Diesseits, Erzählungen

Hermann Hesse · Kapitel 13 von 14

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Diesseits, Erzählungen

Julie

zweiröhrige Trogbrunnen, in deren kühler Nachbarschaft ich manche warme

Sommerabende bei einem Bier vertrödelt hatte.

Nach dem Essen machte ich mich auf und schlenderte langsam durch die

wenig veränderten Straßen, las die alten wohlbekannten Namen auf den

Ladenschildern, ließ mich rasieren, kaufte einen Bleistift, sah an den Häusern

hinauf und strich an den Zäunen hin durch die ruhigen Gartenwege der Vorstadt.

Eine Ahnung beschlich mich, daß meine Ilgenberger Reise eine große Torheit

gewesen sei, und doch schmeichelte mir Luft und Boden heimatlich und wiegte

mich in umrißlose, schöne, wirre Erinnerungen. Ich ließ keine einzige Gasse

unbesucht, stieg auf den Kirchturm, las die ins Gebälk des Glockenstuhls

geschnitzten Lateinschülernamen, stieg wieder hinunter und las die öffentlichen

Anschläge am Rathaus, bis es anfing zu dunkeln.

Dann stand ich auf dem unverhältnismäßig großen, öden Marktplatz, schritt

die lange Reihe der alten Giebelhäuser ab, stolperte über Vortreppen und

Pflasterlücken und hielt am Ende vor dem Herschelschen Hause an. Am kleinen

Laden wurden gerade die Rolläden heruntergelassen, im ersten Stockwerk hatten

vier Fenster Licht. Ich stand unschlüssig da und schaute am Haus hinauf, müde

und beklommen. Ein kleiner Junge marschierte den Platz herauf und pfiff den

Jungfernkranz; als er mich dastehen sah, hörte er zu pfeifen auf und sah mich

beobachtend an. Ich schenkte ihm zehn Pfennig und hieß ihn weitergehen. Dann

kam ein Lohndiener und bot sich mir an.

„Danke,“ sagte ich, und plötzlich hatte ich den Glockenzug in der Hand und

schellte kräftig.

 

Julie

 

Die schwere Haustür ging zögernd auf, im Spalt erschien das Gesicht einer

jungen Dienstmagd. Ich fragte nach dem Hausherrn und wurde eine dunkle

Treppe hinaufgeführt. Im Gang oben brannte ein Öllicht, und während ich meine

angelaufene Brille abnahm, kam Herschel heraus und begrüßte mich.

„Ich wußte, daß Sie kommen würden,“ sagte er halblaut.

„Wie konnten Sie das wissen?“

„Durch meine Frau. Ich weiß, wer Sie sind. Aber legen Sie, bitte, ab. Hier,

wenn ich bitten darf. — Es ist mir ein Vergnügen. — O, bitte. So, ja.“

Es war ihm offenbar nicht sonderlich wohl, und mir auch nicht. Wir traten in

ein kleines Zimmer, wo auf dem weißgedeckten Tisch eine Lampe brannte und zum Abendessen serviert war.

„Hier also. Meine Bekanntschaft von heute morgen, Julie. Darf ich vorstellen,

Herr — —“

„Ich kenne Sie,“ sagte Julie und erwiderte meine Verbeugung durch ein

Nicken, ohne mir die Hand zu geben.

„Nehmen Sie Platz.“

Ich saß auf einem Rohrsessel, sie auf dem Diwan. Ich sah sie an. Sie war

kräftiger, schien aber kleiner als früher. Ihre Hände waren noch jung und fein,

das Gesicht frisch, aber voller und härter, noch immer stolz, aber gröber und

glanzlos. Ein Schimmer von der ehemaligen Schönheit und zarten Anmut war

noch vorhanden, an den Schläfen und in den Bewegungen der Arme, ein leiser

Schimmer — —

„Wie kommen Sie denn nach Ilgenberg?“

„Zu Fuß, gnädige Frau.“

„Haben Sie Geschäfte hier?“

„Nein, ich wollte nur die Stadt wieder einmal sehen.“

„Wann waren Sie denn zuletzt hier?“

„Vor zehn Jahren. Sie wissen ja. Übrigens fand ich die Stadt nicht allzusehr

verändert.“

„Wirklich? Sie hätte ich kaum wieder erkannt.“

„Ich Sie sofort, gnädige Frau.“

Herr Herschel hustete.

„Wollen Sie nicht zum Abendessen bei uns vorlieb nehmen?“

„Wenn es Sie gar nicht stört —“

„Bitte sehr, nur ein Butterbrot.“

Es gab jedoch kalten Braten mit Gallerte, Bohnensalat, Reis und gekochte

Birnen. Getrunken wurde Tee und Milch. Der Hausherr bediente mich und

machte ein wenig Konversation. Julie sprach kaum ein Wort, sah mich aber

zuweilen hochmütig und mißtrauisch an als möchte sie herausbringen, warum

ich eigentlich gekommen sei. Wenn ich es nur selber gewußt hätte!

„Haben Sie Kinder?“ fragte ich, und nun wurde sie ein wenig gesprächiger.

Schulsorgen, Krankheiten, Erziehungssorgen, alles im besseren Philisterstil.

„Ein Segen ist ja die Schule trotz alledem doch,“ sagte Herschel dazwischen.

„Wirklich? Ich dachte immer, ein Kind sollte möglichst lange ausschließlich

von den Eltern erzogen werden.“

„Man sieht, Sie selber haben keine Kinder.“

„Ich bin nicht so glücklich.“

„Aber Sie sind verheiratet?“

„Nein, Herr Herschel, ich lebe allein.“

Die Bohnen würgten mich elend, sie waren schlecht entfädet.

Als das Essen abgetragen war, schlug der Mann eine Flasche Wein vor, was

ich nicht ablehnte. Wie ich gehofft hatte, ging er selber in den Keller, und ich

blieb eine Weile mit der Frau allein.

„Julie,“ sagte ich.

„Was beliebt?“

„Sie haben mir noch nicht einmal die Hand gegeben.“

„Ich hielt es für richtiger —“

„Wie Sie wollen. — Es freut mich zu sehen, daß es Ihnen gut geht. Es geht

Ihnen doch gut?“

„O ja, wir können zufrieden sein.“

„Und damals — sagen Sie mir, Julie, denken Sie nie mehr an damals?“

„Was wollen Sie von mir? Lassen wir doch die alten Geschichten ruhen! Es ist

gekommen, wie es kommen mußte und wie es für uns alle gut war, meine ich.

Sie haben schon damals nicht recht nach Ilgenberg hereingepaßt, mit allen Ihren

Ideen, und es wäre nicht das Richtige gewesen —“

„Gewiß, Julie. Ich will nichts Geschehenes ungeschehen wünschen. Ich wollte

nur irgend ein Wort von damals hören, eine Erinnerung. Sie sollen nicht an mich

denken, gewiß nicht, aber an alles andere, was dazumal schön und lieb war. Es

ist doch unsere Jugendzeit gewesen, und die wollte ich noch einmal aufsuchen

und ihr ins Auge sehen.“

„Bitte, reden Sie von anderem. Für Sie mag es anders sein, aber für mich liegt

zu viel dazwischen.“

Ich sah sie an. Alle Schönheit von damals hatte sie verlassen, sie war nur noch

Frau Herschel.

„Allerdings,“ sagte ich grob und hatte nichts dagegen, als nun der Mann mit

zwei Flaschen Wein zurückkam. Die erste Flasche wurde aufgemacht und ich

war nicht verletzt, als Julie das Mittrinken ablehnte.

Es war schwerer Burgunder, und Herschel, der sichtlich kein Weintrinker war,

begann schon beim zweiten Glase anders zu werden. Er fing an, seine Frau mit

mir zu necken. Als sie nicht darauf einging, lachte er und stieß sein Glas an

meines.

„Zuerst wollte sie Sie gar nicht ins Haus haben,“ vertraute er mir an.

Julie stand auf.

„Entschuldigen Sie, ich muß nach den Kindern sehen. Das Mädel ist noch

immer nicht ganz wohl.“

Damit ging sie hinaus, und ich wußte, sie würde nicht zurückkommen. Ihr

Mann machte zwinkernd die zweite Flasche auf.

„Sie hätten das vorher nicht sagen dürfen,“ warf ich ihm vor.

Er lachte nur.

„Lieber Gott, so grätig ist sie schließlich nicht, daß sie das übelnimmt.

Trinken Sie doch! Oder schmeckt Ihnen der Wein nicht?“

„Der Wein ist gut.“

„Nicht wahr? Ja, sagen Sie, wie war denn das nun damals mit Ihnen und

meiner Frau? Kindereien, was?“

„Kindereien. Doch tun Sie besser, nicht davon zu reden.“

„Gewiß — freilich — ich will ja nicht indiskret sein. Zehn Jahre ist es her,

nicht?“

„Verzeihen Sie, ich muß es vorziehen jetzt zu gehen.“

„Warum denn schon?“

„Es ist besser. Vielleicht sehen wir uns ja morgen noch.“

„Na, wenn Sie durchaus gehen wollen —. Warten Sie, ich leuchte Ihnen. Und

wann kommen Sie morgen?“

„Nach Mittag, denke ich.“

„Also gut, zum schwarzen Kaffee. Ich begleite Sie ins Hotel. Nein, ich

bestehe darauf. Wir können ja dort noch etwas zusammen nehmen.“

„Danke, ich will zu Bett, ich bin müde. Empfehlen Sie mich Ihrer Frau, bis

morgen.“

Vor der Haustür schob ich ihn ab und ging allein davon, über den großen

Marktplatz und durch die stillen dunkeln Straßen. Ich lief noch lange in der

kleinen Stadt herum, und wenn von irgend einem alten Dach ein Ziegel gefallen

wäre und hätte mich erschlagen, so wäre es mir auch recht gewesen. Ich Narr!

Ich Narr!