Diesseits, Erzählungen

Hermann Hesse · Kapitel 7 von 14

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Diesseits, Erzählungen

Im goldenen Löwen

 

In dem alten Städtlein, das ich nun vom Seegestade her durch den ungeheuren

Torbogen betrat, begann erst eigentlich meine Lustreise. In diesen Gegenden

hatte ich vorzeiten eine Weile gelebt und mancherlei Sanftes und Herbes

erfahren, wovon ich jetzt da oder dort noch einen leisen Duft und Nachklang

anzutreffen hoffte.

Ein Gang durch nächtige Straßen, von erleuchteten Fenstern her spärlich

bestrahlt, an alten Giebelformen und Vortreppen und Erkern vorüber. In der

schmalen, krummen Maiengasse hielt mich vor einem altmodischen

Herrenhause ein Oleanderbaum mit ungestümer Mahnung fest. Ein

Feierabendbänklein vor einem andern Hause, ein Wirtsschild, ein Laternenpfahl

taten dasselbe und ich war erstaunt, wieviel längst Vergessenes in mir doch nicht

vergessen war. Zehn Jahre hatte ich das Nest nimmer gesehen, und nun wußte

ich plötzlich alle Geschichten jener merkwürdigen, schönen Jünglingszeit

wieder.

Da kam ich auch am Schloß vorbei, das stand mit schwarzen Türmen und

wenigen roten Fenstervierecken kühn und verschlossen in der regnerischen

Herbstnacht. Damals als junger Kerl ging ich abends selten dran vorüber, ohne

daß ich mir im obersten Turmzimmer eine Grafentochter einsam weinend

dachte, und mich mit Mantel und Strickleiter über halsbrechenden Mauern, bis

an ihr Fenster empor.

„Mein Retter,“ stammelte sie freudig erschrocken.

„Vielmehr Ihr Diener,“ antwortete ich mit einer Verbeugung. Dann trug ich sie

sorgsam die ängstlich schaukelnde Leiter hinab — ein Schrei, der Strick war

gerissen — ich lag mit gebrochenem Bein im Graben und neben mir rang die

Schöne ihre schlanken Hände.

„O Gott, was nun? Wie soll ich Ihnen helfen?“

„Retten Sie sich, Gnädigste, ein treuer Knecht wartet Ihrer bei der hintern

Pforte.“

„Aber Sie?“

„Eine Kleinigkeit, seien Sie unbesorgt! Ich bedaure nur, Sie für heute nicht

weiter begleiten zu können.“

Es hatte seither, wie ich aus der Zeitung wußte, im Schloß gebrannt; doch sah

man, wenigstens jetzt bei Nacht, keine Spuren davon, es war alles wie früher. Ich

betrachtete mir den Umriß des alten Gebäudes eine kleine Weile, dann bog ich in

die nächste Gasse ein.

Und da hing auch noch derselbe groteske Blechlöwe im Schild des ehrwürdigen Wirtshauses. Hier beschloß ich einzukehren und um Nachtlager zu

fragen.

Ein gewaltiger Lärm schlug mir aus dem weiten Portal entgegen, Musik,

Geschrei, Hin und Wider der Dienerschaft, Gelächter und Pokulieren, und im

Hofe standen abgeschirrte Wagen, an denen Kränze und Girlanden aus

Tannenreis und Papierblumen hingen. Beim Eintreten fand ich den Saal, die

Wirtsstube und sogar noch das Nebenzimmer von einer fröhlichen

Hochzeitsgesellschaft besetzt. An ein ruhiges Abendessen, eine beschaulich

erinnerungsselige Dämmerstunde beim einsamen Schoppen und ein frühes,

friedliches Schlafengehen war da nicht zu denken.

Indem ich die Saaltüre öffnete, drang ein ausgesperrter kleiner Hund zwischen

meinen Beinen durch in den Raum, ein schwarzer Spitzerhund, und stürzte mit

wütendem Freudengebell unter den Tischen hindurch seinem Herrn entgegen,

den er sogleich erblickt hatte, denn er stand gerade aufrecht an der Tafel und

hielt eine Rede.

„— und also, meine verehrten Herrschaften,“ rief er mit rotem Gesicht und

überlaut, da fuhr wie ein Sturm der Hund an ihm hinauf, kläffte freudig und

unterbrach die Rede. Gelächter und Scheltworte erklangen durcheinander, der

Redner mußte seinen Hund hinausbringen, die verehrten Herrschaften grinsten

schadenfroh und tranken einander zu. Ich drückte mich beiseite, und als der Herr

des Spitzerhundes wieder an seinem Platz und wieder in seiner Rede war, hatte

ich das Nebenzimmer erreicht, legte Hut und Mantel weg und setzte mich ans

Ende eines Tisches.

An vortrefflichen Speisen fehlte es heute nicht. Und schon während ich am

Hammelbraten arbeitete, erfuhr ich von meinen Tischnachbarn das Nötigste über

die Hochzeit. Das Paar war mir nicht bekannt, wohl aber eine große Zahl der

Gäste — Gesichter, die mir vor Jahren vertraut gewesen waren und die mich

nun, viele schon im halben Rausch, beim Schein der Lampen und Kronleuchter

umgaben, mehr oder minder verändert und gealtert. Einen feinen Bubenkopf mit

ernsten Augen, mager und zart geschnitten, sah ich wieder — erwachsen,

lachend, schnurrbärtig, eine Zigarre im Mund, und ehemalige junge Bursche,

denen das Leben um einen Kuß und die Welt um einen Narrenstreich feil

gewesen war, staken nun in Backenbärten, hatten die Hausfrau bei sich und

regten sich in Philistergesprächen über Bodenpreise und Änderungen des

Eisenbahnfahrplans auf.

Alles war verändert und doch noch lächerlich kenntlich, und am wenigsten

verändert war erfreulicherweise die Wirtsstube und der gute weiße Landwein.

Der floß noch wie je so herb und freudig, blinkte gelblich im fußlosen Glase und

weckte in mir das schlummernde Gedächtnis zahlreicher Kneipnächte und Kneipenstreiche. Mich aber kannte niemand wieder und ich saß im Getümmel