Die Magie der Empathie

Anna Meyer · Kapitel 1 von 1 · Teil 2/10

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Die Magie der Empathie

Die Magie der Empathie

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 10 Teile geteilt.

»Moment mal, Zerlina, aber das war jetzt nicht der Mann, den du hättest heiraten sollen, oder?«, unterbrach mein Mann mich plötzlich.

»Doch, doch, Finn war genau der Mann, dem ich seit meiner Geburt versprochen war und mit dem ich mein komplettes Leben verbringen sollte. Und die ersten vierunddreißig Jahre schien es auch so, als ob der Plan unserer Eltern genau aufgehe. Denn wir hatten uns getroffen, kamen sehr gut miteinander aus und führten im Erwachsenenalter für relativ lange Zeit eine Liebesbeziehung. Er war halt meine erste und große Liebe«, schwärmte ich ein bisschen, woraufhin Jonas mich etwas komisch von der Seite ansah. »Allerdings war es von unseren leiblichen Eltern wohl nicht geplant, dass Finn und ich zwischendurch sechs Jahre lang größtenteils getrennt werden. Mit ins Internat nach Frankfurt konnte er nicht, da er sein Abi an unserer Schule in München machen wollte. Manchmal frage ich mich, was wohl geschehen wäre, wenn Finn oder ich schon während meiner Internatszeit jemand Anderes kennen gelernt hätten. Immerhin waren wir bis zum Beginn seines Zivildienstes, den er extra meinetwegen im Internat absolviert hat, mitunter wochenlang voneinander getrennt. War es nicht süß von Finn, dass er seinen Zivildienst nur meinetwegen kilometerweit weg von zu Hause machte?«

»Ja, sicher doch! Aber warum hast du nach dem Internat so eine lange Zeit allein in einer betreuten Wohngruppe und er allein in einer Wohnung gelebt?«

»Hm, das kann ich dir gar nicht so direkt beantworten. Denn wir haben, kurz nachdem ich aus dem Schulinternat ausgezogen bin, seltsamerweise nicht so recht über das Zusammenwohnen gesprochen. Ich meine, wir haben uns zwar einmal danach erkundigt, ob ich eine Assistentin bekommen könnte, für den Fall, dass wir uns eine gemeinsame Wohnung nehmen. Aber sehr viel mehr ist nicht passiert. Und dabei habe ich mich immer so danach gesehnt, Tag für Tag bei Finn zu sein.«, gab ich jetzt aufrichtig zu. »Na, ist ja jetzt auch egal!«, sprach ich etwas verlegen und mit leicht erhitzten Wangen weiter, als ich Jonas' seltsam prüfenden Blick auf mir ruhen spürte. »Finn war auf jeden Fall der Mann gewesen, den sich meine Eltern als den perfekten Ehemann für mich ausgesucht hatten. Dafür musste ich damals als Patientin von dir aber sehr schnell bemerken, dass du genauso ein Dickschädel bist wie ich. Unzählige Male gerieten wir während den Massagestunden recht heftig aneinander. Und deine Dickschädeligkeit war es denn wohl, die mich so sehr anzog. Finn war nämlich die Sanftmut in Person gewesen, musst du wissen. Mit ihm konnte ich mich niemals richtig streiten, da er ständig gleich sanft einlenkte, was mich manchmal zum Wahnsinn trieb. Aber mit dir war es mir endlich möglich, ein rechtes Streitgespräch zu führen. Und dies genoss ich in vollen Zügen. Die größte Auseinandersetzung hatten wir ja wegen meiner Fingeramputation.“

»Nun, das war auch eine schwachsinnige Theorie, dass sich deine starke Spastik verringert, wenn einer deiner Finger ab ist. Ich erzählte dir von Implantaten in Frauenbrüsten, um dich auf andere vollkommen blödsinnige und überflüssige Operationen aufmerksam zu machen. Dabei weiß ich wirklich nicht, ob wir Männer tatsächlich so sehr auf große Brüste stehen, wie ihr Frauen immer glaubt. Ja gut, ich meine, es gibt natürlich Männer, die auf große Brüste stehen, allein deswegen schon, um ihre Säuglinge gut errnährt zu wissen. Das ist Fakt. Aber ich glaube, das sind weitaus weniger Männer , als alle annehmen. Ich mag zum Beispiel viel, viel lieber kleinere Brüste. Ich habe von meiner Ex-Freundin auch nie verlangt, ihre Oberweite künstlich mehr werden zu lassen!«

»Etwas verlegen habe ich damals versucht, meine Eifersucht niederzukämpfen, die so unerwartet in mir aufgestiegen war, als du mir von deiner Freundin erzähltest. Aber ich glaube, das ist mir nicht allzu gut gelungen, oder?«, fragte ich meinen Mann jetzt ebenso verlegen, wie ich damals war.

»Nein, das kann man nicht gerade behaupten«, kam es trocken und überaus prompt aus Jonas' Mund, »denn, als ich dir für Sekunden in deine sprechenden, braunen Augen schaute, konnte ich recht deutlich die Eifersucht darin erkennen. Ja, ich weiß, es mag sich jetzt ganz danach anhören, als ob ich von meiner Person mächtig überzeugt wäre. Aber ich wusste schon sehr bald, dass du mich magst und auch so 'n bisschen von mir schwärmtest, obwohl du mir mehrmals von Finn erzählt hattest.«

Mit einem Lächeln stupste ich Jonas auf die Nasenspitze. Denn ich wusste, dass er in Wirklichkeit ein unheimlich bescheidener und zurückhaltender Mensch war. Und auch er durchlebte in seinem Leben viele unangenehme Dinge. Aber gerade aus diesem Grund war er vielleicht ein so liebenswerter und angenehmer Mensch, der von vielen Menschen gemocht wurde. Und zum allerersten Mal in meinem Leben hatte ich das grenzenlos schöne Gefühl, einen Menschen auf die ehrlichste Art und Weise durch und durch zu lieben.

Ja, Jonas hatte in mir Gefühle und eine Liebe geweckt, die ich niemals zuvor für einen Menschen empfunden hatte und keineswegs erklären oder benennen konnte. Ich liebte ihn einfach pur. Und seit ich ihn kannte, trug ich das nackte, wahre Glück in mir! Nur bezweifelte ich immer wieder aufs Neue, so etwas unendlich Schönes verdient zu haben!!!

›Ich darf diesem Mann niemals mehr begegnen, wenn dies hier nicht in einer einzigen Katastrophe enden soll.‹, schrie ich meinem kleinen Mausmann Moritz beinahe ins Gesicht, als ich am Abend nach meinem Eifersuchtsanfall in meinem Zimmer der Wohngruppe für behinderte Menschen hockte. In diese Wohngruppe war ich unmittelbar nach meiner Schul- und Internatszeit gezogen.«, erzählte ich meinem Mann nun weiter.

›Na, da musst du dich aber ganz gewaltig anstrengen‹, erklärte mein Moritz mir mit Backen voll mit Apfel, ›denn du beginnst nämlich, diesen Mann ernsthaft zu mögen.‹

Plötzlich saß ich stocksteif in meinem Rollstuhl.

›Woher weißt du, kleines, zotteliges Pelztier denn, wie es in meinem Herzen aussieht?‹, wollte ich halb verärgert, halb erstaunt wissen.

›Du vergisst, dass ich in die Herzen der Menschen hineinschauen kann‹, entgegnete mein kleiner Mausmann undeutlich. ›Besonders in deines!‹

Fast zu Tode erschrocken erkundigte ich mich bei Moritz, ob ich nachts, während ich schlief, schon mal irgendetwas gemurmelt hätte.

›Öfter‹, gab dieser erklärend zurück.›So, und nun lass' mich bitte wieder schlafen, ja?“

Verwirrt und mit wild klopfendem Herzen schaute ich meinem kleinen, süßen Mausmann nach, wie er in seinem Häuschen verschwand und angestrengt mit seinem winzigen Hinterteil wackelte, als er versuchte, sich in seine Watte zu graben. Innerhalb von zwei Jahren hatte ich drei kleine Mäuse gehabt. Aber erst bei Moritz bemerkte ich, dass ich die Maussprache verstand und beherrschte. Zum Glück hatte ich in dieser Wohngruppe für behinderte Menschen ein Zimmer für mich alleine. Ich genoss es in vollen Zügen, in meinem Zimmer hoch oben unter dem Dach, von dem ich einen uneingeschränkten Blick in den für mich faszinierenden Hiimmel und schräge Wände hatte, das tun zu können, wonach mir gerade zumute war. Somit konnte ich mir also auch ein kleines Haustier halten. Ich entschied mich für kleine, weiße Mäuse mit großen, dunklen Knopfaugen. Und erst nach Jahren erfuhr ich, dass Moritz, mein letztes Mausmännchen, und später auch Momo, verstorbene Verwandte von mir waren. Sie waren in ihrem nächsten, also in ihrem jetzigen und schon vergangenen Leben, als Tiere wiedergeboren, von meinen leiblichen Eltern auf den blauen Planeten geschickt worden, um mir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und mich zu beschützen. Momo war zum Beispiel meine ein Jahr ältere Schwester gewesen, die an ihrem zehnten Lebenstag verstarb, und Moritz war ein Cousin, der bei einem Autounfall in recht jungen Jahren tödlich verunglückte. Nun, und weil ich ebenfalls ein wirkliches Zauberwesen bin, konnte und kann ich Moritz und Momos Sprache verstehen. Als ich jedoch zum allerersten Mal die Worte meines Mausmännchens verstand, glaubte ich, verrückt geworden zu sein. Denn zu diesem Zeitpunkt glaubte ich noch fest, ein gewöhnlicher Mensch zu sein. Plötzlich und unerwartet verlangte meine Maus klar und deutlich nach frischem Wasser. Ich erinnere mich noch lebhaft, wie ich damals kreidebleich neben dem Mauskäfig hockte und eine von meinen Pflegerinnen bat, sie möge meiner Maus doch bitte frisches Wasser in die Trinkflasche füllen.

›Du siehst aus, als ob du gerade ein Gespenst gesehen hättest‹, sagte die Pflegerin besorgt zu mir, die mich an diesem Abend zu Bett brachte,. Ich aber schüttelte nur stumm den Kopf und grinste vollkommen verwirrt.

Leider war es mir nicht möglich, jemandem zu erzählen, mit meinem kleinen Mausmännchen sprechen zu können. Sofort hätte man mich in die Psychiatrie gesteckt. Nur ein einziges Mal versuchte ich, es meiner besten Freundin aus München zu erzählen. Als diese mich jedoch mit großen Augen erschrocken ansah, wechselte ich umgehend das Thema. Denn auch, wenn ich Kira beinahe mein Leben lang kannte, so war ich mir dennoch bewusst, dass sie mich für schier verrückt halten würde, wenn ich ihr von meinen Gesprächen mit Moritz erzählte. Kira und ich lernten uns im Kindergarten kennen und hatten manches Mal das ernsthafte Gefühl, Schwestern zu sein. Auch hielten uns viele Leute tatsächlich für Schwestern. Denn wir hatten beide braune Augen und dunkle, lange Haare. Jedenfalls trugen wir unsere Haare im Kindesalter und in unserer Jugendzeit lang. Zudem waren wir beide von der Figur her recht klein und zierlich. Selbst von der Art her waren wir uns sehr ähnlich. Wir trugen eine ganze Menge Humor in uns, spielten unseren Mitmenschen liebend gerne Streiche und mochten für unser Leben gerne Tiere. Ansonsten waren wir aber eher ruhiger. Ganz besonders im Schulunterricht hielten wir uns zurück und sagten kaum etwas. Leider waren wir nur relativ kurz auf einer Schule, da ich mit zwölf Jahren von meinem Vater auf das Internat in Frankfurt geschickt wurde. Dennoch hielten Kira und ich ständigen Kontakt zueinander.

Ich weiß noch, dass die letzten Wochen des Jahres zweitausendundeins sehr rasch vergingen. Und bald feierten wir das obligatorische Weihnachtsfest und den obligatorischen Jahreswechsel. Auch kann ich mich noch gut erinnern, wie ich in der Silvesternacht jenes Jahres in meinem Bett lag, hinaus in die Dunkelheit blickte und an meinen verstorbenen Vater dachte, der vor zwei Jahren an Lungenkrebs gestorben war. Denn es waren im soeben zu Ende gegangenen Jahr so viele lustige und schöne Dinge passiert, die nur ein guter ›Geist‹ geschehen lassen haben konnte.

›Es kann nur Papa gewesen sein, der all diese wunderschönen Situationen in diesen vergangen zwölf Moonaten geschehen lassen hat‹, erklärte ich meinem Mausmännchen.

›Ich kann und möchte dazu nichts sagen.Wolfram wird bald kommen und es dir erklären‹, erklärte Moritz plötzlich vollkommen unerwartet bestimmt und kletterte auf das Dach seines Häuschens, um mich besser sehen zu können.

›Soll das ein blöder Witz sein?‹, erkundigte ich mich etwas aufgebracht. ›Ich meine, dass du einen seltsamen Humor hast, weiß ich ja schon länger, aber dass du so einen Blödsinn von dir gibst, ist mir doch recht neu. Und wenn du dich schon über mich lustig machen musst, weil ich an solche Dinge im Leben glaube, mach' es bitte leise, ja?!‹, fauchte ich weiter.

›Ich mache mich keineswegs lustig über dich!‹, gab Moritz betroffen zurück. ›Nur weiß ich einiges mehr als du.‹

Fassungslos drehte ich mich zu meinem Mausmann um. ›Wie meinst du das denn jetzt?‹, erkundigte ich mich atemlos.

›Das wirst du noch früh genug erfahren. Schlaf jetzt! Gute Nacht!‹

Plötzlich war es still im Zimmer geworden. Nur noch vereinzelte Feuerwerksraketen waren hier und da von der Silvesternacht zu hören. Ich drehte mich auf meine Schlafseite und schlief ein.

Schon seit ich ein kleines Kind war, träumte ich davon, zaubern zu können. Ich sehnte mich danach, bestimmte Dinge herbeizaubern oder etwas vertrackte Situationen im Handumdrehen verändern zu können. Und je älter ich wurde, umso deutlicher wuchs dieser Wunsch in mir. Neidisch und bewundernd hörte ich als kleines Mädchen die Märchen an, die mir meine Lieblingsoma aus München abends immer vorlas. In diesen Geschichten vollbrachten Hexen und Zauberer wahre Heldentaten und wandten alles zum Guten, obwohl diese Kreaturen von den Menschen ständig nur als böse dargestellt wurden. Seit ich klar denken konnte, fragte ich mich, aus welchem Grunde die Menschen Hexen und Zauberer für etwas Schlechtes hielten. Auch wunderte es mich, dass trotz allem so viele Menschen davon träumten, zaubern oder hexen zu können. Denn angeblich war es doch „teuflisch“. Wenn ich als kleines Mädchen abends nicht einschlafen konnte, malte ich mir aus, was ich alles verändern würde, wenn ich Zauberkräfte besäße. Ich nahm mir als Allererstes vor, meine Mutter von ihrer psychischen Krankheit, dem Verfolgungswahn, zu befreien und sie wieder ganz gesund zu machen. Dann wünschte ich mir auuch schon etwas Banales wie ein Puppenhaus, neue Spielzeugautos, neue Anziehsachen für meinen Teddy oder mich aus diesem scheußlichen Internat, in dem ich so unglücklich war.

›Es wäre doch toll, wenn man zaubern oder hexen könnte, nicht?!‹, fragte ich manchmal Kira, wenn wir zusammen spielten. „Denn dann könnte man sein Leben so gestalten, wie man es gerne hätte.‹

›Hm, manche Menschen können doch ein ganz klein wenig zaubern. Und vielleicht ist das „Zaubern“ ja nur den Menschen beschieden, die über das Leben einen etwas besseren Überblick haben?‹, überlegte Kira, wenn ich meinen Tagträumen nachhing. ›Denn es scheint ja wirklich so zu sein, dass nur Auserwählte etwas Ungewöhnliches können. Vielleicht müssen wir noch ein klein bisschen dazu lernen, bis wir mit den Zauberkünsten oder Sonstigem belohnt werden. Noch lange Zeit grübelte ich über die überaus schlauen Worte meiner Freundin nach.

»Wieso, war oder ist denn deine beste Freundin auch eine von euch?«, riss Jonas mich aus meiner Erinnerung.

»Du, ob du's mir glaubst oder nicht, aber bis zum heutigen Tag habe ich keine Ahnung. Sie hat sich mir nie offenbart. Ich weiß es nicht! Und das, obwohl wir die allerbesten Freundinnen sind. Sie sagte auch nichts, als sie durch einen Zufall mitbekommen hat, dass ich eine echte Hexe bin und voon einem anderen Planeten komme. Komischerweise hat sie darauf äußerst entspannt reagiert. Aber ehrlich gesagt, sollen wir uns den Erdbewohnern auch nicht zu erkennen geben«, gab ich kleinlaut und schuldbewusst von mir.

»Nun, deinem eigenen Ehemann oder deiner allerbesten Freundin wirst du doch erzählen dürfen, woher du kommst und wer du bist, oder etwa nicht? Denn für den Fall, dass eine Hexe oder ein Zauberer ein Kind mit einem Erdenbewohner bekommt, würde sich die Ehefrau oder der Ehemann doch zu Tode erschrecken, wenn ihr Kind etwas zustande brächte, was sie sich nicht erklären können. Sie würden denken, dass mit ihrem Sohn, ihrer Tochter oder mit ihnen selbst irgendwas nicht stimmt.«

»Hm, du vergisst nur, Brummelbär, dass es strengstens verboten ist, sich mit einem Bewohner des Planeten Erde zusammenzutun, ihn zu heiraten und mit ihm Kinder zu bekommen. Von daher kommen wir normalerweise nicht in die Verlegenheit, uns unserem Lebenspartner offenbaren zu müssen. Und unseren besten Freundinnen oder unseren besten Freunden, die wir auf dem blauen Planeten gewinnen, müssen wir ja nicht unbedingt auf die Nase binden, dass wir niemand von ihnen sind. Ich meine, ab und an kommt es natürlich vor, dass sich irgendeiner verplappert. Aber dann haben wir notfalls die Möglichkeit, unsere Freunde vergessend zu machen. Allerdings dürfen wir dieses nur im äußersten Notfall tun. Denn es ist nicht gestattet, in den Gehirnen Anderer herum zu zaubern.“ lächelte ich verschmitzt und zwickte meinem Mann in seinen mit chinesischen Schriftzeichen tätowierten, rechten Unterarm.

»Ich sehe, ihr habt genauso bekloppte Bestimmungen wie wir hier!«, seufzte mein Mann und streckte sich. „Bist du von deinen Leuten verstoßen worden, weil du einen normalen Menschen geheiratet hast? Das war nicht meine Absicht, dass es soweit kommt. Ehrlich!«

Erstaunt blickte ich Jonas von der Seite an. Während der vergangenen Wochen, die wir zusammen waren, war er richtig sanftmütig geworden. Irgendwie war er gar nicht mehr der Mensch, der mir mit erhobenem Zeigefinger ernsthafte Vorträge hielt.

„Nein, natürlich bin ich nicht deinetwegen verstoßen worden. Meine Familie hat mich überhaupt nicht verstoßen. Und das weißt du auch ganz genau!, antwortete ich ziemlich verblüfft.

Plötzlich vollkommen erschöpft vom langen Erzählen legte ich meinen Kopf zurück in den Nacken. Ich schloss meine Augen. Ja, meine Lebensgeschichte war schon seltsam und kaum zu glauben. Und aus diesem Grunde ermunterte Jonas mich, meine Lebensgeschichte doch als eine Art „Fantasygeschichte aufzuschreiben und als kleines Taschenbuch zu veröffentlichen, nachdem er sie bis zum Ende gehört hatte. Und nach einigen Anlaufversuchen und mithilfe etlicher Leute, schaffte ich es nach einiger Zeit tatsächlich, dieses Buch hier zu schreiben und zu veröffentlichen.

 

IV

Als ich an diesem Morgen, an dem ich meinem Mann meine komplette Lebensgeschichte zum allerersten Mal komplett erzählte, an seiner Schulter wieder genug Kraft getankt hatte, erinnerte ich ihn an den Maitag vor anderthalb Jahren, an dem ich ihm erzählte, dass ich in München eine behindertengerechte Wohnung mit einer täglichen 24-Stundenbetreuung gefunden hatte. Denn da Finn mindestens noch ein weiteres Jahr an der Universität Frankfurt studieren musste, ich aber schnellstmöglich wieder in die Nähe meiner Familie wollte, hatten wir beschlossen, dass ich erstmal allein nach München ziehe. Denn, weil wir wieder in unsere alte Heimat zurückwollten, hatte ich dort nach einer geeigneten Wohnung für mich gesucht. Nach meinem Schulabgang war ich wegen Finn noch in Frankfurt geblieben. Es war zum Vorteil, dass ich keinen bestimmten Beruf erlernt hatte, sondern in einer Werkstatt für behinderte Menschen tätig war. Denn so konnte ich ohne größere Schwierigkeiten meine Tätigkeit in Frankfurt kündigen und nach München ziehen.“

›Schön! Und wann gehst du weg?‹, erkundigtest du dich an diesem Maitag kurz angebunden.

Daraufhin antwortete ich dir, dass ich hoffte, bereits im Juli oder August diesen Jahres umziehen zu können. „Übernächste Woche gucke ich mir diese behindertengerechte Wohnung erst einmal an und spreche mit dem Pflegedienst, der sich vierundzwanzig Stunden am Tag in diesem Mehrfamilienhaus aufhält, das extra für Menschen mit Behinderung errichtet worden ist. Denn dann habe ich so was Ähnliches wie ein Vorstellungsgespräch dort. Bin schon richtig gespannt‹, erzählte ich dir ganz schnell und glücklich weiter.

Andererseits war mir auch durchaus klar, dass es für mich eine große Umstellung sein würde, nicht mehr mit acht anderen Menschen in einer Wohngruppe zu leben, sowie ich es bisher gewohnt war, sondern zum allerersten Mal für mich allein sorgen und alles allein entscheiden zu müssen. Auch war ich seit einigen Monaten das erste Mal wieder so viele Kilometer von Finn entfernt.

›Na, und dieser Pflegedienst in diesem Mehrfamilienhaus kümmert sich den ganzen Tag um dich?‹, hast du dich halb neugierig, halb besorgt an diesem Tag bei mir erkundigt. ›Denn du bist ja vollständig auf fremde Hilfe angewiesen.‹

›Ja, das stimmt‹, entgegnete ich, ›aber tagsüber werde ich von meinen persönlichen Assistentinnen betreut, die bei diesem Pflegedienst angestellt sind und mich in Allem tatkräftig unterstützen, na, und nachts ist im Notfall dieser Pflegedienst mit seinem ausgebildeten Pflegepersonal über eine Klingelanlage erreichbar.

›Ah ja, und von deinen persönlichen Assistentinnen wirst du dann den lieben, langen Tag verwöhnt?‹, fragtest du leicht grinsend.

›Ja‹, antwortete ich und lächelte zurück. Und so fuhr ich an einem Morgen Mitte Mai nach München los und stellte mich am Nachmittag in dem Mehrfamilienhaus für Menschen mit Behinderung vor. Und gute drei Monate später zog ich dort ein.

Nachdem Jonas uns ein leckeres Frühstück zubereitet hatte, erzählte ich meine Geschichte weiter.

Mein Vater erschien mir dann tatsächlich. Und zwar in meiner letzten Nacht in Frankfurt. Moritz hatte ja mehrmals angedeutet, dass mein verstorbener Vater zu mir käme, um mir etwas Wichtiges mitzuteilen. Plötzlich hockte Wolfram auf meiner Ablagefläche in meinem Wohn- und Schlafzimmer der Wohngruppe. Benommen vom tiefen, aber sehr unruhigen Schlaf, in den ich ungefähr zwei Stunden zuvor gefallen war, sah ich meinen Vater gegenüber meines Bettes sitzen.

›Du bist schon als kleines Kind nicht gerne geweckt worden‹, erinnerte mein Vater sich mit einem sanften Lächeln im Gesicht, kam zu mir herüber und setze sich auf die Bettkante.

Erschrocken fuhr ich hoch und setzte mich im Bett ein wenig auf. ›Papa?‹, rief ich verwirrt, jedoch auch sehr erfreut aus. ›Was machst du denn hier? Du bist doch seit zwei Jahren tot. Ich war persönlich auf deiner Beisetzung.‹

›Ja, mein kleines Töchterchen, das ist wohl wahr!‹, antwortete mein Vater. ›Aber ich wollte dir noch erklären, woher du kommst, warum du hier auf diesem Planeten bist und welche Aufgabe du in deinem jetzigen Leben zu erledigen hast, bevor ich gänzlich von dieser Welt verschwinde.‹

›Papa, was redest du da um Himmels Willen für einen Quatsch?‹, erkundigte ich mich mit gerunzelter Stirn. ›Natürlich weiß ich, woher ich komme. Denn so ’n bisschen habe ich in Biologie und im Sexualkundeunterricht nun doch aufgepasst.“

Im Halbdunkeln meines Zimmers konnte ich bemerken, wie verlegen mein Vater bei diesem Thema wurde. Auch konnte ich mit Erstaunen erkennen, dass er noch so frisch aussah, wie zu Lebzeiten. Er war immer noch der große, kräftige Mann, der seine wenigen, leicht angegrauten Haare und seinen sehr gepflegten, kurzen Bart trug und fröhlich, glänzende Augen hatte. Allerdings traute ich mich auch nicht so recht, das Licht anzuschalten, um meinen Vater von Kopf bis Fuß genau begutachten zu können. Aber dass seine Stimme frisch und deutlich klang, konnte ich im Dämmerlicht gut vernehmen. Zudem konnte ich keinen Verwesungsgeruch feststellen. Hm, komisch, grübelte ich über dieses Phänomen nach.

›Über die Fortpflanzung des Menschen, meine Kleine, wollte ich mit dir jetzt nicht sprechen.,, riss Papa mich aus meinen Überlegungen. "sondern bin ich gekommen, um dir von deinen leiblichen Eltern auszurichten, aus welchem Grunde sie dich damals allein ließen und auf den Planeten Erde schickten. Denn du bist vor vierunddreißig Jahren und drei Wochen in unseren Garten gefallen. Es war in einer heißen Juninacht des Jahres neunzehnhundertsiebzig. Und ich wurde auf dich erst aufmerksam, nachdem du fast das ganze Dorf zusammen geschrien hattest. Da ich mir nicht erklären konnte, woher das plötzliche Babygeschrei kam, ging ich nach draußen und durchsuchte unseren Garten. Nach ungefähr zwei Minuten fand ich dich dann unter unserem Wohnzimmerfenster in weiche Tücher und Decken eingewickelt. Ich hob dich hoch und nahm dich mit in unser Haus. Und weil es uns nicht möglich war, deine leiblichen Eltern ausfindig zu machen, behielten wir dich in unserer Familie. Na ja, und da deine Mutter später immer mehr unter ihrer psychischen Krankheit zu leiden begann, hielt ich es für das Beste, dich von ihr wegzubringen und in dieses scheußliche Internat zu schicken, sowie du es immer nanntest. Und ich vermute fast, du hast mir dies niemals verziehen. Denn du hast dich in dieser Einrichtung keine einzige Sekunde lang wohlgefühlt, nicht wahr?‹

›Na ja, ich war ziemlich weit weg von euch, worunter ich unheimlich gelitten habe. Aber nachher, als Finn seinen Zivildienst in diesem Internat absolvierte, fühlte ich mich doch heimisch dort“, widersprach ich meinem Vater. „Und wegen Finn bin ich auch noch in Frankfurt geblieben, nachdem ich von der Schule abgegangen war. Denn ich wusste, dass Finn nur in den Semesterferien nach München kommen kann und wir nur zu ganz bestimmten Zeiten zusammen sein können.

›Ja, und dein Freund kommt ebenfalls vom Planeten der Hexen und Zauberer, ganz genauso wie du. Er wird immer an deiner Seite sein und mit dir alles durchstehen.“, erklärte mein Vater mir. Fürsorglich deckte mich etwas höher zu. „Außerdem liebt er dich, sowie du ihn liebst, Zerlina, und wird dich auf Händen durchs Leben tragen. Doch bevor dies geschehen kann, musst du die dir auferlegte Aufgabe erledigen und ein dazugehöriges Rätsel lösen. Und wenn eure Eltern auf dem Planeten der Hexen und Zauberer sehen, dass du den Menschen hier auf diesem Planeten mit viel Eifer und Zielstrebigkeit behilflich bist, wird zur Belohnung deine und Finns Hochzeit gehalten. Und vielleicht besteht für Finn und dich später sogar die Möglichkeit, zu euren leiblichen Familien zu reisen. Aber das weiß ich nicht. Denn zu dieser Sache hat mir niemand etwas erzählt. Allerdings kann ich mir gut vorstellen, dass eure Familien euch zu sich holen, wenn sie sehen, dass ihr eure Lebensaufgaben ernst nehmt und gewissenhaft erledigt. Denn Finn hat ebenfalls eine bestimmte Aufgabe zugeteilt bekommen.‹

Erschrocken versuchte ich mich noch weiter im Bett aufzusetzen, um meinem Vater besser ins Gesicht blicken zu können.

›Papa, möchtest du etwa sagen, dass Finn und ich von einem ganz anderen Planeten kommen und ich gar nicht deine leibliche Tochter bin?‹, fragte ich fassungslos, aufgeregt und gleichzeitig auch ein wenig traurig.

›Ja, genau das möchte ich dir sagen. Ich erfuhr von deiner Herkunft schon bald, nachdem du in unserer Familie angekommen bist. Eines Nachts suchte mich dein leiblicher Vater auf und erzählte mir die ganze Geschichte. Zum Glück bekam von diesem nächtlichen Besuch niemand Anderes etwas mit. Und so konntest du ein weitestgehend unbeschwertes Leben in unserer Familie führen.‹

Mit weit aufgerissenen Augen sah ich meinen Vater an. Diese Geschichte war unglaublich. Sicherlich träumte ich dies hier alles nur und würde jeden Moment aufwachen. Aber nichts dergleichen geschah.

Aha, und weil ich ein wirkliches Zauberwesen bin, kann ich wahrscheinlich auch so perfekt verstehen, was mein Mausmännchen sagt und mich mit ihm unterhalten, schoss es mir plötzlich durch den Kopf. Unwillkürlich huschte ein kleines Lächeln über meine Lippen. Als mein Vater und ich einen Augenblick lang schweigend in meinem Zimmer saßen, fragte ich etwas skeptisch und zugleich nervös: ›Und welche Aufgabe ist das, die ich in meinem jetzigen Leben erledigen muss, Papa? Und du meinst wirklich, dass Finn und ich einmal zu unseren leiblichen Familien auf einen komplett anderen Planeten reisen können? Allerdings hört sich das alles so komisch an. Das kann doch alles nicht wahr sein.«

›Nun, all dies konnte ich lange Zeit auch nicht so recht glauben. Aber da dein Vater mir mehrmals einen Besuch abstattete und dabei Dinge aus meinem Leben erzählte, die stimmten, sind mir später Zweifel gekommen, ob er und die ganze Geschichte, die er mir erzählte, bloß Hirngespinste waren. Zudem hat dein Vater mich, kurz nachdem ich gestorben war, mit auf seinen Heimatplaneten genommen. Den Planeten der Hexen und Zauberer gibt es also tatsächlich. Aber nun zu deiner Frage, meine Kleine. Deine Aufgabe ist es, die Menschen dazu zu bewegen, sich ihren Mitmenschen zu nähern, mit ihnen umsichtiger umzugehen und mehr Verständnis, Vertrauen und Mitgefühl für sie aufzubringen. Und gleichzeitig sollen sie mehr Respekt vor dem Anderen zeigen und alle Menschen als vollwertig anerkennen. Wohl bemerkt jeden Menschen, Zerlina!‹, erklärte Wolfram mir und wiederholte den letzten Satz noch einmal recht deutlich.

Langsam spürte ich, wie ich zu schwitzen begann. Wie konnte ich die Lebewesen dieser Erde dazu bewegen, auf einmal vollkommen anders zu denken und sich auf einen Schlag ihrem Gegenüber anders zu benehmen? Höchstwahrscheinlich war genau dies das Rätsel, das ich lösen musste. Auch war ich mir nicht sicher, ob ich Finn zum Ehemann nehmen wollte. Ja, er war ohne Zweifel meine ganz große Liebe, aber ob ich mein ganzes Leben mit ihm verbringen wollte, wusste ich nicht. Erst recht nicht, nachdem ich dich kennen gelernt hatte. Allerdings hatte ich mir noch nie rechte Gedanken gemacht, ob ich Finn Schwelm einmal heiraten wollte. Dennoch war ich mir hundertprozentig dessen bewusst, dass Finn einen sehr, sehr liebevollen, fürsorglichen Ehemann abgeben würde. Ja, er würde mich tatsächlich auf Händen durchs Leben tragen. Auch drängte es mich, irgendwann einmal zu sehen, woher ich wirklich kam und wer meine leiblichen Eltern waren. Selbst, wenn ich es in diesem Moment noch nicht für möglich halten konnte, von einer anderen Erde zu kommen und komplett andere Eltern zu haben.

›Dann erledige diese Aufgabe zur Zufriedenheit desjenigen, der dich dafür bestimmt hat‹, riss Wolfram mich aus meinen Überlegungen, gerade so, als ob er meine Gedanken mitgelesen hätte.

›Warte mal, Papa‹, rief ich, als ich bemerkte, dass mein Vater aufstehen wollte, "›weiß Finn schon, dass er kein Mensch des blauen Planeten ist, andere Eltern hat und eine ganz bestimmte Aufgabe erledigen muss?‹

›Ja, man hat auch ihm schon erzählt, dass er von der Erde der Hexen und Zauberer kommt und den Menschen nahebringen soll, mit ihrer Natur umsichtiger umzugehen.

„Aha‹, gab ich kurz von mir und spürte, dass an der ganzen Geschichte irgendetwas nicht stimmte. Ich wusste zwar, dass Finn ebenfalls an Hexen und Zauberer glaubte. Dennoch bezweifelte ich ein wenig, dass er es so ohne Weiteres glaubte, nicht vom blauen Planeten zu kommen. Andererseits hatte er erst vor kurzer Zeit zu mir gemeint, er würde es als wahr hinnehmen, wenn er es irgendwann herausbekäme, kein Mensch dieser Erde zu sein. Und je älter er wurde, desto mehr flüchtete er sich in eine Fantasiewelt und liebte es, Fantasiefilme und Fantasiebücher anzuschauen und zu lesen. Er meinte, dass er, wenn er ein richtiger Zauberer wäre, den ganzen Tag irgendetwas herbeizaubern würde, das das Leben noch schöner und angenehmer mache. Außerdem malte er sich aus, die meisten »großen Herren« in ihrem Tun zu stoppen und ein gerechteres Leben für jeden Menschen zu organisieren. Allerdings war ich nicht soooo hundertprozentig überzeugt davon, dass Finn es so ohne Weiteres hinnahm, mit einem Schlag ein waschechter Zauberer zu sein, der nicht vonn der blauen Erde kam. Und selbst ich, die mein Leben lang das Gefühl hatte, dass Hexen, Zauberer und einige andere Fabelwesen nicht nur der reinen Fantasie des Menschen entsprungen sein konnten, meinte fest, mich nicht in der absoluten Realität zu befinden. Ob Finn ebenfalls in der Lage ist, sich gedanklich mit Tieren zu unterhalten, fragte ich mich plötzlich.

›Und warum erfahre ich dies alles erst mit über dreißig Jahren?‹, fragte ich meinen Vater schnell weiter, als mir klar wurde, keine weitere und genauere Antwort auf meine Frage zu erhalten. ›Ich meine, ich habe doch gar nicht mehr so viel Zeit, um die mir auferlegte Lebensaufgabe zufriedenstellend erledigen zu können. Denn vielleicht habe ich nur noch fünfzehn bis zwanzig Jahre zu leben. Und in dieser recht kurzen Zeit kann ich diese Welt unmöglich komplett auf den Kopf stellen‹, stammelte ich nervös weiter.

›Nun, du sollst nicht gleich die ganze Welt von Grund auf verändern, sondern du musst es lediglich schaffen, dass die Menschen enger zusammenrücken, umsichtiger und behutsamer miteinander umgehen. Mehr wird nicht von dir verlangt. Und es ist reine Absicht, dass ihr Zauberer und Hexen erst im fortgeschrittenen Alter mit eurer wahren Identität und eurer Lebensaufgabe vertraut gemacht werdet. Denn wenn ihr jünger seid, habt ihr noch viel zu viele Flausen im Kopf und könnt das alles nicht richtig einschätzen und ernst nehmen. Und auch bei dir hat deine Familie länger überlegt und sich gefragt, wann es an der richtigen Zeit ist, um dir die Wahrheit über deine wahre Herkunft und deine Aufgabe hier auf diesem Planeten zu erzählen. Aber weil du nun in deine allererste eigene Wohnung nach München ziehst und von jetzt ab an deinen Tagesablauf selbst gestalten kannst, dachten sie, dass dies der richtige Zeitpunkt ist.«

„Und wer hat dich beauftragt, mir von meinem Hexendasein zu erzählen?«, fragte ich noch verwirrter, als ich ohnehin schon war.

„Dein leiblicher Vater«, entgegnete Wolfram kurz. „Denn wie ich dir vorhin erklärt habe, erschien er mir einige Male, nachdem du zu uns gekommen bist, des nachts und bat mich, dich wie meine eigene Tochter großzuziehen. Vor drei Wochen suchte er mich dann noch einmal auf und bat mich, dir nun von deinem Leben als invalide Hexe und deiner dir auferlegten Lebensaufgabe zu erzählen.“

Selbstverständlich versuchte ich in dieser Nacht noch, Wolfram über meinen leiblichen Vater auszufragen. Doch wich er meinen direkten Fragen aus und erzählte mir nur, dass mein Vater und der Rest meiner leiblichen Familie mich nie allein gelassen hatten und bei ernsthafter Gefahr immer bei mir waren.

„Du wirst deine Lebensaufgabe schon meistern!«, unterbrach Wolfram plötzlich seine Erzählung. »Du hast noch ein wenig Zeit und schon so Manches in deinem bisherigen Leben geschafft. Auch wenn du es vielleicht nicht bewusst bemerkt hast. Zudem wandeln noch mehrere Hexen und Zauberer auf dieser Welt, die dieselbe Lebensaufgabe wie du haben. Du stehst also nicht allein mit dieser Aufgabe dar. Und Finn hat ja eine ganz ähnliche Lebensaufgabe wie du. Aus diesem Grunde haben es eure Eltern so abgesprochen, dass ihr euch hier trefft und zusammentut. Außerdem, meine Kleine, kannst du ja etwas Bleibendes hinterlassen. So etwas wie ein Buch oder Ähnliches. Denn die Menschen, die in ihrem Leben irgendeine sehr große Sache vollbracht haben, hielten dies stets in Büchern, Bauten, Musik oder Gedichten fest, die all die Jahre überdauerten und nie in Vergessenheit gerieten. Denn sie sind meistens genial, sodass man sich an diese Ereignisse immer wieder gerne erinnert und sie von Generation zu Generation weitergibt.‹

„Und wovor haben die Menschen solche Angst und lässt sie zugleich so wahnsinnig wütend werden, Papa, dass sie sich zum Beispiel schon allein durch die verschiedenen Religionen ihrer Mitmenschen gestört fühlen und sich gegenseitig umbringen?‹, fiel mir es wieder ein und plauderte es ein wenig unbedacht aus. Denn wie ich es in meinen letzten Lebensjahren immer deutlicher beobachten konnte, waren die Angst und die maßlose Wut gegenüber anderen Personen, die sich über Andere stellten und taten, als wüssten sie wesentlich mehr über das Leben und die Welt, das Allerwichtigste, was man den Menschen nehmen musste. Und schon als junger Mensch ahnte ich, dass man einen ganz großen Teil des Friedens hergestellen konnte, wenn man diese beiden Dinge aus den Menschen herausbekäme. Zwar hätte man nicht gleich den ewigen Weltfrieden hierhin gebracht, aber doch einen Teil des normalen Friedens. Denn die Lebewesen waren nun einmal zu undurchschaubar und in ihrem Wesen zu kompliziert. Aber wenn man ihnen die Wut und die Angst nehmen könnte, wäre man schon einen gewaltigen Schritt weiter. Und vielleicht wären dann die Uneinsichtigkeit, das Desinteresse für seine Mitmenschen und die Eisesskälte beseitigt. Denn wenn man sich über seine Angst und Wut bewusst war, war man vielleicht bereit, die anderen Dinge zu hinterfragen und zu bekämpfen. Doch um dies zu erreichen, durfte man sich selbst nicht so sehr in den Mittelpunkt stellen und das ganze Leben nicht so ernst nehmen und denken, man hätte es am Allerschwersten getroffen, sondern man musste für die Probleme des Anderen offen sein, ihm richtig zuhören und mit ihm mitfühlen. Dennoch sollte man kein Mitleid empfinden. Denn Mitleid ist meist die falsche, etwas hilflose Form des Mitgefühls und wird von den Anderen im Allgemeinen nicht richtig verstanden.Vor einiger Zeit fragte mich jemand, warum ich mich als stark körperbehinderter Mensch so sehr dagegen sträube, bemitleidet zu werden. Denn im Gegenzug hatte ich solch ein großes Mitleid mit anderen Menschen, die beispielsweise in Afrika wohnten und Hunger und Durst litten. Oder ich hatte Mitleid mit Menschen, die unschöne Dinge erfahren mussten. Es dauerte lange, ehe ich meinem Gegenüber erklärt hatte, dass ich kein wirkliches Mitleid mit diesen Leuten empfand, sondern dass ich versuchte, mich in ihre Lage hineinzuversetzen und wie sie zu fühlen. Außerdem gab ich mir jegliche Mühe, meinem Gesprächspartner klarzumachen, dass ich, oder besser gesagt wir behinderten Menschen, kein Mitleid brauchen, weil es uns im Allgemeinen gut ging. Zumindest in den reichen Ländern dieser Welt, da wir jede Unterstützung bekamen. Allerdings ist dieses eine Ansichtssache! Zudem gibt es ja Behinderungen, die sich erst in späteren Lebensjahren einstellen, nicht sehr gut zu ertragen sind oder gar mit dem Tode enden. Diese Menschen litten natürlich!!! Nun, kurz gesagt, wir mussten lernen, uns um den anderen Menschen zu kümmern und aufhören, uns selbst zu bemitleiden. Denn das negative Gefühl, das man für sich selbst empfindet, ist wirklich pures Mitleid. Aber wie ich dieses meinen Mitmenschen nahebringen sollte, wusste ich in dieser Nacht nicht!

›Auch das wirst du irgendwann feststellen. Da bin ich mir absolut sicher, meine Kleine!‹, versuchte mein Vater mich zu ermutigen, während er mir liebevoll über die Wange strich und mich sanft anlächelte.

Dann erhob er sich von meiner Bettkante, küsste mich noch einmal auf den Mund, das sich komisch kühl anfühlte, und ging, ohne ein weiteres Wort zu sagen, zum Fenster hinüber und verschwand zwischen den Vorhängen.

›Papa?‹, rief ich ihm nach. Aber er war schon auf und davon und hörte mich nicht mehr. Tränen liefen mir über die Wangen. ›Papa!‹, rief ich noch einmal. Doch dann breitete sich plötzlich eine wohlige Wärme über mich aus und wiegte mich sanft in den Schlaf.

 

V

Nach etwa einer Stunde wachte ich abermals von einem mir fremden Geräusch auf. Wieder völlig schlaftrunken blickte ich zu meiner Ablagefläche. Dort saß jetzt meine verstorbene Großmutter. Klein und buckelig hockte sie da. Ihre schneeweißen Haare, die sie auch schon zu Lebzeiten hatte, standen ihr ungekämmt vom Kopf ab.

›Mein Sohn, also dein Vater, vergaß, dir noch etwas zu sagen‹, erklärte die Mutter meines Vaters in einem leisen, heiseren Ton. ›Du musst es nämlich nicht nur schaffen, dass die Menschen aneinander näher rücken und dennoch mehr Respekt voreinander zeigen, sondern deine Aufgabe ist es zudem, richtig zaubern zu lernen. Denn einer waschechten Hexe ist es möglich, erwünschte Dinge oder Situationen im Handumdrehen herbeizuzaubern. Aber das weißt du bestimmt aus den Fantasiegeschichten der Erdenbewohner. Jedoch bezweifele ich, dass du es jemals schaffen wirst, die Zauberei korrekt zu erlernen. Du bist ja bei weitem nicht so ehrgeizig, wie alle immer glauben. Du hast noch nicht einmal deinen Realschulabschluss vernünftig hinter dich bringen können. Von daher sehe ich pechschwarz, dass du deine Lebensaufgabe perfekt erledigst. Und wenn du das Zaubern nicht bis ins letzte Detail beherrschst, ist es dir unmöglich, deine Lebensaufgabe zu meistern. Aber wenn du deine Lebensaufgabe nicht zu Ende bringst, wirst du Finn niemals heiraten können. Denn du musst den Lebewesen dieses Planeten die ›Erleuchtung‹ ein wenig ins Hirn hineinzaubern. Oder denkst du vielleicht, sie brauchen dich nur zu erblicken, um zu wissen, dass sie jeden Menschen als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu behandeln haben und ihm mehr Respekt und Wärme entgegenbringen sollen? So dumm und blauäugig kannst nicht einmal du sein. Deswegen will ich dir eine faire Chance geben. Wenn du dich in München ein wenig eingewöhnt hast, werde ich in einigen Nächten der Woche zu dir kommen und versuchen, dir das korrekte Zaubern beizubringen.‹

›Ich habe noch gar nicht gewusst, dass du eine Hexe bist, die zaubern kann‹, erwiderte ich zaghaft, nachdem meine Großmutter mit ihrem »Vortrag« geendet hatte.

›Sehr lustig, Zerlina! Die Ironie in deiner Stimme habe ich wohl wahrgenommen. Das musst du von Wolfram gelernt haben. Denn auch er konnte oder kann so sarkastisch sein. Aber wer, meine Gute, schätzt du wohl, brachte deine leiblichen Eltern auf die Idee, gerade dich auf diese Erde hier zu schicken, hm? Ich! Denn du schienst mir für diese Aufgabe gerade wie geschnitzt zu sein.Ich dachte, du könntest und solltest dich für die behinderten, kranken und alten Menschen einsetzen. Denn du bist nun einmal als stark invalide Hexe geboren und kannst du dich gut in die Lage dieser Menschen hineinversetzen. Nur aus diesem Grunde bist du auf diese Erde gekommen. Und ich hoffe, du fügst dich diesmal deinem Schicksal und erledigst deine dir auferlegte Aufgabe perfekt!‹, setzte Emma in einem ernsten Ton nach und warf sich ihr Halstuch gekonnt über die Schulter.

›Großmutter, aber wieso schalten sich Lebewesen, die eigentlich gar nichts mit dieser Welt zu tun haben, in das Leben und Tun der Menschen ein?‹, fragte ich naiv und neugierig.

›Hm, weil es in unserem weiten Weltall nur wenig belebte und bewohnte Planeten gibt. Aus diesem Grunde sind wir auf jede bewohnte Erde stolz, die wir entdecken. Nun, und da die Lebewesen, die bewusst und logisch denken können, den Drang haben, sich selbst und ihre Umgebung zu zerstören, machten wir es uns zur Aufgabe, jeden bewohnten Planeten, den wir entdeckten, vor seinem sicheren Untergang zu bewahren. Denn je mehr belebte Welten es in unserem Weltall gibt, desto mehr können wir voneinander lernen und unser doch recht kurzes Dasein durchdachter und umsichtiger leben. Und schon als kleines Mädchen hast du es richtig bemerkt, dass es Menschen gibt, die der festen Meinung sind, etwas Besseres zu sein und den Anderen ein Vorbild sein zu müssen. Nun, in der Tierwelt nennen wir es das natürliche Machtverhalten. Aber warum die etwas klar denkenden Lebewesen sich sovsehr bekriegen, wissen wir nicht. Was wir wissen, ist nur, dass die Planetenbewohner Hilfe von außerhalb benötigen.‹

›Ah ja, und darum werden einige von uns auf andere bewohnte Planeten geschickt? Ja, das klingt einleuchtend!‹

›Aber es gibt in diesem Weltall einen mächtigen Planeten, dessen Bewohner diese Sache anders sehen‹, erklärte Großmutter nun weiter. „Denn diese riesigen Geschöpfe wollen allein das Weltall beherrschen. Und deswegen ist es für uns nicht einfach, Zerlina, unseren Wunsch nach Bekanntschaft mit anderen Planetenbewohnern zu realisieren und ihre Planeten vor dem Untergang zu schützen. Sobald wir den ersten Kontakt zu anderen Welten aufnehmen, kommen uns die Kreaturen mit den sechseckigen Augen wieder in die Quere.‹

›Die Kreaturen mit sechseckigen Augen?!‹, erkundigte ich mich staunend und sogleich etwas angewidert bei meiner Großmutter. ›Ich habe gedacht, die Bösen würden Dämonen oder sonst wie heißen.‹

Auf einmal sah ich überdeutlich die Bilder meiner Kindheitsträume vor meinem inneren Auge. Ich sah mich wieder in den Armen dieser abscheulichen Riesen, die mit mir durch die Lüfte flogen, um mich plötzlich fallen zu lassen. Auch erinnerte ich mich an den guten Engel, der mich jedes Mal auffing und sanft zurück in mein Bett trug. Ich konnte sogar noch den Klang der Stimme dieses Engels hören. Selbst, wenn ich sie schon eine Ewigkeit nicht mehr gehört hatte.

›Tja, meine Enkeltochter, du hast eben zu viele Gruselfilme geguckt, die von den Lebewesen ohne herzhaftes Lachen gemacht wurden. Diese so genannten Dämonen sind reine Hirngespinste der Menschen und existieren in Wirklichkeit nicht. Und ehrlich gesagt verkörpern sie auch nur das Böse. Fast jede Gestalt, die in Fantasie oder Gruselfilmen böse ist, wird Dämon genannt‹, erklärte meine Großmutter weiter, ohne zu bemerken, dass ich tief in Gedanken versunken war.

›Ja gut, ich meine, wir haben noch lange nicht jeden belebten Planeten gefunden. Das Weltall ist ja riesengroß. Trotzdem halten wir die Dämonen für ganz normale Gruselgestalten, die von den Menschen erfunden worden sind, um das Böse zu verkörpern. Aber das Schlimmste an dieser Sache ist, dass diese Kreaturen, also diese Riesen mit den sechseckigen Augen, die Menschen mit ihrer Boshaftigkeit anstecken. Sie erscheinen dem Menschen überwiegend im Schlaf. Sie versuchen, den Menschen auf ihre Seite zu ziehen, ohne dass er das Geringste davon mitbekommt. Denn, wenn die Menschen, oder wem sie sich gerade zeigen, aufwachen, können sie sich nicht mehr an diese Riesen erinnern. Aber die Riesen können den jeweiligen Planetenbewohnern auch am helllichten Tage und im wachen Zustand begegnen und ihnen ihre nicht so schönen Absichten seelenruhig ins Ohr flüstern. Sie können nämlich nur von den Hexen und Zauberern gesehen werden. Von den Menschen und den Tieren nicht. Und so ist es den Bewohnern des gelben Planeten möglich, ungehindert unter den verschiedensten Planetenbewohnern umherzuwandern und ihnen ihren eigenen Willen zuzuflüstern. Die Bewohner der Welten meinen jedoch, sie selbst wären auf eine „gute“ Idee oder einen „genialen“ Einfall gekommen, den sie dann zu verfolgen und durchzusetzen versuchen. Nur leider sind es immer schlechte Einfälle, die meistens zu etwas Schrecklichem führen. Dennoch gelingt es den Riesen zum Glück nicht bei jedem Geschöpf, es auf ihre dunkle Seite zu ziehen, dem sie erscheinen. Denn manche sind stark genug, sich gegen sie zu wehren. Aber leider klappt es doch bei den meisten Geschöpfen, sie zum Bösen zu bekehren. Ganz besonders haben sie bei den Lebewesen ohne herzhaftes Lachen großen Erfolg. So zum Beispiel bei hohen Staatsmännern und Politikern. Und bis zum heutigen Tage ist es noch niemandem gelungen, die Riesen in ihrem Tun zu stoppen. Kein großer Zauber oder Ähnliches hat je etwas bewirken können. Auch auf anderen belebten Planeten richten sie tagtäglich großen Schaden an. Übrigens haben alle Lebewesen eines bewohnten Planeten bei uns ihre eigenen, speziellen Spitznamen. Nicht nur die Menschen.‹, klärte Großmutter mich spitzbübisch lächelnd weiter auf. Gerade so, als ob sie an meinem Gesicht erkannt hätte, woran ich in diesem Moment gerade dachte.

Doch im allernächsten Augenblick musste ich bereits an Adolf Hitler, an Saddam Hussein und an all die Anderen denken, die von diesen Riesen unverkennbar auf ihre überaus dunkle Seite gezogen wurden.

›Warum werden diese Riesen mit den sechseckigen Augen die Bewohner des gelben Planeten genannt? Ist ihr Heimatplanet etwa gelb?‹, fiel es mir plötzlich ein. ›Und warum können diese Riesen nicht von den Menschen und Tieren, sondern nur von uns Hexen und Zauberern gesehen werden?‹

›Nun, warum die Kreaturen mit den sechseckigen Augen, die übrigens so aussehen, als würden sie eine ulkige Brille tragen, von den Menschen und Tieren nicht gesehen werden können, kann ich dir nicht genau sagen. Aber auch sie besitzen Zauberkräfte, mit der sie es offensichtlich schaffen, für die Wesen, die keine Zauberwesen sind, unsichtbar zu bleiben. Und sie fliegen ebenfalls durchs Weltall und gelangen somit auf benachbarte Welten. Und warum sie die Bewohner des gelben Planeten genannt werden, ist einfach zu erklären. Denn ihre kleine Erde hat eben eine Ozonschicht, die gelblich schimmert. Ganz genauso, wie die Erde der Menschen und der Tiere aus dem Weltall gesehen bläulich schimmert. Aber vermutlich sieht nicht alles auf dem gelben Planeten gleich gelb aus. Denn hier sieht ja auch nicht alles blau aus. Jedes Ding hat seine ganz eigene Farbe. Allerdings war auf dem Planeten der Riesen noch kein anderes Lebewesen. Ganz genau wie auf unserem.‹

Soeben hatte ich meinen Mund aufgetan, um noch etwas zu fragen, als meine Großmutter mit einem leisen Knall plötzlich verschwunden war. Völlig verwundert blickte ich mich im Zimmer um. Ich hätte meine Großmutter gerne noch gefragt, ob Finn und ich wirklich einmal auf den Planeten der Hexen und Zauberer und zu unseren leiblichen Eltern durften.

Um sehr viel Schlaf war es in dieser Nacht nicht mehr bestellt. Bis in die frühen Morgenstunden lag ich grübelnd in meinem Bett. Denn mir war so, als ob meine Großmutter während der ganzen Zeit, in der sie ihren kleinen Vortrag gehalten hatte, mich mit ihren dunklen Augen erwartungsvoll angeblickt hätte. Unwillkürlich spürte ich, wie mir noch unbehaglicher zumute wurde. Erwartete man von mir etwa, dass ich es schaffte, die Bewohner des gelben Planeten in ihrer grausigen Absicht zu stoppen? Das war doch unmöglich, oder?! Aber nach einigen Minuten des Überlegens musste ich mir eingestehen, dass vermutlich noch einiges mehr von mir erwartet und verlangt werden würde.

„Sind mir heute Nacht tatsächlich mein verstorbener Vater und meine schon längst verstorbene Großmutter erschienen? Das ist doch alles nicht wahr, oder?!! Ich meine, das kann doch unmöglich Realität gewesen sein! Ich soll nicht die leibliche Tochter von Margarethe und Wolfram sein? Ausgeschlossen! Denn vom Äußeren her ähnele ich den Beiden doch so sehr. Und auch mit meinen Schwestern habe ich ganz große Ähnlichkeit. Und das auch vom Wesen her. Ganz besonders mit Steff habe ich große Gemeinsamkeiten. Andererseits waren Wolfram und Emma so real gewesen, dass sie gar kein Traum gewesen sein konnten. Ich möchte nicht mehr nach München ziehen!“, kam es mir auf einmal bestimmt über die Lippen, „Denn auch wenn ich es absolut nicht glauben kann, was heute Nacht hier passiert ist, so habe ich doch unheimliche Angst, diese Lebensaufgabe, von der Papa gesprochen hat, tatsächlich erledigen zu müssen und sie nicht zu schaffen.“

›Nun, Emma und Wolfram waren heute Nacht wirklich hier!“, versicherte mir mein Mausmann im ernsten Tonfall. Im Halbdunkeln sah ich, wie er sich auf seine winzigen Hinterbeine stellte und mich ansah. „Und du musst nach München gehen, damit du deine Lebensaufgabe erledigen und Finn heiraten kannst sowie du es heute Nacht von deinem Vater und seiner Mutter gehört hast. Falls Jonas Müller nicht alles zunichte macht. Aber ich habe ja die ganze Zeit gesagt, dass es nicht sooooo unbedingt gut ist, wenn man euch miteinander bekannt macht. Aber Wolframs sehnlichster Wunsch war es nun einmal, dass du keine Rückenschmerzen mehr leiden musst. Von daher hat niemand so recht auf meine Einwende gehört.“

So, als würde meiner kleinen Maus urplötzlich von einer unsichtbaren Hand das winzige Maul zugehalten, kam kein einziger Laut mehr aus dem Mauskäfig. Natürlich versuchte ich, Moritz in dieser Nacht noch weitere Informationen zu entlocken, aber ich bekam einfach keine Antwort mehr.

Mit riesengroßen, fragenden und beinahe schon ängstlichen Augen wurde ich an diesem Morgen, an dem ich Jonas meine Lebensgeschichte erzählte, plötzlich angeschaut.

»W ... was soll das bedeuten, Süße? Woher hat dein kleiner Moritz gewusst, wer ich bin? Und wie gut sind wir bei euch bekannt? Ich meine, das ist doch unmöglich.«.

»Das weiß ich nicht, Jonas«, erklärte ich ehrlich irritiert. »Wieso? Was ist denn auf einmal los? Warum bist du plötzlich so blass im Gesicht und wirkst so gehetzt? Und wieso ist deine Familie auf der Erde der Hexen und Zauberer bekannt? Zwar kannst du ebenfalls ein wenig zaubern, aber deine Zauberei kann man logisch erklären. Den Zauber, den du manchmal auf einer Bühne zeigst, meine ich. Also kannst du theoretisch niemand von uns sein. Denn unser Zauber ist echter Zauber. Oh, nun sag' doch schon, was los ist. Bitte!«

»Nein, nein, es ist alles in bester Ordnung. Wirklich! Erzähl' jetzt bitte weiter, okay?!«

Da die Stimme meines Ehemannes jetzt flehend und fast schon ein bisschen streng geworden war, traute ich mich nicht, noch weiter nachzufragen. Stattdessen holte ich nochmals tief Luft, dachte daran, dass ich es eines schönen Tages schon noch erfahren würde, und fuhr mit meiner kleinen Geschichte fort Dabei beobachtete ich meinen Ehemann aus meinen Augenwinkeln heraus sehr genau und ließ mir keine Veränderung seines schönen Gesichts entgehen.

Während der ersten Tage, die ich in München und in meiner kleinen, gemütlichen Wohnung in der zwölften Etage verbrachte, fühlte ich mich ziemlich alleine. Und dies, obwohl ich doch wieder ganz nah' bei meiner Familie und meinen alten Freunden war. Zudem machte es mich glücklich, dass meine Mutter nach dem Tode meines Vaters in unserem schönen Holzhaus mit dem tollen Garten wohnen geblieben war. Denn da ich in diesem Haus meine komplette Kindheit verbrachte, hing ich sehr daran. Mit der Hilfe ihrer Freunde hatte meine Mutter ihre psychische Erkrankung beinahe überwunden.

Ja, meine eigene Zweizimmerwohnung war wirklich schön. Ich hatte ein geräumiges Wohnzimmer, an das sich eine kleine Wohnküche anschloss. Das Schlafzimmer war zwar so klein, dass ich nur mit Mühe und Not mein schönes, altes Doppelbett hineinstellen konnte, aber dennoch fühlte ich mich dort irrsinnig wohl. Auch das Badezimmer war groß und geräumig, sodass ich darin bestens mit meinem Rollstuhl zurechtkam. Die ganze Wohnung war richtig schön hell. Unser Wohn- und Schlafzimmer besaßen jeweils zwei große Fenster, aus denen man einen atemberaubenden Blick über die Stadt hatte. Noch etwas unsicher gab ich meinen Assistentinnen, die mir nun den ganzen Tag zur Seite standen, Anweisungen, wo welche Möbelstücke hingestellt und welche Erledigungen gemacht werden sollten.

"Wenn ich genug Geld gespart habe", erklärte ich Moritz, "kaufe ich für unser Wohnzimmer eine richtig schöne Couch, in die man sich gemütlich hineinkuscheln kann und die ich unter die Fenster stelle. Denn wenn die Sonne am Tage nicht von den Wolken verdeckt wird, scheint sie ab nachmittags ins Zimmer und man kann sich dann von ihr auf der Couch wärmen lassen. Einen Wohnzimmerwandschrank hat Mama mir ja schon geschenkt. Mann, sie hat aber auch noch schöne, alte, rustikale Möbelstücke von ihren Eltern im Keller stehen. Denn der Wohnzimmerwandschrank ist auch aus groben und stabilen Holz gezimmert, der bestimmt schon an die hundert Jahre alt ist. Ganz genau wie das schöne Doppelbett, in dem ich nun schlafe."

"Ja, und man kann sooooo schön an diesen rustikalen Möbelstücken herumknabbern!", entgegnete mein Mausmännchen trocken und kuschelte sich in meinem Schoß.

In der ersten Zeit vermisste ich meine ganzen Freunde aus Frankfurt ziemlich. Und so war mit das Schönste Momo, mein total süßes Katzenbaby. Momo bekam ich von einer meiner Assistentinnen geschenkt«, erzählte ich nach einiger Zeit weiter und drückte meine kleine Katzendame überglücklich an mich.

Plötzlich stand die junge Frau eines Morgens mit einem Korb mitten in meinem Wohnzimmer. Sie schenkte mir Momo, damit ich mich nicht so einsam fühlte. Süß, oder?! Als sie den Korb öffnete, begrüßte mich sogleich zaghaft eine winzige weiß-graue Stupsnase. Zwar war es von einer persönlichen Assistentin schon ein wenig waghalsig, mir gerade eine Katze zu schenken. Aber wenn mein kleines Katzenfräulein mit einer Maus aufwuchs, könnte man ihm vielleicht das Mäusejagen abgewöhnen, dachte ich. Mit vor Freude hochroten Wangen erklärte ich dann laut, dass ich dies zumindest einmal versuchen wollte. Selbst, wenn es unwahrscheinlich klinge, einer Katze, und noch dazu einer sehr Jungen, das Jagen abzugewöhnen“ Aber ich wollte mein Katzenbaby um keinen Preis in der Welt wieder hergeben.

Schon bald konnte ich bemerken, was für ein kluges, tolerantes, fröhliches und liebevolles Tier Momo war. Ja, sie hatte etwas ganz Kluges an sich. Von der allerersten Nacht kam sie zu mir ins Bett gesprungen, kuschelte sich ganz eng an mich und ließ sich stundenlang geduldig von mir streicheln und kraulen. Dabei störte es sie in keiner Weise, dass sie manchmal aufgrund meiner spastisch, ausfahrenden Bewegungen ungewollt eins auf ihre kleine Nase bekam. Die meisten meiner nicht behinderten Mitmenschen erschreckten meine unkontrollierten Bewegungen. Aber Momo nahm es gelassen und als ganz selbstverständlich hin.

Nur Moritz war nicht so erfreut über Momos Ankunft, wie man sich lebhaft vorstellen kann…! Aber weil Momo schon mit sieben Wochen zu uns gekommen war, gelang es mir tatsächlich, ihr beizubringen, Moritz in seinem Käfig in Ruhe zu lassen. Aber mein kleiner Mausmann glaubte zudem, er sei mit Momos Einzug nicht mehr meine Nummer Eins.“

„Ja, Moritz war mächtig eifersüchtig geewesen. Ach, aber, nee, Moritz war mir schon zu alt zum essen. Der hätte mir ehrlich nicht mehr geschmeckt!“, kam es teils piepsend, teils schnurrend aus meiner Armbeuge hervor, in der Momo mit ihrem Köpfchen gemütlich lag und vor sich hindöste. „Außerdem hätte ich mir beim Versuch, das Mäuschen aus seinem Käfig zu holen, in den engen Gitterstäben heftig meine kleinen Pfoten eingeklemmt. Aber ehrlich gesagt, hattest du von Moritz nie viel gehabt. Denn er hat die meiste Zeit des Tages in seinem Käfig geschlafen. Aber ich war den ganzen Tag wach und fit und konnte mit dir herumkuscheln und du konntest mir beim Herumtoben zusehen!‹

›Ach komm', Momo, Moritz war eben eine kleine Maus, für die es ganz normal war, tagsüber recht viel zu schlafen und in der Nacht etwas munterer zu sein. Jeder soll so leben, wie es ihm vorbestimmt ist und wie er es gerne möchte.‹

›Ja, ja, du hast schon Recht.‹, gab meine kleine Katzendame jetzt leise zu, ›Trotzdem hat Moritz die meiste Zeit des Tages gepennt und sich in seinem Käfig aufgehalten. Allerdings war er auch immer allein, sodass er niemanden hatte, mit dem er herumtollen konnte. Ich habe ja später Hannes, meinen lieben Mann, bekommen. Dies war übrigens außerordentlich lieb von deiner Freundin, dir noch einen Kater zu schenken! Seltsamerweise fanden Hannes und ich uns auf Anhieb sympathisch, was ein weiterer Glückstreffer war. Na, und als ich schließlich denn auch noch sechs Kinderchen bekam, von denen ich eins bei mir behalten durfte, war mein Glück vollkommen! Zum Glück geschah das alles erst, als Moritz nicht mehr lebte!“

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