Diesseits, Erzählungen

Hermann Hesse · Kapitel 12 von 14

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Diesseits, Erzählungen

Ilgenberg

Mein Weg führte am Rand des Waldes weiter, der hier die Wetterseite hatte,

und ich fand meine Kurzweil an den kühnen, bedeutungsvoll grotesken Formen

der Stämme, Äste und Wurzeln. Nichts kann die Phantasie stärker und inniger

beschäftigen. Zuerst herrschen meistens komische Eindrücke vor: Fratzen,

Spottgestalten, und Karikaturen bekannter Gesichter werden in

Wurzelverschlingungen, Erdspalten, Astgebilden, Laubmassen erkennbar. Dann

ist das Auge geschärft und sieht, ohne zu suchen, ganze Heere von wunderlichen

Formen. Das Komische verschwindet, denn alle diese Gebilde stehen so

entschlossen, keck und unverrückbar da, daß ihre schweigende Schar bald

Gesetzmäßigkeit und ernste Notwendigkeit verkündet. Und endlich werden sie

unheimlich und anklagend. Es ist nicht anders, der wandelbare und

maskentragende Mensch erschrickt, sobald er ernsthaft zusieht, vor den Zügen

jedes natürlich Gewachsenen. Denselben Eindruck wie vor den Formen des

Gesteins und der Bäume hatte ich einst vor einigen Photographieen von

Indianern, deren gewaltige, furchtbare Gesichter Züge wie von Holz oder Eisen

hatten — vielleicht auch Masken, aber unveränderliche.

Es ist lustig, im Umrisse eines Berggipfels ein Gesichtsprofil zu entdecken

und in einem Felsen die Figur eines Tieres. Aber wer nie anders als so betrachtet,

wer nie übers Zufällige hinaus die natürlich entstandenen Formen vergleicht und

sieht, wem diese Formen nie zu ergreifenden Gebärden, zu stummer Sprache, zu

gefesselter Kraft und Leidenschaft werden, der ist ein Tropf, und und es gibt

nichts Ärgerlicheres, als eine Strecke weit mit so einem wandern zu müssen.

 

Ilgenberg

 

Das Dorf, das ich nach zwei Stunden auf Fußwegen erreichte, hieß

Schluchtersingen und war mir von einem früheren Besuche her bekannt. Als ich

durch die Dorfgasse schritt, sah ich vor einem neugebauten Gasthof einen

Wagen stehen und erkannte sofort das Gefährt des Kaufmanns aus Ilgenberg und

sein kleines, sonderbar geflecktes Pferd.

Er selber trat gerade aus der Türe, um wieder einzusteigen, als er mich

daherkommen sah. Sogleich grüßte er lebhaft und winkte mir zu.

„Ich habe hier noch Geschäfte gehabt, fahre jetzt aber direkt nach Ilgenberg.

Wollen Sie nicht mitkommen? Das heißt, wenn Sie nicht lieber zu Fuß gehen.“

Er sah so gutmütig aus und mein Verlangen nach dem Ziel meiner Reise war

allmählich so gespannt, daß ich annahm und einstieg. Er gab dem Hausknecht

ein Trinkgeld, nahm die Zügel und fuhr los. Der Wagen lief gar leicht und bequem auf der guten, harten Straße und mir tat nach tagelangem Fußgängertum

das herrschaftliche Gefühl des Fahrens wohl.

Wohl tat mir auch, daß der Kaufmann keine Versuche machte mich

auszufragen. Ich wäre sonst sogleich wieder ausgestiegen. Er fragte nur, ob ich

auf einer Erholungsreise sei und ob ich die Gegend schon kenne.

„Wo steigt man denn jetzt in Ilgenberg am besten ab?“ fragte ich. „Früher war

der Hirschen gut; der Besitzer hieß Böliger.“

„Der lebt nimmer. Die Wirtschaft hat jetzt ein Fremder, ein Bayer, und sie soll

zurückgegangen sein. Doch will ich das nicht beschwören, ich hab’s vom

Hörensagen.“

„Und wie ist’s mit dem Schwäbischen Hof? Da war seinerzeit einer namens

Schuster drauf.“

„Der ist noch da, und das Haus gilt für gut.“

„Dann will ich dort einkehren.“

Mehrmals machte mein Begleiter Miene, sich mir vorzustellen, doch ließ ich

es nicht dazu kommen. So fuhren wir durch den lichten, farbigen Tag.

„Es geht so doch ringer als zu Fuß,“ meinte der Ilgenberger.

„Das wohl, ja. Ein Freund von mir, ein Basler, hat das auch herausgefunden.

Er schwärmt für Fußtouren, aber im zweiten oder dritten Dorf nimmt er jedesmal

einen Einspänner und steigt dann erst kurz vor der Stadt wieder ab.“

„Die Art kenn ich, ja. Aber zu Fuß ist es gesünder.“

„Wenn man gute Stiefel hat. Übrigens ist Ihr Gaul ein lustiger Patron, mit

seinen Flecken.“

Er seufzte ein wenig und lachte dann.

„Fällt’s Ihnen auch auf? Freilich, die Flecken sind gespäßig. In der Stadt

haben sie ihn mir ‚die Kuh‘ getauft, und man soll die Leute spotten lassen, aber

es ärgert mich doch.“

„Gehalten ist das Tier gut.“

„Nicht wahr? Es geht ihm nichts ab. Sehen Sie, ich hab’ das Rößlein gern.

Jetzt spitzt es schon die Ohren, weil wir von ihm reden. Es ist sieben Jahr alt.“

In der letzten Stunde redeten wir wenig mehr. Mein Begleiter schien ermüdet,

und mir nahm der Anblick der mit jedem Schritt vertrauter werdenden Gegend

alle Gedanken gefangen. Ein bangköstliches Gefühl, Orte der Jugendzeit

wiederzusehen! Erinnerungen blitzen in verwirrender Menge auf, man lebt ganze

Entwicklungen in traumhafter Sekundeneile wieder durch, unwiederbringlich

Verlorenes blickt uns heimatlich und schmerzlich an.

Eine schwache Erhöhung über die unser Wagen im Trabe lief, öffnete den

Blick auf die Stadt. Zwei Kirchen, ein Mauerturm, der hohe Rathausgiebel

lachten aus dem Gewirre der Häuser, Gassen und Gärten herüber. Daß ich den humoristischen Zwiebelturm einmal mit Rührung und klopfendem Herzen

begrüßen würde, hätte ich damals nicht gedacht. Er schielte mich mit seinem

heimlichen Kupferglanz behaglich an, als kenne er mich noch und als habe er

schon ganz andere Ausreißer und Weltstürmer als bescheidene und stille Leute

heimkommen sehen.

Noch sah ich die unvermeidlichen Veränderungen, Neubauten und

Vorstadtstraßen nicht, alles sah aus wie vorzeiten, und mich überfiel beim

Anblick die Erinnerung wie ein heißer Südsturm. Unter diesen Türmen und

Dächern hatte ich die märchenhafte Jugendzeit gelebt, sehnsuchtsvolle Tage und

Nächte, wunderbare schwermütige Frühlinge und lange, in der schlecht

geheizten Mansarde verträumte Winter. In diesen Gartensträßchen war ich nachts

in Liebeszeiten brennend und verzweifelnd umhergewandert, den heißen Kopf

voll von abenteuerlichen Plänen. Und hier war ich glücklich gewesen wie ein

Seliger über den Gruß eines Mädchens und über die ersten schüchternen

Gespräche und Küsse unserer Liebe.

„Ja, es zieht sich noch,“ sagte der Kaufmann, „aber in zehn Minuten sind wir

daheim.“

Daheim! dachte ich. Du hast gut reden.

Garten um Garten, Bild um Bild glitt an mir vorüber, Dinge, an die ich nie

mehr gedacht hatte und die mich nun empfingen, als sei ich nur für Stunden

fortgewesen. Ich hielt es nimmer im Wagen aus.

„Bitte halten Sie einen Augenblick, ich gehe von hier vollends zu Fuß hinein.“

Etwas erstaunt zog er die Zügel an und ließ mich absteigen. Ich hatte ihm

schon gedankt und die Hand gedrückt und wollte gehen, da hustete er und sagte:

„Vielleicht sehen wir uns noch, wenn Sie im Schwäbischen Hof wohnen wollen.

Darf ich um Ihren Namen bitten?“

Zugleich stellte er sich vor. Er hieß Herschel und war, ich konnte nicht

zweifeln, Julies Mann.

Ich hätte ihn am liebsten erschlagen, doch nannte ich meinen Namen, zog den

Hut und ließ ihn weiterfahren. Also das war Herr Herschel. Ein angenehmer

Mann, und wohlhabend. Wenn ich an Julie dachte, was für ein stolzes und

prächtiges Mädchen sie gewesen war und wie sie meine damaligen phantastisch

kühnen Ansichten und Lebenspläne verstanden und geteilt hatte, dann würgte es

mich im Halse. Mein Zorn war augenblicks verflogen. Gedankenlos in tiefer,

hilfloser Traurigkeit ging ich durch die alte, kahle Kastanienallee in das

Städtchen hinein.

Im Gasthaus war gegen früher alles ein wenig feiner und modern geworden,

es gab sogar ein Billard und vernickelte Serviettenbehälter, die wie Globusse

aussahen. Der Wirt war noch derselbe, Küche und Keller waren einfach und gut geblieben. Im alten Hof stand noch der schlanke Ahornbaum und lief noch der