Diesseits, Erzählungen
Morgengang
Halb ausgekleidet und mit meinem Mantel zugedeckt lag ich am Ofen, der
noch wohlig wärmte, und dachte an die braune Agathe. Ein Vers aus einem alten
frommen Liede, das ich in Kinderzeiten oft mit meiner Mutter gesungen hatte,
fiel mir ein:
Schön sind die Blumen,
schöner sind die Menschen
in der schönen Jugendzeit — — —
So eine war Agathe, schöner als Blumen, und doch mit ihnen verwandt. Es gibt
überall, in allen Ländern, einzelne solche Schönheiten, doch sind sie nicht allzu
häufig, und so oft ich eine sah, hat es mir wohlgetan. Sie sind wie große Kinder,
so scheu wie zutraulich, und haben in ihren ungetrübten Augen den unbewußt
seligen Blick eines schönen Tieres oder einer Waldquelle. Man sieht sie an und
hat sie lieb, ohne ihrer zu begehren, und während man sie ansieht, will es einem
wehetun, daß diese feinen Bilder der Jugend und Menschenblüte auch einmal
altern und vergehen müssen.
Bald schlief ich ein, und es mag von der Ofenwärme gekommen sein, daß mir
träumte, ich liege am Felsgestade einer südlichen Insel, spüre die heiße Sonne
auf meinen Rücken brennen und sähe einem braunen Mädchen zu, das allein in
einer Barke seewärts ruderte und langsam ferner und kleiner wurde.
Morgengang
Erst als der Ofen erkaltet war und mir die Füße starr wurden, wachte ich
frierend auf, und da war es auch schon Morgen und nebenzu in der Küche hörte
ich jemand den Herd anheizen. Draußen lag, zum ersten Mal in diesem Herbst,
ein dünner Reif auf den Wiesen. Ich war vom harten Liegen steif und
mitgenommen, aber gut ausgeschlafen. In der Küche, wo die alte Magd mich
begrüßte, wusch ich mich am Wasserstein und bürstete meine Kleider aus, die
gestern bei dem windigen Wetter sehr staubig geworden waren.
Kaum saß ich in der Stube beim heißen Kaffee, da kam der Gast aus der Stadt
herein, grüßte höflich und setzte sich zu mir an den Tisch, wo schon für ihn
gedeckt war. Er tat aus einer flachen Reiseflasche ein wenig alten Kirschgeist in
seine Tasse und bot auch mir davon an.
„Danke,“ sagte ich, „ich trinke keinen Schnaps.“
„Wirklich? Sehen Sie, ich muß es tun, weil ich die Milch sonst nicht vertragen
kann, leider. Jeder hat ja so seinen Bresten.“
„Na, wenn Ihnen sonst nichts fehlt, dürfen Sie nicht klagen.“
„Gewiß, ja. Ich klage auch nicht. Es liegt mir fern — —“
Er gehörte zu den Leuten, denen es ein Bedürfnis ist, sich recht oft ohne
Ursache zu entschuldigen. Zwar weiß ich, daß diese Art von Narren leicht lästig
wird und daß ihre Bescheidenheit, sobald sie irgendwie zu Courage kommen, ins
Gegenteil umschlägt, doch sind sie immerhin amüsant und ich habe sie nicht
ungern. Im übrigen machte er einen anständigen Eindruck, etwas zu höflich, aber
intelligent und offen. Gekleidet war er kleinstädtisch, sehr solid und sauber, aber
schwerfällig.
Auch er musterte mich, und da er mich in Kniehosen sah, fragte er, ob ich auf
dem Veloziped gekommen sei.
„Nein, zu Fuß.“
„So so. Eine Fußtour, ich verstehe. Ja, der Sport ist eine schöne Sache, wenn
man Zeit hat.“
„Sie haben Holz gekauft?“
„O, eine Kleinigkeit, nur für den eigenen Bedarf.“
„Ich dachte, Sie wären Holzhändler.“
„Nein, doch nicht. Ich habe ein Tuchgeschäft. Das heißt einen Tuchladen,
wissen Sie.“
Wir aßen Butterbrot zum Kaffee, und während er sich Butter nahm, fielen mir
seine wohlgebildeten langen und schmalen Hände auf.
Den Weg nach Ilgenberg schätzte er auf sechs Stunden. Er hatte seinen Wagen
da und lud mich freundlich zum Mitfahren ein, doch nahm ich nicht an. Ich
fragte nach Fußwegen und bekam leidliche Auskunft. Dann rief ich die Wirtin
und zahlte meine kleine Zeche, steckte Brot in die Tasche, sagte dem Kaufmann
Adieu und ging die Treppe hinab und durch die gepflasterte Flur in den kalten
Morgen hinaus.
Vor dem Hause stand des Tuchhändlers Gefährt, eine leichte zweisitzige
Kutsche, und eben zog ein Knecht den Gaul aus dem Stall, ein kleines fettes
Rößlein, das weiß und rötlich wie eine Kuh gefleckt war.
Der Weg führte talaufwärts, eine Strecke den Bach entlang, dann ansteigend
gegen die Waldhöhen. Indem ich allein dahin marschierte, fiel mir ein, daß ich
im Grunde alle meine Wege so einsam gemacht habe, und nicht nur die
Spaziergänge, sondern alle Schritte meines Lebens. Freunde und Verwandte,
gute Bekannte und Liebschaften waren ja immer dabei, aber sie umfaßten mich
nie, erfüllten mich nie, rissen mich nie in andere Bahnen als die ich selber
einschlug. Vielleicht ist jedem Menschen, er sei wie er wolle, wie einem
geschleuderten Ball seine Wurfbahn vorgezeichnet und er folgt einer längst
bestimmten Linie, während er das Schicksal zu zwingen oder zu hänseln meint. Jedenfalls aber ruht das „Schicksal“ in uns und nicht außer uns, und damit
bekommt die Oberfläche des Lebens, das sichtbare Geschehen, eine gewisse
Unwichtigkeit, etwas ergötzlich Spielzeughaftes, dessen Anblick einen stillen
Zuschauer sein Leben lang angenehm beschäftigen kann. Was man gewöhnlich
schwer nimmt und gar tragisch nennt, wird dann oft zur Bagatelle. Und
dieselben Leute, die vor dem Anschein des Tragischen in die Kniee sinken,
leiden und gehen unter an Dingen, die sie nie beachtet haben.
Ich dachte: Was treibt mich jetzt, mich freien Mann, nach dem Städtlein
Ilgenberg, wo Häuser und Menschen mich nichts mehr angehen und wo ich
kaum anderes als Enttäuschung und vielleicht Leid zu finden hoffen kann? Und
ich sah mir selber verwundert zu, wie ich ging und ging und zwischen Humor
und Bangigkeit hin und wider schwankte.
Es war ein schöner Morgen, die herbstliche Erde und Luft vom ersten
Winterduft gestreift, dessen herbe Klarheit mit dem Steigen des Tages abnahm.
Große Starenzüge strichen in schöner keilförmiger Ordnung mit lautem
Schwirren über die Felder. Im Tale zog langsam die Herde eines Wanderschäfers
hin, und mit ihrem leichten Staube vermischte sich der dünne blaue Rauch aus
des Schäfers Pfeife. Das alles samt den Bergzügen, farbigen Waldrücken und
weidenbestandenen Bachläufen stand in der glasklaren Luft frisch wie ein
gemaltes Bild, und die ergreifende Schönheit der Erde redete ihre leise,
sehnsüchtige Sprache, unbekümmert wer sie höre.
Das ist mir immer wieder sonderbar, unbegreiflich und hinreißender als alle
Fragen und Taten des Tages und Menschengeistes: wie ein Berg sich in den
Himmel reckt und wie die Lüfte lautlos in einem Tale ruhen, wie gelbe
Birkenblätter vom Zweige gleiten und Vogelzüge durch die Bläue fahren. Da
greift einem das ewig Rätselhafte so beschämend und so süß ans Herz, daß man
allen Hochmut ablegt, mit dem man sonst über das Unerklärliche redet, und daß
man doch nicht erliegt, sondern alles dankbar annimmt und sich bescheiden und
stolz als Gast des Weltalls fühlt.
Am Saume des Waldes flog mit lautklatschendem Flügelschlagen ein
Wildhuhn vor mir aus dem Unterholz. Braune Brombeerblätter an langen
Ranken hingen über den Weg herein, und auf jedem Blatte lag seidig der
durchsichtig dünne Reif, silbrig flimmernd wie die feinen Härchen auf einem
Stück Sammet. Wenn einem Maler oder Kunststicker oder Keramiker eine halbe
Nachahmung solcher Töne gelingt, so reißt man in der Stadt die Augen auf.
Als ich nach längerem Steigen im Walde eine Höhe und eine aussichtsreiche
freie Halde erreichte, kannte ich mich bald wieder in der Landschaft aus. Den
Namen des Dörfleins, in dem ich genächtigt hatte, wußte ich aber nicht und habe
auch nicht nach ihm gefragt.