Diesseits, Erzählungen

Hermann Hesse · Kapitel 4 von 14

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Diesseits, Erzählungen

Heumond

Das Landhaus Erlenhof lag nicht weit vom Wald und Gebirge in der hohen

Ebene.

Vor dem Hause war ein großer Kiesplatz, in den die Landstraße mündete. Hier

konnten die Wagen vorfahren, wenn Besuch kam. Sonst lag der viereckige Platz

immer leer und still und schien dadurch noch größer als er war, namentlich bei

gutem Sommerwetter, wenn das blendende Sonnenlicht und die heiße Zitterluft

ihn so anfüllte, daß man nicht daran denken mochte ihn zu überschreiten.

Der Kiesplatz und die Straße trennten das Haus vom Garten. ‚Garten‘ sagte

man wenigstens, aber es war vielmehr ein mäßig großer Park, nicht sehr breit

aber tief, mit schönen stattlichen Ulmen, Ahornen und Platanen, gewundenen

Spazierwegen, einem jungen Tannendickicht und vielen Ruhebänken.

Dazwischen lagen sonnige, lichte Rasenstücke, einige leer und einige mit

Blumenrondels oder Ziersträuchern geschmückt, und in dieser heiteren, warmen

Rasenfreiheit standen allein und auffallend zwei große einzelne Bäume.

Der eine war eine Trauerweide. Um ihren Stamm lief eine schmale Lattenbank

und ringsum hingen die langen, seidig zarten, müden Zweige so tief und dicht

herab, daß es innen ein Zelt oder Tempel war, wo trotz des ewigen Schattens und

Dämmerlichtes eine stete, matte Wärme brütete.

Der andere Baum, von der Weide durch eine niedrig umzäunte Wiese getrennt,

war eine mächtige Blutbuche. Sie sah von weitem dunkelbraun und fast schwarz

aus. Wenn man jedoch näher kam oder sich unter sie stellte und emporschaute,

brannten alle Blätter der äußeren Zweige, vom Sonnenlichte durchdrungen, in

einem warmen, leisen Purpurfeuer, das mit verhaltener und feierlich gedämpfter

Glut wie in einem Kirchenfenster leuchtete. Die alte Blutbuche war die

berühmteste und merkwürdigste Schönheit des großen Gartens und man konnte

sie von überall her sehen. Sie stand allein und dunkel mitten in dem hellen

Graslande, und sie war hoch genug, daß man, wo man auch vom Park aus nach

ihr blickte, ihre runde, feste, ruhig und schön gewölbte Krone mitten im blauen

Luftraum stehen sah, und je heller und blendender die Bläue war, desto

schwärzer und feierlicher ruhte der Baumwipfel in ihr. Er konnte je nach der

Witterung und Tageszeit sehr verschieden aussehen. Oft sah man ihm an, daß er

wußte, wie schön er sei und daß er nicht ohne Grund allein und stolz weit von

den anderen Bäumen stehe. Er brüstete sich und blickte kühl über alles hinweg

in den Himmel. Oft auch sah er aber aus, als wisse er wohl, daß er der einzige

seiner Art im Garten sei und keine Brüder habe. Dann schaute er zu den übrigen,

entfernten Bäumen hinüber, suchte und hatte Sehnsucht. Morgens war er am schönsten, und auch abends bis die Sonne rot wurde, aber dann war er plötzlich

gleichsam erloschen und es schien an seinem Orte eine Stunde früher Nacht zu

werden als sonst überall. Das eigentümlichste und düsterste Aussehen hatte er

jedoch an Regentagen. Während die anderen Bäume atmeten und sich reckten

und freudig mit hellerem Grün erprangten, stand er wie tot in seiner Einsamkeit,

vom Wipfel bis zum Boden schwarz anzusehen. Ohne daß er zitterte, konnte

man doch sehen, daß er fror und daß er mit Unbehagen und Scham so allein und

preisgegeben stand.

Auch unter den gesellig in schönen Gruppen beieinander stehenden

Parkbäumen gab es einige besonders herrliche. Den größten, die alte Ulme, sah

man schon eine Stunde weit von allen Straßen aus wie einen dunklen und

schweren Turm aufragen. Es gab sogar ein Habichtnest auf ihr. Dann folgten im

Rang und Alter die Platanen, von denen eine ganze Allee da war. Von ihren

graugrünen, tigerartig gefleckten Stämmen bekam der ganze Weg, auch wenn er

voll Schatten war, etwas Helles und Spielendes, weil die lichten Rindeflecken an

stehengebliebenen Sonnenschein erinnerten. Doch waren die vielen Ahorne und

die paar großen, kühlen Waldbuchen nicht weniger schön. Und auf allen nisteten

Singvögel jeder Art.

Früher war der regelmäßig angelegte Lustpark ein strenges Kunstwerk

gewesen. Als dann aber längere Zeiten kamen, in welchen den Menschen ihr

mühseliges Warten und Pflegen und Beschneiden verleidet war und niemand

mehr nach den mit Mühe hergepflanzten Anlagen fragte, waren die Bäume auf

sich selber angewiesen. Sie hatten Freundschaft untereinander geschlossen, sie

hatten ihre kunstmäßige, isolierte Rolle vergessen, sie hatten sich in der Not

ihrer alten Waldheimat erinnert, sich aneinander gelehnt, mit den Armen

umschlungen und gestützt. Sie hatten die schnurgeraden Wege mit dickem Laub

verborgen und mit ausgreifenden Wurzeln an sich gezogen und in nährenden

Waldboden verwandelt, ihre Wipfel ineinander verschränkt und festgewachsen,

und sie sahen in ihrem Schutze ein eifrig aufstrebendes junges Baumvolk

aufwachsen, das mit glatteren Stämmen und lichteren Laubfarben die Leere

füllte, den brachen Boden eroberte und durch Schatten und Blätterfall die Erde

schwarz, weich und fett machte, so daß nun auch die Moose und Gräser und

kleinen Gesträuche ein leichtes Fortkommen hatten.

Als nun später von neuem Menschen herkamen und den einstigen Garten zu

Rast und Lustbarkeit gebrauchen wollten, war er ein kleiner Wald geworden.

Man mußte sich bescheiden. Zwar wurde der alte Weg zwischen den zwei

Platanenreihen wiederhergestellt, sonst aber begnügte man sich damit, schmale

und gewundene Fußwege durch das Dickicht zu ziehen, die heidigen Lichtungen

mit Rasen zu besäen und an guten Plätzen grüne Sitzbänke aufzustellen. Die Bäume konnten damit zufrieden sein und noch mehr die Singvögel, welchen nun

eine gute Pflege ward. Man versuchte sogar Nachtigallen einzugewöhnen, aber

sie konnten sich nicht halten. Und die Leute, deren Großväter die Platanen nach

der Schnur gepflanzt und beschnitten und nach Gutdünken gestellt und geformt

hatten, kamen nun mit ihren Kindern zu ihnen zu Gast und waren froh, daß in

der langen Verwahrlosung aus den Alleen ein Wald geworden war, in welchem

Sonne und Winde ruhen und Vögel singen und Menschen ihren Gedanken,

Träumen und Gelüsten nachhängen konnten.

 

Paul Abderegg lag im Halbschatten zwischen Gehölz und Wiese und hatte ein

weiß und rot gebundenes Buch in der Hand. Bald las er darin, bald sah er übers

Gras hinweg den flatternden Bläulingen nach. Er stand eben da, wo Frithjof über

Meer fährt, Frithjof der Liebende, der Tempelräuber, der von der Heimat

Verbannte. Groll und Reue in der Brust segelt er über die ungastliche See, am

Steuer stehend; Sturm und Gewoge bedrängen das schnelle Drachenschiff und

bitteres Heimweh bezwingt den starken Steuermann.

Über der Wiese brütete die Wärme, hoch und gellend sangen die Grillen und

im Innern des Wäldchens sangen tiefer und süßer die Vögel. Es war herrlich, in

dieser einsamen Wirrnis von Düften und Tönen und Sonnenlichtern hingestreckt

in den heißen Himmel zu blinzeln, oder rückwärts in die dunkeln Bäume hinein

zu lauschen, oder mit geschlossenen Augen sich auszurecken und das tiefe,

warme Wohlsein durch alle Glieder zu spüren. Aber Frithjof fuhr über Meer, und

morgen kam Besuch, und wenn er nicht heute noch das Buch zu Ende las, war es

vielleicht wieder nichts damit, wie im vorigen Herbst. Da war er auch hier

gelegen und hatte die Frithjofsage angefangen, und es war auch Besuch

gekommen und mit dem Lesen hatte es ein Ende gehabt. Das Buch war

dageblieben, er aber ging in der Stadt in seine Schule und dachte zwischen

Homer und Tacitus beständig an das angefangene Buch und was im Tempel

geschehen würde, mit dem Ring und der Bildsäule.

Er las mit neuem Eifer, halblaut, und über ihm lief ein schwacher Wind durch

die Ulmenkronen, sang das Gevögel und flogen die gleißenden Falter, Mücken

und Bienen. Und als er zuklappte und in die Höhe sprang, hatte er das Buch zu

Ende gelesen, und die Wiese war voll Schatten und am hellroten Himmel erlosch

der Abend. Eine müde Biene setzte sich auf seinen Ärmel und ließ sich tragen.

Die Grillen sangen noch immer. Paul ging schnell davon, durchs Gebüsch und

den Platanenweg und dann über die Straße und den stillen Vorplatz ins Haus. Er

war schön anzusehen, in der schlanken Kraft seiner sechzehn Jahre, und den Kopf hatte er mit stillen Augen gesenkt, noch von den Schicksalen des

nordischen Helden erfüllt und zum Nachdenken genötigt.

Die Sommerstube, wo man die Mahlzeiten hielt, lag zu hinterst im Hause. Sie

war eigentlich eine Halle, vom Garten nur durch eine Glaswand getrennt, und

sprang geräumig als ein kleiner Flügel aus dem Hause vor. Hier war nun der

eigentliche Garten, der von alters her „am See“ genannt wurde, wenngleich statt

eines Sees nur ein kleiner, länglicher Teich zwischen den Beeten,

Spalierwänden, Rabatten, Wegen und Obstpflanzungen lag. Die aus der Halle ins

Freie führende Treppe war von Oleandern und Palmen eingefaßt, im übrigen sah

es „am See“ nicht herrschaftlich, sondern behaglich ländlich aus.

„Also morgen kommen die Leutchen,“ sagte der Vater. „Du freust dich

hoffentlich, Paul?“

„Ja, schon.“

„Aber nicht von Herzen? Ja, mein Junge, da ist nichts zu machen. Für uns

paar Leute ist ja Haus und Garten viel zu groß, und für niemand soll doch die

ganze Herrlichkeit nicht da sein! Ein Landhaus und ein Park sind dazu da, daß

fröhliche Menschen drin herumlaufen und je mehr desto besser. Übrigens

kommst du mit solenner Verspätung. Suppe ist nimmer da.“

Dann wandte er sich an den Hauslehrer.

„Verehrtester, man sieht Sie ja gar nie im Garten. Ich hatte immer gedacht, Sie

schwärmen fürs Landleben.“

Herr Homburger runzelte die Stirn.

„Sie haben vielleicht recht. Aber ich möchte die Ferienzeit doch möglichst zu

meinen Privatstudien verwenden.“

„Alle Hochachtung, Herr Homburger! Wenn einmal Ihr Ruhm die Welt erfüllt,

lasse ich eine Tafel unter Ihrem Fenster anbringen. Ich hoffe bestimmt es noch

zu erleben.“

Der Hauslehrer verzog das Gesicht. Er war sehr nervös.

„Sie überschätzen meinen Ehrgeiz,“ sagte er frostig. „Es ist mir durchaus

einerlei, ob mein Name einmal bekannt wird oder nicht. Was die Tafel betrifft

—“

„O, seien Sie unbesorgt, lieber Herr! Aber Sie sind entschieden zu bescheiden.

Paul, nimm dir ein Muster!“

Der Tante schien es nun an der Zeit, den Kandidaten zu erretten. Sie kannte

diese Art von höflichen Dialogen, die dem Hausherrn so viel Vergnügen

machten, und sie fürchtete sie. Indem sie Wein anbot, lenkte sie das Gespräch in

andere Gleise und hielt es darin fest.

Es war hauptsächlich von den erwarteten Gästen die Rede. Paul hörte kaum

darauf. Er aß nach Kräften und besann sich nebenher wieder einmal darüber, wie es käme, daß der junge Hauslehrer neben dem fast grauhaarigen Vater immer

aussah, als sei er der Ältere.

Vor den Fenstern und Glastüren begann Garten, Baumland, Teich und Himmel

sich zu verwandeln, vom ersten Schauer der heraufkommenden Nacht berührt.

Die Gebüsche wurden schwarz und rannen in dunkle Wogen zusammen, und die

Bäume, deren Wipfel die ferne Hügellinie überschnitten, reckten sich mit

ungeahnten, bei Tage nie gesehenen Formen dunkel und mit einer stummen

Leidenschaft und Großartigkeit in den lichteren Himmel. Die vielfältige

fruchtbare Landschaft verlor ihr friedlich buntes zerstreutes Wesen mehr und

mehr und rückte in großen, fest geschlossenen Massen zusammen. Die

entfernten Berge sprangen kühner und entschlossener empor, die Ebene lag

schwärzlich hingebreitet und ließ nur noch die stärkeren Schwellungen des

Bodens durchfühlen. Vor den Fenstern kämpfte das noch vorhandene Tageslicht

müde mit dem herabfallenden Lampenschimmer.

Paul stand in dem offenen Türflügel und schaute zu, ohne viel

Aufmerksamkeit und ohne viel dabei zu denken. Er dachte wohl, aber nicht an

das was er sah. Er sah es Nacht werden. Aber er konnte nicht fühlen, wie schön

es war. Er war zu jung und lebendig, um so etwas hinzunehmen und zu

betrachten und sein Genüge daran zu finden. Woran er dachte, das war eine

Nacht am nordischen Meer. Am Strande zwischen schwarzen Bäumen wälzt der

düster lodernde Tempelbrand Glut und Rauch gen Himmel, an den Felsen bricht

sich die See und spiegelt wilde rote Lichter, im Dunkel enteilt mit vollen Segeln

ein Wikingerschiff.

„Nun Junge,“ rief der Vater, „was hast du denn heut wieder für einen

Schmöker draußen gehabt?“

„O, den Frithjof!“

„So so, lesen das die jungen Leute noch immer? Herr Homburger, wie denken

Sie darüber? Was hält man heutzutage von diesem alten Schweden? Gilt er

noch?“

„Sie meinen Esajas Tegner?“

„Ja, richtig, Esajas. Nun?“

„Ist tot, Herr Abderegg, vollkommen tot.“

„Das glaub’ ich gerne! Gelebt hat der Mann schon zu meinen Zeiten nimmer,

ich meine damals, als ich ihn las. Ich wollte fragen, ob er noch Mode ist.“

„Ich bedaure, über Mode und Moden bin ich nicht unterrichtet. Was die

wissenschaftlich-ästhetische Wertung betrifft —“

„Nun ja, das meinte ich. Also die Wissenschaft — —?“

„Die Literaturgeschichte verzeichnet jenen Tegner lediglich noch als Namen.

Er war, wie Sie sehr richtig sagten, eine Mode. Damit ist ja alles gesagt. Das Echte, Gute ist nie Mode gewesen, aber es lebt. Und Tegner ist, wie ich sagte,

tot. Er existiert für uns nicht mehr. Er scheint uns unecht, geschraubt, süßlich . . .

.“

Paul wandte sich heftig um.

„Das kann doch nicht sein, Herr Homburger!“

„Darf ich fragen, warum nicht?“

„Weil es schön ist! Ja, es ist einfach schön.“

„So? Das ist aber doch kein Grund, sich so aufzuregen.“

„Aber Sie sagen, es sei süßlich und habe keinen Wert. Und es ist doch

wirklich schön.“

„Meinen Sie? Ja, wenn Sie so felsenfest wissen, was schön ist, sollte man

Ihnen einen Lehrstuhl einräumen. Aber wie Sie sehen, Paul — diesmal stimmt

Ihr Urteil nicht mit der Ästhetik. Sehen Sie, es ist gerade umgekehrt wie mit

Thucydides. Den findet die Wissenschaft schön, und Sie finden ihn schrecklich.

Und den Frithjof —“

„Ach, das hat doch mit der Wissenschaft nichts zu tun.“

„Es gibt nichts, schlechterdings nichts in der Welt, womit die Wissenschaft

nicht zu tun hätte. — Aber, Herr Abderegg, Sie erlauben wohl, daß ich mich

empfehle.“

„Schon?“

„Ich sollte noch etwas schreiben.“

„Schade, wir wären gerade so nett ins Plaudern gekommen. Aber über alles

die Freiheit! Also gute Nacht!“

Herr Homburger verließ das Zimmer höflich und steif und verlor sich

geräuschlos im Korridor.

„Also die alten Abenteuer haben dir gefallen, Paul?“ lachte der Hausherr.

„Dann laß sie dir von keiner Wissenschaft verhunzen, sonst geschieht’s dir recht.

Du wirst doch nicht verstimmt sein?“

„Ach, es ist nichts. Aber weißt du, ich hatte doch gehofft, der Herr Homburger

würde nicht mit aufs Land kommen. Du hast ja gesagt, ich brauche in diesen

Ferien nicht zu büffeln.“

„Ja, wenn ich das gesagt habe, ist’s auch so und du kannst froh sein. Und der

Herr Lehrer beißt dich ja nicht.“

„Warum mußte er denn mitkommen?“

„Ja siehst du, Junge, wo hätt’ er denn sonst bleiben sollen? Da wo er daheim

ist, hat er’s leider nicht sonderlich schön. Und ich will doch auch mein

Vergnügen haben! Mit unterrichteten und gelehrten Männern verkehren ist

Gewinn, das merke dir. Ich möchte unsern Herrn Homburger nicht gern

entbehren.“

„Ach, Papa, bei dir weiß man nie, was Spaß und was Ernst ist.“

„So lerne es unterscheiden, mein Sohn. Es wird dir nützlich sein. Aber jetzt

wollen wir noch ein bißchen Musik machen, nicht?“

Paul zog den Vater sogleich freudig ins nächste Zimmer. Es geschah nicht so

häufig, daß Papa unaufgefordert mit ihm spielte. Und das war kein Wunder, denn

er war ein Meister auf dem Klavier und der Junge konnte, mit ihm verglichen,

nur eben so ein wenig klimpern.

Tante Grete blieb allein zurück. Vater und Sohn gehörten zu den Musikanten,

die nicht gerne einen Zuhörer vor der Nase haben, aber gerne einen

unsichtbaren, von dem sie wissen, daß er nebenan sitzt und lauscht. Das wußte

die Tante wohl. Wie sollte sie es auch nicht wissen? Wie sollte ihr irgend ein

kleiner, zarter Zug an den beiden fremd sein, die sie seit Jahren mit Liebe umgab

und behütete und die sie beide wie Kinder ansah.

Sie saß ruhend in einem der biegsamen Rohrsessel und horchte. Was sie hörte,

war eine vierhändig gespielte Ouvertüre, die sie gewiß nicht zum ersten Mal

vernahm, deren Namen sie aber nicht hätte sagen können; denn so gern sie

Musik hörte, verstand sie doch wenig davon. Sie wußte, nachher würde der Alte

oder der Bub beim Herauskommen fragen: „Tante, was war das für ein Stück?“

Dann würde sie sagen „von Mozart“ oder „aus Carmen“, und dafür ausgelacht

werden, denn es war immer etwas anderes gewesen.

Sie horchte, lehnte sich zurück und lächelte. Es war schade, daß niemand es

sehen konnte, denn ihr Lächeln war von der echten, schönen, gottgeschenkten

Art. Es geschah weniger mit den Lippen als mit den Augen; das ganze Gesicht,

Stirn und Wangen glänzten innig mit, und es sah aus wie ein tiefes Verstehen und

Liebhaben.

Sie lächelte und horchte. Es war eine schöne Musik und sie gefiel ihr

höchlich. Doch hörte sie keineswegs die Ouvertüre allein, obwohl sie ihr zu

folgen versuchte. Zuerst bemühte sie sich herauszubringen, wer oben sitze und

wer unten. Paul saß unten, das hatte sie bald erhorcht. Nicht daß es gehapert

hätte, aber die oberen Stimmen klangen so leicht und kühn und sangen so von

innen heraus, wie kein Schüler spielen kann. Und nun konnte sich die Tante alles

vorstellen. Sie sah die zwei am Flügel sitzen. Bei prächtigen Stellen sah sie den

Vater zärtlich schmunzeln. Paul aber sah sie bei solchen Stellen mit geöffneten

Lippen und flammenden Augen sich auf dem Sessel höher recken. Bei besonders

heiteren, fidelen Wendungen paßte sie auf, ob Paul nicht lachen müsse. Dann

schnitt nämlich der Alte manchmal eine Grimasse oder machte so eine

burschikose Armbewegung, daß es für junge Leute nicht leicht war an sich zu

halten.

Je weiter die Ouvertüre vorwärts gedieh, desto deutlicher sah das Fräulein ihre beiden vor sich, desto inniger las sie in ihren vom Spielen erregten Gesichtern.

Und mit der raschen Musik lief ein großes Stück Leben, Erfahrung und Liebe an

ihr vorbei.

 

Es war Nacht, man hatte einander schon Schlafwohl gesagt und jeder war in

sein Zimmer gegangen. Hier und dort ging noch eine Türe, ein Fenster auf oder

zu. Dann ward es still.

Was auf dem Lande sich von selber versteht, die Stille der Nacht, ist doch für

den Städter immer wieder ein Wunder. Wer aus seiner Stadt heraus auf ein

Landgut oder in einen Bauernhof kommt und den ersten Abend am Fenster steht

oder im Bette liegt, den umfängt diese Stille wie ein Heimatzauber und

Ruheport, als wäre er dem Wahren und Gesunden näher gekommen und spüre

ein Wehen des Ewigen.

Es ist ja keine vollkommene Stille. Sie ist voll von Lauten, aber es sind

dunkle, gedämpfte, geheimnisvolle Laute der Nacht, während in der Stadt die

Nachtgeräusche sich von denen des Tages so bitter wenig unterscheiden. Es ist

das Singen der Frösche, das Rauschen der Bäume, das Plätschern des Baches,

der Flug eines Nachtvogels, einer Fledermaus. Und wenn etwa einmal ein

verspäteter Leiterwagen vorüberjagt oder ein Hofhund anschlägt, so ist es ein

erwünschter Gruß des Lebens und wird majestätisch von der großen Weite des

Luftraums gedämpft und verschlungen.

Wer an Unruhe und schnelles Leben gewöhnt ist und nun einmal in diese

Stille hinein lauschen darf, der empfindet tief das Wesen der Nacht, der Trösterin

und Königin, die aus unerschöpften Quellen Rast und Einkehr, Trost und

Träume, Selbstvergessen, Schlummer und neue Kräfte spendet. Und der

wunderliche Mensch, zumal wenn er jung ist, meint eine solche Nacht nicht

besser feiern zu können als durch ein recht langes Wachbleiben. Der Hauslehrer

hatte noch Licht brennen und ging unruhig und müde in der Stube auf und ab. Er

hatte den ganzen Abend bis gegen Mitternacht gelesen.

Dieser junge Herr Homburger war nicht, was er schien oder scheinen wollte.

Er war kein Denker. Er war nicht einmal ein wissenschaftlicher Kopf. Aber er

hatte einige Gaben und er war jung. So konnte es ihm, in dessen Wesen es

keinen befehlenden und unausweichlichen Schwerpunkt gab, an Idealen nicht

fehlen.

Zur Zeit beschäftigten ihn einige Bücher, in welchen merkwürdig

schmiegsame Jünglinge sich einbildeten, Bausteine zu einer neuen Kultur

aufzutürmen, indem sie in einer weichen, wohllauten Sprache bald Ruskin, bald Nietzsche um allerlei kleine, schöne, leicht tragbare Kleinode bestahlen. Diese

Bücher waren viel amüsanter zu lesen als Ruskin und Nietzsche selber, sie waren

von koketter Grazie, groß in kleinen Nuancen und von seidig vornehmem

Glanze. Und wo es auf einen großen Wurf, auf Machtworte und Leidenschaft

ankam, zitierten sie Dante oder Zarathustra.

Deshalb war auch Homburgers Stirn umwölkt, sein Auge müde wie vom

Durchmessen ungeheurer Räume und sein Schritt erregt und ungleich. Er fühlte,

daß an die ihn umgebende schale Alltagswelt allenthalben Mauerbrecher gelegt

waren und daß es galt, sich an die Propheten und Bringer der neuen Seligkeit zu

halten. Schönheit und Geist würde ihre Welt durchfluten und jeder Schritt in ihr

würde von Poesie und Weisheit triefen.

Vor seinen Fenstern lag und wartete der gestirnte Himmel, die schwebende

Wolke, der träumende Park, das schlafend atmende Feld und die ganze

Schönheit der Nacht. Sie wartete darauf, daß er ans Fenster trete und sie schaue.

Sie wartete darauf, sein Herz mit Sehnsucht und Heimweh zu verwunden, seine

Augen kühl zu baden, seiner Seele gebundene Flügel zu lösen. Er legte sich aber

ins Bett, zog die Lampe näher und las im Liegen weiter.

Paul Abderegg hatte kein Licht mehr brennen, schlief aber noch nicht,

sondern saß im Hemde auf dem Fensterbrett und schaute in die ruhigen

Baumkronen hinein. Den Helden Frithjof hatte er vergessen. Er dachte überhaupt

an nichts Bestimmtes, er genoß nur die späte Stunde, deren reges Glücksgefühl

ihn noch nicht schlafen ließ. Wie schön die Sterne in der Schwärze standen! Und

wie der Vater heute wieder gespielt hatte! Und wie still und märchenhaft der

Garten da im Dunkeln lag!

Die Juninacht umschloß den Knaben zart und dicht, sie kam ihm still

entgegen, sie kühlte, was noch in ihm heiß und flammend war. Sie nahm ihm

leise den Überfluß seiner unbändigen Jugend ab, bis seine Augen ruhig und

seine Schläfen kühl wurden, und dann blickte sie ihm lächelnd als eine gute

Mutter in die Augen. Er wußte nicht mehr, wer ihn anschaue und wo er sei, er

lag schlummernd auf dem Lager, atmete tief und schaute gedankenlos

hingegeben in große, stille Augen, in deren Spiegel Gestern und Heute zu

wunderlich verschlungenen Bildern und schwer zu entwirrenden Sagen wurden.

Auch des Kandidaten Fenster war nun dunkel. Wenn jetzt etwa ein

Nachtwanderer auf der Landstraße vorüberkam und Haus und Vorplatz, Park und

Garten lautlos im Schlummer liegen sah, konnte er wohl mit einem Heimweh

herüberblicken und sich des ruhevollen Anblicks mit halbem Neide freuen. Und

wenn es ein armer, obdachloser Fechtbruder war, konnte er unbesorgt in den

arglos offenstehenden Park eintreten und sich die längste Bank zum Nachtlager

aussuchen.

Am Morgen war diesmal gegen seine Gewohnheit der Hauslehrer vor allen

andern wach. Munter war er darum nicht. Er hatte sich mit dem langen Lesen bei

Lampenlicht Kopfweh geholt; als er dann endlich die Lampe gelöscht hatte, war

das Bett schon zu warmgelegen und zerwühlt zum Schlafen, und nun stand er

nüchtern und fröstelnd mit matten Augen auf. Er fühlte deutlicher als je die

Notwendigkeit einer neuen Renaissance, hatte aber für den Augenblick zur

Fortsetzung seiner Studien keine Lust, sondern spürte ein heftiges Bedürfnis

nach frischer Luft. So verließ er leise das Haus und wandelte langsam

feldeinwärts.

Überall waren schon die Bauern an der Arbeit und blickten dem ernst

Dahinschreitenden flüchtig und, wie es ihm zuweilen scheinen wollte, spöttisch

nach. Dies tat ihm weh und er beeilte sich, den nahen Wald zu erreichen, wo ihn

Kühle und mildes Halblicht umfloß. Eine halbe Stunde trieb er sich verdrossen

dort umher. Dann fühlte er eine innere Öde und begann zu erwägen, ob es nun

wohl bald einen Kaffee geben werde. Er kehrte um und lief an den schon warm

besonnten Feldern und unermüdlichen Bauersleuten vorüber wieder heimwärts.

Unter der Haustür kam es ihm plötzlich unfein vor, so heftig und happig zum

Frühstück zu eilen. Er wandte um, tat sich Gewalt an und beschloß, vorher noch

gemäßigten Schrittes einen Gang durch die Parkwege zu tun, um nicht atemlos

am Tisch zu erscheinen. Mit künstlich bequemem Schlenderschritt lief er durch

die Platanenallee und wollte soeben gegen den Ulmenwinkel umwenden, als ein

unvermuteter Anblick ihn erschreckte.

Auf der letzten, durch Holundergebüsche etwas versteckten Bank lag

ausgestreckt ein Mensch. Er lag bäuchlings und hatte das Gesicht auf die

Ellbogen und Hände gelegt. Herr Homburger war im ersten Schrecken geneigt,

an eine Greueltat zu denken, doch belehrte ihn bald das feste tiefe Atmen des

Daliegenden, daß er vor einem ruhig Schlafenden stehe. Dieser sah abgerissen

und windig aus und je mehr der Lehrersmann erkannte, daß er es mit einem

vermutlich ganz jungen und unkräftigen Bürschlein zu tun habe, desto höher

stieg der Mut und die Entrüstung in seiner beleidigten Seele. Überlegenheit und

schöner Mannesstolz erfüllten ihn, als er nach kurzem Zögern entschlossen

näher trat und den Schläfer wachschüttelte.

„Stehen Sie auf, Kerl! Was machen Sie denn hier?“

Das Handwerksbürschlein taumelte erschrocken empor und starrte

verständnislos und ängstlich in die Welt. Er sah einen Herrn im Gehrock

befehlend vor sich stehen und besann sich eine Weile, was das bedeuten könne,

bis ihm einfiel, daß er zu Nacht in einen offenen Garten eingetreten sei und dort

genächtigt habe. Er hatte mit Tagesanbruch weiter wollen, nun war er

verschlafen und wurde zur Rechenschaft gezogen.

„Können Sie nicht reden, was tun Sie hier?“

„Nur geschlafen hab’ ich,“ seufzte der Angedonnerte und erhob sich vollends.

Als er auf den Beinen stand, bestätigte sein schmächtiges Gliedergerüste den

unfertig jugendlichen Ausdruck seines fast noch kindlichen Gesichts. Er konnte

höchstens achtzehn Jahr alt sein.

„Kommen Sie mit mir!“ gebot der Kandidat und nahm den willenlos

folgenden Fremdling mit zum Hause hinüber, wo ihm gleich unter der Türe Herr

Abderegg begegnete.

„Guten Morgen, Herr Homburger, Sie sind ja früh auf! Aber was bringen Sie

da für merkwürdige Gesellschaft?“

„Dieser Bursche hat Ihren Park als Nachtherberge benützt. Ich glaubte Sie

davon unterrichten zu müssen.“

Der Hausherr begriff sofort. Er schmunzelte.

„Ich danke Ihnen, lieber Herr. Offen gestanden, ich hätte kaum ein so weiches

Herz bei Ihnen vermutet. Aber Sie haben recht, es ist ja klar, daß der arme Kerl

zum mindesten einen Kaffee bekommen muß. Vielleicht sagen Sie drinnen dem

Fräulein, sie möchte ein Frühstück für ihn herausschicken? Oder warten Sie, wir

bringen ihn gleich in die Küche. — Kommen Sie mit, Kleiner, es ist schon was

übrig.“

Am Kaffeetisch umgab sich der Mitbegründer einer neuen Kultur mit einer

majestätischen Wolke von Ernst und Schweigsamkeit, was den alten Herrn nicht

wenig freute. Es kam jedoch zu keiner Neckerei, schon weil die heute erwarteten

Gäste alle Gedanken in Anspruch nahmen.

Die Tante hüpfte immer wieder sorgend und lächelnd von einer Gaststube in

die andere, die Dienstboten nahmen maßvoll an der Aufregung teil oder grinsten

zuschauend, und gegen Mittag setzte sich der Hausherr mit Paul in den Wagen,

um zur nahen Bahnstation zu fahren.

 

Wenn es in Pauls Wesen lag, daß er die Unterbrechungen seines gewohnten

stillen Ferienlebens durch Gastbesuche fürchtete, so war es ihm ebenso

natürlich, die einmal Angekommenen nach seiner Weise möglichst kennen zu lernen, ihr Wesen zu beobachten und sie sich irgendwie zu eigen zu machen. So

betrachtete er auf der Heimfahrt im etwas überfüllten Wagen die drei Fremden

mit stiller Aufmerksamkeit, zuerst den lebhaft redenden Professor, dann mit

einiger Scheu die beiden Frauensleute.

Der Professor gefiel ihm, schon weil er wußte, daß er ein Duzfreund seines

Vaters war. Im übrigen fand er ihn ein wenig streng und ältlich, aber nicht

zuwider und jedenfalls unsäglich gescheit. Viel schwerer war es, über die

Mädchen ins reine zu kommen. Die eine war eben schlechthin ein junges

Mädchen, ein Backfisch, jedenfalls ziemlich gleich alt wie er selber. Es würde

nur darauf ankommen, ob sie von der spöttischen oder gutmütigen Art war, je

nachdem würde es Krieg oder Freundschaft zwischen ihm und ihr geben. Im

Grunde waren ja alle jungen Mädchen dieses Alters gleich und es war mit allen

gleich schwer zu reden und auszukommen. Es gefiel ihm, daß sie wenigstens

still war und nicht gleich einen Sack voll Fragen auskramte.

Die andere gab ihm mehr zu raten. Sie war, was er freilich nicht zu berechnen

verstand, vielleicht drei- oder vierundzwanzig und gehörte zu der Art von

Damen, welche Paul zwar sehr gerne sah und von weitem betrachtete, deren

näherer Umgang ihn aber scheu machte und meist in unzählige Verlegenheiten

verwickelte. Er wußte an solchen Wesen die natürliche Schönheit durchaus nicht

von der eleganten Haltung und Kleidung zu trennen, fand ihre Gesten und ihre

Frisuren meist affektiert und vermutete bei ihnen eine Menge von überlegenen

Kenntnissen über Dinge, die ihm tiefe Rätsel waren.

Wenn er genau darüber nachdachte, haßte er diese ganze Gattung. Sie sahen

alle schön aus, aber sie hatten auch alle die gleiche demütigende Zierlichkeit und

Sicherheit im Benehmen, die gleichen hochmütigen Ansprüche und die gleiche

geringschätzende Herablassung gegen Jünglinge seines Alters. Und wenn sie

lachten oder lächelten, was sie sehr häufig taten, sah es oft so unleidlich

maskenhaft und verlogen aus. Darin waren die Backfische doch viel erträglicher.

Am Gespräch nahm außer den beiden Männern nur Fräulein Thusnelde — das

war die ältere, elegante — teil. Die kleine blonde Berta schwieg ebenso scheu

und beharrlich wie Paul, dem sie gegenüber saß. Sie trug einen großen, weich

gebogenen, ungefärbten Strohhut mit blauen Bändern und ein ganz blaßblaues,

dünnes Sommerkleid mit losem Gürtel und schmalen weißen Säumen. Es schien,

als sei sie ganz in den Anblick der sonnigen Felder und heißen Heuwiesen

verloren.

Aber zwischenein warf sie häufig einen schnellen Blick auf Paul. Sie wäre

noch einmal so gern mit nach Erlenhof gekommen, wenn nur der Junge nicht

gewesen wäre. Er sah ja sehr ordentlich aus, aber gescheit, und die Gescheiten

waren doch meistens die Widerwärtigsten. Da würde es gelegentlich so heimtückische Fremdwörter geben und auch solche herablassende Fragen, etwa

nach dem Namen einer Feldblume, und dann, wenn sie ihn nicht wußte, so ein

unverschämtes Lächeln, und so weiter. Sie kannte das von ihren zwei Vettern,

von denen einer Student und der andere Gymnasiast war, und der Gymnasiast

war eher der schlimmere, einmal bubenhaft ungezogen und ein andermal von

jener unausstehlich höhnischen Kavalierhöflichkeit, vor der sie so Angst hatte.

Eins wenigstens hatte Berta gelernt und sie hatte beschlossen, sich auch jetzt

auf alle Fälle daran zu halten: Weinen durfte sie nicht, unter keinen Umständen.

Nicht weinen und nicht zornig werden, sonst war sie unterlegen. Und das wollte

sie hier um keinen Preis. Es fiel ihr tröstlich ein, daß für alle Fälle auch noch

eine Tante da sein würde; an die wollte sie sich dann um Schutz wenden, falls es

nötig werden sollte.

„Paul, bist du stumm?“ rief Herr Abderegg plötzlich.

„Nein, Papa. Warum?“

„Weil du vergißt, daß du nicht allein im Wagen sitzest. Du könntest dich der

Berta schon etwas freundlicher zeigen.“

Paul seufzte unhörbar. Also nun fing es an.

„Sehen Sie, Fräulein Berta, dort hinten ist dann unser Haus.“

„Aber Kinder, ihr werdet doch nicht Sie zueinander sagen!“

„Ich weiß nicht, Papa — ich glaube doch.“

„Na, dann weiter! ist aber recht überflüssig.“

Berta war rot geworden und kaum sah es Paul, so ging es ihm nicht anders.

Die Unterhaltung zwischen ihnen war schon wieder zu Ende und beide waren

froh, daß die Alten es nicht merkten. Es wurde ihnen unbehaglich und sie

atmeten auf, als der Wagen mit plötzlichem Krachen auf den Kiesweg einbog

und am Hause vorfuhr.

„Bitte, Fräulein,“ sagte Paul und half Berta beim Aussteigen. Damit war er der

Sorge um sie fürs erste entledigt, denn im Tor stand schon die Tante und es

schien als lächle das ganze Haus, öffne sich und fordere zum Eintritt auf, so

gastlich froh und herzlich nickte sie und streckte die Hand entgegen und empfing

eins um das andere und dann jedes noch ein zweites Mal. Die Gäste wurden in

ihre Stuben begleitet und gebeten, recht bald und recht hungrig zu Tische zu

kommen.

 

Auf der weißen Tafel standen zwei große Blumensträuße und dufteten mächtig

in die Speisengerüche hinein. Herr Abderegg tranchierte den Braten, die Tante

visierte scharfäugig Teller und Schüsseln. Der Professor saß wohlgemut und festlich im Gehrock am Ehrenplatz, warf der Tante sanfte Blicke zu und störte

den eifrig arbeitenden Hausherrn durch zahllose Fragen und Witze. Fräulein

Thusnelde half zierlich und lächelnd beim Herumbieten der Teller und kam sich

zu wenig beschäftigt vor, da ihr Nachbar, der Kandidat, zwar wenig aß, aber

noch weniger redete. Die Gegenwart eines altmodischen Professors und zweier

junger Damen wirkte versteinernd auf ihn. Er war im Angstgefühl seiner jungen

Würde beständig auf irgend welche Angriffe, ja Beleidigungen gefaßt, welche er

zum voraus durch eiskalte Blicke und angestrengtes Schweigen abzuwehren

bemüht war.

Berta saß neben der Tante und fühlte sich geborgen. Paul widmete sich mit

Anstrengung dem Essen, um nicht in Gespräche verwickelt zu werden, vergaß

sich darüber und ließ es sich wirklich besser schmecken als alle anderen.

Gegen das Ende der Mahlzeit hatte der Hausherr nach hitzigem Kampfe mit

seinem Freunde das Wort an sich gerissen und ließ es sich nicht wieder nehmen.

Der besiegte Professor fand nun erst Zeit zum Essen und holte maßvoll nach.

Herr Homburger merkte endlich, daß niemand Angriffe auf ihn plane, sah aber

nun zu spät, daß sein Schweigen unfein gewesen war, und glaubte sich von

seiner Nachbarin höhnisch betrachtet zu fühlen. Er senkte deshalb den Kopf so

weit, daß eine leichte Falte unterm Kinn entstand, zog die Augenbrauen hoch

und schien Probleme im Kopf zu wälzen.

Fräulein Thusnelde begann, da der Hauslehrer dauernd versagte, ein sehr

zärtliches Geplauder mit Berta, an welchem die Tante sich beteiligte.

Paul hatte sich inzwischen voll gegessen und legte, indem er sich plötzlich

übersatt fühlte, Messer und Gabel nieder. Aufschauend erblickte er zufällig

gerade den Professor in einem komischen Augenblick: Er hatte eben einen

stattlichen Bissen zwischen den Zähnen und noch nicht von der Gabel los, als

ihn gerade ein Kraftwort in der Rede Abdereggs aufzumerken nötigte. So vergaß

er für Augenblicke, die Gabel zurückzuziehen, und schielte großäugig und mit

offenem Munde auf seinen sprechenden Freund hinüber. Da brach Paul, der

einem plötzlichen Lachreiz nicht widerstehen konnte, in ein mühsam gedämpftes

Kichern aus.

Herr Abderegg fand im Drang der Rede nur Zeit zu einem eiligen Zornblick.

Der Kandidat bezog das Lachen auf sich und biß auf die Unterlippe. Berta lachte

mitgerissen ohne weiteren Grund plötzlich auch. Sie war so froh, daß Paul diese

Jungenhaftigkeit passierte. Er war also wenigstens keiner von den Tadellosen.

„Was freut Sie denn so?“ fragte Fräulein Thusnelde.

„O, eigentlich gar nichts.“

„Und dich, Berta?“

„Auch nichts. Ich lache nur so mit.“

„Darf ich Ihnen noch einschenken?“ fragte Herr Homburger mit gepreßtem

Ton.

„Danke, nein.“

„Aber mir, bitte,“ sagte die Tante freundlich, ließ jedoch den Wein alsdann

ungetrunken stehen.

Man hatte abgetragen und es wurden Kaffee, Kognak und Zigarren gebracht

— „wenn die Damen es wirklich gern erlauben.“ Sie erlaubten es, und auch der

Kandidat steckte sich eine Zigarre an.

Paul wurde von Fräulein Thusnelde gefragt, ob er auch rauche.

„Nein,“ sagte er, „es schmeckt mir gar nicht.“

Dann fügte er, nach einer Pause, plötzlich ehrlich hinzu: „Ich darf auch noch

nicht.“

Als er das sagte, lächelte Fräulein Thusnelde ihm schelmisch zu, wobei sie

den Kopf etwas auf die Seite neigte. In diesem Augenblick erschien sie dem

Knaben scharmant und er bereute den vorher auf sie geworfenen Haß.

Sie konnte doch sehr nett sein.

 

Der Abend war so warm und einladend, daß man noch um elf Uhr unter den

leise flackernden Windlichtern im Garten draußen saß. Und daß die Gäste sich

von der Reise müde gefühlt hatten und eigentlich früh zu Bett hatten gehen

wollen, daran dachte jetzt niemand mehr.

Die warme Luft wogte in leichter Schwüle ungleich und träumend hin und

wider, der Himmel war ganz in der Höhe sternklar und feuchtglänzend, gegen

die Berge hin tiefschwarz und goldig vom fiebernden Geäder des

Wetterleuchtens überspannt. Die Gebüsche dufteten süß und schwer und der

weiße Jasmin schimmerte mit unsicheren Lichtern fahl aus der Finsternis.

„Sie glauben also, diese Reform unsrer Kultur werde nicht aus dem

Volksbewußtsein kommen, sondern von einem oder einigen genialen

Einzelnen?“

Der Professor legte eine gewisse Nachsicht in den Ton seiner Frage.

„Ich denke es mir so —“ erwiderte etwas steif der Hauslehrer und begann eine

lange Rede, welcher außer dem Professor niemand zuhörte.

Herr Abderegg scherzte mit der kleinen Berta, welcher die Tante Beistand

leistete. Er lag voll Behagen im Stuhl zurück und trank Weißwein mit

Sauerwasser.

„Sie haben den Ekkehard also auch gelesen?“ fragte Paul das Fräulein

Thusnelde.

Sie lag in einem sehr niedrig gestellten Klappstuhl, hatte den Kopf ganz

zurückgelegt und sah geradeaus in die Höhe.

„Jawohl,“ sagte sie. „Eigentlich sollte man Ihnen solche Bücher noch

verbieten.“

„So? Warum denn?“

„Weil Sie ja doch noch nicht alles verstehen können.“

„Glauben Sie?“

„Natürlich.“

„Es gibt aber Stellen darin, die ich vielleicht besser als Sie verstanden habe.“

„Wirklich? Welche denn?“

„Die lateinischen.“

„Was Sie für Witze machen!“

„Man tut eben, was man tun kann.“

Paul war sehr munter. Er hatte zu Abend mehr Wein zu trinken bekommen als

sonst, nun fand er es köstlich, in die weiche, dunkle Nacht hinein zu reden, und

wartete neugierig, ob es ihm gelänge, die elegante Dame ein wenig aus ihrer

trägen Ruhe zu bringen, zu einem heftigeren Widerspruch oder zu einem

Gelächter. Aber sie schaute nicht zu ihm herüber. Sie lag unbeweglich, das

Gesicht nach oben, eine Hand auf dem Stuhl, die andre bis zur Erde

herabhängend. Ihr weißer Hals und ihr weißes Gesicht hob sich matt

schimmernd von den schwarzen Bäumen ab.

„Was hat Ihnen denn im Ekkehard am besten gefallen?“ fragte sie jetzt, wieder

ohne ihn anzusehen.

„Der Rausch des Herrn Spazzo.“

„Ach?“

„Nein, wie die alte Waldfrau vertrieben wird.“

„So?“

„Oder eigentlich hat mir doch das am besten gefallen, wie die Praxedis ihn aus

dem Kerker entwischen läßt. Das ist fein.“

„Ja, das ist fein. Wie war es nur?“

„Wie sie nachher Asche hinschüttet —“

„Ach ja. Ja, ich weiß.“

„Aber jetzt müssen Sie mir auch sagen, was Ihnen am besten gefällt.“

„Im Ekkehard?“

„Ja, natürlich.“

„Dieselbe Stelle. Wo Praxedis dem Mönch davonhilft. Wie sie ihm da noch

einen Kuß mitgibt, und dann lächelt und ins Schloß zurückgeht.“

„Ja — ja,“ sagte Paul langsam, aber er konnte sich des Kusses nicht erinnern.

Des Professors Gespräch mit dem Hauslehrer war zu Ende gegangen. Herr Abderegg steckte sich eine Virginia an und Berta sah neugierig zu, wie er die

Spitze der langen Zigarre über der Kerzenflamme verkohlen ließ. Das Mädchen

hielt die neben ihr sitzende Tante mit dem rechten Arm umschlungen und hörte

großäugig den fabelhaften Erlebnissen zu, von denen der alte Herr ihr erzählte.

Es war von Reiseabenteuern, namentlich in Neapel, die Rede.

„Ist das wirklich wahr?“ wagte sie einmal zu fragen.

Herr Abderegg lachte.

„Das kommt allein auf Sie an, kleines Fräulein. Wahr ist an einer Geschichte

immer nur das, was der Zuhörer glaubt.“

„Aber nein?! Da muß ich Papa drüber fragen.“

„Tun Sie das!“

Die Tante streichelte Bertas Hand, die ihre Taille umfing.

„Es ist ja Scherz, Kind.“

Sie hörte dem Geplauder zu, wehrte die taumelnden Nachtmotten von ihres

Bruders Weinglas ab und gab jedem, der sie etwa anschaute, einen gütigen Blick

zurück. Sie hatte ihre Freude an den alten Herren, an Berta und dem lebhaft

schwatzenden Paul, an der schönen Thusnelde, die aus der Gesellschaft heraus in

die Nachtbläue schaute, am Hauslehrer, der seine klugen Reden nachgenoß. Sie

war noch jung genug und hatte nicht vergessen, wie es der Jugend in solchen

Gartensommernächten warm und wohl sein kann. Wie viel Schicksal noch auf

alle diese schönen Jungen und klugen Alten wartete! Auch auf den Hauslehrer.

Wie jedem sein Leben und seine Gedanken und Wünsche so wichtig waren! Und

wie schön Fräulein Thusnelde aussah! Eine wirkliche Schönheit.

Die gütige Dame streichelte Bertas rechte Hand, lächelte dem jetzt etwas

vereinsamten Kandidaten liebreich zu und fühlte von Zeit zu Zeit hinter den

Stuhl des Hausherrn, ob auch seine Weinflasche noch schön im Eise stehe.

„Erzählen Sie mir etwas aus Ihrer Schule!“ sagte Thusnelde zu Paul.

„Ach, die Schule! Jetzt sind doch Ferien.“

„Gehen Sie denn nicht gern ins Gymnasium?“

„Kennen Sie jemand, der gern hineingeht?“

„Sie wollen aber doch studieren?“

„Nun ja. Ich will schon.“

„Aber was möchten Sie noch lieber?“

„Noch lieber? — Haha —. Noch lieber möcht’ ich Seeräuber werden.“

„Seeräuber?“

„Jawohl, Seeräuber. Pirat.“

„Dann könnten Sie aber nimmer so viel lesen.“

„Das wäre auch nicht nötig. Ich würde mir schon die Zeit vertreiben.“

„Glauben Sie?“

„O gewiß. Ich würde —“

„Nun?“

„Ich würde —, ach das kann man gar nicht sagen.“

„Dann sagen Sie es eben nicht.“

„Das tu ich auch.“

Es wurde ihm langweilig. Er rückte zu Berta hinüber und half ihr zuhören.

Papa war ungemein lustig. Er sprach jetzt ganz allein und alles hörte zu und

lachte.

Da stand Fräulein Thusnelde in ihrem losen, feinen englischen Kleide

langsam auf und trat an den Tisch.

„Ich möchte Gutenacht sagen.“

Nun brachen alle auf, sahen auf die Uhr und konnten nicht begreifen, daß es

wirklich schon Mitternacht sei.

Auf dem kurzen Weg bis zum Hause ging Paul neben Berta, die ihm plötzlich

sehr gut gefiel, namentlich seit er sie über Papas Witze so herzlich hatte lachen

hören. Er war ein Esel gewesen, sich über den Besuch zu ärgern. Es war doch

fein, so des Abends mit Mädchen zu plaudern.

Er fühlte sich als Kavalier und begann zu bedauern, daß er sich den ganzen

Abend nur um die andere gekümmert hatte. Die war doch wohl ein Fratz. Berta

war ihm viel lieber und es tat ihm leid, daß er sich heute nicht zu ihr gehalten

hatte. Und er versuchte ihr das zu sagen. Sie kicherte.

„O, Ihr Papa war so unterhaltend! Es war reizend.“

Er schlug ihr für morgen einen Spaziergang auf den Eichelberg vor. Es sei

nicht weit und so schön. Er kam ins Beschreiben, sprach vom Weg und von der

Aussicht und redete sich ganz in Feuer.

Da ging gerade Fräulein Thusnelde an ihnen vorüber, während er im eifrigsten

Reden war. Sie wandte sich ein wenig um und sah ihm ins Gesicht. Es geschah

ruhig und etwas neugierig, aber er fand es spöttisch und verstummte plötzlich.

Berta blickte erstaunt auf und sah ihn verdrießlich werden, ohne zu wissen

warum.

Da war man schon im Hause. Berta gab Paul die Hand. Er sagte Gutenacht.

Sie nickte und ging.

Thusnelde war vorausgegangen, ohne ihm Gutenacht zu sagen. Er sah sie mit

einer Handlampe die Treppe hinaufgehen und indem er ihr nachschaute, ärgerte

er sich über sie.

 

Paul lag wach im Bette und verfiel dem feinen Fieber der warmen Nacht. Die Schwüle war im Zunehmen, das Wetterleuchten zitterte beständig an den

Wänden. Zuweilen glaubte er es in weiter Ferne leise donnern zu hören. In

langen Pausen kam und ging ein schlaffer Wind, der kaum die Wipfel rauschen

machte.

Der Knabe überdachte halbträumend den vergangenen Abend und fühlte, daß

er heute anders gewesen sei als sonst. Er kam sich erwachsener vor, vielmehr

schien ihm die Rolle des Erwachsenen heute besser geglückt als bei früheren

Versuchen. Mit dem Fräulein hatte er sich doch ganz gut unterhalten, und

nachher auch mit Berta.

Es quälte ihn, ob Thusnelde ihn ernst genommen habe. Vielleicht hatte sie

eben doch nur mit ihm gespielt. Und das mit dem Kuß der Praxedis mußte er

morgen nachlesen. Ob er das wirklich nicht verstanden, oder nur vergessen

hatte?

Er hätte gern gewußt, ob Fräulein Thusnelde wirklich schön sei, richtig schön.

Es schien ihm so, aber er traute weder sich noch ihr. Wie sie da beim schwachen

Lampenlicht im Stuhl halb saß und halb lag, so schlank und ruhig, mit der auf

den Boden niederhängenden Hand, das hatte ihm doch gefallen. Wie sie lässig

nach oben schaute, halb vergnügt und halb müde, und der weiße schlanke Hals

— im hellen, langen Damenkleid — das könnte gerade so auf einem Gemälde

vorkommen.

Freilich, Berta war ihm entschieden lieber. Sie war ja vielleicht ein wenig sehr

naiv, aber sanft und hübsch, und man konnte doch mit ihr reden ohne den

Argwohn, sie mache sich heimlich über einen lustig. Wenn er es von Anfang an

mit ihr gehalten hätte, statt erst im letzten Augenblick, dann könnten sie

möglicherweise jetzt schon ganz gute Freunde sein. Überhaupt begann es ihm

jetzt leid zu tun, daß die Gäste nur noch zwei Tage bleiben wollten.

Aber warum hatte ihn, als er beim Heimgehen mit der Berta lachte, die andere

so angesehen?

Er sah sie wieder an sich vorbeigehen und den Kopf umwenden, und er sah

wieder ihren Blick. Sie war doch schön. Er stellte sich alles wieder deutlich vor,

aber er kam nicht darüber hinweg — ihr Blick war spöttisch gewesen, überlegen

spöttisch. Warum? Noch wegen des Ekkehard? Oder weil er mit der Berta

gelacht hatte?

Der Ärger darüber folgte ihm noch in den Schlaf.

 

Am Morgen war der ganze Himmel bedeckt, doch hatte es noch nicht geregnet.

Es roch überall nach Heu und nach warmem Erdstaub.

„Schade,“ klagte Berta beim Herunterkommen, „man wird heute keinen

Spaziergang machen können?“

„O, es kann sich noch den ganzen Tag halten,“ tröstete Herr Abderegg.

„Du bist doch sonst nicht so eifrig fürs Spazierengehen,“ meinte Fräulein

Thusnelde.

„Aber wenn wir doch nur so kurz hier sind!“

„Wir haben eine Luftkegelbahn,“ schlug Paul vor. „Im Garten. Auch ein

Krocket. Aber Krocket ist langweilig.“

„Ich finde Krocket sehr hübsch,“ sagte Fräulein Thusnelde.

„Dann können wir ja spielen.“

„Gut, nachher. Wir müssen doch erst Kaffee trinken.“

Nach dem Frühstück gingen die jungen Leute in den Garten; auch der

Kandidat schloß sich an. Fürs Krocketspielen fand man das Gras zu hoch, und

man entschloß sich nun doch zu dem andern Spiel. Paul schleppte eifrig die

Kegel herbei und stellte auf.

„Wer fängt an?“

„Immer der, der fragt.“

„Also gut. Wer spielt mit?“

Paul bildete mit Thusnelde die eine Partei. Er spielte sehr gut und hoffte von

ihr dafür gelobt oder auch nur geneckt zu werden. Sie sah es aber gar nicht und

schenkte überhaupt dem Spiel keine Aufmerksamkeit. Wenn Paul ihr die Kugel

gab, schob sie unachtsam und zählte nicht einmal, wieviel Kegel fielen. Statt

dessen unterhielt sie sich mit dem Hauslehrer über Turgenjeff. Herr Homburger

war heute sehr höflich. Nur Berta schien ganz beim Spiel zu sein. Sie half stets

beim Aufsetzen und ließ sich von Paul das Zielen zeigen.

„König aus der Mitte!“ schrie Paul. „Fräulein, nun gewinnen wir sicher. Das

gilt zwölf.“

Sie nickte nur.

„Eigentlich ist Turgenjeff gar kein richtiger Russe,“ sagte der Kandidat und

vergaß, daß es an ihm war zu spielen. Paul wurde zornig.

„Herr Homburger, Sie sind dran!“

„Ich?“

„Ja doch, wir warten alle.“

Er hätte ihm am liebsten die Kugel ans Schienbein geschleudert. Berta, die

seine Verstimmung bemerkte, wurde nun auch unruhig und traf nichts mehr.

„Dann können wir ja aufhören.“

Niemand hatte etwas dagegen. Fräulein Thusnelde ging langsam weg, der

Lehrer folgte ihr. Paul warf verdrießlich die noch stehenden Kegel mit dem Fuße

um.

„Sollen wir nicht weiterspielen?“ fragte Berta schüchtern.

„Ach, zu zweien ist es nichts. Ich will aufräumen.“

Sie half ihm bescheiden. Als alle Kegel wieder in der Kiste waren, sah er sich

nach Thusnelde um. Sie war im Park verschwunden. Natürlich, er war ja für sie

nur ein dummer Junge. Der Fratz! Der Fratz!

„Was nun?“

„Vielleicht zeigen Sie mir den Park ein wenig?“

Da schritt er so rasch durch die Wege voran, daß Berta außer Atem kam und

fast laufen mußte, um nachzukommen. Er zeigte ihr das Wäldchen und die

Platanenallee, dann die Blutbuche und die Wiesen. Während er sich beinahe ein

wenig schämte, so grob und wortkarg zu sein, wunderte er sich zugleich, daß er

sich vor Berta gar nimmer geniere. Er ging mit ihr um, wie wenn sie zwei Jahre

jünger wäre. Und sie war still, sanft und schüchtern, sagte kaum ein Wort und

sah ihn nur zuweilen an, als bäte sie für irgend etwas um Entschuldigung.

Bei der Trauerweide trafen sie mit den beiden andern zusammen. Der

Kandidat redete noch fort, das Fräulein war still geworden und schien verstimmt.

Paul wurde plötzlich gesprächiger. Er machte auf den alten Baum aufmerksam,

schlug die herabhängenden Zweige auseinander und zeigte die um den Stamm

laufende Rundbank.

„Wir wollen sitzen,“ befahl Fräulein Thusnelde.

Alle setzten sich nebeneinander auf die Bank. Es war hier sehr warm und

dunstig, die grüne Dämmerung war schlaff und schwül und machte schläfrig.

Paul saß rechts neben Thusnelde.

„Wie still es da ist!“ begann Herr Homburger.

Das Fräulein nickte.

„Und so heiß!“ sagte sie. „Wir wollen eine Weile gar nichts reden.“

Da saßen alle vier schweigend. Neben Paul lag auf der Bank Thusneldes

Hand, eine lange und schmale Damenhand mit schlanken Fingern und feinen,

gepflegten, mattglänzenden Nägeln. Paul sah beständig die Hand an. Sie kam

aus einem weiten hellgrauen Ärmel hervor, so weiß wie der bis übers Gelenk

sichtbare Arm, sie bog sich vom Gelenk etwas nach außen und lag ganz still, als

sei sie müde.

Und alle schwiegen. Paul dachte an gestern abend. Da war dieselbe Hand auch

so lang und still und ruhend herabgehängt, und die ganze Gestalt so regungslos

halb gesessen halb gelegen. Es paßte zu ihr, zu ihrer Figur und zu ihren Kleidern,

zu ihrer angenehm weichen, nicht ganz freien Stimme, auch zu ihrem Gesicht,

das mit den ruhigen Augen so klug und abwartend und gelassen aussah.

Herr Homburger sah auf die Uhr.

„Verzeihen Sie, meine Damen, ich sollte nun an die Arbeit. Sie bleiben doch hier, Paul?“

Er verbeugte sich und ging.

Die andern blieben schweigend sitzen. Paul hatte seine Linke langsam und mit

ängstlicher Vorsicht wie ein Verbrecher der Frauenhand genähert und dann dicht

neben ihr liegen lassen. Er wußte nicht, warum er es tat. Es geschah ohne seinen

Willen, und dabei wurde ihm so drückend bang und heiß, daß seine Stirne voll

von Tropfen stand.

„Krocket spiele ich auch nicht gerne,“ sagte Berta leise, wie aus einem Traum

heraus. Durch das Weggehen des Hauslehrers war zwischen ihr und Paul eine

Lücke entstanden und sie hatte sich die ganze Zeit besonnen, ob sie herrücken

solle oder nicht. Es war ihr, je länger sie zauderte, immer schwerer

vorgekommen es zu tun, und nun fing sie, nur um sich nicht länger ganz allein

zu fühlen, zu reden an.

„Es ist wirklich kein nettes Spiel,“ fügte sie nach einer langen Pause mit

unsicherer Stimme hinzu. Doch antwortete niemand.

Es war wieder ganz still. Paul glaubte sein Herz schlagen zu hören. Es trieb

ihn, aufzuspringen und irgend etwas Lustiges oder Dummes zu sagen, oder

wegzulaufen. Aber er blieb sitzen, ließ seine Hand liegen und hatte ein Gefühl,

als würde ihm langsam, langsam die Luft entzogen, bis zum Ersticken. Nur war

es angenehm, auf eine traurige, quälende Art angenehm.

Fräulein Thusnelde blickte in Pauls Gesicht, mit ihrem ruhigen und etwas

müden Blick. Sie sah, daß er unverwandt auf seine Linke schaute, die dicht

neben ihrer Rechten auf der Bank lag.

Da hob sie ihre Rechte ein wenig, legte sie fest auf Pauls Hand und ließ sie da

liegen.

Ihre Hand war weich, doch kräftig, und von trockener Wärme. Paul erschrak

wie ein überraschter Dieb und fing zu zittern an, zog aber seine Hand nicht weg.

Er konnte kaum noch atmen, so stark arbeitete sein Herzschlag, und sein ganzer

Leib brannte und fror zugleich. Langsam wurde er blaß und sah das Fräulein

flehend und angstvoll an.

„Sind Sie erschrocken?“ lachte sie leise. „Ich glaube, Sie waren

eingeschlafen?“

Er konnte nichts sagen. Sie hatte ihre Hand weggenommen, aber seine lag

noch da und fühlte die Berührung noch immer. Er wünschte sie wegzuziehen,

aber er war so matt und verwirrt, daß er keinen Gedanken oder Entschluß fassen

und nichts tun konnte, nicht einmal das.

Plötzlich erschreckte ihn ein ersticktes, ängstliches Geräusch, das er hinter

sich vernahm. Er wurde frei und sprang tief atmend auf. Auch Thusnelde war

aufgestanden.

Da saß Berta tiefgebückt an ihrem Platz und schluchzte.

„Gehen Sie hinein,“ sagte Thusnelde zu Paul, „wir kommen gleich nach.“

Und als Paul wegging, setzte sie noch hinzu: „Sie hat Kopfweh bekommen.“

„Komm, Berta. Es ist zu heiß hier, man erstickt ja vor Schwüle. Komm, nimm

dich zusammen! Wir wollen ins Haus gehen.“

Berta gab keine Antwort. Ihr magerer Hals lag auf dem hellblauen Ärmel des

leichten Backfischkleidchens, aus dem der dünne, eckige Arm mit dem breiten

Handgelenk herabhing. Und sie weinte still und leise schluckend, bis sie nach

einer langen Weile rot und verwundert sich aufrichtete, das Haar zurückstrich

und langsam und mechanisch zu lächeln begann.

 

Paul fand keine Ruhe. Warum hatte Thusnelde ihre Hand so auf seine gelegt?

War es nur ein Scherz gewesen? Oder wußte sie, wie seltsam weh das tat? So oft

er es sich wieder vorstellte, hatte er von neuem dasselbe Gefühl: ein erstickender

Krampf vieler Nerven oder Adern, ein Druck und leichter Schwindel im Kopf,

eine Hitze in der Kehle und ein lähmend ungleiches, wunderliches Wallen des

Herzens, als sei der Puls unterbunden. Aber es war angenehm, so weh es tat.

Er lief am Hause vorbei zum Weiher und in den Obstgängen auf und ab.

Indessen nahm die Schwüle stetig zu. Der Himmel hatte sich vollends ganz

bezogen und sah gewitterig aus. Es ging kein Wind, nur hin und wieder im

Gezweig ein feiner, zager Schauer, vor dem auch der fahle, glatte Spiegel des

Weihers für Augenblicke kraus und silbern erzitterte.

Der kleine alte Kahn, der angebunden am Rasenufer lag, fiel dem Jungen ins

Auge. Er stieg hinein und setzte sich auf die einzige noch vorhandene

Ruderbank. Doch band er das Schifflein nicht los: es waren auch schon längst

keine Ruder mehr da. Er tauchte die Hände ins Wasser, das war widerlich lau.

Unvermerkt überkam ihn eine grundlose Traurigkeit, die ihm ganz fremd war.

Er kam sich wie in einem beklemmenden Traume vor — als könnte er, wenn er

auch wollte, kein Glied rühren. Das fahle Licht, der dunkel bewölkte Himmel,

der laue dunstige Teich und der alte, am Boden moosige Holznachen ohne

Ruder, das sah alles unfroh, trist und elend aus, einer schweren, faden

Trostlosigkeit hingegeben, die er ohne Grund teilte.

Er hörte Klavierspiel vom Hause herübertönen, undeutlich und leise. Nun

waren also die andern drinnen und wahrscheinlich spielte Papa ihnen vor. Bald

erkannte Paul auch das Stück, es war aus Griegs Musik zum Peer Gynt, und er

wäre gern hineingegangen. Aber er blieb sitzen, starrte über das träge Wasser

weg und durch die müden, regungslosen Obstzweige in den fahlen Himmel. Er konnte sich nicht einmal wie sonst auf das Gewitter freuen, obwohl es sicher

bald ausbrechen mußte und das erste richtige in diesem Sommer sein würde.

Da hörte das Klavierspiel auf und es war eine Weile ganz still. Bis ein paar

zarte, wiegend laue Takte aufklangen, eine scheue und ungewöhnliche Musik.

Und nun Gesang, eine Frauenstimme. Das Lied war Paul unbekannt, er hatte es

nie gehört, er besann sich auch nicht darüber. Aber die Stimme kannte er, die

leicht gedämpfte, ein wenig müde und willenlose Stimme. Das war Thusnelde.

Ihr Gesang war vielleicht nichts Besonderes, vielleicht nicht einmal schön, aber

er traf und reizte den Knaben ebenso beklemmend und quälend wie die

Berührung ihrer Hand. Er horchte, ohne sich zu rühren, und während er noch saß

und horchte, schlugen die ersten trägen Regentropfen lau und schwer in den

Weiher. Sie trafen seine Hände und sein Gesicht, ohne daß er es spürte. Er fühlte

nur, daß etwas Drängendes, Gärendes, Gespanntes um ihn her oder auch in ihm

selber sich verdichte und schwelle und Auswege suche. Zugleich fiel ihm eine

Stelle aus dem Ekkehard ein und in diesem Augenblick überraschte und

erschreckte ihn plötzlich die sichere Erkenntnis. Er wußte, daß er Thusnelde lieb

habe. Und zugleich wußte er, daß sie erwachsen und eine Dame war, er aber ein

Schuljunge, und daß sie morgen abreisen würde.

Da klang — der Gesang war schon eine Weile verstummt — die helltönige

Tischglocke, und Paul ging langsam zum Hause hinüber. Vor der Türe wischte er

sich die Regentropfen von den Händen, strich das Haar zurück und tat einen

tiefen Atemzug, als sei er im Begriff einen schweren Schritt zu tun.

 

Ach, nun regnet es doch schon,“ klagte Berta. „Nun wird also nichts daraus?“

„Aus was denn?“ fragte Paul, ohne vom Teller aufzublicken.

„Wir hatten ja doch — — Sie hatten mir versprochen, mich heut auf den

Eichelberg zu führen.“

„Ja so. Nein, das geht bei dem Wetter freilich nicht.“

Halb sehnte sie sich danach, er möchte sie ansehen und eine Frage nach ihrem

Wohlsein tun, halb war sie froh, daß er’s nicht tat. Er hatte den peinlichen

Augenblick unter der Weide, da sie in Tränen ausgebrochen war, völlig

vergessen. Dieser plötzliche Ausbruch hatte ihm ohnehin wenig Eindruck

gemacht und ihn nur in dem Glauben bestärkt, sie sei doch noch ein recht kleines

Mädchen. Statt auf sie zu achten, schielte er beständig zu Fräulein Thusnelde

hinüber.

Diese führte mit dem Hauslehrer, der sich seiner albernen Rolle von gestern

schämte, ein lebhaftes Gespräch über Sportsachen. Es ging Herrn Homburger dabei wie vielen Leuten; er sprach über Dinge, von denen er nichts verstand, viel

gefälliger und glatter als über solche, die ihm vertraut und wichtig waren.

Meistens hatte die Dame das Wort und er begnügte sich mit Fragen, Nicken,

Zustimmen und pausenfüllenden Redensarten. Die etwas kokette Plauderkunst

der jungen Dame enthob ihn seiner gewohnten dickblütigen Art; es gelang ihm

sogar, als er beim Weineinschenken daneben goß, selber zu lachen und die Sache

leicht und komisch zu nehmen. Seine mit Schlauheit eingefädelte Bitte jedoch,

dem Fräulein nach Tisch ein Kapitel aus einem seiner Lieblingsbücher vorlesen

zu dürfen, wurde zierlich abgelehnt.

„Du hast kein Kopfweh mehr, Kind?“ fragte Tante Grete.

„O nein, gar nimmer,“ sagte Berta halblaut. Aber sie sah noch elend genug

aus.

„O ihr Kinder!“ dachte die Tante, der auch Pauls erregte Unsicherheit nicht

entgangen war. Sie hatte mancherlei Ahnungen und beschloß, die zwei jungen

Leutchen nicht unnötig zu stören, wohl aber aufmerksam zu sein und

Dummheiten zu verhüten. Bei Paul war es das erste Mal, dessen war sie sicher.

Wie lang noch, und er würde ihrer Fürsorge entwachsen sein und seine Wege

ihrem Blick entziehen! — O ihr Kinder!

Draußen war es beinahe finster geworden. Der Regen rann und ließ nach mit

den wechselnden Windstößen, das Gewitter zögerte noch und der Donner klang

noch meilenfern.

„Haben Sie Furcht vor Gewittern?“ fragte Herr Homburger seine Dame.

„Im Gegenteil, ich weiß nichts Schöneres. Wir könnten nachher in den

Pavillon gehen und zusehen. Kommst du mit, Berta?“

„Wenn du willst, ja gern.“

„Und Sie also auch, Herr Kandidat? — Gut, ich freue mich darauf. Es ist in

diesem Jahr das erste Gewitter, nicht?“

Gleich nach Tisch brachen sie mit Regenschirmen auf, zum nahen Pavillon.

Berta nahm ein Buch mit.

„Willst du dich denen nicht anschließen, Paul?“ ermunterte die Tante.

„Danke, nein. Ich muß eigentlich üben.“

Er ging in einem Wirrwarr von quellenden Gefühlen ins Klavierzimmer. Aber

kaum hatte er zu spielen begonnen, er wußte selbst nicht was, so kam sein Vater

herein.

„Junge, könntest du dich nicht um einige Zimmer weiter verfügen? Brav, daß

du üben wolltest, aber alles hat seine Zeit, und wir älteren Semester möchten bei

dieser Schwüle doch gern ein wenig zu schlafen versuchen. Auf Wiedersehen,

Bub!“

Der Knabe ging hinaus und durchs Eßzimmer, über den Gang und zum Tor. Drüben sah er gerade die andern den Pavillon betreten. Als er hinter sich den

leisen Schritt der Tante hörte, trat er rasch ins Freie und eilte mit unbedecktem

Kopf, die Hände in den Taschen, durch den Regen davon. Der Donner nahm

stetig zu und erste scheue Blitze rissen zuckend durch das schwärzliche Grau.

Paul ging um das Haus herum und gegen den Weiher hin. Er fühlte mit

trotzigem Leid den Regen durch seine Kleider dringen. Die noch nicht erfrischte,

schwebende Luft erhitzte ihn, so daß er beide Hände und die halbentblößten

Arme in die schwerfallenden Tropfen hielt. Nun saßen die andern vergnügt im

Pavillon beisammen, lachten und schwatzten, und an ihn dachte niemand. Es zog

ihn hinüber, doch überwog sein Trotz; hatte er einmal nicht mitkommen wollen,

so wollte er ihnen auch nicht hinterdrein nachlaufen. Und Thusnelde hatte ihn ja

überhaupt nicht aufgefordert. Sie hatte Berta und Herrn Homburger mitkommen

heißen, und ihn nicht. Warum ihn nicht?

Ganz durchnäßt kam er, ohne auf den Weg zu achten, ans Gärtnerhäuschen.

Die Blitze jagten jetzt fast ohne Pause herab oder quer durch den Himmel, in

phantastisch kühnen Linien, und der Regen rauschte lauter. Unter der Holztreppe

des Gärtnerschuppens klirrte es auf und mit verhaltenem Grollen kam der große

Hofhund heraus. Als er Paul erkannte, drängte er sich fröhlich und schmeichelnd

an ihn. Und Paul, in plötzlich überwallender Zärtlichkeit, legte ihm den Arm um

den Hals, zog ihn in den dämmernden Treppenwinkel zurück und blieb dort bei

ihm kauern und sprach und koste mit ihm, er wußte nicht wie lang.

Im Pavillon hatte Herr Homburger den eisernen Gartentisch an die gemauerte

Rückwand geschoben, die mit einer italienischen Küstenlandschaft bemalt war.

Die heiteren Farben, Blau, Weiß und Rosa, paßten schlecht in das Regengrau

und schienen trotz der Schwüle zu frieren.

„Sie haben schlechtes Wetter für Erlenhof,“ sagte Herr Homburger.

„Warum? Ich finde das Gewitter prächtig.“

„Und Sie auch, Fräulein Berta?“

„O, ich sehe es ganz gerne.“

Es machte ihn wütend, daß die Kleine mitgekommen war. Gerade jetzt, wo er

anfing sich mit der schönen Thusnelde besser zu verstehen.

„Und morgen werden Sie wirklich schon wieder reisen?“

„Warum sagen Sie das so tragisch?“

„Es muß mir doch leid tun.“

„Wahrhaftig?“

„Aber gnädiges Fräulein —“

Der Regen prasselte auf dem dünnen Dach und quoll in leidenschaftlichen

Stößen aus den Mündungen der Traufen.

„Wissen Sie, Herr Kandidat, Sie haben da einen lieben Jungen zum Schüler.

Es muß ein Vergnügen sein, so einen zu unterrichten.“

„Ist das Ihr Ernst?“

„Aber gewiß. Er ist doch ein prächtiger Junge. — Nicht, Berta?“

„O, ich weiß nicht, ich sah ihn ja kaum.“

„Gefällt er dir denn nicht?“

„Ja, das schon. — O ja.“

„Was stellt das Wandbild da eigentlich vor, Herr Kandidat? Es scheint eine

Rivieravedute?“

Paul war nach zwei Stunden ganz durchnäßt und todmüde heimgekommen,

hatte ein kaltes Bad genommen und sich umgekleidet. Dann wartete er, bis die

drei ins Haus zurückkehrten, und als sie kamen und als Thusneldes Stimme im

Gang laut wurde, schrak er zusammen und bekam Herzklopfen. Dennoch tat er

gleich darauf etwas, wozu er sich selber noch einen Augenblick zuvor den Mut

nicht zugetraut hätte.

Als das Fräulein allein die Treppe heraufstieg, lauerte er ihr auf und

überraschte sie in der oberen Flur. Er trat auf sie zu und streckte ihr einen

kleinen Rosenstrauß entgegen. Es waren wilde Heckenröschen, die er im Regen

draußen abgeschnitten hatte.

„Ist das für mich?“ fragte Thusnelde.

„Ja, für Sie.“

„Womit hab’ ich denn das verdient? Ich fürchtete schon, Sie könnten mich gar

nicht leiden.“

„O, Sie lachen mich ja nur aus.“

„Gewiß nicht, lieber Paul. Und ich danke schön für die Blumen. Wilde Rosen,

nicht?“

„Hagrosen.“

„Ich will eine davon anstecken, nachher.“

Damit ging sie weiter nach ihrem Zimmer.

 

Am Abend blieb man diesmal in der Halle sitzen. Es hatte schön abgekühlt und

draußen fielen noch die Tropfen von den blank gespülten Zweigen. Man hatte im

Sinn gehabt zu musizieren, aber der Professor wollte lieber die paar Stunden

noch mit Abderegg verplaudern. So saßen nun alle bequem plaudernd in dem

großen Raum, die Herren rauchten und die jungen Leute hatten Limonadebecher

vor sich stehen.

Die Tante sah mit Berta ein Album an und erzählte ihr alte Geschichten.

Thusnelde war guter Laune und lachte viel. Den Hauslehrer hatte das lange erfolglose Reden im Pavillon stark mitgenommen, er war wieder nervös und

zuckte leidend mit den Gesichtsmuskeln. Daß sie jetzt so lächerlich mit dem

Büblein Paul kokettierte, fand er geschmacklos, und er suchte wählerisch nach

einer Form, ihr das zu sagen.

Paul war der Lebhafteste von allen. Daß Thusnelde seine Rosen im Gürtel

trug und daß sie lieber Paul zu ihm gesagt hatte, war ihm wie ein starker Wein zu

Kopf gestiegen. Er machte Witze, erzählte Geschichtchen, hatte glühende

Backen und ließ den Blick nicht von seiner Dame, die sich seine Huldigung so

graziös gefallen ließ. Dabei rief es im Grund seiner Seele ohne Unterlaß:

„Morgen geht sie fort! morgen geht sie fort!“ und je lauter und schmerzlicher es

rief, desto sehnlicher klammerte er sich an den schönen Augenblick und desto

lustiger redete er darauf los.

Herr Abderegg, der einen Augenblick herüberhorchte, rief lachend: „Paul, du

fängst früh an!“

Er ließ sich nicht stören. Für Augenblicke faßte ihn ein drängendes Verlangen,

hinauszugehen, den Kopf an den Türpfosten zu lehnen und zu schluchzen. Aber

nein, nein!

Währenddessen hatte Berta mit der Tante ‚Du‘ gemacht und gab sich dankbar

unter ihren Schutz. Es lag wie eine Last auf ihr, daß Paul von ihr allein nichts

wissen wollte, daß er den ganzen Tag kaum ein Wort an sie gerichtet hatte, und

müde und unglücklich überließ sie sich der gütigen Zärtlichkeit der Tante.

Die beiden alten Herren überboten einander im Aufwärmen von Erinnerungen

und spürten kaum etwas davon, daß neben ihnen junge unausgesprochene

Leidenschaften sich kreuzten und bekämpften.

Herr Homburger fiel mehr und mehr ab. Daß er hin und wieder eine schwach

vergiftete Pointe ins Gespräch warf, wurde kaum beachtet, und je mehr die

Bitterkeit und Auflehnung in ihm wuchs, desto weniger wollte es ihm gelingen

Worte zu finden. Er fand es kindisch, wie Paul sich gehen ließ, und

unverzeihlich, wie das Fräulein darauf einging. Am liebsten hätte er gute Nacht

gesagt und wäre gegangen. Aber das mußte aussehen wie ein Geständnis, daß er

sein Pulver verschossen habe und kampfunfähig sei. Lieber blieb er da und

trotzte. Und so widerwärtig ihm Thusneldes ausgelassen spielerisches Wesen

heute abend war, so hätte er sich doch vom Anblick ihrer weichen Gesten und

ihres schwach geröteten Gesichtes jetzt nicht trennen mögen.

Thusnelde durchschaute ihn und gab sich keine Mühe, ihr Vergnügen über

Pauls leidenschaftliche Aufmerksamkeiten zu verbergen, schon weil sie sah, daß

es den Kandidaten ärgerte. Und dieser, der in keiner Hinsicht ein Kraftmensch

war, fühlte langsam seinen Zorn in jene weichlich trübe, faule Resignation

übergehen, mit der bis jetzt fast alle seine Liebesversuche geendet hatten. War er denn je von einem Weib verstanden und nach seinem Wert geschätzt worden? O,

aber er war Künstler genug, um auch die Enttäuschung den Schmerz, das

Einsambleiben mit allen ihren verborgensten Reizen zu genießen. Wenn auch

mit zuckender Lippe, er genoß es doch; und wenn auch verkannt und

verschmäht, er war doch der Held in der Szene, der Träger einer stummen

Tragik, lächelnd mit dem Dolch im Herzen.

Und nun lächelte er beständig. Er nahm kaum mehr am Gespräch teil, aber er

lächelte nachsichtig, schmerzlich und überlegen, und es war ihm ein neuer,

bitterer Triumph, daß niemand sehen wollte, wie wund sein Lächeln war. So

geschah es, daß dieser seltsame Hanswurst im Innersten vielleicht befriedigter

war als alle anderen.

 

Man trennte sich erst spät. Als Paul in sein kühles Schlafzimmer trat, sah er

durchs offene Fenster den beruhigten Himmel mit stillstehenden, milchweißen

Flaumwölkchen bedeckt; durch ihre dünnen Flöre drang das Mondlicht weich

und stark und spiegelte sich tausendmal in den nassen Blättern der Parkbäume.

Fern über den Hügeln, nicht weit vom dunkeln Horizont, leuchtete schmal und

langgestreckt wie eine Insel ein Stück reinen Himmels feucht und milde, darin

ein einziger blasser Stern.

Der Knabe blickte lange hinaus und sah es nicht, sah nur ein bleiches Wogen

und fühlte reine, frisch gekühlte Lüfte um sich her, hörte niegehörte, tiefe

Stimmen wie entfernte Stürme brausen und atmete die weiche Luft einer anderen

Welt. Vorgebeugt stand er am Fenster und schaute, ohne etwas zu sehen, wie ein

Geblendeter, und vor ihm ungewiß und mächtig ausgebreitet lag das Land des

Lebens und der Leidenschaften, von heißen Stürmen durchzittert und von

dunkelschwülem Gewölk verschattet.

Die Tante war die letzte, die zu Bette ging. Wachsam hatte sie noch Türen und

Läden revidiert, nach den Lichtern gesehen und einen Blick in die dunkle Küche

getan, dann war sie in ihre Stube gegangen und hatte sich beim Kerzenlicht in

den altmodischen Sessel gesetzt. Sie wußte ja nun, wie es um den Kleinen stand,

und sie war im Innersten froh, daß morgen die Gäste wieder reisen wollten.

Wenn nur auch alles gut ablief! Es war doch eigen, so ein Kind von heut auf

morgen zu verlieren. Denn daß Pauls Seele ihr nun entgleiten und mehr und

mehr undurchsichtig werden müsse, wußte sie wohl, und sie sah ihn mit Sorge

seine ersten, knabenhaften Schritte in den Garten der Liebe tun, von dessen

Früchten sie selber zu ihrer Zeit nur wenig und fast nur die bitteren gekostet

hatte. Dann dachte sie an Berta, seufzte und lächelte ein wenig und suchte dann lange in ihren Schubladen nach einem tröstenden Abschiedsgeschenk für die

Kleine. Dabei erschrak sie plötzlich, als sie sah, wie spät es schon war.

Über dem schlafenden Haus und dem dämmernden Garten standen ruhig die

milchweißen, flaumig dünnen Wolken, die Himmelsinsel am Horizont wuchs

langsam zu einem weiten, reinen, dunkelklaren Felde, zart von

schwachglänzenden Sternen durchglüht, und über die entferntesten Hügel lief

eine milde, schmale Silberlinie, sie vom Himmel trennend. Im Garten atmeten

die erfrischten Bäume tief und rastend und auf der Parkwiese wechselte mit

dünnen, wesenlosen Wolkenschatten der schwarze Schattenkreis der Blutbuche.

 

Die sanfte, noch von Feuchtigkeit gesättigte Luft dampfte leise gegen den

völlig klaren Himmel. Kleine Wasserlachen standen auf dem Kiesplatz und auf

der Landstraße, blitzten goldig oder spiegelten die zarte Bläue. Knirschend fuhr

der Wagen vor und man stieg ein. Der Kandidat machte mehrere tiefe Bücklinge,

die Tante nickte liebevoll und drückte noch einmal allen die Hände, die

Hausmädchen sahen vom Hintergrunde der Flur der Abfahrt zu.

Paul saß im Wagen Thusnelde gegenüber und spielte den Fröhlichen. Er lobte

das gute Wetter, sprach rühmend von köstlichen Ferientouren in die Berge, die er

vorhabe, und sog jedes Wort und jedes Lachen des Mädchens gierig ein. Am

frühen Morgen war er mit sehr schlechtem Gewissen in den Garten geschlichen

und hatte in dem peinlich geschonten Lieblingsbeet seines Vaters die prächtigste

halboffene Teerose abgeschnitten. Die trug er nun, zwischen Seidenpapier

gelegt, versteckt in der Brusttasche und war beständig in Sorge, er könnte sie

zerdrücken. Eben so bang war ihm vor der Möglichkeit einer Entdeckung durch

den Vater.

Die kleine Berta war ganz still und hielt den blühenden Jasminzweig vors

Gesicht, den ihr die Tante mitgegeben hatte. Sie war im Grunde fast froh, nun

fortzukommen.

„Soll ich Ihnen einmal eine Karte schicken?“ fragte Thusnelde munter.

„O ja, vergessen Sie es nicht! Das wäre schön.“

Und dann fügte er hinzu: „Aber Sie müssen dann auch unterschreiben,

Fräulein Berta.“

Sie schrak ein wenig zusammen und nickte.

„Also gut, hoffentlich denken wir auch daran,“ sagte Thusnelde.

„Ja, ich will dich dann erinnern.“

Da war man schon am Bahnhof. Der Zug sollte erst in einer Viertelstunde

kommen. Paul empfand diese Viertelstunde wie eine unschätzbare Gnadenfrist. Aber es ging ihm sonderbar; seit man den Wagen verlassen hatte und vor der

Station auf und ab spazierte, fiel ihm kein Witz und kein Wort mehr ein. Er war

plötzlich bedrückt und klein, sah oft auf die Uhr und horchte, ob der kommende

Zug schon zu hören sei. Erst im letzten Augenblick zog er seine Rose hervor und

drückte sie noch an der Wagentreppe dem Fräulein in die Hand. Sie nickte ihm

fröhlich zu und stieg ein. Dann fuhr der Zug ab, und alles war aus.

Vor der Heimfahrt mit dem Papa graute ihm, und als dieser schon eingestiegen

war, zog er den Fuß wieder vom Tritt zurück und meinte: „Ich hätte eigentlich

Lust, zu Fuß heimzugehen.“

„Schlechtes Gewissen, Paulchen?“

„O nein, Papa, ich kann ja auch mitkommen.“

Aber Herr Abderegg winkte lachend ab und fuhr allein davon.

„Er soll’s nur ausfressen,“ knurrte er unterwegs vor sich hin, „umbringen

wird’s ihn nicht.“ Und er dachte, seit Jahren zum ersten Mal, an sein erstes

Liebesabenteuer und war verwundert, wie genau er alles noch wußte. Nun war

also schon die Reihe an seinem Kleinen! Aber es gefiel ihm, daß der Kleine die

Rose gestohlen hatte. Er hatte sie wohl gesehen.

Zu Hause blieb er einen Augenblick vor dem Bücherschrank im Wohnzimmer

stehen. Er nahm den Werther heraus und steckte ihn in die Tasche, zog ihn aber

gleich darauf wieder heraus, blätterte ein wenig darin herum, begann ein Lied zu

pfeifen und stellte das Büchlein an seinen Ort zurück.

Mittlerweile lief Paul auf der warmen Landstraße heimwärts und war bemüht,

sich das Bild der schönen Thusnelde immer wieder vorzustellen. Erst als er heiß

und erschlafft die Parkhecke erreicht hatte, öffnete er die Augen und besann sich,

was er nun treiben solle. Da zog ihn die plötzlich aufblitzende Erinnerung

unwiderstehlich zur Trauerweide hin. Er suchte den Baum mit heftig wallendem

Verlangen auf, schlüpfte durch die tiefhängenden Zweige und setzte sich auf

dieselbe Stelle der Bank, wo er gestern neben Thusnelde gesessen war und wo

sie ihre Hand auf seine gelegt hatte. Er schloß die Augen, ließ die Hand auf dem

Holze liegen und fühlte noch einmal den ganzen Sturm, der gestern ihn gepackt

und berauscht und gepeinigt hatte. Flammen wogten um ihn, und Meere

rauschten, und heiße Stürme zitterten sausend auf purpurnen Flügeln vorüber.

Paul saß noch nicht lange an seinem Platz, so klangen Schritte und jemand trat

herzu. Er blickte verwirrt auf, aus hundert Träumen gerissen, und sah den Herrn

Homburger vor sich stehen.

„Ah, Sie sind da, Paul? Schon lange?“

„Nein, ich war ja mit an der Bahn. Ich kam zu Fuß zurück.“

„Und nun sitzen Sie hier und sind melancholisch.“

„Ich bin nicht melancholisch.“

„Also nicht. Ich habe Sie zwar schon munterer gesehen.“

Paul antwortete nicht.

„Sie haben sich ja sehr um die Damen bemüht.“

„Finden Sie?“

„Besonders um die eine. Ich hätte eher gedacht, Sie würden dem jüngeren

Fräulein den Vorzug geben.“

„Dem Backfisch? Hm.“

„Ganz richtig, dem Backfisch.“

Da sah Paul, daß der Kandidat ein fatales Grinsen aufsetzte, und ohne noch

ein Wort zu sagen, kehrte er sich um und lief davon, mitten über die Wiese.

Mittags bei Tisch ging es sehr ruhig zu.

„Wir scheinen ja alle ein wenig müde zu sein,“ lächelte Herr Abderegg. „Auch

du, Paul. Und Sie, Herr Homburger? Aber es war eine angenehme Abwechslung,

nicht?“

„Gewiß, Herr Abderegg.“

„Sie haben sich mit dem Fräulein gut unterhalten? Sie soll ja riesig belesen

sein.“

„Darüber müßte Paul unterrichtet sein. Ich hatte leider nur für Augenblicke

das Vergnügen.“

„Was sagst du dazu, Paul?“

„Ich? Von wem sprecht ihr denn?“

„Von Fräulein Thusnelde, wenn du nichts dagegen hast. Du scheinst

einigermaßen zerstreut zu sein —.“

„Ach, was wird der Junge sich viel um die Damen gekümmert haben,“ fiel die

Tante ein.

„Ja, da hast du recht.“

 

Es wurde schon wieder heiß. Der Vorplatz strahlte Hitze aus und auf der Straße

waren die letzten Regenpfützen vertrocknet. Auf ihrer sonnigen Wiese stand die

alte Blutbuche, von warmem Licht umflossen und auf einem ihrer starken Äste

saß der junge Paul Abderegg, an den Stamm gelehnt und ganz von rötlich

dunkeln Laubschatten umfangen. Das war ein alter Lieblingsplatz des Knaben,

er war dort vor jeder Überraschung sicher. Dort auf dem Buchenast hatte er

heimlicherweise im Herbst vor drei Jahren die ‚Räuber‘ gelesen, dort hatte er

seine erste halbe Zigarre geraucht und dort hatte er damals das Spottgedicht auf

seinen früheren Hauslehrer gemacht, bei dessen Entdeckung sich die Tante so

furchtbar aufgeregt hatte. Er dachte an diese und andere Streiche mit einem überlegenen, nachsichtigen Gefühl, als wäre das alles vor Urzeiten gewesen.

Kindereien, Kindereien!

Mit einem Seufzer richtete er sich auf, kehrte sich behutsam im Sitze um, zog

sein Taschenmesser heraus und begann am Stamm zu ritzen. Es sollte ein Herz

daraus werden, das den Buchstaben T umschloß, und er nahm sich vor, es schön

und sauber auszuschneiden, wenn er auch mehrere Tage dazu brauchen sollte.

Noch am selben Abend ging er zum Gärtner hinüber, um sein Messer

schleifen zu lassen. Er trat selber das Rad dazu. Auf dem Rückweg setzte er sich

eine Weile in das alte Boot, plätscherte mit der Hand im Wasser und suchte sich

auf die Melodie des Liedes zu besinnen, das er gestern von hier aus hatte singen

hören. Der Himmel war halb verwölkt und es sah aus, als werde in der Nacht

schon wieder ein Gewitter kommen.