Diesseits, Erzählungen
Erinnerungen
Mit dem Sturm- und Wolkentreiben flog auch mein Fühlen und Begehren
ungestüm und fiebernd über die Weite, ferne Schneezacken umarmend und
flüchtig in hellgrünen Seebuchten rastend. Alte, betörende Wandergefühle liefen
wechselnd und farbig wie Wolkenschatten über meine Seele, Empfindung der
Trauer über Versäumtes, Kürze des Lebens und Fülle der Welt, Heimatlosigkeit
und Heimatsuchen, wechselnd mit einem hinströmenden Gefühl der völligen
Loslösung von Raum und Zeit.
Langsam verrannen die Wogen, sangen und schäumten nicht mehr, und mein
Herz wurde still und ruhte unbewegt, wie ein Vogel in großen Höhen.
Da sah ich mit Lächeln und wiederkehrender Wärme Straßenkrümmen,
Waldkuppen und Kirchtürme der vertrauten Nähe; das Land meiner schönen
Jünglingsjahre blickte mich unverändert mit den alten Augen an. Wie ein Soldat
auf seiner Landkarte den Feldzug von damals aufsucht und überliest, von
Rührung so sehr wie vom Gefühl der Geborgenheit erwärmt, las ich in der
herbstfarbenen Landschaft die Geschichte vieler wundervoller Torheiten und die
schon fast zur Sage verklärte Geschichte einer gewesenen Liebe.
Erinnerungen
In einem ruhigen Winkel, wo mir ein breiter Felsen den Sturm abhielt, aß ich
mein Mittagsbrot. Schwarzbrot, Wurst und Käse. — Nach ein paar Stunden
Bergaufmarsch bei starkem Winde der erste Biß in ein belegtes Brot — das ist
eine Lust, fast die einzige, die noch das ganze durchdringend Köstliche, bis zur
Sättigung Beglückende der echten Knabenfreuden hat.
Morgen werde ich vielleicht an der Stelle im Buchenwald vorüberkommen, an
der ich den ersten Kuß von Julie bekam. Auf einem Ausflug des Bürgervereins
Konkordia, in den ich Julies wegen eingetreten war. Am Tag nach jenem
Ausflug trat ich wieder aus.
Und übermorgen vielleicht, wenn es glückt, werde ich sie selber wiedersehen.
Sie hat einen wohlhabenden Kaufmann namens Herschel geheiratet, und sie soll
drei Kinder haben, von denen eins ihr auffallend gleicht und auch Julie heißt.
Mehr weiß ich nicht, es ist auch mehr als genug.
Aber ich weiß noch genau, wie ich ihr ein Jahr nach meiner Abreise aus der
Fremde schrieb, daß ich keine Aussicht auf Stellung und Geldverdienst habe und
daß sie nicht auf mich warten möge. Sie schrieb zurück, ich solle mir und ihr das
Herz nicht unnötig schwer machen; sie werde da sein, wenn ich wiederkäme, sei
es bald oder spät. Und ein halbes Jahr später schrieb sie doch wieder und bat sich frei, für jenen Herschel, und im Leid und Zorn der ersten Stunde schrieb ich
keinen Brief, sondern telegraphierte ihr mit meinem letzten Gelde, vier oder fünf
geschäftsmäßige Worte. Die gingen übers Meer und waren nicht zu widerrufen.
Es geht so närrisch im Leben zu! War es Zufall oder Schicksalshohn oder kam
es vom Mut der Verzweiflung — kaum lag das Liebesglück in Scherben, da kam
Erfolg und Gewinn und Geld wie hergezaubert, da war das nimmer Erhoffte im
Spiel erreicht und war doch wertlos. Das Schicksal hat Mucken, dachte ich, und
vertrank mit Kameraden in zwei Tagen und Nächten eine Brusttasche voll
Banknoten.
Doch an diese Geschichten dachte ich nicht lange, als ich nach der Mahlzeit
mein leeres Wurstpapier dem Winde hinwarf und, in den Mantel gewickelt,
Mittagsrast hielt. Ich dachte lieber an meine damalige Liebe, und an Julies
Gestalt und Gesicht, das schmale feine Gesicht mit den noblen Brauen und
großen dunkeln Augen. Und dachte lieber an den Tag im Buchenwald, wie sie
langsam und widerstrebend mir nachgab und dann bei meinen Küssen zitterte
und dann endlich wieder küßte und ganz leise, wie aus einem Traum hervor
lächelte, während noch Tränen an ihren Wimpern glänzten.
Vergangene Dinge! Das Beste daran war aber nicht das Küssen und nicht das
abendliche Zusammenpromenieren und Heimlichtun. Das Beste war die Kraft,
die mir aus jener Liebe floß, die fröhliche Kraft, für sie zu leben, zu streiten,
durch Feuer und Wasser zu gehen. Sich wegwerfen können für einen
Augenblick, Jahre opfern können für das Lächeln einer Frau, das ist Glück. Und
das ist mir unverloren.
Pfeifend stand ich auf und ging weiter.
Als die Straße jenseits vom Hügelkamm abwärts sank und ich genötigt war,
vom Anblick der Seeweite Abschied zu nehmen, lag eben die Sonne, schon dem
Untergehen nah, im Kampf mit trägen, gelben Wolkenmassen, die sie langsam
umschleierten und verschlangen. Ich hielt inne und schaute rastend den
fabelhaften Vorgängen am Himmel zu:
Hellgelbe Lichtbündel strahlten vom Rande einer schweren Wolkenbank in
die Höhe und gegen Osten. Rasch entzündete sich der ganze Himmel gelbrot,
glühend purpurne Streifen durchschnitten den Raum, zur gleichen Zeit wurden
alle Berge dunkelblau, an den Seeufern brannte das rötlich welke Ried wie
Heidefeuer. Dann verschwand alles Gelb, und das rote Licht wurde warm und
milde, spielte paradiesisch um traumzarte, hingehauchte Schleierwölkchen und
lief in tausend feinen Adern rosenrot durch mattgraue Nebelwände, deren Grau
sich langsam mit dem Rot zu einem unsäglich schönen Lilaton vermischte. Der
See wurde tiefblau und nahezu schwarz, die Untiefen in der Nähe der Ufer traten
hellgrün mit scharfen Rändern hervor.
Als der fast schmerzlich schöne Farbenkrampf erlosch, dessen Feuer und
rapide Flüchtigkeit an großen Horizonten immer etwas hinreißend Kühnes hat,
wandte ich mich landeinwärts und blickte erstaunt in eine schon völlig
abendklare, gekühlte Tälerlandschaft. Unter einem großen Nußbaum trat ich auf
eine bei der Lese vergessene Frucht, hob sie auf und schälte mir die frische
lichtbraune feuchte Nuß heraus. Und als ich sie zerbiß und den scharfen Geruch
und Geschmack verspürte, überraschte mich unversehens eine Erinnerung. Wie
von einem Stück Spiegelglas ein Lichtstrahl reflektiert und in einen dunkeln
Raum geworfen wird, so blitzt oft mitten im Gegenwärtigen, durch eine
Nichtigkeit entzündet, ein vergessenes, längst gewesenes Stückchen Leben auf,
erschreckend und unheimlich.
Das Erlebnis, an das ich in jenem Augenblick nach vielleicht zwölf oder mehr
Jahren zum ersten Mal wieder dachte, war mir ebenso peinlich wie teuer. Als ich
mit etwa fünfzehn Jahren auswärts in einem Gymnasium war, besuchte mich
eines Tages im Herbst meine Mutter. Ich hielt mich sehr kühl und stolz, wie es
mein Gymnasiastenhochmut forderte, und tat ihr mit hundert Kleinigkeiten weh.
Andern Tages reiste sie wieder ab, kam aber vorher noch ans Schulhaus und
wartete unsere Morgenpause ab. Als wir lärmend aus den Klassenzimmern
hervorbrachen, stand sie bescheiden und lächelnd draußen, und ihre schönen
gütigen Augen lachten mir schon von weitem entgegen. Mich aber genierte die
Gegenwart meiner Herren Mitschüler, darum ging ich ihr nur langsam entgegen,
nickte ihr leichthin zu und trat so auf, daß sie ihre Absicht, mir einen
Abschiedskuß und Segen zu geben, aufgeben mußte. Betrübt aber tapfer lächelte
sie mich an, und plötzlich lief sie schnell über die Straße zur Bude eines
Fruchthändlers, kaufte ein Pfund Nüsse und gab mir die Tüte in die Hand. Dann
ging sie fort, zur Eisenbahn, und ich sah sie mit ihrer kleinen altmodischen
Ledertasche um die Straßenecke verschwinden. Kaum war sie mir aus den
Augen, so tat mir alles bitter leid und ich hätte ihr meine törichte Bubenroheit
unter Tränen abbitten mögen. Da kam einer meiner Kameraden vorbei, mein
Hauptrivale in Angelegenheiten des savoir vivre. „Bonbons von
Mamachen?“ fragte er boshaft lächelnd. Ich, sofort wieder stolz, bot ihm die
Tüte an, und da er nicht annahm, verteilte ich alle Nüsse, ohne eine für mich zu
behalten, an die Kleinen von der vierten Klasse.
Zornig biß ich auf meine Nuß, warf die Schalen ins schwärzliche Laub, das
den Boden bedeckte, und wanderte auf der bequemen Straße unter einem
grünblau und goldig verhauchenden Späthimmel hin zu Tal und bald darauf an
herbstgelben Birken und fröhlichen Vogelbeerbüscheln vorbei in die bläuliche
Dämmerung junger Tannenstände und dann in die tiefen Schatten eines hohen
Buchenwaldes hinein.