Sie von ihr so fasziniert waren, nicht wahr?‹, fragte mich der Papst etwas zu laut.
›Ja, Johanna war eine durchaus starke Person, die ich bewundere‹, gab ich mit einem leichten Lächeln zu. ›Ich habe dieses Buch tatsächlich zweimal mit voller Begeisterung und einer dicken Gänsehaut gelesen. Johanna war eine außergewöhnlich starke und kluge Frau, die es wahrhaftig verdient hat, Päpstin geworden zu sein.‹
›Moment, junge Frau‹, rief Papst Johannes Paul II mit abwehrender Hand erregt aus, ›es ist noch immer nicht bewiesen, dass es diese Päpstin gegeben hat. Denn wie ich eben schon gesagt habe, sprechen wir hier von einer Legende. Es kann sehr gut möglich sein, dass sich jemand diese unschöne Geschichte nur ausgedacht und niedergeschrieben hat. Denn wir können uns alle nicht vorstellen, dass sich diese Geschichte im achten Jahrhundert nach Christus so zugetragen hat, wie sie in diesem Roman geschrieben steht. Nein, nein, nein, gute Frau, das kann einfach nicht sein.‹
›Und wieso greift man dann den Männern, die sich zur Papstwahl stellen, zur absoluten Vorsicht und Sicherheit noch immer zwischen die Beine?‹, fragte ich forsch weiter. Dies hatte ich erst vor kurzer Zeit in einem Fernsehbericht gesehen.
›Sie sind bestimmt eine, die sich vorgenommen hat, die Welt zu verändern, nicht wahr?‹, fragte der Papst plötzlich unerwartet und mit wild funkelnden Augen. ›Denn in Abständen von dreißig, vierzig Jahren tauchen hier nämlich immer solche Menschen auf, die versuchen, alles vollkommen auf den Kopf zu stellen. Schon häufiger sind meinen Vorgängern Besuche von solchen Menschen abgestattet worden. Und Sie sind gewiss eine davon, oder? Ach, jetzt erahne ich auch langsam, wer Sie sein könnten und warum Sie ausgerechnet mich aufgesucht haben. Denn von Ihnen und Ihren Leuten las ich neulich etwas in einer Zeitung. Das heißt, nicht von Ihrer Person direkt, sondern von den Dingen, die Sie und Ihre Mitstreiter angeblich vollbracht haben. Und beinahe überall, wo Sie sich eine Zeit lang aufhalten, tritt plötzlich eine kleine, aber deutlich spürbare Veränderung ein. Niemand weiß zwar, woher, aber die Menschen haben schlagartig eine andere Ansicht und Einstellung zum Leben. Auch geht es ihnen urplötzlich etwas besser. Nun, wenn Sie die Menschen so furchtbar schnell in Ihren Bann ziehen und umstimmen können, scheinen Sie ja eine mächtige und faszinierende Wirkung zu haben. Wo in Gottes Namen ist Ihr Zuhause? Noch auf diesem Planeten? Oder schon ganz woanders? Denn wer in kürzester Zeit so viel bewirkt und verändert wie ihr, kann eigentlich gar niemand von uns Menschen sein. Also, wer seid ihr wirklich, junge Frau?‹, schrie der Papst mich nun beinahe an und beugte sich leicht über seinen gigantischen Schreibtisch zu mir herüber.
›Ich komme aus Deutschland. Genauer gesagt aus der Nähe von München.‹
›Ach, und das soll ich Ihnen jetzt abnehmen, oder wie? Was haben Sie sich auf dieser Welt zur Aufgabe gemacht? Etwa die ganze Welt zum Besseren bekehren? Tja, und obwohl Sie keinen Buckel, keine krumme Nase, keine roten Haare, keine schiefen, schwarzen Zähne im Mund, keine verschiedenfarbigen Augen haben, scheinen Sie eine wahre Hexe zu sein. Sozusagen eine invalide Hexe! Ich habe doch Recht, oder? Zumindest scheinen Sie nicht von unserem Planeten zu kommen.‹, grinste der Papst plötzlich etwas zynisch und konnte sich kaum beherrschen, nicht wutentbrannt aufzuspringen und den Raum zu verlassen.
Doch anstatt zu antworten, sah ich leicht verängstigt und Hilfe suchend aus dem großen Fenster und schwieg.
›Nun, das habe ich mir doch fast gedacht! Außerirdische haben hier nichts zu suchen. Ihr könnt nun mal nicht helfend eingreifen. Das geht einfach nicht. Denn es ist immerhin Gottes Aufgabe allein, auf der Welt alles zum Besten zu wenden.‹
›Tja, der Gott in Menschengestalt.‹, entgegnete ich unvorsichtigerweise ziemlich sarkastisch. "Mir ist die ganze Geschichte um die Entstehung der Erde sowieso suspekt und zum Teil macht sie mich richtig wütend. Jedenfalls die Variante, in der ein menschenähnlicher Gott diese und andere Welten erschaffen haben soll. Denn fast seit Beginn der Menschheit gibt es wegen der Götter nur Krieg, Gewalt und Ausschreitungen. Warum? Eigentlich glauben die meisten Menschen doch eh alle an ein und dasselbe Geschöpf. Nur trägt es in den verschiedenen Religionen einen anderen Namen. Wieso können wir nicht begreifen, dass die Natur unser wahrer Gott ist? Ich sehe ja ein, dass die Religion für den Menschen wichtig ist und ihn zum Teil beruhigt, aber müssen wegen ihr denn ständig grausame Kriege stattfinden und so viele Menschen, Tiere und Pflanzen sterben? Nun, unsere Natur ist der einzige Gott, der hier alles entstehen lassen hat. Aber leider wird diese keineswegs so verehrt, wie der angebliche nette, alte Herr im Himmel, obwohl sie es wahrlich verdient hätte. Und, ja, unser Gott kann beinahe jede Krankhet heilen. Wenn wir uns, die sich unerer wunderschönen Natur so weit entfernten, wieder genau den Kräutern widmeten, würden wir wissen, welches Kraut bei was hilft.“
›Tja, gute Frau, die Missverständnisse unter den Menschen mit verschiedener Glaubensrichtung ist nun einmal vollste Realität. Und diese Missverständnisse entstehen, weil jede Religion glaubt, den wahren Schöpfer entdeckt zu haben‹, fiel der Papst mir ins Wort, während er meine Behauptung „die Natur sei der einzige Gott“, vollkommen ignorierte.. ›Und ich möchte auch nicht annehmen, dass Gott verschiedene Namen, Gestalten oder Bezeichnungen hat. Denn es gibt nun einmal nur den Einzigen, der das hier, worauf wir leben, erschaffen hat‹
›Na, und wegen dieses einen Geschöpfes müssen unfassbar Viele ihr Leben lassen und aufs Äußerste leiden. Wie kann er, wie können Sie, dies bloß zulassen?‹, flüsterte ich.
›Ich glaube, junge Hexe, oder wer Sie auch immer sein mögen, das kann ich Ihnen beim besten Willen nicht erklären. Ich gebe mir schon jede Mühe, den Menschen den Frieden und die Toleranz nahezulegen. Allein zu Ostern predige ich beides möglichst in allen Sprachen dieser Welt. Denn die Religionskriege sind grausam und überflüssig, das gebe ich zu. Aber wenn andere Prediger von anderen Geschöpfen erzählen, die die Welt entstehen lassen haben, kann ich da leider nichts für. Und ich glaube, wenn die Menschen alle ein ganz klein wenig toleranter wären, würde es sich auch mit mehreren Göttern gleichzeitig in Ruhe und Frieden leben lassen. Jedenfalls mit einem, unserem, wahren Gott, der hin und wieder nur einen anderen Namen trägt.‹
›Ja, da haben wir des Rätsels Lösung ja schon! Wir müssen alle ein wenig toleranter sein und uns angewöhnen, den Anderen zu respektieren und ihn vor allen Dingen ernstzunehmen. Wir sollten lernen, eventuelle Missverständnisse, die vorwiegend zwischen den verschiedenen Gläubigen auftreten, mit Ruhe und Verständnis aus dem Weg zu räumen. Denn wir wissen alle, wie es sich anfühlt, wenn man der festen Überzeugung ist, im Recht zu sein und an den einzigen und wahren Gott zu glauben. Und deshalb können wir uns auch gut in den Andersgläubigen hineinversetzen, oder etwa nicht? Warum können wir aus diesem Wissen nichts lernen?“
›Ich weiß es nicht“, entgegnete der Papst beinahe schon ein wenig hilflos.
„Nun, und bin ich zum Beispiel auch nicht der einzige Schuldige, der den Menschen verbietet, in den ärmeren Teilen der Länder beim Geschlechtsverkehr Kondome benutzen. Denn es kommt immer darauf an, welche kulturelle Ansichten die einzelnen Gesellschaften haben. Somit ist es in einigen Gesellschaften üblich, dass ein Mann fünf oder sechs Ehefrauen gleichzeitig hat, und nur mit seiner so genannten Hauptehefrau immer verhüteten Geschlechtsverkehr hat. Also ich bin für den starken Bevölkerungszuwachs, die Hungernden, Unterentwickelten und die Aidskranken nicht allein verantwortlich‹, verteidigte sich Papst Johannes Paul II noch immer ein wenig hilflos.
Und gerade in diesem Moment sah der Papst auf seine Armbanduhr, sprang eiligst von seinem Sessel auf und reichte mir zum Abschied die Hand.
›Ich muss mich jetzt leider von Ihnen verabschieden. Denn wir sitzen hier schon eine gute Stunde und ich habe weiß Gott noch andere Termine wahrzunehmen. Ich weiß sowieso gar nicht, wie es kommt, dass ich heute nicht so viele Termine in meinem Kalender stehen hatte und mich mit Ihnen treffen konnte. Tja, diese kleine Pause grenzt tatsächlich schon an ein bisschen Zauberei. Machen Sie es gut. Nun, und ich rate Ihnen, dass Sie die Menschen zu mehr Umweltbewusstsein anhalten. Denn damit könnte man wirklich schon eine ganze Menge erreichen, oder meinen Sie nicht?‹
Unweigerlich musste ich dem Papst Recht geben. Die Umweltverschmutzung war zweifelsohne der zweitgrößte Faktor, warum es den meisten Menschen so schlecht ging. Aber es war in dieser Sache ebenfalls gar nicht so einfach, die Menschen zum Nachdenken und vernünftigen Handeln zu bringen. Allerdings hatte auch Finn diese Aufgabe zu erledigen! Und plötzlich musste ich einsehen, dass es selbst für den Papst gar nicht einfach war, hier einige Dinge im Handumdrehen zum Besseren zu wenden. Die klar denkenden Lebewesen hatten viel zu sehr ihren eigenen Kopf und ihre eigenen Gedanken und Vorstellungen. Nein, der Papst und die anderen hohen Herren hatten wahrlich keinen leichten Stand. Auch wenn man es immer meinte.
Fast schon an der Tür angelangt, drehte sich der Papst plötzlich noch einmal um und sagte beinahe flüsternd: ›Ja, Päpstin Johanna war wirklich eine einmalige und bewundernswerte Person! Falls es sie denn gab. Das muss ich ehrlich zugeben. Auch wenn ich dieses nicht sagen darf!‹
Mit diesen Worten verschwand der wohl mit mächtigste Mann dieser Welt hinter der schweren Holztür seines Empfangszimmers. Einige Zeit blieb ich noch reglos sitzen und starrte erschöpft vor mich hin, bevor ich Janica mit einem Knopfdruck auf meinem Handy herbeiklingelte. Wieso war der Papst trotz allem plötzlich so freundlich zu mir gewesen? Denn normalerweise hätten wir uns doch heftig streiten müssen.
Lange lag ich in dieser Nacht wach. Die Unterhaltung ließ mich einfach nicht zur Ruhe kommen, während Janica seelenruhig neben mir in unserem gemeinsamen Bett schlief vor sich hinschmatzte.
Auch als wir am nächsten Tag mit unserer Gastgeberin zum Abschied durch Rom bummelten, konnte ich nicht abschalten und mich an der Stadt erfreuen. Und obwohl ich wieder fest glaubte, auch diesmal nichts Großartiges erreicht zu haben, so musste ich nach meinem Besuch beim Papst doch feststellen, dass sich in einzelnen Gesellschaftsgruppen tatsächlich etwas getan hatte. Denn urplötzlich fuhren Menschen in die Armenviertel und versuchten, den Bewohnern dort den Gebrauch von Kondomen nahezubringen. Zuerst war es allerdings nur den Menschen erlaubt, die sich mit Aids infiziert hatten. Aber für den Anfang war es schon ein großer Schritt nach vorn. Jedoch wusste ich an meinem letzten Tag im Vatikan noch nichts von meinem winzigen Erfolg und war demnach sehr still und nachdenklich.
›Junge Frau, warum sind Sie heute denn so in sich gekehrt‹, fragte mich die Nonne, in deren Wohnung Janica und ich während der vergangen drei Wochen untergekommen waren, besorgt im gebrochenen Deutsch. ›So kenne ich Sie ja gar nicht. Was ist denn passiert?‹
Obwohl unsere Gastgeberin schon an die achtzig Jahre alt war, war sie geistig noch rege und spürte sofort, wenn irgendetwas anders war als sonst.
›Nein, es ist eigentlich nichts. Nur finde ich es ein wenig schade, dass unsere Zeit hier morgen schon zu Ende ist‹, erklärte ich schnell und blinzelte.
›Tja, dann müssen Sie wohl Ihre Reise doch noch ein bisschen verlängern und sich von mir und meinen Kochkünsten verwöhnen lassen. Denn ich habe Ihnen noch lange nicht alles gezeigt, was ich kochen kann. Außerdem sehen Sie schon viel entspannter aus als am Anfang Ihres Aufenthaltes in Rom. Scheint Ihnen doch ganz gut zu tun, die Vatikanluft hier, nicht wahr, mein Mädchen?‹, lachte die alte Dame mich fröhlich an und tätschelte meine kalte Wange. ›Oder tut Ihnen das Bemuttert-Werden so gut? Haben Sie überhaupt noch eine Mutter? Aber bestimmt, oder?‹
›Ja, genau genommen zwei.‹, antwortete ich prompt und wieder mal vollkommen unüberlegt. Doch schon im nächsten Augenblick zog ich erschrocken meinen Kopf in meine dicke Winterjacke zurück und wünschte wieder einmal, unsichtbar werden zu können.
›Ah, Ihr Vater hat wohl zum zweiten Mal geheiratet und mit seiner zweiten Frau kommen Sie wahrscheinlich so gut klar, dass Sie das Gefühl haben, sie wäre auch Ihre Mutter. Oder wie darf ich das verstehen?‹, fragte die Nonne etwas verblüfft.
›Ja, ja, so kann man es sagen‹, kam Janica mir eiligst zur Hilfe, wofür ich ihr unendlich dankbar war.
Unwillkürlich zuckte ich in der nächsten Sekunde zusammen, da ich deutlich einen Schlag von Großmutter in meinem Nacken zu spüren glaubte.
›Wie schön für Sie!‹, freute sich die alte Nonne für mich. ›So, und nun gehen wir noch ein schönes, leckeres Eis essen, hm?‹
Und im nächsten Moment wurden Janica und ich auch schon in ein Eiscafé
gezogen.
›Sagen Sie mal, meine jungen Damen, wo kommen eigentlich diese leckeren Kekse her, die heute Morgen auf meinem Nachtschrank standen?‹, fragte die Nonne, als sie mir gerade einen Löffel mit Schokoeis in den Mund schob.
›Ja, das ist ein kleines Dankeschön dafür, dass Sie uns geschlagene drei Wochen lang so lieb bewirtet und umsorgt haben‹, antwortete Janica kurz.
›Nun, das habe ich mir schon fast gedacht. Nein, ich meine, woher kommen diese Kekse so plötzlich? Denn gestern Abend, als ich ins Bett gegangen bin, standen sie noch nicht dort. Und da ich einen leichten Schlaf habe, können Sie die Kekse heute Nacht unmöglich gebacken und auf meinen Nachttisch gestellt haben. Denn dieses hätte ich mit Sicherheit gehört. Aber sie waren ganz frisch, haben herrlich geduftet und waren auch noch ein kleines bisschen warm gewesen. Haben Sie die Kekse etwa hergezaubert?‹
Zum Glück fiel der alten Nonne just in diesem Moment die absurde Geschichte von den angeblichen Hexen und Zauberern ein, die sie von den anderen Bewohnern des Vatikans immer wieder zu hören bekam. Diese Zauberwesen meinten doch tatsächlich, sie wären nur deshalb hier auf diesem Planeten, um ihn zu wärmer und gefühlvoller werden zu lassen. Und diese Gestalten seien auch so von ihrem Vorhaben überzeugt, dass sie ernsthaft versuchten, die ganzen Menschen einesBesseren zu belehren.
›Ist das nicht eine total verrückte Geschichte?‹, fragte sie kichernd und verschüttete beinahe ihren heißen Kaffee über Janicas Beine.
›Also, sagen Sie schon. In welcher Bäckerei Sie diese Kekse gekauft haben. Denn dann gehe ich morgen gleich dort hin und hole noch einmal Nachschub.‹
Nur gut, dass in diesem Moment Janicas Handy klingelte und uns somit eine Notlüge erspart blieb. Doch während ich dem Telefongespräch meiner Freundin unabsichtlich lauschte, wurde mir klar, dass ich mir heute lieber wieder eine Notlügen ausgedacht hätte. Zuallererst bemerkte ich, wie Janica verlegen wurde, sich gleichzeitig aber auch riesig freute. Leicht stotternd vor Freude begrüßte sie ihren großen Bruder, mit dem sie aufgrund ihres Streits schon längere Zeit nicht mehr richtig gesprochen hatte.
»Nein, nein, ich hab' ihr noch nichts erzählt. Das überlasse ich doch dir. Du hast ihr noch gar nicht den Antrag gemacht, oder? Auch wusste ich bis vor fünf Sekunden noch gar nicht, ob diese Sache überhaupt stimmt. Denn du hast schon seit Längerem nicht mehr mit mir gesprochen. Ich habe diese Geschichte nur von Freunden gehört. Aber das wird jetzt auch wirklich mal Zeit. Denn ihr seid schon fast euer ganzes Leben zusammen. Außerdem musst du jetzt endlich mal erwachsen werden. Wo wir im Augenblick sind? Wir sitzen gerade in einer Eisdiele und feiern mit der Nonne, die uns die letzten drei Wochen so herzlich bei sich aufgenommen und bewirtet hat, ein bisschen Abschied. Warum warst du eigentlich in diesen drei Wochen kein einziges Mal bei Zerlina? Denn sonst kommst du doch wenigstens für fünf bis sieben Tage bei ihr vorbei. Ja, das kann ich verstehen, dass du nicht vorbeikommen konntest, wenn du selbst soviel zu tun hast. Und sicherlich hat Zerlina davon gewusst, oder? Hast du wenigstens jetzt etwas bewerkstelligen können? Aber mit deiner ruhigen, umsichtigen Art bestimmt, nicht wahr? Dennoch musst du dich endlich mal mit deiner wahren Identität abfinden. Hallo? Hallo?!‹, rief Janica in ihr Handy, klappte es schließlich verärgert zusammen und ließ es wieder in ihrer Handtasche verschwinden. ›Einfach aufgelegt! Mann, Mann, Mann, der Junge macht es sich auch unnötig schwer. Er ist sonst sooo ein guter, verständnisvoller und kluger Mensch, der schon so Manches erreicht hat. Aber vor seiner Identität läuft er davon wie ein Feigling. Keiner von uns kann sein sonderbares Benehmen verstehen. Er benimmt sich geradezu wie ein kleiner, pubertierender Junge.
„Vielleicht ist es ihm alles ein bisschen zu viel, was ich auch durchaus verstehen könnte!‹, kam es mir unerwartet über die Lippen. ›Denn der Mann muss in seinem Leben so viel meistern. Und dann hat er die ganze Zeit auch noch mich an den Hacken. Kein Wunder, wenn er irgendwann das Handtuch wirft und nur noch seine Ruhe haben möchte.‹
›Sag' mal, Zerlina, was redest du denn da? Es ist ja verständlich, dass du Finn in Schutz nehmen und ihn verteidigen möchtest. Aber es hört sich so an, als ob du meinst, kein vollwertiges Lebenswesen zu sein und nur im Weg zu stehen. Was haben deine vier Schwestern und deine Mutter auf dieser Erde nur aus dir gemacht? Ja, ich gebe zu, dass es vielleicht nicht so ganz einfach mit einem invaliden Partner ist. Doch liegt das nicht vielmehr an der Gesellschaft? Die Hindernisse, von denen wir alle so fest meinen, sie seien unüberwindbar, könnte man ohne Schwierigkeiten wegschaffen. Wenn wir es denn tatsächlich wollten. Das weißt du genauso gut wie ich! Aber die Menschen machen es sich viel zu schwer. Sie stecken schon bei den leichtesten Schwierigkeiten und Problemen den Kopf in den Sand. Warum auch immer!“, seufzte Janica und kratzte den Rest Eis aus ihrer Glasschale.
„Hm, habe ich es aus Ihrem Gespräch gerade richtig herausgehört, dass irgendjemand aus Ihrem Bekanntenkreis bald heiraten wird, Fräulein Janica?“, erkundigte sich die Nonne plötzlich, den anderen Teil unserer Unterhaltung ignorierend.
Vorsichtig und mit einem prüfenden Blick auf mich nickte meine Schwägerin in Spe. Obwohl ich es schon länger im Gefühl hatte, dass Finn mich bald fragen würde, ob ich seine Frau werden wolle, konnte ich mich beim Wort Antrag an diesem Tag nicht freuen. Zwar hatte ich meine Lebensaufgabe noch nicht perfekt erledigt, aber irgendetwas sagte mir, dass ich mit meinem Bauchgefühl richtig lag. Denn Janica konnte eben während ihres Telefonats mit Finn ja nur den Heiratsantrag gemeint haben. Plötzlich begann sich das Eiscafé vor meinen Augen zu drehen.
›Zerlina, was ist auf einmal los mit dir? Warum bist du denn so weiß im Gesicht? Geht's dir nicht gut?‹, erkundigte sich Janica plötzlich besorgt bei mir und legte ihre kühle Hand fürsorglich in meinen Nacken.
›Doch, doch. Ich bekomme in den nächsten Tagen nur meine Periode, wobei ich dann immer so bleich werde‹, stotterte ich etwas hilflos und starrte mit brennenden Augen auf meinen leeren Eisbecher. Ich darf mir jetzt auf gar keinen Fall etwas anmerken lassen, ermahnte ich mich in Gedanken, als ich plötzlich spürte, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildete.
›Ja, das kenne ich auch noch aus früheren Zeiten, in denen ich meine Periode hatte. Ich hatte ebenfalls so stark zu leiden wie Fräulein Zerlina jetzt.‹, erklärte die Nonne mitfühlend. ›Ich glaube, es ist besser, wenn wir zurück in meine Wohnung gehen und Fräulein Zerlina sich hinlegt und ausruht. Ich koche gleich einen Tee gegen Krämpfe, ja?‹
Stumm nickte ich und hoffte, meine Gefühle endlich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Warum unsere geplante Hochzeit mich so durcheinander brachte, wusste ich nicht. Denn in den vergangenen Monaten hatte ich mich Finn wieder richtig nahe gefühlt. Somit hätte ich nur reine Freude darüber empfinden müssen, Finn, den Menschen, der mir am vertrautesten war, nun endlich heiraten zu dürfen. Dennoch verspürte ich bei diesem Gedanken kein rechtes Glücksgefühl.
›Ja, ich weiß, dass ich dich das schon einmal gefragt habe, aber damals habe ich es nicht deuten können, ob es in deinem Leben einen anderen Mann gibt, der dein Herz berührt?‹, fragte Janica mich ohne größere Vorwarnung, als sie eine knappe halbe Stunde später auf meiner Bettkante hockte und mir den krampflösenden Tee einflößte.
Doch statt Janica eine klare Antwort zu geben, schüttelte ich nur mit dem Kopf, drehte mich auf meinem Bett liegend auf die Seite und schloss fest meine Augen. Zu groß war die Angst, Janica könne in meinen Augen lesen, dass ich ihr etwas verschwieg.
›Warum dürfen Finn und ich eigentlich jetzt schon heiraten? Wir haben mit unserer Lebensaufgabe doch eben erst begonnen‹, warf ich plötzlich fragend in den Raum hinein.
›Ja, das stimmt, Zerlina. Aber da deine und Finns, also unsere Eltern, meinen, dass ihr die Menschen tatkräftig unterstützt, möchten sie die Hochzeit vorziehen und euch damit belohnen. Zudem hoffen unsere Eltern, dass du ihn besser und schneller davon überzeugen kannst, ein wirklicher Zauberer und ein wichtiger Mensch für uns zu sein, wenn ihr tagtäglich zusammen seid.‹
Verständig nickte ich und sagte nach wenigen Augenblicken: ›Verstehe.‹
„Möchtest du mir nicht sagen, was dich bedrückt?‹, antwortete Janica.
Wieder schüttelte ich stumm mit dem Kopf.
›Hm, es ist nur zu dumm, liebe Schwägerin, dass deine Augen die anderen Menschen nicht nur beruhigen können, sondern dass sie auch klar und deutlich anzeigen, wenn es dir nicht sonderlich gut geht. Selbst, wenn du dieses nicht möchtest und sie „verschließt“.‹
Als keine Antwort von mir kam, stand Janica auf und verließ leise das Zimmer.
XVII
Als wir einen Tag später nach München zurückflogen, war ich immer noch ziemlich durcheinander. Ich wusste nicht, ob ich mich freute, nach Hause zu kommen. Wie gerne wäre ich zusammen mit Kira, meiner besten Freundin, an einen ruhigen Ort geflogen, um meine Gedanken zu ordnen. Aber da mir dieses nicht möglich war, flog ich mit Janica einfach nach München zurück.
Während den kommenden Tagen wanderten meine Gedanken häufig zu dir. Dabei hatte ich keine Ahnung, warum das passierte. Aber aus irgendeinem Grunde kamen mir wieder die unzähligen Auseinandersetzungen in den Sinn, die ich mit dir hatte und die allesamt recht amüsant waren. Jedenfalls stritten wir uns nie richtig. Ach, ich bin doch wirklich ein wahrer Glückspilz, versuchte ich mir immer wieder einzureden. Und dies war ich in der Tat! Denn ich hatte ein wahrlich schönes Leben; ich sollte demnächst den Mann meines Herzens heiraten, mit ihm einmal ein Land regieren und würde dann auf immer und ewig bei meiner leiblichen Familie sein können. Vorausgesetzt natürlich, ich konnte Finn von seiner wahren Identität überzeugen! Aber eine andere Stimme in mir sagte, dass ich dies alles gar nicht wollte. Ich versuchte zwar, mich einige Zeit gegen diese Gewissheit zu wehren, aber bald schon erkannte ich, dass es sinnlos war.
›Was ist auf einmal nur los mit mir?‹, fragte ich Momo verzweifelt, während sie des Nachts in meinen Armen lag und mir mitfühlend das Gesicht leckte.
Ohne ein Wort zu erwidern, sprang Momo vom Bett, um nach ihrer kleinen Kimmy zu sehen, die mit ungewöhnlichem Lärm mit einem Ball spielte.
›Zu etwas Anderem war ich in diesem Moment einfach nicht in der Lage‹, meldete sich meine kleine Katzendame jetzt wieder zu Wort und blickte mir direkt in die Augen, ›denn ich wusste, wie es in dir aussieht. Aber wenn ich dir geraten hätte, deinem Herzen zu folgen, hätte deine leibliche Familie mich gelyncht und an den Hinterbeinen an einem Baum aufgehängt. Und ich glaubte, dass man mit dir das Gleiche tut.
›Ach Quatsch, Momo, dir hätte gewiss niemand auch nur ein Haar gekrümmt. Du gehörst ja zur Familie. Außerdem hast du deine Lebensaufgabe bis hierhin mehr als perfekt erledigt. Denn du warst ständig an meiner Seite und hast auf mich aufgepasst, wo du immer nur konntest. Und wie du sehen kannst, haben meine Eltern auch mir kein einziges Haar gekrümmt“‹
›Ja, das stimmt.‹, murmelte das grau-weiße Fellknäuel in meinem Arm und bat mich, weiterzuerzählen.
Vier Tage, nachdem ich aus Rom zurückgekehrt war, machte Finn mir seinen Heiratsantrag. Zwar stimmte ich diesem Heiratsantrag freudig lächelnd, aber auch ein wenig stumm zu, führte ich meine Geschichte nach einigen Augenblicken des Schweigens ruhig fort. Meiner Erinnerung nachhängend küsste ich Momo auf die Nase und streichelte mit der rechten Hand den tätowierten Unterarm meines Mannes.
Finn hatte sich wirklich große Mühe gegeben. Er war für seinen Antrag extra aus Frankfurt gekommen. Und an diesem Abend gingen wir beide in einem schicken veganen Restaurant mitten in München essen. Und weil ich keine Rosen mag und auch keinen teuren Ring akzeptiert hätte, fragte er mich am Ende des Abends mit einer wunderschönen rot blühenden Topfpflanze in der Hand, ob ich ihn heiraten wolle.
„Wie gut, dass Finn nicht auf die Idee gekommen ist, dir einen teureren Verlobungsring zu kaufen. Denn dieser Ring hätte ja nicht allzu lange an deinem Finger gesteckt.“, schmunzelte Jonas ebenso gedankenverloren vor sich hin.
Nun, und erst nach einigen Wochen, nachdem Finn um meine Hand angehalten hatte, erfuhr ich, dass seine Eltern ihn im Traum heimgesucht und ihn gebeten hatten, mich in nächster Zeit zur Ehefrau zu nehmen.“, erzählte ich weiter. „Sie dachten tatsächlich, ich könne ihn besser davon überzeugen, kein Mensch vom bläulich schimmernden Planeten und ein Lebensretter zu sein, wenn ich seine angetraute Ehefrau war. Janica hatte es in Rom ja schon vermutend angedeutet. Erstaunlicherweise folgte Finn der Bitte seiner Eltern, ohne groß darüber nachzudenken. Seltsamerweise fragte er sich nicht, ob es sich wirklich um seine leiblichen Eltern handelte, die ihm im Traum erschienen waren. Allerdings hatte er ohnehin vor, mir während dieser Zeit einen Heiratsantrag zu machen.
Schweigend hörte ich hin, als Finn mir eine Woche nach seinem Antrag erzählte, er habe beim Standesamt einen Termin zwei Wochen vor meinem sechsunddreißigsten Geburtstag bekommen. Also in knappen sieben Wochen.
Auch wenn ich diesem Tag, an dem meine Hochzeit stattfinden sollte, mit sehr gemischten Gefühlen entgegen sah, so war es dennoch ein ziemlich sicheres Zeichen für mich, dass meine Schwiegereltern zufrieden mit mir waren und mich in ihrer Familie haben wollten. Und diese Gewissheit machte mich glücklich und zufrieden!
Tja, und dann wurde der mächtigste Anschlag auf Finn und mich verübt. Denn da Finn nach München ziehen wollte, sahen wir uns im Frühling dieses Jahres häufiger Wohnungen an. Unsere vierte Wohnungsbesichtigung war an einem verregneten Abend Anfang April. Es war schon früh dunkel geworden und die Straßen waren geradezu menschenleer. Nur einige Autos fuhren an uns vorbei und bespritzten uns manchmal mit etwas Regenwasser aus den Pfützen. Wir hatten uns in einer etwas abgelegenen Seitenstraße eine ausgesprochen schöne und geräumige Wohnung angeschaut. Sie lag in der achten Etage. Man hatte von dieser Wohnung also einen einen unheimlich schönen Ausblick. Nur leider befand sich das Mietshaus in unmittelbarer Nähe des Münchener Flughafens. Aus diesem Grunde hatten wir uns gegen sie entschieden. Wir befanden uns gerade auf dem Rückweg zum nahegelegenen Linienbus und etwa fünfzig Meter von dieser Wohnung entfernt, als ich die vier Riesen auf uns zu spazieren sah. Finn war gerade dabei, trotz des strömenden Regens und der Dunkelheit das Haus von außen zu fotografieren und bemerkte die Riesen nicht sofort. Erst als er von der Rasenfläche vor dem Haus aus zu mir auf den Gehsteig zurückkehrte und mich eiligst weiterschieben wollte, sah er mich wie versteinert in meinem Rollstuhl sitzen und folgte meinem starren Blick.
„Was, um Himmelswillen, sind das denn für ulkige Gestalten? So etwas Abgefahrenes habe ich ja noch nie gesehen. Sie sind ja megagroß. Warum? Laufen die etwa auf Stelzen? Aber dann würden ihre Beine eher spargeldürr wirken. Zerlina, nun sag' doch schon, was das für ultrakomische Gestalten sind.“, bat Finn mich heftig lachend und krümmte sich leicht zusammen.
„Das sind die Bewohner des gelben Planeten. Und sie wollen mich auf Verdeih und Verderb aus dem Wege räumen, da sie meine Ruhe als mächtig störend beziehungsweise bedrohend empfinden. Sie denken, durch meine ruhige Art, durch mein intensives Zuhören und meine Beobachtungsgabe könne ich es schaffen, die Menschen aneinander näherrücken zu lassen. Denn weil sie das Weltall ganz alleine beherrschen wollen, möchten sie, dass es auf den belebten Planeten weiterhin verheerende Kriege gibt. Nur so können sie darauf hoffen, dass sich die Lebewesen irgendwann gegenseitig auslöschen.“, erklärte ich kurz und heftig nach Luftschnappend. Auf einmal fror ich so dermaßen stark, dass mein kompletter Rollstuhl mit mir zitterte.
Für Bruchteile für Sekunden stand mein Freund regungslos und mit offenem Mund neben mir. Nervös krallte er sich mit seiner rechten Hand an einem meiner Rollstuhlgriffe fest. Dann flüsterte er: „Diese seltsamen Riesen sind also Realität? Als kleiner Junge habe ich manches Mal von ihnen geträumt. Und nachdem mein verstorbener Großvater mich besucht hat, und ich mehr oder weniger ganz aus eigener Überzeugung meine Familie, Freunde und Bekannte dazu anhielt, umweltbewusster zu leben, tauchten diese riesigen Kreaturen wieder häufiger in meinen Träumen auf und bedrohten mich. Ich habe dir nie etwas davon erzählt, weil ich etwas Bedenken hatte, du würdest mich auslachen.“
›Ha! Dann kannst du dich jetzt in die Lage der Menschen hineinversetzen, die im Krieg sind, verfolgt werden und jederzeit mit ihrem Lebensende rechnen müssen?!‹, entfuhr es mir trotz meiner grenzenlosen Angst wütend. ›Denn so, wie es uns beiden in diesem Augenblick ergeht, könnte es bald den ganzen Lebewesen des Universums gehen, wenn wir nichts dagegen unternehmen.‹
›Mein Schatz, diese krassen Geschöpfe kommen bestimmt nicht von einer anderen Welt.", klang Finn nun wieder recht gefasst. "Sicherlich sind sie irgendwelche Komiker und begnadete Schauspieler, die sich für ganz besonders lustig halten. Denn Außerirdische kommen nicht auf unsere Welt! Auch haben sie ganz gewiss nicht vor, uns und all die Anderen aus dem Wege zu räumen, damit sie das weite, weite Weltall alleine beherrschen können.“
Finn hatte seinen Satz kaum zu Ende gesprochen, als auch schon ein großes Teil auf uns zuflog. Im letzten Moment konnte ich mich mitsamt meinem Rollstuhl aus der Schusslinie beamen. Auch mein langjähriger Weggefährte konnte sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Aber als die Riesen mit den sechseckigen Augen und der schleimigen, dunkelgrünen Haut bemerkten, dass es uns wieder einmal gelungen war, uns in Sicherheit zu bringen, stieg ihr Zorn ins Unermessliche. Mit weißem Schaum vor den Mündern schossen sie auf uns zu.
›Kannst du nicht die anderen Hexen herbeirufen? Denn wenn wir tatsächlich die richtigen Zauberwesen sind, sollte dieses doch ohne Weiteres möglich sein, oder?!‹, rief mein zukünftiger Ehemann und sah mich flehend, aber gleichzeitig auch ein wenig verschmitzt lächelnd an.‹
Jedoch wollte es mir aus irgendeinem Grund mir an diesem Tage nicht gelingen, die anderen Hexen und Zauberer gedanklich herbeizurufen. Sosehr ich mich auch bemühte. Damals im Sudan war es mir im Handumdrehen gelungen. Oder war es mir etwa nur gelungen, weil Emma an meiner Seite war? Als ich bemerkte, dass die Anderen nicht kamen, erfasste mich Panik. Ich fing noch mehr zu zittern an. Und nachdem ich meinen Kopf gehoben hatte, um Finn und mich eventuell zu verteidigen, sah ich unmittelbar vor mir einen Riesen stehen. Doch nicht nur vor mir, sondern auch neben und hinter mir standen die drei anderen Riesen und drohten, uns mit ihren Fäusten, Steinen und anderen Dingen zu erschlagen, die sie herbei zauberten. Und nur durch das perfekte Ausführen der Gedankenzauberei und kurzweiliges Stoppen der umherfliegenden Dinge, die uns bei einem gezielten Treffer schwer verletzt hätten, schaffte ich es, Finn und mich vor den schwerverletzenden Gegenständen in Sicherheit zu bringen. Außerdem gelang es mir wie durch ein Wunder, mein Augenlicht zu retten. Denn diesmal wollten diese Kerle zuallererst meine Augen zerstören. Immer wieder zielten sie mit spitzen und scharfen Gegenständen auf meine Augen. Und da es für mich die schlimmste Vorstellung war, zu erblinden, geriet ich noch mehr in Panik und hielt meine Augenlider so oft es ging geschlossen und drehte meinen Kopf wie wild hin und her, damit mir keine spitzen Gegenstände durch die Augenlider stachen. Allerdings wurde mir nach einigen Sekunden vom wilden Hin- und Hergedrehe meines Kopfes so schwindelig, dass mir die Sinne zu schwinden drohten und ich meinen Kopf eine Zeit lang stillhalten musste. Auch musste ich meine Augen öffnen, um wieder etwas sehen und mich zu Wehr setzen zu können. Ich war so damit beschäftigt, die Angriffe abzuwehren, dass es mir gar nicht einfiel, selbst Dinge zu unserem eigenen Schutz herbeizuzaubern.
Finn hockte neben meinem Rollstuhl und sah teils amüsiert, teils staunend, teils ängstlich dieser Szenerie zu. Sicherlich hält er dieses hier bloß für einen Traum., schoss es mir durch den Kopf, als ich bemerkte, dass er nichts tat, um uns zu schützen und zu retten. Traurigerweise hatten wir dieses Thema so gut es ging gemieden und somit wusste ich nicht, wie er sich im Traum gegen diese Geschöpfe verteidigt hatte. Langsam spürte ich, wie Wut in mir hochkroch. War nicht ich hier das schwache Geschlecht, das beschützt werden musste? Sollte ich mich wirklich so getäuscht haben, dass Finn mich nicht in allen Lebenslagen beschützte und mir zu Hilfe eilte? Und dabei sehnte ich mich in diesem Augenblick so sehr danach. Ich spürte, wie gerne ich Finn hier und jetzt zur Rede gestellt und lauthals angeschrien hätte. Doch leider war in diesem Moment keine Zeit dafür. Denn noch immer tobten die Riesen vor Wut.
Und mit einem Male konnte ich beinahe klare, deutliche Worte aus dem einen der fürchterlich stinkenden Münder verstehen. Sie sprachen! Gebannt und fast ein bisschen erfreut hörte ich dem mutmaßlichen Anführer der Truppe zu.
›Du bist nicht gut für das Weltall. Wir wollen die einzige belebte Welt sein. Du und dein Freund müsst aus diesem Grunde auf ewig verschwinden. Es würde allerdings schon ausreichen, wenn deine Augen erblinden. Denn ein Gesicht mit blinden, trüben Augen verliert gleich ein wenig an Ausdruck. Und während du dich daran gewöhnst, nicht mehr sehen zu können und von deinem zukünftigen Ehemann umsorgt wirst, kannst du dich, könnt ihr euch, nicht mehr recht auf deine, eure, Aufgabe konzentrieren. Jedenfalls fürs Erste nicht!‹
›Na, du redest schon wieder völligen Humbug, denn es sind ja nicht nur ihre Augen, mit denen ihr alles gelingt, sondern ihre ganze Art. Entweder wir töten sie oder nehmen sie mit auf unseren kleinen Planeten. Alle beide.‹, meldete sich jetzt eine andere Stimme zu Wort.
›Was, kidnappen? Das ist jetzt völliger Blödsinn! Dann kannst du vielleicht erahnen, was danach passiert, oder? Diese dämliche Idee hattest du schon im Sudan. Damals hat unser Kamerad dir erzählt, was daraufhin geschieht. Die größten und stärksten Hexen und Zauberer würden zu uns kommen und unseren kleinen, gemütlichen Planeten kommen. Nee, eben weil wir noch niemanden von ihnen gefangen genommen haben, halten sich die Hexen und Zauberer von unserer Erde fern.‹
›Ja, du bist witzig! Wie bitte schön hätten wir bislang auch an sie herankommen sollen, wenn sie ständig von irgendwelchen seltsamen, kleinen, vierbeinigen und gänzlich behaarten Kreaturen bewacht und beschützt wird, die anscheinend zu ihren Leuten gehören, he? Ich habe immer noch einen furchtbar tiefen Kratzer unter dem linken Auge, den mir dieses kleine, pelzige Vieh erst vor kurzem mit seinen scharfen Krallen beigebracht hat. Na ja, und ihr leiblicher Vater hat sie, als sie noch ganz klein war und im Hause ihrer Pflegefamilie wohnte, während des Falls immer wieder aufgefangen und wohlbehalten ins Haus zurückgebracht. Wir konnten sie immer nur während ihren Reisen abfangen und darauf hoffen, ihr etwas zu leide tun zu können.‹
Trotz meiner noch immer großen Angst konnte ich mir nur mit größter Mühe bei der Vorstellung das Lachen verkneifen, wie meine kleine, süße Momo wie eine Furie auf den Riesen losgegangen war und ihm einen recht tiefen Kratzer am Auge beigebracht hatte, als dieser höchstwahrscheinlich vor noch nicht allzu langer Zeit versuchte, mich nachts im Schlaf anzugreifen.
›Ich sag' ja, du bist ein gottverdammtes Weichei und ein Jammerlappen‹, konterte der Anführer zugleich prompt, als sein Kumpane ihm mit einem recht weinerlichen Gesichtsausdruck den Kratzer zeigte.
›Ach komm‹, du hast es doch auch nicht besser hinbekommen, denn sonst müssten wir uns jetzt nicht mehr mit ihr beschäftigen!‹, spottete der Andere.
›Hm, wollen wir hier jetzt eigentlich einen kleinen Plausch halten oder unsere Aufgabe erledigen?‹, kam es ungeduldig vom dritten Riesen.
Wow, das war doch gar nicht mal so schlecht, dachte ich. Man kann euch tatsächlich verstehen. Doch ehe ich ein wenig Luft holen konnte, sah ich wie mein Gegenüber seine riesige Faust ballte, um sie auf mich hinabsausen zu lassen. Oh nein, dachte ich und rollte mich gerade noch rechtzeitig zur Seite. Und dann erinnerte ich mich an mein Zusammentreffen mit den Riesen im Sudan. Ich erinnerte mich, wie die Riesen auch in China ganz plötzlich zur Ruhe gekommen waren. Lag es wirklich an der Ruhe, die ich ausstrahlte? Oder lag es an meinem Verständnis und Mitgefühl, das ich diesem Geschöpfen ganz offen gezeigt hatte? Hatte ich mit meiner Theorie etwa doch Recht, dass man mit diesen Dingen beinahe jedes Lebewesen erreichte? Vielleicht gelang es mir noch einmal, mit unseren Gegnern gedanklich einen kleinen Plausch zu halten. Denn zum deutlichen Sprechen war ich in diesem Moment nicht imstande. Einen Versuch ist es allemal wert, durchzuckte mich der Gedanke. Und so versuchte ich, dem aufgebrachten Riesen, der gerade vor mir stand, direkt in die Augen zu blicken. Allerdings war dies nicht gerade einfach. Denn noch immer musste ich hin und wieder irgendeinem spitzen Gegenstand ausweichen oder meinen Kopf heftig drehen und meine Augen schließen. Außerdem war die immer fortschreitende Dunkelheit nicht zum größten Vorteil. Aber der nahe gelegene Flughafen mit seinen „tausenden“ Lichtern, die nicht gerade wenigen Straßenlaternen und die erleuchteten Fenster der umherliegenden Wohnungen und Häuser spendeten genügend Helligkeit, um das einigermaßen gute und klare Sehen zu ermöglichen.
Finn hockte immer noch wie versteinert im feuchten Gras und vermochte sich nicht zu bewegen. Nach einigen Augenblicken, die einer Ewigkeit glichen, gelang es mir, den Riesen direkt in die Augen zu blicken. Und gleichzeitig spürte ich, wie auch ich ruhig und gelassen wurde. Furcht und Hektik schienen von mir abzufallen. Ich blickte meinem Gegner an und sprach gedanklich beruhigend auf ihn ein. Dann stellte ich dem Riesen und seinen Freunden des gelben Planeten Fragen:
›Okay Jungs, ich kann eure Wut und Enttäuschung größtenteils verstehen. Ihr fühlt euch von den anderen Lebewesen des Weltalls nicht ernst genommen, nichtrespektiert genug und ausgegrenzt. Aber gibt es denn nicht schon genug Hass, Gewalt und Unruhe auf den einzelnen Welten? Ja gut, ich meine, ich war zwar bis jetzt auf keinem anderen Planeten gewesen. Aber aus den Erzählungen meiner Großmutter und den Anderen konnte ich heraushören, dass es auf Jedem etwas größere Auseinandersetzungen gibt. Sollten wir uns nicht eher darum bemühen, dass wzumindest von uns Außerirdischen ein wenig Ruhe und Zufriedenheit auf die Planetenbewohner übertragen wird?", erkundigte ich mich gedanklich."Was bringt es euch denn, wenn ihr das Weltall allein beherrscht? Es gibt so viel Unruhe und Missverständnisse, die zu Trauer, Verzweiflung, Machtlosigkeit und dann zu Kriegen führen. Überall wird sich vor dem Anderen, dem Größeren, gefürchtet. Es gibt nur Angst und die große Ungewissheit. Ist es da nicht viel sinnvoller, mit den anderen Planetenbewohnern zusammenzuarbeiten, eine Art Gemeinschaft zu bilden und ein wenig Klarheit im Weltall zu schaffen? Angst, Ungewissheit,Gewalt und Krieg zu vernichten, anstatt uns? Und wer weiß schon, ob es nicht noch größere und gewaltigere Lebewesen gibt, die ebenfalls danach streben, das Weltall allein zu beherrschen. Wäre es nicht schön, wenn wir alle zusammen die großen, unbekannten Wesen davon überzeugen könnten, dass Andere auch das Recht haben, zu leben? Denn es wäre doch fatal, wenn ihr irgendwann vor diesen Wesen, die sich vielleicht noch niemals gezeigt haben, ganz mutterseelenallein stehen würdet? Und überhaupt, ist es nicht schön zu wissen, dass man nicht allein ist? Also mich persönlich beruhigt es immer wieder aufs Neue. Man kann sich austauschen und voneinander lernen. Kommt, lasst uns doch gemeinsam diese unschönen und störenden Dinge auf den belebten Planeten beseitigen, die veranlassen, dass die Menschen oder die anderen Lebewesen nicht friedlich miteinander leben können. Niemand von uns möchte euch auf irgendeine Seite ziehen. Wir bitten euch lediglich, die Ruhe im Weltall zu bewahren und die anderen Lebewesen in Frieden leben zu lassen. Mehr verlangen wir gar nicht!‹
Und plötzlich bemerkte ich, wie auch diese Riesen etwas ruhiger wurden und schließlich zu toben aufhörten und zu überlegen begannen.
Ich kann es wirklich, jubelte ich in Gedanken auf. Ich kann jemanden mit meinen Augen und mit meinen bloßen Gedanken beruhigen und ihm etwas mitteilen."
›Freu' dich nicht zu früh, kleine Zappelhexe. Sooo beruhigend bist du nun auch wieder nicht. Aber ich muss ehrlich gestehen, wir Bewohner des gelben Planeten haben noch nie mit Hexen und Zauberern gemeinsame Sache gemacht‹, hörte ich den Anführer plötzlich sagen. ›Wir glauben auch nicht, dass dies möglich ist. Die Welten bekriegen sich seit eh und je. Und wir wollen nun mal die alleinige Macht über das Weltall haben. Denn wir sind einfach die Mächtigsten.‹
›Dann versucht es doch wenigstens mal zu akzeptieren, dass es Lebewesen auf anderen Planeten gibt, die leben wollen, und nicht mehr solche Wut auf sie zu haben. Ja gut, ich meine, ich habe zwar auch noch nie gehört, dass die Bewohner der einzelnen Erden Freunde wurden. Aber wir könnten es doch wenigstens mal versuchen. Findet ihr nicht? Keiner von uns allen ist mächtiger als der Andere. Und es kann nie schaden, sich untereinander zu verstehen. Denn wenn es zum Beispiel bei euch auf dem Planeten irgendwann einmal zu Auseinandersetzungen kommt, würden wir ebenfalls versuchen, den Frieden wieder herzustellen‹, versuchte ich meinen Gegner zu überzeugen und hoffte, dass er mich vom Sprachlichen her verstanden hatte, da ich Letzteres nämlich gesprochen hatte. Allerdings hatte er neben meinen gesprochenem Sätzen wahrscheinlich auch noch meine Gedanken gelesen. Ein paar Minuten schaute mein Gegenüber etwas verträumt in den Himmel, an dem allmählich die dicke Wolkendecke zerriss und ein paar Sterne hervorlugten.
›Hm, ihr haltet euch wohl für die Polizisten des Weltalls, nicht wahr? Und ich gebe es zwar nicht gerne zu, aber mitunter könnten wir tatsächlich Hilfe von Anderen gebrauchen. Und wenn ich mir die Menschen so angucke, kann ich einige Parallelen zu uns ziehen. Zudem ist der Gedanke wirklich ein wenig beängstigend, irgendwann einmal vor den mächtigeren Wesen gänzlich allein dazustehen, die es irgendwo womöglich noch gibt. Hier hast du wirklich Recht!‹ Dann verzog sich sein Gesicht etwas, und für einige Sekunden glaubte ich beinahe, ein kleines Lächeln zu sehen.
›Und vielleicht ist es gar nicht mal so schlecht, eine wahre Hexe zur Freundin zu haben. Überhaupt wenn sie solche Ruhe wie du in sich trägt und ausstrahlt. Es wird zwar nicht gerade einfach werden, unseren vordersten Mann von dieser Idee zu überzeugen, doch versuchen können wir es mal. Nein, leicht wird es gewiss nicht werden! Ich muss ihm doch sagen können, dass wir dich, euch beiden, vernichtet haben. Er kann mit seinem Fernglas nämlich bis zum blauen Planeten hinübergucken. Na, und dann wird er sehen, dass wir ihn angelogen haben.‹
›Herr Gott noch mal, dann nimm ihm das bescheuerte Fernglas doch ganz einfach weg und verstecke es irgendwo, wo er es erstmal nicht wieder finden kann“, meldete sich urplötzlich mein zukünftiger Ehemann zu Wort, der sich endlich wagte, über meinen Rollstuhl etwas mehr hinweg zu gucken.
›Meinst du wirklich, dass das funktionieren würde?‹, erkundigte sich der Riese ungläubig bei Finn.
›Ja, aber sicher doch, du Komiker! Du musst für das Superfernglas nur einen sicheren Ort finden. Und wenn ihr Zerlina dann noch auf eure Erde zum Streitschlichten oder gar zum Kriegsverhindern holt, wird euer so genannter vorderster Mann spätestens in diesem Augenblick einsehen, dass man sich mit den Wesen von den anderen Planeten ruhig verstehen sollte.‹
›Nein, das kann einfach nicht gut gehen‹, wiederholte der Riese jetzt noch einmal unbeholfen auf Finns Idee. ›Wir müssen euch beide jetzt auf der Stelle vernichten. Denn dir, der du dich so ziemlich feige hinter diesem rollenden Stuhl versteckst, geht's nun auch endgültig an den Kragen. Kommt schon endlich her, ihr zwei‹, und schon traten sie uns gefährlich nahe.
›Einen Augenblick‹, sagte Finn mit dem Oberkörper zurückweichend noch einmal. ›Wollt ihr wirklich, dass das größere Wesen dort draußen im Weltall eines Tages Gericht über euch abhält und ihr womöglich als kleine und verfolgte Hexen und Zauberer wiedergeboren werdet? Das wollt ihr doch sicher nicht, oder? Denn jedes Wesen, das lebt, wird irgendwann nach seinem Ableben wiedergeboren. Das wisst ihr doch, nicht wahr? Nun ja, und dann bekommt es jede schlimme Tat, die es in seinem vorherigen Leben begangen hat, heimgezahlt.‹
›Meinst du, dass dieses Wesen dort draußen tatsächlich existiert? Wenn es wirklich so ist, müssen wir es unbedingt unserem Vordermann erzählen. Denn ich möchte in meinem nächsten Leben nicht so furchtbar hart bestraft werden. Schon gar nicht möchte ich als Mensch wieder zurück ins Leben kommen. Am besten kehren wir jetzt erst einmal auf unseren Planeten zurück und erzählen diese Sache unserem Vordermann.‹