Diesseits, Erzählungen
Ilgenberg
Mein Weg führte am Rand des Waldes weiter, der hier die Wetterseite hatte,
und ich fand meine Kurzweil an den kühnen, bedeutungsvoll grotesken Formen
der Stämme, Äste und Wurzeln. Nichts kann die Phantasie stärker und inniger
beschäftigen. Zuerst herrschen meistens komische Eindrücke vor: Fratzen,
Spottgestalten, und Karikaturen bekannter Gesichter werden in
Wurzelverschlingungen, Erdspalten, Astgebilden, Laubmassen erkennbar. Dann
ist das Auge geschärft und sieht, ohne zu suchen, ganze Heere von wunderlichen
Formen. Das Komische verschwindet, denn alle diese Gebilde stehen so
entschlossen, keck und unverrückbar da, daß ihre schweigende Schar bald
Gesetzmäßigkeit und ernste Notwendigkeit verkündet. Und endlich werden sie
unheimlich und anklagend. Es ist nicht anders, der wandelbare und
maskentragende Mensch erschrickt, sobald er ernsthaft zusieht, vor den Zügen
jedes natürlich Gewachsenen. Denselben Eindruck wie vor den Formen des
Gesteins und der Bäume hatte ich einst vor einigen Photographieen von
Indianern, deren gewaltige, furchtbare Gesichter Züge wie von Holz oder Eisen
hatten — vielleicht auch Masken, aber unveränderliche.
Es ist lustig, im Umrisse eines Berggipfels ein Gesichtsprofil zu entdecken
und in einem Felsen die Figur eines Tieres. Aber wer nie anders als so betrachtet,
wer nie übers Zufällige hinaus die natürlich entstandenen Formen vergleicht und
sieht, wem diese Formen nie zu ergreifenden Gebärden, zu stummer Sprache, zu
gefesselter Kraft und Leidenschaft werden, der ist ein Tropf, und und es gibt
nichts Ärgerlicheres, als eine Strecke weit mit so einem wandern zu müssen.
Ilgenberg
Das Dorf, das ich nach zwei Stunden auf Fußwegen erreichte, hieß
Schluchtersingen und war mir von einem früheren Besuche her bekannt. Als ich
durch die Dorfgasse schritt, sah ich vor einem neugebauten Gasthof einen
Wagen stehen und erkannte sofort das Gefährt des Kaufmanns aus Ilgenberg und
sein kleines, sonderbar geflecktes Pferd.
Er selber trat gerade aus der Türe, um wieder einzusteigen, als er mich
daherkommen sah. Sogleich grüßte er lebhaft und winkte mir zu.
„Ich habe hier noch Geschäfte gehabt, fahre jetzt aber direkt nach Ilgenberg.
Wollen Sie nicht mitkommen? Das heißt, wenn Sie nicht lieber zu Fuß gehen.“
Er sah so gutmütig aus und mein Verlangen nach dem Ziel meiner Reise war
allmählich so gespannt, daß ich annahm und einstieg. Er gab dem Hausknecht
ein Trinkgeld, nahm die Zügel und fuhr los. Der Wagen lief gar leicht und bequem auf der guten, harten Straße und mir tat nach tagelangem Fußgängertum
das herrschaftliche Gefühl des Fahrens wohl.
Wohl tat mir auch, daß der Kaufmann keine Versuche machte mich
auszufragen. Ich wäre sonst sogleich wieder ausgestiegen. Er fragte nur, ob ich
auf einer Erholungsreise sei und ob ich die Gegend schon kenne.
„Wo steigt man denn jetzt in Ilgenberg am besten ab?“ fragte ich. „Früher war
der Hirschen gut; der Besitzer hieß Böliger.“
„Der lebt nimmer. Die Wirtschaft hat jetzt ein Fremder, ein Bayer, und sie soll
zurückgegangen sein. Doch will ich das nicht beschwören, ich hab’s vom
Hörensagen.“
„Und wie ist’s mit dem Schwäbischen Hof? Da war seinerzeit einer namens
Schuster drauf.“
„Der ist noch da, und das Haus gilt für gut.“
„Dann will ich dort einkehren.“
Mehrmals machte mein Begleiter Miene, sich mir vorzustellen, doch ließ ich
es nicht dazu kommen. So fuhren wir durch den lichten, farbigen Tag.
„Es geht so doch ringer als zu Fuß,“ meinte der Ilgenberger.
„Das wohl, ja. Ein Freund von mir, ein Basler, hat das auch herausgefunden.
Er schwärmt für Fußtouren, aber im zweiten oder dritten Dorf nimmt er jedesmal
einen Einspänner und steigt dann erst kurz vor der Stadt wieder ab.“
„Die Art kenn ich, ja. Aber zu Fuß ist es gesünder.“
„Wenn man gute Stiefel hat. Übrigens ist Ihr Gaul ein lustiger Patron, mit
seinen Flecken.“
Er seufzte ein wenig und lachte dann.
„Fällt’s Ihnen auch auf? Freilich, die Flecken sind gespäßig. In der Stadt
haben sie ihn mir ‚die Kuh‘ getauft, und man soll die Leute spotten lassen, aber
es ärgert mich doch.“
„Gehalten ist das Tier gut.“
„Nicht wahr? Es geht ihm nichts ab. Sehen Sie, ich hab’ das Rößlein gern.
Jetzt spitzt es schon die Ohren, weil wir von ihm reden. Es ist sieben Jahr alt.“
In der letzten Stunde redeten wir wenig mehr. Mein Begleiter schien ermüdet,
und mir nahm der Anblick der mit jedem Schritt vertrauter werdenden Gegend
alle Gedanken gefangen. Ein bangköstliches Gefühl, Orte der Jugendzeit
wiederzusehen! Erinnerungen blitzen in verwirrender Menge auf, man lebt ganze
Entwicklungen in traumhafter Sekundeneile wieder durch, unwiederbringlich
Verlorenes blickt uns heimatlich und schmerzlich an.
Eine schwache Erhöhung über die unser Wagen im Trabe lief, öffnete den
Blick auf die Stadt. Zwei Kirchen, ein Mauerturm, der hohe Rathausgiebel
lachten aus dem Gewirre der Häuser, Gassen und Gärten herüber. Daß ich den humoristischen Zwiebelturm einmal mit Rührung und klopfendem Herzen
begrüßen würde, hätte ich damals nicht gedacht. Er schielte mich mit seinem
heimlichen Kupferglanz behaglich an, als kenne er mich noch und als habe er
schon ganz andere Ausreißer und Weltstürmer als bescheidene und stille Leute
heimkommen sehen.
Noch sah ich die unvermeidlichen Veränderungen, Neubauten und
Vorstadtstraßen nicht, alles sah aus wie vorzeiten, und mich überfiel beim
Anblick die Erinnerung wie ein heißer Südsturm. Unter diesen Türmen und
Dächern hatte ich die märchenhafte Jugendzeit gelebt, sehnsuchtsvolle Tage und
Nächte, wunderbare schwermütige Frühlinge und lange, in der schlecht
geheizten Mansarde verträumte Winter. In diesen Gartensträßchen war ich nachts
in Liebeszeiten brennend und verzweifelnd umhergewandert, den heißen Kopf
voll von abenteuerlichen Plänen. Und hier war ich glücklich gewesen wie ein
Seliger über den Gruß eines Mädchens und über die ersten schüchternen
Gespräche und Küsse unserer Liebe.
„Ja, es zieht sich noch,“ sagte der Kaufmann, „aber in zehn Minuten sind wir
daheim.“
Daheim! dachte ich. Du hast gut reden.
Garten um Garten, Bild um Bild glitt an mir vorüber, Dinge, an die ich nie
mehr gedacht hatte und die mich nun empfingen, als sei ich nur für Stunden
fortgewesen. Ich hielt es nimmer im Wagen aus.
„Bitte halten Sie einen Augenblick, ich gehe von hier vollends zu Fuß hinein.“
Etwas erstaunt zog er die Zügel an und ließ mich absteigen. Ich hatte ihm
schon gedankt und die Hand gedrückt und wollte gehen, da hustete er und sagte:
„Vielleicht sehen wir uns noch, wenn Sie im Schwäbischen Hof wohnen wollen.
Darf ich um Ihren Namen bitten?“
Zugleich stellte er sich vor. Er hieß Herschel und war, ich konnte nicht
zweifeln, Julies Mann.
Ich hätte ihn am liebsten erschlagen, doch nannte ich meinen Namen, zog den
Hut und ließ ihn weiterfahren. Also das war Herr Herschel. Ein angenehmer
Mann, und wohlhabend. Wenn ich an Julie dachte, was für ein stolzes und
prächtiges Mädchen sie gewesen war und wie sie meine damaligen phantastisch
kühnen Ansichten und Lebenspläne verstanden und geteilt hatte, dann würgte es
mich im Halse. Mein Zorn war augenblicks verflogen. Gedankenlos in tiefer,
hilfloser Traurigkeit ging ich durch die alte, kahle Kastanienallee in das
Städtchen hinein.
Im Gasthaus war gegen früher alles ein wenig feiner und modern geworden,
es gab sogar ein Billard und vernickelte Serviettenbehälter, die wie Globusse
aussahen. Der Wirt war noch derselbe, Küche und Keller waren einfach und gut geblieben. Im alten Hof stand noch der schlanke Ahornbaum und lief noch der