Diesseits, Erzählungen
Im goldenen Löwen
In dem alten Städtlein, das ich nun vom Seegestade her durch den ungeheuren
Torbogen betrat, begann erst eigentlich meine Lustreise. In diesen Gegenden
hatte ich vorzeiten eine Weile gelebt und mancherlei Sanftes und Herbes
erfahren, wovon ich jetzt da oder dort noch einen leisen Duft und Nachklang
anzutreffen hoffte.
Ein Gang durch nächtige Straßen, von erleuchteten Fenstern her spärlich
bestrahlt, an alten Giebelformen und Vortreppen und Erkern vorüber. In der
schmalen, krummen Maiengasse hielt mich vor einem altmodischen
Herrenhause ein Oleanderbaum mit ungestümer Mahnung fest. Ein
Feierabendbänklein vor einem andern Hause, ein Wirtsschild, ein Laternenpfahl
taten dasselbe und ich war erstaunt, wieviel längst Vergessenes in mir doch nicht
vergessen war. Zehn Jahre hatte ich das Nest nimmer gesehen, und nun wußte
ich plötzlich alle Geschichten jener merkwürdigen, schönen Jünglingszeit
wieder.
Da kam ich auch am Schloß vorbei, das stand mit schwarzen Türmen und
wenigen roten Fenstervierecken kühn und verschlossen in der regnerischen
Herbstnacht. Damals als junger Kerl ging ich abends selten dran vorüber, ohne
daß ich mir im obersten Turmzimmer eine Grafentochter einsam weinend
dachte, und mich mit Mantel und Strickleiter über halsbrechenden Mauern, bis
an ihr Fenster empor.
„Mein Retter,“ stammelte sie freudig erschrocken.
„Vielmehr Ihr Diener,“ antwortete ich mit einer Verbeugung. Dann trug ich sie
sorgsam die ängstlich schaukelnde Leiter hinab — ein Schrei, der Strick war
gerissen — ich lag mit gebrochenem Bein im Graben und neben mir rang die
Schöne ihre schlanken Hände.
„O Gott, was nun? Wie soll ich Ihnen helfen?“
„Retten Sie sich, Gnädigste, ein treuer Knecht wartet Ihrer bei der hintern
Pforte.“
„Aber Sie?“
„Eine Kleinigkeit, seien Sie unbesorgt! Ich bedaure nur, Sie für heute nicht
weiter begleiten zu können.“
Es hatte seither, wie ich aus der Zeitung wußte, im Schloß gebrannt; doch sah
man, wenigstens jetzt bei Nacht, keine Spuren davon, es war alles wie früher. Ich
betrachtete mir den Umriß des alten Gebäudes eine kleine Weile, dann bog ich in
die nächste Gasse ein.
Und da hing auch noch derselbe groteske Blechlöwe im Schild des ehrwürdigen Wirtshauses. Hier beschloß ich einzukehren und um Nachtlager zu
fragen.
Ein gewaltiger Lärm schlug mir aus dem weiten Portal entgegen, Musik,
Geschrei, Hin und Wider der Dienerschaft, Gelächter und Pokulieren, und im
Hofe standen abgeschirrte Wagen, an denen Kränze und Girlanden aus
Tannenreis und Papierblumen hingen. Beim Eintreten fand ich den Saal, die
Wirtsstube und sogar noch das Nebenzimmer von einer fröhlichen
Hochzeitsgesellschaft besetzt. An ein ruhiges Abendessen, eine beschaulich
erinnerungsselige Dämmerstunde beim einsamen Schoppen und ein frühes,
friedliches Schlafengehen war da nicht zu denken.
Indem ich die Saaltüre öffnete, drang ein ausgesperrter kleiner Hund zwischen
meinen Beinen durch in den Raum, ein schwarzer Spitzerhund, und stürzte mit
wütendem Freudengebell unter den Tischen hindurch seinem Herrn entgegen,
den er sogleich erblickt hatte, denn er stand gerade aufrecht an der Tafel und
hielt eine Rede.
„— und also, meine verehrten Herrschaften,“ rief er mit rotem Gesicht und
überlaut, da fuhr wie ein Sturm der Hund an ihm hinauf, kläffte freudig und
unterbrach die Rede. Gelächter und Scheltworte erklangen durcheinander, der
Redner mußte seinen Hund hinausbringen, die verehrten Herrschaften grinsten
schadenfroh und tranken einander zu. Ich drückte mich beiseite, und als der Herr
des Spitzerhundes wieder an seinem Platz und wieder in seiner Rede war, hatte
ich das Nebenzimmer erreicht, legte Hut und Mantel weg und setzte mich ans
Ende eines Tisches.
An vortrefflichen Speisen fehlte es heute nicht. Und schon während ich am
Hammelbraten arbeitete, erfuhr ich von meinen Tischnachbarn das Nötigste über
die Hochzeit. Das Paar war mir nicht bekannt, wohl aber eine große Zahl der
Gäste — Gesichter, die mir vor Jahren vertraut gewesen waren und die mich
nun, viele schon im halben Rausch, beim Schein der Lampen und Kronleuchter
umgaben, mehr oder minder verändert und gealtert. Einen feinen Bubenkopf mit
ernsten Augen, mager und zart geschnitten, sah ich wieder — erwachsen,
lachend, schnurrbärtig, eine Zigarre im Mund, und ehemalige junge Bursche,
denen das Leben um einen Kuß und die Welt um einen Narrenstreich feil
gewesen war, staken nun in Backenbärten, hatten die Hausfrau bei sich und
regten sich in Philistergesprächen über Bodenpreise und Änderungen des
Eisenbahnfahrplans auf.
Alles war verändert und doch noch lächerlich kenntlich, und am wenigsten
verändert war erfreulicherweise die Wirtsstube und der gute weiße Landwein.
Der floß noch wie je so herb und freudig, blinkte gelblich im fußlosen Glase und
weckte in mir das schlummernde Gedächtnis zahlreicher Kneipnächte und Kneipenstreiche. Mich aber kannte niemand wieder und ich saß im Getümmel