Die Magie der Empathie
Die Magie der Empathie
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 10 Teile geteilt.
›Wir können nur hoffen, dass er keine Verstärkung bekommt‹, zischte Emma zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Plötzlich sah ich vor meinem geistigen Auge deutlich einen Eimer mit eisigem Wasser. Und schon im nächsten Augenblick ergoss sich ein Wasserschwall wie aus dem Nichts über dem Kopf des Riesen. Ein erschrockener Ausruf des Riesen scholl zu uns herüber.
›Ich vermute mal, er wird spätestens jetzt seine Kollegen rufen, die ihn auf die Erde begleitet haben.“ Emma versuchte sich schützend vor mich zu stellen.
Und richtig! Schon in den nächsten Sekunden tauchten noch zwei weitere Geschöpfe mit sechseckigen Augen auf. Ängstlich blickte ich zu Emma hinüber. ›Was machen wir nun?‹, fragte ich bibbernd. „Gegen diese drei riesigen Geschöpfe kommen wir beide keineswegs an.‹,
›Du musst die anderen Hexen herbeirufen, Zerlina. Ich kann das nicht. Ich bin praktisch mausetot!“
›Aber wie um Himmels willen soll ich die anderen Hexen und Zauberer um Hilfe bitten? Ich kann doch gar nicht so laut rufen.“
Denn da ich bis hierhin noch nie als Zauberwesen in Not geraten war, wusste ich nicht, wie man die anderen Hexen und Zauberer gedanklich herbeirufen konnte. Zwar hatte Emma mir schon einige Male kurz davon erzählt, aber ich hielt es für unmöglich, dass man jemanden mit seinen bloßen Gedanken herbeirufen konnte. Somit hatte ich ihr nicht so recht zugehört, als sie mir von diesem Kapitel der Zauberei erzählte. Und jetzt war es zu spät! Warum war ich nur so grob über diese Lektion hinwegegangen?, schalt ich mich gedanklich. Nichtsdestotrotz erinnerte ich mich daran, dass ich mitunter das Gefühl hatte, winzige und kurze Gedankenfetzen von meinem Gegenüber wie Worte vernehmen zu können. Allerdings hatte ich immer gedacht, ich würde es mir bloß einbilden.
›Du du denkst einfach ans laute Rufen.“, flüsterte Emma mir mit einem viel versprechenden Gesichtsausdruck zu.
Ja, warum soll das eigentlich nicht möglich sein?, fragte ich mich. Denn meinen Besen konnte ich ja auch mit meinen bloßen Gedanken lenken. Also versuchte ich, mit den anderen invaliden Hexen und Zauberern gedanklich in Verbindung zu treten und sie zu rufen. Und schon nach wenigen Augenblicken hörte ich neben den seltsamen Lauten der Riesen es am Himmel tatsächlich rauschen. Zum Glück war Englisch die Amtssprache des Sudans. Und das Englischsprechen fiel mir Dank des Englischcraschkurses leicht. Als ich nach oben blickte, sah ich die anderen invaliden Hexen und Zauberer, wie sie herbeieilten. Völlig perplex sah ich meine Großmutter an, die nur lässig mit den Schultern zuckte und mir aufmunternd und höchst zufrieden zuzwinkerte.
Leider hatte ich keine Zeit, mich über das soeben Geschehene zu freuen oder maßlos zu wundern, denn schon wieder flogen große Steine über unsere Köpfe hinweg, die allmählich immer gezielter kamen. Aber im Nu hatten wir gute Verstärkung bekommen, die mit uns gegen diese riesigen Kreaturen kämpfte. Hui, was war das für ein Getümmel und ein einziges Rauschen in der Luft! Drunter und drüber ging es. Mehrmals flog ich zu einem unserer Gegner, um ihn außer Gefecht zu setzen. Allerdings fand ich das Herbeizaubern von immer schärferen und gefährlicheren Dingen zum Verteidigen recht unangenehm. Denn jemandem Gewalt anzutun, war noch nie meine Art. Und plötzlich und vollkommen unerwartet schoss mir wieder die Frage durch den Kopf, ob die Gewalt, die wir gegen diese Lebewesen aufbrachten, nicht genau das Gegenteil von dem bewirkte. Brachten wir diese Geschöpfe mit unserer doch sehr brutalen Gegenwehr nicht nur noch mehr in Rage und schürten ihren Ärger und ihre Wut auf uns? Denn ich konnte mich lebhaft zurückerinnern, dass, wenn meine Mutter mir als kleines Mädchen eine Ohrfeige gegeben hatte, ich die größte Lust verspürte, bei ihr das Gleiche zu tun. Ja, in diesem Moment wurde mir bewusst, dass die evangelische und katholische Kirche sowie noch einige andere Glaubensrichtungen mit einigen Kapiteln ihrer Predigt gar nicht mal so Unrecht hatten. Denn man sollte in der Tat mit den Fehlern der Anderen umsichtiger umgehen. Und wenn man einem gewalttätigen Menschen begegnete, sollte man versuchen, ihn zu besänftigen und in ein beruhigendes Gespräch zu verwickeln. Ja, man sollte allen Ernstes die andere Wange hinhalten, wenn man geschlagen wurde. Nur war dies nicht so leicht in die Tat umzusetzen, wie ich es von mir selbst her nur allzu gut wusste. Aber urplötzlich erinnerte ich mich an den Überfall in meinem Schlafzimmer in München, bei dem ich um ein Haar mit meinem eigenen Kopfkissen erstickt worden war. Ich erinnerte mich, wie ich diesen unerbittlichen Kampf zwischen dem Riesen mit den sechseckigen, rot unterlaufenen Augen und meinem scheinbaren Schutzengel mit beruhigendem Summen plötzlich zum Stillstand gebracht hatte. Und auf einmal besann ich mich eines Besseren. Ich vergaß das Herbeizaubern von verletzenden Dingen und spürte, dass ich stattdessen versuchte, die Riesen mit meinen Augen und meiner ruhigen Stimme zu besänftigen. Es ging ganz automatisch sowie damals in meinem Schlafzimmer. Auch versuchte ich, gleichzeitig etwas Verständnis für ihre unbändige Wut zu zeigen, da ich glaubte, dass sich diese drei Geschöpfe erst für ernst genommen fühlten, wenn man ihnen Respekt und Verständnis entgegenbrachte.
Und schon nach kürzester Zeit kam tatsächlich etwas Ruhe in die Raserei. Wie lange ich so regungslos dasaß, wusste ich nachher nicht. Aber sehr viel mehr, als nur wenige Augenblicke, konnten es nicht gewesen sein. Komischerweise gelang es mir in dieser Zeit, meinen eigenen Körper vollkommen unter Kontrolle zu bekommen und ganz still zu sitzen.
„Was möchtest du und deine Mitriesen denn von uns?“, erkundigte ich mich gedanklich bei den Riesen. ›Wenn ihr uns nichts tut, tun wir euch auch nichts. Wir werden auch nicht versuchen, euch in Zukunft zu anderen, besseren Lebewesen umzuerziehen, sondern wir möchten lediglich, dass es im Weltall ein wenig ruhiger zugeht und noch andere bewohnte Erden gibt. Und das meine ich so, wie ich es jetzt sage. Ehrlich! Fühlt ihr euch von den Bewohnern der anderen Planeten ungerecht und respektlos behandelt oder gar ausgeschlossen? Meint ihr denn wirklich, dass ihr alles ganz allein beherrschen könnt oder möchtet?‹
›Ja!‹, hörte ich es auf einmal bestimmt sagen. Vollkommen erschrocken und irritiert sah ich den Riesen an, der mir scheinbar so prompt geantwortet hatte.
›Irgendetwas stimmt nicht mit dir, Hexe, hörte ich ihn nach weiteren Sekunden sagen. Man muss sich nur deine Augen ansehen. Wenn man längere Zeit in deine klaren Augen blickt, kann man sich beinahe nicht dagegen wehren, ruhig und entspannt zu werden und zu vergessen, dass man doch eigentlich zornig ist und Unruhe stiften möchte. Das ist nicht normal. Du bist bestimmt komplett verhext! Ach, wie gut, dass jetzt nur meine beiden Mitriesen bei mir sind. Denn meine ganzen Jungs und Mädels hätten bestimmt herzhaft über mich gelacht und gesagt, dass solch ein Blödsinn nur von mir kommen kann!‹, vernahm ich es im nächsten Moment von ihm wieder. "Auch würden die Anderen mich verulken und es kaum glauben, dass so ein Clown, wie ich einer bin, ihr Anführer ist, wenn es darum geht, eine andere Erde zu erkunden. Und dann würden sie lachen. Aber zum Glück gibt es bei uns auch welche, die nicht ganz so klug sind.“ Damit lukte er verstohlen zu seinen Kameraden hinüber. „Es war also mein absolutes Glück, dass gerade diese Zwei anscheinend nichts zu tun hatten und mein gedankliches Rufen hörten.“, dachte der Riese flüsternd weiter und ließ seine Mundwinkel etwas hängen.
„Natürlich hat diese kleine, seltsame Zappelhexe irgendetwas Magisches an sich, denn sonst wäre sie ja keine Hexe. Außerdem hat unser erster Vordermann, der bereits einige Male auf diesen Planeten gereist ist, um sie aus dem Weg zu räumen, uns ja gesagt, dass sie irgendetwas an sich hat, von dem wir alle nicht wissen, was es ist. Und aus diesem Grunde sollen wir sie wegschaffen, um ungestört unser Vorhaben erledigen zu können. Bereits kurz nach ihrer Geburt ist uns aufgefallen, dass sie eine besondere Aura hat. Aber es ist uns partout nicht gelungen, sie außer Gefecht zu setzen. Denn schon damals haben wir uns von ihrer ruhigen Art und ihren Augen beirren lassen. Und das, obwohl sie noch ein ganz kleines Mädchen war. Nun, vermutlich ist dies auch der Grund, weshalb sie von ihren Leuten auf den blauen Planeten geschickt worden ist. Denn offensichtlich kann sie jeden in ihren Bann ziehen. So auch die Menschen. Ich habe bisher noch kein anderes Wesen mit solchen Augen und solcher Ruhe gesehen. Und dabei sind wir doch schon dreihundert Jahre unterwegs und kämpfen gegen die anderen Planetenbewohner im Weltall. Die meisten jedoch haben uns mit anderen Dingen überwältigt gesetzt. Doch diese Person gebraucht nur ihre Ruhe und ihre fast unheimlichen, ruhigen Augen. So etwas habe ich wirklich noch nie erlebt‹, meldete sich ein Komplize des Riesen sich jetzt zu Wort.
Ah, meine Augen und meine beruhigende Aura sind es also, die euch umstimmt und beruhigt, dachte ich und bemühte mich, diesen Kreaturen weiterhin in die Augen zu blicken und ihnen meine Ruhe ganz offen zu zeigen. Deshalb habt ihr versucht, mich als kleines Mädchen im Schlaf zu töten., dachte ich weiter.
›Ja, genau so ist es‹, vernahm ich es Sekunden später wieder.
Trotz zitternden Knien und flauen Gefühl im Magen bemühte ich mich, weiterhin beruhigend auf die Riesen einzureden und ihnen dabei unseren Respekt und unser Verständnis zuzusichern. Doch dies erwies sich jetzt als verdammt schwierig. Denn die Riese drehten sich von mir weg, um meinem Blick zu entgehen. Wenn sie allerdings ihren Angriff fortsetzen wollten, mussten sie sich notgedrungen wieder zu mir umdrehen und sich konzentrieren. Und da ich nun genau wusste, was diese Geschöpfe umstimmen konnte, blickte ich ihnen immer wieder beruhigend entgegen‹, berichtete ich an diesem Morgen meinem Ehemann, der mich etwas entgeistert ansah.
›... ›Aber, wenn sie uns sagt, dass ihre Leute uns nichts tun wollen, uns Respekt entgegenbringen und uns nicht auf ihre Seite ziehen wollen, dann ist doch eigentlich alles in Ordnung, oder?, dachte der Komplize unüberhörbar erleichtert weiter. ›Wir müssen uns nur ruhig verhalten und niemandem mehr irgendwelchen Schaden zufügen.‹
“Wenn wir auf jedem Planeten so schnell einlenkten, würde es im Weltall in nächster Zeit viele bewohnte Planeten geben. Und unser Vordermann hat uns nun einmal aufgetragen, die anderen Lebewesen zu vernichten. Ganz besonders die Hexen und Zauberer. Egal, was passiert!“, klang es nun wieder vom ersten Riesen kleinlaut zu mir herüber. ›Hm, vielleicht können wir sie erst mal auf unseren Planeten kidnappen, anstatt sie gleich umzubringen. Aber nein, sie kann doch nichts selbständig tun. Wir würden uns mit ihr nur zusätzliche Arbeit aufhalsen. Außerdem halten sich ihre Leute noch von uns fern. Wenn wir allerdings eine Person von ihnen gefangen nehmen, stürmen sie vermutlich unseren kleinen, gemütlichen gelben Planeten. Nein, ich muss dich, kleine Zappelhexe jetzt auf der Stelle beseitigen.‹
Bei diesen Worten brach mir eiskalter Schweiß aus. Ich hoffte inständig, dass Emma nichts geschah. Möglichst ruhig redete ich weiter auf die riesigen Geschöpfe ein. Und auf einmal hörte ich den momentanen Anführer endgültig sagen und denken: ›Ich halt diesen Blick und diese ruhige Art einfach nicht mehr aus! Ich mache mich jetzt aus dem Staub. Nee, so was hab' ich meinen Lebtag noch nicht erlebt. Immer konnte ich mit meiner Körperkraft die Meisten besiegen, und nun kommt solch eine kleine Person daher und guckt mich nur an, sodass ich alles Böse vergesse. Soll unser Vordermann mit den Anderen unserer Regierung selbst hierher kommen und sich diese Hexe vornehmen!, sagte er gedanklich zu sich selbst.‹
Die anderen Hexen und Zauberer blickten mich völlig fassungslos an, als plötzlich beinahe vollständige Ruhe eingekehrt war. Und zu unseren bassem Erstaunen machten die Riesen nach einigen kurzen Augenblicken tatsächlich Anstalten, sich zurückzuziehen. Sie erhoben sich einfach in die Lüfte, drehten noch einige Kreise über unseren Köpfen und verschwanden schließlich.
›Es geht hier tatsächlich nicht mit rechten Dingen zu‹, hörte ich den einen Riesen noch einmal sagen, bevor die Drei endgültig verschwanden.
›W ... wie hast du das denn jetzt hinbekommen?‹, meldete sich nach einigen Augenblicken eine Hexe zu Wort und blickte mich ungefähr so an, als wenn sie soeben aus einem seltsamen Traum erwacht wäre. ›Denn es sah aus, als ob du diese Wesen hypnotisiert hättest. Kannst du Andere etwa unter Hypnose setzen? Na, wenn man in deine völlig ruhig wirkenden Augen guckt, möchte man es auch tatsächlich meinen.“
Selbst Emma nickte zustimmend und sah mich stolz an.
›Ach Quatsch, ich kann niemanden hypnotisieren oder so ’n Blödsinn. Vielleicht liegt es an der Art, wie ich mit den Riesen gesprochen habe. Wahrscheinlich müssen wir alle versuchen, ein wenig mehr auf die Anderen zu- und einzugehen und ihnen zeigen, dass wir vor ihnen Respekt haben und sie ein Stück weit verstehen. Ganz egal, in welcher Sache und bei welchem Problem. Denn wer sich verstanden fühlt, ist nicht mehr so traurig oder aggressiv und findet schneller zur Ruhe. Vorallem aber müssen wir ihnen verdeutlichen, dass wir sie nicht zu einer anderen Person machen wollen. Das kenne ich nämlich von mir selbst nur allzu gut. Bestimmt fühlen sich die Bewohner des gelben Planeten nur nicht ausreichend verstanden, respektiert und ausgeschlossen und befürchten, von uns umerzogen zu werden. Höchstwahrscheinlich wollen diese Riesen nichts Böses. Ich meine, sie sehen ein bisschen furchterregend aus, sodass wir deswegen vollkommen falsch über sie urteiilen. Das tun wir im Allgemeinen ja leider immer schnell. Ist es nicht erstaunlich, wie schnell wir über irgendetwas urteilen, was wir noch nie zuvor in unserem Leben gesehen oder erlebt haben? Ach, die Lebewesen, die der Meinung sind, etwas klarer denken zu können und vernünftig zu sein, sind reichlich komisch. Da unterscheiden wir Hexen und Zauberer uns scheinbar in keinster Weise von den Anderen. Wir schreiben manchen unserer Mitmenschen vor, wie sie zu leben haben, obwohl sie ihr Leben gut selbst organisieren können. Wir verurteilen sie, obwohl wir sie eigentlich gar nicht kennen, und zeigen ihnen gegenüber viel zu wenig Respekt. Tja, der Respekt vor dem Anderen ist hier wahrlich Mangelware. Aber anscheinend gibt es ihn außerhalb dieser blauen Kugel auch nicht häufiger«, seufzte ich betrübt und umfasste die Hand von Oma, der zum großen Glück wirklich kein einziges Haar gekrümmt worden war. »Dennoch halte ich es keinesfalls für möglich, dass gerade ich diese riesigen Geschöpfe zur Ruhe gebracht habe. Wie denn auch?“
„Nun, vermutlich mit deinen beruhigenden Gedanken und deiner Ausstrahlung?“ warf eine schon etwas ältere Hexe mit grauen Haaren leicht in die Runde. ›Denn anscheinend kannst du dich wunderbar in die Seelen Anderer hineinversetzen und siehst, in jedem Einzelnen einen Guten.‹
Unwillkürlich dachte ich an Finn, der immer versuchte, für das unschöne oder sonderbare Benehmen Anderer irgendeine Entschuldigung zu finden. Dies hatte mich in früheren Zeiten manchmal richtig rasend gemacht. Ja, ich glaubte, Menschen, die sich unmöglich und auffällig benahmen, hatten selbst Schuld an ihrer Situation und könnten sich von einem Augenblick zum Anderen ändern. Doch nach und nach begriff ich, dass alle Menschen „neutral“ geboren wurden. Selbst der grausamste Massenmörder! Jeder Mensch und jedes Tier fing irgendwann an, das zu reflektieren, was ihm während seines Lebens widerfahren war. Manche, die von der Psyche her labil waren und das Unschöne oder gar Grausame, das sie erlebten, nicht verarbeiten konnten, wurden zu so genannten "Bösewichten". Doch alles, was diese Lebewesen forderten, war Aufmerksamkeit, Geborgenheit und Verständnis. Wir lebten wirklich viel zu sehr aneinander vorbei. Und vor allem war es uns einfach nicht möglich, uns gegenseitig zuzuhören und uns in die Lage des Anderen hineinzuversetzen. Denn sonst würde es nicht so viele verzweifelte und traurige Menschen geben, die aus ihrer Trauer und Verzweiflung heraus manchmal sehr unschöne oder grausige Dinge taten. Manchmal schlossen sich Menschen zu einer „starken Gemeinschaft“ zusammen, die sich benachteiligt fühlten, um auf sich aufmerksam zu machen. Das war in unserer Gesellschaft jedenfalls immer wieder gut zu beobachten. Oder aber es erzählten manche Menschen irgendeinen Blödsinn, um von ihren Mitmenschen die gewünschte Aufmerksamkeit und Zuneigung zu bekommen. Aber leider nehmen wir unsere eigene Person immer viel zu wichtig. Wenn wir uns nicht immer in den absoluten Mittelpunkt stellen würden und die Fähigkeit des genauen Zuhörens und des Sich-in-jemanden-Hirneinversetzens hätten, könnten wir sehr viel friedlicher, fröhlicher und glücklicher zusammenleben. Dieses war mir ja schon als Kind aufgefallen. Doch aller Wahrscheinlichkeit nach war diese Angst vor Gott und dem Ungewissen das Ergebnis des zu wenigen Zusammenhalts untereinander. Die Menschen ängstigten sich doch am allermeisten vor ihrem Schöpfer und vor dem, was nach dem Tode kam. Die Prediger predigten in den Kirchen immer nur vom Gott, der die Braven und Gehorsamen liebte und ihnen zugewandt war. Aber beantwortet der Geistliche auch genügend die ängstlichen Fragen der Gläubigen? Ging er richtig auf seine Gemeinde ein? Zwar gab es in den evangelischen Gemeinden Hauskreise, in denen die gläubigen Menschen außerhalb der Kirche miteinander über ihren Gott und Anderes sprachen und sich untereinander austauschen konnten. Und diese Zusammenkünfte gab es sicherlich in jeder kirchlichen Gemeinde, sowie es auch noch einige andere kirchliche Zusammenkünfte gab. Dennoch fragte ich mich, ob diese Treffen und Gespräche unter den Gemeindemitgliedern ausreichte, um ihr Unbehagen und ihre zahllosen Fragen an und um das große unbekannte Wesen im Weltall zu stillen und zu beantworten?
Ja, es gab da auch noch die Seelsorgestationen, die überwiegend kirchlichen Ursprungs waren. Aber konnten diese Leute dem Verzweifelten, Alleingelassenen wirklich helfen? Allerdings saßen heutzutage an den Sorgentelefonen nicht nur Leute, die mit der Kirche in enge Verbindung standen. Allerdings fragte ich mich, ob derjenige, der am Sorgentelefon saß und psychologisch geschult war, genügend über das Leben wusste. Und wusste er auch irgendetwas über den Tod? Denn der Tod war ein äußerst wichtiger Teil des Lebens! Aber traurigerweise war er in einigen Ländern dieser Erdkugel ein absolutes Tabuthema. So manch Einer fürchtete sich schon, bloß einen Friedhof zu betreten und mit dem Tod in irgendeiner Form in Berührung zu kommen. Aber wenn wir es schafften, den Tod als eine vollkommene normale Sache zu betrachten, würde ein riesiger Teil der Angst von uns abfallen. Wir mussten den Tod nur in die Mitte des Lebens rücken lassen. Könnte es sein, dass die Aufgabe der außerirdischen Hexen und Zauberer darin bestand, dieses den Menschen nahezubringen? Konnten wir allein durch unser Dasein den Menschen mehr Gewissheit über ihr Leben und ihren Tod vermitteln und sie dadurch zur Ruhe bringen? War es uns möglich, die Bewohner dazu zu bringen, das Leben und den Tod richtig zu verstehen und wahrzunehmen? Konnten wir das Leben im Weltall so retten? Allerdings konnte ich es einfach nicht glauben, dass ausgerechnet ich den eventuell wahren Kern unseres Einschreitens entdeckt hatte, zumal wir schon seit guten zweihundert Jahren mit den außerirdischen Lebewesen Kontakt hatten und versuchten, ihnen zu helfen.
›Aber um ehrlich zu sein, Zerlina, es ist noch niemandem gelungen, diese Kreaturen zu besänftigen, sie an ihrem Vorhaben zu hindern und sie zum Rückzug zu bewegen‹, meldete sich nun ein kleinwüchsiger Zauberer aufgeregt zu Wort und lenkte mich von meinen Überlegungen ab. ›Jedenfalls noch nicht auf die Art, wie du es soeben geschafft hast. Vielleicht gelingt es dir tatsächlich, die Riesen auf die etwas sanftere Seite zu ziehen und sie zu beruhigen. Denn es muss einfach an deiner Person gelegen haben, dass alles so glimpflich ablief. Woran könnte es denn sonst gelegen haben? Unsere Begegnungen mit den Bewohnern des gelben Planeten sind bisher immer in einem einzigen Gewaltakt mit viel Blutvergießen und und manchmal auch mit Toten geendet. In dieser Sache sind wir Hexen und Zauberer wahrlich keinen Deut besser als zum Beispiel die Menschen. Zudem hast du Recht, wenn du meinst, beobachtet zu haben, dass man viel zu respektlos mit seinem Gegenüber umgeht. Du bist schon ganz richtig dafür bestimmt worden, in der Welt umher zu reisen, um deine Ideen und Beobachtungen, was das Zusammenleben der Planetenbewohner stört, in alle Richtungen zu verbreiten.‹
Ich spürte, wie ich panisch zu werden drohte. Dann hatte ich mich also doch nicht getäuscht, als mich an jenem Abend, an dem ich meine verstorbene Großmutter zum allerersten Mal traf, das Gefühl beschlich, es würden größere Hoffnungen auf mir ruhen. Aber warum? Was hatte ich denn so Besonderes an mir? Ich war doch nur eine zappelige Person im Rollstuhl. Es musste doch schon unheimlich Vielen aufgefallen sein, dass so etwas Wichtiges wie die große Gemeiinschaft fehlten. Denn in der Bibel war von diesen Dingen ebenfalls zu lesen, von denen vermutlich auch schon so manches Zauberwesen gehört hatte. Allerdings konnte ich mir durchaus vorstellen, dass kaum jemand diese fehlenden Dinge direkt beim Namen genannt hatte. Selbst von meinen Leuten. Und schlagartig wurde mir bewusst, dass ich noch eine ganze Menge zu tun hatte.
Aber es war ein großes Glück, dass meine Mithexen und meine Mitzauberer die drei Riesen, die Großmutter und mich angriffen, nicht töteten. Denn Töten erschien mir so unwirklich und passierte für mich nur im Fernsehen oder so weit weg, dass ich damit keinesfalls in Berührung kam.
„Und ihr habt tatsächlich schon einige Riesen getötet?‹, kam es mir heftig zitternd und fassungslos über die Lippen. ›Macht ihr das häufiger?‹
Ein leichtes Nicken der anderen Hexen und Zauberer zeigte mir an, dass es so war.
›Aber wieso?‹, herrschte ich sie etwas ungehalten an.
›Wir müssen die jeweiligen belebten Planeten nun einmal vor ihrem Untergang und auch unser eigenes Leben schützen. Wir wussten nicht, ob die Situationen, in denen wir uns mit den Riesen jeweils befanden, ein so glückliches Ende nehmen, wie diese Situation gerade. Es war für uns nicht vorauszusehen, wie die jeweiligen Angriffe enden. Außerdem waren es immer ziemlich viele Riesen, Zerlina. Zum Glück scheint es nicht allzu viele bewohnte Planeten zu geben. Denn sonst wären wir auf unserem Heimatplaneten noch weniger, als wir es ohnehin schon sind. Unser Planet ist nämlich recht klein und hat nicht viele Bewohner. Ich weiß nicht, ob dir Emma schon irgendetwas über unsere kleine Welt erzählt hat. Aber bei uns gibt es nur zwei große Länder‹, erklärte mir der kleinwüchsige Zauberer mit schwarzem Rauschebart und den ebenso schwarzen Augen. Dabei blickte er vorsichtig zu Großmutter hinüber.
›Nun, das werde ich später noch tun, Zerlina! Alles der Reihe nach.“, schaltete Emma sich erklärend ein und strich mir flüchtig über den Kopf.
›Aber viel wichtiger und viel interessanter ist es doch herauszufinden, was die Drei eben so plötzlich beruhigt und umgestimmt hat, oder?‹, warf der kleinwüchsige Zauberer auf einmal wieder fragend in die Runde.
›Sag' mal, wie um alles in der Welt hast du gewusst, wo sich die Riesen während unserer kleinen Auseinandersetzung gerade befinden?‹, fragte ich auf einmal und wandte mich an meine Nachbarin, die blind war, um vom Thema abzulenken.
›Nun, da ich nichts sehen kann, ist mein Geruchs- und Gehörsinn so gut ausgebildet, dass ich immer hören oder riechen kann, wenn sich jemand in meiner Nähe befindet. Aber natürlich konnte ich sie ebenfalls gedanklich sprechen hören", erklärte sie etwas verlegen. ›Aber du bist auch nicht schlecht.“, lobte sie mich plötzlich. „Denn du weißt ja erst seit knapp einem Jahr, dass du eine wahrhaftige Hexe bist und hast ebenso lange Übung. Du schlägst dich aber so wacker, als ob du dein Leben lang nichts Anderes gemacht hättest, als mit deinem Besen durch die Welt zu fliegen und den Bewohnern Gutes zu tun.‹
›Meine Großmutter nörgelt aber ständig an mir herum‹, flüsterte ich und blickte dabei niedergeschlagen zu Boden.
›Nun, ein wenig Kritik haben wir alle über uns ergehen lassen müssen, was uns nicht geschadet hat‹, entgegnete jetzt eine andere Hexe, die ebenfalls eine starke Spastik hatte und genauso verwaschen sprach wie ich. Hastig wechselten die Hexe und Emma vielsagende Blicke. „Denn unsere Eltern und Verwandten wollen uns ja möglichst stark machen. Verstehst du, Zerlina?‹
Und ob ich das verstand! Nur hatte ich mein Leben lang das Gefühl vermittelt bekommen, eine Versagerin zu sein. Nie hatte ich etwas richtig gut gemacht. Nur meine Schwester Steff und Finn hatten mich einige Male für das, was ich tat und vollbrachte, gelobt. Auch waren einige Pflegekräfte während meiner Internatszeit sogar der Ansicht gewesen, ich würde mit meinem Leben nicht klarkommen. Diese Meinung schockte, verdutzte und stimmte mich ein wenig traurig. Seitdem versuchte ich, noch perfekter und noch härter zu sein. Und schon bald glich ich mehr einer gut funktionierenden Maschine als einem Lebewesen, das aus Fleisch und Blut bestand. Und erst nachdem mir eine meiner vier Schwestern anvertraute, sie möge mich nicht so sehr, weil ich ihrer Meinung nach vom Wesen her zu stark wäre, fragte ich mich häufiger, ob ich einigen Leuten wirklich zu „stark“ war.
XI
Während meiner restlichen Zeit im Sudan versuchte ich noch so viel Gutes zu tun und herbeizuzaubern, wie ich nur konnte. Zum Beispiel Essbares, Sachen zum Anziehen, Decken und Medikamente. Doch als ich einmal ganz normale Vitamintabletten zaubern wollte, zauberte ich stattdessen versehentlich Unmengen von potenzsteigernden Tabletten. Beschämt zauberte ich diese sogleich wieder weg. Hui, so ein schreckliches Malheur kann wirklich nur mir passieren, dachte ich wütend und fühlte mich gleich wieder zu nichts nutze. Auch wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dich in diesem Augenblick an meiner Seite zu haben, um mit dir über sämtliche meiner Missgeschicke sprechen zu köönnen. Finn kam mich im Sudan zwar eine Woche lang besuchen, aber ihm konnte ich davon nicht so gut erzählen, auch wenn err von meiner „Mission“ durchaus wusste.
Großmutter tobte natürlich vor Wut, als ihr die Geschichte mit den potenzsteigernden Tabletten bekannt wurde. Vor zwei Tagen noch war sie so stolz auf mich gewesen, als ich das Zusammentreffen mit den Riesen recht glimpflich abgewickelt hatte. Und heute passierte mir schon wieder so ein schreckliches Missgeschick. Es war doch zum Weinen.
›Manchmal glaube ich, Zerlina, du machst diese ganzen makaberen Dinge absichtlich‹, schimpfte sie mich sich vor mir aufbäumend aus.
›Nun, eine normale Hexe lernt das Zaubern schon von Kindesbeinen an‹, erklärte ich mit weinerlicher Stimme, ›aber ich beherrsche das Zaubern erst seit einem knappen Jahr.‹
›Ach, das ist doch ganz großer Quatsch, Zerlina! All die Hexen und Zauberer, die von unseren Königen ausgewählt werden, haben erst mit Ende oder Mitte dreißig das Zaubern gelernt und trotzdem passieren ihnen nicht solche verheerenden Missgeschicke wie dir!‹, schimpfte Großmutter weiter.
Plötzlich wurde ich während meiner Erzählung von einem sehr mühsam unterdrückten Lachen unterbrochen. Und als ich etwas verdutzt zu meinem Mann aufblickte, sah ich, wie dieser sich einen Zipfel von unserer Bettdecke in den Mund gestopft hatte und verzweifelt versuchte, nicht schallend loszulachen.
Noch immer überaus peinlich berührt und das mühsam unterdrückte Lachen von Jonas so gut es ging ignorierend, erzählte ich weiter:
»Dennoch zauberte ich neben den äußerst notwendigen Dingen auch etwas herbei, das diesen Leuten ein wenig Freude bereiteten. Ein kleines Mädchen lachte beispielsweise herzhaft auf, als es sich das allererste Mal in seinem Leben mit einer wohlriechenden Bodylotion eincremte. Ja, es war bewundernswert und unendlich schön, mit anzusehen, worüber sich diese Menschen von ganzem Herzen freuen konnten. Zudem unterhielt ich mich ausführlich mit den Menschen. Dabei konnte ich erfahren, dass die Bewohner dieses Landes trotz ihrer Armut und den einfachen Lebensbedingungen sehr viel zufriedener waren als diejenigen, die in reichen Ländern Europas beinahe alles hatten. Denn sie kannten den herben Unterschied zwischen Arm und Reich nicht. Auch gingen diese Menschen mit ihren behinderten Familienmitgliedern ganz anders um, als ich es aus meinem Land her kannte. Ja, ihr Umgang mit ihren behinderten Angehörien war viel, viel lockerer, fröhlicher und zugeich ein wenig respektvoller. Und dies trotz des absurden Glaubens, die Menschen, die einen behinderten Angehörigen hatten, seien von ihrem Gott Allah hart bestraft worden. Mir kam es manchmal vor, als ob das Handicap der Familienangehörigen nicht unbedingt im absoluten Mittelpunkt oder Vordergrund des alltäglichen Lebens stand. Auf jeden Fall war eine Behinderung hier bei den Ärmeren nicht so furchtbar störend wie bei den wohlhabenden Menschen. Ein Mann mit einer stark behinderten Tochter erzählte mir, dass er es sich nur deshalb wünschte, etwas mehr Geld zu haben, damit er jemanden bezahlen konnte, der seiner Kleinen beibrächte, ihren Körper besser und gezielter zu bewegen. Denn vor einiger Zeit habe er von einem fernen Bekannten gehört, dass es Personen gebe, die gehandicapten Menschen beibrachten, ihren Körper zu lockern und mit gezielten Übungen ihre Arme und Beine besser einsetzen zu können. Ich erklärte, dass sich diese Menschen Physiotherapeuten nannten und extra eine Ausbildung gemacht hatten, um diesen Menschen zu helfen.
›Ich möchte, dass meine kleine Tochter später einmal ein bisschen besser sprechen und sich bewegen kann und nicht ständig auf Andere angewiesen ist‹, erklärte mir der Mann und lachte mich mit strahlenden Augen an, nachdem er verstanden hatte, dass ich genau wusste, was er meinte.
Zudem hatten die Bewohner dieses Landes, ja, wohl die meisten Bewohner dieses Kontinents, ganz andere Sorgen und Probleme, als die Menschen in den reicheren Ländern. Sie mussten zusehen, dass sie und ihre Mitmenschen am Leben blieben. Und es erschreckte mich zutiefst, als ich hörte, dass die Lebenserwartung hier nicht höher als bei sechzig Jahren lag. Aber wenn ich genauer darüber nachdachte, war es nicht verwunderlich. Denn diese Menschen mussten ihr ganzes Leben hart arbeiten und sich darum sorgen, woher sie am nächsten Tag etwas zu essen und einigermaßen sauberes Wasser bekamen. Auch bemühten sie sich sehr, das wieder aufzubauen, was wir reicheren und unzufriedenen Leute in ihrem Land zerstörten. Ich meine, hier muss ich nochmals hinzufügen, dass es durchaus Leute gab, die ihr Geld mit den Ärmeren dieser Welt teilten. Allerdings waren es viel zu wenige. Natürlich gab es Hilfsorganisationen, die Gutes taten und die Armen dazu bewegten, sich selbst zu helfen. Diese Hilfsorganisationen ließen die Menschen Wasserbrunnen bauen, Felder und Äcker bestellen oder andere Ämter tun. Aber meistens drängten diese Leute, die dieser Hilfsorganisation angehörten, den Menschen eine Lebensweise auf, mit denen sie sich keineswegs identifizieren konnten. Nun, es war verdammt schwierig, jemand Anderen nicht seine Meinung und seine Lebensansicht aufzuzwingen, der unter seiner eigenen Lebenssituation augenscheinlich zu leiden hatte. Dennoch sollte man vor diesem Menschen Respekt zeigen und, wenn es erforderlich war, seine Kultur achten. Man sollte ihm zeigen, wie er sich in seiner Lebenslage so helfen konnte, dass er gut und unabhängig lebte, ohne ihn dabei zu bevormunden. Doch zum Glück bemerkten manche Leute inzwischen, die behilflich sein wollten, die Menschen mit ihrer Religion und ihrer Kultur im Ganzen zu sehen und ihnen auf neutralerem Wege zu unterstützen.
Doch das Hauptproblem dieser armen Menschen war, dass sie sehr gläubig waren. Und je ärmer die Menschen waren, desto mehr glaubten sie an den Gott, von dem sie von den Missionaren erfuhren, die durchs Land zogen. Sie dachten, wie viele andere Menschen auch, dass irgendwo hoch oben im Himmel ein älterer Herr mit einem Rauschebart saß, der ihnen wohl gestimmt war, wenn sie sich gut benahmen und all das taten, was er von ihnen verlangte. Und da die Bibel und der Papst ihnen predigten, sittsam und rein zu sein, keine Zweifel ihm gegenüber zu hegen und sich zu lieben und zu mehren, ging es den Menschen hier nicht gerade gut. Ja, es grenzte alles schon ein wenig an bewusstem Zuschauen beim Leiden und Sterben der armen Menschen.
Diese Situation konnte man mit der armen Kuh vergleichen, die man in einem Kulturkreis zur Belustigung in das Gehege hungriger Löwen und Tiger schloss, und von außen seelenruhig zusah, wie diese arme Kuh langsam, aber sicher zu Tode gehetzt von den hungrigen Wildtieren zerfetzt und gefressen wurde. Wie konnte man nur so grausam und gewissenlos sein?
Und wieder einmal dachte ich an die schlimmen Dinge, die dieser angebliche Gott und die Kirche zu verantworten hatte. An die ganzen Ritualmorde und die schrecklichen Religionskriege, die sich immer und immer wiederholten.
Und wenn ich sagen müsste, welche Religion mir am sympathistichsten war, könte ich den Budihismus nennen. Denn seinetwegen hatte es nie irgendwelche größeren Kriege gegeben. Jedenfalls hatte ich nie von verheerenden buddhistischen Kriegen gehört oder gelesen. Allerdings gibt es keine Religion, in der es nicht zu gewalttätigen Übergriffen kommt!. Auch hatte Buddha zu den Menschen gesagt, sie sollten sich zuerst ihre eigene Meinung bilden und prüfen, ob sie das glauben konnten, was er predigte oder behauptete. Allein wegen dieses Zitats empfand ich Buddha als sehr bescheiden und sympathisch. Denn er wollte die Menschen keinesfalls verbiegen und sah sich nicht als der „Herr“ an. Zudem war Buddha aller Wahrscheinlichkeit nach kein allmächtiger Gott, der auf die bläulich schimmernde Erde von weit oben hinab blickte und alles lenkte, sonderrn ein Mensch aus Fleisch und Blut, der den Buddhismus schlichtweg erfand. Dann allerdings war die Erzählung, Buddha sei bis zu einem gewissen Grade in einem mit Edelsteinen besetzten kleinen Kästchen in der Gestalt eines weißen Elefanten herangewachsen, wohl doch nur ein Mythos!
Ab und zu saß ich während mmeines Besuchs auch nur bei den Menschen und hörte ihnen einfach aufmerksam zu. Ich ließ mir von ihrem Leben erzählen und davon, wie sie miteinander umgingen. Manchmal fragte ich sie, wie sie es fanden, wie man mit ihnen von den Hilfsorganisationen umgehe. Und vereinzelt schienen die Menschen beim Erzählen selbst darauf zu kommen, was unter den Menschen fehlte, damit sie friedlich miteinander leben konnten. Denn von einigen konnte ich tatsächlich die Worte fehlende Toleranz, fehlender Respekt, fehlendes ehrliches Mitfühlen und das Sichnicht-in-die-Lage-eines-anderen-hineinversetzen-Können vernehmen. Ich hatte einfach nur dagesessen und den Menschen zugehört und ihnen gezeigt, dass ich sie verstand und mit ihnen fühlte. Allerdings lebte man hier eng zusammen und verbrachte viel Zeit miteinander. Zudem erzogen Eltern ihre Kinder so, dass sie höchsten Respekt gegenüber ihren Mitmenschen empfanden und zeigten. Demnach stand Respekt-voreinander-haben hier in den ärmeren Gegenden Afrikas schon an höchster Stelle des menschlichen Gesetzes. Also mussten wir Hexen und Zauberer den Sudanesen vom Respekt nicht mehr allzu viel erzählen.
Nachdem ich nach München zurückgekehrt war, grübelte ich verzweifelt darüber nach, wie man diesen armen Menschen im Sudan helfen konnte. Denn was ich getan und gezaubert hatte, war nur ein klitzekleiner Tropfen auf den unendlich heißen Stein gewesen. Zuallererst müsste man den Papst davon überzeugen, den Menschen in den ärmsten Teilen der Erde den Gebrauch von Verhütungsmitteln zu erlauben. Denn je weniger Menschen es gab, desto besser konnte man mit dem wenigen, das einem zur Verfügung stand, wirtschaften. Auch war es Fakt, dass man den Menschen durch das Erlauben von Verhütungsmitteln die Entscheidungsfreiheit für die Zeugung ihrer Kinder und somit die dazugehörige Verantwortung gab. Denn jeder Mensch hatte ein Recht auf die körperliche Liebe. Aber jeder sollte selbst entscheiden können, wann er bereit war, ein Kind zu ernähren und großzuziehen. Dann musste man die Menschen, denen es gut ging, dazu bringen, umsichtiger zu leben. Denn es war Tatsache, dass die Menschen, die in der so genannten Ersten Welt lebten, viel Schuld daran trugen, dass in der Dritten Welt das Meiste der Ernte verdorrte oder gar nicht erst wuchs. Man musste die Menschen dazu anhalten, umweltbewusster zu leben.
Wir mussten uns nur verantwortungsbewusst unseren Mitmenschen, unseren Tieren und unserer Natur gegenüber zeigen. Denn wir standen keineswegs an der Spitze vom Ganzen, sondern befanden uns so ziemlich am Ende uund waren von Mutternatur vollkommen abhängig. Nur war uns diese Tatsache nicht bewusst genug. Und der Griff im Supermarkt nach einer vom Preis her viel zu günstigen Plastiktüte ist doch wesentlich einfacher, als von zu Hause einen Stoffbeutel mitzunehmen.
Nun, es gab auf dieser Welt so viel für uns zu tun, dass ich nicht wusste, wie wir dies alles jemals schaffen sollten.
Aber eines hatte ich in Afrika gelernt. Nämlich, dass Wohlhaben für das Zusammenleben der Menschen absolut nicht vorteilhaft ist!
Meine Wangen waren vor Aufregung leicht rot, als ich mich nach meiner Rückkehr aus Afrika mit Elena in meiner Wohnung traf und sie fragte, was man denn nur gegen diese Ungerechtigkeit tun könne. Wenn wir nur etwas wachsamer werden würden und unsere Lebenseinstellung änderten, könnten wir es schaffen, dass es in den dürren Regionen dieser Erde wieder regelmäßiger regnete. Den Bewohnern dort wäre es mit ausreichend Wasser möglich, ihre Äcker zu bestellen, Obstbäume zu pflanzen, ihren Hunger, Durst und ihr dringendes Bedürfnis nach Hygiene endlich zu stillen. Zudem könnte es uns mit unserem Umdenken gelingen, die Tiere in ihren jeweiligen Lebensräumen zu schützen. Zudem könnte es mit unserem Mitdenken geliingen, kompletten Planeten Erde weiterleben zu lassen! Auch waren wir in unserem Leben rundum geschützt und auf Ewig geliebt, enn wir mit unserer Mutternatur vorsichtig, umsichtig umgingen und sie aufs Höchste achteten!
Wir sollten alle mithelfen, diese Grausamkeit zu beseitigen, die wir gemeinsam durch unsere Unachtsamkeit schufen. Jedoch fahren wir lieber mit unserem Auto anstatt einen oder zwei Kilometer zu Fuß zu gehen oder mit dem Fahrrad zu fahren. Aber die einzige Antwort auf meine Frage, die ich von Elena bekam, waren ein Achselzucken und ein trauriges, hilfloses Gesicht.
Ellie war sonst so ein quicklebendiges und kraftvolles Wesen, das normalerweise vor Ideen nur so sprudelte. Und erst durch sie erkannte ich nach gut vierunddreißig Jahren, dass es tatsächlich Menschen gab, die so dachten und fühlten wie ich selbst. Somit konnte ich durchaus sagen, die Bekanntschaft mit Ellie brachte mich in meinem Leben ein großes Stück vorwärts und stärkte in einem ebenso großen Maße mein Selbstbewusstsein. Ja, Ellie war eine absolute Bereicherung für diese Welt! Doch bei der Frage, wie wir den Menschen ein wenig mehr Rücksicht auf Andere nahebringen könnten, wusste auch sie keinen Rat.
›Schon häufiger haben wir Hexen und Zauberer versucht, mit dem Papst und anderen hohen Kirchenherren oder mit Staatsmännern ein Gespräch zu führen. Wir wollten ihnen sagen, dass unbedingt etwas gegen diese Zustände getan werden müsse. Wir wollten erklären, dass es mit der Armut mancher Menschen so nicht weitergehen könne. Doch es hat nicht allzu viel gebracht‹, erklärte sie jetzt klagend. „Der Papst oder die hohen Politiker taten so, als ob wir Leute wären, die die unmögliche Absicht hätten, die Welt komplett zu verändern und würgten uns bereits nach den ersten Sätzen ab und ließen uns abführen.
›Aber irgendwelche Möglichkeiten muss es doch geben!‹, gab ich wütend von mir und stieß mit der Hand gegen die Wohnzimmertischkante. Hannes, der gerade vollkommen entspannt auf dem Sessel lag, zuckte zusammen, drehte sich vom Rücken aus auf die Seite und blickte mich erschrocken an.
›Tja, wir haben es schon mit einem recht starken Zauber versucht. Doch das Problem ist, dass ein solcher Zauber nicht ewig wirkt. Du kannst einem Menschen zwar eine Meinung oder eine Ansicht anhexen, aber sobald er auf Kollegen trifft, mit denen er zuvor einer Meinung war, können sie schnell auf ihre alte Ansicht zurückgebracht werden. Außerdem ist es ja strengstens verboten, einem anderen Lebewesen etwas anzuhexen‹, seufzte Elena schuldbewusst und bettete ihr Kinn in ihre Hände auf meinem Wohnzimmertisch. ›Du musst die Menschen also richtig überzeugen. Und das gelingt einem meistens nur durch sehr überzeugendes Reden.‹
›Ha, da haben wir es wieder, Elena! Wir müssen mit den Menschen sprechen! Wir können die belebten Planeten nicht durch sture Gewalt schützen. Denn Gewalt ist keine Lösung für die Konfliktsituationen.‹
Doch gleich darauf verdrehte ich die Augen gen Himmel. Denn ich hatte mich soeben nämlich wie die Lehrer in unserer Schule angehört, wenn sie uns erzählten, dass Gegengewalt keine gute Antwort auf ein Konflikt sei. Bereits damals klangen diese Worte für mich zwar richtig und logisch, aber aus den Mündern unserer Lehrer hörten sie sich hilflos an. Es hörte sich an, als wussten unsere Lehrer selbst keine geeignete Lösung für die Gewalt. Und schon zu diesem Zeitpunkt bemerkte ich, dass Menschen ziemlich schwache Geschöpfe waren, die nur selten das taten oder sagten, was sie wirklich tun wollten oder meinten. Aber erst als ich erwachsener wurde und durch Lesen, viel Nachdenken, Beobachten die Dinge auf dieser Welt etwas besser verstand und glaubte, ein wenig buddhistisch angehaucht zu sein, musste ich bemerken, dass diese Schwäche ganz einfach hierhin gehörte. Wir mussten einige Schwächen aufzeigen, damit das ganze System hier funktionieren konnte. Dennoch ärgerte es mich, dass die Lebewesen dieser Welt so schwach waren und sich häufig wie Marionetten dem Anderen fügten und ihm folgten. Ja, sie ließen sich alle mächtig verbiegen und taten es denjenigen nach, die meinten, etwas ganz Großartiges zu sein. Aber auch dies lag in der Natur des Menschen und war natürlich. Ich war ja ganz genauso.
›Na, aber dann habe ich nie eine Chance, irgendetwas zu bewerkstelligen. Ich kann ja nur undeutlich sprechen und dadurch von den Menschen kaum verstanden werden. Die Wenigsten nehmen mich deshalb ernst.‹, gab ich laut und ein wenig traurig von mir. Prompt sprang Momo auf den Tisch und leckte mir mitfühlend und tröstend über die Nasenspitze. ›Aber, Moment mal, Emma hat mir zu Anfang gesagt, als ich erfuhr, eine wahrhaftige Hexe zu sein, ich müsste das Hexen oder das Zaubern aus dem Grunde perfekt beherrschen, weil man es den Menschen richtig in die Köpfe und in die Herzen hinein hexen müsste, dass alle Menschen gleich sind.‹
›Nein, nein, Emma meinte nur, du müsstest bei den Menschen etwas mehr tun, als zu ihnen gehen, sie lieb anzulächeln, ihnen in die Augen zu schauen und irgendeinen Zauberspruch aufzusagen. Dies habe ich eben ja auch schon gesagt. Es reicht einfach nicht aus, wenn die Menschen eine Hexe oder einen Zauberer bloß sehen.‹, seufzte Elli plötzlich leise und geschwächt auf. ›Aber was dein Sprechen betrifft, so muss ich dir ganz ehrlich sagen, liebe Zerlina, dass du gar nicht so schlecht zu verstehen bist‹, erklärte Ellie auf einmal wieder etwas munterer, während sie aufstand, um uns noch einen Tee zu kochen.
›Wenn man sich Mühe gibt und du dich ebenfalls ein wenig anstrengst, ist es durchaus möglich, dich gut zu verstehen. Oder aber du nimmst jemanden auf deine Reisen mit, der dich perfekt versteht sowie es all die anderen invaliden Hexen auch tun, die nicht deutlich genug sprechen können‹, antwortete Elena und grinste mich dabei breit an und füllte in meiner offenen Küche Wasser in den Wasserkocher.
Oder aber ich hypnotisiere meine Mitmenschen, ganz genauso wie die Bewohner des gelben Planeten, dachte ich amüsiert.
Da Ellie inzwischen schon ziemlich müde wirkte, fragte ich, welchen Tee sie nun probieren wolle und ließ das Thema, wie man den ärmeren Ländern am besten helfen könne, fallen. Stattdessen überlegte ich laut, wer in die engere Auswahl käme, um mich auf meine nächste Reise zu begleiten. Diese Reise sollte nach China gehen. Dieses hatte ich mit Emma besprochen. Allein schon die Chinesische Mauer, von der ich schon häufig gehört hatte und die ich mir unbedingt persönlich anschauen wollte, zog mich mächtig in dieses Land. Nachdem ich allerdings erfahren htte, was für grausige Dinge die Chinesen mit unseren tierischen Vorfahren taten, hegte ich tiefen Abscheu gegen dieses Land. Doch trotz allem sollte und wollte ich diese Reise antreten.
Zuerst dachte ich als Reisebegleiterin an meine Zimmernachbarin aus meiner früheren betreuten Wohngruppe, mit der ich noch immer eng befreundet war. Aber war Jana denn ebenfalls eine Hexe? Rötliches Haar hatte sie ja. Nur keinen Buckel. Allerdings hatten Finn und Elena auch keinen Buckel oder eine krumme Nase und waren trotzdem Wesen unseres Planeten, überlegte ich angestrengt, während Momo inzwischen auf meinem Schoß saß und mir unmissverständlich zu verstehen gab, dass gleich Abendbrotzeit war. Und auch die Hexen und Zauberer, die ich kennengelernte, waren absolut nicht als solche zu erkennen. Selbst ich sah wie ein normaler Mensch aus. Nur saß ich den ganzen Tag im Rollstuhl, konnte meine Arme und meine Beine nicht gezielt bewegen und sprach wie eine Betrunkene. Von daher war es also gut möglich, dass Jana doch eine Hexe war.
›Ich denke in diesem Fall nicht an deine Freundin Jana‹, riss Elena mich schon wieder etwas munterer aus meinen Überlegungen. „Sie kann dich körperlich ja viel zu wenig unterstützen. Aber ich könnte dich doch auf deine Reise begleiten, dein Sprachrohr und deine Übersetzerin sein. Denn ich kann dich inzwischen auf Anhieb verstehen und finde dich ziemlich klasse. Du bist nämlich so schön willensstark, zielstrebig und hast schon eine ganze Menge erreicht. Du hast den Sudanesen sehr geholfen, auch wenn deine Großmutter viel an dir herummäkelt. Die Menschen fühlen sich bei dir verstanden, worauf Emma vielleicht ein bisschen neidisch ist. Die anderen Hexen und Zauberer, mit denen du dich etwas ausführlicher unterhalten hast, sind allmählich auch überzeugt, dass auf den einzelnen bewohnten Planeten die verrmehrte Empathie fehlt. Und sie versuchen nun, sie ganz bewusst dorthin zu bringen. Denn in manchen Augenblicken brauchen Viele wirklich nur jemanden, dem sie irgendetwas erzählen können und von dem sie sich vollkommen verstanden fühlen. Die Menschen fühlen sich geborgen und sicher, wenn du mit ihnen sprichst. Sie scheinen dann ihre Furcht, Wut und Trauer einfach abzuschütteln. Auch hast du es mit dieser Gabe geschafft, die Riesen neulich im Sudan von ihrem Vorhaben abzubringen. Und das ist auch der Grund, warum sie dich aus dem Weg haben möchten: Sie kennen deine Gabe! Denn falls du es soweit bringen solltest, mit Finn auf unseren Planeten zurückzukehren, können sie etwas länger darauf warten, die alleinigen Herrscher über all die Sterne und Planeten zu sein. Das Leben einer Hexe dauert nämlich etwas länger als das Leben eines Riesen, Von daher müssen sich die Riesen also beeilen, uns zu beseitigen. Denn vermehren tun sie sich auch nicht allzu häufig. Das wissen wir. Und deine Ruhe macht sie rasend. Aber die Meisten von uns und die Menschen finden deine Ruhe angenehm."
Verlegen und geschmeichelt blickte ich zu Boden. Denn ich hatte lange Zeit nicht mehr so etwas Schönes gehört.
›Das ist doch völliger Humbug, Ellie! Niemand hat aufgrund seiner inneren Ruhe soviel Einfluss auf Andere, dass er sie von einer bösen Tat abhalten könnte. Und nur, weil ich die riesigen Geschöpfe, die Emma und mich im Sudan angriffen, davon abgehalten habe, uns zu verletzen, bin ich noch lange keine Heldin. Ich meine, es entspricht zwar schon ein bisschen der Wahrheit, dass man sich entspannt und beruhigt, wenn man jemandem etwas erzählt und der Andere ruhig zuhört, aber ob es bei unseren außerirdischen Feinden ebenfalls funktioniert, weiß ich nicht. Auf der anderen Seite könnte es gut möglich sein. Denn ein Lebewesen ist ja nun einmal ein Lebewesen, das fühlt und Energien wahrnimmt! Und mit diesem Wissen habe ich versucht, die Riesen zu beruhigen und ihnen zu vermitteln, dass wir nichts Böses von ihnen möchten und sie in Zukunft mehr respektieren. Denn ein Jeder möchte ja respektiert werden, wodurch er selbstbewusster wird und nicht mehr diesen ohnmächtigen Zorn in sich spürt. Aber wahrscheinlich ist dies alles nur völliger Blödsinn, den ich da gerade von mir gebe.‹
›Das ist gar kein Blödsinn! Und das weißt du ganz genau. Und höre bitte endlich auf zu glauben, du würdest alles falsch machen. Denn das stimmt nicht. Du bist ein Wesen mit einer ziemlich guten Beobachtungsgabe. Das musst du endlich einmal erkennen und vor allen Dingen annehmen. Zumindest ist die Entdeckung, die Du meinst gemacht zu haben, richtig gut und wertvoll.‹
Grübelnd starrte ich an die Wand meines Wohnzimmers und fing an, die Bücher in meinem Bücherregal zu zählen. Denn jedes Mal, wenn ich angestrengt überlegte, begann ich, irgendwas in meinem Blickfeld zu zählen. Zum Beispiel Autos auf der Straße, die klitzekleinen Punkte auf der Raufasertapete oder eben Bücher. Vielleicht hatte Elena Recht, und ich war doch nicht so unnütz, wie ich immer glaubte. Inzwischen war ich beim Buch Nummer zwanzig angelangt. Auch war es mir recht unangenehm, dass ich meiner Freundin die Unterhaltung, die ich mit unseren Gegnern im Sudan gedanklich geführt hatte, größtenteils verschwieg. Ich hätte nur allzu gerne mit jemandem über das Gespräch mit dem Riesen gesprochen. Denn die anderen Hexen und Zauberer hatten von dieser Unterhaltung ja kaum etwas mitbekommen, weil sie die Riesen anderweitig außer Gefecht zu setzen versuchten. Auch konnten sie die Riesen nicht allzu gut verstehen. Sie brachten einfach nicht die Geduld und Ruhe auf, sich auf die Riesen einzulassen und versuchten lieber, sie mit irgendwelchen scharfen, harten Gegenständen in die Flucht zu schlagen.
›Tja, Ellie, aber dass man mit Gegengewalt nicht viel erreicht, wissen wir ja alle. Und zu diesem Thema kann man auch genügend in der Bibel lesen‹, riss ich mich aus meinen Gedanken und versuchte, mich wieder auf das eigentliche Thema zu konzentrieren. ›Ich meine, um dies zu begreifen, braucht man sich jeden Tag doch nur vor den Fernseher oder vor das Radio zu setzen und die Nachrichten zu sehen oder zu hören. Und es ist mir wieder erst so richtig aufgefallen, als wir im Sudan gegen die Riesen gekämpft und versucht haben, sie zuerst mit irgendwelchen scharfen Gegenständen in die Flucht zu schlagen. Am besten ist es, wenn man etwas Ruhe und Verständnis zeigt. Selbst dann, wenn es sich um seinen ärgsten Feind handelt.‹
›Ja, genau, da siehst du es wieder! Aber finde mal irgendjemanden, der bei Gefahr so ruhig und so verständnisvoll bleibt wie du. Erst recht unter den Menschen. Du hast eine Art, die einfach nur gut tut.‹, antwortete meine Freundin und lächelte mir aufmunternd zu. ›Also, was ist jetzt? Darf ich dich nach China begleiten? Falls ja, müssen wir aber bald reisen, da ich dich dann nämlich in meinem Urlaub begleiten werde.‹
Freudig nickte ich und griff nach Elenas Händen, um sich herzlich zu drücken.
›Komisch‹, sagte ich zu Moritz, als ich nach Ellies Angebot, mit mir nach China zu reisen, in meinem Schlafzimmer vor dem Fernseher saß, ›dass die meisten Menschen so einen schwachen Charakter haben.‹
›Ja, so sind die Wesen dieses Planeten eben‹, gab mein kleiner, süßer Mausmann von sich und stellte sich etwas auf. ›Deswegen ist deine Lebensaufgabe auch recht schwierig und umfangreich, weil viele Menschen eben nicht nur schwach, sondern zudem nicht gerade die Umsichtigsten sind. Genauer gesagt, sind manche von ihnen kurzsichtig und gucken weder nach links noch nach rechts. Sie meinen, sie wären die Einzigen im Weltall, die klar, logisch und umsichtig denken könnten. Aber in Wirklichkeit sind sie noch nicht einmal in der Lage, so zu sein, wie sie gerne sein möchten. Und manchmal glaube ich, dass sie gar nicht umsichtig denken und mitdenken wollen. Denn umsichtig können die Menschen schon sein, wenn sie wollen und keine
schwerwiegende Hirnverletzung haben. Aber nicht nur die Menschen des blauen Planeten sind so uneinsichtig, sondern auch die anderen Lebewesen auf den übrigen bewohnten Planeten. Doch vielleicht muss man ihnen tatsächlich nur richtig zu hören und ihnen das Gefühl geben, dass man sie versteht. Auch hast du mir erzählt, wie du die Menschen im Sudan durch intensives Zuhören auf die Idee gebracht hast, was in dieser Welt fehlt.‹
Seufzend blickte ich in den Mauskäfig, nickte leicht. Ein wenig gedankenverloren beobachtete ich, wie mein kleines Mausmännchen, das aufgrund seiner fast schon drei Jahre von Tag zu Tag ein wenig schwächer wurde, nun mühevoll seine halbe Karotte in sein Häuschen schleppte. Zwar hatte ich keine genaue Ahnung, wie alt Mäuse generell wurden, da ich noch keine Maus hatte, die an Altersschwäche gestorben war, aber aus Erzählungen her und aus Büchern wusste ich, dass sie nicht sehr viel älter als drei Jahre wurden. Somit war mir also schlagartig klar, dass ich mit Moritz nicht mehr allzu viel Zeit verbringen konnte.
Plötzlich brach ich in Tränen aus.
›Was mache ich denn, wenn du eines Tages von mir gehst, Süßer?‹, fragte ich schluchzend und wischte mir über die feuchten Augen.
›Na, na, wer wird denn hier gleich weinen, nur weil ich nicht mehr so flink die kleine Leiter zu meinem Häuschen hinaufkomme?‹, gab mein kleines, zotteliges Pelztier laut schmatzend von sich. ›Ich habe ehrlich gesagt noch nicht vor, von diesem Planeten zu gehen. Muss doch erst noch wissen und hören, was du auf deiner zweiten Reise alles so erlebst und ausrichtest.‹
Vor lauter Schreck vergaß ich meine Trauer und meine Tränen völlig. Oh je, meine zweite Reise nach China musste ich schon in gut acht Wochen antreten, fiel es mir siedend heiß ein. Denn dann begann nämlich Ellies Urlaub. Und ich musste noch so viel vorbereiten.
In den kommenden Wochen bemühte ich mich, alles zu regeln. Ich erklärte Elena genau, wie sie mich pflegen musste. Auch diesmal suchte ich Ärzte auf, damit ich gesund ins Land einreiste. Gott sei Dank besuchte meine Großmutter mich in diesen Wochen relativ selten, sodass ich die meisten Nächte durchschlafen und Kraft für meine Reise schöpfen konnte.
XII
Dann war plötzlich die Nacht gekommen, in der Ellie und ich nach China aufbrachen. Punkt einundzwanzig Uhr stand Elena vor meinem Bett und weckte mich aus einem tiefen, aber kurzen Schlaf. Vollkommen schlaftrunken blickte ich zu ihr auf und gähnte herzhaft. Schnell und geschickt, wie es auch meine Großmutter konnte, zog sie mich an, setzte mich dann in meinen Rollstuhl und putzte mir die Zähne.
›Wie kommt es eigentlich, dass Hexen ein Spiegelbild haben und zum Beispiel Vampire nicht?‹, fragte ich auf einmal laut ins Badezimmer hinein, als ich Ellie und mich im Spiegel betrachtete.
›Weiß ich auch nicht so genau.‹, entgegnete meine Freundin. ›Höchstwahrscheinlich, weil sie nicht mehr aus richtigem Fleisch und Blut bestehen, sondern nur noch Seelen Verstorbener sind, die nachts Gestalt annehmen.‹
›Na ja, so vollkommen blutleer sind Vampire nun auch wieder nicht‹, gab ich mit einem Augen blinzelnd und lachend zurück. ›Denn sie trinken ja das Blut von Menschen und Tieren.‹
»Vielleicht kann man sie im Spiegel nicht sehen, weil sie reine Hirngespinste und erfundene Gruselfiguren der Menschen sind?«, überlegte Elena.
Auf einmal hörte ich aus der einen Badezimmerecke ein munteres Lachen. Und als ich dort hinschaute, sah ich Momo, mein kleines Katzenfräulein, das sich vor Lachen beinahe kugelte. »Du erzählst da totalen Quatsch, meine Liebe, das will ich dir mal sagen!«, erklärte Momo mit piepsiger Stimme. »Natürlich gibt es echte Vampire. Das weiß doch jedes Kind. Und zwar werden einige Fledermäuse in warmen Ländern als Vampire bezeichnet, die nachts die größeren Tiere auf den Weiden anfliegen und ihr Blut trinken.«
Lächelnd strich Elena meinem Katzenmädchen über den Kopf und gab ihr Recht. Zufrieden und mit glänzenden Augen legte Momo sich hin und ließ sich genussvoll am Bauch kraulen.
Nach einigen Augenblicken sah ich aus meinem Badezimmer heraus auf meine Wohnzimmeruhr. Mit Schrecken bemerkte ich, dass es bereits viertel nach neun war. Pünktlich um zehn Uhr wollten Elena und ich uns mit Emma in einem Waldstück außerhalb der Stadt treffen. Meine Großmutter war so besorgt, wir beide könnten uns auf dem Weg nach China verfliegen, dass sie darauf bestand, uns vor unserer Abreise eine so genannte Flugkarte mitzugeben. Mir war völlig klar, dass mehr die Angst und die Fürsorge meines Vaters dahinter steckten als die von Emma.
Schnell verabschiedete ich mich von Moritz, der mir tausendmal nachrief, ich solle auf meiner Reise gut auf mich aufpassen, und von meiner kleinen Momo, die mich traurig anschaute und ständig fragte, wer ihr nun etwas zu essen gebe, ihre Toilette sauber mache und mit ihr kuschele. Schnell erklärte ich ihr noch einmal, dass eine andere Freundin von mir täglich vorbeikommen und sie und Moritz gut versorgen würde.