Diesseits, Erzählungen
Das stille Dorf
Zwei Stunden später am Abend hatte ich mich, nach langem sorglosem
Schlendern, in einem Gewimmel schmaler, finsterer Waldwege verlaufen und
suchte, je dunkler und kühler es wurde, desto ungeduldiger nach einem Ausgang.
Mich geradeaus durch den Laubwald zu schlagen ging nicht an, der Wald war
dicht und der Boden stellenweise sumpfig, auch wurde es allmählich
stockfinster.
Stolpernd und müde tastete ich in der wunderlichen Aufregung des
nächtlichen Verirrtseins weiter. Häufig blieb ich stehen, um zu rufen und dann
lang zu lauschen. Es blieb alles still, und die kühle Feierlichkeit und dichte
Schwärze des lautlosen Waldinnern umgab mich von allen Seiten, wie Vorhänge
von dickem Sammet. So töricht und eitel es war, machte mir doch der Gedanke
Freude, daß ich um ein Wiedersehen mit einer fast vergessenen Geliebten in dem
fremd gewordenen Lande mich durch Wald und Nacht und Kälte schlage. Ich
fing leise meine alten Liebeslieder zu singen an:
Mein Blick erstaunt und muß sich senken,
mein Herz schließt alle Tore zu,
dem Wunder heimlich nachzudenken —
so schön bist du!
Dazu war ich durch Länder gewandert und hatte mir in langen Kämpfen den
Leib — und die Seele voll Narben geholt, um nun die alten dummen Verse zu
singen und den Schatten lang verblaßter Knabentorheiten nachzulaufen! Aber es
machte mir nicht wenig Freude, und während ich mühsam den gewundenen Pfad
verfolgte, sang ich weiter, dichtete und phantasierte, bis ich müde ward und stille
weiterlief. Suchend tastete ich an dicke Buchenstämme, die von Efeuästen
umklammert waren und deren Zweige und Wipfel unsichtbar im Finstern
schwammen. So ging es noch eine halbe Stunde und ich begann endlich
kleinlaut zu werden. Da erlebte ich etwas unvergeßlich Köstliches.
Urplötzlich war der Wald zu Ende und ich stand zwischen den letzten
Stämmen hoch an einer steilen Bergwand, und unter mir schlief ein weites
Waldtal in der Nachtbläue, und mitten darin zu meinen Füßen lag still und
heimlich mit sechs, sieben kleinen rotleuchtenden Fenstern ein Dörflein. Die
niederen Häuser, von denen ich fast nur die breiten, leise schimmernden
Schindeldächer sah, lehnten sich eng aneinander, in einer leichten Biegung, und
zwischen ihnen lief schmal und dunkel die schattige Gasse, und an ihrem Ende
stand ein großer Dorfbrunnen. Weiter oben, am halben Berge gegenüber, lag
allein zwischen vielen dämmernden Kirchhofkreuzen die Kapelle. In ihrer Nähe lief auf einem steilen Hügelwege bergan ein Mann mit einer Laterne. Und
drunten im Dörflein, in irgend einem Hause, sangen ein paar Mädchen mit
kräftigen, hellen Stimmen ein Lied.
Ich wußte nicht, wo ich war und wie das Dorf heiße, und ich nahm mir vor,
auch nicht danach zu fragen.
Mein bisheriger Weg verlor sich am Waldrande bergaufwärts, so stieg ich
behutsam ohne Pfad durch steile Weiden hinab, dem Dorf entgegen. Ich geriet in
Gärten und auf schmale Steinstaffeln, fiel über eine Stützmauer und mußte
schließlich einen Zaun überklettern und durch den seichten Bach springen, dann
aber war ich im Dorfe und trat am ersten Gehöfte vorbei in die krumme,
schlafende Gasse. Bald fand ich das Wirtshaus, das hieß zum Ochsen, und war
noch nicht geschlossen.
Das Erdgeschoß war still und dunkel, aus der gepflasterten Flur führte eine
alte verschwenderisch gebaute Treppe mit bauchigen Geländersäulen, von einer
am Strick aufgehängten Laterne erleuchtet, empor in einen Fliesengang und zur
Gästestube. Diese war reichlich groß, und der von einer Hängelampe
beschienene Tisch beim Ofen, an dem drei Bauern vor ihren Weingläsern saßen,
lag wie eine Lichtinsel in dem halbdunkeln, großen Raum.
Der Ofen war geheizt, ein würfelförmiges Gebäude mit dunkelgrünen
Kacheln; in den Kacheln spiegelte freudig warm das matte Lampenlicht, unterm
Ofen lag ein schwarzer Hund und schlief. Die Wirtin sagte Grüß Gott, als ich
hereinkam, und einer von den Bauern schaute prüfend her.
„Was ist das für einer?“ fragte er zweifelnd.
„Weiß nicht,“ sagte die Wirtin.
Ich setzte mich an den Tisch, grüßte und ließ Wein kommen. Es gab nur
Heurigen, einen hellroten jungen Most, der schon stark im Reißen war und mir
prächtig warm machte. Dann fragte ich nach einem Nachtlager.
„Das ist so eine Sache,“ meinte die Frau und zuckte die Achseln. „Wir haben
schon ein Zimmer, freilich, aber da ist gerade heut ein Herr drin. Es wäre auch
ein zweites Bett in der Stube, aber der Herr schläft schon. Wenn Sie hinaufgehen
und mit ihm reden wollen —?“
„Nicht gern. Und sonst gibt’s keinen Platz?“
„Platz schon, aber kein Bett mehr.“
„Und wenn ich mich da zum Ofen lege?“
„Ja, wenn Sie das wollen, freilich. Ich geb Ihnen dann eine Decke und wir
legen ein paar Scheiter nach, so müssen Sie nicht frieren.“
Nun ließ ich mir Eier kochen und eine Wurst geben, und während des Essens
fragte ich, wie weit ich noch von meinem Reiseziel sei.
„Sagen Sie, wie lang geht man von hier nach Ilgenberg?“
„Fünf Stunden. Der Herr droben, der die Stube hat, will morgen auch wieder
hinüber. Er ist dort daheim.“
„So so. Und was treibt er denn hier?“
„Holz kaufen. Er kommt jedes Jahr.“
Die drei Bauern mischten sich nicht in unser Gespräch. Es waren, dachte ich
mir, die Waldbesitzer und Fuhrleute, mit denen der Ilgenberger Händler den
Holzkauf abgeschlossen hatte. Mich hielten sie offenbar für einen
Geschäftemacher oder Beamten und trauten mir nicht. So ließ ich sie auch in
Ruhe.
Kaum hatte ich gegessen und lehnte mich im Sessel zurecht, da fing der
Mädchengesang von vorher plötzlich wieder an, ganz laut und nahe. Sie sangen
das Lied von der schönen Gärtnersfrau, und beim dritten Vers stand ich auf und
ging an die Küchentür und klinkte leise auf. Da saßen zwei junge Dirnen und
eine ältere Magd am weißen tannenen Tisch bei einem Kerzenstumpen, hatten
einen Berg Bohnen zum Ausschoten vor sich und sangen während der leichten
Feierabendbeschäftigung. Wie die ältere aussah, weiß ich nicht mehr. Aber von
den jungen war die eine rötlichblond, breit und blühend, und die zweite war eine
schöne Braune mit ernstem Gesicht. Sie hatte die Zöpfe in einem sogenannten
‚Nest‘ rund um den Kopf gewunden und sang selbstvergessen mit einer hellen
Kinderstimme vor sich hin, während das sich spiegelnde Kerzenflämmlein in
ihren lieben Augen blitzte.
Als sie mich in der Tür stehen sahen, lachte die Alte, die Rötliche schnitt eine
Fratze und die Braune sah mir eine Weile ins Gesicht, dann senkte sie den Kopf,
wurde ein wenig rot und sang lauter. Sie fingen gerade einen neuen Vers an und
ich fiel mit ein, so gut und kräftig ich es vermochte. Dann holte ich meinen Wein
herüber, nahm eine dreibeinige Stabelle her und setzte mich singend mit an den
Küchentisch. Die Rotblonde schob mir eine Handvoll Bohnen zu und ich half
denn mit aushülsen.
Als alle die vielen Strophen ausgesungen waren, sahen wir einander an und
mußten lachen, was der Braunen überaus prächtig zu Gesichte stand. Ich bot ihr
mein Glas hin, doch nahm sie es nicht an.
„Sie sind aber eine Stolze,“ sagte ich betrübt. „Sind Sie denn etwa von
Stuttgart?“
„Nein. Warum von Stuttgart?“
„Weil es heißt:
Stuegert isch e schöne Stadt,
Stuegert lit im Tale,
wos so schöne Mädle hat,
aber so brutale.“
„Er ist ein Schwab,“ sagte die Alte zur Blonden.
„Ja, er ist einer,“ bestätigte ich. „Und Sie sind vom Oberland, wo die Schlehen
wachsen.“
„Kann sein,“ meinte sie und kicherte.
Ich sah aber immer die Braune an, und ich setzte aus Bohnen den Buchstaben
M zusammen und fragte sie, ob sie so heiße. Sie schüttelte den Kopf und ich
machte nun ein A. Da nickte sie und ich begann nun zu raten.
„Agnes?“
„Nein.“
„Anna.“
„Nichts.“
„Adelheid?“
„Auch nicht.“
Und so viel ich riet, es war alles falsch, sie aber wurde ganz fröhlich darüber
und rief schließlich: „O Sie Unvernunft!“ Als ich sie dann sehr bat, sie möchte
mir jetzt ihren Namen sagen, schämte sie sich eine kleine Zeit, dann sagte sie
schnell und leise: „Agathe“ und wurde rot dabei, wie wenn sie ein Geheimnis
preisgegeben hätte.
„Sind Sie auch ein Holzhändler?“ fragte die Blonde.
„Nein, das nicht. Seh ich denn so aus?“
„Oder ein Geometer, nicht?“
„Auch nicht. Warum soll ich Geometer sein?“
„Warum? Darum.“
„Ihr Schatz wird einer sein, gelt?“
„Mir wär’s schon recht.“
„Singen wir noch eins, zum Schluß?“ fragte die Schöne, und während die
letzten Schoten uns durch die Finger gingen, sangen wir das Lied „Steh ich in
finstrer Mitternacht“. Als das zu Ende war, standen die Mädchen auf und ich
auch.
„Gut Nacht,“ sagte ich zu jeder und gab jeder die Hand, und zu der Braunen
sagte ich: „Gut Nacht, Agathe.“
In der Wirtsstube brachen jetzt die drei Rauhbeine auf. Sie nahmen keinerlei
Notiz von mir, tranken langsam ihre Reste aus und zahlten nichts, waren also
jedenfalls für diesen Abend die Gäste des Ilgenbergers gewesen.
„Gute Nacht auch,“ sagte ich, als sie gingen, bekam aber keine Antwort und
schlug hinter den Dickköpfen die Türe kräftig zu. Gleich darauf kam die Wirtin
mit Pferdedecken und einem Bettkissen. Wir bauten aus der Ofenbank und drei
Stühlen ein leidliches Nachtlager, und zum Troste teilte die Frau mir beim
Weggehen mit, das Übernachten solle mich nichts kosten. Das war mir auch recht.