Diesseits, Erzählungen

Hermann Hesse · Kapitel 10 von 14

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Diesseits, Erzählungen

Das stille Dorf

 

Zwei Stunden später am Abend hatte ich mich, nach langem sorglosem

Schlendern, in einem Gewimmel schmaler, finsterer Waldwege verlaufen und

suchte, je dunkler und kühler es wurde, desto ungeduldiger nach einem Ausgang.

Mich geradeaus durch den Laubwald zu schlagen ging nicht an, der Wald war

dicht und der Boden stellenweise sumpfig, auch wurde es allmählich

stockfinster.

Stolpernd und müde tastete ich in der wunderlichen Aufregung des

nächtlichen Verirrtseins weiter. Häufig blieb ich stehen, um zu rufen und dann

lang zu lauschen. Es blieb alles still, und die kühle Feierlichkeit und dichte

Schwärze des lautlosen Waldinnern umgab mich von allen Seiten, wie Vorhänge

von dickem Sammet. So töricht und eitel es war, machte mir doch der Gedanke

Freude, daß ich um ein Wiedersehen mit einer fast vergessenen Geliebten in dem

fremd gewordenen Lande mich durch Wald und Nacht und Kälte schlage. Ich

fing leise meine alten Liebeslieder zu singen an:

 

Mein Blick erstaunt und muß sich senken,

mein Herz schließt alle Tore zu,

dem Wunder heimlich nachzudenken —

so schön bist du!

 

Dazu war ich durch Länder gewandert und hatte mir in langen Kämpfen den

Leib — und die Seele voll Narben geholt, um nun die alten dummen Verse zu

singen und den Schatten lang verblaßter Knabentorheiten nachzulaufen! Aber es

machte mir nicht wenig Freude, und während ich mühsam den gewundenen Pfad

verfolgte, sang ich weiter, dichtete und phantasierte, bis ich müde ward und stille

weiterlief. Suchend tastete ich an dicke Buchenstämme, die von Efeuästen

umklammert waren und deren Zweige und Wipfel unsichtbar im Finstern

schwammen. So ging es noch eine halbe Stunde und ich begann endlich

kleinlaut zu werden. Da erlebte ich etwas unvergeßlich Köstliches.

Urplötzlich war der Wald zu Ende und ich stand zwischen den letzten

Stämmen hoch an einer steilen Bergwand, und unter mir schlief ein weites

Waldtal in der Nachtbläue, und mitten darin zu meinen Füßen lag still und

heimlich mit sechs, sieben kleinen rotleuchtenden Fenstern ein Dörflein. Die

niederen Häuser, von denen ich fast nur die breiten, leise schimmernden

Schindeldächer sah, lehnten sich eng aneinander, in einer leichten Biegung, und

zwischen ihnen lief schmal und dunkel die schattige Gasse, und an ihrem Ende

stand ein großer Dorfbrunnen. Weiter oben, am halben Berge gegenüber, lag

allein zwischen vielen dämmernden Kirchhofkreuzen die Kapelle. In ihrer Nähe lief auf einem steilen Hügelwege bergan ein Mann mit einer Laterne. Und

drunten im Dörflein, in irgend einem Hause, sangen ein paar Mädchen mit

kräftigen, hellen Stimmen ein Lied.

Ich wußte nicht, wo ich war und wie das Dorf heiße, und ich nahm mir vor,

auch nicht danach zu fragen.

Mein bisheriger Weg verlor sich am Waldrande bergaufwärts, so stieg ich

behutsam ohne Pfad durch steile Weiden hinab, dem Dorf entgegen. Ich geriet in

Gärten und auf schmale Steinstaffeln, fiel über eine Stützmauer und mußte

schließlich einen Zaun überklettern und durch den seichten Bach springen, dann

aber war ich im Dorfe und trat am ersten Gehöfte vorbei in die krumme,

schlafende Gasse. Bald fand ich das Wirtshaus, das hieß zum Ochsen, und war

noch nicht geschlossen.

Das Erdgeschoß war still und dunkel, aus der gepflasterten Flur führte eine

alte verschwenderisch gebaute Treppe mit bauchigen Geländersäulen, von einer

am Strick aufgehängten Laterne erleuchtet, empor in einen Fliesengang und zur

Gästestube. Diese war reichlich groß, und der von einer Hängelampe

beschienene Tisch beim Ofen, an dem drei Bauern vor ihren Weingläsern saßen,

lag wie eine Lichtinsel in dem halbdunkeln, großen Raum.

Der Ofen war geheizt, ein würfelförmiges Gebäude mit dunkelgrünen

Kacheln; in den Kacheln spiegelte freudig warm das matte Lampenlicht, unterm

Ofen lag ein schwarzer Hund und schlief. Die Wirtin sagte Grüß Gott, als ich

hereinkam, und einer von den Bauern schaute prüfend her.

„Was ist das für einer?“ fragte er zweifelnd.

„Weiß nicht,“ sagte die Wirtin.

Ich setzte mich an den Tisch, grüßte und ließ Wein kommen. Es gab nur

Heurigen, einen hellroten jungen Most, der schon stark im Reißen war und mir

prächtig warm machte. Dann fragte ich nach einem Nachtlager.

„Das ist so eine Sache,“ meinte die Frau und zuckte die Achseln. „Wir haben

schon ein Zimmer, freilich, aber da ist gerade heut ein Herr drin. Es wäre auch

ein zweites Bett in der Stube, aber der Herr schläft schon. Wenn Sie hinaufgehen

und mit ihm reden wollen —?“

„Nicht gern. Und sonst gibt’s keinen Platz?“

„Platz schon, aber kein Bett mehr.“

„Und wenn ich mich da zum Ofen lege?“

„Ja, wenn Sie das wollen, freilich. Ich geb Ihnen dann eine Decke und wir

legen ein paar Scheiter nach, so müssen Sie nicht frieren.“

Nun ließ ich mir Eier kochen und eine Wurst geben, und während des Essens

fragte ich, wie weit ich noch von meinem Reiseziel sei.

„Sagen Sie, wie lang geht man von hier nach Ilgenberg?“

„Fünf Stunden. Der Herr droben, der die Stube hat, will morgen auch wieder

hinüber. Er ist dort daheim.“

„So so. Und was treibt er denn hier?“

„Holz kaufen. Er kommt jedes Jahr.“

Die drei Bauern mischten sich nicht in unser Gespräch. Es waren, dachte ich

mir, die Waldbesitzer und Fuhrleute, mit denen der Ilgenberger Händler den

Holzkauf abgeschlossen hatte. Mich hielten sie offenbar für einen

Geschäftemacher oder Beamten und trauten mir nicht. So ließ ich sie auch in

Ruhe.

Kaum hatte ich gegessen und lehnte mich im Sessel zurecht, da fing der

Mädchengesang von vorher plötzlich wieder an, ganz laut und nahe. Sie sangen

das Lied von der schönen Gärtnersfrau, und beim dritten Vers stand ich auf und

ging an die Küchentür und klinkte leise auf. Da saßen zwei junge Dirnen und

eine ältere Magd am weißen tannenen Tisch bei einem Kerzenstumpen, hatten

einen Berg Bohnen zum Ausschoten vor sich und sangen während der leichten

Feierabendbeschäftigung. Wie die ältere aussah, weiß ich nicht mehr. Aber von

den jungen war die eine rötlichblond, breit und blühend, und die zweite war eine

schöne Braune mit ernstem Gesicht. Sie hatte die Zöpfe in einem sogenannten

‚Nest‘ rund um den Kopf gewunden und sang selbstvergessen mit einer hellen

Kinderstimme vor sich hin, während das sich spiegelnde Kerzenflämmlein in

ihren lieben Augen blitzte.

Als sie mich in der Tür stehen sahen, lachte die Alte, die Rötliche schnitt eine

Fratze und die Braune sah mir eine Weile ins Gesicht, dann senkte sie den Kopf,

wurde ein wenig rot und sang lauter. Sie fingen gerade einen neuen Vers an und

ich fiel mit ein, so gut und kräftig ich es vermochte. Dann holte ich meinen Wein

herüber, nahm eine dreibeinige Stabelle her und setzte mich singend mit an den

Küchentisch. Die Rotblonde schob mir eine Handvoll Bohnen zu und ich half

denn mit aushülsen.

Als alle die vielen Strophen ausgesungen waren, sahen wir einander an und

mußten lachen, was der Braunen überaus prächtig zu Gesichte stand. Ich bot ihr

mein Glas hin, doch nahm sie es nicht an.

„Sie sind aber eine Stolze,“ sagte ich betrübt. „Sind Sie denn etwa von

Stuttgart?“

„Nein. Warum von Stuttgart?“

„Weil es heißt:

 

Stuegert isch e schöne Stadt,

Stuegert lit im Tale,

wos so schöne Mädle hat,

aber so brutale.“

„Er ist ein Schwab,“ sagte die Alte zur Blonden.

„Ja, er ist einer,“ bestätigte ich. „Und Sie sind vom Oberland, wo die Schlehen

wachsen.“

„Kann sein,“ meinte sie und kicherte.

Ich sah aber immer die Braune an, und ich setzte aus Bohnen den Buchstaben

M zusammen und fragte sie, ob sie so heiße. Sie schüttelte den Kopf und ich

machte nun ein A. Da nickte sie und ich begann nun zu raten.

„Agnes?“

„Nein.“

„Anna.“

„Nichts.“

„Adelheid?“

„Auch nicht.“

Und so viel ich riet, es war alles falsch, sie aber wurde ganz fröhlich darüber

und rief schließlich: „O Sie Unvernunft!“ Als ich sie dann sehr bat, sie möchte

mir jetzt ihren Namen sagen, schämte sie sich eine kleine Zeit, dann sagte sie

schnell und leise: „Agathe“ und wurde rot dabei, wie wenn sie ein Geheimnis

preisgegeben hätte.

„Sind Sie auch ein Holzhändler?“ fragte die Blonde.

„Nein, das nicht. Seh ich denn so aus?“

„Oder ein Geometer, nicht?“

„Auch nicht. Warum soll ich Geometer sein?“

„Warum? Darum.“

„Ihr Schatz wird einer sein, gelt?“

„Mir wär’s schon recht.“

„Singen wir noch eins, zum Schluß?“ fragte die Schöne, und während die

letzten Schoten uns durch die Finger gingen, sangen wir das Lied „Steh ich in

finstrer Mitternacht“. Als das zu Ende war, standen die Mädchen auf und ich

auch.

„Gut Nacht,“ sagte ich zu jeder und gab jeder die Hand, und zu der Braunen

sagte ich: „Gut Nacht, Agathe.“

In der Wirtsstube brachen jetzt die drei Rauhbeine auf. Sie nahmen keinerlei

Notiz von mir, tranken langsam ihre Reste aus und zahlten nichts, waren also

jedenfalls für diesen Abend die Gäste des Ilgenbergers gewesen.

„Gute Nacht auch,“ sagte ich, als sie gingen, bekam aber keine Antwort und

schlug hinter den Dickköpfen die Türe kräftig zu. Gleich darauf kam die Wirtin

mit Pferdedecken und einem Bettkissen. Wir bauten aus der Ofenbank und drei

Stühlen ein leidliches Nachtlager, und zum Troste teilte die Frau mir beim

Weggehen mit, das Übernachten solle mich nichts kosten. Das war mir auch recht.