Diesseits, Erzählungen

Hermann Hesse · Kapitel 11 von 14

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Diesseits, Erzählungen

Morgengang

Halb ausgekleidet und mit meinem Mantel zugedeckt lag ich am Ofen, der

noch wohlig wärmte, und dachte an die braune Agathe. Ein Vers aus einem alten

frommen Liede, das ich in Kinderzeiten oft mit meiner Mutter gesungen hatte,

fiel mir ein:

 

Schön sind die Blumen,

schöner sind die Menschen

in der schönen Jugendzeit — — —

 

So eine war Agathe, schöner als Blumen, und doch mit ihnen verwandt. Es gibt

überall, in allen Ländern, einzelne solche Schönheiten, doch sind sie nicht allzu

häufig, und so oft ich eine sah, hat es mir wohlgetan. Sie sind wie große Kinder,

so scheu wie zutraulich, und haben in ihren ungetrübten Augen den unbewußt

seligen Blick eines schönen Tieres oder einer Waldquelle. Man sieht sie an und

hat sie lieb, ohne ihrer zu begehren, und während man sie ansieht, will es einem

wehetun, daß diese feinen Bilder der Jugend und Menschenblüte auch einmal

altern und vergehen müssen.

Bald schlief ich ein, und es mag von der Ofenwärme gekommen sein, daß mir

träumte, ich liege am Felsgestade einer südlichen Insel, spüre die heiße Sonne

auf meinen Rücken brennen und sähe einem braunen Mädchen zu, das allein in

einer Barke seewärts ruderte und langsam ferner und kleiner wurde.

 

Morgengang

 

Erst als der Ofen erkaltet war und mir die Füße starr wurden, wachte ich

frierend auf, und da war es auch schon Morgen und nebenzu in der Küche hörte

ich jemand den Herd anheizen. Draußen lag, zum ersten Mal in diesem Herbst,

ein dünner Reif auf den Wiesen. Ich war vom harten Liegen steif und

mitgenommen, aber gut ausgeschlafen. In der Küche, wo die alte Magd mich

begrüßte, wusch ich mich am Wasserstein und bürstete meine Kleider aus, die

gestern bei dem windigen Wetter sehr staubig geworden waren.

Kaum saß ich in der Stube beim heißen Kaffee, da kam der Gast aus der Stadt

herein, grüßte höflich und setzte sich zu mir an den Tisch, wo schon für ihn

gedeckt war. Er tat aus einer flachen Reiseflasche ein wenig alten Kirschgeist in

seine Tasse und bot auch mir davon an.

„Danke,“ sagte ich, „ich trinke keinen Schnaps.“

„Wirklich? Sehen Sie, ich muß es tun, weil ich die Milch sonst nicht vertragen

kann, leider. Jeder hat ja so seinen Bresten.“

„Na, wenn Ihnen sonst nichts fehlt, dürfen Sie nicht klagen.“

„Gewiß, ja. Ich klage auch nicht. Es liegt mir fern — —“

Er gehörte zu den Leuten, denen es ein Bedürfnis ist, sich recht oft ohne

Ursache zu entschuldigen. Zwar weiß ich, daß diese Art von Narren leicht lästig

wird und daß ihre Bescheidenheit, sobald sie irgendwie zu Courage kommen, ins

Gegenteil umschlägt, doch sind sie immerhin amüsant und ich habe sie nicht

ungern. Im übrigen machte er einen anständigen Eindruck, etwas zu höflich, aber

intelligent und offen. Gekleidet war er kleinstädtisch, sehr solid und sauber, aber

schwerfällig.

Auch er musterte mich, und da er mich in Kniehosen sah, fragte er, ob ich auf

dem Veloziped gekommen sei.

„Nein, zu Fuß.“

„So so. Eine Fußtour, ich verstehe. Ja, der Sport ist eine schöne Sache, wenn

man Zeit hat.“

„Sie haben Holz gekauft?“

„O, eine Kleinigkeit, nur für den eigenen Bedarf.“

„Ich dachte, Sie wären Holzhändler.“

„Nein, doch nicht. Ich habe ein Tuchgeschäft. Das heißt einen Tuchladen,

wissen Sie.“

Wir aßen Butterbrot zum Kaffee, und während er sich Butter nahm, fielen mir

seine wohlgebildeten langen und schmalen Hände auf.

Den Weg nach Ilgenberg schätzte er auf sechs Stunden. Er hatte seinen Wagen

da und lud mich freundlich zum Mitfahren ein, doch nahm ich nicht an. Ich

fragte nach Fußwegen und bekam leidliche Auskunft. Dann rief ich die Wirtin

und zahlte meine kleine Zeche, steckte Brot in die Tasche, sagte dem Kaufmann

Adieu und ging die Treppe hinab und durch die gepflasterte Flur in den kalten

Morgen hinaus.

Vor dem Hause stand des Tuchhändlers Gefährt, eine leichte zweisitzige

Kutsche, und eben zog ein Knecht den Gaul aus dem Stall, ein kleines fettes

Rößlein, das weiß und rötlich wie eine Kuh gefleckt war.

Der Weg führte talaufwärts, eine Strecke den Bach entlang, dann ansteigend

gegen die Waldhöhen. Indem ich allein dahin marschierte, fiel mir ein, daß ich

im Grunde alle meine Wege so einsam gemacht habe, und nicht nur die

Spaziergänge, sondern alle Schritte meines Lebens. Freunde und Verwandte,

gute Bekannte und Liebschaften waren ja immer dabei, aber sie umfaßten mich

nie, erfüllten mich nie, rissen mich nie in andere Bahnen als die ich selber

einschlug. Vielleicht ist jedem Menschen, er sei wie er wolle, wie einem

geschleuderten Ball seine Wurfbahn vorgezeichnet und er folgt einer längst

bestimmten Linie, während er das Schicksal zu zwingen oder zu hänseln meint. Jedenfalls aber ruht das „Schicksal“ in uns und nicht außer uns, und damit

bekommt die Oberfläche des Lebens, das sichtbare Geschehen, eine gewisse

Unwichtigkeit, etwas ergötzlich Spielzeughaftes, dessen Anblick einen stillen

Zuschauer sein Leben lang angenehm beschäftigen kann. Was man gewöhnlich

schwer nimmt und gar tragisch nennt, wird dann oft zur Bagatelle. Und

dieselben Leute, die vor dem Anschein des Tragischen in die Kniee sinken,

leiden und gehen unter an Dingen, die sie nie beachtet haben.

Ich dachte: Was treibt mich jetzt, mich freien Mann, nach dem Städtlein

Ilgenberg, wo Häuser und Menschen mich nichts mehr angehen und wo ich

kaum anderes als Enttäuschung und vielleicht Leid zu finden hoffen kann? Und

ich sah mir selber verwundert zu, wie ich ging und ging und zwischen Humor

und Bangigkeit hin und wider schwankte.

Es war ein schöner Morgen, die herbstliche Erde und Luft vom ersten

Winterduft gestreift, dessen herbe Klarheit mit dem Steigen des Tages abnahm.

Große Starenzüge strichen in schöner keilförmiger Ordnung mit lautem

Schwirren über die Felder. Im Tale zog langsam die Herde eines Wanderschäfers

hin, und mit ihrem leichten Staube vermischte sich der dünne blaue Rauch aus

des Schäfers Pfeife. Das alles samt den Bergzügen, farbigen Waldrücken und

weidenbestandenen Bachläufen stand in der glasklaren Luft frisch wie ein

gemaltes Bild, und die ergreifende Schönheit der Erde redete ihre leise,

sehnsüchtige Sprache, unbekümmert wer sie höre.

Das ist mir immer wieder sonderbar, unbegreiflich und hinreißender als alle

Fragen und Taten des Tages und Menschengeistes: wie ein Berg sich in den

Himmel reckt und wie die Lüfte lautlos in einem Tale ruhen, wie gelbe

Birkenblätter vom Zweige gleiten und Vogelzüge durch die Bläue fahren. Da

greift einem das ewig Rätselhafte so beschämend und so süß ans Herz, daß man

allen Hochmut ablegt, mit dem man sonst über das Unerklärliche redet, und daß

man doch nicht erliegt, sondern alles dankbar annimmt und sich bescheiden und

stolz als Gast des Weltalls fühlt.

Am Saume des Waldes flog mit lautklatschendem Flügelschlagen ein

Wildhuhn vor mir aus dem Unterholz. Braune Brombeerblätter an langen

Ranken hingen über den Weg herein, und auf jedem Blatte lag seidig der

durchsichtig dünne Reif, silbrig flimmernd wie die feinen Härchen auf einem

Stück Sammet. Wenn einem Maler oder Kunststicker oder Keramiker eine halbe

Nachahmung solcher Töne gelingt, so reißt man in der Stadt die Augen auf.

Als ich nach längerem Steigen im Walde eine Höhe und eine aussichtsreiche

freie Halde erreichte, kannte ich mich bald wieder in der Landschaft aus. Den

Namen des Dörfleins, in dem ich genächtigt hatte, wußte ich aber nicht und habe

auch nicht nach ihm gefragt.